Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

08. Aug. 2022
von andreasplatthaus
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Wie Hoffnung enttäuschen kann

Am Ende des Mammutprojekts geht jetzt alles ganz schnell. Nicht zeitlich; der vierte Band von „Spirou oder: die Hoffnung“ (erschienen bei Carlsen) deckt immerhin noch einmal ein ganzes Handlungsjahr ab, vom Sommer 1944 bis kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Aber vom Umfang her, denn der Abschlussband von Émile Bravos hochgelobter und vierverkaufter Comic-Tetralogie kommt mit der klassischen Albumlänge von 48 Seiten aus – und das nach zweimal 96 (Band 1 und 2) und einmal gar 120 Seiten (Band 3). Zusammen also 360 Seiten und damit die längste „Spirou“-Geschichte aller Zeiten (und diese Serie gibt es seit 1938!). Aber eben ein kurzes Finale.

Es hinterlässt nach dem epischen Atem der drei Vorgänger-Teile ein leicht schales Gefühl, als wäre dem 1964 in Paris geborenen Sohn spanischer Emigranten aus der Franco-Diktatur zum Schluss seiner hochpolitisierten und moralisch aufgeladenen Erzählung die Luft ausgegangen. Natürlich stimmt das nicht; sein deutscher Übersetzer, Uli Pröfrock, hatte schon vor mehreren Jahren erzählt, dass Bravo genau diese Gesamtlänge anstrebte, und die Gründe für die Ungleichverteilung auf die vier Alben sind ganz einfach dramaturgische: Scharniere zwischen den vier Teilen waren jeweils Eisenbahnszenen, und die kann man nicht einfach hinsetzen, wo man will. Das Bemerkenswerte an „Spirou oder: die Hoffnung“ ist ja gerade die epische Erzählweise. Schon die extrem geizige Leseprobe zeigt das: https://www.carlsen.de/softcover/spirou-und-fantasio-spezial-36-spirou-oder-die-hoffnung-4/978-3-551-78047-8.

Es geht, oft genug habe ich schon darüber geschrieben, um Belgien unter deutschen Besatzung: wie sich die Einwohner verhalten haben. Der Titelheld Spirou kommt dabei eher als reiner Tor à la Parzival daher; unschuldig-hilfreich stößt er zum Widerstand gegen die Nazis. Sein bester Freund Fantasio ist da schon länger und in vollem Bewusstsein der Bedeutung und Gefahren dieser Entscheidung, aber das merkte man als Leser erst von Band 2 an – vorher wähnte man, in Fantasio einen Kollaborateur der übelsten Sorte zu sehen. Das war ein erzählerisches Bravourstück von Bravo (man entschuldige das Wortspiel), zumal Fantasio in der Tradition der großen Spirou-Meister Jijé und André Franquin stets eine ambivalente Figur war. Und nun wird er plötzlich zum wahren Helden.

Bravo war vor mittlerweile vierzehn Jahren derjenige gewesen, der Spirou erstmals konsequent werkimmanent-chronologisch verstand und der wie gesagt 1938 erfundenen Titelfigur im Album „Porträt eines Helden als junger Tor“ eine Kriegsbiographie bescherte. Die war immens erfolgreich, aber bis er sich noch einmal als Gastautor für „Spirou“ bitten ließ, verging fast ein Jahrzehnt. Seitdem hatten vor allem Olivier Schwartz und Yann gemeinsam die spektakuläre Anbindung des Geschehens an historische Ereignisse aufgenommen, und es mag sein, dass Bravo seine eigene Position in diesem Kontext verteidigen wollte – und die von Spirou, er bei den Kollegen wieder ganz zum Actionhelden wurde, statt weiter zu zögern.

Dieses Zögern ist bizarrerweise der Motor des Geschehens in „Spirou oder: die Hoffnung“. Oftmals möchte man den Titelhelden wachrütteln, aber dann erweisen sich seine Skrupel auch wieder als segensreich, so zu Beginn des Abschlussbandes, als Fantasio eine Eisenbahnbrücke sprengen will, über die aber gerade ein Deportationszug mit belgischen Juden fährt. Wobei man aus heutiger Sicht genau weiß, dass damit wohl niemandem das Leben gerettet wurde, weil die Zuginsassen in den Konzentrationslagern ermordet wurden. Und mit diesem Wissen spielt Bravo höchst geschickt. Wie auch mit unserem Mitgefühl selbst für deutsche Soldaten, deren Zug dann tatsächlich wenig später in die Luft gesprengt wird – allerdings versehentlich. Moralische Fragen um Leben und Tod prägen hier alles.

Warum ist das Ergebnis von Bravos Opus magnum dann doch unbefriedigend? Weil zu viele Fäden ins Nichts verlaufen. Wichtige Nebenfiguren etwa waren der – real existiert habende – Maler Felix Nussbaum und dessen Frau Felka, die den Nazi-Häschern im Brüsseler Exil leider nicht entkommen sind und ermordet wurden. Nach drei Bänden, die ständige Begegnungen von ihnen und Spirou zum Gegenstand hatten, wird nun lapidar vermerkt, wie schrecklich sie geendet sind. Und Bravo beschließt seinen Band mit einem doppelseitig reproduzierten Gemälde Nussbaums, das zuvor schon Teil der Handlung war, ohne dass man es hatte sehen können. Dramaturgisch klug, aber im Kontext dessen, wofür das Bild steht, unerquicklich effekthascherisch.

Und dieses Verschwinden ins bloße Erzählt-Werden ist noch gar nichts gegen Spirous jüdische Freundin Kassandra, die er im vorherigen Verlauf verlor, als auch sie nach Polen deportiert wurde. Nun kommt im Nachkriegs-Epilog ein Brief, in dem sie Spirou den Laufpass gibt. Sie hat die Lager überlebt und wird nach Palästina gehen. Man muss das wohl als bewusste Offenhaltung ihres Schicksals sehen, die es Bravo ermöglichen soll, noch einmal zu ihr zurückzukehren. Ein Album „Spirou in Israel“ oder so ähnlich kündigt sich an. Aber taugt wirklich die ganze Weltgeschichte für Spirou? Womöglich, wenn man sie so burlesk erzählt, wie der deutsche Zeichner Flix mit seinem Album „Spirou in Berlin“ über das Ereignis des Mauerfalls. Aber so unernst kann Émile Bravo nicht erzählen.

Dass seine Tetralogie einer der großen Würfe der jüngeren französischen Comicgeschichte ist – kein Zweifel. Dass es ihm thematisch eine Herzensangelegenheit war angesichts der eigenen Familiengeschichte mit der elterlichen Flucht vor einem faschistischen Diktator – bewegend. Aber das nun auf Kosten des Schreckens der Schoa eine Fortsetzung vorbereitet worden sein könnte – beunruhigend. Diesem Riesenprojekt hätte man ein Ende gewünscht, dass die Last der wirklichen Geschichte in der erfundenen spürbar macht. Dass die Nussbaums sterben wurden, war klar. Dass Kassandra überleben würde, durfte man zwar hoffen. Aber die Schoa war hoffnungslos. Dass er Titel Spirou oder: die Hoffnung“ anders als traurig gemeint gewesen sein könnte, hätte ich nie gedacht. Und diese Überraschung ist keine schöne.

08. Aug. 2022
von andreasplatthaus
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01. Aug. 2022
von andreasplatthaus
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Der ungeheure Ungerer

Der ungeheure Ungerer

Er zeichnete keine Comics, aber nun ist ein Comic über ihn gezeichnet worden: Emmanuel Murzeau erzählt in „la farde perdue“ von dem, was Tomi Ungerer umtrieb.

Ich gebe zu: Mit spitzen Fingern habe ich diesen Comic angefasst, als er mir jüngst in Frankreich begegnete. Eine Biographie über Tomi Ungerer? Klar, viel bekannter als Ungerer geht es nicht im Illustratorengeschäft, aber erst einmal gibt es dessen autobiographische Bücher (nicht zu wenige), und dann ist über dieses fast neunzigjährige Leben (1931 bis 2019) unendlich viel geschrieben worden, auch von mir selbst, also was sollte es so bald nach dem Tod Neues geben? Und wenn es das gäbe, dann erwarte ich es in der seit Jahren in Arbeit befindlichen Biographie von Thomas David, die statt hundert wohl eher fünfhundert Seiten bieten wird, deren Erscheinungszeitpunkt allerdings in denselben Sternen steht, zwischen denen nun Tomi Ungerer herumwandelt.

Ich gebe zu: Gekauft habe ich den Band, der bei dem kleinen elsässischen Verlag Éditions Félès erschienen ist, trotzdem, denn wie könnte ich denn einen Comic über Ungerer (der Comics liebte, aber nie selbst einen gezeichnet hat) ignorieren? Obwohl mir der Stil von Emmanuel Wurzeaus Bildern auch nicht behagte: schon das aquarellierte Cover – geschmäcklerisch und unungerisch. Und drinnen geht’s mit Aquarellbildern weiter, als sollte auf der Erfolgsschiene von Jean-Pierre Gibrat gefahren werden. Not my cup of tea, um mit dem Kosmopoliten Ungerer (gebürtiger Elsässer, im Selbstverständnis aber auch noch Franzose, Deutscher, Kanadier und Ire) zu sprechen.

Ich gebe zu: Ich bin nach der Lektüre ziemlich angetan. Murzeau, Jahrgang 1970, hat Ungerers eigene Bücher zu Rate gezogen, außerdem allerlei sonstiges biographisches Material, und erzählt eine Geschichte, die nicht chronologisch das Leben des Künstlers ausbreitet, sondern ihn selbst anlässlich der bevorstehenden Auszeichnung mit der Ehrenlegion durch Präsident Mitterrand im Jahr 1990 auf einzelne prägende Erlebnisse zurückblicken lässt. Anlass dafür bietet das Auftauchen eines ominösen Sammelordners mit Ungerer-Zeichnungen, die dem Zeichner zuvor gestohlen worden waren. Der belgischen Bezeichnung „farde“ für einen solchen Sammelordner (der Kommissar, mit dem Ungerer im Laufe des Albums in Paris unterwegs ist, ist Belgier) verdankt sich der Titel des Albums: „La farde perdue“. Um beurteilen zu können, ob es da noch ein Wortwitz oder einen Doppelsinn gibt, reicht mein Französisch nicht aus – und die belgisch-wallonischen Eigentümlichkeiten dieser Sprache sind mir eh unbekannt.

Ich gebe zu: Ganz neu ist eine solche Erzählstruktur – subjektive Rückblenden – nun auch wieder nicht. Aber neben erwartbaren Episoden wie den Kriegserlebnissen des jungen Tomi im deutsch annektierten Elsass gibt es auch Unerwartetes aus Nova Scotia, wo Ungerer nach seinen New Yorker Jahren lebte, und Heikles wie die Indienstnahme einer jungen masochistischen Frau als Ungerers freiwilliger „Sklavin“. Dieser Mann lebte ungewöhnlich, er konnte ein Ungeheuer sein, unersättlich,  und keineswegs entsprachen seine Vorlieben bürgerlichem Comment. Weshalb mir im Comicladen beim Kauf versichert wurde, ich tue gut daran zuzuschlagen, denn bald werde es den Band wohl nicht mehr zu erwerben geben: Die Familie von Ungerer habe schon geklagt. Keine Ahnung, ob das stimmt.

Ich gebe zu: Verstehen würde ich es. Allerdings aus anderen Gründen. Denn auch wenn Murzeau keine Kopien von Ungerer-Arbeiten in seinen Band aufgenommen hat, zeichnet er doch etliches aus dem Werk des Meisters sehr detailgetreu nach. Und der Zustimmung der Erben als Rechteinhaber hat er sich offensichtlich nicht versichert. Muss er auch nicht, weil das französische Plagiatsverständnis liberaler ist als in Deutschland. Bearbeitungen von Kunstwerken wie Liedern oder eben auch Comicbildern sind zulässig, wenn man nicht einfach kopiert, sondern etwas Neues daraus macht. Doch bei einigen Panels von „La farde perdue“ hätte ich selbst gedacht, dass sie von Ungerer Hand sein könnten, besonders im Falle der erotischen Zeichnungen, die man nur in Ausstellungen sehen kann. Auf der Website des Verlags (https://www.editionsfeles.com/) gibt es keine Spur des vor zwei Monaten erschienenen Bandes. Und bei Murzeau selbst (http://www.emmanuel-murzeau.com/) wird der Band zwar angekündigt, aber das versprochene Material lässt noch auf sich warten. So kann man nur hier mittels zweier Seiteneinen Eindruck davon bekommen, wie die Geschichte aussieht: https://www.bedetheque.com/BD-Farde-perdue-Tome-1-449251.html.

