Comic

Comic

Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

02. Okt. 2022
von andreasplatthaus
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In diesem Band steckt alles drin, was Comic kann

Hamed Eshrat hat die Zauberformel gefunden, um einen ebenso persönlichen wie ästhetisch ambitionierten Comic zu machen. Dabei sieht erst einmal alles so aus, als hätte er einfach nur gute Vorbilder (aber was heißt da „nur“?). Das Titelbild könnte auch von dem französischen Zeichner Baru stammen, der es wie kein Zweiter versteht, Alltagsgeschichten einer Provinzjugend zu erzählen (aber was heißt da „wie kein Zweiter“, wo doch jetzt auch Hamed Eshrat eine solche Geschichte erzählt?). Und die zweitwichtigste Figur in Eshrats Comic, Sven, der beste Freund des Ich-Erzählers Hamed, könnte mit seiner überlangen dünnen Nase geradewegs einem Comic von Christophe Blain entstiegen sein, dem französischen Zeichner, der so beispiellos brillant physiognomische Abstrusitäten mit Wirklichkeitshandlungen zu vereinen versteht, etwa jüngst in seinen Bildern zum Klima-Sachcomic „Welt ohne Ende“ (aber was heißt da „Beispiellos“, wo doch Blain selbst offensichtlich das beste Beispiel für Eshrat war?). Aber genug der Rhetorik. Man schaue sich Eshrats Comic in der Leseprobe des Avant-Verlags einfach mal an: https://www.avant-verlag.de/comics/coming-of-h/#cc-m-product-9120677120.

„Coming of H“ heißt dieses dritte Buch, das der 1979 in Teheran geborene, aber in der deutschen Provinz (Bünde in Ostwestfalen, nahe bei Bielefeld) aufgewachsene Hamed Eshrat in dem Berliner Verlag veröffentlicht hat. Entdeckt wurde er allerdings in Frankreich, 2009 vom Autorenverlag Sarbacane, wo Eshrats „Tipping Point“ erschien, die Geschichte seiner Eltern und deren Entscheidung, die iranische Heimat nach der Islamischen Revolution von 1979 zu verlassen. Dieser Comic ist immer noch nicht auf Deutsch erschienen (was an der damals noch schlichten Graphik liegen mag, die vor allem von Joe Sacco und Marjane Satrapi inspiriert war – also weiß Gott auch keine schlechten Einflüsse. Aber „Venustransit“, Eshrats erste deutsche Albumpublikation (2015), war dann weniger epigonal, obwohl nun klar französisch beeinflusst (Charles Berberian und schon deutlich erkennbar Blain), und so wäre „Tipping Point“ als nachgereichte Veröffentlichung wie ein Rückschritt erschienen. Aber das hätte man auch über Eshrats deutschen Zweitling, den nach einem Szenario des Zeithistorikers Jochen Voit entstandenen „Nieder mit Hitler!“ über jugendlichen Widerstand im „Dritten Reich“, sagen können. Warum fehlt „Tipping Point“ also immer noch? Er war doch der Startpunkt für Hamed Eshrat, auch inhaltlich.

Nicht nur, weil er gewissermaßen den Ausgangspunkt von Eshrats Leben erzählt, sondern auch, weil „Venustransit“ und „Coming of H“ sich entscheidend an der Biographie ihres Autors anlehnen. „Venustransit“ spielt in Berlin, und dorthin bricht der Hamed aus „Coming of H“ am Schluss des neuen Bandes auf. Zuvor jedoch lebt er 170 Seiten lang noch in der (nie explizit genannten, aber deutlich identifizierbaren) Kleinstadt Bünde. Wie Eshrat die triste Atmosphäre einer dortigen Jugend während der achtziger und neunziger Jahre einfängt und trotzdem eine wilde Abenteuergeschichte daraus macht, das ist das Meisterhafte an „Coming of H“.

Der Titel spielt mit drei Bedeutungen. Einmal phonetisch mit „coming of age“, also einer Geschichte vom Erwachsenwerden einer Gruppe Jugendlicher. Dann mit der Abkürzung „H“ für Heroin: Härtere Drogen ziehen im Laufe des Geschehens in den schon zuvor rauschmittelgeprägten Alltag (Alkohol, Zigaretten, Haschisch) des Freundeskreises um Hamed und Sven ein: „Coming of H“ also als Ankunft von Heroin – wobei dieser Erzählstrang nicht so wichtig ist, wie es der Klappentext suggeriert. Und schließlich ist H für seine Freunde auch ein Rufname von Hamed. Es ist also mit dem Titel auch der Weg von Hamed zu dem, was er einmal sein wird, angesprochen.

Dieser Comic ist offen bis zur Selbstentblößung, etwa in den Szenen der wenig souverän absolvierten ersten sexuellen Erfahrungen. Er ist drastisch in der Dokumentation de Auseinandersetzungen rivalisierender Jugendgruppen (Skater, Neonazis, Türken). Er ist geradezu euphorisch in den Bildern des befreiten Skatens, das Hamed und seine Freunde zu ihrer Hauptbeschäftigung gemacht haben. Und er ist komplex in seiner Verschränkung der Zeitebenen, denn immer wieder springt die 1997 angesiedelte Haupthandlung zurück in Hameds Kindheit und bietet so auch ein Porträt der Integrationsbemühungen einer Flüchtlingsfamilie. Das daraus resultierende Psychogramm ist bei aller Traurigkeit grandios.

Dazu hat Hamed Eshrat seine graphischen Mittel noch einmal forciert. Seine randlosen Panels sind meist im Sechserraster angeordnet, doch es gibt zahlreiche Ausbrüche bis hin zu doppelseitigen Bildern. Lange stumme Sequenzen wechseln sich mit exzellent geschriebenen Dialogen ab – dieser Comic gäbe auch eine tolle Vorlage für ein Theaterstück ab. Und Eshrat schiebt bisweilen Schemazeichnungen ein, isoliert Einzelbilder auf sonst leeren Seiten, bringt Bildmetaphern zur Charakterisierung des Seelenzustands von Hamed und wechselt zu stimmungsvollen Totalen, etwa Luftansichten von Straßen oder Panoramabilden von Stromtrassen, die über die Umgebung von Bünde Auskunft geben und damit auch das Bemühen der Jugendlichen auszubrechen begreiflich machen. Nicht zuletzt ist der Comic eine große Liebeserklärung an den Vater von Hamed.

Eine solche Jugendautobiographie hat es noch nicht gegeben. Gemeinsam mit „Tipping Point“ und „Venustransit“ bildet sie ein Comic-Triptychon, und als dessen chronologische Mitteltafel darf „Coming of H“ Anspruch darauf erheben, das Zentrum zu sein. Meine Begeisterung für dieses Buch ist groß. Größer, als ich es sagen kann.

02. Okt. 2022
von andreasplatthaus
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26. Sep. 2022
von andreasplatthaus
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Ausweitung der Corto-Chronologie

Hugo Pratt ist seit 27 Jahren tot, doch seine bekannteste Figur, der Seemann Corto Maltese, lebt weiter. Das ist nicht Besonderes in der Weltliteratur, zu der die „Corto Maltese“-Serie gehört. O ja, diese Alben sind ein erzählerisches Meisterwerk des zwanzigsten Jahrhunderts, unvergleichlich, obwohl sie so viel Anleihen bei Joseph Conrad nehmen, bei Robert Louis Stevenson oder auch Emilio Salgari („Sandokan“). Aber was der Italiener Pratt daraus machte, ist eine Schöpfung eigenen Rechts, ein eklektischer Geniestreich (um einmal paradox sein zu dürfen), der nicht umsonst seinen italienischen Landsmann Umberto Eco begeisterte – von Pratt lernte er, wie man Mystik und Mythos so verbindet, dass unter dem Strich Abenteuer herauskommt. Aber Abenteuer qualitativ jenseits des Genres und diesseits von Eden. Paradiesische Literaturgefilde.

Seit sieben Jahren gibt es „Corto Maltese“ wieder, denn Pratts Erben ließen sich dafür gewinnen, die Abenteuer der Kultfigur fortsetzen zu lassen. Dafür, dass sie qualitativ wieder jenseits des Genres (wenn auch nicht mehr diesseits von Eden) angesiedelt sind, sorgt das spanische Autorengespann Juan Diaz Canales als Szenarist, der mit „Blacksad“ eine Noir-Detektivserie geschaffen hat, die in Frankreich alle Rekorde gebrochen hat, und Rubén Pellejero als Zeichner, der sich Pratts eigentlich unverwechselbarer Tuschetechnik so täuschend ähnlich angeeignet hat, wie es Didier Conrad mit dem „Asterix“-Stil von Albert Uderzo gelungen ist. So sieht Pellejeros Corto aus: https://www.casterman.com/Bande-dessinee/Catalogue/corto-maltese-edition-couleurs/corto-maltese-16-nocturnes-berlinois. Vier Alben des spanischen Duos sind mittlerweile erschienen, und sie führen den Weltenbummler Corto Maltese an Orte, zu denen er es bei Pratt noch nicht geschafft hatte.

Das jüngste, in Frankreich erst vor zwei Monaten erschienene Album heißt „Nocturnes berlinois“ (Berliner Nachtszenen; für Oktober bereits auf Deutsch bei Schreiber & Leser angekündigt als „Nacht in Berlin“), und man kann Canales nur bewundern für die Anschmiegsamkeit, mit der er die deutsche Hauptstadt in ihrer schillerndsten Phase, den goldenen Zwanzigern, in die Corto-Chronologie einpasst. Zwei Jahre, nachdem Walter Rathenau umgebracht worden ist, verschlägt es Corto Maltese 1924 zu seinem Freund Joseph Roth nach Berlin, wo er die Bekanntschaft von Reichspräsident Friedrich Ebert macht und in die Suche nach einem Dossier verwickelt wird, das die perfiden Hintergründe des Attentats auf den Außenminister enthüllen soll.

Das ist erstaunlich konkret für eine Corto-Maltese-Geschichte, historisch geradezu veristisch, während Hugo Pratt Alternativgeschichtserzählungen zu konstruieren pflegte, in denen sich zwar Versatzstücke der Wirklichkeit finden, doch selten mehr als Namensähnlichkeiten und Mythenfortschreibungen benutzt werden. Dagegen Roth, Ebert, Rathenau, auch Marlene Dietrich oder Adolf Hitler – Canales fährt großzügig und bedenkenlos auf, was Berlin an Berühmt- oder Berüchtigkeiten zu bieten hat. Dabei spielt fast die Hälfte der achtzig Comicseiten von „Nocturnes berlinois“ in Prag, wohin sich die Intrige zusammen mit den Dreharbeiten eines Ufa-Films verlagert. Immerhin kommt Kafka nicht als Figur vor. Dabei hätte er 1924 sogar in beiden Städten auftauchen können.

Der Ausflug in die zweite Ikonenstadt der Dunkelheit überrascht, denn so ziemlich alles in „Nocturnes berlinois“ außer den angesichts des Pratt’schen Erbes natürlich unvermeidlichen jüdisch-kabbalistischen Elementen hätte statt in Prag auch weiterhin in Berlin spielen können. Da hat Canales zu viel in seine Geschichte gepackt. Aber wie Pellejero sie zeichnet, das ist aller Ehren wert, zumal er diesmal nicht nur akkurat Pratt kopiert, sondern in einigen Film- und Phantastikszenen auch dem expressionistischen Zeitgeist der Zwanziger huldigt. Dazu eine besondere Empfehlung: Wie jüngst üblich gibt es neben der für ein breites Publikum gedachten Farbausgabe auch eine durch Zusatzmaterial angereicherte Schwarzweißversion des Albums, und sie zeigt Corto Maltese in einer graphischen Perfektion wie seit Pratts „Argentinischem Tango“ nicht mehr. Berlin passt einfach als Dekor, die Stadt wird dem Geist der Vorlage gerecht. Was für eine Faszination deutsche Abgründigkeit auf Pratt ausgeübt hat, kann man etwa seinen bereits lange vor „Corto“ entstandenen Zweiter-Weltkrieg-Comics der Serie „Ernie Pike“ ablesen, die gerade beim Avant-Verlag als kiloschwere Gesamtausgabe erschienen sind.

