Comic

Comic

Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

20. Jun. 2022
von andreasplatthaus
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Pink is beautiful

Ich mochte das Buch beim ersten Aufblättern nicht – zu viel zeichnerischer Dilettantismus im schlechteren Sinne, dachte ich. Aber die vielen Jahre als Comicleser haben mir eines klargemacht: Traue nie dem Auge allein, denn der hässlichste Comic kann eine gute Geschichte bieten, während etliche wunderschön aussehende bei der Lektüre zu erzählerischen Katastrophen werden. Und allemal lieber Ersteres als Letzteres.

Um es vorwegzunehmen: „Virus Tropical“ von Powerpaola gehört klar zur ersteren Kategorie. Und vor allem ist es alles andere als schlecht gezeichnet. Die Geschichte steht – die Zeichnerin erwähnt das selbst – in der Tradition der Comickunst von Julie Doucet, und wie die Kanadierin das Unmittelbare eines scheinbar unbeholfenen Strichs zum höchstpersönliche Ausdruck ihrer autobiographisch-feministischen Geschichten gemacht hat, so hält es auch die in Ecuador geborene Kolumbianerin Paola Gaviria, die unter ihrem Künstlernamen Powerpaola im argentinischen Buenos Aires lebt.

Eine Comiczeichnerin aus dem „globalen Süden“, wie der derzeit modische politisch korrekte, semantisch aber völlig sinnlose Begriff lautet. Dazu eine, die über ihr Leben erzählt, das 1977 in prekären Verhältnissen – eher familiär als finanziell – begann und sich dann in bewusster Opposition zu den Erwartungen der Eltern im jugendlichen Alter in Richtung Kunst entwickelte. Ein idealer Stoff, möchte man meine, aber „Virus Tropical“ wurde elf Jahre lang in Deutschland nicht beachtet, nicht einmal, als die Trickverfilmung des Albums 2018 auf der Berlinale lief, und jetzt hat sich auch keines der großen hiesigen Comichäuser seiner angenommen, sondern Tina Brenneisens Berliner Kleinverlag Parallelallee. Dort will Lea Hübner, die derzeit eifrigste Propagandistin und Übersetzerin des lateinamerikanischen Comics, eine ganze Reihe mit Werken aus diesem Weltteil begründen. „Virus Tropical“ macht den Anfang, der Umschlag in schreiendem Pink gehalten, 160 Seiten für neunzehn Euro (also ein Schnäppchen), und sollte der Band erfolgreich sein, gäbe es allein von Powerpaola noch sechs weitere Bücher zu übersetzen.

Wie „Virus Tropical“ im Inneren aussieht, kann man anhand der Leseprobe auf der Website von Parallelallee überprüfen (https://www.parallelallee.de/comics/virus-tropical/): sehr punkig, recht ungelenk, aber extrem expressiv. Zudem mit immensem Witz erzählt; allein schon der Titel ist ein Coup, denn er verdankt sich der Diagnose eines ecudaorianischen Arztes, als Paolas Mutter mit ihr schwanger war, was der Mediziner aber nicht erkannte. Warum allerdings der spanische Titel beibehalten wurde und nicht einfach „Tropenkrankheit“ als Übersetzung gewählt wurde, lässt rätseln. Wahrscheinlich soll es schön fremdartig klingen; so wird weiter fleißig am Exotismus gearbeitet, den doch sonst so eifrig bekämpft werden soll.

Dabei ist Paolas Geschichte wahrhaft global, nämlich allgemeingültig für junge Frauen in einer sich ehedem nur langsam wandelnden Gesellschaft. Mittlerweile verläuft der Wandel schneller, aber das verdankt sich der Offenheit, mit der Erzählerinnen wie Powerpaola auftreten. Es kann peinlich gewesen sein oder heroisch – dieser Comic vermittelt unbedingte Wahrhaftigkeit. Zudem lernt das deutschsprachige Publikum auch noch einiges übers Leben in Südamerika, was dann doch nicht so einfach verallgemeinerbar ist. Kein Wunder, dass es Paola Gaviria als Erwachsene auf andere Kontinente zog, nach Europa und Australien. Davon mehr, wenn die anderen Comics der Autorin auch noch übersetzt werden sollten.

In der Formensprache ihrer Erzählkunst hat sie Verwandte überall auf der Welt: Doucet in Kanada wurde schon genannt, in Deutschland wäre Birgit Weyhe zu erwähnen, in der Schweiz Simone F. Baumann, in Frankreich Nine Antico, in den Vereinigten Staaten Jessica Abel. Aber es gibt auch genug Männer, die diese rohe Ästhetik pflegen: Matt Konture, Baladi, Stéphane Blanquet, ja selbst bisweilen Jean Christophe Menu oder Manu Larcenet, um einmal nur französische Zeichner zu nennen. Wobei die Männer ihre ambitionierteren Geschichten gefälliger zeichnen, während sie den rauen Stil dem Schlichten vorbehalten. Das machen die Frauen anders: Bei ihnen ist das Ungeschönte Ausdruck ihrer Welterfahrung. Powerpaola ist dafür ein glänzendes Beispiel. Unbedingt lesen, auch gegen etwaige ästhetische Widerstände.

20. Jun. 2022
von andreasplatthaus
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13. Jun. 2022
von andreasplatthaus
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Russisch für diese Zeit

Nun könnten manche meinen, es ginge doch nicht an, in diesen Tagen einen russischen Comic zu lesen, geschweige denn zu loben. Zumal ich meiner Erinnerung nach noch nie einen russischen Comic gelesen habe, warum also ausgerechnet jetzt? Weil er genau über das Auskunft gibt, was wir gerade aus der Ukraine hören. Nicht politisch, nicht militärisch, aber menschlich. Es wird entsetzlich gelitten im Krieg, und genau davon erzählt der russische Comic „Surwilo“. Und nicht nur davon.

Aber erst einmal zurück: Wie kommt dieser Comic auf meinen Schreibtisch? Na ja, er ist von Avant, und dieser Verlag hat ein Händchen für Entdeckungen aus Kulturen, die nicht unbedingt als Erste in den Sinn kommen, wenn es um Comics geht. Von Avant habe ich schon phantastische südafrikanische Comics gelesen, norwegische, lateinamerikanische. Und jetzt kam „Surwilo“ von Olga Lawrentjewa. Warum nicht mal ein russischer Comic? So dachte ich, als er irgendwann vor dem 24. Februar bei mir eintraf. Und ehe er danach mit diversen anderen Büchern wochenlang unbeachtet liegen blieb, weil meine Aufmerksamkeit in Kriegszeiten anderswo gefragt war.

Neugierig auf „Surwilo“ wurde ich erst wieder, als die Nachrichten über die Ächtung russischer Kultur gar kein Ende mehr nehmen wollten. Und zu meinen Bildungserlebnissen zählen nun einmal zahlreiche russische Kulturleistungen, wenn auch nicht auf dem Feld der Comics. Bunin, Tschechow, Prischwin, Tolstoi, Babel in der Literatur. Tschaikowsky, Mussorgsky, Strawinsky, Rachmaninow, Schostakowitsch in der Musik. Repin, Kandinsky, Malewitsch, Exter, El Lissitzky in der Malerei. Sie alle haben mich nicht zum Russophilen gemacht und schon gar nicht zum Putinversteher, denn Kunst, die mir etwas bedeutet, öffnet die Welt, statt sie derart zu verschließen, wie es der russische Nationalismus und sein aktueller Adept an der Staatsspitze betreiben.

„Surwilo“ öffnet erst einmal die Augen und dann die Welt. Olga Lawrentjewa wurde 1986 in Leningrad geboren, und man darf in dem Mädchen, das in der Rahmenhandlung des Comics im Jahr 1997 mit ihrem Bruder und ihrer Großmutter auf Pilzsuche durch die Wälder streift, wohl die Autorin selbst erkennen, denn im Laufe der Erzählung wird sie später als junge Frau aufgefordert, all das in einem Buch festzuhalten, was die Großmutter ihren Enkeln bei den Streifzügen erzählt. So entwickelt sich die Familiengeschichte der Surwilos.

Wincenty Surwilo kam Ende des neunzehnten Jahrhunderts im überwiegend polnisch bewohnten Dorf Surwily zur Welt, das heute in Belarus liegt. Nach der Oktoberrevolution heiratete er eine Russin, mit der er vier Töchter hatte, von denen die beiden älteren noch im Kleinkindalter starben. Die jüngste Tochter wurde 1925 geboren und nach der toten Ältesten benannt: Walentina. Gemeinsam mit ihrer Schwester Jelena erlebte sie eine glückliche Kindheit, bis der Vater 1937, dem Jahr des Höhepunkts des Großen Terrors, als polnischer Verschwörer verhaftet und hingerichtet wurde. Aber von seinem Tod erfuhren seine Witwe und die beiden Töchter nichts.

„Surwilo“ erzählt von Walentina, und Walentina erzählt „Surwilo“. Lawrentjewa hat dafür eine eindrucksvolle Schwarzweißästhetik (Leseprobe unter https://www.avant-verlag.de/comics/surwilo/#cc-m-product-9100687520) entwickelt, in deren expressiven Seitenarchitekturen sich alles mischt: Stile und Personen, Realismus und Surrealismus, Wahrheit und Traum, Gut und Böse. Sie versteht sich auf die Kunst des Weglassens wie in jener Szene, in der Walentina als Krankenschwester während der deutschen Belagerung Leningrads die gefrorenen Leichen ihres Hospitals in einem Schuppen einlagern muss, weil sie nicht begraben werden können, und als am Ende von Seite 135 die Tür zum Schuppen geöffnet wird, folgt ein Schwarzbalken, und nach dem Umblättern sind wir bereits in einer anderen Szene. Und Lawrentjewa versteht sich auf die Kunst der Überraschung, denn vierzig Seiten später ist der Winter vorbei, und der Schuppen muss geräumt werden, und wieder wird am Ende einer Seite dessen Tür geöffnet, doch diesmal folgt nach dem Umblättern gleich eine ganze Seite mit dem Leichenhaufen darin. Lawrentjewa erspart uns nichts, doch es ist nie voyeuristisch.

Und ihre Sprache ist ein weiteres Wunder: so pathetisch und gefühlsbetont und dann wieder so lapidar und resigniert, wie es eben die Erzählung der Großmutter erfordert. Dass der Avant Verlag für die Übertragung ins Deutsche Ruth Altenhofer gewinnen konnte, die mit ihren Übersetzungen der Romane von Sasha Filipenko Furore gemacht hat, kann man angesichts der Qualität von Lawrentjewas Texten verstehen.

Das Zentrum der Geschichte gilt dem Leben im belagerten Leningrad, doch die wahre Wunde in Walentinas Leben ist das Schicksal ihres Vaters, dessen Verhaftung auch sie selbst zur Verfemten im Sowjetreich macht, so viel sie auch für ihre Mitmenschen tut. Erst die Tauwetterperiode unter Chruschtschow bringt die Rehabilitierung des Vaters, doch wie er geendet ist, das erfährt Walentina erst in der Perestroika. So ist „Surwilo“ ein großes Panorama der russischen Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts, dargeboten am Beispiel einer Familie, und man lernt daraus, was der Krieg und die Selbstherrlichkeit eines politischen Systems den Menschen antun.

Als sich am Ende des Comics Walentinas Tochter – die den Namen Jelena erhalten hat nach der Schwester, die den Krieg nicht überlebt hat, womit Walentina das Erinnerungsprinzip fortführte, das ihr selbst den eigenen Namen beschert hatte – und deren beide Kinder auf die Spuren der Vergangenheit begeben, laufen in ihrem Autoradio Nachrichten über Russlands damaligem Krieg in der Ost-Ukraine, doch die Meldung bricht ab, als dürfte in diesem russischen Comic nicht über ein Unrecht gesprochen werden, das fortsetzt, was zuvor im Rückblick auf die Zeitgeschichte angeprangert worden war. So ist dieser ganz persönliche Comic auch ein politischer für jene Leser, die ihre offenen Sinne bewahrt haben. Und ein Ärgernis nur für solche, die sich allem verschließen, was ihren Klischees widerspricht.