Ich gebe zu: Vermisst habe ich Ungerers amerikanische Erfahrungen, seinen Zorn auf die Vereinigten Staaten, nachdem man ihn in den Siebzigern faktisch außer Landes gejagt hatte, weil man seine Kinderbücher als jugendgefährdend gebrandmarkt hatte (obwohl viel eher die gesellschaftskritischen Cartoonbände wie „The Party“ das amerikanische Establishment verstört haben werden). Kurz vor Ende seines Lebens war er noch einmal nach New York zurückgekehrt und erlebte dort einen triumphalen Empfang; das hat ihm gutgetan. Ungerer hat viel über diese Genugtuung erzählt, im Comic aber fehlt sie. Wie auch die Tatsache, dass er kurz vor seinem Tod, 2017, auch noch zum Kommandeur der Ehrenlegion ernannt wurde. Eine daraus entstandene Macron-Episode hätte man gerne gesehen. Wer kennt denn noch Mitterrand? Aber Murzeau lebt und arbeitet seit vielen Jahren in Berlin. Womöglich ist er da zu weit weg von der französischen Gegenwart. Und hat sich nur an das gehalten, worüber Ungerer erzählt hat.

Ich gebe zu: Auf Ungerers Geschichten bin ich bisweilen hereingefallen. Ganz besonders peinlich war das, als ich eine Bemerkung von ihm bei unserer letzten Begegnung ernstnahm und deshalb öffentlich behauptet habe, dass er zuletzt einen großen Bestand an verschollenen Zeichnungen zurückerstattet bekommen hätte – eine Behauptung, der sein Schweizer Verlag, Diogenes, sofort widersprochen hat. Vielleicht hat Ungerer von so etwas geträumt: noch produktiver gewesen zu sein, als er es ohnehin war. Beklemmend für mich jedenfalls, dass Murzeau nun eine ähnliche (wenn auch dem Umfang des angeblichen Zeichnungskonvoluts nach viel weniger gewichtige) Räuberpistole erzählt – die er allerdings im Band dezidiert als fiktiv ausweist. Aber kann auch er einmal mit Ungerer gesprochen haben? Ich wüsste es gern.

Das gebe ich zu. Sonst nur noch dies: ein hochinteressanter Band

01. Aug. 2022
von andreasplatthaus
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25. Jul. 2022
von andreasplatthaus
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Die Schönheit des Widerstands

Seit fast einem Jahr lag dieses Album auf meinem Schreibtisch, gekauft aus spontaner Begeisterung in Frankreich, wo es im vergangenen Spätsommer stapelweise in den Buchhandlungen herumlag: wunderschön in Halbleinen gebunden, schweres Papier, elegante Zeichnungen und eine Geschichte, die von einer Widerstandszelle im besetzten Paris des Zweiten Weltkriegs. „Les Vivants“ heißt das Album, die Lebenden. Von den der Autoren, Raphael Meltz und Louise Moaty als Szenaristen und Simon Roussin als Zeichner hatte ich noch nie gehört.

Roussin zeichnet allerdings in einem Stil, der mir unendlich vertraut ist: die Figuren wie von Stanislas (stilisierte Züge, runde Formen), die Dekors wie von Avril (also federleichte Linien) und die Farben wie von Dupuy & Berberian (dunkel gesättigt und flächig). Mit einem Wort: hochelegant. Passend dazu gestaltet ist die Homepage mit einer Leseprobe und weiteren Informationen: https://www.editions2024.com/livres/des-vivants. Ein Augenschmaus. Und genau der Stil, den in Deutschland niemand für einen politischen Zeitgschichtscomic wähnen  würde. Das macht auch genau den Unterschied aus zwischen der französischen und der deutschen Comic-Kultur: Die französischen Leser wollen nicht nur belehrt, sondern auch erfreut werden. Und sie wissen, dass man sich erfreut besser belehren lässt.

Trotzdem dachte ich, dass ein solch prächtiger Band mit einer derart interessanten Geschichte den Weg nach Deutschland finden würde, und dann hätte ich die Übersetzung feiern können. Nach fast einem Jahr habe ich diese Hoffnung verloren und gebe das Warten auf. Mag sein, dass die ambitionierten, aber kleinen Éditions 2024 als Verlag nicht genug Kontakte ins Ausland haben,  aber ich fürchte, just das, was mir an dem Band gefällt, schreckt deutsche Verleger ab. Also muss jemand, der wissen will, wie man ebenso mitreißend wie bewegend über die Résistance erzählen kann, nun doch zum französischen Original greifen. Bereuen wird man’s nicht, und wer einigermaßen Französisch versteht, wird auch kein Problem mit dem Text haben. Bis auf die Anmerkungen. Aber dazu später.

Es gibt einen ästhetischen Maßstab für Résistance-Geschichten: Jean-Pierre Melvilles Spielfilm „L’Armée des ombres“ (deutsch „Armee im Schatten“) von 1969. Ich sage nur Lino Ventura, Simone Signoret, Paul Meurisse – um nur die drei Besten aus dem unglaublichen Schauspieler-Ensemble zu nennen. Und Melville als Regisseur ist ohnehin der Größte. Für seine Film bediente er sich realer Vorbilder, verfremdete aber die Namen. „les Vivants“ folgt ihm beim letzteren Schritt nicht. Der Comic erzählt eine genau recherchierte Geschichte und nennt alle Beteiligten bei den Namen.

Im Jahr 1938 eröffnete in Paris das Musée de l’homme, ein neues Museum, dessen Programm der damaligen linken Volksfront-Regierung entsprach: Der Mensch wurde darin als soziales Wesen gewürdigt, das Museum sollte als politisches Fanal gegen die totalitäre Indienstnahme des Individuums wirken, wie sie in den deutschen, italienischen oder russischen Diktaturen exekutiert wurde. Entsprechend engagiert waren die Mitarbeiter um den Direktor Paul Rivet. Und so war es keine Überraschung, dass sich nach dem deutschen Einmarsch in Frankreich dort im Musée de l’homme eine Widerstandszelle gegen die Besatzer bildete – eine, auf deren Flugblättern zum ersten Mal das Wort „Résistance“ als Schlagwort der Verweigerung zu finden war.

 Davon erzählen Meltz und Moaty, das zeichnet Roussin. Sie stellen die rund zwanzig Mitglieder der Zelle vor, von denen einige als Außenstehende dazustießen. Das Herz des Widerstands aus dem Musée de l‘homme war der 1908 geborene Russe Boris Vildé, der nach der Revolution mit seiner Familie nach Frankreich geflohen war, dort Ethnologie studiert hatte und naturalisiert worden war. Roussin zeichnet ihn mit markantem Haarschopf; wenn man sich die historischen Fotos anschaut, kann man über die Ähnlichkeit der stark stilisierten Figur nur staunen, und das ist generell die Stärke des Zeichenstils von „les Vivants“. Der Band macht auch die Gesichter der Widerstandskämpfer wieder lebendig.

Sieben von ihnen wurde im Februar 1942 hingerichtet. Die Zelle war durch Verrat eines Mitglieds aufgeflogen. Von dem schleichenden Prozess der Einkreisung berichtet „Les Vivants“, man folgt der Handlung wie einem Krimi. Dabei ist hilfreich, dass die Geschichte in Deutschland nicht so bekannt ist wie in Frankreich; ich zumindest habe bis zum Schluss gehofft, dass es doch noch anders kommt. Aber warum sollte es das? Schon Melville hatte seinen Film böse enden lassen und trotzdem das beeindruckendste Plädoyer für Widerstand geschaffen. Darin folgt ihm „Les Vivants“. Aber er erzählt im Gegensatz zu „L’Armée aux ombres“ bis zum bitteren Ende. Beim Finale löst Roussin die Seitenarchitektur zugunsten isolierter Gefängnisselbstgespräche der Verhafteten und ihrer Äußerungen im Prozess auf, ehe ein Zeitsprung einen der Überlebenden nach Kriegsende an den Ort der Hinrichtung führt. Das Pathos dieser Szenen ist beeindruckend. Ich kenne keinen Comic, der so auf die Tränendrüse drückt und dabei kein schales Gefühl hinterlässt.

An die eigentliche Handlung von 230 Comicseiten schließt sich dann noch ein kleingedruckter akribischer Quellennachweis an, der für jede Sprechblase und jedes Bilddetail den Ursprung angibt. Meltz und Moaty wollen keinen Zweifel daran lassen, dass sich alles so abgespielt hat, wie sie es schildern, nur dass die Selbstzeugnisse der Widerstandskämpfer in der Handlung dienende fiktionalisierte Kontexte versetzt sind. Diese Nachweisflut ist ohne Beispiel und setzt Maßstäbe für historische Rekonstruktionen im Comic. Ihre Textmenge dürfte die eigentlichen Sprechblasendialoge und textkästen ums Vier- bis Fünffache übertreffen, und wenn noch Fragen nach der Lektüre des Comics offengeblieben sein sollten, werden sie hier beantwortet. Womöglich liegt es auch an der Schwierigkeit, diesen  Teil des Buchs zu übersetzen, dass sich kein deutscher Verlag an „Les Vivants“ gewagt hat. Jeder, der sich für Zeitgeschichte interessiert, und jede, die sehen will, was Comics auf diesem Feld zu leisten verstehen, sollte das Buch lesen.

25. Jul. 2022
von andreasplatthaus
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18. Jul. 2022
von andreasplatthaus
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Drei große Tote in Berlin

Stefan Neuhaus ist gestorben. Er war kein Zeichner, kein Comic-Autor und doch ein Großer in diesem Metier. Denn Stefan Neuhaus war 2013 Mitbegründer und seitdem Vorsitzender des Deutschen Comicvereins, ein guter Geist des Comics und ein ebenso kluger wie sympathischer Mensch. Ich wusste, dass er schwer krank war, aber nachdem ich ihn noch im Mai auf der Comicexpansion im Literarischen Colloquium getroffen hatte, war ich sicher, dass ich ihn noch manches weitere Mal sprechen würde. Ein trauriger Irrtum: Vergangene Woche ist Stefan seiner Krankheit erlegen; er wurde 74 Jahre alt, und wer wissen will, was er alles gemacht hat, der lese es hier im Nachruf seines Freunds Lars von Törne: https://www.tagesspiegel.de/kultur/comics/stefan-neuhaus-1947-2022-ein-vorkaempfer-fuer-die-anerkennung-des-comics/28506800.html.

Er war Lehrer in Berlin gewesen und hat Comics an die Schule gebracht. Aber er war auch im Ausland ein Repräsentant des deutschen Comics: in Angoulême, in Toronto; wo immer auch Comicfestivals stattfinden, war er irgendwann mit dem Infostand seiner Organisation zu finden, fast immer in Eigeninitiative. Und natürlich wirkte er besonders intensiv in seiner Heimatstadt. Die hochdotierten Berliner Comicstipendien sind zum entscheidenden Teil seiner Lobbyarbeit zu verdanken. Die Comicszene in Berlin ist ohne ihn kaum denkbar. Er war in ihr der internationalste Einheimische. Und ein Türöffner auch für die ausländischen Comicschaffenden, die hierher kamen.

Natürlich ist die ganze Welt ständig zu Gast in Berlin – zumindest, wenn man den Berlinern glauben möchte. Also auch Frankreich. Und tatsächlich sind ja seit den frühen Neunzigern gerade französische Künstler aus dem sündteuren Paris ins billige, aber sexy Berlin gekommen. Und selbst heute ist es dort immer noch viel günstiger als in der französischen Hauptstadt. Aber im vergangenen Jahr hat Berlin gleich zwei seiner kreativsten Französinnen verloren: zunächst Francoise Cactus am 17. Februar und dann am 27. Mai Laetitia Graffart. Beide starben wie Stefan Neuhaus unerwartet. Graffart bei einem Verkehrsunfall mit dem Fahrrad, Cactus wie er an Krebs.

Leser eines Comicblogs der F.A.Z. müssen mit beiden Namen nicht vertraut sein. Francoise Cactus war Sängerin und Songschreiberin des Berliner Pop-Duos Stereo Total, das seit 1995 dreizehn Langspielplatten aufgenommen hat und weit über die Grenzen der Stadt hinaus berühmt wurde. Laetitia Graffart dagegen war zwar Comiczeichnerin, aber vorrangig in der Berliner Independent-Szene rund um die Comicbibliothek Renate und das Fachgeschäft Modern Graphics aktiv. Als Herausgeberin des Fanzines „Beton“ war sie ein guter Geist fürs Comicschaffen in Berlin, aber im Gegensatz zu Cactus wurde sie damit nicht überregional bekannt.

