Comic

Comic

Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

14. Jun. 2021
von andreasplatthaus

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Queste ist immer noch das Beste

Vor vier Jahren brachte der österreichische Zeichner Albert Mitringer seinen Debüt-Comic „Lila“ heraus, und der gab über die Tatsache hinaus, dass er selbst sehr schön war (was ich damals auf https://blogs.faz.net/comic/2017/12/05/das-ist-und-das-macht-sprachlos-vor-freude-1133/ lobte), zu den schönsten Erwartungen an die Zukunft dieses Autors Anlass. Nun ist er mit seiner zweiten Geschichte vom ambitionierten Wiener Kleinverlag Luftschach, der Comics zwar regelmäßig, aber doch nur als kleineren Bestandteil seines Programms veröffentlicht, zum ambitionierten Stuttgarter Kleinverlag Zwerchfell gewechselt, der sich ganz Comics verschrieben hat. Und mit „Requiem“ macht Albert Mitringer nun auch ganze Sache in Sachen Comics.

„Lila“ war ästhetisch noch sehr trickfilmgetrieben, „Requiem“ hat mit seinen rasanten Einstellungswechseln zwar noch die sequentielle Dynamik eines Storyboards, ist jedoch als Erzählung perfekt aufs Medium des Buchs abgestellt. Es gibt sogar eine klassische Herausgeberfiktion, denn die eigentliche Geschichte wird einem gewissen Humberto Alfonso zugeschrieben, dessen vom Vatikan indizierte Erzählung „Requiem“ hier adaptiert worden sein soll. Und das geschah dann auf eine Weise, die nur in traditioneller Albenform und entsprechendem Albenformat ihre Wirkung entfaltet. Vor allem dank der ausgefuchsten Seitenarchitektur, die derart abwechslungsreich gestaltet ist, dass man keine einzige unter den fast zweihundert Seiten finden dürfte, die im Aufbau einer anderen gliche. Dass dabei bisweilen Panels bis an die Grenze der optischen Erkennbarkeit gebracht werden, um dann wieder in Kontrast mit bis zu seitenfüllenden Einzelbildern zu treten, ist erzählerisch bedauerlich, aber optisch eindrucksvoll. Und dabei ist das Vorbild der fünfundzwanzig Jahre alten Fantasy-Comics von Lewis Trondheim erkennbar, die ebenfalls mit Kleinstformaten von Panels Tempo und Handlungsdichte schufen.

Überhaupt: die Association-Schule. Da hat Mitringer einiges gelesen und gelernt. Sein Ziegendämon etwa, die anfängliche Nemesis in „Requiem“, die sich allerdings im Laufe des Geschehens als hilfreich erweist, ist eine Quasi-Eins-zu-eins-Übernahme aus Joann Sfars Professor-Bell-Album „Die Puppen von Jerusalem“. Aber wer könnte schon Monster eindrucksvoller zeichnen als Sfar, und wenn man sich dann noch vom vielleicht besten Comic in der exzessiven Publikationsliste eines Großmeisters anregen lässt, ist das mehr als legitim. Wie schon in „Lila“ sind die sichtbaren Einflüsse auf Mitringer von erstem Rang.

Hier muss man auch die Hauptfigur aus „Requiem“ näher betrachten, einen erschlagenen Krieger namens Darin, der sich auf der Wallstatt als quicklebendiges, aber leider von Erinnerungsverlust geplagtes Skelett in seiner Rüstung wiederfindet und auf Suche nach seiner Herkunft geht – geführt von einer Krähe und verfolgt vom Ziegendämon. Mittelalterliche Epen über Questen und gemalte Totentänze geben hier die literatur- und  kunstgeschichtlichen Reminiszenzen für die Gestaltung ab (Leseprobe unter https://zwerchfellverlag.de/requiem-2/), wobei für den toten Darin das gilt, was der einschlägig brillante Illustrator Nikolaus Heidelbach („Kleiner dicker Totentanz“) am erfolgreichsten deutschsprachigen Totenbilderbuch („Ente, Tod und Tulpe“ von Wolf Erlbruch) zu bemängeln hat: „Der Totenkopf hat ja gar keine Zähne.“ Das lässt ein Skelett weitaus freundlicher wirken als in den Vergänglichkeitsmahnungen vergangener Jahrhunderte. Aber Darin soll ja bei aller gewissen Tolpatschigkeit auch die Identifikationsfigur des Comics sein.