Dass man allerdings gar nicht sklavisch am Vorbild von Pratt kleben muss, um mit Corto Maltese zu reüssieren, hat kürzlich erst der junge französische Zeichner Bastien Vivès vorgeführt, der die Figur für den Band „Océan noir“ (als „Schwarzer Ozean“ im vergangenen Februar auf Deutsch erschienen, auch bei Schreiber & Leser, hier deren Leseprobe: https://www.schreiberundleser.de/index.php?main_page=popup_img&pID=760&zenid=f45100c687772a5e3e77362fbda8c411&imgType=lese1) in die Gegenwart versetzte – oder genauer gesagt: in eine nahe Vergangenheit, nämlich den Herbst 2001und damit ins Umfeld der Attentate vom damaligen 11. September. Wobei gar nicht sie im Mittelpunkt der Handlung stehen, sondern – cortogemäß – die Suche nach einem Konquistadorenschatz in Peru. Und wie der Szenarist dieses Abenteuers, Martin Quenehen, geradezu nebenbei die Wirtschaftsgeschichte des südamerikanischen Landes dazu benutzt, das Geschehen auch noch nach Japan zu verlagern, das gehört zu den großen erzählerischen Leistungen der jüngeren Comicgeschichte.

Noch bemerkenswerter ist allerdings das Geschick von Vivès bei der Aktualisierung des Protagonisten. Ihm gelingt das Kunststück, eine Figur aus den zwanziger Jahren fast hundert Jahre später ganz zeitgemäß wirken zu lassen, indem er ihre wesentlichen Charakteristika – die melancholische Lässigkeit und die einsame Ungebundenheit des Seemannes – auf einen heutigen Drifter überträgt. Dazu tritt mit Rasputin die charismatischste Nebenfigur der Pratt’schen Serie in einer Rolle auf, die diesem ambivalenten Herrn ebenfalls gerecht wird: als erpresserischer Rebellenführer. Quenehen und Vivès haben „Corto Maltese“ sogar noch besser verstanden als Canales und Pellejero, weil sie Pratts Muster modernisieren, ohne mit der Tradition zu brechen. Corto lebt. Und wie!

26. Sep. 2022
von andreasplatthaus
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19. Sep. 2022
von andreasplatthaus
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Chimäre der Comics

Normalerweise lasse ich mir etwas Zeit, bevor jemand zum nächsten Mal in diesem Blog vorkommt. Bei der italienischen Zeichnerin Zuzu aber ist das erst etwas mehr als ein Jahr her (https://blogs.faz.net/comic/2021/06/21/verschoenerung-durch-verstoerung-1745/), und trotzdem, soll hier schon wieder von ihr die rede sein. Der Grund dafür ist ganz einfach: Was sie macht, ist so ungewöhnlich, dass ich ins Staunen komme. Das war beim ersten Mal so, und jetzt ist es wieder der Fall. Doch diesmal  aus anderen Gründen.

„Glückliche Tage“ heißt der neue Band, wieder in Übersetzung von Denise Hofer bei der Edition Moderne erschienen, aber in kleinerem Format und knallbunten Farben. Nicht,. Dass man das bei diesem Umschlagbild vermuten würde Es zeigt die Protagonistin Claudia als Profilansicht in Schwarzweiß, deren rote Lippen und gelbe Augen die einzigen kleinen Farbflecken bilden. Aber der mehr als 45o Seiten umfassende Comic selbst ist mit Buntstiften koloriert, als feierte er die Freuden des Lebens. In der Leseprobe https://www.editionmoderne.ch/buch/glueckliche-tage/ kann man sich diesen Kontrast ansehen.

Nun konnte man bei Zuzu nach dem ersten Comic kaum eine optimistische Sicht auf die Welt erwarten, und obwohl ihr neues Buch den Titel „Glückliche Tage“ trägt, ist das auch hier überwiegend nicht der Fall. Wer sich ein wenig fürs Theater interessiert, weiß, dass „Glückliche Tage“ auch der Titel eines Dramas von Samuel Beckett ist, und wer sich ein wenig mit Beckett beschäftigt hat, der weiß, dass seine Figuren alles andere als glückliche Tage verleben. Das ist bei der Mittzwanzigerin Claudia nicht anders, die sich mit einem Monolog aus dem Beckett-Stück für eine Schauspielausbildung in Rom bewirbt. Ob diese von ihr bewegend vorgetragene und von Zuzu noch bewegender gezeichnete Probe bei der Auswahlkommission Eindruck machte, erfährt man nie, denn Claudia läuft danach einfach weg. Zu sehr entsprach das, was sie vortrug, ihrem eigenen Seelenzustand.

Der ist aufgewühlt, denn in Rom hat sie ihre frühere Liebe Giorgio wiedergetroffen, der – Achtung: extremer Spoiler! – in der Nacht vor dem Vorsprechen sexuell übergriffig und von Claudia erschossen wurde. Ihr aktueller Freund Piero ist weit weg, und der Comic hat von Beginn an diese zweite Liebesbeziehung als im Schatten der ersten stehend charakterisiert – vor allem sexuell. Als Claudia Giorgio kennenlernte, war sie achtzehn und er jenseits der dreißig, entsprechend formte er sie, und sie ließ sich formen. Piero dagegen ist ein eher noch jugendlich agierender Archäologiestudent, von dem Claudia gerne mehr Aufmerksamkeit bekäme, als er ihr zugestehen will. Daraus resultiert die Sehnsucht nach der verflossenen Beziehung – und das Drama beim Wiedersehen mit Giorgio.

„Glückliche Tage“ ist das Psychogramm einer jungen Frau, die als Chimäre gezeichnet wird: spitze, nach oben gebogene knallrote Nase, scharfe lange Reißzähne, oft ein Katzenschwanz und bisweilen auch Engelflügel – immer dann, wenn sie sich in Träumen verliert Das könnte man surrealistisch-abgeschmackt nennen, aber Zuzu nutzt diese Attribute für ihre Handlung, bis hin zu einem rettenden Flug, den Claudia antritt. Man sollte es nicht glauben angesichts ihrer Seelenpein und der drastischen Ereignisse, aber das Ganze geht – Achtung: schon wieder Spoiler, aber der wird Sie freuen – gut aus. Und das hätte ich Zuzu nicht zugetraut.

Und noch ein Wort zum Stil: Hier wird ganz anders als im Erstling „Cheese“ erzählt. nicht nur farbig, sondern auch in strengen Seitenarchitekturen aus jeweils gleichgroßen Panels: entweder drei seitenbreite, sechs moderat querformatige oder zwölf quadratische; ganz selten gibt es ganz- oder gar doppelseitige Bilder, die aber dann nicht notwendig spektakuläre Handlungselemente markieren, sondern viel eher als Zäsuren eingeschoben sind, die den Rhythmus der kleinteiligen Sequenzen zuvor durchbrechen. Ich habe ein solches dramaturgisches verfahren noch nicht gesehen. Es verstört, und das passt zur Geschichte.

Manches sperrt sich in mir gegen Zuzus Geschichten, das ist bei „Glückliche Tage“ nicht anders, als im Falle von „Cheese“ war. Aber dass da ein ganz großes Talent zeichnet und erzählt, ist unübersehbar. Und dass endlich einmal nicht immer nur der Berliner Avant Verlag ein Auge für italienische Comic-Pionierarbeit hat, sondern auch die Schweizer Edition Moderne es nun beweist, ist eine große Freude. Es gibt plötzlich Wildpfade neben dem ausgetretenen Wegenetz der deutschen Rezeption von Comics (aus Amerika, Frankreich, Japan). Auf denen läuft es sich nicht leicht, aber sie führen an Ziele, die wir noch nicht kannten.

19. Sep. 2022
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13. Sep. 2022
von andreasplatthaus
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Trivialliteratur mit Blutdurst

Ich bin kein Pulp-Leser, kein Freund des Westerngenres, auch nicht mit Comics von Hansrudi Wäscher sozialisiert worden – was also um Himmels willen sollte ich mit einem Billy-Jenkins-Comic, der im Stil eines Pulp-Heftes von den Abenteuern eines Westernhelden erzählt, und das in einer Geschichte, die Wäscher auch nicht unglaubwürdiger hinbekommen hätte? Nun, ich hatte meinen Spaß damit, und das kam so.

Rainer Gabriel aus Düsseldorf, Zeichner und Autor dieses Heftes und ersichtlich großer Freund all des Vorgenannten, das mich nicht interessiert, schickte mir seinen 128 Seiten starken Comic, der als Eigenpublikation hergestellt wurde und bei Fanpro im Vertrieb ist. Liebhabersache in jeder Hinsicht also. Die Hauptfigur Billy Jenkins orientiert sich an einem realexistierenden Westernhelden, der allerdings nur in Deutschland  agierte: Otto Rosenthal alias Erich Fischer (so die Namenswahl, als jüdische Abstammung in Deutschland tödlich zu werden begann) trat von 1909 bis zu seinem Tod 1954 als Darsteller in und schließlich auch Impresario von Wildwest-Shows durch Deutschland. Im „Dritten Reich“ heulte er mit den Wölfen, denn einige Granden des Regimes zählten zu seinen Bewunderern. Nach 1939 war er in den deutsch besetzten Ländern zur Truppenunterhaltung der Wehrmacht unterwegs, und er überlebte sowohl den Krieg als auch die Schoa.

Was ein Stoff, und tatsächlich entnimmt Gabriel dieser Vita etliche Versatzstücke für eine hanebüchene Geschichte: Jenkins ist im Winter 1945 in Pommern Teil der vor der Roten Armee gen Westen flüchtenden Deutschen und bewährt sich dabei in jener heroischen Rolle, die er bis dato immer nur gespielt hat. „Mr. Jenkins ’45 – Billy auf der Flucht“ ist ein sehr schlaues Balancespiel zwischen Realität und Fiktion, und drei Ebenen werden durch unterschiedlichen Farbeinsatz markiert: Blau eingefärbt sind Billy Jenkins‘ Tagträume von seinen Heldentaten, braun Rückblicke ins Leben des tatsächlichen Otto Rosenthal und schwarzweiß mit einzelnen Einsprengseln von Blutrot ist das eigentliche Geschehen. Gabriel überführt diese drei Ebenen sehr geschickt ineinander.

Weniger geglückt ist die Graphik dieses Hefts. Um eine Anschauung zu geben, verlinke ich hier einfach auf eine andere Besprechung: die der verdienstvollen Comiczeitschrift „Alfons“ (https://www.reddition.de/blog/frisch-gelesen-archiv/sonstigeverlage2/fg-301-fanpro-billy-jenkins-auf-der-flucht), der man noch viel mehr zum medialen Erbe des Billy Jenkins entnehmen kann. Was Gabriel da macht, erinnert an die unbeholfenen Versuche von Yves Chaland in den späten siebziger und frühen achtziger Jahren, und was ist aus dem noch geworden! Nur war Chaland damals ein Jüngling, Gabriel ist etwas fortgeschritteneren Alters, und in Deutschland haben es Genrecomics schwerer als in Frankreich.

Sehr hübsch sind die farbigen Binnencover z jedem der drei Teile des „Billy Jenkins“-Abenteuers. Damit wird das Gefühl einer ganzen Heftserie erweckt, wobei die Konsequenz von Gabriel nicht so weit geht, dass die drei Teile auch jeweils die gleiche Länge hätten. Eingeleitet werden sie zweimal mit einer Archivalienseite – warum der dritte Teil nicht mehr in diesen Genuss kommt, ist unerfindlich. Bei den Covern haben Vorbilder wie Jijé oder die „Simplicissimus“-Zeichner Pate gestanden, und wäre das Proportionengefühl bei Gabriel etwas ausgeprägter, könnten auch die Comic-Panels ähnlich überzeugen. So indes hat man manchmal den Eindruck bloßer Fan-Fiction. Was ja auch nicht das Übelste ist.