Warum wird nun hier recht spät an diese beiden Künstlerinnen erinnert? Weil das auch zwei Comicanthologien tun, die kürzlich im Gedenken an Cactus und Graffart erschienen sind: „Party Anticonformiste“, benannt nach einem Stereo-Total-Titel, und „LaetBeton“, die letzte, nunmehr traurigerweise ohne Beteiligung von Graffart entstandene Ausgabe von „Beton“. Letztere ist mit Unterstützung des Deutschen Comicvereins herausgegeben worden, einer hyperaktiven Gruppierung aus Berlin, die sich die Förderung des Comicschaffens auf die Fahnen geschrieben hat. Erstere erscheint beim Mainzer Ventil Verlag als zweiter Teil einer Reihe von Alben, in denen jeweils einzelne Lieder einer bekannten deutschen Popgruppe von Zeichnern in Geschichten umgesetzt werden. Den Auftakt hatte im Vorjahr ein Band zu Tocotronic gemacht, nun ist Stereo Total dran; ein dritter Band zu Fehlfarben ist schon angekündigt.

War im Tocotonic-Album mit dem Titel „Sie wollen uns erzählen“ eine illustre Schar deutscher Comicschaffender versammelt (Anna Haifisch, Sascha Hommer, Katja Klengel, Moni Port und Philip Waechter, um nur einige zu nennen), hatte Stereo Total offenbar weniger prominente Fans. Bis auf die letztjährige Leibinger-Comicpreis-Gewinnerin Mia Oberländer besteht die Gruppe der zehn Beiträger zu „Party Anticonformiste“ eher aus Szeneangehörigen, und auf der Albenrückseite ist eine der etwas bekannteren Beteiligten, Jule K., auch noch falsch geschrieben (Juke). Etliche Zeichner sind gar keine Comicautoren, sondern Künstler aus unterschiedlichsten Bereichen, die hier aus persönlicher Verbindung zu Stereo Total zum Stift gegriffen haben – bisweilen etwas dilettantischer, als es der Sache gut tut. Der Ventil Verlag bietet leider nicht mehr als das Cover auf seiner Website (https://www.ventil-verlag.de/titel/1908/stereo-totals-party-anticonformiste), aber immerhin kann man dort einiges über die Beteiligten nachlesen.

Die beiden Herausgeber Gunther Buskies und Jonas Engelmann haben das Konzept des ersten Bandes zu Tocotronic, den noch Michael Büsselberg konzipiert hatte, fortgesetzt, und so wird jede Kurzgeschichte nicht nur von einer kurzen Erläuterung des jeweiligen Zeichners begleitet, sondern auch von einer Reminiszenz der Band an den jeweiligen Song (bei „Sie wollen uns erzählen“ verfasste Dirk von Lowtzow selbst diese Texte). Da Francoise Cactus tot ist, übernahm in „Party Anticonformiste“ ihr Partner Brezel Göring diese Aufgabe. Doch die Sängerin ist insofern präsent, als das Fragment eines pornographischen Comics aus ihrer Feder ebenso im Band zu finden ist wie einige faksimilierte Doppelseiten aus einem Skizzenbuch, in dem sie Beobachtungen und Ideen in Wort und Bild festgehalten hat. Das ist eine faszinierende Verbindung, die über die Begeisterung von Zeichnern für die Musik von Stereo Total hinaus deutlich macht, warum eine solche Comicanthologie ihre Berechtigung hat.

Bei „LaetBeton“ stellt sich diese Frage gar nicht erst. Würdiger kann man einer Comicaktivistin wie Laetitia Graffart gar nicht gedenken; auch nicht bewegender, denn sograr die Mutter der tödlich Verunglückten, Cécile Heritier, hat eine Erinnerung an ihre Tochter beigesteuert. Das ganze Heft kann man auch unter https://deutscher-comicverein.de/laetbeton-fondsbeton/ lesen. Und etliche Bilder von Graffart im Kontext ihrer Rolle als Fanzine-Macherin von „Beton/Béton“ finden sich auf https://betoncomiczine.tumblr.com/. „LaetBeton“ ist konsequent zweisprachig deutsch-französisch gehalten, und die beteiligten Autoren setzen die ungebärdige Punk-Ästhetik von Graffarts Comics fort – vom blutroten Wrap-Around-Cover, das Stephane Hirlemann beigesteuert hat, über die niedliche Liebeserklärung von Klaus Cornfield und eine Begegnungsschilderung von Ulli Lust bis zu einer wilden Jenseits-Vision von Tine Fetz. Die mehr als dreißig Beiträge sind kurz, und man spürt ihnen sowohl die Freundschaft zu Graffart als auch die Betroffenheit über deren frühen Tod an. Damit ist glaubhaft gemacht, was oftmals leicht behauptet wird: Dass eine Verstorbene nie vergessen werde. Dafür wird dieses Heft sorgen. Und etwas Vergleichbares als Hommage wünsche ich mir nun auch für Stefan Neuhaus. Ich bin sicher, dass es passieren wird.

18. Jul. 2022
von andreasplatthaus
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11. Jul. 2022
von andreasplatthaus
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Sie hatte die ganze Welt im Blick

In „Zuflucht nehmen“, dem Comic, den der Schriftsteller Mathias Énard für die Zeichnerin Zeina Abirached geschrieben hat (auf Deutsch erschienen bei Avant), wird von den beiden Protagonisten ein Comic namens „Zuflucht nehmen“ gelesen, in dem von der Reise zweier Frauen im Auto von Europa nach Afghanistan im Jahr 1939 erzählt wird. So metafiktional verkünstelt das ist, diese Reise gab es wirklich. Es dürfte sich um eine der berühmtesten Autofahrten überhaupt handeln, was auch damit zu tun hat, dass eine der beiden Reisenden, die Schweizerin Ella Maillart, darüber geschrieben hat: das Buch „Auf abenteuerlicher Fahrt durch Iran und Afghanistan“. In dem dreht es sich indes hauptsächlich um die andere: Annemarie Schwarzenbach. Als Maillarts Bericht 1948 erschien, war Schwarzenbach schon tot; sie starb 1942 mit gerade einmal 34 Jahren. Heute ist Maillarts Buch unter dem Titel  „Alle Wege sind offen“ beim Lenos Verlag in Basel im Programm, wie auch der größte Teil des Werks von Schwarzenbach. Und diese Bücher zeigen, dass die so früh Verstorbene eine der großen autobiographischen Schriftstellerinnen des zwanzigsten Jahrhunderts ist. Und eine große Feministin. Und eine große Protagonistin der gay culture. Und eine große Fotografin. Und und und.

Unter anderem auch ein großartiger Gegenstand für Comics. Kaum war „Zuflucht nehmen“ 2018 in Frankreich erschienen, kam in Spanien „Annemarie“ heraus, eine Comic-Biographie über Schwarzenbach, geschrieben von der Genderexpertin María Castréjon und gezeichnet von der sowohl politisch als auch sozial engagierten Susanna Martín, eingeleitet überdies von Berta Jiménez Luesma, einer in Spanien bekannten Feministin. Was dieses Trio an Schwarzenbachs Leben gereizt hat, ist leicht zu sagen (siehe oben), aber was haben sie daraus gemacht?

Eine lesenswerte, wenn auch – überraschend bei dieser Protagonistin – höchst konventionelle Geschichte, die nun – nur konsequent – in deutscher (ziemlich guter, obwohl von einem Kollektiv erstellter) Übersetzung bei dem Verlag erschienen ist, der auch sonst die Heimat von Schwarzenbachs Büchern ist: Lenos. Es ist immer wieder schön, wenn literarische Häuser nicht einfach blindwütig erfolgversprechende Comics einkaufen (und nicht selten dann in den Sand setzen), sondern sich dabei um eine konsequente Anbindung an ihr sonstiges Programm bemühen. Auch wenn dadurch bisweilen eher inhaltliche als graphische Pionierarbeit geleistet wird.

Martíns Stil kann man am ehesten mit dem von Olivier Schrauwen in dessen klassisch inspirierten Comics vergleichen: dünne Kontur, blasse Farben, der Stil soll bewusst in die zwanziger und dreißiger Jahre zurückführen, als Schwarzenbach lebte und Europas Nachtleben unsicher machte (eine Leseprobe bietet Lenos nicht an, also hier die des spanischen Originalverlags: https://www.normaeditorial.com/ficha/comic-europeo/annemarie#gallery-1). Als androgyne Schönheit freundete Schwarzenbach sich mit Erika und Klaus Mann an, den beiden ältesten Kindern von Thomas Mann, die selbst Zentralfiguren der homosexuellen Künstlerszene der späten Weimarer Republik und später des Exils waren. Das hochspannende Dreiecksverhältnis zwischen Schwarzenbach und den beiden Manns – alle drei waren Kinder aus wohlhabenden Familien und politisch rebellisch gestimmt – steht völlig zu Recht im Mittelpunkt von „Annemarie“, wobei es auch noch genug andere Lieb- und Bekanntschaften der Titelheldin gab, die hier aber deutlich kürzer kommen.

Über die Entstehungsgeschichte von „Annemarie“ wüsste man gerne mehr. Martín wird mit fortlaufender Geschichte wagemutiger, bricht die Seitenarchitekturen auf, montiert Fotos in die Handlung (Schwarzenbach hat ihre Reisen natürlich auch fotografisch dokumentiert), lässt auf ganzen Doppelseiten Bilder völlig verschwinden, um nur Sprechblasen stehenzulassen. Zugleich aber gibt es bei Castréjons Texten keine ähnlich interessante Entwicklung; sie tragen auf der Grundlage von Schwarzenbachs eigenen Büchern und Zeugnissen ihrer Umgebung das Bild einer Frau zusammen, die geradezu perfekt dem Klischee der wahlweise Wilden oder Goldenen Zwanziger entspricht: libertär, emanzipiert und natürlich todunglücklich. „Babylon Berlin“ als Comic, nur dass hier alles wirklich so war.

Doch war es wirklich so? Schwarzenbachs Bücher zeichnen sich durch eine Komplexität der persönlichen wie sozialen Betrachtungen aus, die in „Annemarie“ kein Echo finden. Besonders auffällig ist das im Fall ihrer großen Reisen: quer durch die Vereinigten Staaten im Jahr 1936 auf den Spuren des New Deal oder auch 1941 durch den belgischen Kongo. Die politischen Komponenten fehlen dabei weitgehend. Was bedeutete es, im Zweiten Weltkrieg in die Kolonie eines von den Deutschen besetzten Landes zu reisen? Gerade die Kongo-Reise bleibt rein atmosphärisch, schon im Zeichen des baldigen Todes (der die begeisterte Autofahrerin – wie banal – im Folgejahr durch die Folgen eines Fahrradunfalls ereilen wird). Was „Annemarie“ schwach macht, ist das, was die beiden Autorinnen (und auch die Vorwortschreiberin) als die Stärke des Comics verstehen: die Betonung der Unkonventionalität von Schwarzenbachs Persönlichkeit. Doch sie richtete ihren Blick auf die Welt, und von diesem größerem Anspruch als einer rein privaten Emanzipation ist in „Annemarie“ zu wenig die Rede. Dass die Lektüre trotzdem lohnt, zeigt einmal mehr, dass die Faszination für diese Autorin nicht aus dem Wissen um ihr kurzes ebenso engagiertes wie tragisches Leben liegt, sondern in der Qualität ihres Schreibens. Und ihrer Fotos. Und ihrer Neugier. Und und und.

11. Jul. 2022
von andreasplatthaus
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20. Jun. 2022
von andreasplatthaus
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Pink is beautiful

Ich mochte das Buch beim ersten Aufblättern nicht – zu viel zeichnerischer Dilettantismus im schlechteren Sinne, dachte ich. Aber die vielen Jahre als Comicleser haben mir eines klargemacht: Traue nie dem Auge allein, denn der hässlichste Comic kann eine gute Geschichte bieten, während etliche wunderschön aussehende bei der Lektüre zu erzählerischen Katastrophen werden. Und allemal lieber Ersteres als Letzteres.