13. Jun. 2022
von andreasplatthaus
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07. Jun. 2022
von andreasplatthaus
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Zwischen Gothic und Groteske

Der Berliner Schaltzeit Verlag ist jahrelang in meiner Wahrnehmung vor allem damit hervorgetreten, dass er die Jahresbände des fabelhaften Karikaturisten Klaus Stuttmann herausbrachte – und dann zum Ende der Ära Merkel auch dessen Band mit lauter Karikaturen der Kanzlerin. Comics aber fehlten lange im Programm, bis sich der ebenso rührige wie geschmackssichere Verleger Andreas Illmann vor zwei Jahren die Übersetzungsrechte an Steven Applebys sagenhaft komischer und kluger Geschichte „Dragman“ sicherte. Der resultierende Band brachte Illmann erst so richtig auf den Geschmack (auch wenn die Verkaufszahlen für ein derartiges Meisterwerk beschämend fürs deutschsprachige Publikum sind), und er sah sich mit Unterstützung der „Dragman“-Übersetzerin Ruth Keen weiter auf dem englischen Comicmarkt um. Die Folge: Andi Watsons 2019 erschienener Band „The Book Tour“ ist nun auf Deutsch erhältlich: „Die Lesereise“.

Wer sich unter diesem Titel eine sichere Einschlafhilfe durch Langeweile bei der Schilderung von Wasserglaslesungen erwartet, liegt falsch. In Watsons Buch wird gemordet, dass es eine Unart ist. Und immer in er Nähe der Leichen ist der erfolglose Schriftsteller G.H. Fretwell, der mit seinem neuen Roman „Ohne K“ gerade auf Lesereise. Bald ist er Hauptverdächtiger und gejagt von der Polizei. Und weiter pflastern Leichen seinen Fluchtweg.

Das klingt nach Spannungsliteratur, aber auch das wäre falsch. Denn dieser noch relativ junge Mr. Fretwell ist ein Geistesverwandter Kafkas (bei seinem Romantitel ja auch nicht verwunderlich) und tritt reichlich lebensuntüchtig und sozialgestört auf. Dazu zeichnet Watson ihn wie eine Abziehbildfigur (Leseprobe unter https://www.schaltzeitverlag.de/graphic-novels/die-lesereise/), was wiederum den Anschein erweckt, alles wäre so klar wie diese simplen Linienführung. Ist es nicht, man schwankt ständig zwischen Groteske und Gothic. Und selbst die Panel-Rahmen sind so zittrig gezeichnet, als gäbe es nirgendwo festen Grund in dieser Geschichte.

Genauso ist es auch, und das ist wiederum die Schwäche der Geschichte. Watson hat eine Karikatur aus seinem Schriftsteller gemacht (mag sein, dass das für Schaltzeit ein gewichtiges Argument war), aber diesem Tölpel will man denn auch keine Sympathie zukommen lassen. „Die Lesereise“ ist wie ein Versuchsaufbau in sozialer Kälte erzählt, und die karge Schwarzweiß-Ästhetik unterstützt diesen Eindruck noch. Dazu ist die Handlung in einer Zeit angesiedelt, die unbestimmt bleibt, jedenfalls aber lange vor dem Digitalzeitalter. Schnurtelefone stehen in den Hotelzimmern, und Autos auf den Kopfsteinpflaster der englischen Städtestationen der Lesereise? Fehlanzeige! Natürlich passt der Parabelcharakter zum beschworenen Vorbild der Literatur von Kafka, aber es ist ja kein Zufall, dass der illustrierte Bücher ganz scheußlich fand. Seine Bilder wollte er im Kopf erzeugen.

Was wieder einmal wunderbar zu lesen ist, sind Ruth Keens Texte. Gut, sie hat einen Vorteil: Normale Comic-Übersetzungen verlangen wegen des klar definierten Sprechblasenraums äußerste Wortökonomie, Watson dagegen stellt seine Dialoge frei in den Raum über die jeweiligen Ventile, womit Keen so viel Platz hat, wie das Panel eben bietet. Aber dass sie die lapidare Sprache des Originals so gut trifft, ist nicht selbstverständlich. Zumal Watson seine Figuren wenig sprechen lässt, und das macht die Aufgabe, für sie einen spezifischen Ton zu finden, eher kompliziert. Trotzdem wünschte man sich für das Engagement von Verlag und Übersetzerin andere Vorlagen. Wäre doch das Werk von Tom Gauld noch nicht vergeben … Andererseits gibt’s von dem noch so viel, was fehlt …

07. Jun. 2022
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30. Mai. 2022
von andreasplatthaus
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Körperhorror und Psychoterror

Wie steht es um die längsten Wartefristen auf die Fortführung des Werks berühmter Comickünstler? Gut, niemand weiß, wie lange wir wirklich auf die Fertigstellung von Hergés „Alpha-Kunst“ hätten warten müssen, wenn der Vater von „Tim und Struppi“ nicht nach acht Jahren Arbeit daran gestorben wäre. Und André Franquin hatte zwar nach 1968 bis zu seinem Tod fast dreißig Jahre lang kein eigenes Album mit einer ganzen Geschichte mehr gezeichnet, doch immerhin trat er immer wieder mit Einzelepisoden von „Gaston“ oder später den „Schwarzen Gedanken“ hervor und schrieb für andere Zeichner längere Szenarios. David Mazzucchelli wiederum ließ zwischen „City of Glass“ und „Asterios Polyp“ fünfzehn Jahre verstreichen und scheint gerade einen neuen Anlauf zu einer Rekordwartefrist zu nehmen, denn das Publikationsdatum letzteren Bandes liegt heute auch schon wieder dreizehn Jahre zurück, ohne dass etwas Neues in Sicht wäre. Und dann Julie Doucet, die anno 2000 verkündet hatte, Comics zu zeichnen, und erst im vorvergangenen Jahr diesem Vorsatz wieder untreu wurde. Das ist Rekord, soweit ich es sehe.

Gesetzt hatte ich allerdings eher auf Barry Windsor-Smith. Auf dessen vielbeschworenen Band „Monsters“ warteten seine Anhänger noch viel länger; nämlich schon seit 35 Jahren, als ruchbar geworden war, dass der amerikanische Superheldenzeichner an einer neuen Ursprungsgeschichte für die populäre Marvel-Figur The Incredible Hulk schrieb, die als Quelle für dessen fabelhafte Kräfte ein bestialisches Menschenexperiment der Nazis etablieren wollte. Der Comic erschien indes nie, und von Windsor-Smith war seit 2005 auch nichts mehr zu lesen. Damals war „Wildstorm Rising“ herausgekommen. Doch er brachte es dann nur auf eine Pause von sechzehn Jahren, denn im vergangenen hat Windsor-Smith tatsächlich „Monsters“ fertiggestellt und beim amerikanischen Verlag Fantagraphics veröffentlicht. Darin ist jedoch vom Hulk nur noch die unförmige Gestalt des Protagonisten Bobby Bailey übriggeblieben.

Der ist ein Monster, wie man es sich vorstellt, und ganz in der frankensteinschen Tradition auch eine tragische Figur: Waisenkind und als Erwachsener missbraucht von der amerikanischen Armee, die bis in die sechziger Jahre hinein fortführt, was die Nazis im Zweiten Weltkrieg begonnen hatten, kräftig unterstützt dabei von einem gewissen Oskar Friedrich, den man aus seinem deutschen Höllenlabor über den Atlantik gebracht hat, wo er dann Karriere machen wird – Ähnlichkeiten zu Biographien bedeutender Wissenschaftler in den Nachkriegszeit sind keineswegs zufällig. Auch Friedrich ist ein Monster, allerdings im moralischen Sinne, aber das ist für Windsor-Smith die viel monströsere Deformation, und an ihr leiden diverse Figuren seiner Geschichte. Der deutsche Titel „Monster“ bringt das im Gegensatz zum Original leider nicht zum Ausdruck, weil unsere arme Sprache für den Plural dieses Worts nicht einmal ein „s“ übrig hat. Man könnte meinen, es ginge nur um das eine Monster, und die abstoßende Coverzeichnung verstärkt diesen Eindruck.

Immerhin mag sie als Warnung dienen: Wer schwache Nerven hat oder auch einen schwachen Magen, der spare sich die Lektüre dieses mehr als dreihundertsechzigseitigen Exzesses, in dem elichen Menschen denkbar übel mitgespielt wird. Es beginnt gleich mit einer familiären Kindesmisshandlung in einer Kleinstadt im Bundesstaat Ohio im Jahr 1949, deren Opfer der damals neunjährige Bobby Bailey ist, dessen beide Eltern da noch leben (aber nicht mehr lange). Die Leseprobe (https://www.cross-cult.de/titel/monster.html) zeigt die immense Sorgfalt, die Windsor-Smith seinen Schwarzweiß-Tuschezeichnungen angedeihen ließ, aber irgendeinen Grund müssen sechzehn Jahre Arbeit ja gehabt haben. Wobei es auch längere Verschnaufpausen gegeben haben mag, um sich selbst vom geschilderten Psychoterror zu erholen. Oder um weitere Steigerungen von dessen Intensität auszuhecken, denn eines kann man offen sagen: Es wird den Beteiligten immer schlimmer mitgespielt, obwohl es schon ziemlich schlimm losgeht.

Wobei ein weiterer Grund für die verschleppte Fertigstellung gewesen sein mag, dass 1997 schon ein anderer Comic erschienen war, der in seiner inhaltlichen und graphischen Drastik manches vorwegnahm, was Windsor-Smith plante: „A History of Violence“ von John Wagner und Vince Locke, berühmt geworden durch David Cronenbergs spätere Verfilmung, die aber gegen das gezeichnete Original ein Wiegenlied ist (und das bei einem Meister des body horror wie Cronenberg!). Man kann schwer umhin, bei der Lektüre von „Monsters“ nicht daran zu denken, und so dürfte es Windsor-Smith auch gegangen sein. Zumal beide Comics psychoterroristische Porträts von Familien bieten. Bei Wagner und Locke allerdings kommt der Schrecken von außen, damit die Familie gegen ihn antreten kann, während Windsor-Smith alles heimelig Familiäre bei den Baileys kollabieren lässt, nachdem erst das Böse be ihnen eingedrungen ist.

Was wäre indes ein amerikanischer Comic ohne ein Hohelied auf die Familie? Also gibt es auch noch die McFarlands, eine schwarze Familie aus Los Angeles, die unglücklich ins Elend der Baileys verstrickt ist. Mit ihnen kommt ein übersinnliches Element ins Spiel, das zu einer erstaunlichen Schlusspointe führt. Man mag sie tröstlich nennen, aber zuvor sind auch zu viele Rachephantasien ausgelebt worden, als dass der metaphysische Schluss noch als happy ending durchgehen könnte.

Man merkt Windsor-Smiths moralischem Kompass die narrative Herkunft aus dem Superheldengenre jederzeit an. Wie auch die ästhetische Herkunft aus den siebziger Jahren, als Kollegen wie Bernie Wrightson oder Moebius die Zeichenkunst der Comics auf ein nie zuvor gekanntes technisches Niveau führten. Dadurch wirkt Windsor-Smiths „Monster“ heute aber wie aus der Zeit gefallen, und auch die Klischees der Handlung entsprechen genau denen, die damals üblich waren. Der Vietnam-Krieg hatte dystopische Stoffe populär gemacht, und an die amerikanische Unschuld glaubte niemand mehr, nicht einmal im Comicgeschäft. Ein halbes Jahrhundert später wirkt das nun eher anachronistisch.