Die Handlung strotzt vor Klischees – negativen, was die Nazis angeht, positiven betreffs der Roten Armee, und dazwischen agieren einmal eine recht naive Gruppe deutscher Flüchtlinge und dann der alternde, aber heroische Jenkins. Wie geschickt Gabriel die Ambivalenz eines Protagonisten zu nutzen versteht, zeigt eine Episode, in der Jenkins von zwei Nazi-Killern angeschossen und für tot liegengelassen wird: Die Maschinengewehrgarbe überlebt er, weil ein Stahlkorsett die Kugeln ablenkte. Und tatsächlich trug der reale Otto Rosenthal aus gesundheitlichen Gründen in den vierziger Jahren solch ein Korsett.

Damit protzt Gabriel nicht, er baut es ein und überlässt es dem Publikum zu überprüfen, was wirklich und was phantastisch ist. Einige Anregungen legt er auch offen, und auf manches hätte er besser verzichtet: so etwa die miserabel gedruckten Skizzen, die zwischen den Hauptteilen zu finden sind, oder eine ganzseitige Porträtzeichnung im Halbprofil, von der man gerne gewusst hätte, wen sie darstellt: Rosenthal? Oder doch Gabriel selbst? Oder ist es ein idealiter gezeichneter Jenkins? Ach ja: Noch eine Warnung: Blut fließt hier in Strömen, und Drastik scheint dem Autor zu gefallen. Man könnte das tarantinoesk nennen, aber ich neige bei einigen Szenen doch eher zu „geschmacklos“.  Doch im Ganzen ist das ein Buch, an dem man seine eigene Erzähltoleranz gegenüber dem Trivialen auf angenehmste Weise überprüfen kann.

13. Sep. 2022
von andreasplatthaus
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07. Sep. 2022
von andreasplatthaus
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Malen nach dem kosmischen Prinzip

So nach und nach erscheint in jedem deutschen Verlag der eine oder andere Comic. Schön, dass die alten Vorbehalte über Bord gegangen sind und jeder seine Chance sucht. Selbst ein Haus wie Hatje Cantz, bekannt für seine Kunstbände, ist nun vom Comicfieber gepackt worden. Wobei das Debütwerk dieses Hauses so Hatje-Cantz-affin ist wie nur möglich. Es handelt sich um einen biographischen Comic über die schwedische Malerin Hilma af Klint.

Die hat in den letzten Jahren eine Renaissance erlebt, nein, das ist falsch: eine Entdeckung, denn obwohl sie 1944 starb, war sie sechs Jahrzehnte lang vergessen. Und zu Lebzeiten hatte sie auch nicht den Erfolg, den sie verdient gehabt hätte. Natürlich hatte das damit zu tun, dass sie eine Frau war. Der Kunstmarkt und die Museen setzten damals (und noch lange danach) auf männliches Genie. Das hat sich heute gründlich geändert und Hilma af Klingt kam geradezu in Mode, gipfelnd in einer Ausstellung des New Yorker Guggenheims vor vier Jahren, die zur bestbesuchten des Museums wurde.

Nicht ganz unbeteiligt an diesem postumen Siegeszug war und ist meine frühere F.A.Z.-Kollegin Julia Voss, die bis 2008 auch nichts von der schwedischen Malerin gehört hatte, dann aber eine Begegnung mit ihrem Werk hatte, die sie zu dessen begeisterter Propagandisten machte – hier gipfelnd in der großen Biographie, die 2020 erschienen ist. Der ersten weltweit.

Was kann ein biographischer Comic da noch leisten? Einen anderen Blick – einen in Bildern auf die Bilder. Philipp Deiners, für den dieser Band auch sein Debüt als Comiczeichner ist, nutzt das farben- und formenfrohe Werk Hilma af Klints zu großen (teilweise gar doppelseitigen) Kompositionen, die das Leben und das Schaffen der Malerin aufgehen lassen in ihre Bilderwelt. Af Klint war stark von der Anthroposophie beeinflusst (und tief enttäuscht vom weitgehenden Desinteresse Rudolf Steiners, des Begründers dieser Lebensanschauung, an ihren Bildern), und die anthroposophische Ästhetik mit ihren organischen Formen und dem bewegten Linienspiel (hierin ganz Kind des Jugendstils) gibt auch den stärksten Seiten des Comics deren Gestalt. Dagegen sind die eher sachlich erzählenden Panels und Sequenzen schlicht gehalten, meist vor leerem Hintergrund, aber immer in kräftigen Farben. Und je nach Einstellung (Close-up oder Halbdistanz) sind die Figuren so stilisiert, als wäre Deines bei Hergé in die Lehre gegangen. Oder in die Leere.

So sieht das aus: https://www.hatjecantz.de/die-5-leben-der-hilma-af-klint-8099-0.html. Und das Ganze heißt „Die 5 Leben der Hilma af Klint“. Fünf, weil das Buch fünf Kapitel hat, wovon eines zu einem nicht unwesentlichen Teil vor ihrer Geburt spielt: beginnend 1790, als ihr damals noch jugendlicher Großvater als Sohn eines Marineleutnants einen Rettungsplan für die von einer russischen Blockade bedrohten schwedischen Flotte schmiedet. Er war ein begabter Kartograph, und seine Fähigkeit zur Abstraktion von Wirklichkeit in gezeichnete Schemata wird von Deines als familiäres Erbe gedeutet, das die 1862 geborene Enkelin Hilma, die diesen Großvater nie kennenlernen sollte, antrat.

Denn als Pionierin der Abstraktion ist sie zuletzt gefeiert worden, wobei Deines implizit vermittelt, sie sei wohl eher eine Malerin gewesen, die sehr klare Vorstellungen vom Inhalt ihrer Bilder gehabt hätte, aber dafür Darstellungen fand, die anderen verschlossen blieben – eine Art kosmisches Prinzip wird bebildert, und so etwas entzieht sich naheliegenderweise einer weltlichen Sichtweise. Zur Ungegenständlichkeit kamen dann noch die Misogynie des seinerzeitigen Kunstbetriebs, die lesbische Liebe, die Hilma af Klint pflegte, und die Abgeschiedenheit in Stockholm, das damals nicht als ästhetischer Hot Spot galt.

Das alles kann man auch bei Julia Voss nachlesen, aber Deines hat nicht abgeschrieben (oder nachgezeichnet), sondern mit an dieser Deutung gearbeitet, denn er und Voss sind verheiratet. Sein Comic entstand also neben íhrer Biographie, und sie hat ein Nachwort beigesteuert, dass die Genese der beiderseitigen Begeisterung für Hilma af Klint rekapituliert. Was für eine glückliche Familienfaszination! Und wir profitieren doppelt davon, wenn auch die Entscheidung von Deines, Bildverweise wie Fußnoten unter die einzelnen Panels abzudrucken, nicht gerade elegant ist. Und Lautmalereien setzt er auch entschieden zu viele ein. Da merkt man den Comicnovizen. Auch Handlettering wäre schön gewesen.

Wobei sein Comic die Dynamik der Kunst Hilma af Klints im buchstäblichen Sinne anschaulich vor Augen führen kann, anders als noch die emphatischste schriftliche Beschreibung. In Deines‘ Bildern von den Kreativitätsexplosionen der Malerin ist die Lebendigkeit von Wilhelm Buschs „Virtuos“ gepaart mit dem surrealen Visionen von Moebius. Auch das eine erstaunlich schlüssige Kombination. Beide werden das Werk von Hilma af Klint nicht gekannt haben, und die Künstlerin mutmaßlich auch nicht das von Busch. Aber in diesem Comic findet Kunst über ein Jahrhundert hinweg zur organischen Genese – ganz im Sinne Ernst Haeckels, den Af Klint durchaus kannte und schätzte. Aber nun genug des Namedropping und ran an die Lektüre. Sonst ergänzt man die Berühmtheiten nicht um den Namen Hilma af Klint.

07. Sep. 2022
von andreasplatthaus
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02. Sep. 2022
von andreasplatthaus
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Gutgläubig? Schwer zu glauben

Leser der F.A.Z. kennen Simon Schwartz durch seine Serie „Vita obscura“ im Magazin dieser Zeitung. Der 1982 in Erfurt geborene und heute in Hamburg lebende Comiczeichner versteht es wie kaum ein anderer, die Abstrusitäten in realen Lebensläufen zum Thema zu machen – und die rechte Form dafür zu finden, denn „Vita obscura“ in ihrer Gesamtheit ist auch eine Phänomenologie der Seitenarchitektur. Und für die Bücher von Schwartz gilt das ähnlich: Stets bildet sein Layout auch die Thematik mit ab. So nun wieder in seinem Comicalbum „Nachts im Dom“.

Das muss ein Traum gewesen sein für Schwartz: der Auftrag des Bischöflichen Ordinariats Limburg, eine Geschichte zu zeichnen, die ihren Handlungsort im dortigen Dom hat. Der im Kern romanische, aber dennoch himmelstürmende Bau liegt für jeden Autofahrer unübersehbar mitten in der Stadt neben der A3. Seit ich in Tübingen studiert habe, habe ich die spektakulär aussehende Kirche unzählige Male passiert, und stets nahm ich mir vor: Beim nächsten Mal fahre ich ab und besichtige sie. Es dauerte mehr als dreißig Jahre, ehe es passierte, und ich gebe zu, dass mich das Innere enttäuscht hat. Weil das Gebäude von außen so beeindruckend ist. Drinnen ist alles ziemlich durchschnittlich, wenn man andere deutsche Kathedralen kennt.

Aber Schwartz konnte aus der vertikalen Architektur Honig für seine Geschichte saugen, indem er sie mit zwei kleinen Protagonisten konfrontiert: dem Limburger Messdiener Nico und dessen englischem Austauschgast, einem farbigen Mädchen namens  Georgia. Gemeinsam schleichen sich die beiden Kinder eines Nachts in den Dom ein und lernen dort das süße Gruseln, als der legendäre Erbauer Graf Konrad Kurzbold als Geist seinem Grab entsteigt und ihnen so etwas wie eine geführte Tour durch Bauwerk und Bildprogramm der darin enthaltenen Kunstwerke gibt. Jetzt würde man gerne ein paar Bildbeispiele beigeben, aber der kirchliche Verlag Schnell + Steiner, der „Nachts im Dom“ herausgebracht hat, versteht nichts von Comics und weiß also auch nicht, dass eine Leseprobe in diesem Metier wichtiges ist als bei „normalen“ Büchern. Also hier nur das Cover: https://schnell-und-steiner.de/produkt/nachts-im-dom/.

 Typisch Schwartz, das immerhin kann man sehen. Weniger typisch ist die kindliche Zielgruppe und das unkritische Verhältnis zum Gegenstand. Nun zeichnet sich gerade „Vita obscura“ meistens auch durch große Affirmation der porträtierten Persönlichkeiten aus, aber hier musste Schwartz den Erwartungen eines Auftraggebers entsprechen, der laut seinem Selbstverständnis über den Schlüssel zur Wahrheit verfügt. So ist natürlich alles herrlich im Dom, von Kindesmissbrauch in katholischen Einrichtungen keine Rede, und unter den Figuren tritt einmal sogar Franz-Peter Tebartz-van Elst aus, Limburger Bischof von 2008 bis 2014, der bekanntlich für Abermillionen seinen Amtssitz neben dem Dom um- und ausbauen ließ. Kein Wort darüber im Comic, das ist bei Schwartz‘ sonst scharfsinnigen Zeitkommentaren erstaunlich.