Um es vorwegzunehmen: „Virus Tropical“ von Powerpaola gehört klar zur ersteren Kategorie. Und vor allem ist es alles andere als schlecht gezeichnet. Die Geschichte steht – die Zeichnerin erwähnt das selbst – in der Tradition der Comickunst von Julie Doucet, und wie die Kanadierin das Unmittelbare eines scheinbar unbeholfenen Strichs zum höchstpersönliche Ausdruck ihrer autobiographisch-feministischen Geschichten gemacht hat, so hält es auch die in Ecuador geborene Kolumbianerin Paola Gaviria, die unter ihrem Künstlernamen Powerpaola im argentinischen Buenos Aires lebt.

Eine Comiczeichnerin aus dem „globalen Süden“, wie der derzeit modische politisch korrekte, semantisch aber völlig sinnlose Begriff lautet. Dazu eine, die über ihr Leben erzählt, das 1977 in prekären Verhältnissen – eher familiär als finanziell – begann und sich dann in bewusster Opposition zu den Erwartungen der Eltern im jugendlichen Alter in Richtung Kunst entwickelte. Ein idealer Stoff, möchte man meine, aber „Virus Tropical“ wurde elf Jahre lang in Deutschland nicht beachtet, nicht einmal, als die Trickverfilmung des Albums 2018 auf der Berlinale lief, und jetzt hat sich auch keines der großen hiesigen Comichäuser seiner angenommen, sondern Tina Brenneisens Berliner Kleinverlag Parallelallee. Dort will Lea Hübner, die derzeit eifrigste Propagandistin und Übersetzerin des lateinamerikanischen Comics, eine ganze Reihe mit Werken aus diesem Weltteil begründen. „Virus Tropical“ macht den Anfang, der Umschlag in schreiendem Pink gehalten, 160 Seiten für neunzehn Euro (also ein Schnäppchen), und sollte der Band erfolgreich sein, gäbe es allein von Powerpaola noch sechs weitere Bücher zu übersetzen.

Wie „Virus Tropical“ im Inneren aussieht, kann man anhand der Leseprobe auf der Website von Parallelallee überprüfen (https://www.parallelallee.de/comics/virus-tropical/): sehr punkig, recht ungelenk, aber extrem expressiv. Zudem mit immensem Witz erzählt; allein schon der Titel ist ein Coup, denn er verdankt sich der Diagnose eines ecudaorianischen Arztes, als Paolas Mutter mit ihr schwanger war, was der Mediziner aber nicht erkannte. Warum allerdings der spanische Titel beibehalten wurde und nicht einfach „Tropenkrankheit“ als Übersetzung gewählt wurde, lässt rätseln. Wahrscheinlich soll es schön fremdartig klingen; so wird weiter fleißig am Exotismus gearbeitet, den doch sonst so eifrig bekämpft werden soll.

Dabei ist Paolas Geschichte wahrhaft global, nämlich allgemeingültig für junge Frauen in einer sich ehedem nur langsam wandelnden Gesellschaft. Mittlerweile verläuft der Wandel schneller, aber das verdankt sich der Offenheit, mit der Erzählerinnen wie Powerpaola auftreten. Es kann peinlich gewesen sein oder heroisch – dieser Comic vermittelt unbedingte Wahrhaftigkeit. Zudem lernt das deutschsprachige Publikum auch noch einiges übers Leben in Südamerika, was dann doch nicht so einfach verallgemeinerbar ist. Kein Wunder, dass es Paola Gaviria als Erwachsene auf andere Kontinente zog, nach Europa und Australien. Davon mehr, wenn die anderen Comics der Autorin auch noch übersetzt werden sollten.

In der Formensprache ihrer Erzählkunst hat sie Verwandte überall auf der Welt: Doucet in Kanada wurde schon genannt, in Deutschland wäre Birgit Weyhe zu erwähnen, in der Schweiz Simone F. Baumann, in Frankreich Nine Antico, in den Vereinigten Staaten Jessica Abel. Aber es gibt auch genug Männer, die diese rohe Ästhetik pflegen: Matt Konture, Baladi, Stéphane Blanquet, ja selbst bisweilen Jean Christophe Menu oder Manu Larcenet, um einmal nur französische Zeichner zu nennen. Wobei die Männer ihre ambitionierteren Geschichten gefälliger zeichnen, während sie den rauen Stil dem Schlichten vorbehalten. Das machen die Frauen anders: Bei ihnen ist das Ungeschönte Ausdruck ihrer Welterfahrung. Powerpaola ist dafür ein glänzendes Beispiel. Unbedingt lesen, auch gegen etwaige ästhetische Widerstände.

20. Jun. 2022
von andreasplatthaus
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13. Jun. 2022
von andreasplatthaus
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Russisch für diese Zeit

Nun könnten manche meinen, es ginge doch nicht an, in diesen Tagen einen russischen Comic zu lesen, geschweige denn zu loben. Zumal ich meiner Erinnerung nach noch nie einen russischen Comic gelesen habe, warum also ausgerechnet jetzt? Weil er genau über das Auskunft gibt, was wir gerade aus der Ukraine hören. Nicht politisch, nicht militärisch, aber menschlich. Es wird entsetzlich gelitten im Krieg, und genau davon erzählt der russische Comic „Surwilo“. Und nicht nur davon.

Aber erst einmal zurück: Wie kommt dieser Comic auf meinen Schreibtisch? Na ja, er ist von Avant, und dieser Verlag hat ein Händchen für Entdeckungen aus Kulturen, die nicht unbedingt als Erste in den Sinn kommen, wenn es um Comics geht. Von Avant habe ich schon phantastische südafrikanische Comics gelesen, norwegische, lateinamerikanische. Und jetzt kam „Surwilo“ von Olga Lawrentjewa. Warum nicht mal ein russischer Comic? So dachte ich, als er irgendwann vor dem 24. Februar bei mir eintraf. Und ehe er danach mit diversen anderen Büchern wochenlang unbeachtet liegen blieb, weil meine Aufmerksamkeit in Kriegszeiten anderswo gefragt war.

Neugierig auf „Surwilo“ wurde ich erst wieder, als die Nachrichten über die Ächtung russischer Kultur gar kein Ende mehr nehmen wollten. Und zu meinen Bildungserlebnissen zählen nun einmal zahlreiche russische Kulturleistungen, wenn auch nicht auf dem Feld der Comics. Bunin, Tschechow, Prischwin, Tolstoi, Babel in der Literatur. Tschaikowsky, Mussorgsky, Strawinsky, Rachmaninow, Schostakowitsch in der Musik. Repin, Kandinsky, Malewitsch, Exter, El Lissitzky in der Malerei. Sie alle haben mich nicht zum Russophilen gemacht und schon gar nicht zum Putinversteher, denn Kunst, die mir etwas bedeutet, öffnet die Welt, statt sie derart zu verschließen, wie es der russische Nationalismus und sein aktueller Adept an der Staatsspitze betreiben.

„Surwilo“ öffnet erst einmal die Augen und dann die Welt. Olga Lawrentjewa wurde 1986 in Leningrad geboren, und man darf in dem Mädchen, das in der Rahmenhandlung des Comics im Jahr 1997 mit ihrem Bruder und ihrer Großmutter auf Pilzsuche durch die Wälder streift, wohl die Autorin selbst erkennen, denn im Laufe der Erzählung wird sie später als junge Frau aufgefordert, all das in einem Buch festzuhalten, was die Großmutter ihren Enkeln bei den Streifzügen erzählt. So entwickelt sich die Familiengeschichte der Surwilos.

Wincenty Surwilo kam Ende des neunzehnten Jahrhunderts im überwiegend polnisch bewohnten Dorf Surwily zur Welt, das heute in Belarus liegt. Nach der Oktoberrevolution heiratete er eine Russin, mit der er vier Töchter hatte, von denen die beiden älteren noch im Kleinkindalter starben. Die jüngste Tochter wurde 1925 geboren und nach der toten Ältesten benannt: Walentina. Gemeinsam mit ihrer Schwester Jelena erlebte sie eine glückliche Kindheit, bis der Vater 1937, dem Jahr des Höhepunkts des Großen Terrors, als polnischer Verschwörer verhaftet und hingerichtet wurde. Aber von seinem Tod erfuhren seine Witwe und die beiden Töchter nichts.

„Surwilo“ erzählt von Walentina, und Walentina erzählt „Surwilo“. Lawrentjewa hat dafür eine eindrucksvolle Schwarzweißästhetik (Leseprobe unter https://www.avant-verlag.de/comics/surwilo/#cc-m-product-9100687520) entwickelt, in deren expressiven Seitenarchitekturen sich alles mischt: Stile und Personen, Realismus und Surrealismus, Wahrheit und Traum, Gut und Böse. Sie versteht sich auf die Kunst des Weglassens wie in jener Szene, in der Walentina als Krankenschwester während der deutschen Belagerung Leningrads die gefrorenen Leichen ihres Hospitals in einem Schuppen einlagern muss, weil sie nicht begraben werden können, und als am Ende von Seite 135 die Tür zum Schuppen geöffnet wird, folgt ein Schwarzbalken, und nach dem Umblättern sind wir bereits in einer anderen Szene. Und Lawrentjewa versteht sich auf die Kunst der Überraschung, denn vierzig Seiten später ist der Winter vorbei, und der Schuppen muss geräumt werden, und wieder wird am Ende einer Seite dessen Tür geöffnet, doch diesmal folgt nach dem Umblättern gleich eine ganze Seite mit dem Leichenhaufen darin. Lawrentjewa erspart uns nichts, doch es ist nie voyeuristisch.

Und ihre Sprache ist ein weiteres Wunder: so pathetisch und gefühlsbetont und dann wieder so lapidar und resigniert, wie es eben die Erzählung der Großmutter erfordert. Dass der Avant Verlag für die Übertragung ins Deutsche Ruth Altenhofer gewinnen konnte, die mit ihren Übersetzungen der Romane von Sasha Filipenko Furore gemacht hat, kann man angesichts der Qualität von Lawrentjewas Texten verstehen.

Das Zentrum der Geschichte gilt dem Leben im belagerten Leningrad, doch die wahre Wunde in Walentinas Leben ist das Schicksal ihres Vaters, dessen Verhaftung auch sie selbst zur Verfemten im Sowjetreich macht, so viel sie auch für ihre Mitmenschen tut. Erst die Tauwetterperiode unter Chruschtschow bringt die Rehabilitierung des Vaters, doch wie er geendet ist, das erfährt Walentina erst in der Perestroika. So ist „Surwilo“ ein großes Panorama der russischen Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts, dargeboten am Beispiel einer Familie, und man lernt daraus, was der Krieg und die Selbstherrlichkeit eines politischen Systems den Menschen antun.

Als sich am Ende des Comics Walentinas Tochter – die den Namen Jelena erhalten hat nach der Schwester, die den Krieg nicht überlebt hat, womit Walentina das Erinnerungsprinzip fortführte, das ihr selbst den eigenen Namen beschert hatte – und deren beide Kinder auf die Spuren der Vergangenheit begeben, laufen in ihrem Autoradio Nachrichten über Russlands damaligem Krieg in der Ost-Ukraine, doch die Meldung bricht ab, als dürfte in diesem russischen Comic nicht über ein Unrecht gesprochen werden, das fortsetzt, was zuvor im Rückblick auf die Zeitgeschichte angeprangert worden war. So ist dieser ganz persönliche Comic auch ein politischer für jene Leser, die ihre offenen Sinne bewahrt haben. Und ein Ärgernis nur für solche, die sich allem verschließen, was ihren Klischees widerspricht.

13. Jun. 2022
von andreasplatthaus
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07. Jun. 2022
von andreasplatthaus
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Zwischen Gothic und Groteske

Der Berliner Schaltzeit Verlag ist jahrelang in meiner Wahrnehmung vor allem damit hervorgetreten, dass er die Jahresbände des fabelhaften Karikaturisten Klaus Stuttmann herausbrachte – und dann zum Ende der Ära Merkel auch dessen Band mit lauter Karikaturen der Kanzlerin. Comics aber fehlten lange im Programm, bis sich der ebenso rührige wie geschmackssichere Verleger Andreas Illmann vor zwei Jahren die Übersetzungsrechte an Steven Applebys sagenhaft komischer und kluger Geschichte „Dragman“ sicherte. Der resultierende Band brachte Illmann erst so richtig auf den Geschmack (auch wenn die Verkaufszahlen für ein derartiges Meisterwerk beschämend fürs deutschsprachige Publikum sind), und er sah sich mit Unterstützung der „Dragman“-Übersetzerin Ruth Keen weiter auf dem englischen Comicmarkt um. Die Folge: Andi Watsons 2019 erschienener Band „The Book Tour“ ist nun auf Deutsch erhältlich: „Die Lesereise“.