Trotzdem hat der Verlag Cross Cult eine Herkulesleistung mit der deutschen Publikation vollbracht: kiloschwer, Überformat, sogar ein – hier sehr sinnvolles – Lesebändchen. Schon der Übersetzungsaufwand des arg geschwätzigen Comics war enorm, und zudem gibt es im Original etliche deutsche Textpassagen, die hier natürlich nur durch typographische Markierung angedeutet werden konnten. Dabei hatte Windsor-Smith doch ganz zu Beginn noch die wunderbare Idee, Bobbys gewalttätigen Vater in Frakturausschnitten brüllen zu lassen, um dessen Traumatisierung durch seine Erlebnisse als amerikanischer Soldat im Deutschland anzudeuten. Aber wer könnte schon darauf setzen, dass Leser in den Vereinigten Staaten ganze Dialoge in Fraktur lesen würden (und heute würde das wohl auch etlichen hiesigen Lesern Probleme bereiten; erstaunlich, dass dieser Kunstgriff bei „Asterix und die Goten“ immer noch beibehalten wird), also wird diese auch graphisch brillante Idee leider bald wieder aufgegeben.

Die Schneelandschaften des winterlichen Ohio im Jahr 1965 sind meisterlich ins Bild gesetzt, und auch den düsteren Bildern kann man die Qualität nicht absprechen, aber über die Handlung sollte man lieber nicht zu genau nachdenken. Dafür, dass sich die deutsche Übersetzung am Schluss einmal drastisch mit dem Datum des Geschehens vertut, kann Windsor-Smith zwar nichts, aber dass er die 1945 in Deutschland spielende Passage seines Comics im Juni ansiedelt, als Hitler schon einen Monat tot war, aber im Comic immer noch Nazi-Größen nach einem Führerbefehl handeln wollen, weil sie in der Ortschaft Schongau noch nicht von der US Army überrollt worden sind, das ist einfach nur sinnloser Quatsch. Auch andere chronologische Fehler kann man finden, bei denen sich nicht einmal die Frage nach Plausibilität stellt. Da nahm sich jemand sechzehn Jahre Zeit für seine Geschichte und produziert dann einen derartigen völlig unmotivierten Humbug. Liest niemand mehr Korrektur in den Comicverlagen dies- und jenseits des Atlantiks? Aber wahrscheinlich wollte man die Wartezeit nicht noch einmal verlängern. Schade, es wäre eine plausiblere Geschichte herausgekommen. Und womöglich ein neuer Wartewelrekord.

30. Mai. 2022
von andreasplatthaus
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23. Mai. 2022
von andreasplatthaus
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Freude an diesem Weltuntergang

Erst vor wenigen Wochen kam der Spielfilm „Tove“ in die deutschen Kinos, ein Biopic über die legendäre finnische Zeichnerin und Autorin Tove Jansson (1914 bis 2001). Leider ging das zauberhafte Werk an der Kinokasse unter, aber das passt durchaus zu Jansson, die es auch nicht leicht hatte mit ihrer Kunst. Und die vom Untergang fasziniert war. Das zeigt schon der erste Comic, den sie gezeichnet hat. Er erschien 1947 und hieß „Mumintrollet och jordens undergang“ – Mumin und der Weltuntergang.

Nie gehört? Hatte ich bis vor zehn Jahren auch nicht. Da besuchte ich das Mumin-Museum im finnischen Tampere und kaufte dessen schwedischen Katalog (Jansson gehörte zu jener großen Bevölkerungsgruppe in Finnland, die Schwedisch spricht). Darin war die Geschichte abgedruckt. Dagegen fehlt sie in der immerhin achtbändigen Gesamtausgabe der Mumin-Comics, die vor ein paar Jahren auf Deutsch im Reprodukt Verlag erschienen sind. Der Grund dafür ist einfach: In der als internationale Kooperation erstellten Gesamtausgabe wurden nur diejenigen Comics berücksichtigt, die Jansson von 1952 an für die englische Tageszeitung „The Evening Star“ gezeichnet hat und die den Ruhm der Autorin in Großbritannien und den Vereinigten Staaten begründete.

In Deutschland sah es damit schlechter aus, aber wenn Kristina Maidt-Zinke in ihrem sehr persönlich gehaltenen Nachwort zu der gerade publizierten deutschen Erstübersetzung von „Mumin und der Weltuntergang“ behauptet, Janssons Figuren seien hierzulande „eher selten anzutreffen“, kann ich genauso persönlich dagegenhalten, dass nicht nur ich selbst mit Mumin-Büchern aufgewachsen bin, sondern auch meine Frau und einige meiner besten Freunde. Vielleicht sind Mumin-Leser nur einfach nicht so mitteilungsfreudig betreffs ihrer Faszination wie etwa Donaldisten (ich weiß, wovon ich rede). Dabei sind beide Gruppen ziemlich deckungsgleich.

Nun aber zum Comic. Der entstand für die schwedischsprachige Wochenzeitung „Ny Tid“, die Janssons zeitweiser Geliebter Atos Wirtanen in Helsinki herausbrachte (beider wunderbar zögerliche Liebesgeschichte ist im Film „Tove“ ausgiebig Thema). Jansson hatte noch nie zuvor Comics gezeichnet, aber ihre ersten beiden Mumin-Bücher hatte sie mit Illustrationen versehen; über die Figurengestaltung musste sie also nicht mehr nachdenken. Für die Geschichte wählte sie den Inhalt ihres zweiten Buchs, „Komet im Mumintal“, allerdings ist in den 26 Comic-Episoden einiges anders geworden. Die Handlung ist kürzer erzählt (jede wöchentliche Folge hatte nur sechs Bilder, und das Buch umfasste immerhin an die zweihundert Seiten), und es gibt trotzdem mehr Figuren. Denn Jansson hatte ebenfalls 1947 „Eine drollige Gesellschaft“ geschrieben, ihr drittes Mumin-Buch, und das wurde im Gegensatz zu „Komet im Mumintal“, dessen apokalyptischer Inhalt beiden Eltern des potentiellen Publikums wenig Anklang fand, ein großer Erfolg. Also wurde das darin erweiterte Figurenensemble auch im Comic eingesetzt, vor allem das verschworene Kinderpaar Tofsla und Vifsla mit ihrer Geheimsprache – ein schon an den Namen erkennbares Selbstporträt der mittlerweile begonnenen lesbischen Liebesbeziehung von Tove Jansson zu Vivica Bandler. (Wenn das die Eltern des potentiellen Publikums gewusst hätten!)

In diesen Geschichten steckt also viel drin, aber – zur Beruhigung der Eltern … – das muss man gar nicht alles wissen. Denn was zählt, vor allem für Kinder, ist die im Wortsinne phantastische Erzählweise. Man fühlt sich geborgen, selbst wenn es um den Weltuntergang geht. Bezeichnend jene Comic-Episode, in der Muminvater nervös auf die Rückkehr seines Sohnes wartet, der Titelfigur des Mumintrollet (im Deutschen nur Mumin): „Mein Sohn wird niemals rechtzeitig zum Weltuntergang nach Hause kommen!“ Die Sorge gilt dem Zuspätkommen, nicht dem Schreckensereignis.

Solche grandiosen Dialoge sind allerdings nicht in Sprechblasen angelegt, sondern stehen unter den Bildern – Jansson war anfangs noch einer kontinentaleuropäischen Comictradition verpflichtet, die wie für Bilderbücher arbeitete. Erst als sie für den englischsprachigen Markt tätig wurde, schwenkte sie auf Sprechblasen um, und dazu mussten ihre Auftraggeber sie mehr oder weniger zwingen. Gut gemacht, denn die späteren Comics sehen schon noch etwas besser aus.

Wobei „Mumin und der Weltuntergang“ nicht nur der inhaltlichen Übernahme aus der Buchreihe wegen viel näher am Geist des „Mumin“-Zyklus ist als die eher satirischen Comic-Strips. Tove Jansson packte ihre ganze Liebe zu den Dingen in ihre Bücher, und plötzlich merkt man, dass es die Materialisten sind, nicht die religiösen Metaphysiker, die am Erhalt der Welt wirklich interessiert sind, denn sie haben ja kein Himmelreich, aus das sie bauen können. Die Mumins sind Materialisten und deshalb umweltbewusst. Und gebildet; zur Vorbereitung aufs Kommende liest eine Figur Oswald Spenglers „Untergang des Abendlandes“. Das fehlt übrigens in „Komet im Mumintal“; Jansson hat bei der Konzeption ihres Comics nicht nur bei der Figurenzahl zugelegt. Und die Insinuation Maidt-Zinkes, die Autorin könnte vorzeitig zum Abbruch der Serie gezwungen worden sein, ist natürlich Quatsch. Die Geschichte ist zu Ende erzählt, und zwar gerade am Ende, das sich am stärksten von der Buchvorlage unterscheidet, in großer Ausführlichkeit, und 26 Episoden entsprechen genau einem halben Jahr Publikationszeit – typischer Fall einer Vereinbarung mit Zeitungen.

(Einschub nach einer freundlichen Mail von Janne Wass, Redakteur von “Ny Tid”: Kristina Maidt-Zinke hat offensichtlich recht mit ihrer Einschätzung, und meine Vermutung war Quatsch. Tatsächlich sei Jansson von Wirtanen gwebten worden, ihre Serie früher als geplant zu beenden, weil die Leser des kommunistisch ausgerichteten Blattes die Mumin-Familie als “zu bürgerlich” empfanden. Allerdings wurde der Zeichnerin so viel Zeit eingeräumt, dass sie ihre Geschichte abrunden konnte. “Dass die Sache nicht übereilt wirkt”, schreibt Janne Wass, “zeigt Janssons Fähigkeiten als Erzählerin.” Da hat er recht, wobei ich immer noch gerne wüsste, warum Jansson dann zu Beginn so viel von der Buchvorlage entfallen ließ und am Ende eher noch ergänzte. Aber womöglich erfolgte die Reaktion des Publikums ja so rasch, dass alles ganz neu konzipiert werden musste – im dann vorgegebenen neuen Zeitraum. Spannende Frage jedenfalls. Leider weiß ich nicht, ob es einen erhaltenen Briefwechsel zwischen Jansson und Wirtanen gibt.)

Ort der deutschen Publikation dieses Kleinods ist der Schünemann Verlag, der wenig Ahnung von Comics hat, weshalb auf der Website https://www.schuenemann-verlag.de/buchverlag/neu/mumin-und-der-weltuntergang.html auch keine Leseprobe zu finden ist; anschauen kann man sich einige Folgen aber auf http://www.saunalahti.fi/trygvsod/slammer/2007/Tove-Jansson-En-lycklig-serietecknare.html, und dass sie dort nur auf Schwedisch zu sehen sind, ist insofern sogar gut, weil auch die deutsche Ausgabe die janssonsche Handschrift in den Comics (und damit auch den schwedischen Text) unverändert lässt, um das harmonische optische Erscheinungsbild nicht zu zerstören, und die Übersetzung darunter abdruckt. Untypisch auch das, aber angesichts der philologisch sorgfältigen Edition durchaus ansprechend. Es ist ein wirklich schönes Buch. Und mit besonderer Freude konnte ich feststellen, dass in meinem Katalog aus Tampere ein paar Episoden vom Beginn der Geschichte gefehlt haben.

Zu verdanken ist das Buch der janssonbegeisterten Herausgeberin Barbara Müller und dem Mumin-Fanatiker Christian Panse, der die wortgetreue deutsche Übersetzung besorgte. Wie gut die von der Atmosphäre her ausfällt, habe ich daran gemerkt, dass ich mich bei der Lektüre sofort wieder in die Geborgenheit meines Kinderzimmers zurückversetzt fühlte, wo ich mit der „Drolligen Gesellschaft“ lesen lernte. Und natürlich auch schauen, denn Janssons Bilder sind von unglaublicher Expressivität bei scheinbarer Naivität. Schauen und Staunen sind da eins.

