Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

16. Mai. 2022
von andreasplatthaus
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Sex moves

Eine Fahrt mit der transsibirischen Eisenbahn? Derzeit wohl nicht sehr wahrscheinlich. Aber natürlich ein Sehnsuchtsmotiv aller Eisenbahn- und Einsamkeitsfreunde. Wobei Bernadette Schweihoff beides nicht ist. Es ist ihr Freund, der ihr so lange mit der Idee in den Ohren gelegen hat, bis sie endlich zustimmte. Und das hat sie getan, weil sie sich mit ihm zusammen am glücklichsten fühlt – vor allem in der wechselseitigen sexuellen Verwirklichung. Also nix mit Einsamkeit. Warum das hier erzählt wird? Weil es zentral für den Comic „Treiben – Unterwegs mit der Transsibirischen Eisenbahn“ ist. Der Haupttitel ist eindeutig zweideutig.

Es geht wild zu in Sibirien; der Schnee treibt. Aber noch wilder geht es zu im Abteil, da treiben es die Ich-Erzählerin und ihr Freund, gerne direkt vor dem Fenster: Die Lust am Risiko der Überraschung des Paars durch Schaffner, Passagiere, Passanten (Letztere natürlich nur während der – allerdings stundenlangen – Aufenthalte an Bahnhöfen) ist spür- und sichtbar. Dadurch ist der Comic viel mehr Psychogramm als Reisereportage, obwohl Bernadette Schweihoff großartige Landschaftspanoramen zeichnet (hier anzusehen: https://www.editionmoderne.ch/buch/treiben/) und auch Innenansichten des Zuges, die einen buchstäblichen mitnehmen in die Enge des Abteils oder der Waschräume. Und bisweilen geht es hinaus in die Kälte, denn die Fahrt wird im Winter gemacht. Dementsprechend leer ist der Zug und lang sind die Nächte – ganz so wild auf Entdeckung ist das verliebte Paar also wohl doch nicht.

Nun eine Warnung für Voyeure: Es geht zwar zur Sache, aber das Sexuelle spielt sich vor allem im Kopf ab. Und so bekommen wir auch einen Einblick in (weniger Anblick von) Obsessionen, die in der Berliner Clubszene ihren Ausdruck finden, namentlich den KitKatClub. Zugeschrieben ist der Comic „allen, die in meine Welt eintauchen wollen“, und in der rücksichtslosen Offenheit sich selbst gegenüber merkt man den Einfluss von Ulli Lust an, die nicht nur den Band als Bachelorarbeit betreut, sondern auch mit „Der letzte Tag vom Rest deines Lebens“ das Muster für diese Art von autobiographischer Freiheit vorgegeben hat.

Verlegt worden ist der Band bei der Edition Moderne, und das nach Matthias Gnehms Comic in der vergangenen Woche nun schon wieder ein  Produkt dieses Hauses hier vorgestellt wird (wenn auch nach monatelanger Inkubationszeit), liegt daran, dass auch Schweihoffs „Treiben“ eine kongeniale Form gefunden hat, die sich den Verlagschefs und -gestaltern Claudio Barandun und Julia Marti verdankt – bis hin zur Klappe, die das ganze Werk einhüllt wie ein Cache-sexe (dies allerdings wohl eher ungewollt). Und der Titelschriftzug „Treiben“ ist mit Glanzprägung derart versehen, dass man durch die selbst wie verweht gestaltete Typographie auf eine schillernde Schneefläche zu schauen scheint.

Viele Wort werden nicht gemacht in „Treiben“. Viele stimmungsvolle Bilder schon, gehalten in kalten , meist monochromen Buntstiftzeichnungen. Und damit erzählt Bernadette Schweihoff denn doch auch einiges über Russland, wenn auch aus einem Abstand von mehr als drei Jahren zur damaligen Reise. Und sei es nur das Erstaunen der Russen, mit denen die beiden Reisenden im fernen kalten Osten sprechen, darüber, dass zwei Berliner sich freiwillig dorthin begeben. Man wolle doch eher nach Berlin. Diese Sympathie macht allerdings keine Hoffnung im Hinblick auf die Gegenwart. Enttäuschte Träume sind ein Treibsatz für Kompensation. Schön also, dass sich für Bernadette Schweihoffs Partner der eigene Eisenbahntraum erfüllt hat.

 

16. Mai. 2022
von andreasplatthaus
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09. Mai. 2022
von andreasplatthaus
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Dieser Comic spaltet unsere Erwartungen

Eigentlich musste man diese Comicbesprechung mit einem Spracherkennungsprogramm anfertigen, dann wüsste man, was der Schriftsteller Markus Hug leistet. Er diktiert auf diese Weise seine Romane. Sehr erfolgreich ist er damit noch nicht, aber sehr modern – erstaunlich genug für einen eher Skeptiker gegenüber sozialen Medien, aber auch passend, denn Hug ist ein introvertierter Mensch. Mit seiner Partnerin Annina hat er einen neugeborenen Sohn, und das strapaziöse Kleinfamilienleben zehrt an den Nerven der beiden Erwachsenen. Zumal sie in Zürich wohnen, keinem billigen Pflaster. Konflikte sind unvermeidlich.

Allerdings keine besonders ungewöhnlichen. Wieso erzählt dann der Schweizer Comicautor Matthias Gnehm mehr als dreihundert Spalten lang davon. Spalten? Ja, denn ungewöhnlich ist zumindest schon einmal die Form dieses Comics namens „Gläserne Gedanken“. Gnehm wollte von Beginn an so zeichnen, dass man die Geschichte vertikal liest, als spiele sie sich auf einem Smartphone-Bildschirm ab. Unter http://www.glaesernegedanken.editionmoderne.ch/ kann man sie auch genauso in voller Länge lesen. Nur wie druckt man das, wenn man auch noch ein Buch haben will?

Die Edition Moderne ist seit einiger Zeit nicht nur durch exzellente Comics, sondern auch innovative Gestaltung auffällig. So hat sie Gnehms neues Werk in Kalenderbindung hergestellt: Man hält also einen Comic wie einen kleinen (eben smartphonegroßen) Kalender in der Hand, reißt allerdings nicht Blatt für Blatt ab, sondern blättert sie nach oben weg, so dass man die Bilder in Spaltenabfolge betrachtet. Bisweilen wird keine Rücksicht auf vollständigen Abdruck am unteren Blattrand genommen, aber dann ist das Bild eben noch einmal ganz auf der Folgeseite zu finden. Originalität erfordert eben gewissen optische Zugeständnisse. Und die Illusion, dass man eine nach unten fortlaufende Geschichte liest, wird so aufs Schönste gewahrt.

Geht es auch inhaltlich ständig nach unten? Das könnte man meinen, wenn man die eskalierende Entfremdung zwischen Markus und Annina sieht. Zumal, als der neue Freund einer alten Bekannten auftaucht, der in seiner Softwarefirma an der Konstruktion eines Spracherkennungsprogramms arbeitet, das gar nicht mehr darauf angewiesen sein soll, Texte aussprechen zu lassen. Vielmehr verheißt die Idee eine Art Gedankenlesung. Science-fiction? Wie sich am Ende erweist, nein. Aber was das wiederum heißt, möge man bitte selbst nachlesen.

Es tut auch recht wenig zur Sache, denn Gnehm interessiert sich für die Psychologie seiner Figuren. Und die ist beklemmend geschildert; man wünschte sich „Gläserne Gedanken“ als Theaterstück, so nah kommt man den Handelnden. Künstlerattitüden, Postschwangerschaftsdepressionen, Großmannssucht und Verschwörungsglaube – alles spielt hier nicht nur hinein, sondern wird geradezu ausbuchstabiert. Auch durch die gnehmsche Graphik, die in tiefem Grau gehalten ist und immer wieder Nacht- und sonstige Dunkelszenen zwischenschaltet, in denen man genauso im Düsteren tappt wie Markus und Annina.

Gewöhnungsbedürftig ist die Textgestalt: zwischen den Panels und in geradezu provozierend sachlicher Groteskschrift; nur bisweilen deuten Ventile und Blasenlinien an, dass es sich um wörtliche Rede oder Gedanken handelt. Das Publikum muss hier aufmerksam hinschauen und mitlesen, um zu folgen, und ein einfaches Hineinblättern funktioniert nicht. Das ist aber etwas sehr Gutes, wie „Gläserne Gedanken“ überhaupt sehr gut ist. Wenn auch gewöhnungsbedürftig. Und so deprimierend es ist: Ich habe es lieber im Netz als auf Papier gelesen. Eine mutige Entscheidung von Autor und Verlag, diese elektronische Gratisversion anzubieten. Es zeigt, wie wichtig Gnehm die Form ist.

09. Mai. 2022
von andreasplatthaus
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02. Mai. 2022
von andreasplatthaus
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Bei diesem Band geht es ums nackte Leben

Vor zwei Wochen habe ich an dieser Stelle einen kleinen Einblick in meine Comicregale gewährt, als ich auf die Heftproduktionen von Aisha Franz zu sprechen kam. Die stehen, formatbedingt, in einem niedrigen Fach ganz unten. Diesmal wanderte mein Blick einen Raum weiter an den Regalen ganz hoch, zu den italienischen Comic-Autoren und speziell zu Gipi. Ich kam ins Staunen, wie viel da steht. Und umso mehr staunte ich, dass „Una storia“ noch nicht darunter war.

Nicht als Übersetzung, die ist nämlich ganz neu, gerade bei Avant, der deutschen Heimat von Gipis Comics, erschienen, in der gewohnt eleganten Übertragung von Myriam Alfano, die sich zur Stammkraft entwickelt hat, wenn es um italienische Comicmeisterwerke geht, die ins Deutsche gebracht werden sollen (von Igort, Alessandro Tota, Manuele Fior oder eben Gipi). Aber als ich „Eine Geschichte“, wie der Titel in unserer Sprache lautet, aufschlug, sah ich, wann das Original erschienen ist: 2013. Habe ich wirklich neun Jahre lang auf einen wichtigen Gipi-Band gewartet, ohne ihn zumindest auf Französischen zu kaufen (das ich besser lese als Italienisch)?

Offenbar ist dem so, es gibt keine Spur von „Una storia“ in dem runden Dutzend Gipi-Comics oben im Regal. Dabei ist dieser Band selbst im Vergleich mit „Nachtaufnahmen“ (Gipis erstem erfolgreichen Buch von 2003, übersetzt 2005), „5 Songs“, „S“ oder „Die Welt der Söhne“ ein Ausnahmefall. Denn noch konsequenter als andere seiner Comic vereint „Eine Geschichte“ alles, was Gipi beherrscht – und das ist viel. Der Mann kann malen, zeichnen sowieso (und zwar sowohl in kargem Schwarzweiß als auch mit opulenten Farben) und vor allem erzählen. Letzteres tut er so persönlich, dass man bei jeder Geschichte Autobiographisches im Hintergrund vermuten möchte. Und allemal bei „Eine Geschichte“, die von einem Autor in der Midlife-Crisis erzählt.