Wer sich unter diesem Titel eine sichere Einschlafhilfe durch Langeweile bei der Schilderung von Wasserglaslesungen erwartet, liegt falsch. In Watsons Buch wird gemordet, dass es eine Unart ist. Und immer in er Nähe der Leichen ist der erfolglose Schriftsteller G.H. Fretwell, der mit seinem neuen Roman „Ohne K“ gerade auf Lesereise. Bald ist er Hauptverdächtiger und gejagt von der Polizei. Und weiter pflastern Leichen seinen Fluchtweg.

Das klingt nach Spannungsliteratur, aber auch das wäre falsch. Denn dieser noch relativ junge Mr. Fretwell ist ein Geistesverwandter Kafkas (bei seinem Romantitel ja auch nicht verwunderlich) und tritt reichlich lebensuntüchtig und sozialgestört auf. Dazu zeichnet Watson ihn wie eine Abziehbildfigur (Leseprobe unter https://www.schaltzeitverlag.de/graphic-novels/die-lesereise/), was wiederum den Anschein erweckt, alles wäre so klar wie diese simplen Linienführung. Ist es nicht, man schwankt ständig zwischen Groteske und Gothic. Und selbst die Panel-Rahmen sind so zittrig gezeichnet, als gäbe es nirgendwo festen Grund in dieser Geschichte.

Genauso ist es auch, und das ist wiederum die Schwäche der Geschichte. Watson hat eine Karikatur aus seinem Schriftsteller gemacht (mag sein, dass das für Schaltzeit ein gewichtiges Argument war), aber diesem Tölpel will man denn auch keine Sympathie zukommen lassen. „Die Lesereise“ ist wie ein Versuchsaufbau in sozialer Kälte erzählt, und die karge Schwarzweiß-Ästhetik unterstützt diesen Eindruck noch. Dazu ist die Handlung in einer Zeit angesiedelt, die unbestimmt bleibt, jedenfalls aber lange vor dem Digitalzeitalter. Schnurtelefone stehen in den Hotelzimmern, und Autos auf den Kopfsteinpflaster der englischen Städtestationen der Lesereise? Fehlanzeige! Natürlich passt der Parabelcharakter zum beschworenen Vorbild der Literatur von Kafka, aber es ist ja kein Zufall, dass der illustrierte Bücher ganz scheußlich fand. Seine Bilder wollte er im Kopf erzeugen.

Was wieder einmal wunderbar zu lesen ist, sind Ruth Keens Texte. Gut, sie hat einen Vorteil: Normale Comic-Übersetzungen verlangen wegen des klar definierten Sprechblasenraums äußerste Wortökonomie, Watson dagegen stellt seine Dialoge frei in den Raum über die jeweiligen Ventile, womit Keen so viel Platz hat, wie das Panel eben bietet. Aber dass sie die lapidare Sprache des Originals so gut trifft, ist nicht selbstverständlich. Zumal Watson seine Figuren wenig sprechen lässt, und das macht die Aufgabe, für sie einen spezifischen Ton zu finden, eher kompliziert. Trotzdem wünschte man sich für das Engagement von Verlag und Übersetzerin andere Vorlagen. Wäre doch das Werk von Tom Gauld noch nicht vergeben … Andererseits gibt’s von dem noch so viel, was fehlt …

07. Jun. 2022
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30. Mai. 2022
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Körperhorror und Psychoterror

Wie steht es um die längsten Wartefristen auf die Fortführung des Werks berühmter Comickünstler? Gut, niemand weiß, wie lange wir wirklich auf die Fertigstellung von Hergés „Alpha-Kunst“ hätten warten müssen, wenn der Vater von „Tim und Struppi“ nicht nach acht Jahren Arbeit daran gestorben wäre. Und André Franquin hatte zwar nach 1968 bis zu seinem Tod fast dreißig Jahre lang kein eigenes Album mit einer ganzen Geschichte mehr gezeichnet, doch immerhin trat er immer wieder mit Einzelepisoden von „Gaston“ oder später den „Schwarzen Gedanken“ hervor und schrieb für andere Zeichner längere Szenarios. David Mazzucchelli wiederum ließ zwischen „City of Glass“ und „Asterios Polyp“ fünfzehn Jahre verstreichen und scheint gerade einen neuen Anlauf zu einer Rekordwartefrist zu nehmen, denn das Publikationsdatum letzteren Bandes liegt heute auch schon wieder dreizehn Jahre zurück, ohne dass etwas Neues in Sicht wäre. Und dann Julie Doucet, die anno 2000 verkündet hatte, Comics zu zeichnen, und erst im vorvergangenen Jahr diesem Vorsatz wieder untreu wurde. Das ist Rekord, soweit ich es sehe.

Gesetzt hatte ich allerdings eher auf Barry Windsor-Smith. Auf dessen vielbeschworenen Band „Monsters“ warteten seine Anhänger noch viel länger; nämlich schon seit 35 Jahren, als ruchbar geworden war, dass der amerikanische Superheldenzeichner an einer neuen Ursprungsgeschichte für die populäre Marvel-Figur The Incredible Hulk schrieb, die als Quelle für dessen fabelhafte Kräfte ein bestialisches Menschenexperiment der Nazis etablieren wollte. Der Comic erschien indes nie, und von Windsor-Smith war seit 2005 auch nichts mehr zu lesen. Damals war „Wildstorm Rising“ herausgekommen. Doch er brachte es dann nur auf eine Pause von sechzehn Jahren, denn im vergangenen hat Windsor-Smith tatsächlich „Monsters“ fertiggestellt und beim amerikanischen Verlag Fantagraphics veröffentlicht. Darin ist jedoch vom Hulk nur noch die unförmige Gestalt des Protagonisten Bobby Bailey übriggeblieben.

Der ist ein Monster, wie man es sich vorstellt, und ganz in der frankensteinschen Tradition auch eine tragische Figur: Waisenkind und als Erwachsener missbraucht von der amerikanischen Armee, die bis in die sechziger Jahre hinein fortführt, was die Nazis im Zweiten Weltkrieg begonnen hatten, kräftig unterstützt dabei von einem gewissen Oskar Friedrich, den man aus seinem deutschen Höllenlabor über den Atlantik gebracht hat, wo er dann Karriere machen wird – Ähnlichkeiten zu Biographien bedeutender Wissenschaftler in den Nachkriegszeit sind keineswegs zufällig. Auch Friedrich ist ein Monster, allerdings im moralischen Sinne, aber das ist für Windsor-Smith die viel monströsere Deformation, und an ihr leiden diverse Figuren seiner Geschichte. Der deutsche Titel „Monster“ bringt das im Gegensatz zum Original leider nicht zum Ausdruck, weil unsere arme Sprache für den Plural dieses Worts nicht einmal ein „s“ übrig hat. Man könnte meinen, es ginge nur um das eine Monster, und die abstoßende Coverzeichnung verstärkt diesen Eindruck.

Immerhin mag sie als Warnung dienen: Wer schwache Nerven hat oder auch einen schwachen Magen, der spare sich die Lektüre dieses mehr als dreihundertsechzigseitigen Exzesses, in dem elichen Menschen denkbar übel mitgespielt wird. Es beginnt gleich mit einer familiären Kindesmisshandlung in einer Kleinstadt im Bundesstaat Ohio im Jahr 1949, deren Opfer der damals neunjährige Bobby Bailey ist, dessen beide Eltern da noch leben (aber nicht mehr lange). Die Leseprobe (https://www.cross-cult.de/titel/monster.html) zeigt die immense Sorgfalt, die Windsor-Smith seinen Schwarzweiß-Tuschezeichnungen angedeihen ließ, aber irgendeinen Grund müssen sechzehn Jahre Arbeit ja gehabt haben. Wobei es auch längere Verschnaufpausen gegeben haben mag, um sich selbst vom geschilderten Psychoterror zu erholen. Oder um weitere Steigerungen von dessen Intensität auszuhecken, denn eines kann man offen sagen: Es wird den Beteiligten immer schlimmer mitgespielt, obwohl es schon ziemlich schlimm losgeht.

Wobei ein weiterer Grund für die verschleppte Fertigstellung gewesen sein mag, dass 1997 schon ein anderer Comic erschienen war, der in seiner inhaltlichen und graphischen Drastik manches vorwegnahm, was Windsor-Smith plante: „A History of Violence“ von John Wagner und Vince Locke, berühmt geworden durch David Cronenbergs spätere Verfilmung, die aber gegen das gezeichnete Original ein Wiegenlied ist (und das bei einem Meister des body horror wie Cronenberg!). Man kann schwer umhin, bei der Lektüre von „Monsters“ nicht daran zu denken, und so dürfte es Windsor-Smith auch gegangen sein. Zumal beide Comics psychoterroristische Porträts von Familien bieten. Bei Wagner und Locke allerdings kommt der Schrecken von außen, damit die Familie gegen ihn antreten kann, während Windsor-Smith alles heimelig Familiäre bei den Baileys kollabieren lässt, nachdem erst das Böse be ihnen eingedrungen ist.

Was wäre indes ein amerikanischer Comic ohne ein Hohelied auf die Familie? Also gibt es auch noch die McFarlands, eine schwarze Familie aus Los Angeles, die unglücklich ins Elend der Baileys verstrickt ist. Mit ihnen kommt ein übersinnliches Element ins Spiel, das zu einer erstaunlichen Schlusspointe führt. Man mag sie tröstlich nennen, aber zuvor sind auch zu viele Rachephantasien ausgelebt worden, als dass der metaphysische Schluss noch als happy ending durchgehen könnte.

Man merkt Windsor-Smiths moralischem Kompass die narrative Herkunft aus dem Superheldengenre jederzeit an. Wie auch die ästhetische Herkunft aus den siebziger Jahren, als Kollegen wie Bernie Wrightson oder Moebius die Zeichenkunst der Comics auf ein nie zuvor gekanntes technisches Niveau führten. Dadurch wirkt Windsor-Smiths „Monster“ heute aber wie aus der Zeit gefallen, und auch die Klischees der Handlung entsprechen genau denen, die damals üblich waren. Der Vietnam-Krieg hatte dystopische Stoffe populär gemacht, und an die amerikanische Unschuld glaubte niemand mehr, nicht einmal im Comicgeschäft. Ein halbes Jahrhundert später wirkt das nun eher anachronistisch.

Trotzdem hat der Verlag Cross Cult eine Herkulesleistung mit der deutschen Publikation vollbracht: kiloschwer, Überformat, sogar ein – hier sehr sinnvolles – Lesebändchen. Schon der Übersetzungsaufwand des arg geschwätzigen Comics war enorm, und zudem gibt es im Original etliche deutsche Textpassagen, die hier natürlich nur durch typographische Markierung angedeutet werden konnten. Dabei hatte Windsor-Smith doch ganz zu Beginn noch die wunderbare Idee, Bobbys gewalttätigen Vater in Frakturausschnitten brüllen zu lassen, um dessen Traumatisierung durch seine Erlebnisse als amerikanischer Soldat im Deutschland anzudeuten. Aber wer könnte schon darauf setzen, dass Leser in den Vereinigten Staaten ganze Dialoge in Fraktur lesen würden (und heute würde das wohl auch etlichen hiesigen Lesern Probleme bereiten; erstaunlich, dass dieser Kunstgriff bei „Asterix und die Goten“ immer noch beibehalten wird), also wird diese auch graphisch brillante Idee leider bald wieder aufgegeben.

Die Schneelandschaften des winterlichen Ohio im Jahr 1965 sind meisterlich ins Bild gesetzt, und auch den düsteren Bildern kann man die Qualität nicht absprechen, aber über die Handlung sollte man lieber nicht zu genau nachdenken. Dafür, dass sich die deutsche Übersetzung am Schluss einmal drastisch mit dem Datum des Geschehens vertut, kann Windsor-Smith zwar nichts, aber dass er die 1945 in Deutschland spielende Passage seines Comics im Juni ansiedelt, als Hitler schon einen Monat tot war, aber im Comic immer noch Nazi-Größen nach einem Führerbefehl handeln wollen, weil sie in der Ortschaft Schongau noch nicht von der US Army überrollt worden sind, das ist einfach nur sinnloser Quatsch. Auch andere chronologische Fehler kann man finden, bei denen sich nicht einmal die Frage nach Plausibilität stellt. Da nahm sich jemand sechzehn Jahre Zeit für seine Geschichte und produziert dann einen derartigen völlig unmotivierten Humbug. Liest niemand mehr Korrektur in den Comicverlagen dies- und jenseits des Atlantiks? Aber wahrscheinlich wollte man die Wartezeit nicht noch einmal verlängern. Schade, es wäre eine plausiblere Geschichte herausgekommen. Und womöglich ein neuer Wartewelrekord.

