Comic

Comic

Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

25. Sep. 2017
von Andreas Platthaus

1
2268
     

Schön, schöner, „Sie“

Der erste Eindruck: ein wunderschöner Comic. Der schönste seit langer Zeit in Deutschland. Wenn es erstmal nur nach dem äußeren Erscheinungsbild geht. Wie macht der Mami-Verlag das? Mit untrüglicher Sicherheit seit Jahren solche Comics zu gestalten wie Karin Kraemers „Sie“? Wobei trotz einer unverwechselbaren Optik (und Haptik! Diese wunderbaren Pappeinbände und Papiere!) jedes neue Buch ein Unikum ist. Diesmal besteht es aus sechs großformatigen Einzelheften von jeweils unterschiedlichem Umfang (16 bis 36 Seiten), die zusammen in einem kartonierten Schuber versammelt wird, der in phantastischer Kombination von Violett und tiefem Schwarz (dieser Druckerschwärzegeruch!) die Frontalsilhouette einer Frau im Kapuzenmantel zeigt, deren Gesicht bis auf Mund und Augen dunkle bleibt. Das ist „Sie“.

Welche Reihenfolge sich für die Lektüre der sechs unterschiedlich betitelten Hefte empfiehlt? Das zu entscheiden ist Sache des Lesers. Meine ist folgende: „Das Fest“, „Der Ausflug“, „Die Vorführung“, „Karawane“, „Sie“ und schließlich das dünnste, „Tartar“. Ob die Hefte in dieser Ordnung im Schuber waren, als ich ihn kaufte, weiß ich nicht mehr. Ich war so beglückt, ihn zu finden, dass ich sofort alles durcheinandergebracht habe.

Fundort war der diesjährige Millionaire‘s Club in Leipzig, das grandiose Independent-Comicfestival zur Zeit der Leipziger Buchmesse. Das ist jetzt sechs Monate her, aber die Freude über „Sie“ lässt nicht nach. Und der Ärger darüber, den Band nicht gleich, als er erschien, nämlich 2016, entdeckt zu haben. Aber der Mami-Verlag macht zwar wunderschöne Comics, hat aber auch einen miserablen Vertrieb. Was daran liegt, dass die beiden Zeichner Anke Feuchtenberger und Stefano Ricci, die hinter diesem Unternehmen stellen, künstlerisch arbeiten wollen und nicht marktwirtschaftlich. Die kleinen Auflagen der Mami-Publikationen (ein paar hundert Stück) machte den Aufbau eines eigenen Vertriebs unmöglich. „Sie“ wird wie die anderen Verlagserzeugnisse über Reprodukt mitvertrieben, aber in den regulären Katalogen des Berliner Hauses tauchen die Mami-Comics nicht auf. Wenn man sie nicht irgendwo liegen sieht, wird man sie nicht bemerken. Wenn sie aber irgendwo liegen, sind sie nicht zu übersehen. „Sie“ schon mal gar nicht, da haben Ricci und der Hamburger Zeichner Arne Bellstorf als Hersteller ganze Arbeit geleistet.

Und Karin Kraemers „Sie“ ist auch inhaltlich bemerkenswert. Es gibt kaum Text in den jeweils ganz-, manchmal gar doppelseitigen (auf jeden Fall riesigen) Zeichnungen. Manchmal einzelne sehr knappe Sprechblasen, bisweilen ein auktorialer Erzähltext, und niemals ist es die Titelfigur, die Frau mit dem schwarzen Gesicht, die spricht. Sie durchstreift die sechs Teile des Comics wie eine Erscheinung, alle Beobachterinnen – und des treten nur Frauen in „Sie“ auf – sind ratlos, um wen es sich handelt, was „Sie“ in ihrer Stadt macht. Man könnte das jetzt als Kommentar zu Zuwanderung, Flucht oder Multikulturalismus verstehen, aber das würde gerade der assoziativen Offenheit von Kraemers Erzählweise widersprechen, die sich gerade nicht auf eine eindeutige Geschichte reduzieren lassen will. Wobei klar ist, dass Oberflächlichkeit (in graphischem wie in inhaltlichem Verständnis) das ist, wogegen die 1982 geborene Künstlerin anzeichnet. Und so sieht das aus: http://www.karin-kraemer.net/karin-kraemer.

Natürlich gibt es enge Verwandtschaft mit den legendären Comics von Anke Feuchtenberger: dieselbe Lakonie, dasselbe Prinzip einer BD Brute (wie man solche Bildergeschichten in Anlehnung an Art Brut nennen sollte), derselbe malerische Gestus. Und doch ist Karin Kraemer keine Nachahmerin, sondern eine Schülerin, die mit ähnlichen Mitteln zu einer eigenen visuellen Form findet. Und zu einem neuen erzählerischen Weg. Das Heft „Sie“ etwa besteht aus nicht anderem als 36 Frontalporträts weiblicher Gesichter in Tusche und Aquarell. Doch durch die Einordnung in den Gesamtkomplex des Schubers „Sie“ bekommt diese konzeptionelle Arbeit einen neuen Zusammenhang, wir „lesen“ die Köpfe, versuchen Zuordnungen, passen sie ein in das, was wir als Geschichte erkennen wollen. Wie gesagt: mit maximaler Freiheit betreffs der konkreten Position in der Handlung.

Eine Nacherzählung hat deshalb auch gar keinen Sinn. Sie wäre jeweils nur Momentaufnahme und mit der nächste Lektüre obsolet. Das habe ich bei meinen wiederholten eigen Durchgängen gemerkt. Wo bekommt man so viel Freiheit für 29 Euro, einem Witzpreis allein schon angesichts der drucktechnischen Qualität des Werks? Man darf nur hoffen, dass es Karin Kraemers Comic ergeht wie „Katze hasst Welt“ von Kathrin Klingner, einem anderen Mami-Band (natürlich ganz anders), der auch vor einem Jahr erschien und jetzt in anderer, schlichterer Form, aber auch sehr schön ins Hauptprogramm von Reprodukt gewandert ist. Oder Birgit Weyhes Debütcomic „Ich weiß“, der vor neun Jahren bei Mami herauskam und nun beim Avant Verlag noch einmal neu herausgegeben wurde, nachdem die Erstauflage längst nicht mehr greifbar war. Aber schöner als das Original von „Sie“ kann’s nicht mehr werden, also zugreifen, wen es noch irgendwo zu bekommen ist.

25. Sep. 2017
von Andreas Platthaus

1
2268

     

18. Sep. 2017
von Andreas Platthaus

1
1759
     

„Superman“ ist keine Superheldengeschichte

Gion Capeder hat ein klar erkennbares Vorbild: Adrian Tomine. Dieselbe Kühle in Form und Farben, dieselbe Kühle im Blick auf die Welt, die aber nicht zu verwechseln ist mit Emotionslosigkeit. Beider Protagonisten haben eher zu viele Gefühle, zu widersprüchliche. Und darin geht der 1971 geborene Schweizer Capeder sogar noch über den drei Jahre jüngeren, aber schon viel länger als Comiczeichner aktiven Amerikaner hinaus.

Capeder, in Fribourg geboren und heute in Bern tätig, hat erst spät mit der Publikation eigener Comics begonnen. 2011 erschien „Le 7“ im Selbstverlag, die in Capeders französischer Muttersprache verfasste Geschichte eines Jungen aus einer scheiternden Familie, mit 70 Seiten ein ambitioniertes Debüt und auch schon makellos in der markanten Tomine-Ligne-Claire gezeichnet. Dass es angesichts dieser Qualitäten sechs Jahre bis zum zweiten Album dauerte – zwischendurch gab es einige Kurzgeschichten für Anthologien – ist überraschend, aber für „Superman“ hat sich das Warten gelohnt. Allerdings hat sich kein französischsprachiger Verlag für das Werk gewinne lassen, sondern die in Zürich residierende Edition Modern, die den Band nun auf Deutsch herausgebracht hat. Wie er aussieht sieht man hier: http://www.gioncapeder.ch/.

Der Superman des Titels ist ein Angestellter namens Chris, wohl in seinen Dreißigern, Familienvater und stellvertretender Leiter der Dependance eines großen Unternehmens, dessen genaue Aufgaben nie erwähnt werden. Es geht um Projektentwicklung, und da es dazu der Absprache mit Partnern bedarf, ist Koordination und Kommunikation unentbehrlich. Chris erweist sich darin als brillant, doch nach intensiven Phasen folgen immer wieder kurze Abwesenheiten, die seinen Chef und die Kunden verärgern. In diesen unabgesprochenen Auszeiten stillt Chris seinen sexuellen Appetit bei allerlei Liebesaffären.

Frau und kleine Tochter zu Hause ahnen nichts davon, als Vater und Ehemann ist Chris vorbildlich, wenn er nur nicht so wenig Zeit daheim verbrächte, aber daran ist natürlich der Job schuld. Dort steht ein Führungswechsel an, der Vorgesetzte wird im Unternehmen aufsteigen, auf den freiwerdenden Führungsposten spekuliert Chris. Unter dem Druck, sich noch mehr zu bewähren, wird auch sein Bedürfnis nach Ausbruch intensiver, und die Koordination, die nunmehr die größte Aufgabe darstellt, ist das Versteckspiel im eigenen Leben. Je komplizierter es wird, desto unzufriedener und getriebener wird Chris, und irgendwann schleichen sich Gedankenspiele ein, die über Sex hinausgehen und in Tötungsphantasien gipfeln. Die sind als grobe Skizzen in die Handlung eingezeichnet, wie kleine Doodles auf Post-it-Zetteln – eine schöne Idee.

Capeder erzählt seine Geschichte von einem sexbesessenen jungen Mann wie gesagt ganz kühl, aber umso mitreißender. Und er erzählt sie konsequent auf ein Ende hin, das kaum jemand erwartet haben dürfte. Es gibt vier jeweils durch zwei Blankoseiten voneinander getrennte Kapitel, die unterschiedliche Eskalationsstufen dieses Lebens beschreiben – vom noch halbwegs aufrechtgehaltenen Alltag bis zum Gewaltexzess, der jedoch nicht gezeigt wird. Der Schluss ist offen, aber die Farbgebung deutet an, wie sich Capeder die Zukunft von Chris denkt. Alles ist hier stimmig inszeniert.

Dazu gibt es Details, die eine Erzähl- und Gestaltungsfreude verraten, die im Comic nicht alltäglich ist. Eine winzige witzige Anspielung auf Hergés Schulze und Schultze etwa. Oder die einzige Extravaganz im sachlichen Zeichenstil, die sich Capeder erlaubt: seine Laubbäume, deren Kronen als wilde Liniengeschlinge angelegt sind, die im flächigen Stil der sonstigen Objekte und Personen wie außerirdische Eindringlinge wirken. Auf Umrahmung seiner Panels verzichtet Capeder, wodurch die Seitenarchitektur eine ähnliche Fragilität bekommt wie das Leben von Chris.