 

 

23. Mai. 2022
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16. Mai. 2022
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Sex moves

Eine Fahrt mit der transsibirischen Eisenbahn? Derzeit wohl nicht sehr wahrscheinlich. Aber natürlich ein Sehnsuchtsmotiv aller Eisenbahn- und Einsamkeitsfreunde. Wobei Bernadette Schweihoff beides nicht ist. Es ist ihr Freund, der ihr so lange mit der Idee in den Ohren gelegen hat, bis sie endlich zustimmte. Und das hat sie getan, weil sie sich mit ihm zusammen am glücklichsten fühlt – vor allem in der wechselseitigen sexuellen Verwirklichung. Also nix mit Einsamkeit. Warum das hier erzählt wird? Weil es zentral für den Comic „Treiben – Unterwegs mit der Transsibirischen Eisenbahn“ ist. Der Haupttitel ist eindeutig zweideutig.

Es geht wild zu in Sibirien; der Schnee treibt. Aber noch wilder geht es zu im Abteil, da treiben es die Ich-Erzählerin und ihr Freund, gerne direkt vor dem Fenster: Die Lust am Risiko der Überraschung des Paars durch Schaffner, Passagiere, Passanten (Letztere natürlich nur während der – allerdings stundenlangen – Aufenthalte an Bahnhöfen) ist spür- und sichtbar. Dadurch ist der Comic viel mehr Psychogramm als Reisereportage, obwohl Bernadette Schweihoff großartige Landschaftspanoramen zeichnet (hier anzusehen: https://www.editionmoderne.ch/buch/treiben/) und auch Innenansichten des Zuges, die einen buchstäblichen mitnehmen in die Enge des Abteils oder der Waschräume. Und bisweilen geht es hinaus in die Kälte, denn die Fahrt wird im Winter gemacht. Dementsprechend leer ist der Zug und lang sind die Nächte – ganz so wild auf Entdeckung ist das verliebte Paar also wohl doch nicht.

Nun eine Warnung für Voyeure: Es geht zwar zur Sache, aber das Sexuelle spielt sich vor allem im Kopf ab. Und so bekommen wir auch einen Einblick in (weniger Anblick von) Obsessionen, die in der Berliner Clubszene ihren Ausdruck finden, namentlich den KitKatClub. Zugeschrieben ist der Comic „allen, die in meine Welt eintauchen wollen“, und in der rücksichtslosen Offenheit sich selbst gegenüber merkt man den Einfluss von Ulli Lust an, die nicht nur den Band als Bachelorarbeit betreut, sondern auch mit „Der letzte Tag vom Rest deines Lebens“ das Muster für diese Art von autobiographischer Freiheit vorgegeben hat.

Verlegt worden ist der Band bei der Edition Moderne, und das nach Matthias Gnehms Comic in der vergangenen Woche nun schon wieder ein  Produkt dieses Hauses hier vorgestellt wird (wenn auch nach monatelanger Inkubationszeit), liegt daran, dass auch Schweihoffs „Treiben“ eine kongeniale Form gefunden hat, die sich den Verlagschefs und -gestaltern Claudio Barandun und Julia Marti verdankt – bis hin zur Klappe, die das ganze Werk einhüllt wie ein Cache-sexe (dies allerdings wohl eher ungewollt). Und der Titelschriftzug „Treiben“ ist mit Glanzprägung derart versehen, dass man durch die selbst wie verweht gestaltete Typographie auf eine schillernde Schneefläche zu schauen scheint.

Viele Wort werden nicht gemacht in „Treiben“. Viele stimmungsvolle Bilder schon, gehalten in kalten , meist monochromen Buntstiftzeichnungen. Und damit erzählt Bernadette Schweihoff denn doch auch einiges über Russland, wenn auch aus einem Abstand von mehr als drei Jahren zur damaligen Reise. Und sei es nur das Erstaunen der Russen, mit denen die beiden Reisenden im fernen kalten Osten sprechen, darüber, dass zwei Berliner sich freiwillig dorthin begeben. Man wolle doch eher nach Berlin. Diese Sympathie macht allerdings keine Hoffnung im Hinblick auf die Gegenwart. Enttäuschte Träume sind ein Treibsatz für Kompensation. Schön also, dass sich für Bernadette Schweihoffs Partner der eigene Eisenbahntraum erfüllt hat.

 

16. Mai. 2022
von andreasplatthaus
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09. Mai. 2022
von andreasplatthaus
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Dieser Comic spaltet unsere Erwartungen

Eigentlich musste man diese Comicbesprechung mit einem Spracherkennungsprogramm anfertigen, dann wüsste man, was der Schriftsteller Markus Hug leistet. Er diktiert auf diese Weise seine Romane. Sehr erfolgreich ist er damit noch nicht, aber sehr modern – erstaunlich genug für einen eher Skeptiker gegenüber sozialen Medien, aber auch passend, denn Hug ist ein introvertierter Mensch. Mit seiner Partnerin Annina hat er einen neugeborenen Sohn, und das strapaziöse Kleinfamilienleben zehrt an den Nerven der beiden Erwachsenen. Zumal sie in Zürich wohnen, keinem billigen Pflaster. Konflikte sind unvermeidlich.

Allerdings keine besonders ungewöhnlichen. Wieso erzählt dann der Schweizer Comicautor Matthias Gnehm mehr als dreihundert Spalten lang davon. Spalten? Ja, denn ungewöhnlich ist zumindest schon einmal die Form dieses Comics namens „Gläserne Gedanken“. Gnehm wollte von Beginn an so zeichnen, dass man die Geschichte vertikal liest, als spiele sie sich auf einem Smartphone-Bildschirm ab. Unter http://www.glaesernegedanken.editionmoderne.ch/ kann man sie auch genauso in voller Länge lesen. Nur wie druckt man das, wenn man auch noch ein Buch haben will?

Die Edition Moderne ist seit einiger Zeit nicht nur durch exzellente Comics, sondern auch innovative Gestaltung auffällig. So hat sie Gnehms neues Werk in Kalenderbindung hergestellt: Man hält also einen Comic wie einen kleinen (eben smartphonegroßen) Kalender in der Hand, reißt allerdings nicht Blatt für Blatt ab, sondern blättert sie nach oben weg, so dass man die Bilder in Spaltenabfolge betrachtet. Bisweilen wird keine Rücksicht auf vollständigen Abdruck am unteren Blattrand genommen, aber dann ist das Bild eben noch einmal ganz auf der Folgeseite zu finden. Originalität erfordert eben gewissen optische Zugeständnisse. Und die Illusion, dass man eine nach unten fortlaufende Geschichte liest, wird so aufs Schönste gewahrt.

Geht es auch inhaltlich ständig nach unten? Das könnte man meinen, wenn man die eskalierende Entfremdung zwischen Markus und Annina sieht. Zumal, als der neue Freund einer alten Bekannten auftaucht, der in seiner Softwarefirma an der Konstruktion eines Spracherkennungsprogramms arbeitet, das gar nicht mehr darauf angewiesen sein soll, Texte aussprechen zu lassen. Vielmehr verheißt die Idee eine Art Gedankenlesung. Science-fiction? Wie sich am Ende erweist, nein. Aber was das wiederum heißt, möge man bitte selbst nachlesen.

Es tut auch recht wenig zur Sache, denn Gnehm interessiert sich für die Psychologie seiner Figuren. Und die ist beklemmend geschildert; man wünschte sich „Gläserne Gedanken“ als Theaterstück, so nah kommt man den Handelnden. Künstlerattitüden, Postschwangerschaftsdepressionen, Großmannssucht und Verschwörungsglaube – alles spielt hier nicht nur hinein, sondern wird geradezu ausbuchstabiert. Auch durch die gnehmsche Graphik, die in tiefem Grau gehalten ist und immer wieder Nacht- und sonstige Dunkelszenen zwischenschaltet, in denen man genauso im Düsteren tappt wie Markus und Annina.

Gewöhnungsbedürftig ist die Textgestalt: zwischen den Panels und in geradezu provozierend sachlicher Groteskschrift; nur bisweilen deuten Ventile und Blasenlinien an, dass es sich um wörtliche Rede oder Gedanken handelt. Das Publikum muss hier aufmerksam hinschauen und mitlesen, um zu folgen, und ein einfaches Hineinblättern funktioniert nicht. Das ist aber etwas sehr Gutes, wie „Gläserne Gedanken“ überhaupt sehr gut ist. Wenn auch gewöhnungsbedürftig. Und so deprimierend es ist: Ich habe es lieber im Netz als auf Papier gelesen. Eine mutige Entscheidung von Autor und Verlag, diese elektronische Gratisversion anzubieten. Es zeigt, wie wichtig Gnehm die Form ist.

09. Mai. 2022
von andreasplatthaus
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02. Mai. 2022
von andreasplatthaus
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Bei diesem Band geht es ums nackte Leben

Vor zwei Wochen habe ich an dieser Stelle einen kleinen Einblick in meine Comicregale gewährt, als ich auf die Heftproduktionen von Aisha Franz zu sprechen kam. Die stehen, formatbedingt, in einem niedrigen Fach ganz unten. Diesmal wanderte mein Blick einen Raum weiter an den Regalen ganz hoch, zu den italienischen Comic-Autoren und speziell zu Gipi. Ich kam ins Staunen, wie viel da steht. Und umso mehr staunte ich, dass „Una storia“ noch nicht darunter war.

Nicht als Übersetzung, die ist nämlich ganz neu, gerade bei Avant, der deutschen Heimat von Gipis Comics, erschienen, in der gewohnt eleganten Übertragung von Myriam Alfano, die sich zur Stammkraft entwickelt hat, wenn es um italienische Comicmeisterwerke geht, die ins Deutsche gebracht werden sollen (von Igort, Alessandro Tota, Manuele Fior oder eben Gipi). Aber als ich „Eine Geschichte“, wie der Titel in unserer Sprache lautet, aufschlug, sah ich, wann das Original erschienen ist: 2013. Habe ich wirklich neun Jahre lang auf einen wichtigen Gipi-Band gewartet, ohne ihn zumindest auf Französischen zu kaufen (das ich besser lese als Italienisch)?

Offenbar ist dem so, es gibt keine Spur von „Una storia“ in dem runden Dutzend Gipi-Comics oben im Regal. Dabei ist dieser Band selbst im Vergleich mit „Nachtaufnahmen“ (Gipis erstem erfolgreichen Buch von 2003, übersetzt 2005), „5 Songs“, „S“ oder „Die Welt der Söhne“ ein Ausnahmefall. Denn noch konsequenter als andere seiner Comic vereint „Eine Geschichte“ alles, was Gipi beherrscht – und das ist viel. Der Mann kann malen, zeichnen sowieso (und zwar sowohl in kargem Schwarzweiß als auch mit opulenten Farben) und vor allem erzählen. Letzteres tut er so persönlich, dass man bei jeder Geschichte Autobiographisches im Hintergrund vermuten möchte. Und allemal bei „Eine Geschichte“, die von einem Autor in der Midlife-Crisis erzählt.

Gipi, eigentlich Gian Alfonso Pacinotti (Gipi steht für die italienisch-phonetische Aussprache von G.P.), ist Jahrgang 1963, war also bei Erscheinen von „Una storia“ exakt so alt, wie Silvano Landi, der Protagonist dieses Comics. Den hat seine Frau verlassen, zur gemeinsamen Tochter gibt es auch nicht mehr viel Kontakt, und zu allem Überfluss läuft Landi eines Nachts nackt und orientierungslos durch die Gegend, was ihn in die Psychiatrie bringt. Wie es ihm dort er- und wie man mit ihm umgeht, kann man in der deutschen Leseprobe verfolgen: https://www.avant-verlag.de/comics/eine-geschichte/#cc-m-product-9100721620, die dann auch jenes Potpourri an Zeichenstilen dokumentiert, das Gipi hier zur Anwendung bringt.