30. Mai. 2022
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23. Mai. 2022
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Freude an diesem Weltuntergang

Erst vor wenigen Wochen kam der Spielfilm „Tove“ in die deutschen Kinos, ein Biopic über die legendäre finnische Zeichnerin und Autorin Tove Jansson (1914 bis 2001). Leider ging das zauberhafte Werk an der Kinokasse unter, aber das passt durchaus zu Jansson, die es auch nicht leicht hatte mit ihrer Kunst. Und die vom Untergang fasziniert war. Das zeigt schon der erste Comic, den sie gezeichnet hat. Er erschien 1947 und hieß „Mumintrollet och jordens undergang“ – Mumin und der Weltuntergang.

Nie gehört? Hatte ich bis vor zehn Jahren auch nicht. Da besuchte ich das Mumin-Museum im finnischen Tampere und kaufte dessen schwedischen Katalog (Jansson gehörte zu jener großen Bevölkerungsgruppe in Finnland, die Schwedisch spricht). Darin war die Geschichte abgedruckt. Dagegen fehlt sie in der immerhin achtbändigen Gesamtausgabe der Mumin-Comics, die vor ein paar Jahren auf Deutsch im Reprodukt Verlag erschienen sind. Der Grund dafür ist einfach: In der als internationale Kooperation erstellten Gesamtausgabe wurden nur diejenigen Comics berücksichtigt, die Jansson von 1952 an für die englische Tageszeitung „The Evening Star“ gezeichnet hat und die den Ruhm der Autorin in Großbritannien und den Vereinigten Staaten begründete.

In Deutschland sah es damit schlechter aus, aber wenn Kristina Maidt-Zinke in ihrem sehr persönlich gehaltenen Nachwort zu der gerade publizierten deutschen Erstübersetzung von „Mumin und der Weltuntergang“ behauptet, Janssons Figuren seien hierzulande „eher selten anzutreffen“, kann ich genauso persönlich dagegenhalten, dass nicht nur ich selbst mit Mumin-Büchern aufgewachsen bin, sondern auch meine Frau und einige meiner besten Freunde. Vielleicht sind Mumin-Leser nur einfach nicht so mitteilungsfreudig betreffs ihrer Faszination wie etwa Donaldisten (ich weiß, wovon ich rede). Dabei sind beide Gruppen ziemlich deckungsgleich.

Nun aber zum Comic. Der entstand für die schwedischsprachige Wochenzeitung „Ny Tid“, die Janssons zeitweiser Geliebter Atos Wirtanen in Helsinki herausbrachte (beider wunderbar zögerliche Liebesgeschichte ist im Film „Tove“ ausgiebig Thema). Jansson hatte noch nie zuvor Comics gezeichnet, aber ihre ersten beiden Mumin-Bücher hatte sie mit Illustrationen versehen; über die Figurengestaltung musste sie also nicht mehr nachdenken. Für die Geschichte wählte sie den Inhalt ihres zweiten Buchs, „Komet im Mumintal“, allerdings ist in den 26 Comic-Episoden einiges anders geworden. Die Handlung ist kürzer erzählt (jede wöchentliche Folge hatte nur sechs Bilder, und das Buch umfasste immerhin an die zweihundert Seiten), und es gibt trotzdem mehr Figuren. Denn Jansson hatte ebenfalls 1947 „Eine drollige Gesellschaft“ geschrieben, ihr drittes Mumin-Buch, und das wurde im Gegensatz zu „Komet im Mumintal“, dessen apokalyptischer Inhalt beiden Eltern des potentiellen Publikums wenig Anklang fand, ein großer Erfolg. Also wurde das darin erweiterte Figurenensemble auch im Comic eingesetzt, vor allem das verschworene Kinderpaar Tofsla und Vifsla mit ihrer Geheimsprache – ein schon an den Namen erkennbares Selbstporträt der mittlerweile begonnenen lesbischen Liebesbeziehung von Tove Jansson zu Vivica Bandler. (Wenn das die Eltern des potentiellen Publikums gewusst hätten!)

In diesen Geschichten steckt also viel drin, aber – zur Beruhigung der Eltern … – das muss man gar nicht alles wissen. Denn was zählt, vor allem für Kinder, ist die im Wortsinne phantastische Erzählweise. Man fühlt sich geborgen, selbst wenn es um den Weltuntergang geht. Bezeichnend jene Comic-Episode, in der Muminvater nervös auf die Rückkehr seines Sohnes wartet, der Titelfigur des Mumintrollet (im Deutschen nur Mumin): „Mein Sohn wird niemals rechtzeitig zum Weltuntergang nach Hause kommen!“ Die Sorge gilt dem Zuspätkommen, nicht dem Schreckensereignis.

Solche grandiosen Dialoge sind allerdings nicht in Sprechblasen angelegt, sondern stehen unter den Bildern – Jansson war anfangs noch einer kontinentaleuropäischen Comictradition verpflichtet, die wie für Bilderbücher arbeitete. Erst als sie für den englischsprachigen Markt tätig wurde, schwenkte sie auf Sprechblasen um, und dazu mussten ihre Auftraggeber sie mehr oder weniger zwingen. Gut gemacht, denn die späteren Comics sehen schon noch etwas besser aus.

Wobei „Mumin und der Weltuntergang“ nicht nur der inhaltlichen Übernahme aus der Buchreihe wegen viel näher am Geist des „Mumin“-Zyklus ist als die eher satirischen Comic-Strips. Tove Jansson packte ihre ganze Liebe zu den Dingen in ihre Bücher, und plötzlich merkt man, dass es die Materialisten sind, nicht die religiösen Metaphysiker, die am Erhalt der Welt wirklich interessiert sind, denn sie haben ja kein Himmelreich, aus das sie bauen können. Die Mumins sind Materialisten und deshalb umweltbewusst. Und gebildet; zur Vorbereitung aufs Kommende liest eine Figur Oswald Spenglers „Untergang des Abendlandes“. Das fehlt übrigens in „Komet im Mumintal“; Jansson hat bei der Konzeption ihres Comics nicht nur bei der Figurenzahl zugelegt. Und die Insinuation Maidt-Zinkes, die Autorin könnte vorzeitig zum Abbruch der Serie gezwungen worden sein, ist natürlich Quatsch. Die Geschichte ist zu Ende erzählt, und zwar gerade am Ende, das sich am stärksten von der Buchvorlage unterscheidet, in großer Ausführlichkeit, und 26 Episoden entsprechen genau einem halben Jahr Publikationszeit – typischer Fall einer Vereinbarung mit Zeitungen.

(Einschub nach einer freundlichen Mail von Janne Wass, Redakteur von “Ny Tid”: Kristina Maidt-Zinke hat offensichtlich recht mit ihrer Einschätzung, und meine Vermutung war Quatsch. Tatsächlich sei Jansson von Wirtanen gwebten worden, ihre Serie früher als geplant zu beenden, weil die Leser des kommunistisch ausgerichteten Blattes die Mumin-Familie als “zu bürgerlich” empfanden. Allerdings wurde der Zeichnerin so viel Zeit eingeräumt, dass sie ihre Geschichte abrunden konnte. “Dass die Sache nicht übereilt wirkt”, schreibt Janne Wass, “zeigt Janssons Fähigkeiten als Erzählerin.” Da hat er recht, wobei ich immer noch gerne wüsste, warum Jansson dann zu Beginn so viel von der Buchvorlage entfallen ließ und am Ende eher noch ergänzte. Aber womöglich erfolgte die Reaktion des Publikums ja so rasch, dass alles ganz neu konzipiert werden musste – im dann vorgegebenen neuen Zeitraum. Spannende Frage jedenfalls. Leider weiß ich nicht, ob es einen erhaltenen Briefwechsel zwischen Jansson und Wirtanen gibt.)

Ort der deutschen Publikation dieses Kleinods ist der Schünemann Verlag, der wenig Ahnung von Comics hat, weshalb auf der Website https://www.schuenemann-verlag.de/buchverlag/neu/mumin-und-der-weltuntergang.html auch keine Leseprobe zu finden ist; anschauen kann man sich einige Folgen aber auf http://www.saunalahti.fi/trygvsod/slammer/2007/Tove-Jansson-En-lycklig-serietecknare.html, und dass sie dort nur auf Schwedisch zu sehen sind, ist insofern sogar gut, weil auch die deutsche Ausgabe die janssonsche Handschrift in den Comics (und damit auch den schwedischen Text) unverändert lässt, um das harmonische optische Erscheinungsbild nicht zu zerstören, und die Übersetzung darunter abdruckt. Untypisch auch das, aber angesichts der philologisch sorgfältigen Edition durchaus ansprechend. Es ist ein wirklich schönes Buch. Und mit besonderer Freude konnte ich feststellen, dass in meinem Katalog aus Tampere ein paar Episoden vom Beginn der Geschichte gefehlt haben.

Zu verdanken ist das Buch der janssonbegeisterten Herausgeberin Barbara Müller und dem Mumin-Fanatiker Christian Panse, der die wortgetreue deutsche Übersetzung besorgte. Wie gut die von der Atmosphäre her ausfällt, habe ich daran gemerkt, dass ich mich bei der Lektüre sofort wieder in die Geborgenheit meines Kinderzimmers zurückversetzt fühlte, wo ich mit der „Drolligen Gesellschaft“ lesen lernte. Und natürlich auch schauen, denn Janssons Bilder sind von unglaublicher Expressivität bei scheinbarer Naivität. Schauen und Staunen sind da eins.

 

 

23. Mai. 2022
von andreasplatthaus
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16. Mai. 2022
von andreasplatthaus
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Sex moves

Eine Fahrt mit der transsibirischen Eisenbahn? Derzeit wohl nicht sehr wahrscheinlich. Aber natürlich ein Sehnsuchtsmotiv aller Eisenbahn- und Einsamkeitsfreunde. Wobei Bernadette Schweihoff beides nicht ist. Es ist ihr Freund, der ihr so lange mit der Idee in den Ohren gelegen hat, bis sie endlich zustimmte. Und das hat sie getan, weil sie sich mit ihm zusammen am glücklichsten fühlt – vor allem in der wechselseitigen sexuellen Verwirklichung. Also nix mit Einsamkeit. Warum das hier erzählt wird? Weil es zentral für den Comic „Treiben – Unterwegs mit der Transsibirischen Eisenbahn“ ist. Der Haupttitel ist eindeutig zweideutig.

Es geht wild zu in Sibirien; der Schnee treibt. Aber noch wilder geht es zu im Abteil, da treiben es die Ich-Erzählerin und ihr Freund, gerne direkt vor dem Fenster: Die Lust am Risiko der Überraschung des Paars durch Schaffner, Passagiere, Passanten (Letztere natürlich nur während der – allerdings stundenlangen – Aufenthalte an Bahnhöfen) ist spür- und sichtbar. Dadurch ist der Comic viel mehr Psychogramm als Reisereportage, obwohl Bernadette Schweihoff großartige Landschaftspanoramen zeichnet (hier anzusehen: https://www.editionmoderne.ch/buch/treiben/) und auch Innenansichten des Zuges, die einen buchstäblichen mitnehmen in die Enge des Abteils oder der Waschräume. Und bisweilen geht es hinaus in die Kälte, denn die Fahrt wird im Winter gemacht. Dementsprechend leer ist der Zug und lang sind die Nächte – ganz so wild auf Entdeckung ist das verliebte Paar also wohl doch nicht.

Nun eine Warnung für Voyeure: Es geht zwar zur Sache, aber das Sexuelle spielt sich vor allem im Kopf ab. Und so bekommen wir auch einen Einblick in (weniger Anblick von) Obsessionen, die in der Berliner Clubszene ihren Ausdruck finden, namentlich den KitKatClub. Zugeschrieben ist der Comic „allen, die in meine Welt eintauchen wollen“, und in der rücksichtslosen Offenheit sich selbst gegenüber merkt man den Einfluss von Ulli Lust an, die nicht nur den Band als Bachelorarbeit betreut, sondern auch mit „Der letzte Tag vom Rest deines Lebens“ das Muster für diese Art von autobiographischer Freiheit vorgegeben hat.

