Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Rosablaue Mädchen(alb)träume

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Bis ich darauf gekommen bin, dass der mir bislang unbekannte Comicverlag Crocu seinen Namen der jugendlich klingenden Abkürzung von Cross Cult verdankt, verging einige Zeit, während derer ich grübelte, wer wohl eine solche Publikation riskieren würde. Aber klar: Zu Cross Cult  passt’s, dort wurde immer wieder mal neben allem Serien- und Mainstreamzeug auch Ungewöhnliches aus Amerika veröffentlicht. Wie nun „Sheets“ von Brenna Thummler.

Aber ist das so jugendgerichtet, dass es ins neue Crocu-Label passt? Gut, die Protagonistin ist ein Teenager, Marjorie Glatt, die neben der Schule auch noch die Führung der familieneigenen Reinigung schultern muss, weil der Vater sich nach dem frühen Tod der Mutter in die Abgeschiedenheit seines Zimmers zurückgezogen hat und die Tochter und den kleinen Sohn sich selbst überlässt. Das mag ein  Teenager-Publikum ansprechen, aber Thummler, über deren Leben man nur weiß, dass sie wie ihre Hauptfigur im kleinstädtischen Pennsylvania aufwuchs, lässt keinen Zweifel daran, dass Majorie mit der Aufgabe, nicht nur das eigene Leben, sondern die ganze Familie zusammenzuhalten, restlos überfordert ist. Und doch versucht sie es.

„Sheets“ heißt der Band, weil Bettlaken darin eine wichtige Rolle spielen. Bei einer Reinigung wenig überraschend. Ungewöhnlicher ist schon, dass sich der 230 Seiten starke Comic zu einer Geistergeschichte auswächst – und „Sheets“ steht da plötzlich auch für das typische Bettlakengespenst („Laken“ klang den Machern um den bewährten Übersetzer Matthias Wieland wohl zu läppisch, also kam das Wort in den unsäglichen deutschen Untertitel „Am Ende bleibt uns nur ein Bettlaken“). Das gibt es wirklich im Pennsylvania dieses Comics, denn Wendell ist kürzlich ertrunken, hat ab er mit der Welt der Lebenden noch nicht ab geschlossen. Und wie man erfahren wird, auch etwas mit Majorie gemeinsam. Aber damit genug verraten.

Teenage-Horror à la „Nightmare on Elm Street“ ist Thummlers Sache nicht, obwohl der böse Nachbar Saubertuck (die meisten Figuren tragen deutsch klingende Namen) mit mephistophelischen Zügen ausgestattet ist – körperlich, und charakterlich sowieso. Er will das Haus der Glatts übernehmen, um dort ein Yogazentrum zu errichten, und kein Mittel ist ihm dazu schäbig genug. Lebte Saubertuck in Entenhausen, hieße er Glatznick oder Köberle. Donaldisten wissen, was ich meine.

Thummlers Stärke liegt in der Stimmungsmalerei, die knapp zehn Seiten der Crocu-Leseprobe https://www.cross-cult.de/titel/sheets-am-ende-bleibt-uns-nur-ein-bettlaken.html?titel_medium=9 geben das schön wieder: Ihre Kleinstadt ist erkennbar heruntergekommen, die Bewohner sind wenig sozial eingestellt, und die Schule hält für Majorie auch fast nur Enttäuschungen parat (wenn es da nicht den hübsche Colton gäbe). Die Zeichnungen selbst sind semirealistisch und vor allem auf Attribute bedacht, die eine junge weibliche Leserschaft reizen kann: Haare und Frisuren in den wildesten Formen, zarte Liebesbande, Schikanen durch bösartige  Mädchencliquen und halbstarke Jungs. Ach ja, rosa und hellblau allüberall, nur nicht in den in der Geisterwelt spielenden Szenen, da ist alles fahl grüngrau. Kein Wunder, dass Wendell lieber in ein Kaff zurückwill, als dort im Aussprachezirkel der frisch Verstorbenen mit der neuen Situation umzugehen zu lernen.

Man sieht an solchen Abstrusitäten, dass Thummler auch Sinn für Ironie, manchmal gar Gesellschaftskritik hat. Wobei sie am Ende doch vor allem auf die Tränendrüse drückt, und irgendwo sieht man ihre „Sheets“ schon in bewegten Leinwandbildern, denn mit ein paar Spezialeffekten käme diese Gespenstergeschichte sicher gut. Als Comic steckt so zu sehr in der Konvention, auch was die  Bildsprache begrifft. Aber damit holt die Autorin ein Publikum ab, dass n och nicht über große Leseerfahrungen verfügt und eher von „Caspar, the Friendly Ghost“ geprägt ist als von Edgar Allan Poe. Letzteres muss man ja auch nicht sein, aber wenn Thummlers Poesie doch ein bisschen was von Poe hätte, wäre die Geschichte auch für Ältere wie mich geeignet. So ist sie bei Crocu doch genau richtig plaziert.


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