Selbstverständlich haben alle diese Stile jeweils eine narrative Funktion. Schwarzweiß, bisweilen blau angefärbt, wenn’s um die traurige Gegenwart geht, während die prachtvoll aquarellierten Farbräusche den Erinnerungen von Landi entstammen – und wenn sie später kalt und grau werden, dann sind wir in der Zeit des Ersten Weltkriegs angelangt, als der Urgroßvater des nervolabilen Autors in den Schützengräben kühlen Kopf bewahrte und sich aus einer aussichtslosen Situation rettete. Die Briefe dieses Vorfahren an dessen Frau hat Landi gelesen, und er wollte eine Geschichte daraus machen. Und siehe da: Wir lesen sie in Gipis „Eine Geschichte“.

Solche metafiktionalen Tricks sind ein alter Hut, aber Gipi überrascht gerade dadurch immer wieder aus Neue, dass man glaubte, er hätte alles an jugendlicher Tristesse und Aufmüpfigkeit schon woanders auserzählt, und dann kommt er plötzlich mit diesem desillusionierenden Porträt eines Fünfzigjährigen, das aber wieder neue Facetten der Jugend zur Sprache bringt.  Als starke Bildmetapher steht ein Baum im Zentrum des Comics; als Symbol für die Verwurzelung in der Familie, aber auch des (Über-)Lebens im Krieg, denn der Baum ist die einzige noch sichtbare Wegmarke im plattkartätschten Niemandsland zwischen den Fronten. Natürlich denkt man an Jacques Tardi bei diesem Flashback über hundert Jahre hinweg, und Gipi macht in seiner Seitenarchitektur und dem Panelaufbau auch gar kein Hehl aus diesem Einfluss. Noch mehr aber hat er von Lorenzo Mattottis „Feuer“ gelernt. Und doch ist da eine ganz eigene Bildersprache in „Una storia“, die daraus resultiert, dass Gipi ganz anders als die beiden Altmeister den Fokus auf Dialoge und Monologe legt, die psychologischen Verismus anstreben und nicht wie bei Tardi und Mattotti entweder Genre- oder Poesieerwartungen erfüllen sollen. Und wieviel von ihm selbst in diesem Album steckt, das zeigt die Abschluss-Signatur auf der letzten Seite, wo als Entstehungszeitpunkt der „Geschichte“ 1963 bis 2013 angegeben ist. Also Gipis ganzes Leben.

Gipi ist in Deutschland bekannt (den Max-und-Moritz-Preis des Comicsalons von Erlangen erhielt er bereits für seinen zweiten übersetzen Comic, „Die Unschuldigen“, im Jahr 2006, als er gerade auch einen Hauptpreis in Angoulême zugesprochen bekommen hatte), aber nicht durchgesetzt. Umso bemerkenswerter ist die Treue von Avant zu diesem Ausnahmeerzähler. Dass nun sogar die älteren Hauptwerke nachgereicht werden, ist ein großes Glück. Wenn auch Pech fürs italienische Regal-Segment; da wird nun etwas weichen müssen. Aber kein Millimeter Gipi wird preisgegeben!

 

02. Mai. 2022
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22. Apr. 2022
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Wenn die Zeitzeugen sterben, muss die Erinnerung an sie aufleben

Ja, klar, mit einem Comic wird auf junges Publikum spekuliert. Manchmal aber auch zu Recht. Deshalb sind viele Institutionen seit einigen Jahren – nachdem sich über die Etablierung des Begriffs „Graphic Novel“ der von manchen empfundene Hautgout des Comics verflüchtigt hat – ganz wild darauf, ihre Ziele mittels dieser Erzählform zu propagieren. Manchmal zu Recht. So auch der in Stuttgart existierende Verein „Die AnStifter“, der sich seit mehr als zwei Jahrzehnten unter dem Motto „Eigensinn und Zivilcourage“ für Demokratie und Toleranz engagiert. Er hat nun die deutsche Fassung eines Comics ermöglicht, in dem die 1983 geborene italienische Zeichnerin Irene Lupi von ihrem im vergangenen Dezember gestorbenen Landsmann Enrico Pieri erzählt. Oder richtig gesagt: Enrico Pieri erzählen lässt, denn Lupis ihm gewidmeter Comic ist sein Vermächtnis.

Das wusste der 1934 in einem Bergdorf der Toskana geborene Pieri. In seinen beiden letzten Lebensjahren hat er viel mit Lupi telefoniert, die er 2017 bei einer italienisch-deutschen Jugendbegegnung kennengelernt hatte; einen direkteren Kontakt zwischen Erzähler und Zeichnerin während der Arbeit an dem Comic verhinderte die Pandemie. Trotzdem sieht einen vom Umschlag des fast zweihundertseitigen Bands das lachende Gesicht des alten Mannes an, als hätte er Lupi dafür Modell gestanden. Was er ihr erzählt hat, ist allerdings nicht im Geringsten komisch.

Im Untertitel heißt der Band „Mai più – nie wieder – Sant‘Annas!“ Das ist etwas schwer zu verstehen, wenn man nicht weiß, um was es geht. Sant‘Anna di Stazzema ist der Name von Pieris Heimatdorf, und gemeint ist mit der verwirrenden italienisch-deutschen Untertitelmixtur, dass es nie mehr so etwas wie Sant‘Anna geben möge. Denn dort metzelte im August 1944 eine SS-Division große Teile der Bevölkerung nieder; 560 Menschen wurden ermordet, unterschiedslos Männer, Frauen und Kinder. Es war eine der leider typischen Exzess-Strafaktionen, mit denen die deutschen Besatzer nach Italiens Ausstieg aus dem Zweiten Weltkrieg den dortigen Widerstand entmutigen wollten. Es gab damals viele Sant‘Annas; das berüchtigtste Massaker von Deutschen an italienischen Zivilisten war das in den Ardeatinischen Höhlen vom März 1944. Dort starben 335 Menschen – alle, die man zur Vergeltung für ein Attentat des Widerstands hatte hinrichten wollen.

In Sant‘Anna dagegen gab es Überlebende, darunter den damals zehnjährigen Enrico Pieri, dessen Eltern und beide Schwestern jedoch ermordet wurden. Er selbst konnte sich mit der Hilfe zweier Mädchen verbergen, und deshalb sah er es als seine Verpflichtung an, später von dem Verbrechen zu berichten, als er nach mehr als dreißigjähriger Tätigkeit in der Schweiz nach Italien zurückkehrte. Als Zeitzeuge muss er einen tiefen Eindruck auf die Besuchergruppen im als Gedenkort dienenden Sant‘Anna gemacht haben, und der Besuch einer solchen Gruppe, einer deutschen, gibt die Rahmenhandlung für den Comic ab. Mag sein, dass es Lupis Erinnerung an die Begegnung von 2017 ist.

Große Teile des Geschehens werden tatsächlich nur mittels Bildern dieses Zeitzeugengesprächs geschildert, als sträubte sich Irene die Feder der Zeichnerin dagegen, den Massenmord in Bilder zu setzen. Wenn sie mit Rückblicken arbeitet, sind es denn auch eher statische Bilder: oft an historischen Fotos orientiert, und von dem Massaker selbst gibt es gar keine Abbildung. Am nächsten heran an den Mord führt uns Lupi mit dem Panel eines deutschen SS-Mannes, der seine Pistole zieht.

Pieri war aber auch kein Mann für Horrorgeschichtsschreibung, er wollte Hoffnung machen, indem er das, was seine Familie erleiden musste, als Mahnung und Verpflichtung an Italiener und Deutsche (und alle Europäer) darstellte, den Frieden zu sichern. Es ist paradox, dass sein den Band beschließendes Lob des mehr als siebzigjährigen Friedens in Europa just bei Erscheinen dieses Comics als obsolet angesehen werden muss. Aber sein Beispiel taugt selbstverständlich dazu, Mitgefühl für das zu wecken, was in der Ukraine passiert. Wie sich die Taten zu gleichen scheinen …

Ein humanistischer Comic also, geboren aus dem Anliegen von Die AnStifter, die Erinnerungsarbeit in Sant‘ Anna zu fördern und von deutscher Seite Wiedergutmachung zu leisten – ein spätes Strafverfahren in Stuttgart gegen Tatbeteiligte wurde 2012 eingestellt. Damals kam Pieri nach Deutschland, um mit seinem Schicksal für eine Wiederaufnahme zu plädieren – juristisch erfolglos. Aber so entstand der Kontakt zu Die AnStifter.  Auf der Website der Initiative findet sich eine Reminiszenz an Enrico Pieri zu dessen Tod: https://www.die-anstifter.de/2021/12/zum-tod-von-enrico-pieri-aus-hass-wird-hoffnung/. Zum Comic selbst gibt es dort leider noch keine Leseprobe.

Aber am morgigen Samstag, dem 23. April, wird der Band im Stuttgarter Gedenkort „Hotel Silber“ vorgestellt, und auf der Ankündigung dazu – https://hotel-silber.de/?p=5893 – kann man auch ein paar Bilder aus Lupis Geschichte sehen. Sie werden klarmachen, dass es sich hier nicht um ein graphisch besonders wagemutiges Werk handelt; der gute Zweck überzeugt mehr als die Zeichenkunst. Doch dieses Buch ist womöglich wirklich dazu geeignet, auf den Jugendbegegnungen gelesen zu werden und damit den unermesslichen Verlust, den das Werksterben der Zeitzeugen bedeutet, zumindest etwas zu kompensieren. Sollte der Comic „Enrico Pieri“ damit Schule machen, dann ist seine Existenz mehr als gerechtfertigt. Es ist nötig, dass es solche Geschichten gibt.

22. Apr. 2022
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19. Apr. 2022
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Der beruhigende Klang der Computertastatur

Aisha Franz kam vor etwas mehr als zehn Jahren wie ein Wunder in den deutschen Comic: aus der Dorgathen-Klasse der Kunsthochschule Kassel, aber mit einer vollkommen anderen Ästhetik als ihr Lehrer. Franz zeichnete mit Bleistift und bewusst naiv statt konstruktivistisch, fast kindlich, aber was sie in „Alien“, ihrem Debütband erzählte, das passte wiederum perfekt zum Ideal Hendrik Dorgathens, der trotz der eigenen graphischen Souveränität immer die Bedeutung einer Geschichte betont hat. Und „Alien“, ein Jugenddrama mit Horror und Humor, hatte eine Geschichte zu bieten, die sich gewaschen hat.

Franz machte damit Furore, gewann sofort den Sondermann-Preis für die beste Newcomerin, und publiziert seitdem bei Reprodukt ,der ersten Adresse für deutsche Zeichner, die auf ambitioniertes Erzählen setzen, zuverlässig weitere Comicmeisterweke: erst „Brigitte und der Perlenhort“, dann „Shit is real“ und nun „Work Life Balance“. Moment, nur drei Bücher in einem Jahrzehnt? Ja, aber nebenher kamen zahllose selbstverlegte Kleinhefte heraus – in meinem Regal finden sich zum Beispiel „Das Institut“, „Eyez“, „Rhythm ’n’ Paradise“ oder „Italian Graffiti“, und das waren alles nur Zufallsfunde auf Kleinverlagmessen. Franz unterrichtet auch und ist überhaupt in der hiesigen unabhängigen Szene ein guter Geist wie sonst nur noch Sascha Hommer.

Vor vier Jahren kaufte ich ein von ihr bei Colorama verlegtes Heftchen namens „Work Life Balance“, also einen Vorläufer von Franz’ jetzigem neuen Band. Das war allerdings noch schwarzweiß gedruckt und gerade mal zwölf Seiten stark, auf Englisch geschrieben und so scheinbar spontan gezeichnet wie ehedem „Alien“. „Work Life Balance“ in seiner nun bei Reprodukt publizierten Form hat dagegen Farbe, 256 Seiten und extrem ausgearbeitete Zeichnungen (hier die Leseprobe mit dem fast kompletten ersten Kapitel: https://www.reprodukt.com/Produkt/deutscheautorinnen/work-life-balance/). Es ist der schönste Band, den Aisha Franz bisher publiziert hat. Und auch erzählerisch der beste.