Aber mag man nicht in der Tatsache eines herumspukenden Toten eine ironische Relativierung des katholischen Glaubens sehen? Im schrägen Orgelspiel des Küsters ein groteskes Element, das jede Ernsthaftigkeit der gezeigten Handlungen ad absurdum führt, oder in dem zum Leben erweckten Drachen des heiligen Georgs einen Widerspruch zu allen mythischen Überlieferungen („Hallo Kinder, bitte habt keine Angst. Ich bin ganz harmlos.“). So gutgläubig könnte man sein, aber gerade beim Bistum Limburg ist denn doch etwas zu viel vorgefallen im letzten Jahrzehnt, als dass dieser der Imageförderung dienen sollende Comic nicht besser ein paar images geboten hätte, die zumindest ambivalent gemeint gewesen wären. So ist „Nachts im Dom“ meine erste Enttäuschung mit Simon Schwartz. Klar, eine Auftragsarbeit und sicher nicht nur für Gotteslohn (was dem Autor zu gönnen ist), aber die Lektüre lohnt sich nicht.

02. Sep. 2022
von andreasplatthaus
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22. Aug. 2022
von andreasplatthaus
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Solidaritätsvergessene Generation

Es ist kein Zufall, dass eine Woche nach Lewis Trondheims „Par Toutatis!“ nun Daniela Hellers „Pfostenloch“ hier vorgestellt wird. Nicht, weil die deutsche Debütantin und der französische Veteran im Hinblick auf Ruhm, Publikationsmasse oder Thema etwas gemeinsam hätten. Bei „Pfostenloch“ geht es zwar in dem Sinne auch um die Antike, als darin archäologische Grabungen durchgeführt werden, aber von Satire ist dabei ebenso wenig die Rede wie von Parodie oder dem Teil einer ganzen Comic-Serie, was dagegen alles für Trondheims „Asterix“-Spaß gilt. Nein, der Zusammenhang ergibt sich allein daraus, dass „Pfostenloch“ ohne Trondheims Vorleistungen wohl kaum hätte enstehen können.

Daniela Heller ist wie gesagt noch ein relativ unbeschriebenes Blatt, was sich aber mit „Pfostenloch“ ändern dürfte, denn dieser Comic gewann vor zwei Monaten auf dem Erlanger Comicsalon den Max-und-Moritz-Preis für das beste deutschsprachige Debüt (nicht, dass es einen Preis für das beste fremdsprachige gegeben hätte …). Erschienen ist er beim Avant Verlag, was man als Ritterschlag schon vor der Prämierung betrachten kann. Heller ist selbst Archäologin, die in Kassel aber in Hendrik Dorgathens Comic-Klasse gelernt hat – und eine bessere Schule findet man in Deutschland nicht leicht. „Pfostenloch“ war ihre Abschlussarbeit.

Als Trondheim von Frankreich aus die Erzählweise von Autorencomics revolutionierte, dürfte Heller noch ein Kind gewesen sein, sofern überhaupt schon geboren. Was er damals machte, war ebenso einfach wie neu: Europäische Erzählweise gepaart mit amerikanischer Funny-Animal-Ästhetik à la Walt Disney. Trondheim ist mit Comics von Carl Barks groß geworden (sowohl biologisch als auch künstlerisch), und entsprechend  setzte er in seiner Erfolgsserie „Lapinot“ ebenso auf sprechende Tiere wie bei seinen bahnbrechenden autobiographischen Comics. Und genau darin folgt ihm nun Daniela Heller. So sieht das aus – und zwar ausnahmsweise mal  in Stand- und Bewegtbildern: https://www.avant-verlag.de/comics/pfostenloch/.

Menschen mit tierischen Zügen agieren zu lassen, das taten vor Heller schon  mindestens zwei Zeichnergenerationen, und seit Anna Haifisch ist es in Deutschland auch noch stilprägend geworden. Neu ist also an „Pfostenloch“ nur das Thema. Und zwar nicht etwa Archäologie (dazu gibt es längst einiges) oder gar der sozialkritisch aufgefasste Selbsterfahrungsbericht (dergleichen gibt es noch viel mehr), sondern die konsequent ohne jede Empathie durchgehaltene Darstellung einer Generation Praktikum, die einerseits ausgebeutet wird und andererseits darüber ihres Solidaritätsgefühls verlustig geht.

Worum geht es in „Pfostenloch“? Das kann man in einem einzigen Satz sagen: um die Besetzung eines durch Krankheit überraschend freigewordenen festen Stelle in einem Grabungsteam. Da dieses Team aber überwiegend aus Praktikanten besteht, die sich alle einen Job in ihrem Traumberuf erhoffen, ist die Rivalität groß. Wobei das nicht etwa zu Intrigen oder Bosheiten führt, denn dafür agieren Hellers Protagonisten viel zu gedankenlos  Das Bemerkenswerte an dieser Geschichte ist, wie automatisiert und unreflektiert die Übernahme von egoistischen Verhaltensweisen bereits erfolgt ist. Niemandem kann man richtig böse sein, aber niemand handelt gut im Sinne von Kollegialität oder gar Solidarität.

Gefällt mir das nun? Moralisch natürlich nicht, aber Heller kann ja nichts  dafür, dass sie so genau hingesehen und so genau aufgezeichnet hat, was allen meinen Erkenntnissen nach derzeit verbreitet Sache ist bei Ü30-Menschen. Aber ästhetisch gefällt es mir leider auch nicht, weil ich solche Tierwesen nun etwas zu oft gesehen habe, und die Wackelpanellinien oder Doppelseitenschemazeichnungen noch ein wenig öfter. Obwohl die Geschichte interessant ist, lässt sie mich kalt, weil ich auch eine Anteilnahme erwartet hätte, die sich in einer ungewöhnlichen Graphik ausgedrückt hätte. Viel verlangt, das weiß ich. Aber „Pfostenloch“ ist ja auch schon vielgelobt.

 

 

22. Aug. 2022
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15. Aug. 2022
von andreasplatthaus
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Asterix als Parodix

Der neue Asterix erscheint in nicht einmal einem Monat. Moment, ist das letzte Album, „Asterix und der Greif“, nicht erst zehn Monate alt? Sollten Didier Conrad und Jean-Yves Ferri nun nicht nur den Zeichenstil von Uderzo perfekt imitiert haben, sondern auch das Schreibtempo von Goscinny? Und ließe das darauf hoffen, dass dann irgendwann auch dessen Schreibniveau angestrebt würde? Zumal der neue Band namens „Beim Teutates!“ wunderbar schwarzhumorig und selbstironisch geraten ist.

Allerdings ist es gar nicht der neue Asterix. Obwohl der kleine gallische Krieger darin genauso vorkommt wie das kleine gallische Dorf, wie Obelix, Miraculix, Majestix, Troubadix e tutti quanti (um einmal den Nachfahren der spinnenden Römer das Wort zu geben). Aber es treten auch auf Herr Hase und dessen bester Freund Richard, die beiden Hauptfiguren aus Lewis Trondheims Erfolgsserie „Lapinot“ (deutsch etwas effekthascherisch „Herrn Hases haarsträubende Abenteuer“, erschienen bei Carlsen). Die hatte er 2004 mit dem Band „Wie das Leben so spielt“ eigentlich beendet und in bester Conan-Doyle-Manier den Titelhelden sterben lassen, um sich selbst zum Aufhören zu zwingen. Doch 2017 wurde er sich in bester Conan-Doyle-Manier untertreu, und mit „Eine etwas bessere Welt“ starteten „Die neuen Abenteuer von Herrn Hase“, nun auf Deutsch bei Reprodukt. Und „Beim Teutates!“ ist Teil dieser Reihe (mittlerweile bereits Band 6), die ihre Protagonisten schon immer gerne durch alle Zeiten und Erzählstile geschickt hat. Warum also nicht auch einmal in einen satirischen Antikencomic?

Es mag dem ebenso engagierten wie streitlustigen Trondheim zugute kommen, dass die Rechte ans „Asterix“ mittlerweile beim französischen Buchkonzern Hachette liegen, der die Werbewirksamkeit eines Albums, das im Original beim kleinen, aber feinen Autorenverlag L’Association erscheint, richtig einschätzen kann: große Aufmerksamkeit bei moderaten Verkäufen. Wobei „Par Toutatis!“, wie der Band in Frankreich heißt, dort momentan in jedem Bahnhofskiosk stapelweise liegt. Asterix zieht eben immer. Dabei verkündet ein Aufkleber mitten auf dem Titelbild in bester Magritte-Manier: „Ceci n’est pas un album d’Astérix“. Und man sieht das den Figuren auch an, die Trondheim mit auffällig groben Kartoffelnasen versehen hat. Und sein Asterix hat selbstverständlich die langen Ohren von Herrn Hase. Und dessen Schuhgröße 82.

Überhaupt sieht die Figur aus wie Herr Hase in den Klamotten von Asterix (anschauen kann man sich das hier: https://www.lassociation.fr/catalogue/les-nouvelles-aventures-de-lapinot-tome-6-par-toutatis/, denn noch ist der deutsche Band ja nicht da; er kommt am 10. September), und als sie zu Beginn der Handlung im Wald vor dem kleinen gallischen Dorf aufwacht und von Obelix als Asterix begrüßt wird, kann sie das ebenso wenig verstehen wie wir als Leser. Herr Hase wehrt sich denn auch vehement gegen die Identifikation (noch ein gutes Argument gegen eine etwaige Plagiatsklage) und hält seine überraschende Umgebung für eine Illusion oder wenigstens den französischen Asterix-Freizeitpark, bis ihn die spitze Lanze eines römischen Legionärs eines Besseren belehrt. Sein Blut fließt, und das ist etwas, das Trondheim schon immer geschätzt hat: Spott über Erzählkonventionen, der dann in Drastik umschlagen kann. In seinem „Asterix“-Band metzeln die durch den Zaubertrank unbesiegbaren Gallier die Römer regelrecht hin. Es wird gestorben wie im Horrorcomic. Oder eben in einer Realität, die mit den Folgen unbegrenzter Kräfte zu leben hätte.

Bis Herr Hase versteht, was da passiert (der böse Plan eines Mannes aus der Gegenwart, der in der Vergangenheit das Rezept des Zaubertranks stehlen will, um damit die Unabhängigkeit der Bretagne zu erkämpfen), ist er schon Teil der Dorfgesellschaft und hat entdeckt, dass im Körper von Troubadix sein Freund Richard steckt – das passt: Großsprecher trifft Möchtergernsänger. Das Album dreht sich dann auf standardgemäß 44 Comicseiten um die Rettung des Dorfs, vor allem dessen inneren Zusammenhalts. Trondheim hat die „Asterix“-Abenteuer perfekt parat (nun, wer hätte das nicht?), und kann somit alles zitieren und variieren, was wir so lieben: die Fischstreitigkeiten, die Piraten, das Festbankett. Selbst seine eigene motivische Anleihe beim Album „Der Seher“ wird im Text von den Figuren ausgewiesen.

Also ein großer Spaß und für jeden „Asterix“-Fan empfehlenswert. Sollte es indes jemanden geben, der noch nie ein Album der Serie gelesen hat, dann Hände weg von Herrn Hases neuem Abenteuer. Lewis Trondheim nennt auf dem Aufkleber der französischen Ausgabe das Album „Parodix“. Und er schreibt und zeichnet eh nur für belesene Leser.

15. Aug. 2022
von andreasplatthaus
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08. Aug. 2022
von andreasplatthaus
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Wie Hoffnung enttäuschen kann

Am Ende des Mammutprojekts geht jetzt alles ganz schnell. Nicht zeitlich; der vierte Band von „Spirou oder: die Hoffnung“ (erschienen bei Carlsen) deckt immerhin noch einmal ein ganzes Handlungsjahr ab, vom Sommer 1944 bis kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Aber vom Umfang her, denn der Abschlussband von Émile Bravos hochgelobter und vierverkaufter Comic-Tetralogie kommt mit der klassischen Albumlänge von 48 Seiten aus – und das nach zweimal 96 (Band 1 und 2) und einmal gar 120 Seiten (Band 3). Zusammen also 360 Seiten und damit die längste „Spirou“-Geschichte aller Zeiten (und diese Serie gibt es seit 1938!). Aber eben ein kurzes Finale.