Verlegt worden ist der Band bei der Edition Moderne, und das nach Matthias Gnehms Comic in der vergangenen Woche nun schon wieder ein  Produkt dieses Hauses hier vorgestellt wird (wenn auch nach monatelanger Inkubationszeit), liegt daran, dass auch Schweihoffs „Treiben“ eine kongeniale Form gefunden hat, die sich den Verlagschefs und -gestaltern Claudio Barandun und Julia Marti verdankt – bis hin zur Klappe, die das ganze Werk einhüllt wie ein Cache-sexe (dies allerdings wohl eher ungewollt). Und der Titelschriftzug „Treiben“ ist mit Glanzprägung derart versehen, dass man durch die selbst wie verweht gestaltete Typographie auf eine schillernde Schneefläche zu schauen scheint.

Viele Wort werden nicht gemacht in „Treiben“. Viele stimmungsvolle Bilder schon, gehalten in kalten , meist monochromen Buntstiftzeichnungen. Und damit erzählt Bernadette Schweihoff denn doch auch einiges über Russland, wenn auch aus einem Abstand von mehr als drei Jahren zur damaligen Reise. Und sei es nur das Erstaunen der Russen, mit denen die beiden Reisenden im fernen kalten Osten sprechen, darüber, dass zwei Berliner sich freiwillig dorthin begeben. Man wolle doch eher nach Berlin. Diese Sympathie macht allerdings keine Hoffnung im Hinblick auf die Gegenwart. Enttäuschte Träume sind ein Treibsatz für Kompensation. Schön also, dass sich für Bernadette Schweihoffs Partner der eigene Eisenbahntraum erfüllt hat.

 

16. Mai. 2022
von andreasplatthaus
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09. Mai. 2022
von andreasplatthaus
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Dieser Comic spaltet unsere Erwartungen

Eigentlich musste man diese Comicbesprechung mit einem Spracherkennungsprogramm anfertigen, dann wüsste man, was der Schriftsteller Markus Hug leistet. Er diktiert auf diese Weise seine Romane. Sehr erfolgreich ist er damit noch nicht, aber sehr modern – erstaunlich genug für einen eher Skeptiker gegenüber sozialen Medien, aber auch passend, denn Hug ist ein introvertierter Mensch. Mit seiner Partnerin Annina hat er einen neugeborenen Sohn, und das strapaziöse Kleinfamilienleben zehrt an den Nerven der beiden Erwachsenen. Zumal sie in Zürich wohnen, keinem billigen Pflaster. Konflikte sind unvermeidlich.

Allerdings keine besonders ungewöhnlichen. Wieso erzählt dann der Schweizer Comicautor Matthias Gnehm mehr als dreihundert Spalten lang davon. Spalten? Ja, denn ungewöhnlich ist zumindest schon einmal die Form dieses Comics namens „Gläserne Gedanken“. Gnehm wollte von Beginn an so zeichnen, dass man die Geschichte vertikal liest, als spiele sie sich auf einem Smartphone-Bildschirm ab. Unter http://www.glaesernegedanken.editionmoderne.ch/ kann man sie auch genauso in voller Länge lesen. Nur wie druckt man das, wenn man auch noch ein Buch haben will?

Die Edition Moderne ist seit einiger Zeit nicht nur durch exzellente Comics, sondern auch innovative Gestaltung auffällig. So hat sie Gnehms neues Werk in Kalenderbindung hergestellt: Man hält also einen Comic wie einen kleinen (eben smartphonegroßen) Kalender in der Hand, reißt allerdings nicht Blatt für Blatt ab, sondern blättert sie nach oben weg, so dass man die Bilder in Spaltenabfolge betrachtet. Bisweilen wird keine Rücksicht auf vollständigen Abdruck am unteren Blattrand genommen, aber dann ist das Bild eben noch einmal ganz auf der Folgeseite zu finden. Originalität erfordert eben gewissen optische Zugeständnisse. Und die Illusion, dass man eine nach unten fortlaufende Geschichte liest, wird so aufs Schönste gewahrt.

Geht es auch inhaltlich ständig nach unten? Das könnte man meinen, wenn man die eskalierende Entfremdung zwischen Markus und Annina sieht. Zumal, als der neue Freund einer alten Bekannten auftaucht, der in seiner Softwarefirma an der Konstruktion eines Spracherkennungsprogramms arbeitet, das gar nicht mehr darauf angewiesen sein soll, Texte aussprechen zu lassen. Vielmehr verheißt die Idee eine Art Gedankenlesung. Science-fiction? Wie sich am Ende erweist, nein. Aber was das wiederum heißt, möge man bitte selbst nachlesen.

Es tut auch recht wenig zur Sache, denn Gnehm interessiert sich für die Psychologie seiner Figuren. Und die ist beklemmend geschildert; man wünschte sich „Gläserne Gedanken“ als Theaterstück, so nah kommt man den Handelnden. Künstlerattitüden, Postschwangerschaftsdepressionen, Großmannssucht und Verschwörungsglaube – alles spielt hier nicht nur hinein, sondern wird geradezu ausbuchstabiert. Auch durch die gnehmsche Graphik, die in tiefem Grau gehalten ist und immer wieder Nacht- und sonstige Dunkelszenen zwischenschaltet, in denen man genauso im Düsteren tappt wie Markus und Annina.

Gewöhnungsbedürftig ist die Textgestalt: zwischen den Panels und in geradezu provozierend sachlicher Groteskschrift; nur bisweilen deuten Ventile und Blasenlinien an, dass es sich um wörtliche Rede oder Gedanken handelt. Das Publikum muss hier aufmerksam hinschauen und mitlesen, um zu folgen, und ein einfaches Hineinblättern funktioniert nicht. Das ist aber etwas sehr Gutes, wie „Gläserne Gedanken“ überhaupt sehr gut ist. Wenn auch gewöhnungsbedürftig. Und so deprimierend es ist: Ich habe es lieber im Netz als auf Papier gelesen. Eine mutige Entscheidung von Autor und Verlag, diese elektronische Gratisversion anzubieten. Es zeigt, wie wichtig Gnehm die Form ist.

09. Mai. 2022
von andreasplatthaus
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02. Mai. 2022
von andreasplatthaus
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Bei diesem Band geht es ums nackte Leben

Vor zwei Wochen habe ich an dieser Stelle einen kleinen Einblick in meine Comicregale gewährt, als ich auf die Heftproduktionen von Aisha Franz zu sprechen kam. Die stehen, formatbedingt, in einem niedrigen Fach ganz unten. Diesmal wanderte mein Blick einen Raum weiter an den Regalen ganz hoch, zu den italienischen Comic-Autoren und speziell zu Gipi. Ich kam ins Staunen, wie viel da steht. Und umso mehr staunte ich, dass „Una storia“ noch nicht darunter war.

Nicht als Übersetzung, die ist nämlich ganz neu, gerade bei Avant, der deutschen Heimat von Gipis Comics, erschienen, in der gewohnt eleganten Übertragung von Myriam Alfano, die sich zur Stammkraft entwickelt hat, wenn es um italienische Comicmeisterwerke geht, die ins Deutsche gebracht werden sollen (von Igort, Alessandro Tota, Manuele Fior oder eben Gipi). Aber als ich „Eine Geschichte“, wie der Titel in unserer Sprache lautet, aufschlug, sah ich, wann das Original erschienen ist: 2013. Habe ich wirklich neun Jahre lang auf einen wichtigen Gipi-Band gewartet, ohne ihn zumindest auf Französischen zu kaufen (das ich besser lese als Italienisch)?

Offenbar ist dem so, es gibt keine Spur von „Una storia“ in dem runden Dutzend Gipi-Comics oben im Regal. Dabei ist dieser Band selbst im Vergleich mit „Nachtaufnahmen“ (Gipis erstem erfolgreichen Buch von 2003, übersetzt 2005), „5 Songs“, „S“ oder „Die Welt der Söhne“ ein Ausnahmefall. Denn noch konsequenter als andere seiner Comic vereint „Eine Geschichte“ alles, was Gipi beherrscht – und das ist viel. Der Mann kann malen, zeichnen sowieso (und zwar sowohl in kargem Schwarzweiß als auch mit opulenten Farben) und vor allem erzählen. Letzteres tut er so persönlich, dass man bei jeder Geschichte Autobiographisches im Hintergrund vermuten möchte. Und allemal bei „Eine Geschichte“, die von einem Autor in der Midlife-Crisis erzählt.

Gipi, eigentlich Gian Alfonso Pacinotti (Gipi steht für die italienisch-phonetische Aussprache von G.P.), ist Jahrgang 1963, war also bei Erscheinen von „Una storia“ exakt so alt, wie Silvano Landi, der Protagonist dieses Comics. Den hat seine Frau verlassen, zur gemeinsamen Tochter gibt es auch nicht mehr viel Kontakt, und zu allem Überfluss läuft Landi eines Nachts nackt und orientierungslos durch die Gegend, was ihn in die Psychiatrie bringt. Wie es ihm dort er- und wie man mit ihm umgeht, kann man in der deutschen Leseprobe verfolgen: https://www.avant-verlag.de/comics/eine-geschichte/#cc-m-product-9100721620, die dann auch jenes Potpourri an Zeichenstilen dokumentiert, das Gipi hier zur Anwendung bringt.

Selbstverständlich haben alle diese Stile jeweils eine narrative Funktion. Schwarzweiß, bisweilen blau angefärbt, wenn’s um die traurige Gegenwart geht, während die prachtvoll aquarellierten Farbräusche den Erinnerungen von Landi entstammen – und wenn sie später kalt und grau werden, dann sind wir in der Zeit des Ersten Weltkriegs angelangt, als der Urgroßvater des nervolabilen Autors in den Schützengräben kühlen Kopf bewahrte und sich aus einer aussichtslosen Situation rettete. Die Briefe dieses Vorfahren an dessen Frau hat Landi gelesen, und er wollte eine Geschichte daraus machen. Und siehe da: Wir lesen sie in Gipis „Eine Geschichte“.

Solche metafiktionalen Tricks sind ein alter Hut, aber Gipi überrascht gerade dadurch immer wieder aus Neue, dass man glaubte, er hätte alles an jugendlicher Tristesse und Aufmüpfigkeit schon woanders auserzählt, und dann kommt er plötzlich mit diesem desillusionierenden Porträt eines Fünfzigjährigen, das aber wieder neue Facetten der Jugend zur Sprache bringt.  Als starke Bildmetapher steht ein Baum im Zentrum des Comics; als Symbol für die Verwurzelung in der Familie, aber auch des (Über-)Lebens im Krieg, denn der Baum ist die einzige noch sichtbare Wegmarke im plattkartätschten Niemandsland zwischen den Fronten. Natürlich denkt man an Jacques Tardi bei diesem Flashback über hundert Jahre hinweg, und Gipi macht in seiner Seitenarchitektur und dem Panelaufbau auch gar kein Hehl aus diesem Einfluss. Noch mehr aber hat er von Lorenzo Mattottis „Feuer“ gelernt. Und doch ist da eine ganz eigene Bildersprache in „Una storia“, die daraus resultiert, dass Gipi ganz anders als die beiden Altmeister den Fokus auf Dialoge und Monologe legt, die psychologischen Verismus anstreben und nicht wie bei Tardi und Mattotti entweder Genre- oder Poesieerwartungen erfüllen sollen. Und wieviel von ihm selbst in diesem Album steckt, das zeigt die Abschluss-Signatur auf der letzten Seite, wo als Entstehungszeitpunkt der „Geschichte“ 1963 bis 2013 angegeben ist. Also Gipis ganzes Leben.

Gipi ist in Deutschland bekannt (den Max-und-Moritz-Preis des Comicsalons von Erlangen erhielt er bereits für seinen zweiten übersetzen Comic, „Die Unschuldigen“, im Jahr 2006, als er gerade auch einen Hauptpreis in Angoulême zugesprochen bekommen hatte), aber nicht durchgesetzt. Umso bemerkenswerter ist die Treue von Avant zu diesem Ausnahmeerzähler. Dass nun sogar die älteren Hauptwerke nachgereicht werden, ist ein großes Glück. Wenn auch Pech fürs italienische Regal-Segment; da wird nun etwas weichen müssen. Aber kein Millimeter Gipi wird preisgegeben!

 

02. Mai. 2022
von andreasplatthaus
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22. Apr. 2022
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Wenn die Zeitzeugen sterben, muss die Erinnerung an sie aufleben

Ja, klar, mit einem Comic wird auf junges Publikum spekuliert. Manchmal aber auch zu Recht. Deshalb sind viele Institutionen seit einigen Jahren – nachdem sich über die Etablierung des Begriffs „Graphic Novel“ der von manchen empfundene Hautgout des Comics verflüchtigt hat – ganz wild darauf, ihre Ziele mittels dieser Erzählform zu propagieren. Manchmal zu Recht. So auch der in Stuttgart existierende Verein „Die AnStifter“, der sich seit mehr als zwei Jahrzehnten unter dem Motto „Eigensinn und Zivilcourage“ für Demokratie und Toleranz engagiert. Er hat nun die deutsche Fassung eines Comics ermöglicht, in dem die 1983 geborene italienische Zeichnerin Irene Lupi von ihrem im vergangenen Dezember gestorbenen Landsmann Enrico Pieri erzählt. Oder richtig gesagt: Enrico Pieri erzählen lässt, denn Lupis ihm gewidmeter Comic ist sein Vermächtnis.