Zu sehen war auch schon: Farbe wechselt in „Requiem“ mit Schwarzweiß. Letzteres ist dominant, bunt geht es nur in Erinnerungsfetzen von Darin zu, der Stück für Stück die eigene bedauerliche Famiienbiographie zusammenbekommt. Dieser plakative Einbruch von Farbe war auch schon Erzählprinzip in „Lila“. Und ein weiteres Element ist herauszuheben: So wie im Debütcomic japanische Manga und Animes Pate standen für viele Bildkompositionen, sind es nun wieder Bildvorbilder aus dem Reich der aufgehenden Sonne – diesmal Ukiyo-e, also Holzschnitte, deren in Kampfposen eingefrorene Samuraidarstellungen (vor allem bei Kuniyoshi) bis ins feinste Detail von Mitringer übernommen werden. Und der Auftakt zum Comic mit der durch einen Pfeilhagel niedergestreckten und gespickten Armee ist wie aus einem Kurosawa-Film übernommen.

In einem klugen Interview auf der Verlagsseite (https://zwerchfellverlag.de/requiem-interview-mit-albert-mitringer/#more-2282, hier auch noch mehr Bildbeispiele) gibt der Autor noch über ganz andere Einflüsse Auskunft. In diesen Comic ist ein ganzes persönliches Bildarchiv eingeflossen. Das Graphische hat darum auch den Primat gegenüber dem Erzählerischen, zumal sich die Dialoge aufs Nötigste beschränken, was „Requiem“ zu einer Lektüre im Manga-Lesetempo macht. Aber da die Feinheit von Mitringers Strich, Schraffuren und Schattierungen eigentlich nur in Arbeiten von Sergio Toppi seinesgleichen hat, kann man übers Bewundern bisweilen auch das Umblättern vergessen. Dann verliert man sich in dieser Fantasywelt, die ästhetisch so viele Türen in weitere Paralleluniversen öffnet. Eine davon wird zum dritten Album von Albert Mitringer führen. Wie es aussehen könnte – darüber lässt sich angesichts der Formenfülle von „Requiem“ nur spekulieren. Aber ähnlich quicklebendig wie dieses Totenbuch wird es wohl auch sein.

14. Jun. 2021
von andreasplatthaus

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07. Jun. 2021
von andreasplatthaus

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Interessevolles Wohlgefallen

Was um alles in der Welt interessiert einen Schweizer an Kaiser Wilhelm II.? Wozu sind die Eidgenossen denn vor Hunderten von Jahren ihre Monarchen losgeworden, damit nun einer von jenen einen der Umstrittensten von diesen mit einem Comic bedenkt? Wobei „Der Kaiser im Exil“ keine Hagiographie ist, auch keine Biographie, sondern eine – wenn es das denn gibt – Psychographie, ein Verstandesbild. Den Schweizer Comiczeichner Jan Bachmann interessiert, wes Geistes Kind Wilhelm II. gewesen ist.

Nun weiß man viel über diesen Mann, doch möchte man alles wissen? Über den in die Niederlande geflüchteten letzten deutschen Kaiser mag ausreichen, was in Peter Schamonis atemraubend guten Dokumentarfilm „Majestät brauchen Sonne“ gesagt und vor allem gezeigt wird. Auch schon zweiundzwanzig Jahre alt, aber neben der mehrbändigen Biographie von John C.G. Röhl immer noch das letzte Wort zu Persönlichkeit und Peinlichkeit dieses Herrschers – beides ist bei ihm untrennbar.

Das zeigt auch Bachmanns Comic, der aus den Quellen gearbeitet ist, konkret aus Erinnerungstexten der Entourage des exilierten Hohenzollern. Dabei stehen nicht einmal die Jahre in Haus Doorn im Mittelpunkt, sondern das erste Exildomizil, im Wasserschloss Amerongen, dessen Eigentümer, Graf Bentinck, vom niederländischen Außenministerium gebeten wurde, Wilhelm ein paar Tage aufzunehmen, aus denen dann fast zwei Jahre wurden. Die Konstellation aus relativ kleinadligem Hausherrn und ausgesprochen hochadligem Gast bietet schönes Potential fürs Psychogramm einer Klasse.