Gipi, eigentlich Gian Alfonso Pacinotti (Gipi steht für die italienisch-phonetische Aussprache von G.P.), ist Jahrgang 1963, war also bei Erscheinen von „Una storia“ exakt so alt, wie Silvano Landi, der Protagonist dieses Comics. Den hat seine Frau verlassen, zur gemeinsamen Tochter gibt es auch nicht mehr viel Kontakt, und zu allem Überfluss läuft Landi eines Nachts nackt und orientierungslos durch die Gegend, was ihn in die Psychiatrie bringt. Wie es ihm dort er- und wie man mit ihm umgeht, kann man in der deutschen Leseprobe verfolgen: https://www.avant-verlag.de/comics/eine-geschichte/#cc-m-product-9100721620, die dann auch jenes Potpourri an Zeichenstilen dokumentiert, das Gipi hier zur Anwendung bringt.

Selbstverständlich haben alle diese Stile jeweils eine narrative Funktion. Schwarzweiß, bisweilen blau angefärbt, wenn’s um die traurige Gegenwart geht, während die prachtvoll aquarellierten Farbräusche den Erinnerungen von Landi entstammen – und wenn sie später kalt und grau werden, dann sind wir in der Zeit des Ersten Weltkriegs angelangt, als der Urgroßvater des nervolabilen Autors in den Schützengräben kühlen Kopf bewahrte und sich aus einer aussichtslosen Situation rettete. Die Briefe dieses Vorfahren an dessen Frau hat Landi gelesen, und er wollte eine Geschichte daraus machen. Und siehe da: Wir lesen sie in Gipis „Eine Geschichte“.

Solche metafiktionalen Tricks sind ein alter Hut, aber Gipi überrascht gerade dadurch immer wieder aus Neue, dass man glaubte, er hätte alles an jugendlicher Tristesse und Aufmüpfigkeit schon woanders auserzählt, und dann kommt er plötzlich mit diesem desillusionierenden Porträt eines Fünfzigjährigen, das aber wieder neue Facetten der Jugend zur Sprache bringt.  Als starke Bildmetapher steht ein Baum im Zentrum des Comics; als Symbol für die Verwurzelung in der Familie, aber auch des (Über-)Lebens im Krieg, denn der Baum ist die einzige noch sichtbare Wegmarke im plattkartätschten Niemandsland zwischen den Fronten. Natürlich denkt man an Jacques Tardi bei diesem Flashback über hundert Jahre hinweg, und Gipi macht in seiner Seitenarchitektur und dem Panelaufbau auch gar kein Hehl aus diesem Einfluss. Noch mehr aber hat er von Lorenzo Mattottis „Feuer“ gelernt. Und doch ist da eine ganz eigene Bildersprache in „Una storia“, die daraus resultiert, dass Gipi ganz anders als die beiden Altmeister den Fokus auf Dialoge und Monologe legt, die psychologischen Verismus anstreben und nicht wie bei Tardi und Mattotti entweder Genre- oder Poesieerwartungen erfüllen sollen. Und wieviel von ihm selbst in diesem Album steckt, das zeigt die Abschluss-Signatur auf der letzten Seite, wo als Entstehungszeitpunkt der „Geschichte“ 1963 bis 2013 angegeben ist. Also Gipis ganzes Leben.

Gipi ist in Deutschland bekannt (den Max-und-Moritz-Preis des Comicsalons von Erlangen erhielt er bereits für seinen zweiten übersetzen Comic, „Die Unschuldigen“, im Jahr 2006, als er gerade auch einen Hauptpreis in Angoulême zugesprochen bekommen hatte), aber nicht durchgesetzt. Umso bemerkenswerter ist die Treue von Avant zu diesem Ausnahmeerzähler. Dass nun sogar die älteren Hauptwerke nachgereicht werden, ist ein großes Glück. Wenn auch Pech fürs italienische Regal-Segment; da wird nun etwas weichen müssen. Aber kein Millimeter Gipi wird preisgegeben!

 

02. Mai. 2022
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22. Apr. 2022
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Wenn die Zeitzeugen sterben, muss die Erinnerung an sie aufleben

Ja, klar, mit einem Comic wird auf junges Publikum spekuliert. Manchmal aber auch zu Recht. Deshalb sind viele Institutionen seit einigen Jahren – nachdem sich über die Etablierung des Begriffs „Graphic Novel“ der von manchen empfundene Hautgout des Comics verflüchtigt hat – ganz wild darauf, ihre Ziele mittels dieser Erzählform zu propagieren. Manchmal zu Recht. So auch der in Stuttgart existierende Verein „Die AnStifter“, der sich seit mehr als zwei Jahrzehnten unter dem Motto „Eigensinn und Zivilcourage“ für Demokratie und Toleranz engagiert. Er hat nun die deutsche Fassung eines Comics ermöglicht, in dem die 1983 geborene italienische Zeichnerin Irene Lupi von ihrem im vergangenen Dezember gestorbenen Landsmann Enrico Pieri erzählt. Oder richtig gesagt: Enrico Pieri erzählen lässt, denn Lupis ihm gewidmeter Comic ist sein Vermächtnis.

Das wusste der 1934 in einem Bergdorf der Toskana geborene Pieri. In seinen beiden letzten Lebensjahren hat er viel mit Lupi telefoniert, die er 2017 bei einer italienisch-deutschen Jugendbegegnung kennengelernt hatte; einen direkteren Kontakt zwischen Erzähler und Zeichnerin während der Arbeit an dem Comic verhinderte die Pandemie. Trotzdem sieht einen vom Umschlag des fast zweihundertseitigen Bands das lachende Gesicht des alten Mannes an, als hätte er Lupi dafür Modell gestanden. Was er ihr erzählt hat, ist allerdings nicht im Geringsten komisch.

Im Untertitel heißt der Band „Mai più – nie wieder – Sant‘Annas!“ Das ist etwas schwer zu verstehen, wenn man nicht weiß, um was es geht. Sant‘Anna di Stazzema ist der Name von Pieris Heimatdorf, und gemeint ist mit der verwirrenden italienisch-deutschen Untertitelmixtur, dass es nie mehr so etwas wie Sant‘Anna geben möge. Denn dort metzelte im August 1944 eine SS-Division große Teile der Bevölkerung nieder; 560 Menschen wurden ermordet, unterschiedslos Männer, Frauen und Kinder. Es war eine der leider typischen Exzess-Strafaktionen, mit denen die deutschen Besatzer nach Italiens Ausstieg aus dem Zweiten Weltkrieg den dortigen Widerstand entmutigen wollten. Es gab damals viele Sant‘Annas; das berüchtigtste Massaker von Deutschen an italienischen Zivilisten war das in den Ardeatinischen Höhlen vom März 1944. Dort starben 335 Menschen – alle, die man zur Vergeltung für ein Attentat des Widerstands hatte hinrichten wollen.

In Sant‘Anna dagegen gab es Überlebende, darunter den damals zehnjährigen Enrico Pieri, dessen Eltern und beide Schwestern jedoch ermordet wurden. Er selbst konnte sich mit der Hilfe zweier Mädchen verbergen, und deshalb sah er es als seine Verpflichtung an, später von dem Verbrechen zu berichten, als er nach mehr als dreißigjähriger Tätigkeit in der Schweiz nach Italien zurückkehrte. Als Zeitzeuge muss er einen tiefen Eindruck auf die Besuchergruppen im als Gedenkort dienenden Sant‘Anna gemacht haben, und der Besuch einer solchen Gruppe, einer deutschen, gibt die Rahmenhandlung für den Comic ab. Mag sein, dass es Lupis Erinnerung an die Begegnung von 2017 ist.

Große Teile des Geschehens werden tatsächlich nur mittels Bildern dieses Zeitzeugengesprächs geschildert, als sträubte sich Irene die Feder der Zeichnerin dagegen, den Massenmord in Bilder zu setzen. Wenn sie mit Rückblicken arbeitet, sind es denn auch eher statische Bilder: oft an historischen Fotos orientiert, und von dem Massaker selbst gibt es gar keine Abbildung. Am nächsten heran an den Mord führt uns Lupi mit dem Panel eines deutschen SS-Mannes, der seine Pistole zieht.

Pieri war aber auch kein Mann für Horrorgeschichtsschreibung, er wollte Hoffnung machen, indem er das, was seine Familie erleiden musste, als Mahnung und Verpflichtung an Italiener und Deutsche (und alle Europäer) darstellte, den Frieden zu sichern. Es ist paradox, dass sein den Band beschließendes Lob des mehr als siebzigjährigen Friedens in Europa just bei Erscheinen dieses Comics als obsolet angesehen werden muss. Aber sein Beispiel taugt selbstverständlich dazu, Mitgefühl für das zu wecken, was in der Ukraine passiert. Wie sich die Taten zu gleichen scheinen …

Ein humanistischer Comic also, geboren aus dem Anliegen von Die AnStifter, die Erinnerungsarbeit in Sant‘ Anna zu fördern und von deutscher Seite Wiedergutmachung zu leisten – ein spätes Strafverfahren in Stuttgart gegen Tatbeteiligte wurde 2012 eingestellt. Damals kam Pieri nach Deutschland, um mit seinem Schicksal für eine Wiederaufnahme zu plädieren – juristisch erfolglos. Aber so entstand der Kontakt zu Die AnStifter.  Auf der Website der Initiative findet sich eine Reminiszenz an Enrico Pieri zu dessen Tod: https://www.die-anstifter.de/2021/12/zum-tod-von-enrico-pieri-aus-hass-wird-hoffnung/. Zum Comic selbst gibt es dort leider noch keine Leseprobe.

Aber am morgigen Samstag, dem 23. April, wird der Band im Stuttgarter Gedenkort „Hotel Silber“ vorgestellt, und auf der Ankündigung dazu – https://hotel-silber.de/?p=5893 – kann man auch ein paar Bilder aus Lupis Geschichte sehen. Sie werden klarmachen, dass es sich hier nicht um ein graphisch besonders wagemutiges Werk handelt; der gute Zweck überzeugt mehr als die Zeichenkunst. Doch dieses Buch ist womöglich wirklich dazu geeignet, auf den Jugendbegegnungen gelesen zu werden und damit den unermesslichen Verlust, den das Werksterben der Zeitzeugen bedeutet, zumindest etwas zu kompensieren. Sollte der Comic „Enrico Pieri“ damit Schule machen, dann ist seine Existenz mehr als gerechtfertigt. Es ist nötig, dass es solche Geschichten gibt.