Man kann der Edition Modern nur gratulieren zu dieser Entdeckung. Und sich wundern, dass Capeders Comic trotz seiner epigonalen Anleihen bei Tomine nie wie ein Werk aus zweiter Hand wirkt.

 

18. Sep. 2017
von Andreas Platthaus

1
1759

     

11. Sep. 2017
von Andreas Platthaus

0
2395
     

Brust raus, der Rest kommt wohl von allein

Ah, das ist sehr lange her, aber man erkennt diesen Stil sofort. Mitte der neunziger Jahre kam der amerikanische Comiczeichner Terry Moore mit seiner unabhängig publizierten Serie „Strangers in Paradise“ groß heraus. Das hatte seinen Grund wohl weniger darin, dass er früher als die meisten seiner männlichen Kollegen auf starke Frauenfiguren setzte, als darin, dass diese diese erotisch aufreizend gezeichnet worden: Idealfiguren, wie man sie aus dem amerikanischen Fernsehen kennt, mit meist körperbetonter Bekleidung. Da war es nicht schwer, in „Echo“, seiner nun auf Deutsch (beim Verlag Schreiber & Leser) erscheinenden anderen Erfolgsserie, deren erster Sammelband den Untertitel „Atomic Dreams“ trägt, einen Wiedergänger des Erfolgsrezepts zu sehen. So sieht das dann aus: http://www.schreiberundleser.de/index.php?main_page=popup_img&pID=560&zenid=e3c199ddd419a9193c227bbcd8151388&imgType=lese1, und selbst diese lediglich zwei sehr zurückhaltenden Seiten Leseprobe sagen wohl genug. Es ist schon ein ziemlich hoher Preis, den Moores emanzipierte Heldinnen für ihre Hauptrollen zahlen.

Diesmal – und das heißt 2008, als die in Amerika lägst abgeschlossene Serie begann – hat Moore sich einen besonders geschickten Kniff ausgedacht, um die Blicke seiner männlichen Leser einzufangen: Die Protagonistin Julie Martin kommt eines Tages mitten im Yosemite-Nationalpark i einen seltsamen Niederschlag, der sich ihrem Oberkörper in Form eines quecksilbern glänzenden Panzers anschmiegt, den sie nicht ablegen kann. Was sie anfangs nicht weiß, ist, dass dieses Material aus einem geheimen Waffenprogramm der Regierung stammt und ihr erstaunliche Fähigkeiten verleiht, weshalb alsbald ein Riesenaufgebot an Ordnungskräften aller Provenienz hinter ihr her ist. Auf der Flucht lernt Julie ihre erstaunlichen Kräfte aber bald kennen. Und auch die Beharrlichkeit und Zwiespältigkeit der zweiten weiblichen Hauptfigur, Ivy Raven, einer amerikanischen Agentin, die mit der Wiederbeschaffung des geheimnisvollen Materials befasst ist. Wie bei „Strangers in Paradise“ – never change a winning team – gibt es dann auch noch einen jungen Mann, der das Damenduo zum Kleeblatt ergänzt: den eigentlich harmlosen Dillon Murphy, dessen Freundin das Pech hatte, das Versuchskaninchen bei den Waffenexperimenten zu sein – und dabei das Zeitliche zu segnen.

Es geht hart zu in dieser Geschichte. Nicht nur, weil gleich zu Beginn gestorben wird (und später eifrig weiter), sondern vor allem, weil brutal gemetzelt wird. Seit „History of Violence“, dem Comic von John Wagner und Vince Locke, der das Vorbild zu David Cronenbergs gleichnamigem, viel weniger brutalem Film war, habe ich so unerfreuliche Bilder von Körperzerstörung nicht gesehen – wobei ich das Splatter-Genre generell scheue. Hier war nicht damit zu rechnen, aber Moore lässt es in einer großen Kampfszene auf eine Weise bluten und zerreißen, dass man es leider nicht vergisst.

Versammelt sind in „Echo – Atomic Dreams“ die ersten zehn Hefte der Serie, insgesamt sind es dreißig geworden, wie deutsche Sammelbände folgen also noch. Abgerundet wird der erste Band durch ein paar Entwurfsskizzen und eine Covergalerie der amerikanischen Heftausgabe. Eine gewisse Spannung auf die Fortsetzung kann ich nicht leugnen, aber die Machart von Moores Comics und der angestrebte Voyeurismus in vielerlei Hinsicht ist mir unsympathisch.

 

11. Sep. 2017
von Andreas Platthaus

0
2395

     

04. Sep. 2017
von Andreas Platthaus
Kommentare deaktiviert für Reflektion und Reflexion

1
1523
     

Reflektion und Reflexion

Schon der Name: Otto. Hatten wir das als Titel eines französischen Comics erwartet? Aber ja, wenn dessen Autor Marc-Antoine Mathieu ist, denn Otto ist ein Palindrom, er liest sich von vorne wie von hinten gleich, und somit spiegelt er sich auch. Und Spiegelungen sind ein Thema, das Mathieu liebt, siehe etwa seinen bis heute überraschendsten Comicband, „3 Sekunden“, eine Kriminalgeschichte, die nur über einen endlosen Zoom erzählt wird, der zahllose Spiegelungen braucht, um alle Facetten des Geschehens auch einzufangen. Ein Meisterwerk.

Das könnte von Otto stammen, dem Installationskünstler oder „Metaphysiker der Spiegelungen“, wie ihn die Kunstwelt nennt, von dem der Comic „Otto“ erzählt. Der Mann wird zuerst sichtbar als Lücke in einer Menschenmenge, die auf einem zugefrorenen See im hohen Norden eine einzelne  Menschengestalt bildet – selbst ein Installationskunstwerk, aber ungewollt. Die Menge wartet auf den ersten Einsatz eines Riesenspiegels, der von seiner Erdumlaufbahn aus die irdische Polarnacht durch reflektiertes Sonnenlicht erhellen soll.  Und irgendwo in dieser Menschenmasse steht Otto und fehlt zugleich. Warum, das wird in „Otto“ erzählt.

Mathieus Pointen darf man nicht verraten, sonst fehlt bei der Lektüre die Verblüffung. Dieser französische Zeichner, mittlerweile achtundfünfzig Jahre alt, hat in den letzten drei Jahrzehnten so ziemlich alles ausprobiert, was man mit der materiellen Form des Comics machen kann (erfreulicherweise sind alle diese Bände bei Reprodukt auf Deutsch greifbar). Er hat dreidimensionale Comics gezeichnet und solche, die mitten in der Handlung beginnen, ehe sie übers Ende wieder am Anfang landen. Es gibt ausgerissene Seiten, die aber handlungsnotwendig sind und säuberlich ausgeschnittene Einzelpanels, die Bilder der Folgeseiten schon in die früheren Seitenarchitekturen integrieren. Und es gibt Comic, wie zuletzt „Richtung“, die die Zeichensprache piktogrammatisch durchdeklinieren und mit unserem Gesichtssinn Versteck spielen. Oder sagen wir besser: ihn verwirren. Alles im Dienst eines besseren Verständnisses der Erzählform Comic.

Bei „Otto“ ist das nicht anders, aber nicht so offensichtlich. Hier steht eine Handlung um ihrer selbst willen im Vordergrund. Als wir Otto zum ersten Mal sehen, ist er im Guggenheim Bilbao in Aktion zu sehen, und schon wie Mathieu das Banner an der Fassade des Frank-Gehry-Museumsbaus von Bild zu Bild wechseln lässt, zeigt das Spiel, das er diesmal mit uns treiben will: Es geht um Verschmelzung von Persönlichkeit und dem, was man über sie weiß. So sieht das in der Leseprobe des Verlags aus: http://www.reprodukt.com/produkt/graphicnovels/otto/.  Pikant übrigens, dass gerade im Frankfurter Museum für Angewandte Kunst eine Mathieu-Ausstellung läuft (noch bis Mitte Oktober) , die prachtvoll geglückt ist, aber ihrerseits kaum Persönliches offenbart. Das Werk ist hieri Trumpf, und auch aus „Otto“ ist da etwas zu sehen, aber eine Verquickung,von Leben und Kunst  wie Mathieus Otto sie betreibt, wäre für dne Zeichner selbst wohl ein Albtraum. .

Kurz nach seiner Kunstaktion in Bilbao erfährt Otto vom Unfalltod der Eltern und erbt ein Archiv, von dem er nichts wusste: eine lückenlose Dokumentation seiner ersten sieben Lebensjahre ins schriftlichen und bildlichen Aufzeichnungen, seinerseits ein psychologisches Experiment, nunmehr eine Spiegelung eines Selbsts, das er längst hinter sich gelassen wähnte. Otto steigt aus, gibt seine Kunst auf und widmet sich ganz diesem Erbe – und naturgemäß braucht er für die Sichtung seiner ersten Lebensjahre mindestens so viel Zeit, wie diese umfassen.

Diesmal hat Mathieu also ein metaphysisches Problem zum Thema seines neuen Comics gemacht: Wer sind wir, und wie wurden wir das? Spinoza war ihm Anregung, und gleichzeitig sind och auch wieder reiche visuelle Effekte vertreten, die auch unsere Wahrnehmung herausfordern und nach dem Authentizitätsgrad unserer Spiegelbilder fragen. Dass die Erörterung sich nicht auf die pure optische Reflektion beschränkt, sondern auch die Reflexion unserer selbst ins Auge nimmt, versteht sich bei einem Denker und Zeichner wie Mathieu von selbst.

Dass er dann aber noch eine Hommage an Jacques Tardi unterbringt, aus dessen Comics er eines der typischen kleinen Vorort-Wohnhäuser entnimmt, wie sie in „Hier selbst“ oder der „Nestor Burma“-Reihe dauern anzutreffen sind, dass Mathieu die Mittel seines Vorgängerbandes „Richtung“ variiert, dass er auch „Gott höchstselbst“ fortschreibt, ejnen Comic, der schon einmal an den Grundlagen des menschlichen Daseins rüttelte. In „Otto“ ist das, der künstlerischen Ausrichtung wegen, weniger existenziell, aber mindestens so intellektuell. Auf diesem Niveau reflektiert derzeit kein anderer Comiczeichner.

04. Sep. 2017
von Andreas Platthaus
Kommentare deaktiviert für Reflektion und Reflexion

1
1523

     

28. Aug. 2017
von Andreas Platthaus

2
1929
     

Familienschicksal unter der Junta

Ein bisschen leiser hätte der Avant Verlag schon sein können. Nacha Vollenweider, so verkündet er, erfinde mit ihrem Buch „Fußnoten“ nebenbei ein neues Genre: den Comic-Essay. Wenn das, was „Fußnoten“ bietet, typisch dafür sein soll, dann haben wir diese Form schon etliche Male gelesen: bei Jean Christoph Menu oder Edmond Baudoin, um zwei Franzosen zu nennen, bei Chester Brown und Robert Crumb, um einen Kanadier und einen Amerikaner zu nennen, bei Igort, um einen Italiener zu nennen, und vermutlich fielen uns noch ein paar frühere Comic-Essayisten mehr ein. Aber brauchen wir dieses neue Genre überhaupt?