Aber das wiederum interessiert Bachmann nicht. Zuvorderst, so vermute ich, hat ihn die Kombination aus Epoche und Abgeschiedenheit gereizt, denn war nach einem Erich-Mühsam-Comic und einem über die Künstlerkommune des Monte Verità nun im dritten Album Wilhelm II. in den Blick nimmt, der hat gewiss keine politische, ästhetische oder soziologische Trias als Ziel, sondern setzt seine Erörterung jenes Signums fort, das das frühe zwanzigsten Jahrhundert seinen unglücklichen Zeitgenossen aufgeprägt hat. Nostalgisch ist daran gar nichts. Das machte Bachmann schon mit seinem 2018 erschienenen Debüt „Mühsam“ klar (auch damals wie jetzt wieder verlegt von der Edition Moderne), das einen hochnervösen Zeichenstil mit Figuren von grotesker Elastizität aufwies, den man als inspiriert oder auch Plagiat von Joann Sfar betrachten konnte. Aber viel moderner konnte der 1986 geborene Schweizer natürlich nicht stehlen.

Über „Der Berg der nackten Wahrheiten“ (2019) bis zum „Kaiser im Exil“ hat sich Bachmann aber von Sfar wegentwickelt; momentan sehe ich die engste graphische Verwandtschaft zu Max Baitinger, weil eine Stilisierung in die Fiigurendarstellung eingezogen ist, die geometrische Züge aufweist. Wobei es auch Ausreißer wie die Kaiserin gibt, deren liniengespenstisches Gesicht direkt aus einem Comic von José Munoz stammen könnte. Bei Bachmann tut sich etwas, auch wenn mir die ganz persönliche Note in seinen Bildern noch fehlt. Aber die serigraphieartige Farbgebung à la Dupuy & Berberian ist schon ungewöhnlich und sehr gelungen: https://www.editionmoderne.ch/buch/der-kaiser-im-exil/ bietet davon einen wunderbaren Eindruck.

Und der Erzähler Bachmann ist auf allerbestem Weg. Auch bei den beiden früheren Bänden boten die unmittelbaren Schilderungen der Beteiligten die Grundlage für die Texte, diesmal jedoch sind sie noch etwas in der Menge zurückgenommen, und immer wieder sind ganzseitige textlose Bilder zwischengeschaltet, die uns in einen von Holzmasken bevölkerten Wald versetzen – Abbild von Wilhelms manischer Beschäftigung im Exil, die im Niederlegen von Bäumen bestand, deren Zahl am Ende nur noch in Tausenden zu fassen war. Eine schönes Metapher als das Abholzen hätte sich ja niemand für Wilhelms Lebensweg ausdenken können; Jan Bachmann macht daraus denn auch das Leitbild für seine 150 Seiten.

Wer sich wundert, dass ein berühmtes Detail der Persona Wilhelms II., der durch einen Geburtsfehler verkürzte linke Arm, nicht dargestellt wird, dem sei gesagt, dass auch das allerberühmteste Detail, der exzentrische Bart des Kaisers („Es ist erreicht“) , nur insofern Beachtung im Comic findet, als er wie ein verquerer Dreizack am Kinn hängt – das hätte Nicolas Mahler sich nicht besser ausdenken können. Was den Arm angeht: Die Verkrüppelung hätte vom mentalen Zustand Wilhelms abgelenkt, die hier zum Ausdruck gebracht werden soll, hätte äußere Gründe für innere Zustände nahegelegt, deren Erklärung aber gar nicht in Bachmanns Interesse liegt. Er liefert eine groteske Phänomenologie des Kaisers, die ihren Reiz daraus zieht, auf realen Zeugnissen zu beruhen. Da ist die „Heilung“ von Wilhelms Handicap nur konsequent: Gerade weil er nicht körperlich beeinträchtigt ist, wird der Geisteszustand umso bemerkenswerter (um es neutral auszudrücken).

Dieser Comic ist klug und macht Spaß. Das geht bei historischen Themen abseits des Phantastischen (Asterix) nicht oft zusammen. So viel Beachtung die ersten beiden Comics von Bachmann auch bereits gefunden haben, mit „Der Kaiser im Exil“ dürfte er den Durchbruch geschafft haben. Und selbst wenn er jener Zeit treu bleiben sollte, sind der Themen noch viele, die seines spezifischen Blicks bedürfen, um uns noch einmal übers Altbekannte hinaus neu zu fesseln. Und das interessiert uns.