22. Apr. 2022
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19. Apr. 2022
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Der beruhigende Klang der Computertastatur

Aisha Franz kam vor etwas mehr als zehn Jahren wie ein Wunder in den deutschen Comic: aus der Dorgathen-Klasse der Kunsthochschule Kassel, aber mit einer vollkommen anderen Ästhetik als ihr Lehrer. Franz zeichnete mit Bleistift und bewusst naiv statt konstruktivistisch, fast kindlich, aber was sie in „Alien“, ihrem Debütband erzählte, das passte wiederum perfekt zum Ideal Hendrik Dorgathens, der trotz der eigenen graphischen Souveränität immer die Bedeutung einer Geschichte betont hat. Und „Alien“, ein Jugenddrama mit Horror und Humor, hatte eine Geschichte zu bieten, die sich gewaschen hat.

Franz machte damit Furore, gewann sofort den Sondermann-Preis für die beste Newcomerin, und publiziert seitdem bei Reprodukt ,der ersten Adresse für deutsche Zeichner, die auf ambitioniertes Erzählen setzen, zuverlässig weitere Comicmeisterweke: erst „Brigitte und der Perlenhort“, dann „Shit is real“ und nun „Work Life Balance“. Moment, nur drei Bücher in einem Jahrzehnt? Ja, aber nebenher kamen zahllose selbstverlegte Kleinhefte heraus – in meinem Regal finden sich zum Beispiel „Das Institut“, „Eyez“, „Rhythm ’n’ Paradise“ oder „Italian Graffiti“, und das waren alles nur Zufallsfunde auf Kleinverlagmessen. Franz unterrichtet auch und ist überhaupt in der hiesigen unabhängigen Szene ein guter Geist wie sonst nur noch Sascha Hommer.

Vor vier Jahren kaufte ich ein von ihr bei Colorama verlegtes Heftchen namens „Work Life Balance“, also einen Vorläufer von Franz’ jetzigem neuen Band. Das war allerdings noch schwarzweiß gedruckt und gerade mal zwölf Seiten stark, auf Englisch geschrieben und so scheinbar spontan gezeichnet wie ehedem „Alien“. „Work Life Balance“ in seiner nun bei Reprodukt publizierten Form hat dagegen Farbe, 256 Seiten und extrem ausgearbeitete Zeichnungen (hier die Leseprobe mit dem fast kompletten ersten Kapitel: https://www.reprodukt.com/Produkt/deutscheautorinnen/work-life-balance/). Es ist der schönste Band, den Aisha Franz bisher publiziert hat. Und auch erzählerisch der beste.

Das hatte das Land Berlin begriffen, als es die Entstehung des Buchs 2020 mit seinem jährlichen Comicstipendium förderte, einer der höchstdotierten hiesigen Auszeichnungen in diesem Metier. Allerdings konnte man leicht schon an der zwölfseitigen Heft-Etüde erkennen, was in dieser Geschichte steckt. Obwohl die damals publizierte Episode nicht ins fertige Buch eingegangen ist, hatte sie schon dieselbe Hauptfigur: eine leicht füllige (damals noch namenlose) Psychotherapeutin, die ihre Patienten ziemlich von oben herab behandelt und sich ihr eigenes Leben mit allen möglichen Ablenkungen schön macht, vor denen sie normalerweise warnt.

Der nun erschienene umfangreiche Comic „Work Life Balance“ gibt ihr einen Namen: S. Sharifi. Und er führt drei weitere Hauptfiguren ein: Anita, Sandra und Rex, alles Patienten von Doktor Sharifi. Anita freiwillig, denn die als Künstlerin gescheiterte Keramikerin kommt mit den Minderwertigkeitskomplexen gegenüber ihrer erfolgreichen Atelierkollegin nicht zurecht; Sandra gezwungenermaßen, denn ihr Arbeitgeber verpflichtet die „Graduate Data Strategist“ nach Bekanntwerden einer von ihr erpressten sexuellen Beziehung mit einem Kollegen zum therapeutischen Gespräch; und Rex schließlich ohne sein Wissen, denn der selbständige Programmierer hackt sich in ein von ihm selbst erdachtes virtuelles Therapieprogramm ein, um das ihn Sandras Firma betrogen hat, und trifft dort auf den Avatar von Frau Doktor Sharifi.

Was die drei beruflich geplagten jungen Leute noch miteinander verbindet, liest man am besten selbst. Auch, wie skurril Aisha Franz ihre Therapeutin einführt: als selig der Einspielung von Tastaturgeräuschen lauschende Frau – was für eine Idee! Doch die Bedeutung dieses Comics liegt vor allem in seinem präzisen Porträt prekärer Arbeitsbedingungen in unserer Gesellschaft – prekär sowohl finanziell als auch psychologisch und intrinsisch. „Work Life Balance“ macht klar, dass mit dem Scheitern des Faktors „Arbeit“ auch das sonstige Leben aus dem Gleichgewicht gerät. Und das wird heute, in einer Zeit des unbedingten Vorrangs von Individualität gegenüber (abhängiger) Beschäftigung, so gut wie nie erzählt.

Zudem hat Franz mit diesem Band ihr zeichnerisch bislang ambitioniertestes Projekt verwirklicht. Keine Spur mehr vom Art-Brut-Charakter ihrer früheren Comics; hier ist der Strich von vollendeter rundlicher Gefälligkeit bei gleichzeitiger Abstraktion der Figuren zum ornamentalen Charakter der Ligne Claire. Wären nicht zwischen allen Kapiteln zwei Seiten mit einer Schlussvignette zum jeweils beendeten und einer Splash-Page zum darauf folgenden Abschnitt eingeschoben, die als Buntstiftzeichnungen an die alte Ästhetik von Aisha Franz erinnern,  könnte man den Wandel kaum glauben. Und selbst auf diesen Buntstiftseiten sind etwa detailliert angelegte Werbeplakate oder andere Hintergrunddetails zu finden, die belegen, was man ja schon immer wusste: dass Aisha Franz eine grandios vielseitige Zeichnerin ist.

Witzig, zynisch, satirisch – „Work Life Balance“ kann man in Deutschland derzeit nicht viel an die Seite stellen. Übersetzungen gab es schon einige von Aisha Franz’ Comics. Dieser hier dürfte aber das Potential zu einem internationalen Hit haben. Denn die geschilderten Probleme seiner Protagonisten sind überall in der digitalen Arbeitswelt gleich. Am Ende lauscht Frau Doktor Sharifi wieder den Einspielungen der Tastaturgeräusche. Und nichts ist gut. Alles ist beunruhigend.

19. Apr. 2022
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10. Apr. 2022
von andreasplatthaus
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Entblößt am Strand

Ostende ist ein Mythos, ein vor allem ästhetischer. Daran hat Volker Weidermanns vor einigen Jahren erschienene Darstellung der Beziehungen zwischen den sich in dem belgischen Küstenort versammelnden deutschen Exilschriftstellern entscheidenden Anteil. Und natürlich auch der dort geborene, gestorbene und wirkende Maler James Ensor. Die Verbindung von Literatur und Kunst leistet aber nun Dominique Goblet.

Diese belgische Comiczeichnerin, Jahrgang 1967, ist kein vertrauter Name unter deutschen Comiclesern, aber sie gehört zu den wagemutigsten Erzählerinnen ihres Fachs, und immerhin sind zwei ihrer Bücher auch übersetzt worden. Mit dem autobiographischen Band „So tun als ob, heißt lügen“ hat sie gezeigt, in wie vielen Stilen gezeichnet werden kann, ohne dass die Kongruenz einer Geschichte leidet, und für „Bei Gefallen auch mehr“ hat sie sich mit ihrem deutschen Kollegen Kai Pfeiffer zusammengetan – er erstellte Texte, sie die Bilder und auch Texte. Pfeiffer, der große Unvollendete des deutschen Comics, ist ein wunderbar experimentierfreudiger Comic-Autor, der leider nur zu selten auch etwas gezeichnet bekommt.

Aber zurück nach Ostende. Dort ist Dominique Goblet während der Pandemie unzählige Male über den winterlichen Nordseestrand gewandert und hat Bilder gemalt. Herausgekommen ist trotzdem ein Comic, aber einer, der anders arbeitet, als man es gewöhnt ist. „Ostende“, erschienen bei Goblets Hausverlag Fremok (der mittlerweile nur noch als FRMK formiert), ist ein Querformat und kommt beim Aufschlagen daher wie eine Ansammlung einzelner spektakulärer Panoramansichten: doppelseitiges Vorsatzpapier mit einer himmelblauen Wasserfläche, dann fünf jeweils ganzseitige menschenleere Strandszenen, teils direkt am Meeressaum, teils im Hinterland. Doch dann setzt mit Gelächter so etwas wie Handlung ein. Ein bis auf Socken und Sportschuhe nackter Mann sitzt auf einem Baumstumpf und sagt „Hahaha“.

Eigentlich müsste man sich jetzt ansehen können, wie das alles aussieht, aber Fremok geizt mit Leseproben. Doch hier kann man zumindest einen Eindruck bekommen: https://www.franceculture.fr/emissions/par-les-temps-qui-courent/dominique-goblet-autrice-et-dessinatrice. Und zudem führt der Link zu einem fast dreiviertelstündigen Radiobeitrag von France Culture über Goblets Arbeit an dem Comic und ihrem Leben in Ostende. Hört man sich den an, dann bekommt man bestätigt, was auch schon die wenigen Bildbeispiele zeigen: Ihre Faszination für den Ort war groß.

Die Geschichte, die „Ostende“ erzählt, kann man surreal nennen, und das nicht nur zweier Kühe wegen, die plötzlich mitten auf dem Strand liegen. Im Kern variiert Goblet ein markantes Motiv: Eine Frau streift am Meer alle Kleider ab, und sie wird dabei beobachtet und beobachtet wiederum selbst. Landschaften wechseln sich mit Aktstudien und beinahe abstrakten Kompositionen ab, manche Bilder sind traumwandlerisch, andere akribisch genau im Einfangen der tristen Winterstimmung an der Nordseeküste. Ob dieser Zyklus je dazu gedacht war, in eine logische Reihenfolge gebracht zu werden, oder Dominique Goblet nach Abschluss ihrer Aufenthalte alles, was sie gemalt hat, irgendwie passend arrangierte, das verrät der hinreißend schöne Band nicht.

Aber ihr Aufenthalt in Ostende hat die Autorin noch zu einer zweiten Publikation bewegt (und womöglich folgen noch mehr, denn der querformatige Band „Ostende“ ist mit „Volume 1“ betitelt). Das zweite ist ein ganz anderes Buch; es heißt „Ostende Carnets“ und enthält Blätter aus Goblets Skizzenbüchern – einige daraus kann man hier sehen: https://peinture-fraiche.be/en/book/ostende-carnets-dominique-goblet/. Darin ist Material versammelt, das den Bildern von „Ostende“ vorausgegangen ist, aber es gibt auch kurze Textpassagen mit Notaten von Beobachtungen oder Reflexionen – herausgekommen ist ein Arbeitsbuch voller assoziativer Elemente, natürlich mit zahlreichen Akte, aber auch gleichsam tachistisch anmutenden Abfolgen von gezeichneten Seilsträngen, Gittergeflechten oder einfach Phantasiegebilden, die offenbar aus einzelnen Details dessen, was Goblet in Ostende begegnet ist, hervorgegangen sind. Man sieht hier eine Zeichnerin auf der Suche nach ihren Formen, und besonders faszinierend ist, wie wenig davon dann ins fertige Hauptwerk eingegangen ist.