Gerne, wenn dabei so gute Geschichten herauskommen wie „Fußnoten“. Wobei das essayistische Element darin vernachlässigbar ist. Der literarische Versuch, wie ihn Montaigne mit seinen „Essais“ vor einem halben Jahrtausend in die Literaturgeschichte einführte, ist ein Mittelding zwischen Sachtext und persönlicher Ausführung. Wichtig ist dabei das geistige Herantasten an den thematischen Gegenstand – darum nannte Montaigne seine Texte ja „Essais“ (eben Versuche), als Bescheidenheitsgeste, Anspruch auf Begriffsklärung erhoben diese Texte nicht. Was Nacha Vollenweider in „Fußnoten“ liefertt, ist dagegen eine autobiographisch grundierte Fallschilderung. Und wenn es denn unbedingt ein neues Genre sein soll, dann nennen wir es doch auch einfach so, wie die junge  argentinische Zeichnerin es tut: Fußnoten. „Anotación“ wäre doch ein grandioser neue Genrebegriff.

Warum heißt der Band aber überhaupt so? Weil er sechs Erinnerungen der Ich-Erzählerin Nacha Vollenweider näher erläutert, jeweils visuelle Reminiszenzen an ihre Jugend in Argentinien. In der Rahmenhandlung fährt die1983 in Rio Cuarto (Provinz Córdoba) geborene, aber schon seit Jahren in Hamburg lebende junge Frau mit dem Öffentlichen Nahverkehrssystem durch die Hansestadt. Ihre Lebenspartnerin steigt zu , und aus den Gesprächen, Begegnungen und Beobachtungen während der Fahrt ergeben sich die sechs Rückblicke, die durch Zahlenfelder in den jeweiligen Panels markiert sind, um dann im Anschluss in eigenen Kapiteln erläutert zu werden. Die sechs Fußnoten zum eigentlichen Geschehen sind weitaus umfangreicher als dieses selbst; das sonst übliche Verhältnis wird also umgedreht: Die Fußnoten dominieren, die argentinische Vergangenheit ist wichtiger als die Hamburger Gegenwart. Das stimmt gleich doppelt: Jede Gegenwart wird von der Vergangenheit geprägt, und das, was Nacha Vollenweider erzählt, ist – leider – von großer historischer Bedeutung.

Es ist die Geschichte ihrer Familie in den Jahren der Militärdiktatur, also der Zeit vor Nacha Vollenweiders Geburt. Naturgemäß kann sie über Personen wie den 1977 verschleppten und seitdem verschwundenen Onkel Ignacio nur erzählen, was ihr wiederum die Verwandten berichtet haben und was die in der Familie überlieferten Zeugnisse dieses nur achtundzwanzigjährigen Lebens hergeben, aber gerade dadurch, dass Nacha Vollenweider assoziative Anknüpfungspunkte wählt, sind auch solche kleinen Episoden genau passend. Man vermisst nicht den großen Überblick, und wie sollte man ihn angesichts von Tausenden Toten und noch viel mehr Gefolterten auch liefern? Bis heute sind viele Verbrechen der Junta und ihrer Schergen nicht aufgeklärt. Niemand weiß etwa, was aus Onkel Ignacio geworden ist.

An diese Unkenntnis lässt sich wiederum die Geschichte der Großmutter knüpfen, die zu den berühmten „Müttern der Plaza de Mayo“ von Buenos Aires zählte, und an dieses Engagement gegen die Junta wieder das Schicksal von Azucena Villaflor, die gemeinsam mit zwei Mitstreiterinnen ihrerseits entführt und ermordet wurde. Wie diese drei Demonstrantinnen starben, das weiß man: Sie wurden aus einem Flugzeug in den Rio de la Plata geworfen. Es sind solche lapidar eingestreuten entsetzlichen Fakten, die gar nicht explizit bebildert werden müssen, um „Fußnoten“ trotzdem zu einer unvergesslichen Lektüre machen.

Und nicht nur argentinische Zeitgeschichte aus privatem Blickwinkel wird hier erzählt: Es gibt auch Familiengeschichte bis hin zur Auswanderung der Vollenweiders im neunzehnten Jahrhundert aus der Schweiz nach Südamerika, und damit wiederum verbunden einen Blick auf die aktuelle Flüchtlingslage in Hamburg. So wird denn auch das Leben von Nacha Vollenweider selbst in der Rahmengeschichte zu weitaus mehr als bloß einem Stichwortgeber. Hier ist eine großartige Autorin am Werk, auf deren weitere Comics man sehr neugierig sein darf.

Nacha Vollenweider zeichnet schwarzweiß, und natürlich fühlt man sich bisweilen an Hugo Pratt erinnert, den Italiener in Argentinien, der es meisterhaft verstand, die dortigen Szenen einzufangen – man vergleiche nur Vollenweiders Bahnhöfe mit der Station des Städtchens Borges in Pratts Corto-Maltese-Band „Argentinischer Tango“. Aber konkret wird Anke Feuchtenberger und Birgit Weyhe gedankt, zwei deutschen Comiczeichnerinnen, die an der Hamburger Hochschule für Angewandte Wissenschaft lehren, und von beiden hat Nacha Vollenweider erkennbar gelernt: von Feuchtenberger die weitgehend strenge Aufteilung der Seiten in zwei Panels, von Weyhe den lässigen Tuschestil, der skizzenartig wirkt, aber sehr genau Details und Stimmungen festzuhalten versteht. Wie das aussieht, kann man hier sehen: http://www.avant-verlag.de/comic/fussnoten. Aber lesen muss man das komplett, denn diesen ersten anderthalb Dutzend Seiten folgen 180 weitere, die den Spannungsbogen nie abfallen lassen. Das ist kein Versuch, das ist perfekt.

28. Aug. 2017
von Andreas Platthaus

2
1929

     

14. Aug. 2017
von Andreas Platthaus

1
656
     

Schwarz auf Schwarz als Zeitporträt

Kurz bevor Jiro Taniguchi starb, las er noch den Manga einer Kollegin: „Die letzte Reise der Schmetterlinge“ von Kan Takahama. Auf der nun bei Carlsen erschienenen deutschen Ausgabe dieses Comics steht, was er danach gesagt hat: „Ein Manga, den man einfach gelesen haben muss!“ Solche Aussagen von Taniguchi, der nicht nur als Künstler sehr skrupulös war, sondern auch als Leser und Empfehler, muss man ernst nehmen. Was hat den europäischsten aller großen Mangaka an der Geschichte von Takahama so gefallen?

Zunächst wahrscheinlich die Sorgfalt der Bilder (Leseprobe unter https://www.carlsen.de/softcover/die-letzte-reise-der-schmetterlinge/85659#, natürlich „rückwärts“ zu blättern!). Wobei man dem Nachwort der Autorin entnehmen kann, dass sie ihre Recherche noch während der Arbeit an den ursprünglich in acht Fortsetzungen erschienenen Geschichte ständig fortsetzte – so dass die letzten Kapitel authentischer und detailreicher gezeichnet sind als die ersten. Das sieht man auch. Takahama besuchte unter anderem das ehemalige Vergnügungsviertel der Hafenstadt Nagasaki, also an jenem Ort, wo jahrhundertelang der einzige Kontakt von Japan mit der Außenwelt möglich war, weil dort eine holländische Kaufmannsansiedlung auf einer künstlichen Insel gestattet worden war. Und wo sich Männer fern der Heimat aufhalten, ist ein lukratives Rotlichtviertel nicht weit. Die gab es natürlich auch in anderen japanischen Städten, aber in Nagasaki waren die Kunden eben auch Westler, und wer weiß, wie überlegen sich die Japaner den Europäern fühlten, der wird sich denken können, was das für die japanischen Prostituierten bedeutete: Wenn sie die Fremden bedienten, wurden sie verachtet.

Die Wechselwirkung östlicher und westlicher Kultur (oder auch Unkultur) hat Jiro Taniguchi, der selbst so viel von französischen Zeichnern wie Moebius gelernt hat, besonders interessiert. Zudem spielt „Die letzte Reise der Schmetterlinge“ in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, in den letzten Jahren des Tokugawa-Shogunats, jener Zeit also, die dem Handlungszeitraum in Taniguchis auf Deutsch bislang nicht erschienener Serie „Botchan no jidai“ unmittelbar vorausgeht. Deshalb konnte er die Qualität der historischen Darstellung besonders gut beurteilen. Und – nicht zu unterschätzen – Takahama hat ihre Geschichte gerade einmal auf 150 Seiten erzählt. Das ist nichts für einen Manga, aber wenn es einen wichtigen Autor gibt, der ihr darin vorangegangen ist, dann eben Taniguchi, dessen legendärer „Spazierender Mann“ ähnlich kurz ist.

Was erzählt Kann Takahama? Iher Protagonistin ist die Kurtisane Kicho, vielbewundert, viel gescholten, weil sie schön, aber auch für die Niederländer da ist. Besonders für deren Arzt, Doktor Thorn, dem sie aber nicht die Wahrheit über ihr eigenes Leben erzählt – aus gutem Grund, wie man schließlich erfährt. Mehr sei hier nicht gesagt, denn Takahama erzählt subtil und setzt mehrfach auf falsche Spuren, die allerdings jeweils rasch korrigiert werden.

Die Zeichnungen sind von überwältigender Genauigkeit, oft auch zu schön, um gut zu sein, wie überästhetisierte Graphikexzesse. Ein Segen, wenn bisweilen karikatureske Züge ins Bild kommen wie bei einem stramm nationalistischen Kunden im Vergnügungsviertel oder der schlauen Bordellchefin. Einmal zieht auch für vier Seiten Farbe in den Manga ein, beim fünften Kapitel, also genau in der Mitte – sicheres Zeichen dafür, dass sich die Fortsetzungsserie größter Beliebtheit in dem Magazin erfreute, das sie abdruckte, denn einzelne Farbseiten werden in solchen Anthologien nur den aktuell populärsten Geschichten zugestanden. Ansonsten sind alle Kapitel voneinander durch tiefschwarze Seiten getrennt, auf denen bisweilen Schmetterlinge zu erkennen sind. Solche Spiele mit den Möglichkeiten des Druckverfahrens gehören in Japan zur Tradition des Ukiyo-e, also des Holzschnitts, bei dem auch schon immer ausprobiert wurde, was man drucktechnisch machen konnte.