07. Jun. 2021
von andreasplatthaus

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31. Mai. 2021
von andreasplatthaus

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Aus großen Künstlern kleine Hefte machen

Es ist die erstaunlichste Lücke, die Willi Blöss auf dem deutschen Comicmarkt gefunden hat: Seit fast zwanzig Jahren arbeitet der 1958 geborene Aachener Zeichner an einer Reihe von Heften, die jeweils eine Künstlerbiographie erzählen. Mittlerweile gibt es bereits deren 37; die jüngste Publikation, gerade erschienen, gilt dem Maler Amadeo Modigliani. Der gehört zu den Berühmtesten (und Teuersten) seiner Zunft, und man darf sich wundern, dass es so lange gedauert hat, bis er im Rahmen der Serie dran kam – sein Freund und Weggefährte Pablo Picasso war 2002 Gegenstand der ersten Nummer in der Heftreihe von Blöss.

Aber es geht nicht um einen chronologischen Kanon der Kunstgeschichte, eher schon um einen Kanon des gut Verkäuflichen. Deshalb kamen zusammen mit Picasso als Erste Warhol, Beuys, Van Gogh und Hieronymus Bosch dran – ein halbes Jahrtausend in fünf Heften, jedes gerade einmal 32 Seiten stark, davon 24 Seiten für die eigentliche Comic-Biographie. Das Ganze hat Format DIN-A 6 und kostet gerade einmal drei Euro Stück. Das ideale kleine Mitbringsel aus Ausstellungen oder für kunstaffine Freunde. Entsprechend gut laufen die Hefte in den deutschsprachigen Museumsshops. Mittlerweile kann Blöss von seinen Heften leben. Und er hat diversifiziert, indem er einzelne Hefte doppelt so groß als Hardcover druckt („Bibliotheks-Edition“, bisher zehn Titel) und fürs Dreifache verkauft. So ist auch fürs Prinzip des größeren Mitbringsels etwas geboten. Sammelboxen für die kleinen Hefte in unterschiedlicher Gestaltung gibt es auch. Man kann von einem kleinen Verlagsimperium sprechen, das aber vor allem auf einen Königseinfall zurückgeht.

Wie aber kann Willi Blöss als Alleinherrscher in seinem Reich, als einzelner Mensch also, die Lebensgeschichten von bislang 37 derart unterschiedlichen Künstlern zeichnen (und Künstlerinnen: schon das sechste Heft widmete sich Frida Kahlo, und damals, 2003, war noch keine große Rede von der notwendigen Korrektur der Kunstgeschichte durch Mehrbeachtung von Frauen; seitdem hat Blöss immerhin noch Niki de Saint-Phalle, Paula Modersohn-Becker, Camille Claudel, Tamara de Lempicka und Peggy Guggenheim in die Reihe aufgenommen und – kluger Schachzug angesichts der Aktualität – diese fünf Hefte auch zu einem dicken Sammelband im größeren Format vereint)? Und strenggenommen sind es mehr als 37, weil es einzelne Hefte zu ganzen Kunstrichtungen gab: Romantik, Jugendstil, Blauer Reiter. Allein die Vorstellung, jemand zeichne da so, wie Dürer, Rembrandt, Caspar David Friedrich,  Klimt, Kandinsky oder eben Beuys malten oder installierten, könnte verstörend wirken.

Aber Blöss geht nicht in diese Falle. Er imitiert die Stile seiner Gegenstände gar nicht. Es ist eine eigene, stark cartooneske Linie, die sich durch alle Hefte und damit Zeiten zieht. Nur bei den jeweiligen Werken der porträtierten Künstler, die natürlich in den Geschichten gezeigt werden, bemüht er sich um Annäherung. Aber auch die hat immer noch karikatureske Distanz. So sieht das etwa im aktuellen Fall von Modigliani aus: https://kuenstler-biografien.de/index/37-amedeo-modigliani.