Was „Ostende“ und „Ostende Carnets“ (beide leider nur auf Französisch zu haben) leisten, ist nicht weniger als eine Ausweitung der Comiczone. Hier wird künstlerisch erzählt, ohne künstlich zu wirken. Und nebenbei hat die herstellerische Sorgfalt von Fremok zwei bestechend schöne Bücher ergeben. Vielleicht wird man sie nie lesen (oder wiederlesen), aber ganz gewiss häufig aufschlagen, um sich von Dominique Goblet ans Meer führen zu lassen. Mir hat sie jedenfalls mehr über die stille Magie dieses Ortes erzählt als Volker Weidermann oder auch James Ensor.

10. Apr. 2022
von andreasplatthaus
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04. Apr. 2022
von andreasplatthaus
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Höhenflug mit Kafkas Pilotenbegeisterung

Das ist der literaturhistorische Ritterschlag: wenn der beste Biograph eines Schriftstellers das Nachwort zu einer Comicadaption von dessen Werken schreibt. So geschehen nicht etwa bei dem Tausendsassa Nicolas Mahler (mit dessen Joyce-, Bernhard-, Proust-, Musil- und Arno-Schmidt-Comics), sondern im Falle der Arbeit eines Zeichners namens Moritz von Wolzogen, der jetzt einen Kafka-Text zum Comic gemacht hat. Kafka! Also von dem Mann, der seine Verleger bekniete, bitte keine Illustrationen zu seinen Texten abzudrucken. Und benachwortet wird dieser Comic durch Reiner Stach, den Autor der unübertroffenen dreibändigen Kafka-Biographie.

 Klugerweise hat sich Wolzogen, der bislang noch nicht zu den etablierten Comicschaffenden gehört, aber schon einiges auf diesem Feld versucht hat, wie man auf seiner Website sehen kann (https://www.moritzvonwolzogen.com/work/comic/), keinen der berühmtesten Kafka-Texte ausgesucht, sondern eine Gelegenheitsarbeit aus dem Spätsommer 1909: die Reportage „Die Aeroplane in Brescia“. die aber immerhin zu den wenigen noch zu Lebzeiten veröffentlichten Texten des Prager Schriftstellers zählt – erschienen in einer deutschsprachigen Tageszeitung seiner Heimatstadt, der „Bohemia“.

Worum geht es? Kafka war damals mit Max Brod und dessen Bruder auf Reisen im südlichen Teil der Habsburger-Monarchie, und da alle drei jungen Männer die moderne Technik vergötterten, ließen sie sich die Gelegenheit nicht entgehen, eine Flugvorführung des damals weltbekannten französischen Flugpioniers Louis Blériot im nahen Brescia zu besuchen. Wie sehr Kafka von der Begegnung mit einem Idol auf die Ferne und dem Dargebotenen beeindruckt war, vermittelt sich noch heute durch die Lektüre der Reportage, und die nimmt man auch besser vor (hier ein Link zum Text für die bedauernswerten Leser ohne Gesamtausgabe: https://www.kafka-prag.de/fileadmin/texte/Die_Aeroplane_in_Brescia.pdf), wenn man den Comic richtig schätzen will. Denn Wolzogen wechselt die Perspektive: Kafka bleibt zwar der Beobachter, aber Wolzogen beobachtet seinerseits ihn. Kafka selbst ist plötzlich der Held des Geschehens.

Nicht, weil er selbst bei Wolzogen etwa flöge, sondern weil er eben Kafka ist und jedes Detail seines Lebens heute wohl bekannter als der ehedem berühmte Blériot. Was wir indes sehen, ist ein geradezu athletischer Kafka, denn alles beginnt mit einem Bad im Gardasee (Kafka war bekanntlich ein begeisterter Schwimmer), und die sportliche Ertüchtigung hat dem wolzogenschen Franz (26 Jahre alt, als er nach Brescia reiste) erkennbar nicht geschadet. Das kann man selbst noch auf den kleinformatigen Kostproben erkennen, die der Verlag des Comics, die in Weimar angesiedelte Edition Nathalie Laue, dazu anbietet: https://nathalialaue.de/de/kuenstler/442/moritz-von-wolzogen. Bei Laue handelt es sich übrigens um eine Galerie, aber wer auch immer interessante Comics herausbringt, ist mir recht.

„Die Aeroplane in Brescia“ sind interessant, auch wenn sie stilistisch eher konventionell daherkommen – am ehesten erinnern sie in Gestus und Farbgebung an Stéphane Heuets Adaptionen von Prousts „Suche nach der verlorenen Zeit“; wohl auch, weil hier wie dort viel mit dem Computer vollendet wurde. Wolzogen hat nicht nur auf Grundlage der Fotoporträts von Kafka und den mitreisenden Brüdern Brod geschickt cartoonisierte Versionen ihrer Persönlichkeiten angefertigt, sondern auch wie Heuet aufwendige Bildrecherche fürs Setting betrieben. Und plötzlich wird das schon bei Kafka beschriebene stundenlange Warten auf sekundenkurze Ereignisse sichtbar in der Weite des kargen Flugfelds und den müden Blicken der Piloten.

Vierundzwanzig Seiten nur hat die gezeichnete Geschichte (das ganze Album klassische achtundvierzig), aber das ist genau richtig, denn Kafkas Reportage ist ja auch kurz, und selbst wenn hier zum Auftakt die biographische Vorgeschichte des Besuchs in Brescia mit hineinspielt (dafür wird Stachs Expertise unerlässlich und unermesslich gewesen sein), ist Wolzogen dafür zu loben, dass er der naheliegenden Versuchung, aus der biographischen wie journalistischen Petitesse ganz großes gezeichnetes Kino zu machen, nicht nachgekommen ist. Gerade die Unaufgeregtheit seiner Adaption kontrastiert aufs Schönste mit der Aufregung, die Kafka damals offenbar erfasste und die Wolzogen durchaus sichtbar macht. Hätte der Zeichner jedoch selbst noch Aufgeregtheit draufgesattelt, hätten wir eine Art Action-Comic bekommen, der widersprüchlich zu dem gewesen wäre, was Kafka dann geschrieben hat. Und auch Wolzogen nennt seine Geschichte eine „Reportage“, wenn auch eine „graphische“.

Und was sagt nun Reiner Stach dazu? Nichts, denn sein Essay „Franz Kafka und die Piloten“ geht über die entsprechenden Ausführungen im 2014 erschienenen Abschlussband seiner Biographie nicht hinaus. Wozu auch, es steht ja eh (fast) alles über Kafka darin. Zum Comic sagt Stach nichts, aber in Wolzogens Danksagung wird er bedacht für „viele gute Gespräche über einen Kafka in Farbe“. Und jemand wie Stach würde doch keine Zeit auf etwas verschwenden, das ihm seinem Leib- und Magenthema unangemessen erschiene. Also höchstes Lob selbst bei konkretem Schweigen. Und ich habe das, was Stach geschrieben und verschwiegen hat, und das, was Wolzogen gezeichnet hat, auch gerne im Regal.

04. Apr. 2022
von andreasplatthaus
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28. Mrz. 2022
von andreasplatthaus
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Feinchirurgischer Feminismus

Jede Comic-Lücke im deutschen Verlagswesen wird geschlossen! Nun hat auch btb, die deutsche Taschenbuchreihe von Penguin Random House, einen Comic im Programm. Und nicht irgendeinen. Vor allem nicht von irgendjemandem. Vielmehr ist die Autorin eine Erfolgsschriftstellerin: Leïla Slimani, Goncourt-Preisträgerin für den Roman “Dann schlaf auch du”, zudem engagierte Streiterin in den französischen Debatten um Islam und Feminismus. Was reizt eine solche Frau am Comic? 

Man weiß es nach Lektüre von “Eine freie Frau” nicht recht. Klar, da ist das Thema: das Leben von Suzanne Noël. Die kennt man hierzulande nicht, aber in Frankreich hat sie einen Ruf wie etwa Florence Nightingale in England. Nicht unbedingt, was beider medizinisches Engagement angeht – Nightingale war ein Engel in Krankenschwesterntracht, Noël dagegen eine durchaus geschäftstüchtige Chirurgin, die sich allerdings auch um die Menschheit verdient gemacht. Einmal, weil sie im Ersten Weltkrieg angesichts der verheerenden Gesichtsverletzungen der Soldaten eine Pionierin der plastischen Chirurgie wurde, und dann, weil sie sich damit in der damals noch rein männlich geprägten Ärzteszene behauptete. Sie war eben eine überzeugte Feministin, die auch vehement fürs Frauenwahlrecht in Frankreich stritt. “À mains nues”, wie der Originaltitel des Comics lautet – mit bloßen Händen. Durch ihrer Hände feinchirurgische Arbeit.

Also mehr als genug gute Gründe für Leïla Slimani, über diese Frau zu schreiben. Nur noch einmal: warum als Comic? Die Dialoge sind unbeholfen (zumindest in der deutschen Übersetzung, aber Blicke in französische Leseproben – eine deutsche gibt es nicht, da könnte btb noch etwas lernen -, etwa auf À mains nues T1 – Tome – Online zu lesen (izneo.com), lassen fürs Original dasselbe fürchten), und Slimani hat erkennbar wenig Sinn für Spannungsdramaturgie, die auch durch Bilder erzeugt wird. Zwar bietet gerade die erwähnte Leseprobe eine sehr ungewöhnliche Sequenz, aber das ist dann auch gleich das Spektakulärste, was die insgesamt fast zweihundert Seiten zu bieten haben (in Deutschland zu einem Band zusammengefasst, während man in Frankreich zwei Teile publizierte).

Mit Clément Oubrerie hat Leïla Slimani sich einen versierten Zeichner ausgesucht, der zudem über reiche Erfahrung in der Zusammenarbeit mit Autorinnen verfügt – sein größter Erfolg sind die Bände der “Aya”-Comicreihe nach den Szenarios von Marguerite Abouet. Aber auch Oubrerie wirkt bei “Eine freie Frau” wie gehemmt, was damit zu tun haben kann, dass die deutsche Ausgabe gegenüber dem französischen Original verkleinert wurde, so dass seine Bilder zu kleinteilig erscheinen. Besonders auffällig ist das bei einer langen Sequenz von doppelseitigen Panel-Arrangements, die verschiedene Geschehnisse aus der Zeit des Ersten Weltkriegs parallel darbieten. Da laufen die Bildreihen abwechselnd schräg auf und ab, aber dieser Effekt verpufft angesichts des zu kleinen deutschen Formats.