Die Handlung von Die letzte Reise der Schmetterlinge“ ist, wie der Titel vermuten lässt, melodramatisch. Es wird gestorben, geweint, geliebt. Du für japanische Verhältnisse freizügig gezeichnet. Nicht, dass man es hier mit einem Erotik-Manga zu tun hätte, aber dass einmal das Tabu, Schambehaarung zu zeichnen, übertreten wird, ist ungewöhnlich. Kann Takahama, 1977 geboren und eine entsprechend erfahrene Mangaka, weiß genau, was sie tut und wie sie Verstöße kaschieren kann. Darin gleicht sie ihrer Protagonistin. Und das ist wohl das eigentlich Besondere an „Die letzte Reise der Schmetterlinge“: Wie intensiv sich dieser Band auf eine zunächst ganz kalkuliert erscheinende Frau einlässt. Die dann jedoch immer tieferes Empfinden zeigt. Dramaturgisch ist das bis zum letzten Zeitsprung im achten Kapitel höchst meisterlich.

14. Aug. 2017
von Andreas Platthaus

1
656

     

07. Aug. 2017
von Andreas Platthaus

1
1365
     

Trudeau vs. Trump (aber anders als gedacht)

Nein, nicht Justin Trudeau, also nicht der kanadische Ministerpräsident. Aber durchaus Donald Trump, also der amerikanische Präsident. Gegen Gary Trudeau, den amerikanischen Comic-Strip-Veteran, der seit 1970, also fast einem halben Jahrhundert täglich seine Serie „Donnesbury“ zeichnet, die das fortgesetzt hat, was Frank King mit „Gasoline Alley“ in den späten fünfziger Jahren aufgeben musste: eine Sozialgeschichte der Vereinigten Staaten am Beispiel einer kleinen Gruppe. Aber jetzt haben wir viel in einen einzigen Absatz gepackt, also noch einmal ganz langsam von vorne.

„Doonesbury“ ist eine Comiclegende zu Laufzeiten. Als politischer Comic-Strip steht Trudeaus einzig dar. Und wie es der Zufall will, decken die 47 Jahre des Strips ungefähr auch die Karriere Donald Trumps ab. Aufgetaucht ist der Milliardär in Trudeaus Episoden aber erst 1987, als er erstmals ankündigte, für das Amt des amerikanischen Präsidenten zu kandidieren. Seit damals hat er es alle vier Jahre wieder getan, allerdings ohne dass er tatsächlich zu den Vorwahlen der Republikaner angetreten wäre – bis 2016. Und eben in diesem Jahr 2016, als kaum jemand damit rechnete, dass Trump es zum republikanischen Kandidaten, geschweige denn zum Präsidenten bringen würde, brachte Gary Trudeau einen Band heraus, der alle Folgen von „Doonesbury“, in denen Trump seit 1987 aufgetreten oder zumindest erwähnt worden war, als Sammelband heraus. „Yuge!“ heißt das Buch im Original. Nun ist es auch auf Deutsch (beim Splitter Verlag, Leseprobe: https://www.splitter-verlag.de/trump-eine-amerikanische-dramoedie.html) erschienen und der Titel schlichter geworden: „Trump!“ Untertitel, entsetzlich albern: „Eine amerikanische Dramödie“.

Der stammt gewiss nicht von Gerlinde Althoff, die für deutsche Comic-Übersetzungen aus dem Amerikanischen das ist, was Trudeau für den Comic-Strip: altmeisterlich im besten Sinne. „Doonesbury“ hat sie schon das eine oder andere Mal übersetzt, wobei es auf Deutsch vor „Trump!“ nur wenige Einzelbände gab. Das macht die Übersetzungsaufgabe eher noch kniffliger, weil das Ensemble von Trudeau sich über Jahrzehnte kontinuierlich entwickelt hat und jede Auslassung das Verständnis. gefährdet. Deshalb ist es gut, dass der Splitter-Mitarbeiter Sven Jachmann ein Vorwort verfasst hat (wenn auch etwas großtönig) und es eine bebilderte Zusammenstellung aller wichtigen Figuren gibt, die im Band auftreten. Deutsche Leser brauchen das, und auch die gelegentlichen Fußnoten zu nicht allgemeinbekannten Americana sind – so hässlich sie auch aussehen – sinnvoll.

Also ein gut gemachter Band, zudem mit dem Vorzug, dass wir nun wissen, was aus Trump geworden ist: der Präsident. Während Trudeau damit vor einem Jahr, als das Original erschien, erkennbar nicht rechnete, wie man den im ersten Halbjahr 2016 erschienenen Episoden anmerkt, die den Abschluss bilden. So liest man seinen Spott heute mit Melancholie, was eine seltsame, aber reizvolle Haltung ist, denn „Doonesbury“ ist sarkastisch, zornig, bösartig, aber gewiss nicht melancholisch gemeint. Es schadet aber dem Lesevergnügen nicht. Es beweist nur, dass gegen Trump selbst Comicgötter vergebens kämpfen.

Und ein Comicgott ist Trudeau, weil er in „Doonesbury“ die amerikanischen Zeitläufte auf eine Art abbildet, wie es zuvor im Comic eben nur „Gasoline Alley“ gemacht hatte (von 1918 an, also „nur“ vierzig Jahre lang). Bei Frank King war eine Familie die Folie für die Chronik, bei Trudeau ist es ein Freundeskreis. Beide Serien haben gemeinsam, dass die Figuren in Echtzeit altern, was die Sozialstudie noch bemerkenswerter macht, weil dadurch die Perspektiven wechseln. Und beide Serien bilden auch die politischen Rahmenbedingungen ab: Das Personal von „Gasoline Alley“ wie das von „Doonesbury“ zog in den Krieg und an die Wahlurnen. Allerdings lässt Trudeau prominente Politiker auch auftreten; seine Protagonisten gehören teilweise sogar zu deren engstem Umkreis.

Bedauerlich ist natürlich, dass die im Verlauf des letzten Jahres erschienenen Trump-Folgen aus „Doonesbury“ für die deutsche Ausgabe nicht einfach noch ergänzt wurden, aber das hätte den Umfang des Bandes von nun schon 111 Seiten gewiss noch einmal um die Hälfte vermehrt. Denn natürlich kommt Trudeau derzeit um Trump nur noch selten herum. Dass es Jahre gab, in denen er gar nicht im Strip auftrat, beispielsweise von 2012 bis 2014, ist mittlerweile unvorstellbar. Aber es macht großen Spaß zu sehen, wann Trudeau den verabscheuten Unternehmer jeweils wieder aus der Versenkung holte. So wie es einmal reizvoll sein wird, ihn wieder in der Versenkung verschwinden zu sehen. Aber das wird wohl noch ungebührlich lange dauern.

Trump hasst Trudeau, und umgekehrt verhält es sich genauso. Entsprechend hässlich zeichnet Trudeau seine Trump-Figur, aber er beweist mit ihr zugleich größtes karikaturistisches Geschick, was für „Doonesbury“ eher untypisch ist, denn darin treten zwar viele reale Berühmtheiten auf, aber meist in allegorischen Darstellungen. Trump aber wird nur das bereits wie eine Karikatur wirkende Original gerecht, und dessen superlativistische Sprache hat Trudeau auch getreu in den Comic übernommen. Deshalb „Yuge!“ als Originaltitel. Die Selbstbeweihräucherung ist noch vor der Selbstgerechtigkeit und Selbstverliebtheit des heutigen Präsidenten dessen von „Doonesbury“ meist veralberter Charakterzug.

Warum einmal der chronologische Ablauf des Nachdrucks unterbrochen wird und einmal das Datum einer Sonntagsfolge fehlt (die länger sind als die Werktagsfolgen, leider meist auch weniger brillant), ist rätselhaft. Das man das Format vom Quadrat des Originals durch graphische Mätzchen (die sich Seite für Seite wiederholen) auf ein für deutsche Verhältnisse gängiges Hochformat aufgeblasen hat, ist bedauerlich. Dass dieser 37. Band von „Doonesbury“ der einzige auf Deutsch derzeit lieferbare ist, darf man einen Skandal nennen. Aber gut, dass es jetzt immerhin diesen einen gibt. Man könnte noch zu ganz anderen Persönlichkeiten der amerikanischen Zeitgeschichte weitere zusammenstellen. Nur würden die sich wohl geehrt fühlen, statt sich wie Donald Trump darüber zu ärgern. Für Letzteres gibt es einige Belege im Buch. Und das dürfte Trudeau zumindest ein bisschen darüber hinwegtrösten, dass er Trump nun dauern auftreten lassen muss.

07. Aug. 2017
von Andreas Platthaus

1
1365

     

31. Jul. 2017
von Andreas Platthaus

1
976
     

Schaut doch mal woanders hin als in den Spiegel

Bisweilen braucht die Lektüre von Comics ihre Zeit. Nicht, weil sie im Einzelfall so aufwendig wäre sondern weil sich nach bestimmten Ereignissen die neuen Bände stapeln und manchmal schon neuen bücherbringende Ereignisse eintreten, bevor man die Titel des letzten geschafft hat. So war im Fall der diesjährigen Leipziger Buchmesse, die jetzt schon viereinhalb Monate zurückliegt, ohne dass ich alle Comics gelesen hätte, die ich dort erworben habe.

Erworben auf einer Buchmesse? Oh ja, in Leipzig gibt es Kaufmöglichkeiten, nicht nur in den eigens eingerichteten Messebuchhandlungen, wo man doch nur bekommt, was auch jedes bessere normale Buchgeschäft zu vorrätig hat oder zumindest rasch besorgen kann, sondern vor allem im Kreativ-Bereich der sogenannten Manga-Comic-Con, also des höchst erfolgreichen Comicteils der Leipziger Messe. Seit sie in Halle 1 residiert, ist dort Platz genug für etliche Reihen mit kleinen Standflächen, für die sich Privatleute bewerben können – natürlich nicht irgendwelche, sondern deutsche Mangaka, also Mangazeichner und vor allem -zeichnerinnen (wie die Erfahrung zeigt). Und deren individuell gestaltete Ministände sind wahre Fundgruben für Nachwuchscomics.

Oder besser: Sie waren es, denn mittlerweile haben Lotterieangebote und Einzelzeichnungen deutlich zugelegt, während die Zahl von Fanzines oder gar vollwertigen eigenproduzierte Comics zurückgegangen ist. Dennoch geht man reich beladen aus den Hallen, und dann fehlt die nötige Lesezeit. Bis die etwas ruhigeren Sommermonate kommen. Und wie es der Zufall wollte, war das erste Buch, das ich dann aus dem Stapel zog, eines, das auch schon einen Verlag gefunden hatte – wenn auch einen kleinen, Pyramond.