Wobei Blöss sich nie lustig macht über die Künstler. Comic heißt bei ihm nicht komisch, sondern witzig im Sinne von geistvoll. Die Erzählung bedeutet hier mehr als die Graphik. Es ist ja selbst schon große Kunst, aus einem ganzen Leben, zumal einem aus Sicht der Nachwelt höchst erfolgreichen, 24 Seiten zu destillieren, selbst wenn es wie bei Modigliani nur 35 Jahre waren. Bei Picasso aber eben mehr als neunzig und eine Oeuvrezahl, die in die zehntausende geht, während man bei Modigliani noch im dreistelligen Bereich ist (und zudem in einer einzigen Stilrichtung). Und lustig ist, dass Willi Blöss mittlerweile selbst museal geworden ist: Das Internationale Zeitungsmuseum in seiner Heimatstadt Aachen zeigt derzeit eine Ausstellung (http://izm.de/event/ausstellung-duerer-tod-und-teufel-eine-comic-biografie-von-willi-bloess/), die aus seinem Heft über Albrecht Dürer entstanden ist – vorbereitend und sogar noch ein paar Wochen flankierend zur großen Dürer-Schau des ortsansässigen Suermondt-Ludwig-Museums, die von Mitte Juli an laufen wird.

Die eleganteste Annäherung von Willi Blöss an die künstlerische Handschrift der Biographierten ist die Farbgebung, für die in vielen Heften Beatriz López-Caparrós verantwortlich zeichnet. Nicht allerdings bei Modigliani. Hier  beschwören Rot- und Blautöne jene Stimmung herauf, die die berühmtesten Bilder des Künstlers vermitteln und im allgemeinen n Bildergedächtnis verankert haben. Entsprechend anders ist es bei früheren Heften: Das zu Hockney etwa ist kunterbunt wie dessen Bilder aus den sechziger Jahren, und bei Warhol ist es ebenso, das Heft zu Wilhelm Busch dagegen arbeitet zwar auch mit unterschiedlichsten Farben, setzt diese aber jeweils monochrom ein – und erzeugt dadurch eine nostalgische Anmutung, während Busch selbst niemals derartig kolorierte Bilder veröffentlicht hat; bei ihm waren die Bilderbögen entweder schwarzweiß oder aufwendig mehrfarbig gedruckt.

Man täusche sich also nicht: Blöss bringt überall eher sein eigenes Bild vom Leben eines Künstlers ins Spiel als dessen Bilder selbst. Und das gilt auch für die jeweilige Geschichte- Zwar sind in den Anhängen immer auch die Quellen für die Darstellung angegeben (meist fünf bis sechs Bücher), aber hier wird mehr geboten als Kompilation, nämlich Konzentration. Gewiss bleiben dabei zentrale Ereignisse auf der Strecke, wird oft zugespitzt auf plakative Aspekte eines Lebens (bei Modigliani sind das naheliegenderweise Erotik und tragischer Tod), aber der Mut zu ebendieser Auswahl zeichnet Blöss aus gegenüber der Vielzahl biographischer Künstlercomics in Albenformat und/oder Graphic-Novel-Umfang, die seit geraumer Zeit den Markt überschwemmen. Denen war er nicht nur zeitlich mit dem Beginn seiner Heftserie voraus, sondern er ist auch meist origineller, und ich freue mich deshalb jedes Mal, wenn eine neue Folge erscheint, weil es zeigt, dass dieser Pionier noch immer seine Lücke besetzt.

31. Mai. 2021
von andreasplatthaus

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25. Mai. 2021
von andreasplatthaus

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Historischer Machtkampf wie gemalt

Die Comiczeichnerin Kristina Gehrmann erweist sich immer mehr als Expertin für historische Darstellungen, aber wer glaubte, es gäbe dabei einen roten Faden durch die Geschichte, den sie verfolgte, oder auch nur eine eindeutige zeitliche Entwicklung, der wird von ihr  zuverlässig eines anderen belehrt. Im Rostocker Hinstorff Verlag, einem Fixpunkt maritimer Literatur in Deutschland, brachte sie ihre dreibändige Erzählung „Im Eisland“ über die berühmte Franklin-Expedition heraus – angesiedelt also im mittleren neunzehnten Jahrhundert im subpolaren nordamerikanischen Meer. Dafür bekam sie den Deutschen Jugendliteraturpreis. Und einen neuen Verlag, denn berühmt geworden, wechselte sie zu Carlsen, dem Flaggschiff des deutschsprachigen Comics, und publizierte dort ihre Adaption des Romans „Der Dschungel“ von Upton Sinclair. Das war dann spätes neunzehntes Jahrhundert in den Schlachthöfen von Chicago. Und jetzt ist, wieder bei Carlsen, der bislang ambitionierteste Band von Gehrmann erschienen: „Bloody Mary“ heißt er, und es geht darin nicht etwa um einen Mixdrink, sondern um die englische Königin Mary Tudor. Also diesmal sechzehntes Jahrhundert.