Und viel mehr ist Oubrerie leider auch nicht eingefallen. Seine Figuren sind brave historische Kostümstudien, ein Minenspiel ist kaum auszumachen, nicht einmal in den seltenen Momenten, wo die Handlungsweisen einzelner Akteure an Wahnsinn grenzen. Überhaupt ist alles etwas zu ausgewogen in dieser Emanzipationsgeschichte. Mag ja sein, dass es sich historisch auch genau so verhielt, aber dann hätte das Leben eben einmal die schlechtere Geschichte geschrieben. Wofür haben wir denn Literatur, wenn sie nicht das interessanter macht, was ohnehin geschieht?

Und man kann sich über die deutschen Übersetzung beklagen. “Gueules casssées” nannte man in Frankreich die schwer gesichtsversehrten Soldaten im Ersten Weltkrieg – zerschlagene Fressen. Das war eine Selbstbezeichnung, die in dem Schrecken, den sie ausdrückte, der entsetzlichen Entstellung entsprach. Die Übersetzerin Amelie Thoma wählt dafür den deutschen Begriff “Trümmervisagen”. Er ist weder historisch üblich noch bringt er dieselbe Drastik in den Text. Allerdings könnte man argumentieren, das sich ja auch Slimani und Oubrerie gescheut haben, eine dieser Verunstaltungen als Bild in ihren Comic zu nehmen; es wird vielmehr im entscheidenden Moment jeweils abgeblendet, als wäre man im Hauptprogramm des Kinderfernsehens.

Dagegen gab es keine Skrupel, einen krankheitsbedingt verunstalteten weiblichen Torso zu präsentieren. Die Schauwerte haben sich selbst in feministischen Comics nicht groß verändert. Wann begreifen die Autoren, die sich an Comics versuchen, dass sie es dabei mit einer Erzählform zu tun hat, die ihre eigenen Gesetze hat? und – noch wichtiger – wann versuchen sie, diese Gesetze produktiv zu brechen? Also nicht bloß unbehelflich wie hier.

28. Mrz. 2022
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20. Mrz. 2022
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Keine Müdigkeit, wenn es ums Lebenswerk geht

Manchmal hat man Glück, und nach vielen Jahren trifft man eines seiner Idole wieder. In diesem Fall Jacques Tardi, den größten lebenden Comiczeichner Frankreichs. Das letzte Mal, dass ich ihn traf, war in Erlangen, als er 2014 den Max-und-Moritz-Preis für sein Lebenswerk erhielt. Aber da hatte er anderes im Kopf, als sich an einen deutschen Journalisten zu erinnern, der ihn zwei Jahre zuvor in Paris besucht hatte, kurz bevor der erste Band seines persönlichsten Comics erschienen war: „Moi René Tardi, prisonnier de guerre au Stalag II B“, die Geschichte von Jacques Tardis Vater, der im Zweiten Weltkrieg fast fünf Jahre lang als Kriegsgefangener in Hinterpommern festgehalten worden war. Damals in Paris hatte Tardi über den kommenden Band erzählt, und ich hatte darüber geschrieben, aber Tardi spricht kein Deutsch, also wird er es nicht gelesen haben. Und Journalisten lässt er ohnehin nicht gerne an sich heran; ich hatte damals lediglich das Glück, über einen gemeinsamen Bekannten vorgelassen zu werden. In Erlangen beschränkte sich unser Gespräch auf ein paar Floskeln.

Diesmal war das Glück anderer Natur. Tardi hatte 2021 für seine Trilogie „Moi René Tardi“ (Leseprobe des letzten Bandes: https://www.editionmoderne.ch/buch/ich-rene-tardi-band3/) den Einhard-Preis zugesprochen bekommen, eine überaus renommierte Auszeichnung, die im hessischen Seligenstadt für historische Biographen verliehen wird.  In der Jury sitzt mein Kollege Patrick Bahners, und er empfahl mich für die Laudatio. Verliehen werden sollte der Preis natürlich auch schon 2021, doch Corona machte einen Strich durch diese Rechnung, weil Tardi Mitte siebzig war und sich nicht dem Ansteckungsrisiko aussetzen wollte. So wurde alles auf 2022 verschoben, und dass es nun wirklich geschah, darf man als kleines Wunder betrachten, denn soviel besser ist die pandemische Lage ja nicht geworden.. Aber der Zeichner kam tatsächlich aus Paris angereist, seine Frau Dominique Grange begleitete ihn. Und ich durfte auf der Preisverleihung reden und danach natürlich auch im kleinen Kreis mit Tardi selbst.

Die Gefahr, eigene Idole persönlich kennenzulernen, ist groß. Halten Sie den eigenen Vorstellungen stand?  Nun wusste ich vom Pariser Besuch, dass Tardi ein analytischer Kommentator des eigenen Werks ist und ziemlich kompromisslos, was seine Rücksichtnahme auf Gesprächspartner angeht: Was diese interessiert, muss ihn noch lange nicht interessieren. Am besten, man lässt ihn erzählen. In Seligenstadt indes war die Situation besser: Ich wollte gar nichts von ihm, und er hatte Gefallen an meiner Laudatio gefunden. Dass ich jemals von Tardi umarmt werden würde, hätte ich mir nicht träumen lassen. Und was er dann erzählte, noch weniger.

Die gute Nachricht ist, dass er schon wieder an einem neuen Comic sitzt. Das indes war zu erwarten. Tardi ist zeit seiner Karriere ein unermüdlicher Zeichner gewesen. Gerade erst ist in Frankreich beim Verlag Delcourt „Elise et les nouveaux partisans“ herausgekommen, die nur leicht fiktionalisierte Autobiographie seiner Frau. die in den späten sechziger und frühen siebziger Jahren eine Liedermacherin der französischen Linken war und sich in den landesweiten Streikaktionen der Arbeiterschaft an vorderster Front bewegte. Doch als nächstes wird Tardi seine berühmteste Serie fortsetzen und zu Ende bringen: mit dem zehnten Band der Abenteuer von Adèle Blanc-Sec, seiner 1976 erstmals aufgetreten Detektivin aus der Belle Époque, über die seit dem neunten Band von 2007 nichts mehr zu lesen gewesen war. Dass sie zurückkehren wird zu einem letzten Einsatz, dürfte die größte Neuigkeit sein, die der französische Comic seit Jahren zu bieten hatte.

Über den Inhalt dieser Fortsetzung hat Tardi in Seligenstadt nichts gesagt. Aber „Adèle“ ist ja ohnehin im Laufe des Geschehens immer assoziativer geworden; es könnte also durchaus sein, dass ihr Autor selbst noch gar nicht weiß, wohin es ihn mit dem Finale treiben wird. Noch wesentlich interessanter war es denn auch, als Tardi das Gespräch auf den Schriftsteller Céline brachte, von dem er vor mehr als dreißig Jahren drei Romane illustriert hat – nicht als Comics, sondern mit Begleitbildern, allerdings jeweils Hunderten davon. Diese Ausgaben sind längst vergriffen. Neben dem berühmtesten Buch von Céline, „Reise ans Ende der Nacht“ (erschienen 1932), und dessen Nachfolger „Tod auf Kredit“ (1936) war darunter auch „Casse-Pipe“, ein Romanfragment, das 1948 erschien, als der Schriftsteller in Frankreich Persona non grata war, weil er nicht nur fanatischer Antisemit war, sondern sich im Zweiten Weltkrieg auch als Kollaborateur diskreditiert hatte.

Nach seiner Flucht 1944 war Célines Pariser Wohnung durchsucht und ein großes Konvolut von Manuskripten beschlagnahmt worden. Die hatte dann ein Bewunderer des Schriftstellers an sich gebracht, um sie zu bewahren. Doch sie sollten nicht dem verrufenen Céline selbst oder dessen Frau zugutekommen, weshalb der Besitzer verfügte, die Manuskripte erst nach beider Tod für die Öffentlichkeit freizugeben. Céline starb 1961, aber seine Witwe Lucette wurde sage und schreibe 107 Jahre alt. Erst nachdem auch sie 2019 das Zeitliche gesegnete hatte, erfuhr die Welt von dem Riesenbestand an Unveröffentlichtem. Es war die literarische Sensationsnachricht des Jahres 2021.

In diesem Konvolut befindet sich auch das komplette Manuskript zu „Casse-Pipe“, und Tardi spielt mit dem Gedanken, nun den kompletten Text zu illustrieren. Noch kennt er ihn ebenso wenig wie der Rest der Welt; gerade erst laufen die Vorarbeiten zur Publikation des gesamten Materials, und ob ausgerechnet „Casse-Pipe“ dabei früh berücksichtigt werden wird, bleibt abzuwarten. Was Tardi an dem Roman fasziniert, ist klar: Er erzählt von Célines Zeit als junger Soldat unmittelbar vor und dann im Ersten Weltkrieg. Kein anderer Comiczeichner hat sich so sehr dieser Epoche verschrieben wie Tardi, und die radikal antimilitaristische Haltung des Romans ist ihm sympathisch. So sympathisch, dass Tardi durch Célines grässliche antisemitische Pamphlete der dreißiger Jahre nicht abgeschreckt wird, wenn er auch sagt, dass es auch schon in den neunziger Jahren Versuche gegeben habe, ihn durch diese literarische Vorliebe unmöglich zu machen: „In die Nähe von Antisemitismus gerückt zu werden, ist eine sehr unangenehme Erfahrung.“ Aber Tardi schreckt das offenbar nicht ab.

Nun besteht kein Zweifel daran, dass Céline einer der bedeutendsten französischen Autoren des zwanzigsten Jahrhunderts ist, und Tardi ist ein Meister des Grotesken, wie es auch bei Céline (sprachlich) dominiert. Die Kombination ist also formal ein Traum. Ob es überhaupt denkbar ist, die erwartete Neuausgabe von „Casse-Pipe“ rasch als illustriertes Buch erscheinen zu lassen, muss man abwarten. Aber die Lust Tardis daran ist groß, und mit nunmehr fünfundsiebzig Jahren wird er sich seine Projekte ganz genau aussuchen. Es wäre eine Rückkehr zu einem zentralen Aspekt seines Werks – wie schon im Falle von „Adèle Blanc-Sec“. Tardi will sein Lebenswerk runden. Und ich will nicht nur lesen, wie „Casse-pipe“ wirklich gedacht war, sondern auch, was Tardi für Bilder dafür finden will.

Und zur moralischen Frage: Bei seinem Dank für die Seligenstädter Auszeichnung verkündete Tardi, dass er das gesamte Preisgeld, immerhin zehntausend Euro, an die Flüchtlingshilfe Mare Liberum spenden werde, jene in den Niederlanden ansässige Organisation, die sich um Rettung Schiffbrüchiger im Mittelmeer bemüht.