Es heißt „Miki’s Mini Comics“ und wurde gezeichnet von der deutsch-japanischen Mangaka Mikiko Ponczeck, die schon zu den Etablierten ihrer Szene gehört. Ihre Mini-Comics haben Umfänge von einer bis zu vier Seiten im klassischen Mangaformat, sind allerdings farbig und dokumentieren das Privatleben der in Düsseldorf lebenden Zeichnerin, die im Netz vor allem unter ihrem Künstlernamen Zombiesmile bekannt ist (viel zu sehen von ihr, darunter auch etliche Mini-Comics, ist hier: http://zombiesmile.deviantart.com/). Entstanden sind die knapp fünfzig Episoden in den vergangenen sieben Jahren, wobei sich der Stil von Mikiko, wie sie als Autorin hier firmiert, in dieser Spanne nicht mehr groß verändert hat: Es ist eine typische Zeitungs-Strip-Ästhetik mit dem ebenso typischen Manga-Einschlag (expressive Gestik, bewusste Kindlichkeit der Figuren), wobei hier nicht japanische Leserichtung, sondern traditionell westliche Aufmachung herrscht.

Verführt zum Kauf hatte mich die sehr professionelle Gestaltung des Bandes und die Aussicht auf einen deutsch-japanischen Funny – ein eher seltenes Phänomen in der hiesigen Mangaszene, die sich meist mit Abenteuer- oder Romance-Themen beschäftigt. Die Katze auf dem Titelbild hätte mich fast wieder abgeschreckt, andererseits sind Haustiere Garanten für humoristische Stoffe, also sah ich über die denkbar populäre Wahl hinweg. Und dass Mikiko offensichtlich Katzennärrin ist, kann man ihr ja nicht übelnehmen. Mich reizte ja gerade die Authentizität des Erelbten im Gewand eines Gag-Strips.

Nur fiel dann das Resultat leider nicht so komisch aus, wie erhofft. Die Erfahrung, dass gefällige Graphik über schwache Stoffe zunächst einmal hinwegtäuscht (zumindest beim Kauf), macht man beim Comic oft. Bilder erfassen wir schneller als Texte, du deshalb können sie auch zuverlässiger locken, aber die Qualität einer Geschichte bleibt der zentrale Faktor, so dass die Enttäuschung dann umso größer sein kann. Ich will bei „Miki’s Mini Comics“ nicht von Enttäuschung sprechen, aber schon von einer Diskrepanz zwischen Form und Inhalt. Die Professionalität der Zeichnungen hat kein Äquivalent in der Komplexität des Erzählten.

Das hat seinen Grund nicht darin, dass Mikiko nichts zu erzählen hätte. Jedes Leben bietet Stoff für zahlreiche Geschichten. Das Problem ist, dass hier genauso erzählt wird, wie man es auf sozialen Medien tut: über das Banalste und Belangloseste, solange es nur schnell zu erzählen ist und im Idealfall nette Bilder liefert. Autobiographie, so man sie gelungen nennen soll, ist aber viel mehr als einfach immer nur „ich, ich, ich“. Es ist eine Haltung, eine Erkenntnis, eine Weltdeutung, um es leicht pathetisch zu sagen. Das, was mich als Leser wirklich interessierte, nämlich der individuelle Blick des Autobiographikers (im Fall von Comics ist dieses leicht bemühte Wort denn doch angebracht) auf seine Umgebung, wird in der gängigen Praxis meist abgelöst durch den stetigen Blick auf sich selbst, als ob es nichts anderes mit anderen zu teilen gäbe als ebendas. Und so verhält es sich auch bei „Miki’s Mini Comics“.

Der Leipziger Stapel ist noch einigermaßen umfangreich, aber ein eiliger Blick nach dieser Lektüre erweist, dass auch die meisten anderen Erwerbungen genau diesem Schema folgen: Selbstbespiegelung statt selbst zu betrachten. Es mag ein Altersphänomen sein, denn die meisten Mangaka im Kreativbereich sind jung, am Beginn ihrer erhofften Karriere als Zeichner, und natürlich hat man da außer sich selbst oft noch keinen Gegenstand. Doch wir alle haben Augen und Ohren. Sie sollten anderes ansehen und anderem zuhören als uns selbst.

 

 

31. Jul. 2017
von Andreas Platthaus

1
976

     

25. Jul. 2017
von Andreas Platthaus

1
892
     

Wenn es die Sprache verschlägt

„Paysage après la betaille“ (Landschaft nach der Schlacht) wurde im Januar auf dem Comicfestival von Angoulême, dem größten seiner Art in Europa, als bester Comic ausgezeichnet. In dem halben Jahr seitdem hat sich bei mir nicht den Eindruck gebildet, dass der Band in absehbarer Zeit auf Deutsch erscheinen wird – obwohl der Übersetzungsaufwand trotz mehr als vierhundert Seiten gering wäre. Text gibt es nämlich nur wenig, und doch hat der belgische Zeichner Eric Lambé zum wiederholten Mal mit dem Szenaristen Philippe de Pierpont zusammengearbeitet. Aber ein Comic-Szenarist hat eben andere Verpflichtungen, als bloß die Dialoge für Sprechblasen oder etwaige Off-Kommentare in Textkästen zu schreiben.

Er muss – und das zeigt sich in „Paysage après la bataille“ vorbildlich – auch die graphische Sprache vorformulieren. Sprich: Seitenarchitektur und womöglich gar Einzelpanelgestaltung vorgeben. Nicht jeder macht das so akribisch wie der Brite Alan Moore, der seine (exzellenten) Zeichner zu bloßen Sachwaltern der eigenen strukturellen Visionen macht – notabene: nicht Moores zeichenstilistischen Vorlieben. Pierpont ist ein Autor, der auch denkbar eng mit seinen Zeichnern zusammenarbeitet, ihnen jedoch Freiheiten lässt. Sonst könnten so unterschiedliche Künstler wie Lambé und der Italiener Stefano Ricci es nicht beide mit ihm aushalten.

Lambé ist dabei zweifellos leidensfähiger. Vor ein paar Jahren habe ich ihn in Luzern mehrfach beobachtet, als er dort als Gast des Comicfestivals „Fumetto“ täglich öffentlich zeichnete: Mit akribischer Präzision und größter Ruhe zog er die für ihn damals typischen Kugelschreiberlinien, aus deren Vielzahl sich eine ganze eigene Ästhetik ergab, die Lambé berühmt gemacht hat (weil Bilder bisweilen besser sprechen als Worte, hier ein paar Beispiele aus einer Galerieausstellung: http://www.galeriemartel.com/index.php/les-expositions/eric-lambe). Davon ist allerdings in „Paysage après la bataille“ nichts mehr zu sehen. Hier ist Lambé nun ganz auf schlichte Kontur bedacht, die durch Lavierung in Grau- und ganz selten auch Farbtönen, mehr aber noch durch jene Momente, in denen einzelne Figuren innerhalb ihrer Umrisse ganz weiß bleiben, zu einem Ausdruck findet, der bei aller Zurückhaltung der Erzählhaltung größte Erzählintensität vermittelt. Die Leseprobe des Künstlerkollektivs Frémok, dem Lambé angehört, zeigt aus dem Band vor allem diese Seiten: http://www.fremok.org/site.php?type=P&id=313, während der Verlag Actes Sud bezeichnenderweise auf farbige Beispiele setzt: http://www.actes-sud.fr/catalogue/actes-sud-bd/paysage-apres-la-bataille.

In Luzern gibt es mitten in der Stadt ein großes historisches Panorama, und just in einem solchen gewaltigen Rundgemälde geht auch „Paysage après la bataille“ los. Die Schlacht des Titels ist der Gegenstand des 360-Grad-Gemäldes, vor dem eine einsame Frau steht, bis der Wärter sie abends hinauskomplimentiert. Sie ist ersichtlich eine Geschlagene. Metaphorisch verweist der Buchtitel auf die Verwüstungen und die Stille nach einem entsetzlichen Erlebnis.

Die Frau, Fany mit Namen, hat kürzlich ihre Tochter bei einem Verkehrsunfall verloren. Aber das erfährt man erst mehr als hundert Seiten später, und ausgesprochen wird es nicht, nur gezeigt in Erinnerungsbildern, die sich in Fanys Kopf ausgehend von Details des Schlachtenpanoramas bilden. Da lebt sie schon in einem Wohnwagenpark, als Mieterin zusammen mit dem Betreiber und drei weiteren Dauergästen: einem Rentnerpaar in prekären finanziellen Verhältnissen und einem Holzfäller mit großer Leidenschaft fürs Jagen. Stück für Stück gibt die Geschichte Details zur Vorgeschichte dieser insgesamt fünf Protagonisten preis; die meisten davon wieder nur über Bilder statt über die nur mühsam in Gang kommenden Gespräche.

Hier wird die Piktogrammatik des Comics auf konsequente Weise eingesetzt. Dass selbst subtilste psychologische Dramen nahezu stumm – und damit besonders passend zur Ausnahmesituation von Fany – erzählt werden können, beweisen Pierpont und Lambé aufs Eindrücklichste. Dass die Welt der Wohnwagenparks in Deutschland ebenso wenig verbreitet ist wie das Prinzip des Schlachtgemäldepanoramas dürften Ursachen für das bisherige Desinteresse hiesiger Verlage an diesem Meisterwerk sein. Ein Trost ist es nicht. Aber ein Trost ist, dass man auch bei geringen französischen Sprachkenntnissen kaum Schwierigkeiten mit der Lektüre haben wird, ein Wörterbuch genügt als Hilfe. Und das Erlebnis dieses Bandes sollte man sich nicht entgehen lassen.

25. Jul. 2017
von Andreas Platthaus

1
892

     

17. Jul. 2017
von Andreas Platthaus

1
1115
     

Ohne Duschkopf? Wie soll das gehen?

Wer die höchstdotierte deutsche Comicauszeichnung gewinnt, darf auf Neugier rechnen. Die Berliner Zeichnerin und Erzählerin Tina Brenneisen ist vor drei Monaten mit dem Berthold-Leibinger-Comicbuchpreis ausgezeichnet worden – wie es sich bei diesem Wettbewerb gehört, für ein noch unvollendetes Projekt: den autobiographischen Comic „Das Licht, das Schatten leert“. Er erzählt von einem einschneidenden persönlichen Erlebnis, so einschneidend, dass noch ganz unklar ist, ob der Comic jemals erscheinen wird. Umso gespannter war ich auf den nun gerade publizierten Band „Das gelbe Pony“, den Tina Brenneisen wie immer im Berliner Eigenverlag Parallelalllee herausgebracht hat.

Darin ist auf den ersten Blick nichts autobiographisch; der Ich-Erzähler ist ein Mann namens Henry, der allein in einer Hochhaussiedlung einer nicht namentlich genannten deutschen Stadt lebt. Auch die Zeit der Handlung ist weitgehend unbestimmt, denn man hat es mit einer Gesellschaft zu tun, in der die Produktion von Duschköpfen ausbleibt. Jedenfalls kann Henry keinen auftreiben, nachdem er in seine neue Wohnung eingezogen ist, der just dieser Gegenstand fehlt. Man könnte also auf den Gedanken kommen, die Handlung spielte in der DDR (Brenneisen, geboren 1977, stammt aus Dresden), doch das erweist sich rasch als Trugschluss, denn alles andere in „Das gelbe Pony“ unterscheidet sich nicht von der deutschen Gegenwartsgesellschaft. Die Duschkopfknappheit ist ein erzählerischer Trick, um die Handlung in Gang zu bringen; sie bietet darüberhinaus keine Botschaft.