Das wusste der 1934 in einem Bergdorf der Toskana geborene Pieri. In seinen beiden letzten Lebensjahren hat er viel mit Lupi telefoniert, die er 2017 bei einer italienisch-deutschen Jugendbegegnung kennengelernt hatte; einen direkteren Kontakt zwischen Erzähler und Zeichnerin während der Arbeit an dem Comic verhinderte die Pandemie. Trotzdem sieht einen vom Umschlag des fast zweihundertseitigen Bands das lachende Gesicht des alten Mannes an, als hätte er Lupi dafür Modell gestanden. Was er ihr erzählt hat, ist allerdings nicht im Geringsten komisch.

Im Untertitel heißt der Band „Mai più – nie wieder – Sant‘Annas!“ Das ist etwas schwer zu verstehen, wenn man nicht weiß, um was es geht. Sant‘Anna di Stazzema ist der Name von Pieris Heimatdorf, und gemeint ist mit der verwirrenden italienisch-deutschen Untertitelmixtur, dass es nie mehr so etwas wie Sant‘Anna geben möge. Denn dort metzelte im August 1944 eine SS-Division große Teile der Bevölkerung nieder; 560 Menschen wurden ermordet, unterschiedslos Männer, Frauen und Kinder. Es war eine der leider typischen Exzess-Strafaktionen, mit denen die deutschen Besatzer nach Italiens Ausstieg aus dem Zweiten Weltkrieg den dortigen Widerstand entmutigen wollten. Es gab damals viele Sant‘Annas; das berüchtigtste Massaker von Deutschen an italienischen Zivilisten war das in den Ardeatinischen Höhlen vom März 1944. Dort starben 335 Menschen – alle, die man zur Vergeltung für ein Attentat des Widerstands hatte hinrichten wollen.

In Sant‘Anna dagegen gab es Überlebende, darunter den damals zehnjährigen Enrico Pieri, dessen Eltern und beide Schwestern jedoch ermordet wurden. Er selbst konnte sich mit der Hilfe zweier Mädchen verbergen, und deshalb sah er es als seine Verpflichtung an, später von dem Verbrechen zu berichten, als er nach mehr als dreißigjähriger Tätigkeit in der Schweiz nach Italien zurückkehrte. Als Zeitzeuge muss er einen tiefen Eindruck auf die Besuchergruppen im als Gedenkort dienenden Sant‘Anna gemacht haben, und der Besuch einer solchen Gruppe, einer deutschen, gibt die Rahmenhandlung für den Comic ab. Mag sein, dass es Lupis Erinnerung an die Begegnung von 2017 ist.

Große Teile des Geschehens werden tatsächlich nur mittels Bildern dieses Zeitzeugengesprächs geschildert, als sträubte sich Irene die Feder der Zeichnerin dagegen, den Massenmord in Bilder zu setzen. Wenn sie mit Rückblicken arbeitet, sind es denn auch eher statische Bilder: oft an historischen Fotos orientiert, und von dem Massaker selbst gibt es gar keine Abbildung. Am nächsten heran an den Mord führt uns Lupi mit dem Panel eines deutschen SS-Mannes, der seine Pistole zieht.

Pieri war aber auch kein Mann für Horrorgeschichtsschreibung, er wollte Hoffnung machen, indem er das, was seine Familie erleiden musste, als Mahnung und Verpflichtung an Italiener und Deutsche (und alle Europäer) darstellte, den Frieden zu sichern. Es ist paradox, dass sein den Band beschließendes Lob des mehr als siebzigjährigen Friedens in Europa just bei Erscheinen dieses Comics als obsolet angesehen werden muss. Aber sein Beispiel taugt selbstverständlich dazu, Mitgefühl für das zu wecken, was in der Ukraine passiert. Wie sich die Taten zu gleichen scheinen …

Ein humanistischer Comic also, geboren aus dem Anliegen von Die AnStifter, die Erinnerungsarbeit in Sant‘ Anna zu fördern und von deutscher Seite Wiedergutmachung zu leisten – ein spätes Strafverfahren in Stuttgart gegen Tatbeteiligte wurde 2012 eingestellt. Damals kam Pieri nach Deutschland, um mit seinem Schicksal für eine Wiederaufnahme zu plädieren – juristisch erfolglos. Aber so entstand der Kontakt zu Die AnStifter.  Auf der Website der Initiative findet sich eine Reminiszenz an Enrico Pieri zu dessen Tod: https://www.die-anstifter.de/2021/12/zum-tod-von-enrico-pieri-aus-hass-wird-hoffnung/. Zum Comic selbst gibt es dort leider noch keine Leseprobe.

Aber am morgigen Samstag, dem 23. April, wird der Band im Stuttgarter Gedenkort „Hotel Silber“ vorgestellt, und auf der Ankündigung dazu – https://hotel-silber.de/?p=5893 – kann man auch ein paar Bilder aus Lupis Geschichte sehen. Sie werden klarmachen, dass es sich hier nicht um ein graphisch besonders wagemutiges Werk handelt; der gute Zweck überzeugt mehr als die Zeichenkunst. Doch dieses Buch ist womöglich wirklich dazu geeignet, auf den Jugendbegegnungen gelesen zu werden und damit den unermesslichen Verlust, den das Werksterben der Zeitzeugen bedeutet, zumindest etwas zu kompensieren. Sollte der Comic „Enrico Pieri“ damit Schule machen, dann ist seine Existenz mehr als gerechtfertigt. Es ist nötig, dass es solche Geschichten gibt.

22. Apr. 2022
von andreasplatthaus

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19. Apr. 2022
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Der beruhigende Klang der Computertastatur

Aisha Franz kam vor etwas mehr als zehn Jahren wie ein Wunder in den deutschen Comic: aus der Dorgathen-Klasse der Kunsthochschule Kassel, aber mit einer vollkommen anderen Ästhetik als ihr Lehrer. Franz zeichnete mit Bleistift und bewusst naiv statt konstruktivistisch, fast kindlich, aber was sie in „Alien“, ihrem Debütband erzählte, das passte wiederum perfekt zum Ideal Hendrik Dorgathens, der trotz der eigenen graphischen Souveränität immer die Bedeutung einer Geschichte betont hat. Und „Alien“, ein Jugenddrama mit Horror und Humor, hatte eine Geschichte zu bieten, die sich gewaschen hat.

Franz machte damit Furore, gewann sofort den Sondermann-Preis für die beste Newcomerin, und publiziert seitdem bei Reprodukt ,der ersten Adresse für deutsche Zeichner, die auf ambitioniertes Erzählen setzen, zuverlässig weitere Comicmeisterweke: erst „Brigitte und der Perlenhort“, dann „Shit is real“ und nun „Work Life Balance“. Moment, nur drei Bücher in einem Jahrzehnt? Ja, aber nebenher kamen zahllose selbstverlegte Kleinhefte heraus – in meinem Regal finden sich zum Beispiel „Das Institut“, „Eyez“, „Rhythm ’n’ Paradise“ oder „Italian Graffiti“, und das waren alles nur Zufallsfunde auf Kleinverlagmessen. Franz unterrichtet auch und ist überhaupt in der hiesigen unabhängigen Szene ein guter Geist wie sonst nur noch Sascha Hommer.

Vor vier Jahren kaufte ich ein von ihr bei Colorama verlegtes Heftchen namens „Work Life Balance“, also einen Vorläufer von Franz’ jetzigem neuen Band. Das war allerdings noch schwarzweiß gedruckt und gerade mal zwölf Seiten stark, auf Englisch geschrieben und so scheinbar spontan gezeichnet wie ehedem „Alien“. „Work Life Balance“ in seiner nun bei Reprodukt publizierten Form hat dagegen Farbe, 256 Seiten und extrem ausgearbeitete Zeichnungen (hier die Leseprobe mit dem fast kompletten ersten Kapitel: https://www.reprodukt.com/Produkt/deutscheautorinnen/work-life-balance/). Es ist der schönste Band, den Aisha Franz bisher publiziert hat. Und auch erzählerisch der beste.

Das hatte das Land Berlin begriffen, als es die Entstehung des Buchs 2020 mit seinem jährlichen Comicstipendium förderte, einer der höchstdotierten hiesigen Auszeichnungen in diesem Metier. Allerdings konnte man leicht schon an der zwölfseitigen Heft-Etüde erkennen, was in dieser Geschichte steckt. Obwohl die damals publizierte Episode nicht ins fertige Buch eingegangen ist, hatte sie schon dieselbe Hauptfigur: eine leicht füllige (damals noch namenlose) Psychotherapeutin, die ihre Patienten ziemlich von oben herab behandelt und sich ihr eigenes Leben mit allen möglichen Ablenkungen schön macht, vor denen sie normalerweise warnt.

Der nun erschienene umfangreiche Comic „Work Life Balance“ gibt ihr einen Namen: S. Sharifi. Und er führt drei weitere Hauptfiguren ein: Anita, Sandra und Rex, alles Patienten von Doktor Sharifi. Anita freiwillig, denn die als Künstlerin gescheiterte Keramikerin kommt mit den Minderwertigkeitskomplexen gegenüber ihrer erfolgreichen Atelierkollegin nicht zurecht; Sandra gezwungenermaßen, denn ihr Arbeitgeber verpflichtet die „Graduate Data Strategist“ nach Bekanntwerden einer von ihr erpressten sexuellen Beziehung mit einem Kollegen zum therapeutischen Gespräch; und Rex schließlich ohne sein Wissen, denn der selbständige Programmierer hackt sich in ein von ihm selbst erdachtes virtuelles Therapieprogramm ein, um das ihn Sandras Firma betrogen hat, und trifft dort auf den Avatar von Frau Doktor Sharifi.

Was die drei beruflich geplagten jungen Leute noch miteinander verbindet, liest man am besten selbst. Auch, wie skurril Aisha Franz ihre Therapeutin einführt: als selig der Einspielung von Tastaturgeräuschen lauschende Frau – was für eine Idee! Doch die Bedeutung dieses Comics liegt vor allem in seinem präzisen Porträt prekärer Arbeitsbedingungen in unserer Gesellschaft – prekär sowohl finanziell als auch psychologisch und intrinsisch. „Work Life Balance“ macht klar, dass mit dem Scheitern des Faktors „Arbeit“ auch das sonstige Leben aus dem Gleichgewicht gerät. Und das wird heute, in einer Zeit des unbedingten Vorrangs von Individualität gegenüber (abhängiger) Beschäftigung, so gut wie nie erzählt.

Zudem hat Franz mit diesem Band ihr zeichnerisch bislang ambitioniertestes Projekt verwirklicht. Keine Spur mehr vom Art-Brut-Charakter ihrer früheren Comics; hier ist der Strich von vollendeter rundlicher Gefälligkeit bei gleichzeitiger Abstraktion der Figuren zum ornamentalen Charakter der Ligne Claire. Wären nicht zwischen allen Kapiteln zwei Seiten mit einer Schlussvignette zum jeweils beendeten und einer Splash-Page zum darauf folgenden Abschnitt eingeschoben, die als Buntstiftzeichnungen an die alte Ästhetik von Aisha Franz erinnern,  könnte man den Wandel kaum glauben. Und selbst auf diesen Buntstiftseiten sind etwa detailliert angelegte Werbeplakate oder andere Hintergrunddetails zu finden, die belegen, was man ja schon immer wusste: dass Aisha Franz eine grandios vielseitige Zeichnerin ist.

Witzig, zynisch, satirisch – „Work Life Balance“ kann man in Deutschland derzeit nicht viel an die Seite stellen. Übersetzungen gab es schon einige von Aisha Franz’ Comics. Dieser hier dürfte aber das Potential zu einem internationalen Hit haben. Denn die geschilderten Probleme seiner Protagonisten sind überall in der digitalen Arbeitswelt gleich. Am Ende lauscht Frau Doktor Sharifi wieder den Einspielungen der Tastaturgeräusche. Und nichts ist gut. Alles ist beunruhigend.

19. Apr. 2022
von andreasplatthaus

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