Es hinterlässt nach dem epischen Atem der drei Vorgänger-Teile ein leicht schales Gefühl, als wäre dem 1964 in Paris geborenen Sohn spanischer Emigranten aus der Franco-Diktatur zum Schluss seiner hochpolitisierten und moralisch aufgeladenen Erzählung die Luft ausgegangen. Natürlich stimmt das nicht; sein deutscher Übersetzer, Uli Pröfrock, hatte schon vor mehreren Jahren erzählt, dass Bravo genau diese Gesamtlänge anstrebte, und die Gründe für die Ungleichverteilung auf die vier Alben sind ganz einfach dramaturgische: Scharniere zwischen den vier Teilen waren jeweils Eisenbahnszenen, und die kann man nicht einfach hinsetzen, wo man will. Das Bemerkenswerte an „Spirou oder: die Hoffnung“ ist ja gerade die epische Erzählweise. Schon die extrem geizige Leseprobe zeigt das: https://www.carlsen.de/softcover/spirou-und-fantasio-spezial-36-spirou-oder-die-hoffnung-4/978-3-551-78047-8.

Es geht, oft genug habe ich schon darüber geschrieben, um Belgien unter deutschen Besatzung: wie sich die Einwohner verhalten haben. Der Titelheld Spirou kommt dabei eher als reiner Tor à la Parzival daher; unschuldig-hilfreich stößt er zum Widerstand gegen die Nazis. Sein bester Freund Fantasio ist da schon länger und in vollem Bewusstsein der Bedeutung und Gefahren dieser Entscheidung, aber das merkte man als Leser erst von Band 2 an – vorher wähnte man, in Fantasio einen Kollaborateur der übelsten Sorte zu sehen. Das war ein erzählerisches Bravourstück von Bravo (man entschuldige das Wortspiel), zumal Fantasio in der Tradition der großen Spirou-Meister Jijé und André Franquin stets eine ambivalente Figur war. Und nun wird er plötzlich zum wahren Helden.

Bravo war vor mittlerweile vierzehn Jahren derjenige gewesen, der Spirou erstmals konsequent werkimmanent-chronologisch verstand und der wie gesagt 1938 erfundenen Titelfigur im Album „Porträt eines Helden als junger Tor“ eine Kriegsbiographie bescherte. Die war immens erfolgreich, aber bis er sich noch einmal als Gastautor für „Spirou“ bitten ließ, verging fast ein Jahrzehnt. Seitdem hatten vor allem Olivier Schwartz und Yann gemeinsam die spektakuläre Anbindung des Geschehens an historische Ereignisse aufgenommen, und es mag sein, dass Bravo seine eigene Position in diesem Kontext verteidigen wollte – und die von Spirou, er bei den Kollegen wieder ganz zum Actionhelden wurde, statt weiter zu zögern.

Dieses Zögern ist bizarrerweise der Motor des Geschehens in „Spirou oder: die Hoffnung“. Oftmals möchte man den Titelhelden wachrütteln, aber dann erweisen sich seine Skrupel auch wieder als segensreich, so zu Beginn des Abschlussbandes, als Fantasio eine Eisenbahnbrücke sprengen will, über die aber gerade ein Deportationszug mit belgischen Juden fährt. Wobei man aus heutiger Sicht genau weiß, dass damit wohl niemandem das Leben gerettet wurde, weil die Zuginsassen in den Konzentrationslagern ermordet wurden. Und mit diesem Wissen spielt Bravo höchst geschickt. Wie auch mit unserem Mitgefühl selbst für deutsche Soldaten, deren Zug dann tatsächlich wenig später in die Luft gesprengt wird – allerdings versehentlich. Moralische Fragen um Leben und Tod prägen hier alles.

Warum ist das Ergebnis von Bravos Opus magnum dann doch unbefriedigend? Weil zu viele Fäden ins Nichts verlaufen. Wichtige Nebenfiguren etwa waren der – real existiert habende – Maler Felix Nussbaum und dessen Frau Felka, die den Nazi-Häschern im Brüsseler Exil leider nicht entkommen sind und ermordet wurden. Nach drei Bänden, die ständige Begegnungen von ihnen und Spirou zum Gegenstand hatten, wird nun lapidar vermerkt, wie schrecklich sie geendet sind. Und Bravo beschließt seinen Band mit einem doppelseitig reproduzierten Gemälde Nussbaums, das zuvor schon Teil der Handlung war, ohne dass man es hatte sehen können. Dramaturgisch klug, aber im Kontext dessen, wofür das Bild steht, unerquicklich effekthascherisch.

Und dieses Verschwinden ins bloße Erzählt-Werden ist noch gar nichts gegen Spirous jüdische Freundin Kassandra, die er im vorherigen Verlauf verlor, als auch sie nach Polen deportiert wurde. Nun kommt im Nachkriegs-Epilog ein Brief, in dem sie Spirou den Laufpass gibt. Sie hat die Lager überlebt und wird nach Palästina gehen. Man muss das wohl als bewusste Offenhaltung ihres Schicksals sehen, die es Bravo ermöglichen soll, noch einmal zu ihr zurückzukehren. Ein Album „Spirou in Israel“ oder so ähnlich kündigt sich an. Aber taugt wirklich die ganze Weltgeschichte für Spirou? Womöglich, wenn man sie so burlesk erzählt, wie der deutsche Zeichner Flix mit seinem Album „Spirou in Berlin“ über das Ereignis des Mauerfalls. Aber so unernst kann Émile Bravo nicht erzählen.

Dass seine Tetralogie einer der großen Würfe der jüngeren französischen Comicgeschichte ist – kein Zweifel. Dass es ihm thematisch eine Herzensangelegenheit war angesichts der eigenen Familiengeschichte mit der elterlichen Flucht vor einem faschistischen Diktator – bewegend. Aber das nun auf Kosten des Schreckens der Schoa eine Fortsetzung vorbereitet worden sein könnte – beunruhigend. Diesem Riesenprojekt hätte man ein Ende gewünscht, dass die Last der wirklichen Geschichte in der erfundenen spürbar macht. Dass die Nussbaums sterben wurden, war klar. Dass Kassandra überleben würde, durfte man zwar hoffen. Aber die Schoa war hoffnungslos. Dass er Titel Spirou oder: die Hoffnung“ anders als traurig gemeint gewesen sein könnte, hätte ich nie gedacht. Und diese Überraschung ist keine schöne.

08. Aug. 2022
von andreasplatthaus
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01. Aug. 2022
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Der ungeheure Ungerer

Der ungeheure Ungerer

Er zeichnete keine Comics, aber nun ist ein Comic über ihn gezeichnet worden: Emmanuel Murzeau erzählt in „la farde perdue“ von dem, was Tomi Ungerer umtrieb.

Ich gebe zu: Mit spitzen Fingern habe ich diesen Comic angefasst, als er mir jüngst in Frankreich begegnete. Eine Biographie über Tomi Ungerer? Klar, viel bekannter als Ungerer geht es nicht im Illustratorengeschäft, aber erst einmal gibt es dessen autobiographische Bücher (nicht zu wenige), und dann ist über dieses fast neunzigjährige Leben (1931 bis 2019) unendlich viel geschrieben worden, auch von mir selbst, also was sollte es so bald nach dem Tod Neues geben? Und wenn es das gäbe, dann erwarte ich es in der seit Jahren in Arbeit befindlichen Biographie von Thomas David, die statt hundert wohl eher fünfhundert Seiten bieten wird, deren Erscheinungszeitpunkt allerdings in denselben Sternen steht, zwischen denen nun Tomi Ungerer herumwandelt.

Ich gebe zu: Gekauft habe ich den Band, der bei dem kleinen elsässischen Verlag Éditions Félès erschienen ist, trotzdem, denn wie könnte ich denn einen Comic über Ungerer (der Comics liebte, aber nie selbst einen gezeichnet hat) ignorieren? Obwohl mir der Stil von Emmanuel Wurzeaus Bildern auch nicht behagte: schon das aquarellierte Cover – geschmäcklerisch und unungerisch. Und drinnen geht’s mit Aquarellbildern weiter, als sollte auf der Erfolgsschiene von Jean-Pierre Gibrat gefahren werden. Not my cup of tea, um mit dem Kosmopoliten Ungerer (gebürtiger Elsässer, im Selbstverständnis aber auch noch Franzose, Deutscher, Kanadier und Ire) zu sprechen.

Ich gebe zu: Ich bin nach der Lektüre ziemlich angetan. Murzeau, Jahrgang 1970, hat Ungerers eigene Bücher zu Rate gezogen, außerdem allerlei sonstiges biographisches Material, und erzählt eine Geschichte, die nicht chronologisch das Leben des Künstlers ausbreitet, sondern ihn selbst anlässlich der bevorstehenden Auszeichnung mit der Ehrenlegion durch Präsident Mitterrand im Jahr 1990 auf einzelne prägende Erlebnisse zurückblicken lässt. Anlass dafür bietet das Auftauchen eines ominösen Sammelordners mit Ungerer-Zeichnungen, die dem Zeichner zuvor gestohlen worden waren. Der belgischen Bezeichnung „farde“ für einen solchen Sammelordner (der Kommissar, mit dem Ungerer im Laufe des Albums in Paris unterwegs ist, ist Belgier) verdankt sich der Titel des Albums: „La farde perdue“. Um beurteilen zu können, ob es da noch ein Wortwitz oder einen Doppelsinn gibt, reicht mein Französisch nicht aus – und die belgisch-wallonischen Eigentümlichkeiten dieser Sprache sind mir eh unbekannt.

Ich gebe zu: Ganz neu ist eine solche Erzählstruktur – subjektive Rückblenden – nun auch wieder nicht. Aber neben erwartbaren Episoden wie den Kriegserlebnissen des jungen Tomi im deutsch annektierten Elsass gibt es auch Unerwartetes aus Nova Scotia, wo Ungerer nach seinen New Yorker Jahren lebte, und Heikles wie die Indienstnahme einer jungen masochistischen Frau als Ungerers freiwilliger „Sklavin“. Dieser Mann lebte ungewöhnlich, er konnte ein Ungeheuer sein, unersättlich,  und keineswegs entsprachen seine Vorlieben bürgerlichem Comment. Weshalb mir im Comicladen beim Kauf versichert wurde, ich tue gut daran zuzuschlagen, denn bald werde es den Band wohl nicht mehr zu erwerben geben: Die Familie von Ungerer habe schon geklagt. Keine Ahnung, ob das stimmt.

Ich gebe zu: Verstehen würde ich es. Allerdings aus anderen Gründen. Denn auch wenn Murzeau keine Kopien von Ungerer-Arbeiten in seinen Band aufgenommen hat, zeichnet er doch etliches aus dem Werk des Meisters sehr detailgetreu nach. Und der Zustimmung der Erben als Rechteinhaber hat er sich offensichtlich nicht versichert. Muss er auch nicht, weil das französische Plagiatsverständnis liberaler ist als in Deutschland. Bearbeitungen von Kunstwerken wie Liedern oder eben auch Comicbildern sind zulässig, wenn man nicht einfach kopiert, sondern etwas Neues daraus macht. Doch bei einigen Panels von „La farde perdue“ hätte ich selbst gedacht, dass sie von Ungerer Hand sein könnten, besonders im Falle der erotischen Zeichnungen, die man nur in Ausstellungen sehen kann. Auf der Website des Verlags (https://www.editionsfeles.com/) gibt es keine Spur des vor zwei Monaten erschienenen Bandes. Und bei Murzeau selbst (http://www.emmanuel-murzeau.com/) wird der Band zwar angekündigt, aber das versprochene Material lässt noch auf sich warten. So kann man nur hier mittels zweier Seiteneinen Eindruck davon bekommen, wie die Geschichte aussieht: https://www.bedetheque.com/BD-Farde-perdue-Tome-1-449251.html.