Über den Mangel kommt Henry ins Gespräch mit seinem Nachbarn, einem etwa gleichalten allein lebenden Vater von zwei Töchtern, der eine skeptische Haltung gegenüber der kapitalistischen Gesellschaft pflegt. Deshalb ist er gerne bereit, den eigenen Duschkopf zu sozialisieren: Zwei Tage in der Woche wird er abgeschraubt und Henry zur Verfügung gestellt. Die beiden Männer freunden sich an und beginnen alternative Lebensmodelle zu entwickeln, vor allem was die Energieerzeugung angeht. Doch die Stromerzeugung mittels Fahrradantrieb reicht nicht für eine ganze Wohnung. Die längst verschworenen Gefährten interessiert es nicht. Sie sehen auch in kleinen Maßnahmen große Erfolge.

Ein Aussteigercomic also, Entwurf einer Gesellschaftsalternative? Nein, eher ein großes Schelmenspiel. Das sieht man schon an der Person von Henry, der mit seinen Pausbacken und untersetztem Körperbau wie aus einer Bildergeschichte von F.K. Waechter entsprungen scheint – und das ist eines der größten graphischen Komplimente, die man machen kann. Dazu trägt die konsequente Tuschtechnik bei nur einer blassgrünen Zusatzfarbe bei (Leseprobe, wen auch sehr spärlich, unter https://www.parallelallee.de/), und auch die jeweils paarweise Anordnung der Panels nebeneinander auf einer Seite lässt an die Neue Frankfurter Schule denken. Zusätzlichen Reiz ergeben die abgerundeten Ecken der Bildumrahmungen, die sich ganz zum Schluss als dramaturgischer Kniff erweisen, denn damit wird ein Fernsehbildschirm suggeriert. Dazu aber nicht mehr, denn es würde eine Überraschung mindern. Nur soviel: Wenn man dann die Bilder als einen Filmbeitrag deutet, verweist das Blassgrün auf eine frühere Technikperiode und macht damit die Geschichte zu einer Art Science-Fiction in naher Zukunft.

Es ist aber auch eine Don-Quijote-Paraphrase, was sich ebenfalls erst spät erweist, als Henry davon träumt, wie er und sein Nachbar lanzenbewehrt auf Rädern hinausfahren und Großwindanlagen angreifen. Dieses Motiv hat sich schon der „Don Quijote“-Adaption von Flix gefunden, nur ist es hier als bloße Phantasie inszeniert und zudem eine unerwartete Wendung, die aber das Vorhergehende in neues Licht setzt. Tina Brenneisen verleiht ihrer Geschichte eine mindestens dreifachen Bildsinn.

Der Titel lässt nicht ahnen, was uns bei der Lektüre erwartet. Tatsächlich tritt das gelbe Pony in diesem grünen Comic auch erst sehr spät auf: in Gestalt eines ausrangierten Karussellpferds, das Henry mit nach Hause bringt. In seiner Begeisterung für die Figur liegt der Keim für eine soziale Isolation, die aber auch nur sichtbar macht, was vorher schon bestand. Stimmung und Handlung haben vorher schon alle Charakteristika von Henry vorweggenommen. Was die Lektüre hinzufügt, ist die Erkenntnis, was man zugunsten einer geradlinigeren Interpretation alles an psychologischer Disposition übersehen hat.

Ein einziges Mal bricht Tina Brenneisen in der Haupthandlung ihr strenges Bilderpaarschema auf und baut eine rein schwarzweiße Einzelzeichnung von Henry ein, der das Duschkopfproblem in Marke Eigenbau gelöst hat. Die Massivität der völlig unverhältnismäßig aufwendigen Installation kommt durch dieses mehr als seitenfüllende Panel (es erstreckt sich bis in die benachbarte linke Seite hinein und greift auch noch auf die folgende Rückseite aus, wo es aber nur den Hintergrund für die wiedereinsetzende Zweiersequenz bietet) perfekt zum Ausdruck. Diese denkbar simple, aber desto ungewöhnlichere Lösung wird durch den einmaligen Einsatz doppelt eindrucksvoll. Es gibt nur noch einen weiteren Bruch: den von der Haupthandlung zum Epilog, über den ja nichts weiter verraten sein soll.

Dieser Comic ist inhaltlich und ästhetisch aus der Zeit gefallen, und gerade deshalb ist er ein bemerkenswertes Beispiel für Originalität. Hier wird kein populäres Thema gesucht, kein gefälliger Stil adaptiert – alles ist höchstpersönlich und somit doch wohl autobiographischer, als man meinen sollte. Aus einem Comic wie „Das gelbe Pony“ lernt man, wieder neu zu schauen, die bewährten Lektürerezepte aufzugeben, sich überraschen zu lassen. Er ist von der Ruhe des Gegenstands und der Erzählhaltung her das Gegenteil von „Das Licht, das Schatten leert“. Und doch spürt man eine tiefe Verwandtschaft, die über die reine Identität der Autorin hinausgeht. Plötzlich liest man auch den prämierten Comic nicht mehr als Eins-zu-eins-Schilderung des Lebens von Tina Brenneisen. UN das mag wiederum die Chance, das man ihn über den Wettbewerb der Leibinger-Stiftung hinaus zu Gesicht bekommen wird, erhöhen. Es wäre ein weiterer Gewinn.

17. Jul. 2017
von Andreas Platthaus

1
1115

     

10. Jul. 2017
von Andreas Platthaus

5
2442
     

Jede Familie war auf ihre Weise mutig

Vor acht Jahren erschien „Drüben!“ von Simon Schwartz, ein autobiographischer Comic über die Schikanen gegen eine Familie, die in den achtziger Jahren ihre Ausreise aus der DDR in die Bundesrepublik beantragt hatte. Der Band kam zum zwanzigsten Jahrestag des Mauerfalls heraus und erregte Aufmerksamkeit – Simon Schwartz, geboren 1982, etablierte sich seitdem als einer der wichtigsten deutschen Comiczeichner seiner Generation. In diesem Jahr steht kein Mauerfall- oder Wiedervereinigungsjubläum an, und dennoch erscheint nun „Fortmachen“, ein autobiographischer Comic von Nils Knoblich über die Schikanen gegen eine Familie, die in den achtziger Jahren ihre Ausreise aus der DDR in die Bundesrepublik beantragt hatte. Was ist daran anders als „Drüben!“?

Zunächst das individuelle Schicksal trotz allen Ähnlichkeiten beim Leben im Fokus der Staatssicherheit. Schon der Zeitpunkt der jeweiligen Ausreise – die natürlich erst Jahre nach dem eigentlichen Antrag erfolgte – ist bezeichnend: April 1984 bei der Familie Schwartz, Juli 1989 bei der Familie Knoblich. Im letzteren Fall also gerade einmal vier Monate vor dem Mauerfall, weshalb sich die Knoblichs für einen Moment von der Weltgeschichte betrogen vorkommen: Haben sie doch alles aufgegeben, während nun jeder über die Grenze gehen könnte. Doch das Schlussbild ist eines der stillen Freude der ganzen Familie über diese Entwicklung, ein mehr als privater Triumph.

Simon Schwartz dagegen lässt seinen Comic mit der Ankunft in West-Berlin enden, seiner ersten bewussten Erinnerung, wie er schreibt. Das ist ein persönlicher Triumph, der aber notgedrungen privat bleibt, denn die DDR sollte ja noch fünf Jahre fortbestehen. Und „Drüben!“ rekonstruiert das Leben dort vor der Ausreise gerade nicht über eigene Erinnerungen, sondern mittels der Erzählungen der Eltern. Es ist ihre Geschichte, die Schwartz erzählt, während Knoblich, der bei der Ausreise seiner Familie fünf Jahre alt war, auch die eigenen Kindheitserinnerungen an die DDR zum Gegenstand macht, obwohl sie erst 1989, also kurz vor der Ausreise, einsetzen. Wo Schwartz alles auf die erste eigene Erinnerung zulaufen lässt, setzt Knoblichs Comic mit dieser ein. Es ist eine graubraune Erinnerung an eine ostdeutsche Grillstube voller bedrohlicher Gäste, und vor dort springt die Handlung in eine freundlich-bunte Gegenwart, wo sich Knoblich von seinen Eltern erzählen läst, wie es in der DDR gewesen ist.

Er macht in „Fortmachen“ also die Rekonstruktion der Ereignisse zum Gegenstand des Erzählens, was Schwartz nicht getan hatte. „Fortmachen“ geht auf diese Weise weit über die eigentliche Ausreise hinaus und berichtet auch, wie die Familie seitdem lebt: denkbar glücklich, zumal es bei den Knoblichs nicht zu dem innerfamiliären Bruch kam, den die Schwartz erleiden mussten, bei denen ein Großelternpaar sie in ihrem Entschluss, das Land zu verlassen, bestärkte, das andere diese Vorstellung dagegen unmöglich fand. In den wenigen Passagen, die Simon Schwartz den Jahren nach der Ausreise widmet, ist diese unversöhnliche Familiensituation Thema, während Nils Knoblich eine mit sich im Reinen befindliche Sippe porträtieren kann. Ein Onkel, der sie noch in der DDR als „Vaterlandsverräter“ beschimpfte, spielt nur eine winzige Rolle.

Die Gegenwartsszenen in „Fortmachen“ sind in anderem Stil gehalten als die Rückblicke in die DDR: Nicht nur die Farben sind heller (Schwartz legte „Drüben!“ ganz schwarzweiß an), auch die Panels stehen in luftigem Abstand zueinander, während die DDR-Bilder unmittelbar aneinandergrenzen, als könnten sie ihrem Kontext nicht entkommen (Leseprobe: https://www.editionmoderne.ch/de/68/Knoblich/315/fortmachen.html). Auch die Figuren sind in den Gegenwartsszenen leichthändiger gestaltet, wie Cartoon-Protagonisten. Wobei Knoblichs Stil sich auf beiden Zeitenebenen vor allem an den dokumentarischen Comics von Guy Delisle orientiert – kein schlechtes Vorbild. Schwartz orientierte sich graphisch vor allem am „Mosaik“, dem ostdeutschen Comicrelikt, das er selbst erst nach der Wende kennenlernte, als er dort seine ersten kommerziellen Gehversuche als Zeichner machte.