Das hatte das Land Berlin begriffen, als es die Entstehung des Buchs 2020 mit seinem jährlichen Comicstipendium förderte, einer der höchstdotierten hiesigen Auszeichnungen in diesem Metier. Allerdings konnte man leicht schon an der zwölfseitigen Heft-Etüde erkennen, was in dieser Geschichte steckt. Obwohl die damals publizierte Episode nicht ins fertige Buch eingegangen ist, hatte sie schon dieselbe Hauptfigur: eine leicht füllige (damals noch namenlose) Psychotherapeutin, die ihre Patienten ziemlich von oben herab behandelt und sich ihr eigenes Leben mit allen möglichen Ablenkungen schön macht, vor denen sie normalerweise warnt.

Der nun erschienene umfangreiche Comic „Work Life Balance“ gibt ihr einen Namen: S. Sharifi. Und er führt drei weitere Hauptfiguren ein: Anita, Sandra und Rex, alles Patienten von Doktor Sharifi. Anita freiwillig, denn die als Künstlerin gescheiterte Keramikerin kommt mit den Minderwertigkeitskomplexen gegenüber ihrer erfolgreichen Atelierkollegin nicht zurecht; Sandra gezwungenermaßen, denn ihr Arbeitgeber verpflichtet die „Graduate Data Strategist“ nach Bekanntwerden einer von ihr erpressten sexuellen Beziehung mit einem Kollegen zum therapeutischen Gespräch; und Rex schließlich ohne sein Wissen, denn der selbständige Programmierer hackt sich in ein von ihm selbst erdachtes virtuelles Therapieprogramm ein, um das ihn Sandras Firma betrogen hat, und trifft dort auf den Avatar von Frau Doktor Sharifi.

Was die drei beruflich geplagten jungen Leute noch miteinander verbindet, liest man am besten selbst. Auch, wie skurril Aisha Franz ihre Therapeutin einführt: als selig der Einspielung von Tastaturgeräuschen lauschende Frau – was für eine Idee! Doch die Bedeutung dieses Comics liegt vor allem in seinem präzisen Porträt prekärer Arbeitsbedingungen in unserer Gesellschaft – prekär sowohl finanziell als auch psychologisch und intrinsisch. „Work Life Balance“ macht klar, dass mit dem Scheitern des Faktors „Arbeit“ auch das sonstige Leben aus dem Gleichgewicht gerät. Und das wird heute, in einer Zeit des unbedingten Vorrangs von Individualität gegenüber (abhängiger) Beschäftigung, so gut wie nie erzählt.

Zudem hat Franz mit diesem Band ihr zeichnerisch bislang ambitioniertestes Projekt verwirklicht. Keine Spur mehr vom Art-Brut-Charakter ihrer früheren Comics; hier ist der Strich von vollendeter rundlicher Gefälligkeit bei gleichzeitiger Abstraktion der Figuren zum ornamentalen Charakter der Ligne Claire. Wären nicht zwischen allen Kapiteln zwei Seiten mit einer Schlussvignette zum jeweils beendeten und einer Splash-Page zum darauf folgenden Abschnitt eingeschoben, die als Buntstiftzeichnungen an die alte Ästhetik von Aisha Franz erinnern,  könnte man den Wandel kaum glauben. Und selbst auf diesen Buntstiftseiten sind etwa detailliert angelegte Werbeplakate oder andere Hintergrunddetails zu finden, die belegen, was man ja schon immer wusste: dass Aisha Franz eine grandios vielseitige Zeichnerin ist.

Witzig, zynisch, satirisch – „Work Life Balance“ kann man in Deutschland derzeit nicht viel an die Seite stellen. Übersetzungen gab es schon einige von Aisha Franz’ Comics. Dieser hier dürfte aber das Potential zu einem internationalen Hit haben. Denn die geschilderten Probleme seiner Protagonisten sind überall in der digitalen Arbeitswelt gleich. Am Ende lauscht Frau Doktor Sharifi wieder den Einspielungen der Tastaturgeräusche. Und nichts ist gut. Alles ist beunruhigend.

19. Apr. 2022
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10. Apr. 2022
von andreasplatthaus
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Entblößt am Strand

Ostende ist ein Mythos, ein vor allem ästhetischer. Daran hat Volker Weidermanns vor einigen Jahren erschienene Darstellung der Beziehungen zwischen den sich in dem belgischen Küstenort versammelnden deutschen Exilschriftstellern entscheidenden Anteil. Und natürlich auch der dort geborene, gestorbene und wirkende Maler James Ensor. Die Verbindung von Literatur und Kunst leistet aber nun Dominique Goblet.

Diese belgische Comiczeichnerin, Jahrgang 1967, ist kein vertrauter Name unter deutschen Comiclesern, aber sie gehört zu den wagemutigsten Erzählerinnen ihres Fachs, und immerhin sind zwei ihrer Bücher auch übersetzt worden. Mit dem autobiographischen Band „So tun als ob, heißt lügen“ hat sie gezeigt, in wie vielen Stilen gezeichnet werden kann, ohne dass die Kongruenz einer Geschichte leidet, und für „Bei Gefallen auch mehr“ hat sie sich mit ihrem deutschen Kollegen Kai Pfeiffer zusammengetan – er erstellte Texte, sie die Bilder und auch Texte. Pfeiffer, der große Unvollendete des deutschen Comics, ist ein wunderbar experimentierfreudiger Comic-Autor, der leider nur zu selten auch etwas gezeichnet bekommt.

Aber zurück nach Ostende. Dort ist Dominique Goblet während der Pandemie unzählige Male über den winterlichen Nordseestrand gewandert und hat Bilder gemalt. Herausgekommen ist trotzdem ein Comic, aber einer, der anders arbeitet, als man es gewöhnt ist. „Ostende“, erschienen bei Goblets Hausverlag Fremok (der mittlerweile nur noch als FRMK formiert), ist ein Querformat und kommt beim Aufschlagen daher wie eine Ansammlung einzelner spektakulärer Panoramansichten: doppelseitiges Vorsatzpapier mit einer himmelblauen Wasserfläche, dann fünf jeweils ganzseitige menschenleere Strandszenen, teils direkt am Meeressaum, teils im Hinterland. Doch dann setzt mit Gelächter so etwas wie Handlung ein. Ein bis auf Socken und Sportschuhe nackter Mann sitzt auf einem Baumstumpf und sagt „Hahaha“.

Eigentlich müsste man sich jetzt ansehen können, wie das alles aussieht, aber Fremok geizt mit Leseproben. Doch hier kann man zumindest einen Eindruck bekommen: https://www.franceculture.fr/emissions/par-les-temps-qui-courent/dominique-goblet-autrice-et-dessinatrice. Und zudem führt der Link zu einem fast dreiviertelstündigen Radiobeitrag von France Culture über Goblets Arbeit an dem Comic und ihrem Leben in Ostende. Hört man sich den an, dann bekommt man bestätigt, was auch schon die wenigen Bildbeispiele zeigen: Ihre Faszination für den Ort war groß.

Die Geschichte, die „Ostende“ erzählt, kann man surreal nennen, und das nicht nur zweier Kühe wegen, die plötzlich mitten auf dem Strand liegen. Im Kern variiert Goblet ein markantes Motiv: Eine Frau streift am Meer alle Kleider ab, und sie wird dabei beobachtet und beobachtet wiederum selbst. Landschaften wechseln sich mit Aktstudien und beinahe abstrakten Kompositionen ab, manche Bilder sind traumwandlerisch, andere akribisch genau im Einfangen der tristen Winterstimmung an der Nordseeküste. Ob dieser Zyklus je dazu gedacht war, in eine logische Reihenfolge gebracht zu werden, oder Dominique Goblet nach Abschluss ihrer Aufenthalte alles, was sie gemalt hat, irgendwie passend arrangierte, das verrät der hinreißend schöne Band nicht.

Aber ihr Aufenthalt in Ostende hat die Autorin noch zu einer zweiten Publikation bewegt (und womöglich folgen noch mehr, denn der querformatige Band „Ostende“ ist mit „Volume 1“ betitelt). Das zweite ist ein ganz anderes Buch; es heißt „Ostende Carnets“ und enthält Blätter aus Goblets Skizzenbüchern – einige daraus kann man hier sehen: https://peinture-fraiche.be/en/book/ostende-carnets-dominique-goblet/. Darin ist Material versammelt, das den Bildern von „Ostende“ vorausgegangen ist, aber es gibt auch kurze Textpassagen mit Notaten von Beobachtungen oder Reflexionen – herausgekommen ist ein Arbeitsbuch voller assoziativer Elemente, natürlich mit zahlreichen Akte, aber auch gleichsam tachistisch anmutenden Abfolgen von gezeichneten Seilsträngen, Gittergeflechten oder einfach Phantasiegebilden, die offenbar aus einzelnen Details dessen, was Goblet in Ostende begegnet ist, hervorgegangen sind. Man sieht hier eine Zeichnerin auf der Suche nach ihren Formen, und besonders faszinierend ist, wie wenig davon dann ins fertige Hauptwerk eingegangen ist.

Was „Ostende“ und „Ostende Carnets“ (beide leider nur auf Französisch zu haben) leisten, ist nicht weniger als eine Ausweitung der Comiczone. Hier wird künstlerisch erzählt, ohne künstlich zu wirken. Und nebenbei hat die herstellerische Sorgfalt von Fremok zwei bestechend schöne Bücher ergeben. Vielleicht wird man sie nie lesen (oder wiederlesen), aber ganz gewiss häufig aufschlagen, um sich von Dominique Goblet ans Meer führen zu lassen. Mir hat sie jedenfalls mehr über die stille Magie dieses Ortes erzählt als Volker Weidermann oder auch James Ensor.

10. Apr. 2022
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04. Apr. 2022
von andreasplatthaus
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Höhenflug mit Kafkas Pilotenbegeisterung

Das ist der literaturhistorische Ritterschlag: wenn der beste Biograph eines Schriftstellers das Nachwort zu einer Comicadaption von dessen Werken schreibt. So geschehen nicht etwa bei dem Tausendsassa Nicolas Mahler (mit dessen Joyce-, Bernhard-, Proust-, Musil- und Arno-Schmidt-Comics), sondern im Falle der Arbeit eines Zeichners namens Moritz von Wolzogen, der jetzt einen Kafka-Text zum Comic gemacht hat. Kafka! Also von dem Mann, der seine Verleger bekniete, bitte keine Illustrationen zu seinen Texten abzudrucken. Und benachwortet wird dieser Comic durch Reiner Stach, den Autor der unübertroffenen dreibändigen Kafka-Biographie.

 Klugerweise hat sich Wolzogen, der bislang noch nicht zu den etablierten Comicschaffenden gehört, aber schon einiges auf diesem Feld versucht hat, wie man auf seiner Website sehen kann (https://www.moritzvonwolzogen.com/work/comic/), keinen der berühmtesten Kafka-Texte ausgesucht, sondern eine Gelegenheitsarbeit aus dem Spätsommer 1909: die Reportage „Die Aeroplane in Brescia“. die aber immerhin zu den wenigen noch zu Lebzeiten veröffentlichten Texten des Prager Schriftstellers zählt – erschienen in einer deutschsprachigen Tageszeitung seiner Heimatstadt, der „Bohemia“.

Worum geht es? Kafka war damals mit Max Brod und dessen Bruder auf Reisen im südlichen Teil der Habsburger-Monarchie, und da alle drei jungen Männer die moderne Technik vergötterten, ließen sie sich die Gelegenheit nicht entgehen, eine Flugvorführung des damals weltbekannten französischen Flugpioniers Louis Blériot im nahen Brescia zu besuchen. Wie sehr Kafka von der Begegnung mit einem Idol auf die Ferne und dem Dargebotenen beeindruckt war, vermittelt sich noch heute durch die Lektüre der Reportage, und die nimmt man auch besser vor (hier ein Link zum Text für die bedauernswerten Leser ohne Gesamtausgabe: https://www.kafka-prag.de/fileadmin/texte/Die_Aeroplane_in_Brescia.pdf), wenn man den Comic richtig schätzen will. Denn Wolzogen wechselt die Perspektive: Kafka bleibt zwar der Beobachter, aber Wolzogen beobachtet seinerseits ihn. Kafka selbst ist plötzlich der Held des Geschehens.