Ich gebe zu: Vermisst habe ich Ungerers amerikanische Erfahrungen, seinen Zorn auf die Vereinigten Staaten, nachdem man ihn in den Siebzigern faktisch außer Landes gejagt hatte, weil man seine Kinderbücher als jugendgefährdend gebrandmarkt hatte (obwohl viel eher die gesellschaftskritischen Cartoonbände wie „The Party“ das amerikanische Establishment verstört haben werden). Kurz vor Ende seines Lebens war er noch einmal nach New York zurückgekehrt und erlebte dort einen triumphalen Empfang; das hat ihm gutgetan. Ungerer hat viel über diese Genugtuung erzählt, im Comic aber fehlt sie. Wie auch die Tatsache, dass er kurz vor seinem Tod, 2017, auch noch zum Kommandeur der Ehrenlegion ernannt wurde. Eine daraus entstandene Macron-Episode hätte man gerne gesehen. Wer kennt denn noch Mitterrand? Aber Murzeau lebt und arbeitet seit vielen Jahren in Berlin. Womöglich ist er da zu weit weg von der französischen Gegenwart. Und hat sich nur an das gehalten, worüber Ungerer erzählt hat.

Ich gebe zu: Auf Ungerers Geschichten bin ich bisweilen hereingefallen. Ganz besonders peinlich war das, als ich eine Bemerkung von ihm bei unserer letzten Begegnung ernstnahm und deshalb öffentlich behauptet habe, dass er zuletzt einen großen Bestand an verschollenen Zeichnungen zurückerstattet bekommen hätte – eine Behauptung, der sein Schweizer Verlag, Diogenes, sofort widersprochen hat. Vielleicht hat Ungerer von so etwas geträumt: noch produktiver gewesen zu sein, als er es ohnehin war. Beklemmend für mich jedenfalls, dass Murzeau nun eine ähnliche (wenn auch dem Umfang des angeblichen Zeichnungskonvoluts nach viel weniger gewichtige) Räuberpistole erzählt – die er allerdings im Band dezidiert als fiktiv ausweist. Aber kann auch er einmal mit Ungerer gesprochen haben? Ich wüsste es gern.

Das gebe ich zu. Sonst nur noch dies: ein hochinteressanter Band

01. Aug. 2022
von andreasplatthaus
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25. Jul. 2022
von andreasplatthaus
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Die Schönheit des Widerstands

Seit fast einem Jahr lag dieses Album auf meinem Schreibtisch, gekauft aus spontaner Begeisterung in Frankreich, wo es im vergangenen Spätsommer stapelweise in den Buchhandlungen herumlag: wunderschön in Halbleinen gebunden, schweres Papier, elegante Zeichnungen und eine Geschichte, die von einer Widerstandszelle im besetzten Paris des Zweiten Weltkriegs. „Les Vivants“ heißt das Album, die Lebenden. Von den der Autoren, Raphael Meltz und Louise Moaty als Szenaristen und Simon Roussin als Zeichner hatte ich noch nie gehört.

Roussin zeichnet allerdings in einem Stil, der mir unendlich vertraut ist: die Figuren wie von Stanislas (stilisierte Züge, runde Formen), die Dekors wie von Avril (also federleichte Linien) und die Farben wie von Dupuy & Berberian (dunkel gesättigt und flächig). Mit einem Wort: hochelegant. Passend dazu gestaltet ist die Homepage mit einer Leseprobe und weiteren Informationen: https://www.editions2024.com/livres/des-vivants. Ein Augenschmaus. Und genau der Stil, den in Deutschland niemand für einen politischen Zeitgschichtscomic wähnen  würde. Das macht auch genau den Unterschied aus zwischen der französischen und der deutschen Comic-Kultur: Die französischen Leser wollen nicht nur belehrt, sondern auch erfreut werden. Und sie wissen, dass man sich erfreut besser belehren lässt.

Trotzdem dachte ich, dass ein solch prächtiger Band mit einer derart interessanten Geschichte den Weg nach Deutschland finden würde, und dann hätte ich die Übersetzung feiern können. Nach fast einem Jahr habe ich diese Hoffnung verloren und gebe das Warten auf. Mag sein, dass die ambitionierten, aber kleinen Éditions 2024 als Verlag nicht genug Kontakte ins Ausland haben,  aber ich fürchte, just das, was mir an dem Band gefällt, schreckt deutsche Verleger ab. Also muss jemand, der wissen will, wie man ebenso mitreißend wie bewegend über die Résistance erzählen kann, nun doch zum französischen Original greifen. Bereuen wird man’s nicht, und wer einigermaßen Französisch versteht, wird auch kein Problem mit dem Text haben. Bis auf die Anmerkungen. Aber dazu später.

Es gibt einen ästhetischen Maßstab für Résistance-Geschichten: Jean-Pierre Melvilles Spielfilm „L’Armée des ombres“ (deutsch „Armee im Schatten“) von 1969. Ich sage nur Lino Ventura, Simone Signoret, Paul Meurisse – um nur die drei Besten aus dem unglaublichen Schauspieler-Ensemble zu nennen. Und Melville als Regisseur ist ohnehin der Größte. Für seine Film bediente er sich realer Vorbilder, verfremdete aber die Namen. „les Vivants“ folgt ihm beim letzteren Schritt nicht. Der Comic erzählt eine genau recherchierte Geschichte und nennt alle Beteiligten bei den Namen.

Im Jahr 1938 eröffnete in Paris das Musée de l’homme, ein neues Museum, dessen Programm der damaligen linken Volksfront-Regierung entsprach: Der Mensch wurde darin als soziales Wesen gewürdigt, das Museum sollte als politisches Fanal gegen die totalitäre Indienstnahme des Individuums wirken, wie sie in den deutschen, italienischen oder russischen Diktaturen exekutiert wurde. Entsprechend engagiert waren die Mitarbeiter um den Direktor Paul Rivet. Und so war es keine Überraschung, dass sich nach dem deutschen Einmarsch in Frankreich dort im Musée de l’homme eine Widerstandszelle gegen die Besatzer bildete – eine, auf deren Flugblättern zum ersten Mal das Wort „Résistance“ als Schlagwort der Verweigerung zu finden war.

 Davon erzählen Meltz und Moaty, das zeichnet Roussin. Sie stellen die rund zwanzig Mitglieder der Zelle vor, von denen einige als Außenstehende dazustießen. Das Herz des Widerstands aus dem Musée de l‘homme war der 1908 geborene Russe Boris Vildé, der nach der Revolution mit seiner Familie nach Frankreich geflohen war, dort Ethnologie studiert hatte und naturalisiert worden war. Roussin zeichnet ihn mit markantem Haarschopf; wenn man sich die historischen Fotos anschaut, kann man über die Ähnlichkeit der stark stilisierten Figur nur staunen, und das ist generell die Stärke des Zeichenstils von „les Vivants“. Der Band macht auch die Gesichter der Widerstandskämpfer wieder lebendig.

Sieben von ihnen wurde im Februar 1942 hingerichtet. Die Zelle war durch Verrat eines Mitglieds aufgeflogen. Von dem schleichenden Prozess der Einkreisung berichtet „Les Vivants“, man folgt der Handlung wie einem Krimi. Dabei ist hilfreich, dass die Geschichte in Deutschland nicht so bekannt ist wie in Frankreich; ich zumindest habe bis zum Schluss gehofft, dass es doch noch anders kommt. Aber warum sollte es das? Schon Melville hatte seinen Film böse enden lassen und trotzdem das beeindruckendste Plädoyer für Widerstand geschaffen. Darin folgt ihm „Les Vivants“. Aber er erzählt im Gegensatz zu „L’Armée aux ombres“ bis zum bitteren Ende. Beim Finale löst Roussin die Seitenarchitektur zugunsten isolierter Gefängnisselbstgespräche der Verhafteten und ihrer Äußerungen im Prozess auf, ehe ein Zeitsprung einen der Überlebenden nach Kriegsende an den Ort der Hinrichtung führt. Das Pathos dieser Szenen ist beeindruckend. Ich kenne keinen Comic, der so auf die Tränendrüse drückt und dabei kein schales Gefühl hinterlässt.

An die eigentliche Handlung von 230 Comicseiten schließt sich dann noch ein kleingedruckter akribischer Quellennachweis an, der für jede Sprechblase und jedes Bilddetail den Ursprung angibt. Meltz und Moaty wollen keinen Zweifel daran lassen, dass sich alles so abgespielt hat, wie sie es schildern, nur dass die Selbstzeugnisse der Widerstandskämpfer in der Handlung dienende fiktionalisierte Kontexte versetzt sind. Diese Nachweisflut ist ohne Beispiel und setzt Maßstäbe für historische Rekonstruktionen im Comic. Ihre Textmenge dürfte die eigentlichen Sprechblasendialoge und textkästen ums Vier- bis Fünffache übertreffen, und wenn noch Fragen nach der Lektüre des Comics offengeblieben sein sollten, werden sie hier beantwortet. Womöglich liegt es auch an der Schwierigkeit, diesen  Teil des Buchs zu übersetzen, dass sich kein deutscher Verlag an „Les Vivants“ gewagt hat. Jeder, der sich für Zeitgeschichte interessiert, und jede, die sehen will, was Comics auf diesem Feld zu leisten verstehen, sollte das Buch lesen.

25. Jul. 2022
von andreasplatthaus
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18. Jul. 2022
von andreasplatthaus
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Drei große Tote in Berlin

Stefan Neuhaus ist gestorben. Er war kein Zeichner, kein Comic-Autor und doch ein Großer in diesem Metier. Denn Stefan Neuhaus war 2013 Mitbegründer und seitdem Vorsitzender des Deutschen Comicvereins, ein guter Geist des Comics und ein ebenso kluger wie sympathischer Mensch. Ich wusste, dass er schwer krank war, aber nachdem ich ihn noch im Mai auf der Comicexpansion im Literarischen Colloquium getroffen hatte, war ich sicher, dass ich ihn noch manches weitere Mal sprechen würde. Ein trauriger Irrtum: Vergangene Woche ist Stefan seiner Krankheit erlegen; er wurde 74 Jahre alt, und wer wissen will, was er alles gemacht hat, der lese es hier im Nachruf seines Freunds Lars von Törne: https://www.tagesspiegel.de/kultur/comics/stefan-neuhaus-1947-2022-ein-vorkaempfer-fuer-die-anerkennung-des-comics/28506800.html.

Er war Lehrer in Berlin gewesen und hat Comics an die Schule gebracht. Aber er war auch im Ausland ein Repräsentant des deutschen Comics: in Angoulême, in Toronto; wo immer auch Comicfestivals stattfinden, war er irgendwann mit dem Infostand seiner Organisation zu finden, fast immer in Eigeninitiative. Und natürlich wirkte er besonders intensiv in seiner Heimatstadt. Die hochdotierten Berliner Comicstipendien sind zum entscheidenden Teil seiner Lobbyarbeit zu verdanken. Die Comicszene in Berlin ist ohne ihn kaum denkbar. Er war in ihr der internationalste Einheimische. Und ein Türöffner auch für die ausländischen Comicschaffenden, die hierher kamen.

Natürlich ist die ganze Welt ständig zu Gast in Berlin – zumindest, wenn man den Berlinern glauben möchte. Also auch Frankreich. Und tatsächlich sind ja seit den frühen Neunzigern gerade französische Künstler aus dem sündteuren Paris ins billige, aber sexy Berlin gekommen. Und selbst heute ist es dort immer noch viel günstiger als in der französischen Hauptstadt. Aber im vergangenen Jahr hat Berlin gleich zwei seiner kreativsten Französinnen verloren: zunächst Francoise Cactus am 17. Februar und dann am 27. Mai Laetitia Graffart. Beide starben wie Stefan Neuhaus unerwartet. Graffart bei einem Verkehrsunfall mit dem Fahrrad, Cactus wie er an Krebs.

Leser eines Comicblogs der F.A.Z. müssen mit beiden Namen nicht vertraut sein. Francoise Cactus war Sängerin und Songschreiberin des Berliner Pop-Duos Stereo Total, das seit 1995 dreizehn Langspielplatten aufgenommen hat und weit über die Grenzen der Stadt hinaus berühmt wurde. Laetitia Graffart dagegen war zwar Comiczeichnerin, aber vorrangig in der Berliner Independent-Szene rund um die Comicbibliothek Renate und das Fachgeschäft Modern Graphics aktiv. Als Herausgeberin des Fanzines „Beton“ war sie ein guter Geist fürs Comicschaffen in Berlin, aber im Gegensatz zu Cactus wurde sie damit nicht überregional bekannt.