Beide Bände sind Diplomarbeiten: Schwartz studierte in Hamburg an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften bei Anke Feuchtenberger, Knoblich an der KUnsthochschukle Kassel bei Hendrik Dorgathen. Beide sind bei namhaften Verlagen erschienen, „Drüben!“ bei Avant, „Fortmachen“ bei der Edition Moderne. Im letzteren Band gibt es neben den knapp 170 Seiten Comic noch ein kleines Glossar, in dem man Erläuterungen zu Terminologie und Alltagsleben in der DDR findet. Das ist eine weitgehend überflüssige Ergänzung, denn die dort aufgeführten Stichworte werden schon von der eigentlichen Geschichte deutlich gemacht. Aber vielleicht empfindet ein Schweizer Verlag eine solche Ergänzung für notwendiger, als es ein deutscher getan hätte.

Was beide Comics deutlich machen, ist die Perfidie der Behörden und der psychologische Terror für die Ausreisewilligen über Jahre des Wartens hinweg. Zugleich aber erzählen beide auch von dem Rückhalt durch Freunde oder Verwandte, die sich nicht abwendeten und das Leben somit doch noch erträglich machten. Und beide erzählen ohne jedes falsche Pathos vom Moment der Befreiung, wenn die innerdeutsche Grenze dann endlich passiert war. Doch all diese Gemeinsamkeiten dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass es kein Schema gab, sondern alle Ausreisewilligen einen Einzelkampf führen mussten. Deshalb ist gut, dass es nun einen zweiten Comic zum Thema gibt. Und weitere würden nur zu willkommen sein.

10. Jul. 2017
von Andreas Platthaus

5
2442

     

03. Jul. 2017
von Andreas Platthaus
1 Lesermeinung

1
993
     

Ecce Turing

Es ist ein Prachtband, man kann es gar nicht anders sagen. Robert Deutsch erzählt die Geschichte des Mathematikers Alan Turing auf derart opulente Weise, dass es kein Wagnis ist, dem Comic größte Aufmerksamkeit, einige Preise und etliche Übersetzungen vorauszusagen. Denn Deutsch denkt seine gezeichnete Biographie von der Doppelseite her: Farbkomposition, Architektur, ja bisweilen gar die Dialogführung nimmt auf sie Rücksicht und schlägt daraus zugleich graphisch Funken. Nicht, weil es sich prinzipiell um doppelseitige Arrangements handelte – auch die gibt es bisweilen –, sondern weil Deutsch auf der rechten Seite erkennen lässt, dass er genau weiß, was er auf der linken ästhetisch und erzählerisch gemacht hat. Das klingt selbstverständlich, ist es aber nicht. Die meisten Comiczeichner denken separat von Seite zu Seite, jedenfalls nicht so konsequent im Zusammenhang.

Das gibt dem Band „Turing“ einen eigenen Rhythmus und eine Struktur, die das Doppelleben seines Gegenstands wunderbar abbildet. Turing war ja nicht nur ein bedeutender Mathematiker, den wir heute vor allem seiner Leistungen als Computerpionier wegen kennen (und weil er mitentscheidend dafür war, dass britische Dechiffrierer im Zweiten Weltkrieg den Code der deutschen Verschlüsselungsmaschine „Enigma“ knacken konnten), sondern auch ein den Zeitumständen gemäß zwangsweise verdeckt lebender Homosexueller, dessen Lebenswandel durch einen Zufall 1952 aufflog, worauf der noch nicht einmal Vierzigjährige zu einer Hormonbehandlung gezwungen wurde. Sonst wäre er in Haft gekommen. 1954 brachte Turing sich um. Dass er unter den Folgen der körperlichen Veränderungen durch die erzwungene Behandlung gelitten hat, ist vielfach belegt.

Die Leidensgeschichte Turings stellt bei der Beschäftigung mit seinem Leben die wissenschaftlichen Leistungen oft in den Schatten. Bei Deutsch ist das auch so, über Mathematik, den eigentlichen Lebensmittelpunkt von Alan Turing, erfahren wir in der episodenweise erzählten Biographie wenig. Das hat damit zu tun, dass im Gegensatz zum Reportagecomic der erklärende Sachcomic noch keine große Konjunktur hat, nirgendwo auf der Welt. Typisch sind Serien wie „… für Anfänger“ (man setze hier den Namen einer beliebigen Geistesgröße ein, Einstein etwa, Marx oder Freud), die den Anspruch haben, Komplexes einfach darzustellen, aber dadurch nur die Vorurteile gegen Comics vertiefen, denen man gemeinhin keine anspruchsvollen Stoffe zutraut. Dass die meisten dieser, nennen wir sie: Erklärcomics auch noch denkbar naiv gezeichnet sind, tut ein Übriges dazu.

Naiv gezeichnet ist bei Robert Deutsch gar nichts, auch wenn seine Farben- und Formensprache Anleihen bei der Naiven Malerei nimmt. Im Lichte dessen, dass etwa die berühmte Heidelberger Prinzhorn-Sammlung mit den Kunstwerken von Psychiatriepatienten auch etliche solcher Beispiele enthält, ist das eine konsequente Wahl – Turing wurde ja gezwungenermaßen zum „klinischen Fall“. Dass Robert Deutsch an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Hall bei ATAK studiert hat, ist an vielen Stellen sichtbar, vor allem aber an der beiden Künstlern gemeinsamen Liebe zur scheinbar volkstümlichen, populären Darstellung, die in beider Werk jeweils hochreflektiert verwendet wird. Es ist überraschend, dass eine scheinbar so ähnliche handwerkliche Ausführung trotzdem beim Schüler Deutsch so frisch wirkt (hier kann man sich Seiten daraus ansehen: http://www.avant-verlag.de/comic/turing). Und da ATAK sich seit Jahren von den Comics verabschiedet hat, kommt die Wiederaufnahme seiner Handschrift durch Deutsch gerade recht. Und weil Turing ein bekanntes Faible für Disneys „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ hatte, findet man in der gezeichneten Biographie auch zahllose Anspielungen auf dieses Popkulturphänomen – alles so, wie es ATAK gemacht hätte.

Gibt es also gar nichts zu bemängeln? Doch, und paradoxerweise unter dem Stichwort des Phänomens, das gleich eingangs genannt wurde: Prachtband. Dieses Buch, vom Avant Verlag mehr als gewohnt sorgfältig ausgestattet, ist irgendwie zu schön, um wahr zu sein – zu schweres Kunstdruckpapier, zu großformatig, ja bisweilen sogar zu perfekt in der Gesamtüberlegung. Die schiere Makellosigkeit erweckt den Eindruck, dass hier das Schicksal des Protagonisten zu spurlos am Biographen vorbeigegangen ist, so unbeeindruckt vom menschlichen Drama zeigt sich dieser Comic. Ein Kunstwerk eben, aber ein Mensch ist eben immer noch viel mehr als das. Doch wenn Robert Deutsch bei seinem nächsten Band auch noch so viel Bewegung ins eigene Erzählen bringt wie jetzt schon mit diesem Erstling in die deutsche Comicszene, dann werden wir uns noch umschauen.

 

03. Jul. 2017
von Andreas Platthaus
1 Lesermeinung

1
993

     

23. Jun. 2017
von Andreas Platthaus
Kommentare deaktiviert für Grönland neu entdeckt, Hergé wiederentdeckt

1
1037
     

Grönland neu entdeckt, Hergé wiederentdeckt

Das ist ein seltsamer Comic, den Hervé Tanquerelle da gezeichnet hat. Seltsam nicht, weil seine Figuren unvertraut wären – im Gegenteil. Tanquerelle, der sich zuerst mit der Fortführung der Historien-Fantasy-Serie „Professor Bell“ im täuschend ähnlichen Joann-Sfar-Stil in mein Herz gezeichnet hat, beherrscht in „Grünland Vertigo“ nun auch die Ligne claire à la Hergé oder Jacobs perfekt. Sein Protagonist, der mit sich selbst gerade unzufriedene Comiczeichner Georges Benoît-Jean (in diesem Namen sind gleich drei im Wortsinn beziehnende Hommagen enthalten: an Georges Remi alias Hergé, Ted Benoît und Jean Giraud alias Moebius) sieht aus wie eine Mischung aus Kapitän Haddock und Orlik, und die Nebenfiguren setzen die graphische Traditionslinie fort – nur der leicht durchgedrehte Bildhauer Ville Hakkola sieht aus, als hätte Charles Burns in einer schlechten Minute den Entwurf dazu gemacht. Hier kann man sich anschauen, wie das aussieht: http://www.avant-verlag.de/comic/groenland_vertigo.

Ganz neu und befremdlich aber sind die Hintergründe. Sie beruhen erkennbar auf Fotos, die Tanquerelle während einer Nordlandfahrt auf einem großen Segelschiff gemacht hat, und nun geben sie übermalt (oder vielleicht auch abgemalt) das Dekor für die Nordlandfahrt auf einem großen Segelschiff ab. Was Kaiser Wilhelms II. liebstes Reiseziel war, hat auch Tanquerelle begeistert, und was einem gefällt, wird meist leichter zum Szenario. So ist der missmutige Zeichner Georges womöglich auch ein Selbstporträt. Auch ihm jedenfalls wird der Segeltörn zur Inspiration.

Auf dem Schiff mit seiner dänischen Mannschaft (wörtlich: keine einzige Frau ist an Bord) ergeben sich die üblichen Nickligkeiten auf engem Raum. Durch Hakkola, der mit einer aufsehenerregenden Kunstaktion an der Küste Grönlands die Aufmerksamkeit der Welt auf den menschlichen Raubbau an der Natur lenken will (und dabei natürlich auch auf sich selbst), kommt ein gehöriges Maß an egozentrischer Extravaganz mit ins Spiel – und ein paar finnische Dialogbrocken neben den recht zahlreichen dänischen, die aber im Anhang alle übersetzt werden. Und so schippert der Schoner „Aurora“ mit seiner dreizehn Mann starken Besatzung im Sommer 2011 von Island nach Grönland. Und wir dürfen als Leser dank Tanquerelles quasifotorealistischer Darstellung sagen, wir sind dabeigewesen.

Einen Teilnehmer dieser Expedition – der echten, auf der auch Taquerelle war, kenne ich übrigens. Es ist ein deutscher Schriftsteller mit Faible fürs Maritime, und ich habe begierig nach Details im Comic „Grönland Vertigo“ gesucht, die ich mit ihm in Verbindung bringen könnte, doch keine Spur gefunden. Somit hat Tanquerelle offenbar bei aller Treue zum Schauplatz die Geschichte doch ganz vom realen Erleben gelöst. Und das möchte man ihm und meinem Gewährsmann auch wünschen, denn weder der Comiczeichner noch die anderen darin auftretenden Künstler kommen in der Fiktion besonders gut weg.