Nicht, weil er selbst bei Wolzogen etwa flöge, sondern weil er eben Kafka ist und jedes Detail seines Lebens heute wohl bekannter als der ehedem berühmte Blériot. Was wir indes sehen, ist ein geradezu athletischer Kafka, denn alles beginnt mit einem Bad im Gardasee (Kafka war bekanntlich ein begeisterter Schwimmer), und die sportliche Ertüchtigung hat dem wolzogenschen Franz (26 Jahre alt, als er nach Brescia reiste) erkennbar nicht geschadet. Das kann man selbst noch auf den kleinformatigen Kostproben erkennen, die der Verlag des Comics, die in Weimar angesiedelte Edition Nathalie Laue, dazu anbietet: https://nathalialaue.de/de/kuenstler/442/moritz-von-wolzogen. Bei Laue handelt es sich übrigens um eine Galerie, aber wer auch immer interessante Comics herausbringt, ist mir recht.

„Die Aeroplane in Brescia“ sind interessant, auch wenn sie stilistisch eher konventionell daherkommen – am ehesten erinnern sie in Gestus und Farbgebung an Stéphane Heuets Adaptionen von Prousts „Suche nach der verlorenen Zeit“; wohl auch, weil hier wie dort viel mit dem Computer vollendet wurde. Wolzogen hat nicht nur auf Grundlage der Fotoporträts von Kafka und den mitreisenden Brüdern Brod geschickt cartoonisierte Versionen ihrer Persönlichkeiten angefertigt, sondern auch wie Heuet aufwendige Bildrecherche fürs Setting betrieben. Und plötzlich wird das schon bei Kafka beschriebene stundenlange Warten auf sekundenkurze Ereignisse sichtbar in der Weite des kargen Flugfelds und den müden Blicken der Piloten.

Vierundzwanzig Seiten nur hat die gezeichnete Geschichte (das ganze Album klassische achtundvierzig), aber das ist genau richtig, denn Kafkas Reportage ist ja auch kurz, und selbst wenn hier zum Auftakt die biographische Vorgeschichte des Besuchs in Brescia mit hineinspielt (dafür wird Stachs Expertise unerlässlich und unermesslich gewesen sein), ist Wolzogen dafür zu loben, dass er der naheliegenden Versuchung, aus der biographischen wie journalistischen Petitesse ganz großes gezeichnetes Kino zu machen, nicht nachgekommen ist. Gerade die Unaufgeregtheit seiner Adaption kontrastiert aufs Schönste mit der Aufregung, die Kafka damals offenbar erfasste und die Wolzogen durchaus sichtbar macht. Hätte der Zeichner jedoch selbst noch Aufgeregtheit draufgesattelt, hätten wir eine Art Action-Comic bekommen, der widersprüchlich zu dem gewesen wäre, was Kafka dann geschrieben hat. Und auch Wolzogen nennt seine Geschichte eine „Reportage“, wenn auch eine „graphische“.

Und was sagt nun Reiner Stach dazu? Nichts, denn sein Essay „Franz Kafka und die Piloten“ geht über die entsprechenden Ausführungen im 2014 erschienenen Abschlussband seiner Biographie nicht hinaus. Wozu auch, es steht ja eh (fast) alles über Kafka darin. Zum Comic sagt Stach nichts, aber in Wolzogens Danksagung wird er bedacht für „viele gute Gespräche über einen Kafka in Farbe“. Und jemand wie Stach würde doch keine Zeit auf etwas verschwenden, das ihm seinem Leib- und Magenthema unangemessen erschiene. Also höchstes Lob selbst bei konkretem Schweigen. Und ich habe das, was Stach geschrieben und verschwiegen hat, und das, was Wolzogen gezeichnet hat, auch gerne im Regal.

04. Apr. 2022
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28. Mrz. 2022
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Feinchirurgischer Feminismus

Jede Comic-Lücke im deutschen Verlagswesen wird geschlossen! Nun hat auch btb, die deutsche Taschenbuchreihe von Penguin Random House, einen Comic im Programm. Und nicht irgendeinen. Vor allem nicht von irgendjemandem. Vielmehr ist die Autorin eine Erfolgsschriftstellerin: Leïla Slimani, Goncourt-Preisträgerin für den Roman “Dann schlaf auch du”, zudem engagierte Streiterin in den französischen Debatten um Islam und Feminismus. Was reizt eine solche Frau am Comic? 

Man weiß es nach Lektüre von “Eine freie Frau” nicht recht. Klar, da ist das Thema: das Leben von Suzanne Noël. Die kennt man hierzulande nicht, aber in Frankreich hat sie einen Ruf wie etwa Florence Nightingale in England. Nicht unbedingt, was beider medizinisches Engagement angeht – Nightingale war ein Engel in Krankenschwesterntracht, Noël dagegen eine durchaus geschäftstüchtige Chirurgin, die sich allerdings auch um die Menschheit verdient gemacht. Einmal, weil sie im Ersten Weltkrieg angesichts der verheerenden Gesichtsverletzungen der Soldaten eine Pionierin der plastischen Chirurgie wurde, und dann, weil sie sich damit in der damals noch rein männlich geprägten Ärzteszene behauptete. Sie war eben eine überzeugte Feministin, die auch vehement fürs Frauenwahlrecht in Frankreich stritt. “À mains nues”, wie der Originaltitel des Comics lautet – mit bloßen Händen. Durch ihrer Hände feinchirurgische Arbeit.

Also mehr als genug gute Gründe für Leïla Slimani, über diese Frau zu schreiben. Nur noch einmal: warum als Comic? Die Dialoge sind unbeholfen (zumindest in der deutschen Übersetzung, aber Blicke in französische Leseproben – eine deutsche gibt es nicht, da könnte btb noch etwas lernen -, etwa auf À mains nues T1 – Tome – Online zu lesen (izneo.com), lassen fürs Original dasselbe fürchten), und Slimani hat erkennbar wenig Sinn für Spannungsdramaturgie, die auch durch Bilder erzeugt wird. Zwar bietet gerade die erwähnte Leseprobe eine sehr ungewöhnliche Sequenz, aber das ist dann auch gleich das Spektakulärste, was die insgesamt fast zweihundert Seiten zu bieten haben (in Deutschland zu einem Band zusammengefasst, während man in Frankreich zwei Teile publizierte).

Mit Clément Oubrerie hat Leïla Slimani sich einen versierten Zeichner ausgesucht, der zudem über reiche Erfahrung in der Zusammenarbeit mit Autorinnen verfügt – sein größter Erfolg sind die Bände der “Aya”-Comicreihe nach den Szenarios von Marguerite Abouet. Aber auch Oubrerie wirkt bei “Eine freie Frau” wie gehemmt, was damit zu tun haben kann, dass die deutsche Ausgabe gegenüber dem französischen Original verkleinert wurde, so dass seine Bilder zu kleinteilig erscheinen. Besonders auffällig ist das bei einer langen Sequenz von doppelseitigen Panel-Arrangements, die verschiedene Geschehnisse aus der Zeit des Ersten Weltkriegs parallel darbieten. Da laufen die Bildreihen abwechselnd schräg auf und ab, aber dieser Effekt verpufft angesichts des zu kleinen deutschen Formats.

Und viel mehr ist Oubrerie leider auch nicht eingefallen. Seine Figuren sind brave historische Kostümstudien, ein Minenspiel ist kaum auszumachen, nicht einmal in den seltenen Momenten, wo die Handlungsweisen einzelner Akteure an Wahnsinn grenzen. Überhaupt ist alles etwas zu ausgewogen in dieser Emanzipationsgeschichte. Mag ja sein, dass es sich historisch auch genau so verhielt, aber dann hätte das Leben eben einmal die schlechtere Geschichte geschrieben. Wofür haben wir denn Literatur, wenn sie nicht das interessanter macht, was ohnehin geschieht?

Und man kann sich über die deutschen Übersetzung beklagen. “Gueules casssées” nannte man in Frankreich die schwer gesichtsversehrten Soldaten im Ersten Weltkrieg – zerschlagene Fressen. Das war eine Selbstbezeichnung, die in dem Schrecken, den sie ausdrückte, der entsetzlichen Entstellung entsprach. Die Übersetzerin Amelie Thoma wählt dafür den deutschen Begriff “Trümmervisagen”. Er ist weder historisch üblich noch bringt er dieselbe Drastik in den Text. Allerdings könnte man argumentieren, das sich ja auch Slimani und Oubrerie gescheut haben, eine dieser Verunstaltungen als Bild in ihren Comic zu nehmen; es wird vielmehr im entscheidenden Moment jeweils abgeblendet, als wäre man im Hauptprogramm des Kinderfernsehens.

Dagegen gab es keine Skrupel, einen krankheitsbedingt verunstalteten weiblichen Torso zu präsentieren. Die Schauwerte haben sich selbst in feministischen Comics nicht groß verändert. Wann begreifen die Autoren, die sich an Comics versuchen, dass sie es dabei mit einer Erzählform zu tun hat, die ihre eigenen Gesetze hat? und – noch wichtiger – wann versuchen sie, diese Gesetze produktiv zu brechen? Also nicht bloß unbehelflich wie hier.

28. Mrz. 2022
von andreasplatthaus
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20. Mrz. 2022
von andreasplatthaus

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Keine Müdigkeit, wenn es ums Lebenswerk geht

Manchmal hat man Glück, und nach vielen Jahren trifft man eines seiner Idole wieder. In diesem Fall Jacques Tardi, den größten lebenden Comiczeichner Frankreichs. Das letzte Mal, dass ich ihn traf, war in Erlangen, als er 2014 den Max-und-Moritz-Preis für sein Lebenswerk erhielt. Aber da hatte er anderes im Kopf, als sich an einen deutschen Journalisten zu erinnern, der ihn zwei Jahre zuvor in Paris besucht hatte, kurz bevor der erste Band seines persönlichsten Comics erschienen war: „Moi René Tardi, prisonnier de guerre au Stalag II B“, die Geschichte von Jacques Tardis Vater, der im Zweiten Weltkrieg fast fünf Jahre lang als Kriegsgefangener in Hinterpommern festgehalten worden war. Damals in Paris hatte Tardi über den kommenden Band erzählt, und ich hatte darüber geschrieben, aber Tardi spricht kein Deutsch, also wird er es nicht gelesen haben. Und Journalisten lässt er ohnehin nicht gerne an sich heran; ich hatte damals lediglich das Glück, über einen gemeinsamen Bekannten vorgelassen zu werden. In Erlangen beschränkte sich unser Gespräch auf ein paar Floskeln.

Diesmal war das Glück anderer Natur. Tardi hatte 2021 für seine Trilogie „Moi René Tardi“ (Leseprobe des letzten Bandes: https://www.editionmoderne.ch/buch/ich-rene-tardi-band3/) den Einhard-Preis zugesprochen bekommen, eine überaus renommierte Auszeichnung, die im hessischen Seligenstadt für historische Biographen verliehen wird.  In der Jury sitzt mein Kollege Patrick Bahners, und er empfahl mich für die Laudatio. Verliehen werden sollte der Preis natürlich auch schon 2021, doch Corona machte einen Strich durch diese Rechnung, weil Tardi Mitte siebzig war und sich nicht dem Ansteckungsrisiko aussetzen wollte. So wurde alles auf 2022 verschoben, und dass es nun wirklich geschah, darf man als kleines Wunder betrachten, denn soviel besser ist die pandemische Lage ja nicht geworden.. Aber der Zeichner kam tatsächlich aus Paris angereist, seine Frau Dominique Grange begleitete ihn. Und ich durfte auf der Preisverleihung reden und danach natürlich auch im kleinen Kreis mit Tardi selbst.