20. Mrz. 2022
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14. Mrz. 2022
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Schämt man sich vor seinem Roboter?

Ein neuer Comic von Killoffer ist ein Ereignis. Denn der 1966 geborene Franzose ist eine Legende: vor dreißig Jahren Mitbegründer des Autorenverlags L’Association, ohne den nichts im zeitgenössischen Comic so wäre, wie es eben ist (im besten Sinne); vor zwanzig Jahren Autor des Albums „676 Erscheinungen von Killoffer“, einem Band, der das autofiktionale Comicerzählen revolutionierte; vor sechs Hauptfigur der Science-Fiction-Comicserie „Infinity 8“ seines alten Weggefährten Lewis Trondheim, deren letzten Band er selbst zeichnete (wer nochmal etwas dazu wissen will: https://blogs.faz.net/comic/2017/05/02/hitler-hat-den-kopf-verloren-1018/); ein mirakulöser Meister des Bleistifts in seiner freien Kunst, der Strukturen aus Schraffuren zu schaffen versteht, die jeden anderen Zeichner vor Neid erblassen lassen; und ein Exhibitionist auf dem Papier, der sich selbst (Revolutionär der Autofiktion!) im schlechtesten Licht erscheinen lässt. Neue Comics von Killoffer gab es früher im Jahres, wenn nicht Halbjahrestakt; seit er sich als Herausgeber um „Notre Lapin Quotidien“, die aktuelle Dreimonatszeitschrift von L’Association (im Zeitungsformat!) kümmert, erscheint so gut wie nichts mehr.

Doch nun „En Chair et en fer“ (Übersetzt: „In Fleisch und Eisen“, und Auktion/Gebot – enchère – und Hölle – enfer – stecken auch noch drin). Wobei dieser bei Casterman erschienene silberglänzende Comic im Querformat gar keine Novität ist, sondern Killoffers gezeichneter Beitrag zum Buch „Machines insurrectionelles“ des Philosophen Dominique Lestel. Darin geht es um Roboter-Ethik und -Kommunikation, und Killoffer ließ sich dazu eine wortlose Geschichte einfallen, in der er selbst irgendwann in der Zukunft mit einem Roboter zusammenlebt. Wer die „676 Erscheinungen“ oder auch „Killoffer tel qu’en lui-même“ von 2015 kennt, der weiß, was diesen Roboter erwartet: ein Zusammenleben mit einem isolierten, missgelaunten, unrasierten, sexuell frustrierten, meist halbnackt (untenrum) in der Wohnung herumlaufenden Messy. Wer’s noch nicht weiß, kann es sich hier ansehen: https://www.casterman.com/Bande-dessinee/Catalogue/albums/killoffer-en-chair-et-en-fer#&gid=1&pid=3.

Der Droide hält das denn auch nicht lange aus; am Esstisch (er verspeist eine Batterieladung, Killoffer eine zusammenpanschte Fertigmahlzeit) gibt es einen Kurzschluss, ein Wiederbelebungsversuch erweist sich als kurzfristig, und so kommt der Mann aus Eisen ins Maschinenkolumbarium. So viel zur Roboter-Ethik.

Natürlich braucht es einen neuen, der wird einfach eingekauft, aber wie bei einem Soziopathen wie dem fiktiven Killoffer nicht anders zu erwarten, geht das Zusammenleben schief (soviel zur Roboter-Kommunikation). Wobei der reale Killoffer nicht er selbst wäre, wenn es nicht einen irritierenden, aber auch irisierenden Dreh am Ende gäbe.

Doch viel mehr als seine spezifische Weise zu erzählen haben mich schon immer die klaren Linien von Killoffer angezogen. Er ist neben Marc-Antoine Mathieu der Großmeister des französischen Schwarzweiß-Comics, ähnlich streng geht er auch mit dem Seitenarchitektur um (diesmal jeweils sechs gleichgroße Quadratbilder pro Seite), und gleichzeitig haben seine Konturen ein Gewicht, weil sie so satt und dick gezeichnet sind, dass man sich in Frans Masereels Bilderwelten zurückversetzt fühlt.

Und dann der Witz dieses Autors! Nicht nur die Selbstironie, sondern auch der Anspielungsreichtum. Da liegt etwa im Lotterbett des faulen Killoffer des Comics jenes Buch, für das die Geschichte überhaupt erst entstand. Oder man achte auf den mechanischen Hund im Haushalt – beiläufiger ist seit Idefix im Asterix-Band „Tour de France“ vor mehr als fünfzig Jahren keine markante Nebenfigur mehr eingeführt worden. Erst im Zurückblättern erschließt sich der Reiz ihres Auftritts. Dazu die Killoffer-Kunst für gelegentlicher Symbolsprache bei Geräuschen und Dialogen und seine Lust am zeitaktuellen Kolorit dadurch, dass in dieser Zukunft immer noch alle mit Gesichtsmaske herumlaufen.

Und es gibt ein Vorbild, dem ausgiebig in zahlreichen Details gehuldigt wird, für das allein ich „En Chair et en fer“ lieben würde: Yves Chaland, tödlich verunglückt, als Killoffer gerade seine Karriere begann, der Liebling aller französischen Comiczeichner seither. Aber Killoffer zitiert nicht dessen bekanntere Arbeiten wie „Freddy Lombard“, sondern den nostalgischen Science-Fiction-Comic „Adolphus Claar“ von 1983. Mit dieser Überdosis Liebe und Brillanz gehe ich jetzt in die Warteschleife bis zum nächsten Killoffer.

14. Mrz. 2022
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07. Mrz. 2022
von andreasplatthaus
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Ich liebe diese enttäuschte Liebe

Man könnte meinen, dass ein achtundvierzigseitiges kleines Heft nach neun Jahren Pause nicht viel hermacht. Denn so lange haben wir gewartet auf den zweiten Teil von „Das Land, das es nicht gibt“ von Peter „Auge“ Lorenz. Der Berliner Zeichner, guter Geist hinter der legendären Comicbibliothek Renate, hatte 2013 ganz keck auf den Umschlag eines damals frisch erschienen Büchleins geschrieben: „Heft 1: Die Militär-Ausgabe“. Also durfte man doch irgendwann mit Nummer zwei rechnen. Ernsthaft jedoch tat man das nach einiger Zeit nicht mehr. Und nun ist sie doch da.

„Das Land, das es nicht gibt“ meint die DDR, in der Lorenz 1963 geboren wurde, und natürlich sind die Episoden in beiden Heften autobiographisch grundiert. Also noch nicht einmal Mühe beim Stoffsammeln – könnte man meinen. Aber man unterschätzt die sonstigen Mühen für Comiczeichner, die sich weiterhin der alternativen Szene zugehörig fühlen. Lorenz ist ein Comicaktivist, und sein Herzensprojekt, die Renate, hat in den vergangenen Jahren unter der Pandemie gelitten, weil der Umsatz aus dem dort nebenher getätigten Verkauf in den Lockdownzeiten wegbrach. Aber noch hält sie durch, und das ist nicht zuletzt das Verdienst von „Herrn Auge“.

Daneben blieb dann zu wenig konzentrierte Zeit zum Zeichnen, und wenn es sie doch gab, dann trieb Lorenz auch noch anderes um als seine vor Jahren mutig deklarierte Heftserie. So zeichnete er jüngst etwa einen kleinen modernen Totentanz aus dreizehn Bildern, der muntere Skelette mit Angehörigen jener Berufsgruppen zusammenführte, die während der Pandemie nicht in die schützende Isolation gehen konnten: Ärzte, Apotheker, Verkäufer, Türsteher, Polizisten und so weiter. Und im dreizehnten Bild zeichnete Lorenz auch sich selbst: das Skelett zeichnend. Aus seinem Blatt ersteht es auf und tippt seinem Schöpfer auf die Schulter.

Dieses kleine Heft druckte er privat mit Risographietechnik in neunzig Exemplaren, und das hat ebenfalls Zeit gekostet. Also doch bemerkenswert, dass gleichzeitig auch noch die Fortsetzung von „Das Land, das es nicht gibt“ entstanden ist. Da immerhin übernahm der Jaja Verlag den Vertrieb, den Risodruck besorgte wiederum Lorenz selbst. So sieht es aus: https://www.jajaverlag.com/autoren/peter-auge-lorenz/, eine Leseprobe gibt es leider nicht.  Also nun endlich zum Inhalt.

„Die schiefe Bahn“ lautet diesmal der Untertitel, aber die neigt sich nur leicht. Die drei Protagonisten von Peter Lorenz – Sven, Ole und vor allem Pepe, der in drei der vier Geschichten des zweiten Heftes im Mittelpunkt steht – sind junge Ost-Berliner und moderat unangepasst. Aber eigentlich reizende Kerle, also machen die ersten beiden bei den Aufnahmeritualen in eine jugendliche Schlägertruppe gar nicht erst ernsthaft mit, sondern wollen sich durchmogeln. In dieser ersten Erzählung herrscht noch ein dünner, leicht krakeliger Strich in den Zeichnungen vor, der sich in den folgenden drei Pepe-Episoden zu einem dickeren rundet, also gefälliger wird. Und mir gefallen auch die Pepe-Kapitel viel besser, schon allein, weil der Protagonist kein Schüler mehr ist, sondern schon ein später Teenager oder junger Erwachsener, also geht es etwas weniger naiv als zum Auftakt zu. Aber erst in der letzten Geschichte, „In Reihe geschaltet“, erreicht das Heft seinen Höhepunkt.

Es ist erfreulicherweise die längste des Story-Quartetts: immerhin einundzwanzig Seiten. Trotzdem ist es angesichts des Kleinformats in zehn Minuten gelesen, und man könnte meinen, zehn Euro wären dann doch etwas viel für solchen Kurzgenuss. Aber man meint eben viel voreilig bei diesem Heft, denn diese Geschichte wird man immer wieder lesen, weil sie ganz anders ist als alles, was bislang unter dem Label „Das Land, das es nicht gibt“ erzählt wurde, also anders als das ganze erste und das halbe zweite Heft – und auch anders als das, was sonst von anderen über die DDR erzählt wurde. Hier nämlich bleibt die DDR zunächst einmal egal, das Geschehen könnte anfangs, ja größtenteils überall spielen, und so vergisst man bis zu einer Wendung, mit der es dann doch spezifisch totalitär wird, den Schauplatz. Denn „In Reihe geschaltet“ erzählt von einer enttäuschten Liebe, und das so wunderbar beiläufig, wie es sonst nur große Literatur tut.

Jedes weitere Wort wäre zu viel, denn es nähme der Leichtigkeit von Lorenz’ Darstellung die Wirkung. Was sich in Bildern und kombiniertem Text aus Dialogen und reflektierter Erinnerung so selbstverständlich entwickelt, muss in einer Nacherzählung banal klingen. Nur so viel: Auf eine derartige Kurzgeschichte im dritten Heft von „Das Land, das es nicht gibt“ warte ich gerne auch noch einmal neun weitere Jahre.