Warum wird nun hier recht spät an diese beiden Künstlerinnen erinnert? Weil das auch zwei Comicanthologien tun, die kürzlich im Gedenken an Cactus und Graffart erschienen sind: „Party Anticonformiste“, benannt nach einem Stereo-Total-Titel, und „LaetBeton“, die letzte, nunmehr traurigerweise ohne Beteiligung von Graffart entstandene Ausgabe von „Beton“. Letztere ist mit Unterstützung des Deutschen Comicvereins herausgegeben worden, einer hyperaktiven Gruppierung aus Berlin, die sich die Förderung des Comicschaffens auf die Fahnen geschrieben hat. Erstere erscheint beim Mainzer Ventil Verlag als zweiter Teil einer Reihe von Alben, in denen jeweils einzelne Lieder einer bekannten deutschen Popgruppe von Zeichnern in Geschichten umgesetzt werden. Den Auftakt hatte im Vorjahr ein Band zu Tocotronic gemacht, nun ist Stereo Total dran; ein dritter Band zu Fehlfarben ist schon angekündigt.

War im Tocotonic-Album mit dem Titel „Sie wollen uns erzählen“ eine illustre Schar deutscher Comicschaffender versammelt (Anna Haifisch, Sascha Hommer, Katja Klengel, Moni Port und Philip Waechter, um nur einige zu nennen), hatte Stereo Total offenbar weniger prominente Fans. Bis auf die letztjährige Leibinger-Comicpreis-Gewinnerin Mia Oberländer besteht die Gruppe der zehn Beiträger zu „Party Anticonformiste“ eher aus Szeneangehörigen, und auf der Albenrückseite ist eine der etwas bekannteren Beteiligten, Jule K., auch noch falsch geschrieben (Juke). Etliche Zeichner sind gar keine Comicautoren, sondern Künstler aus unterschiedlichsten Bereichen, die hier aus persönlicher Verbindung zu Stereo Total zum Stift gegriffen haben – bisweilen etwas dilettantischer, als es der Sache gut tut. Der Ventil Verlag bietet leider nicht mehr als das Cover auf seiner Website (https://www.ventil-verlag.de/titel/1908/stereo-totals-party-anticonformiste), aber immerhin kann man dort einiges über die Beteiligten nachlesen.

Die beiden Herausgeber Gunther Buskies und Jonas Engelmann haben das Konzept des ersten Bandes zu Tocotronic, den noch Michael Büsselberg konzipiert hatte, fortgesetzt, und so wird jede Kurzgeschichte nicht nur von einer kurzen Erläuterung des jeweiligen Zeichners begleitet, sondern auch von einer Reminiszenz der Band an den jeweiligen Song (bei „Sie wollen uns erzählen“ verfasste Dirk von Lowtzow selbst diese Texte). Da Francoise Cactus tot ist, übernahm in „Party Anticonformiste“ ihr Partner Brezel Göring diese Aufgabe. Doch die Sängerin ist insofern präsent, als das Fragment eines pornographischen Comics aus ihrer Feder ebenso im Band zu finden ist wie einige faksimilierte Doppelseiten aus einem Skizzenbuch, in dem sie Beobachtungen und Ideen in Wort und Bild festgehalten hat. Das ist eine faszinierende Verbindung, die über die Begeisterung von Zeichnern für die Musik von Stereo Total hinaus deutlich macht, warum eine solche Comicanthologie ihre Berechtigung hat.

Bei „LaetBeton“ stellt sich diese Frage gar nicht erst. Würdiger kann man einer Comicaktivistin wie Laetitia Graffart gar nicht gedenken; auch nicht bewegender, denn sograr die Mutter der tödlich Verunglückten, Cécile Heritier, hat eine Erinnerung an ihre Tochter beigesteuert. Das ganze Heft kann man auch unter https://deutscher-comicverein.de/laetbeton-fondsbeton/ lesen. Und etliche Bilder von Graffart im Kontext ihrer Rolle als Fanzine-Macherin von „Beton/Béton“ finden sich auf https://betoncomiczine.tumblr.com/. „LaetBeton“ ist konsequent zweisprachig deutsch-französisch gehalten, und die beteiligten Autoren setzen die ungebärdige Punk-Ästhetik von Graffarts Comics fort – vom blutroten Wrap-Around-Cover, das Stephane Hirlemann beigesteuert hat, über die niedliche Liebeserklärung von Klaus Cornfield und eine Begegnungsschilderung von Ulli Lust bis zu einer wilden Jenseits-Vision von Tine Fetz. Die mehr als dreißig Beiträge sind kurz, und man spürt ihnen sowohl die Freundschaft zu Graffart als auch die Betroffenheit über deren frühen Tod an. Damit ist glaubhaft gemacht, was oftmals leicht behauptet wird: Dass eine Verstorbene nie vergessen werde. Dafür wird dieses Heft sorgen. Und etwas Vergleichbares als Hommage wünsche ich mir nun auch für Stefan Neuhaus. Ich bin sicher, dass es passieren wird.

18. Jul. 2022
von andreasplatthaus
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11. Jul. 2022
von andreasplatthaus
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Sie hatte die ganze Welt im Blick

In „Zuflucht nehmen“, dem Comic, den der Schriftsteller Mathias Énard für die Zeichnerin Zeina Abirached geschrieben hat (auf Deutsch erschienen bei Avant), wird von den beiden Protagonisten ein Comic namens „Zuflucht nehmen“ gelesen, in dem von der Reise zweier Frauen im Auto von Europa nach Afghanistan im Jahr 1939 erzählt wird. So metafiktional verkünstelt das ist, diese Reise gab es wirklich. Es dürfte sich um eine der berühmtesten Autofahrten überhaupt handeln, was auch damit zu tun hat, dass eine der beiden Reisenden, die Schweizerin Ella Maillart, darüber geschrieben hat: das Buch „Auf abenteuerlicher Fahrt durch Iran und Afghanistan“. In dem dreht es sich indes hauptsächlich um die andere: Annemarie Schwarzenbach. Als Maillarts Bericht 1948 erschien, war Schwarzenbach schon tot; sie starb 1942 mit gerade einmal 34 Jahren. Heute ist Maillarts Buch unter dem Titel  „Alle Wege sind offen“ beim Lenos Verlag in Basel im Programm, wie auch der größte Teil des Werks von Schwarzenbach. Und diese Bücher zeigen, dass die so früh Verstorbene eine der großen autobiographischen Schriftstellerinnen des zwanzigsten Jahrhunderts ist. Und eine große Feministin. Und eine große Protagonistin der gay culture. Und eine große Fotografin. Und und und.

Unter anderem auch ein großartiger Gegenstand für Comics. Kaum war „Zuflucht nehmen“ 2018 in Frankreich erschienen, kam in Spanien „Annemarie“ heraus, eine Comic-Biographie über Schwarzenbach, geschrieben von der Genderexpertin María Castréjon und gezeichnet von der sowohl politisch als auch sozial engagierten Susanna Martín, eingeleitet überdies von Berta Jiménez Luesma, einer in Spanien bekannten Feministin. Was dieses Trio an Schwarzenbachs Leben gereizt hat, ist leicht zu sagen (siehe oben), aber was haben sie daraus gemacht?

Eine lesenswerte, wenn auch – überraschend bei dieser Protagonistin – höchst konventionelle Geschichte, die nun – nur konsequent – in deutscher (ziemlich guter, obwohl von einem Kollektiv erstellter) Übersetzung bei dem Verlag erschienen ist, der auch sonst die Heimat von Schwarzenbachs Büchern ist: Lenos. Es ist immer wieder schön, wenn literarische Häuser nicht einfach blindwütig erfolgversprechende Comics einkaufen (und nicht selten dann in den Sand setzen), sondern sich dabei um eine konsequente Anbindung an ihr sonstiges Programm bemühen. Auch wenn dadurch bisweilen eher inhaltliche als graphische Pionierarbeit geleistet wird.

Martíns Stil kann man am ehesten mit dem von Olivier Schrauwen in dessen klassisch inspirierten Comics vergleichen: dünne Kontur, blasse Farben, der Stil soll bewusst in die zwanziger und dreißiger Jahre zurückführen, als Schwarzenbach lebte und Europas Nachtleben unsicher machte (eine Leseprobe bietet Lenos nicht an, also hier die des spanischen Originalverlags: https://www.normaeditorial.com/ficha/comic-europeo/annemarie#gallery-1). Als androgyne Schönheit freundete Schwarzenbach sich mit Erika und Klaus Mann an, den beiden ältesten Kindern von Thomas Mann, die selbst Zentralfiguren der homosexuellen Künstlerszene der späten Weimarer Republik und später des Exils waren. Das hochspannende Dreiecksverhältnis zwischen Schwarzenbach und den beiden Manns – alle drei waren Kinder aus wohlhabenden Familien und politisch rebellisch gestimmt – steht völlig zu Recht im Mittelpunkt von „Annemarie“, wobei es auch noch genug andere Lieb- und Bekanntschaften der Titelheldin gab, die hier aber deutlich kürzer kommen.

Über die Entstehungsgeschichte von „Annemarie“ wüsste man gerne mehr. Martín wird mit fortlaufender Geschichte wagemutiger, bricht die Seitenarchitekturen auf, montiert Fotos in die Handlung (Schwarzenbach hat ihre Reisen natürlich auch fotografisch dokumentiert), lässt auf ganzen Doppelseiten Bilder völlig verschwinden, um nur Sprechblasen stehenzulassen. Zugleich aber gibt es bei Castréjons Texten keine ähnlich interessante Entwicklung; sie tragen auf der Grundlage von Schwarzenbachs eigenen Büchern und Zeugnissen ihrer Umgebung das Bild einer Frau zusammen, die geradezu perfekt dem Klischee der wahlweise Wilden oder Goldenen Zwanziger entspricht: libertär, emanzipiert und natürlich todunglücklich. „Babylon Berlin“ als Comic, nur dass hier alles wirklich so war.

Doch war es wirklich so? Schwarzenbachs Bücher zeichnen sich durch eine Komplexität der persönlichen wie sozialen Betrachtungen aus, die in „Annemarie“ kein Echo finden. Besonders auffällig ist das im Fall ihrer großen Reisen: quer durch die Vereinigten Staaten im Jahr 1936 auf den Spuren des New Deal oder auch 1941 durch den belgischen Kongo. Die politischen Komponenten fehlen dabei weitgehend. Was bedeutete es, im Zweiten Weltkrieg in die Kolonie eines von den Deutschen besetzten Landes zu reisen? Gerade die Kongo-Reise bleibt rein atmosphärisch, schon im Zeichen des baldigen Todes (der die begeisterte Autofahrerin – wie banal – im Folgejahr durch die Folgen eines Fahrradunfalls ereilen wird). Was „Annemarie“ schwach macht, ist das, was die beiden Autorinnen (und auch die Vorwortschreiberin) als die Stärke des Comics verstehen: die Betonung der Unkonventionalität von Schwarzenbachs Persönlichkeit. Doch sie richtete ihren Blick auf die Welt, und von diesem größerem Anspruch als einer rein privaten Emanzipation ist in „Annemarie“ zu wenig die Rede. Dass die Lektüre trotzdem lohnt, zeigt einmal mehr, dass die Faszination für diese Autorin nicht aus dem Wissen um ihr kurzes ebenso engagiertes wie tragisches Leben liegt, sondern in der Qualität ihres Schreibens. Und ihrer Fotos. Und ihrer Neugier. Und und und.