Lesenswert ist die Comic, den der Avant Verlag mit seiner erstaunlichen Neugier für ungewöhnliche Projekten schon wenige Monate nach der französischsprachigen Publikation (im „Tintin“-Verlag Casterman) in gleich liebevoll nostalgischer Aufmachung auf Deutsch verlegt hat, allein schon deshalb, weil er einen Schauplatz gewählt hat, der ungeachtet der aktuellen Schwemme an Reportage-, Reise- oder exotischen Abenteuercomics bislang noch Terra incognita war. Und die Hybris, die Hakkola antreibt, ist psychologisch ebenso gut motiviert wie die Unsicherheit von Georges. Mit dem raubeinigen Reiseschriftsteller Jǿrn Freuchen gibt es einen Säufer, der auch im (Sucht-)Verhalten genau nach Haddocks Vorbild agiert, und Ville Hakkolas Assistent Olaf Olsen ist ein reinrassiger Wiedergänger von Igor Wagner, dem Klavierbegleiter Bianca Castafiores aus Hergés „Tim und Struppi“-Kosmos. So rundet sich eine künstlerklischeegeladene Geschichte zur großen Comic-Klassiker-Variation. Ich fühle mich trotz der irritierenden Hintergründe wie zu Hause in dieser grönländischen Comicwelt.

 

23. Jun. 2017
von Andreas Platthaus
Kommentare deaktiviert für Grönland neu entdeckt, Hergé wiederentdeckt

1
1037

     

19. Jun. 2017
von Andreas Platthaus

9
15044
     

Geheime Liebe unter dem Mullahregime

Alle paar Jahre kommt beim Splitter-Verlag ein Comic heraus, der völlig aus dem Rahmen des sonstigen Verlagsprogramms mit der starken Phantastik-Ausrichtung zu fallen scheint. Hier ist wieder mal einer: „Liebe auf Iranisch“. Es klingt kitschig, doch was da erzählt wird, ist ebenso politisch wie emotional. Denn Liebe im iranischen Gottesstaat kann nicht öffentlich gelebt werden, weil die Geschlechter vor der Ehe keinen Umgang miteinander haben sollen. Dass eine Gesellschaft wie die persische, die bis zum Ende der siebziger Jahre neben der libanesischen zweifellos die im westlichen Sinne modernste in der muslimischen Welt war, sich daran nicht hält, versteht sich von selbst. Und heute vermitteln die sozialen Medien auch noch ins verschlossenste Land – was Iran nicht einmal ist – Lebensentwürfe, die mit traditionellen Vorstellungen nur schwer in Übereinstimmung zu bringen sind.

Zwei Autoren nennt der dokumentarische Comic: Jane Deuxard und Zac Deloupy. Letzterer ist der Zeichner, ein solider Graphiker, der im Dokumentargenre gerade international gängigen realistischen Stil zeichnet, wie ihn Joe Sacco oder als deutsches Beispiel Reinhard Kleist betreiben. Allerdings zeichnet Deloupy farbig, du er lässt seine Panels meist rahmenlos: die Kolorierung sorgt für Abgrenzung. In regelmäßigen Abstanden werden ganzseitige Bilder eingestreut, ohne dass dafür zwingende inhaltliche Gründe bestünden. Einen Eindruck der Graphik vermittelt die Leseprobe: https://www.splitter-verlag.de/liebe-auf-iranisch.html. Aber die gewisse Austauschbarkeit des Stils hat sogar ihren Sinn, denn sie vermittelt eine Anonymität des Erzählten, die bei einem stark individuellen Strich nicht plausibel wäre.

Und Anonymität ist ein wichtiger Punkt in „Liebe auf Iranisch“. Denn nicht nur müssen seine Protagonisten natürlich anonym bleiben, auch die Autoren legen Wert darauf, ihre wahre Identität zu verschweigen, um auch zukünftig Iran bereisen zu können. Deshalb haben sie „Jane Deuxard“ als Pseudonym gewählt, obwohl sich dahinter ein Journalistenpaar verbirgt, das gemeinsam recherchiert. Ob es Frau und Mann, zwei Männer oder zwei Frauen sind, ist unbekannt, gezeichnet allerdings werden sie von Deloupy als traditionelles Paar. Das hat auch einige Plausibilität, denn bei den Gesprächen mit jungen Iranern nützt „Jane Deuxard“ die Tatsache, größere Vertrautheit zum jeweils eigenen Geschlecht herstellen zu können – zumindest, wenn man der Darstellung des Comics glaubt.

Und glaubwürdig ist das Buch, den es legt seine Recherchemethoden ebenso offen wie die Notwendigkeiten zu gewissen Veränderungen bei dem, was es erzählt. In der Unmittelbarkeit dessen, was „Jane Deuxard“ berichten, zeigt sich Iran als ein janusköpfiges Land, in dem die städtische Jugend am rigiden Mullahsystem verzweifelt. Und an den eigenen Familien, die bisweilen genauso strikt auf die Wahrung des vorgeschriebenen Anstands achten wie die Revolutionsgarden. Umso bemerkenswerter ist die Schilderung von Liebesverhältnissen, Tricks zur Ermöglichung von Rendezvous oder Repressalien, die daraus resultieren.

Man merkt, dass seit Marjane Satrapis „Persepolis“, jenem Comic, der uns als Erster einen Blick in den familiären Alltag Irans gestattete, bald zwei Jahrzehnte ins Land gegangen sind. Die Generation, die bei Satrapi aufbegehrte, ist die, die nun in die Rollen der Elternrollen der jungen Gesprächspartner von „Jane Deuxard“ geschlüpft sind. Und fortschrittlicher ist die Gesellschaft dadurch nicht geworden. Eher strenger, denn was dieser mittleren Generation fehlt, ist das Erlebnis der vorrevolutionären Zeit unter dem politisch repressiven, aber moralisch vergleichsweise liberalen Schah-Regime. So schreiben „Jane Deuxard“ die iranische Sozialgeschichte fort. Als und im Comic. Bemerkenswert.

19. Jun. 2017
von Andreas Platthaus

9
15044

     

12. Jun. 2017
von Andreas Platthaus
Kommentare deaktiviert für Ein Comicessay wie aus dem Bilderbuch

1
829
     

Ein Comicessay wie aus dem Bilderbuch

Wie die Zeit vergeht. Als ich Julia Hoße auf den Titel ihres neuen Comics, „In meiner Erinnerung war mehr Streichorchester“ ansprach, weil ich mich dabei an Loriot erinnert fühlte („Früher war mehr Lametta!“), antwortete sie, das hätten ihr schon einige Leser gesagt, aber alles ältere. So wird man der eigenen Historizität bewusst, um es mal positiv auszudrücken.

Julia Hoße ist in der Tat jung genug, um Loriot nicht mehr wahrgenommen zu haben. Studiert hat sie an der Hochschule für Angewandte Wissenschaft in Hamburg, Illustration bei Anke Feuchtenberger. Deren Klasse hat sich im letzten Jahrzehnt zu einer der zuverlässigsten Kaderschmieden des deutschen Comics entwickelt, gerade weil immer weniger Anke Feuchtenbergers Stil bei ihren Absolventen sichtbar wird, dafür aber umso mehr ihre Ermutigung für ungewöhnliche Themen und Formen. Das Thema von Julia Hoßes Abschlussarbeit „In meiner Erinnerung war mehr Streichorchester“ ist nun nicht besonders ungewöhnlich – autobiographische Splitter, familiäre Überlieferungen. Aber die Form ist es dafür umso mehr. Und das Ganze ist eine höchst inspirierende Lektüre.

Es gibt sie bislang allerdings nur im Selbstverlag (teilweise aufgeblättert sehen und auch bestellen kann man es hier: https://juliahosse.com/2017/03/02/in-meiner-erinnerung-war-mehr-streichorchester-2017/), denn auch wenn das Projekt unter den Finalisten des diesjährigen Leibinger-Comicförderpreises war, hat sich noch kein großes Haus dafür gefunden. Vielleicht hält man dort den Band für zu künstlerisch, denn kein Kapitel sieht aus wie das andere. Das aber macht gerade den Reiz aus: Hier wird gezeichnet und gemalt, bisweilen auch auf derselben Seite, ja im selben Panel. Es gibt doppelseitige Einzelbilder und kleinteilige Seitenarrangements. Mal entfallen die Panelumrahmungen, mal nimmt die Erzählung das Aussehen eines Bilderbuches an, dann ist wieder klassische Comicform am Zug, jedoch immer ohne Sprechblasen, dafür aber plötzlich einmal mit Textbändern wie auf mittelalterlichen illuminierten Handschriften. Immer sind die Schriftelemente als dramaturgische Tempomacher eingesetzt: Sie rhythmisieren die wilde Bilderfolge, schaffen durch Aufteilung von Sätzen einmal über mehrere Seiten Zusammenhänge, die die Graphik noch offen lässt, und trennen ein anderes Mal optisch ineinander fließende sequentielle Abfolgen wieder durch unerwartete semantische Zäsuren. Wenn man vom Comic als Bildtextkunstwerk sprechen will, dann hat man hier ein Prachtbeispiel.

Das ungewöhnlichste Kapitel heißt „Die Flucht“, eine Geschichte, die 1944 in Königsberg beginnt und Julia Hoße von ihrer Großmutter erzählt wurde. Diese knapp vierzig Seiten sind das Herz des Comics, auch buchbinderisch. Drum herum gruppieren sich eigene Erinnerungsszenen, nach Auskunft von Julia Hoße oft auf der Grundlage von Viedeoaufnahmen, meist aus der Kindheit, aber am Schluss steht dann eine Erörterung des physikalischen Konzepts der Raumzeit, die den Schlüssel für das ganze Konvolut nachliefert und es auch durch Wiederaufnahme von Motiven neu verzahnt. Ursprünglich sollte der Band übrigens „Zeitlinien“ heißen, aber das war der Autorin dann doch zu abstrakt. Sein Thema ist die Verschiebung des Zeitgefühls, die Legendenbildung in Familien, die Frage, wie man wird, was man ist. Durchs Erzählen und Wiedererzählen.

Was mich aber am meisten an „In meiner Erinnerung war mehr Streichorchester“ fasziniert, ist eine graphische Verwandtschaft zur Neuen Leipziger Schule. Farben, Formen, Pathos könnten aus Bildern oder Zeichnungen von Neo Rauch entnommen sein, ohne dass aber hier die metaphysische Konnotation seiner Werke eine Rolle spielte. Was Rauch verrätselt, legt Hoße offen – die private Grundierung des Geschehens. Nun ich Neo Rauch kein Comiczeichner, aber ein Künstler, der wiederum von Comics beeindruckt wurde, dem „Mosaik“ von Hannes Hegen, den Geschichten von Daniel Clowes, den „Blake und Mortimer“-Abenteuern von Edgar P. Jacobs. Es wäre interessant zu wissen, ob Julia Hoße sich für die Leipziger Malerei begeistert. Aber ich Trottel frage sie nach Loriot.

 

 

12. Jun. 2017
von Andreas Platthaus
Kommentare deaktiviert für Ein Comicessay wie aus dem Bilderbuch

1
829