07. Mrz. 2022
von andreasplatthaus
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28. Feb. 2022
von andreasplatthaus
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Gute Absicht macht noch keinen guten Comic 

Das kann man an dem im vergangenen Jahr erschienenen Sammelband „Nächstes Jahr in“ erkennen. Übrigens fehlt da im Titel bewusst das erwartbare „Jerusalem“. Die Herausgeber Meike Heinigk, Antje Herden, Jonas Engelmann und Jakob Hoffmann, alle vier verdienstvolle Förderer des kulturellen Lebens im Rhein-Main-Gebiet, haben es sich nicht nur aus Originalitätsgründen verkniffen, obwohl es in ihrer im emsigen Ventil Verlag erschienenen Anthologie um „Comics und Episoden des jüdischen Lebens in Deutschland“ geht. Mit dem Abbruch der vertrauten Formulierung sollte wohl das potentiell Unerwartete an den elf enthaltenen Geschichten betont werden.

Und sicher auch, dass manche Protagonisten ihre Zukunft durchaus in Deutschland gesehen haben. Oder etwas konkreter: im Rhein-Main-Gebiet, und noch etwas konkreter: in Darmstadt, denn da spielt sich ein Großteil der Episoden ab. Leider gibt es keine Leseprobe vom Verlag, aber in diesen beiden im Vergleich mit mir ungleich begeisterten Beiträgen zum Comic sind zumindest einige Auszüge zu betrachten: https://www.kontextwochenzeitung.de/schaubuehne/553/geschichten-aus-dem-nirgendland-7807.html oder https://www.swr.de/swr2/literatur/juedische-geschichte-neu-erzaehlt-der-comicband-naechstes-jahr-in-100.html (hier sogar mit Filmbeitrag).

Sie bieten elf Porträts von jüdischen Persönlichkeiten oder Einrichtungen aus sieben Jahrhunderten, und Hintergrund der Publikation war natürlich das große Jubiläumsjahr 2021, das unter dem Motto „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ stand. Warum sollte von daraus resultierender Aufmerksamkeit und Bezuschussung nicht auch der Comic als Erzählform profitieren? Und so machten sich einige der namhaftesten deutschen Autoren auf diesem Feld an die Arbeit: Barbara Yelin, Elke Renate Steiner, Simon Schwartz, Tobi Dahmen oder Moni Port. Und zwei der erstaunlichsten Neulinge der jüngsten Zeit: Hannah Brinkmann und Büke Schwarz. Von einigen kannte man die Neugier auf jüdische Themen, bei anderen überraschte sie. Jedenfalls war alles bereitet für einen fulminanten Band.

Warum ist er das nicht geworden? Weil sich einige Autoren zu treu blieben. Simon Schwartz etwa erzählt vom Leben eines jüdischen Arztes an der Wende zum sechzehnten Jahrhundert, als ob er eine weitere Folge seiner wunderbaren Serie „Vita obscura“ erzählte. Nur leider nicht auf einer großen einzelnen Fläche, die ihm seine grandiosen seitenarchitektonischen Spielereien gestattet, sondern auf drei Buchseiten, die übers Anekdotische nicht hinausreichen und eben graphisch nichts Ungewöhnliches zu bieten haben. Elke Renate Steiner wiederum setzt ihre übliche Grauästhetik fort, nur wirkt die wiederum auf Albumseiten weniger überzeugend als in den sonst meist von ihr bestrittenen Kleinformaten. Tine Fetz und Hans-Jörg Brehm, um zwei weitere Beiträger zu nennen, können mit dem Albumformat offenbar gar nichts anfangen; Fetz bringt zu wenig, Brehm zu viel auf den Seiten unter.

Gewohnt großartig ist Barbara Yelin, und sie nutzt die ihr zur Verfügung stehenden Flächen zu einer Spannungsdramaturgie, die aus Gedichten von Mascha Kaléko tatsächlich einen lyrischen Comic macht. Dass sie dabei zu Bildlösungen kommt, wie sie auch Anselm Kiefer in seinen Gemälden zu Paul Celans Dichtungen gefunden hat – wie großartig, zwei inhaltlich offenbar verwandte Seele am Werk zu sehen. Und Büke Schwarz zeigt mit ihrem Comic über den Maler Ludwig Meidner, dass ihr autobiographischer Künstlerinnencomic „Jein“ vor zwei Jahren keine Eintagsfliege war. Diese Zeichnerin versteht einfach, bildende Kunst und vor allem den Prozess von Kunstentstehung ins Bild zu setzen.

Aber das sind eben Ausnahmen, der Rest ist meist im unangenehmen Sinn erwartbar. Auch betreffs der Begleittexte, in denen die historischen Kontexte erläutert werden. Aber auf einem Niveau, das sich so trocken wie ein Schulbuch liest. Womöglich soll „Nächstes Jahr in“ das ja auch gerade sein, so kommt man sicher leichter an Fördergeld als mit einem avantgardistischen Konzept. Aber wenn man etwa an die vor langer Zeit entstandene israelisch-deutsche Comic-Anthologie „Tel Aviv Berlin“ denkt, dann sieht man, dass reine Geschichtsgeschichten weniger zur Vermittlung der Faszination der jüdischen Kultur taugen als aktuelle Beobachtungen, wie sie dort versammelt waren. Schön deshalb, dass immerhin Moni Ports und Miriam Werners Beitrag zu „Näcstes Jahr in“ unsere Gegenwart erreicht und von der Freundschaft beider Frauen erzählt. Leben muss Lebendigkeit vermitteln.

 

28. Feb. 2022
von andreasplatthaus
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21. Feb. 2022
von andreasplatthaus
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Von der Würde alter Menschen

Frau Zimmermann erzählte nicht, Frau Zimmermann zeichnete. Deshalb druckt Charlotte Müller in ihrem Comic „Ein Haus mit vielen Fenstern“ auch nicht wie sonst darin üblich die verschriftlichten Lebenserinnerungen dieser Altersheimbewohnerin ab, sondern einfach einige ihrer Bilder: fast schon wieder kindlich wirkende Aquarelle und Skizzen. Naive Kunst oder Art brut? Der Stil widersetzt sich der Klassifikation. Kunst einer sehr alten Frau. Die sehr viel zu erzählen hatte und es eben in Bildern tat.

Charlotte Müllers Comic beeindruckte mich schon vor einiger Zeit als Einreichung für den Berthold-Leibinger-Comicbuchpreis. Wobei ich es wagemutig fand, sich damit zu bewerben, denn so interessant das Konzept war, so wenig sah es eigentlich nach Comic aus. Müller, Jahrgang 1972, ist Kunsterzieherin und arbeitete lange in Berliner Altersheimen. Dort zeichnete sie Gespräche mit den Bewohnern auf, und das darf man wörtlich neben: Sie zeichnete auch, was sie hörte. Aus diesen raschen Skizzen ist etwas ins Buch gewandert, in Form von Porträts der alten Menschen, die sie mittels Text (und einmal eben auch mittels eigener Bilder) zu Wort kommen lässt.

Dazu gibt es bei einigen Lebensgeschichten einen Einblick in die aktuelle Lebenswelt ihrer Erzähler: Müller zeichnet ihre Altersheimzimmer in der Manier eines Bastelbogens, nämlich aus der Vogelsicht mit seitlich umgeklappten Wänden, so dass man einen genauen Einblick ins komplette Ambiente bekommt. Eine Vorstellung davon, wie das aussieht, gewährt die Leseprobe des Kunstanstifter-Verlags, der sich des Buchs nun angenommen hat: https://www.book2look.com/book/fPxEsNJ8HI&clickedBy=wall&wallid=oatjo1hgth .

Die Stilvielfalt von Charlotte Müller verblüfft. Denn zu den Federzeichnungen der Zimmer und den rauen Skizzen der Porträts tritt noch Gemaltes und Montiertes: Zu jeder größeren Geschichte gibt es gegenständliche Reminiszenzen an die jeweiligen Leben, teils als Reproduktionen, vor allem aber als aquarellierte Darstellungen von Gebrauchsartikeln oder Fotos, die Zeugnis ablegen von der individuellen Vergangenheit. Und dann gibt es jeweils eine opulent gestaltete und vor allem räumlich angelegte „Erinnerung an zu Hause“, in der die überraschendsten Szenerien auftauchen: selten das Wohnzimmer, aber häufig Küchen und Badezimmer. Einmal auch der Straßenzug des früheren Hauses. In den Gesprächen ist der Verlust des selbständigen Daseins ein wiederkehrendes Thema, und der wird meistens mit dem Aufgeben der früheren Wohnumgebung verbunden. Die Heimexistenz ist selbst bei noch unbeeinträchtigtem Geisteszustand eine empfundene Form von Entmündigung.

Solche Facetten machen Müllers Buch zu einer regelrechten Sozialstudie – nicht nach Klassen oder Besitzständen differenziert, sondern als Porträt einer Generation der Zwischenkriegszeit (und einige Gesprächspartner sind sogar noch älter). Alle dürften mittlerweile tot sein, und erstaunlich viele waren kinderlos, so dass die Dokumentation ihres Lebens wohl die einzige Spur bleiben wird, die diese Menschen hinterlassen haben. Schon das macht den Band zu einem wichtigen Werk, aber zugleich ist er in seiner vielfältigen Ausdrucksform auch ein Manifest fürs Bilder-Erzählen, für graphic documentary, wie wir sie erst kürzlich an dieser Stelle über Volker Schlechts Comic zu einem katholischen Widerstandskämpfer kennengelernt haben (https://blogs.faz.net/comic/2022/01/31/menschenliebe-im-horror-1829/) und für Mut bei der Ausgestaltung desen, was man Comic nennen kann. EinElement ist übrigens gegenüber der Einreichung zum Leibinger-Wettbewerb dazugekommen, und es ist das comictypischste: Charlotte Müller gibt einige Gespräche nur als Rede und Gegenrede in Sprechblasen wieder, und just dieses bildärmste Prinzip weckt am intensivsten Erinnerungen an klassische Comics.

Zum Schluss noch eine Warnung: Es ist keine tröstliche Lektüre, was es da aus dem Munde der Heiminsassen zu lesen gibt (und schön ist das „Haus mit vielen Fenstern“, wie Müller das Heim nennt, nicht; vor allem sieht man darin Türen, aus den Fenstern dagegen nie). Das Alter der Protagonisten legt nahe, dass sie viel Unerfreuliches erlebt haben, und mit dem gegenwärtigen Zustand ist niemand so recht glücklich. Aber das Buch ist auch keine Anklage gegen wen auch immer. Es ist aber allemal eine Würdigung von Menschen, die in ihrer Individualität trotz ähnlicher Umstände doch Unvergleichliches erlebt haben. An diese Würde des Daseins kann man gar nicht oft genug erinnert werden.