In Deutschland kennt man die älteste Tochter des berüchtigten Königs Heinrich VIII. weitaus weniger gut als deren jüngere Schwester (und Nachfolgerin auf dem Thron) Elizabeth I. Mary entstammte Heinrichs erster seiner vielen Ehen, mit der spanischen Prinzessin Katharina von Aragon. Diese Ehe blieb söhnelos, und so betrieb der englische Herrscher auf diplomatischem Wege beim Papst die Scheidung. Als das nichts fruchtete, verabschiedete sich Heinrich mitsamt seinem Herrschaftsgebiet aus dem Schoß der katholischen Kirche und gründete die Church of England, was im Zeitalter der Reformation nur zeitgemäß war, aber einige kirchentreue Untertanen den Kopf kostete, darunter als berühmtesten den Lordkanzler Thomas Morus.

Nicht ganz überraschend blieb auch Königin Katharina der Kirche treu; nicht nur sie selbst hatte etwas zu verlieren, sondern auch ihre 1516 geborene Tochter Mary, Heinrichs bislang einziges Kind, das ihm aber als Frau ungeeignet für seine Nachfolge erschien. Als die willfährigen englischen Bischöfe ihrem Landesherren die Scheidung bewilligten, schien der Traum vom Thron für Mary vorbei, doch mit seinen weiteren Frauen hatte Heinrich auch keinen rechten Erfolg: Anne Boleyn brachte Elizabeth zur Welt, verlor aber den Kopf auf dem Schafott, ehe ein Sohn kommen konnte, mit Jane Seymour zeugte Heinrich dann tatsächlich den gewünschten Erben, aber die deshalb vergötterte Gattin starb noch im Wochenbett, alle weiteren Ehen bis zum Tod des Königs 1547 blieben kinderlos.

Da war Heinrichs Sohn Edward erst zehn Jahre alt, und keine sechs Jahre später war auch er bereits gestorben, immerhin „friedlich“ im Bett, an einer Krankheit. Plötzlich war Mary wieder Nummer eins der Thronfolge, gehörte aber weiterhin der katholischen Kirche an, was den gerade erst richtig zu Einfluss gelangten Parteigängern der autonomen Church of England gar nichts passte. Immerhin konnte ein Bürgerkrieg schnell beendet werden – zugunsten Marys. Die regierte dann fünf Jahre lang, ehe auch sie kinderlos starb und mit ihrer Halbschwester Elizabeth eine Königin auf den Thron kam, die dort fast ein halbes Jahrhundert bleiben sollte und England als Weltmacht etablierte. Was von Marys Regierung bleib, war der wegen ihrer brutalen gegenreformatorischen Politik vom Volksmund geprägte Schmähname „Bloody Mary“.

Man sieht: Die Geschichte einer Königin kann in  drei Absätzen erzählt werden. Es könnten aber auch gut tausende von Seiten sein. Kristina Gehrmann wählt mit knapp über dreihundert Seiten einen Mittelweg, aber es ist schon verblüffend, was sie in dem konsequent auf Marys Perspektive reduzierten Handlungsverlauf alles miterzählt. Erstmals hat sie einen Comic bunt angelegt, wobei die Farben abgeschattet sind, wie aus zeitgenössischen nordischen Renaissancegemälden übernommen. Und als einmal die englische Flotte gegen Frankreich ausläuft, malt Gehrmann einen Himmel à la William Turner. Das Titelbild dagegen ist ganz im opulenten Porträtstil von Hans Holbein dem Jüngeren gehalten. Ja, es ist kunstvoll – erzählerisch und graphisch –, was hier passiert. So sieht es aus: https://www.carlsen.de/comics/bloody-mary-das-leben-der-mary-tudor.

Doch das alles soll nur ein Vorspiel sein, eine dreihundertseitige Ouvertüre zum nächsten Projekt der Kristina Gehrmann, der Comicbiographie von Marys Schwester Elizabeth  „Gloriana“ soll der heißen, und wenn nicht alles täuscht, bereitet Gehrmann mit diesem Tudor-Projekt eine Parallelaktion oder besser: einen Nachfolgezyklus zu Hilary Mantels weltweit erfolgreicher Romantrilogie über Thomas Cromwell vor, die die Tudor-Frauen in den Blick nimmt. Man darf hochgespannt sein, wie es in „Gloraina“ weitergeht, und ob Elizabeths Leben tatsächlich in einem Band darzustellen sein wird. Selbst wenn es dann erst mit dem Regentschaftsbeginn 1558 losgehen sollte, bleiben noch dreiundvierzig Jahre, mehr, als Marys Leben währte, und das alles im Range einer Königin.