Die Gefahr, eigene Idole persönlich kennenzulernen, ist groß. Halten Sie den eigenen Vorstellungen stand?  Nun wusste ich vom Pariser Besuch, dass Tardi ein analytischer Kommentator des eigenen Werks ist und ziemlich kompromisslos, was seine Rücksichtnahme auf Gesprächspartner angeht: Was diese interessiert, muss ihn noch lange nicht interessieren. Am besten, man lässt ihn erzählen. In Seligenstadt indes war die Situation besser: Ich wollte gar nichts von ihm, und er hatte Gefallen an meiner Laudatio gefunden. Dass ich jemals von Tardi umarmt werden würde, hätte ich mir nicht träumen lassen. Und was er dann erzählte, noch weniger.

Die gute Nachricht ist, dass er schon wieder an einem neuen Comic sitzt. Das indes war zu erwarten. Tardi ist zeit seiner Karriere ein unermüdlicher Zeichner gewesen. Gerade erst ist in Frankreich beim Verlag Delcourt „Elise et les nouveaux partisans“ herausgekommen, die nur leicht fiktionalisierte Autobiographie seiner Frau. die in den späten sechziger und frühen siebziger Jahren eine Liedermacherin der französischen Linken war und sich in den landesweiten Streikaktionen der Arbeiterschaft an vorderster Front bewegte. Doch als nächstes wird Tardi seine berühmteste Serie fortsetzen und zu Ende bringen: mit dem zehnten Band der Abenteuer von Adèle Blanc-Sec, seiner 1976 erstmals aufgetreten Detektivin aus der Belle Époque, über die seit dem neunten Band von 2007 nichts mehr zu lesen gewesen war. Dass sie zurückkehren wird zu einem letzten Einsatz, dürfte die größte Neuigkeit sein, die der französische Comic seit Jahren zu bieten hatte.

Über den Inhalt dieser Fortsetzung hat Tardi in Seligenstadt nichts gesagt. Aber „Adèle“ ist ja ohnehin im Laufe des Geschehens immer assoziativer geworden; es könnte also durchaus sein, dass ihr Autor selbst noch gar nicht weiß, wohin es ihn mit dem Finale treiben wird. Noch wesentlich interessanter war es denn auch, als Tardi das Gespräch auf den Schriftsteller Céline brachte, von dem er vor mehr als dreißig Jahren drei Romane illustriert hat – nicht als Comics, sondern mit Begleitbildern, allerdings jeweils Hunderten davon. Diese Ausgaben sind längst vergriffen. Neben dem berühmtesten Buch von Céline, „Reise ans Ende der Nacht“ (erschienen 1932), und dessen Nachfolger „Tod auf Kredit“ (1936) war darunter auch „Casse-Pipe“, ein Romanfragment, das 1948 erschien, als der Schriftsteller in Frankreich Persona non grata war, weil er nicht nur fanatischer Antisemit war, sondern sich im Zweiten Weltkrieg auch als Kollaborateur diskreditiert hatte.

Nach seiner Flucht 1944 war Célines Pariser Wohnung durchsucht und ein großes Konvolut von Manuskripten beschlagnahmt worden. Die hatte dann ein Bewunderer des Schriftstellers an sich gebracht, um sie zu bewahren. Doch sie sollten nicht dem verrufenen Céline selbst oder dessen Frau zugutekommen, weshalb der Besitzer verfügte, die Manuskripte erst nach beider Tod für die Öffentlichkeit freizugeben. Céline starb 1961, aber seine Witwe Lucette wurde sage und schreibe 107 Jahre alt. Erst nachdem auch sie 2019 das Zeitliche gesegnete hatte, erfuhr die Welt von dem Riesenbestand an Unveröffentlichtem. Es war die literarische Sensationsnachricht des Jahres 2021.

In diesem Konvolut befindet sich auch das komplette Manuskript zu „Casse-Pipe“, und Tardi spielt mit dem Gedanken, nun den kompletten Text zu illustrieren. Noch kennt er ihn ebenso wenig wie der Rest der Welt; gerade erst laufen die Vorarbeiten zur Publikation des gesamten Materials, und ob ausgerechnet „Casse-Pipe“ dabei früh berücksichtigt werden wird, bleibt abzuwarten. Was Tardi an dem Roman fasziniert, ist klar: Er erzählt von Célines Zeit als junger Soldat unmittelbar vor und dann im Ersten Weltkrieg. Kein anderer Comiczeichner hat sich so sehr dieser Epoche verschrieben wie Tardi, und die radikal antimilitaristische Haltung des Romans ist ihm sympathisch. So sympathisch, dass Tardi durch Célines grässliche antisemitische Pamphlete der dreißiger Jahre nicht abgeschreckt wird, wenn er auch sagt, dass es auch schon in den neunziger Jahren Versuche gegeben habe, ihn durch diese literarische Vorliebe unmöglich zu machen: „In die Nähe von Antisemitismus gerückt zu werden, ist eine sehr unangenehme Erfahrung.“ Aber Tardi schreckt das offenbar nicht ab.

Nun besteht kein Zweifel daran, dass Céline einer der bedeutendsten französischen Autoren des zwanzigsten Jahrhunderts ist, und Tardi ist ein Meister des Grotesken, wie es auch bei Céline (sprachlich) dominiert. Die Kombination ist also formal ein Traum. Ob es überhaupt denkbar ist, die erwartete Neuausgabe von „Casse-Pipe“ rasch als illustriertes Buch erscheinen zu lassen, muss man abwarten. Aber die Lust Tardis daran ist groß, und mit nunmehr fünfundsiebzig Jahren wird er sich seine Projekte ganz genau aussuchen. Es wäre eine Rückkehr zu einem zentralen Aspekt seines Werks – wie schon im Falle von „Adèle Blanc-Sec“. Tardi will sein Lebenswerk runden. Und ich will nicht nur lesen, wie „Casse-pipe“ wirklich gedacht war, sondern auch, was Tardi für Bilder dafür finden will.

Und zur moralischen Frage: Bei seinem Dank für die Seligenstädter Auszeichnung verkündete Tardi, dass er das gesamte Preisgeld, immerhin zehntausend Euro, an die Flüchtlingshilfe Mare Liberum spenden werde, jene in den Niederlanden ansässige Organisation, die sich um Rettung Schiffbrüchiger im Mittelmeer bemüht.

20. Mrz. 2022
von andreasplatthaus

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14. Mrz. 2022
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Schämt man sich vor seinem Roboter?

Ein neuer Comic von Killoffer ist ein Ereignis. Denn der 1966 geborene Franzose ist eine Legende: vor dreißig Jahren Mitbegründer des Autorenverlags L’Association, ohne den nichts im zeitgenössischen Comic so wäre, wie es eben ist (im besten Sinne); vor zwanzig Jahren Autor des Albums „676 Erscheinungen von Killoffer“, einem Band, der das autofiktionale Comicerzählen revolutionierte; vor sechs Hauptfigur der Science-Fiction-Comicserie „Infinity 8“ seines alten Weggefährten Lewis Trondheim, deren letzten Band er selbst zeichnete (wer nochmal etwas dazu wissen will: https://blogs.faz.net/comic/2017/05/02/hitler-hat-den-kopf-verloren-1018/); ein mirakulöser Meister des Bleistifts in seiner freien Kunst, der Strukturen aus Schraffuren zu schaffen versteht, die jeden anderen Zeichner vor Neid erblassen lassen; und ein Exhibitionist auf dem Papier, der sich selbst (Revolutionär der Autofiktion!) im schlechtesten Licht erscheinen lässt. Neue Comics von Killoffer gab es früher im Jahres, wenn nicht Halbjahrestakt; seit er sich als Herausgeber um „Notre Lapin Quotidien“, die aktuelle Dreimonatszeitschrift von L’Association (im Zeitungsformat!) kümmert, erscheint so gut wie nichts mehr.

Doch nun „En Chair et en fer“ (Übersetzt: „In Fleisch und Eisen“, und Auktion/Gebot – enchère – und Hölle – enfer – stecken auch noch drin). Wobei dieser bei Casterman erschienene silberglänzende Comic im Querformat gar keine Novität ist, sondern Killoffers gezeichneter Beitrag zum Buch „Machines insurrectionelles“ des Philosophen Dominique Lestel. Darin geht es um Roboter-Ethik und -Kommunikation, und Killoffer ließ sich dazu eine wortlose Geschichte einfallen, in der er selbst irgendwann in der Zukunft mit einem Roboter zusammenlebt. Wer die „676 Erscheinungen“ oder auch „Killoffer tel qu’en lui-même“ von 2015 kennt, der weiß, was diesen Roboter erwartet: ein Zusammenleben mit einem isolierten, missgelaunten, unrasierten, sexuell frustrierten, meist halbnackt (untenrum) in der Wohnung herumlaufenden Messy. Wer’s noch nicht weiß, kann es sich hier ansehen: https://www.casterman.com/Bande-dessinee/Catalogue/albums/killoffer-en-chair-et-en-fer#&gid=1&pid=3.

Der Droide hält das denn auch nicht lange aus; am Esstisch (er verspeist eine Batterieladung, Killoffer eine zusammenpanschte Fertigmahlzeit) gibt es einen Kurzschluss, ein Wiederbelebungsversuch erweist sich als kurzfristig, und so kommt der Mann aus Eisen ins Maschinenkolumbarium. So viel zur Roboter-Ethik.

Natürlich braucht es einen neuen, der wird einfach eingekauft, aber wie bei einem Soziopathen wie dem fiktiven Killoffer nicht anders zu erwarten, geht das Zusammenleben schief (soviel zur Roboter-Kommunikation). Wobei der reale Killoffer nicht er selbst wäre, wenn es nicht einen irritierenden, aber auch irisierenden Dreh am Ende gäbe.

Doch viel mehr als seine spezifische Weise zu erzählen haben mich schon immer die klaren Linien von Killoffer angezogen. Er ist neben Marc-Antoine Mathieu der Großmeister des französischen Schwarzweiß-Comics, ähnlich streng geht er auch mit dem Seitenarchitektur um (diesmal jeweils sechs gleichgroße Quadratbilder pro Seite), und gleichzeitig haben seine Konturen ein Gewicht, weil sie so satt und dick gezeichnet sind, dass man sich in Frans Masereels Bilderwelten zurückversetzt fühlt.

Und dann der Witz dieses Autors! Nicht nur die Selbstironie, sondern auch der Anspielungsreichtum. Da liegt etwa im Lotterbett des faulen Killoffer des Comics jenes Buch, für das die Geschichte überhaupt erst entstand. Oder man achte auf den mechanischen Hund im Haushalt – beiläufiger ist seit Idefix im Asterix-Band „Tour de France“ vor mehr als fünfzig Jahren keine markante Nebenfigur mehr eingeführt worden. Erst im Zurückblättern erschließt sich der Reiz ihres Auftritts. Dazu die Killoffer-Kunst für gelegentlicher Symbolsprache bei Geräuschen und Dialogen und seine Lust am zeitaktuellen Kolorit dadurch, dass in dieser Zukunft immer noch alle mit Gesichtsmaske herumlaufen.

Und es gibt ein Vorbild, dem ausgiebig in zahlreichen Details gehuldigt wird, für das allein ich „En Chair et en fer“ lieben würde: Yves Chaland, tödlich verunglückt, als Killoffer gerade seine Karriere begann, der Liebling aller französischen Comiczeichner seither. Aber Killoffer zitiert nicht dessen bekanntere Arbeiten wie „Freddy Lombard“, sondern den nostalgischen Science-Fiction-Comic „Adolphus Claar“ von 1983. Mit dieser Überdosis Liebe und Brillanz gehe ich jetzt in die Warteschleife bis zum nächsten Killoffer.

14. Mrz. 2022
von andreasplatthaus

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