21. Feb. 2022
von andreasplatthaus
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14. Feb. 2022
von andreasplatthaus
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Verlagslos, aber nicht humorlos

Wie schreibt man diesen Titel? Damit fängt’s schon mal an: „Kleine nette Bildergeschichten“ steht da, aber das L in „kleine“ ist rot durchgestrichen und bei „nette“ ein N ergänzt. Schon heißt es also „Keine netten Bildergeschichten“. Und wir können sehen, wie wir im Netz auf dieses Buch von Miriam Zedelius stoßen sollen.

Amazon – und auf diese Bestellquelle kommt es ja leider immer mehr an – wählt „Keine netten Bildergeschichten“ als Titel. Klingt ja auch ungebärdiger, rebellischer, also kindgerechter. Es ist eine der paradoxen Erkenntnisse, dass Bilderbücher umso tabuloser werden, je mehr Kinder in den Fängen von Helikoptereltern sind. Die wollen wenigstens den Anschein von Wildheit für die behüteten Kleinen bewahren. Also lieber nicht „Kleine nette Bildergeschichten“. Was derjenige, der es wissen muss – der Tulipan Verlag, in dem das Buch erschienen ist – vorzieht, ist nicht herauszubekommen, denn er listet das Buch auf seiner Website gar nicht mehr; dort ist für Miriam Zedelius nur das vor einem Jahr erschienene Bilderbuch „Elfi, das tarurige Krokodil“ verzeichnet. Sieht auch schön aus, und offenbar gibt es eine Kontinuität der Zusammenarbeit von Zeichnerin und Verlag. Aber dass „K(l)eine nette(n) Bildergeschichten“ nur viereinhalb Jahre nach Erscheinen bei Tulipan gar nicht mehr auftaucht, ist schon schofel. Was ist bloß passiert, dass dieses schöne Comicbuch für Kinder unterging?

Eines ist sicher: Es bekam damals zu wenig Aufmerksamkeit. Auch meine nicht. Ich habe das Bändchen erst vor zwei Wochen in meiner Leipziger Lieblingsbuchhandlung entdeckt, die immer wieder aus den Tiefen ihrer Regale vergessene Bücher herauskramt und ihrem Publikum präsentiert- auf dem kostbaren Platz, der gemeinhin Neuerscheinungen vorbehalten ist. Eigene Begeisterung zählt bei dieser Auswahl, nicht Aktualität oder Publizität, und Zedelius hat sicher auch davon profitiert, dass sie in Leipzig lebt und womöglich bei „Wörtersee“ (so heißt die Buchhandlung) ein und aus geht. Aber das weiß ich gar nicht. Ich wünschte es nur.

Ich kann gar keine normale Leseprobe zeigen, nur eine mühsam aufgestörbert Wiedergabe des Tulipan-Herbstkatalogs von 2017: http://docplayer.org/65483898-T-lipan-verlag-herbst-2017.html; dort die Seite 8 auswählen. Da ist immerhin eine ganze Geschichte von insgesamt sieben im Buch enthaltenen zu sehen, und wenn man die Darstellung des Prospekts noch etwas verkleinert, kann man rechts auch das Buchcover sehen und die wunderbare Einzelzeichnung eines Cowboys. Alles wirkt bei Zedelius wie kinderleicht hingeworfen, aber ihre Geschichten sind bitterböse. Das ist definitiv eher ein Buch für Erwachsene oder eines, mit dem man als Kind lernt, was Schadenfreude ist.

Wieso hat es dann beim derzeitigen Bilderbuchtrend zum Anstößigen keinen Erfolg gehabt? Wahrscheinlich, weil es dafür etwas zu früh kam. Oder wohl eher, weil es zwischen die Stühle fiel. Nicht nur bei den Zielgruppen, sondern auch bei der Einordnung im Buchladen. Ja klar, Bilderbuch. Ist ja auch von Tulipan. Aber eben doch auch ein Comic, wenn auch nur mit jeweils einem Bild pro Seite und ganz ohne Worte außer den Titeln der sieben Geschichten: „Cowboy!“, „Familienglück“, „Luftpost“, „Gut gedüngt“, „Pirouette“, „Schäfchen zählen“ und Kokosnuss“ – alles auch nicht gerade wortgewaltig. Lesen lernt man mit diesem Buch nicht.

Aber lachen, denn alles ist gewaltig komisch und hinreißend gezeichnet. Auf so etwas würde ich gerne häufiger verspätet stoßen und noch lieber rechtzeitig. Der Vorzug meiner Verspätung für Menschen, die ich neugierig gemacht haben sollte: Anscheinend hat der Verlag das Buch aus der Preisbindung genommen. Es kostet jedenfalls nirgendwo mehr die zwölf Euro, die ich noch brav gemäß Preisaufdruck bezahlt habe. Aber wenn ein Buchhändler schon so qualitätsbewusst war, dieses kleine Teufelswerk von Miriam Zedelius derart lange vorrätig zu halten, dann hat er auch den vollen Kaufpreis verdient. Prüfen Sie Ihre (Kinder)Buchhandlung! Und belohnen Sie sie, wenn sie diese Prüfung besteht.

14. Feb. 2022
von andreasplatthaus
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07. Feb. 2022
von andreasplatthaus

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Nichts davon mag ich eigentlich, aber alles zusammen ist großartig

Bisweilen trifft eine Comiclektüre genau den richtigen Moment: genauer gesagt einen späten Abend, als die Konzentration zum Schreiben weg war, aber die aufgelegte Musik noch lief und es also zu früh zum Schlafen war. Gute Zeit zum Hineinblättern in einen frisch eingetroffenen Band von Carlsen, einen Manga. Japanische Comics lesen sich schnell, und nach ein paar Dutzend Seiten weiß ich, ob sich für mich das Weiterlesen lohnt. Also eine Viertelstunde Lektürebudget für „Asadora!“ bewilligt.

Es wurden anderthalb Stunden, und es werden noch viel mehr werden, denn der Band ist Auftakt einer ganzen Serie. Die wird, wenn man die paar farbigen Seiten zum Auftakt des Ganzen richtig deutet, die Lebensgeschichte von Asadora erzählen, eines kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in eine kinderreiche japanische Familie hineingeborenen Mädchens. Sind die ersten Seiten noch 2020 angesiedelt (was im Erscheinungsjahr des Originals in sehr naher Zukunft lag und nun auf Deutsch in sehr naher Vergangenheit) und zeigen eine katastrophale Feuersbrunst in Tokio samt der unheimlichen Silhouette eines riesigen Monsters im Rauch, springt dann im restlichen Schwarzweißteil des Mangabandes alles fast sechzig Jahre zurück, ins Jahr 1959 nach Nagoya, in dem gerade ein Orkan tobt. Mitten drin die damals noch kleine Asadora.

Aber nicht lange mittendrin, denn ein heruntergekommener Mann verschleppt sie, weil er in ihr fälschlicherweise das Kind wohlhabender Leute vermutet und Lösegeld erpressen will, um sich eine Fluglizenz leisten zu können. Wer kurzfristig Kindesmissbrauch als Motiv befürchtet haben sollte, kann also aufatmen; beim Kidnapper handelt es sich um einen japanischen Weltkriegsveteranen, der sich nur in der Pilotenkanzel zu Hause fühlt.

Ich mag keine Fliegercomics, ich mag keine Erzählungen, wo sich alte Männer und junge Mädchen zusammenraufen, ich mag auch keine endlosen Mangaserien. Immerhin kannte ich den Schöpfer von „Asadora!“, Naoki Urasawa, als einen Zeichner, der nicht nur ein vieltausendseitiges Werk namens „20th Century Boys“ geschaffen hat (mit dem ich nicht warm wurde) , sondern vor einigen Jahren auch ein Motiv des Manga-Gottes Osamu Tetsuka zu einer originellen eigenen Miniserie (so etwas mag ich) gemacht hatte: „Pluto“, bei der Tetsuka immer noch als Szenarist genannt wurde, obwohl er längst tot war. Urasawa versteht es, seine Meister zu ehren.

Und bald merkt man, dass er im ersten Band von „Asadora!“ von einem Meister erzählt, obwohl der zerlumpte, vom Leben gezeichnete Entführer namens Kasuga zunächst nicht einmal den geringsten Anschein erweckt, mehr zu sein als ein Loser. Doch dann löst der Orkan eine Flutwelle aus, die Nagoya überschwemmt, und plötzlich sehen sich Entführer und Entführte gemeinsam einer humanitären Notlage gegenüber, bei der es ja nach eigenen Fähigkeiten anzupacken gilt – Asadora kann wie der Wind laufen, Kasuga wie der Teufel fliegen.

Und Urasawa kann zeichnen wie nur wenige. Um nicht zu sagen, wie derzeit kein anderer Mangaka, nämlich nur in Maßen expressiv – in jenen Maßen, die für einen westlich sozialisierten Comicleser wie mich seine Geschichte höchst attraktiv machen. Leider ist der japanische Lizengeber prohibitiv, was leseproben angeht; am besten kann man sich noch mittels eines kurzen Films über die französische Ausgabe von „Asadora!“ (https://www.kana.fr/produit/asadora-t1-2/) einen Eindruck seines Stils verschaffen. Erzählen kann Urasawa aber auch, und zwar mit allen Tricks: Zeitsprüngen, Parallelisierungen, Digressionen, Ellipsen. Und mit Cliffhängern. Selten hatte ich einen besseren als am Ende des ersten Bandes von „Asadora!“. Und deshalb weiß ich auch schon, dass ich weiterlesen werde.

Denn diese Alter-Flieger-trifft-junges-Mädchen-Manga-Großserie, die mit dem Ende des ersten Bandes gerade mal am nächsten Tag der Handlung angekommen ist, obwohl die eine mehr als sieben Jahrzehnte umfassende Lebensgeschichte erzählen will (und in Japan nach bislang sechs erschienenen Bänden noch mittendrin steckt), ist erstaunlicherweise genau, was ich mag. Auch deshalb, weil ich zwar comicliterarisch westlich sozialisiert bin, aber mythisch-ästhetisch-mentalitätsmäßig japanische Präferenzen habe. Und da hat „Asadora“ unheimlich viel zu bieten. Etwas von dem zu verraten, was sich bereits über den Fortgang der Geschichte andeutet, würde just den Reiz nehmen, den das Buch bei mir entfaltet hat. Nur so viel: Wenn man sich das Titelbild mit seinen wie fernostalgische Schnappschüsse arrangierten anheimelnden Bildern ansieht, wird man auf eine ganz falsche Spur gesetzt. Hier werden wir nämlich nicht in eine Ozu-Welt entführt, sondern in eine von Honda. Aber das muss nun wirklich reichen, inklusive des mutmaßlichen Missverständnisses bei Nennung des Namens „Honda“.

07. Feb. 2022
von andreasplatthaus

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