Wird Gehrmann damit der Schritt über den deutschen Comicmarkt hinaus gelingen? Das Zeug dazu hat sie, und wenn man sieht, wie sich ihr Stil verändert – weg von den Manga-Einflüssen von „Im Eisland“ hin zu einer realistischen Darstellungsweise, wie sie etwa Barbara Yelin schon populär gemacht hat (auch international), dann darf man wohl einiges erhoffen. Aber wird die englischsprachige Welt akzeptieren, dass eine deutsche Zeichnerin ihr die eigene Vergangenheit vor Augen führt? Das Zeug dazu hat „Bloody Mary“, und es ist klug, dass Gehrmann nicht gleich mit der Ikone, mit Elizabeth I., begonnen hat. Bei der armen bösen Mary Tudor hat sie keine Konkurrenz. Und ob ihr nach dieser Vorlage noch die Berechtigung absprechen wird, sich an der Virgin Queen Elizabeth zu versuchen, darf man bezweifeln. Ein reifes Werk.

25. Mai. 2021
von andreasplatthaus

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17. Mai. 2021
von andreasplatthaus

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Da steht nicht nur der Titel Kopf

Wie in der Vorwoche an dieser Stelle angekündigt, folgt hier der dritte beachtliche Comic mit Gender-Identitätsthematik, der mir im Zeitraum von nicht einmal vier Wochen auf den Schreibtisch kam. Um einem Missverständnis vorzubeugen: Gute Absicht macht noch keine gute Kunst. Oder gute Verlagsarbeit. Dass derzeit alleHäuser auf der Suche nach solchen Themen sind, wird es eher schwieriger machen, noch einmal ein solches Trio zu versammeln – im Gegensatz zu vielen glaube ich nicht daran, dass höhere Zahl auch proportional oft höhere Qualität hervorbringt. Was mich bewegt, ist – ein anderes Modewort, aber im Deutschen gibt’s kein unbelastetes Äquivalent – Authentizität. Gut, Ehrlichkeit könnte man sagen.

Authentisch ist der Comic „Melek + ich“ von Lina Ehrentraut. Bis hin zu einem so schmerzhaften sprachlichen Quatsch wie dem Wort „Freund*innenschaft“. Hätte Ehrentraut analog auch „Herr*innnenschaft“ geschrieben? Natürlich  nicht, das generische Maskulinum ist nur da der Feind, wo es semantische Privilegien geschlechtlich monopolisiert. Das meist negativ konnotierte „Herrschaft“ können die Männer deshalb gerne exklusiv behalten. Aber Schluss jetzt mit diesem Begriffsgestöber. Mich schaudert’s ja selbst.

Bei „Melek + ich“ dagegen prickelt’s. Oder prickelt’s bei „Ich + Melek“? Denn auf dem Cover ist der Titel gegenüber dem Buchrücken vertauscht zu lesen. Schon das ist ein veritabler Kunstgriff, der typographisch noch dadurch verstärkt wird, dass je nach Perspektive die zweite Person des Titels kopfüber gedruckt zur ersten steht (hier ansehen: https://www.editionmoderne.ch/buch/melek-ich/, dort ist auch gleich die Leseprobe zu finden). Überhaupt: die neue Gestaltung des mittlerweile vierzig Jahre alten Schweizer Verlags Edition Moderne. Die neuen Chefs im Haus, Julia Marti und Claudio Barandun, machen gestalterisch alles selbst, und sie haben bereits nach zwei Jahren etwas geschafft, was man seit zwei Jahrzehnten, als Großverlage wie Suhrkamp oder Diogenes ihre graphischen Alleinstellungsmerkmale beim Buch-Design aufgaben, nicht mehr gesehen hat: Mut zur Individualität durch Wiedererkennbarkeit. Klingt paradox, ist aber sehr geschickt.