11. Jul. 2022
von andreasplatthaus
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20. Jun. 2022
von andreasplatthaus

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Pink is beautiful

Ich mochte das Buch beim ersten Aufblättern nicht – zu viel zeichnerischer Dilettantismus im schlechteren Sinne, dachte ich. Aber die vielen Jahre als Comicleser haben mir eines klargemacht: Traue nie dem Auge allein, denn der hässlichste Comic kann eine gute Geschichte bieten, während etliche wunderschön aussehende bei der Lektüre zu erzählerischen Katastrophen werden. Und allemal lieber Ersteres als Letzteres.

Um es vorwegzunehmen: „Virus Tropical“ von Powerpaola gehört klar zur ersteren Kategorie. Und vor allem ist es alles andere als schlecht gezeichnet. Die Geschichte steht – die Zeichnerin erwähnt das selbst – in der Tradition der Comickunst von Julie Doucet, und wie die Kanadierin das Unmittelbare eines scheinbar unbeholfenen Strichs zum höchstpersönliche Ausdruck ihrer autobiographisch-feministischen Geschichten gemacht hat, so hält es auch die in Ecuador geborene Kolumbianerin Paola Gaviria, die unter ihrem Künstlernamen Powerpaola im argentinischen Buenos Aires lebt.

Eine Comiczeichnerin aus dem „globalen Süden“, wie der derzeit modische politisch korrekte, semantisch aber völlig sinnlose Begriff lautet. Dazu eine, die über ihr Leben erzählt, das 1977 in prekären Verhältnissen – eher familiär als finanziell – begann und sich dann in bewusster Opposition zu den Erwartungen der Eltern im jugendlichen Alter in Richtung Kunst entwickelte. Ein idealer Stoff, möchte man meine, aber „Virus Tropical“ wurde elf Jahre lang in Deutschland nicht beachtet, nicht einmal, als die Trickverfilmung des Albums 2018 auf der Berlinale lief, und jetzt hat sich auch keines der großen hiesigen Comichäuser seiner angenommen, sondern Tina Brenneisens Berliner Kleinverlag Parallelallee. Dort will Lea Hübner, die derzeit eifrigste Propagandistin und Übersetzerin des lateinamerikanischen Comics, eine ganze Reihe mit Werken aus diesem Weltteil begründen. „Virus Tropical“ macht den Anfang, der Umschlag in schreiendem Pink gehalten, 160 Seiten für neunzehn Euro (also ein Schnäppchen), und sollte der Band erfolgreich sein, gäbe es allein von Powerpaola noch sechs weitere Bücher zu übersetzen.

Wie „Virus Tropical“ im Inneren aussieht, kann man anhand der Leseprobe auf der Website von Parallelallee überprüfen (https://www.parallelallee.de/comics/virus-tropical/): sehr punkig, recht ungelenk, aber extrem expressiv. Zudem mit immensem Witz erzählt; allein schon der Titel ist ein Coup, denn er verdankt sich der Diagnose eines ecudaorianischen Arztes, als Paolas Mutter mit ihr schwanger war, was der Mediziner aber nicht erkannte. Warum allerdings der spanische Titel beibehalten wurde und nicht einfach „Tropenkrankheit“ als Übersetzung gewählt wurde, lässt rätseln. Wahrscheinlich soll es schön fremdartig klingen; so wird weiter fleißig am Exotismus gearbeitet, den doch sonst so eifrig bekämpft werden soll.

Dabei ist Paolas Geschichte wahrhaft global, nämlich allgemeingültig für junge Frauen in einer sich ehedem nur langsam wandelnden Gesellschaft. Mittlerweile verläuft der Wandel schneller, aber das verdankt sich der Offenheit, mit der Erzählerinnen wie Powerpaola auftreten. Es kann peinlich gewesen sein oder heroisch – dieser Comic vermittelt unbedingte Wahrhaftigkeit. Zudem lernt das deutschsprachige Publikum auch noch einiges übers Leben in Südamerika, was dann doch nicht so einfach verallgemeinerbar ist. Kein Wunder, dass es Paola Gaviria als Erwachsene auf andere Kontinente zog, nach Europa und Australien. Davon mehr, wenn die anderen Comics der Autorin auch noch übersetzt werden sollten.

In der Formensprache ihrer Erzählkunst hat sie Verwandte überall auf der Welt: Doucet in Kanada wurde schon genannt, in Deutschland wäre Birgit Weyhe zu erwähnen, in der Schweiz Simone F. Baumann, in Frankreich Nine Antico, in den Vereinigten Staaten Jessica Abel. Aber es gibt auch genug Männer, die diese rohe Ästhetik pflegen: Matt Konture, Baladi, Stéphane Blanquet, ja selbst bisweilen Jean Christophe Menu oder Manu Larcenet, um einmal nur französische Zeichner zu nennen. Wobei die Männer ihre ambitionierteren Geschichten gefälliger zeichnen, während sie den rauen Stil dem Schlichten vorbehalten. Das machen die Frauen anders: Bei ihnen ist das Ungeschönte Ausdruck ihrer Welterfahrung. Powerpaola ist dafür ein glänzendes Beispiel. Unbedingt lesen, auch gegen etwaige ästhetische Widerstände.

20. Jun. 2022
von andreasplatthaus

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13. Jun. 2022
von andreasplatthaus

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Russisch für diese Zeit

Nun könnten manche meinen, es ginge doch nicht an, in diesen Tagen einen russischen Comic zu lesen, geschweige denn zu loben. Zumal ich meiner Erinnerung nach noch nie einen russischen Comic gelesen habe, warum also ausgerechnet jetzt? Weil er genau über das Auskunft gibt, was wir gerade aus der Ukraine hören. Nicht politisch, nicht militärisch, aber menschlich. Es wird entsetzlich gelitten im Krieg, und genau davon erzählt der russische Comic „Surwilo“. Und nicht nur davon.

Aber erst einmal zurück: Wie kommt dieser Comic auf meinen Schreibtisch? Na ja, er ist von Avant, und dieser Verlag hat ein Händchen für Entdeckungen aus Kulturen, die nicht unbedingt als Erste in den Sinn kommen, wenn es um Comics geht. Von Avant habe ich schon phantastische südafrikanische Comics gelesen, norwegische, lateinamerikanische. Und jetzt kam „Surwilo“ von Olga Lawrentjewa. Warum nicht mal ein russischer Comic? So dachte ich, als er irgendwann vor dem 24. Februar bei mir eintraf. Und ehe er danach mit diversen anderen Büchern wochenlang unbeachtet liegen blieb, weil meine Aufmerksamkeit in Kriegszeiten anderswo gefragt war.

Neugierig auf „Surwilo“ wurde ich erst wieder, als die Nachrichten über die Ächtung russischer Kultur gar kein Ende mehr nehmen wollten. Und zu meinen Bildungserlebnissen zählen nun einmal zahlreiche russische Kulturleistungen, wenn auch nicht auf dem Feld der Comics. Bunin, Tschechow, Prischwin, Tolstoi, Babel in der Literatur. Tschaikowsky, Mussorgsky, Strawinsky, Rachmaninow, Schostakowitsch in der Musik. Repin, Kandinsky, Malewitsch, Exter, El Lissitzky in der Malerei. Sie alle haben mich nicht zum Russophilen gemacht und schon gar nicht zum Putinversteher, denn Kunst, die mir etwas bedeutet, öffnet die Welt, statt sie derart zu verschließen, wie es der russische Nationalismus und sein aktueller Adept an der Staatsspitze betreiben.

„Surwilo“ öffnet erst einmal die Augen und dann die Welt. Olga Lawrentjewa wurde 1986 in Leningrad geboren, und man darf in dem Mädchen, das in der Rahmenhandlung des Comics im Jahr 1997 mit ihrem Bruder und ihrer Großmutter auf Pilzsuche durch die Wälder streift, wohl die Autorin selbst erkennen, denn im Laufe der Erzählung wird sie später als junge Frau aufgefordert, all das in einem Buch festzuhalten, was die Großmutter ihren Enkeln bei den Streifzügen erzählt. So entwickelt sich die Familiengeschichte der Surwilos.

Wincenty Surwilo kam Ende des neunzehnten Jahrhunderts im überwiegend polnisch bewohnten Dorf Surwily zur Welt, das heute in Belarus liegt. Nach der Oktoberrevolution heiratete er eine Russin, mit der er vier Töchter hatte, von denen die beiden älteren noch im Kleinkindalter starben. Die jüngste Tochter wurde 1925 geboren und nach der toten Ältesten benannt: Walentina. Gemeinsam mit ihrer Schwester Jelena erlebte sie eine glückliche Kindheit, bis der Vater 1937, dem Jahr des Höhepunkts des Großen Terrors, als polnischer Verschwörer verhaftet und hingerichtet wurde. Aber von seinem Tod erfuhren seine Witwe und die beiden Töchter nichts.

„Surwilo“ erzählt von Walentina, und Walentina erzählt „Surwilo“. Lawrentjewa hat dafür eine eindrucksvolle Schwarzweißästhetik (Leseprobe unter https://www.avant-verlag.de/comics/surwilo/#cc-m-product-9100687520) entwickelt, in deren expressiven Seitenarchitekturen sich alles mischt: Stile und Personen, Realismus und Surrealismus, Wahrheit und Traum, Gut und Böse. Sie versteht sich auf die Kunst des Weglassens wie in jener Szene, in der Walentina als Krankenschwester während der deutschen Belagerung Leningrads die gefrorenen Leichen ihres Hospitals in einem Schuppen einlagern muss, weil sie nicht begraben werden können, und als am Ende von Seite 135 die Tür zum Schuppen geöffnet wird, folgt ein Schwarzbalken, und nach dem Umblättern sind wir bereits in einer anderen Szene. Und Lawrentjewa versteht sich auf die Kunst der Überraschung, denn vierzig Seiten später ist der Winter vorbei, und der Schuppen muss geräumt werden, und wieder wird am Ende einer Seite dessen Tür geöffnet, doch diesmal folgt nach dem Umblättern gleich eine ganze Seite mit dem Leichenhaufen darin. Lawrentjewa erspart uns nichts, doch es ist nie voyeuristisch.

Und ihre Sprache ist ein weiteres Wunder: so pathetisch und gefühlsbetont und dann wieder so lapidar und resigniert, wie es eben die Erzählung der Großmutter erfordert. Dass der Avant Verlag für die Übertragung ins Deutsche Ruth Altenhofer gewinnen konnte, die mit ihren Übersetzungen der Romane von Sasha Filipenko Furore gemacht hat, kann man angesichts der Qualität von Lawrentjewas Texten verstehen.

Das Zentrum der Geschichte gilt dem Leben im belagerten Leningrad, doch die wahre Wunde in Walentinas Leben ist das Schicksal ihres Vaters, dessen Verhaftung auch sie selbst zur Verfemten im Sowjetreich macht, so viel sie auch für ihre Mitmenschen tut. Erst die Tauwetterperiode unter Chruschtschow bringt die Rehabilitierung des Vaters, doch wie er geendet ist, das erfährt Walentina erst in der Perestroika. So ist „Surwilo“ ein großes Panorama der russischen Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts, dargeboten am Beispiel einer Familie, und man lernt daraus, was der Krieg und die Selbstherrlichkeit eines politischen Systems den Menschen antun.

Als sich am Ende des Comics Walentinas Tochter – die den Namen Jelena erhalten hat nach der Schwester, die den Krieg nicht überlebt hat, womit Walentina das Erinnerungsprinzip fortführte, das ihr selbst den eigenen Namen beschert hatte – und deren beide Kinder auf die Spuren der Vergangenheit begeben, laufen in ihrem Autoradio Nachrichten über Russlands damaligem Krieg in der Ost-Ukraine, doch die Meldung bricht ab, als dürfte in diesem russischen Comic nicht über ein Unrecht gesprochen werden, das fortsetzt, was zuvor im Rückblick auf die Zeitgeschichte angeprangert worden war. So ist dieser ganz persönliche Comic auch ein politischer für jene Leser, die ihre offenen Sinne bewahrt haben. Und ein Ärgernis nur für solche, die sich allem verschließen, was ihren Klischees widerspricht.

13. Jun. 2022
von andreasplatthaus

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