Immer noch nichts Inhaltliches zu Ehrentrauts Comic gesagt. Nun jedoch! In einer größeren Stadt, in der man gerne Elemente eines Leipziger Szeneviertels wiedererkennen darf, lebt die Wissenschaftlerin Nici. Sie bastelt an nicht weniger als einer Maschine, mit der sie in Paralleluniversen reisen kann. Wobei sie dafür noch eine weitere Maschine braucht, die ihre Persönlichkeit auf einen Körper überträgt, der stabil genug ist für die transuniversale Reise. Das alles wirkt wie aus „Frankenstein“ übernommen, mit viel elektronischem Blitz und Donner, wobei unklar ist, wo der zweite Körper eigentlich herkommt. Tatsache ist: Bei seiner Konstruktion hat Nici einiges korrigiert, was ihr an sich selbst missfällt. So wird aus der kurzhaarigen kompakten Blonden eine schwarzhaarige große Frau.

Im Paralleluniversum angekommen, trifft sie auf die dort lebende Nici, die nicht Wissenschaftlerin geworden ist, sondern Kneipenmitarbeiterin. Außerdem ist sie gegenüber der ursprünglichen Nici weitaus unordentlicher, aber deren schwarzhaarige Wiedergängerin, die sich selbst Melek nennt, verliebt sich trotzdem in sie – et vice versa. Wie nennt man eine Affäre mit sich selbst? Inzest nicht, und Lina Ehrentraut hat genug Geschick, gar kein Unwohlsein beim Lesen aufkommen zu lassen, obwohl es durchaus explizit zur Sache geht. Die Phantastik des Themas mag da helfen. Die spürbare Ernsthaftigkeit der Liebe. Und die Tatsache, dass Melek die ganze Zeit darüber nachdenkt, was sie da tut. Kopf und Körper verliert sie dennoch.

Letzteren sogar buchstäblich, denn durch ein Unglück wird ihre Persönlichkeit wieder ins Ausgangsuniversum zurückgeschleudert und Meleks Hülle bleibt als scheinbare Leiche bei der chaotischen Nici. Nun haben wir zwei enttäuschte Liebende, getrennt in zwei Welten lebend. Wie’s weitergeht, verrate ich hier nicht. Nur so viel: Es geht gut aus.

Lesbische Liebe, Körpertausch, Migration durch Parallelwelten – noch mehr Diversität gefällig? Dann schaue man sich das stilistische Wechselspiel dieses Comics auf, denn Lina Ehrentraut schneidet ihrer schwarzweißen Geschichte immer wieder knallbunt gemalte Bildsequenzen zwischen, vor allem bei den Reisen durch den Raum und bei Liebesakten. Da explodieren die Farben und Symbols, mal abstrakt wie bei Kandinsky, dann wieder symbolisch wie bei Keith Haring. Kein Wort wird in der farbigen Parallelwelt dieses Comics gesprochen, da ist alles Gefühl und Physik. Oder Metaphysik, denn was da erzählt wird, geht über die uns vertrauten Mechanismen hinaus Wie es j bei jeder ernsthaften Liebe ist.

Einordnen lässt sich Lina Ehrentraut mit ihrem Stil  nicht. Und das ist ja nur ein Zeichen seiner Qualität. Ihrer Qualität In ihrem Wohnort Leipzig ist die 1993 geborene Zeichnerin gerade dabei, die Wachablösung der dortigen Comic-Prominenz (Anna Haifisch, Max Baitinger, Phillip Janta) insofern durchzuführen, als das von dieser fast zehn Jahre lang durchgeführte Festival „Millionaire’s Club“ nun abgelöst wird durch eine ähnliche Independent-Veranstaltung, die vom Squash-Kollektiv, dem Ehrentraut angehört (und dessen bekanntestes Mitglied sie ist), ausgerichtet werden wird. Wer sich über die Leipziger Comicszene einmal eingehend informieren möchte, unter anderem auch durch ein Gespräch mit Ehrentraut, Haifisch und Baitinger, dem empfehle ich die gerade erschienene neue Folge des Podcasts “Leipzigs Neue Seiten” von Nils Kahlefendt: https://podcasts.apple.com/de/podcast/folge-2-comics-in-le-oder-wer-wird-millionaire/id1557642625?i=1000522077151. Man schätzt sich zwischen den Zeichnerinnengenerationen in Leipzig: Anna Haifisch schlug Lina Ehrentraut 2019 für den e.o.plauen-Förderpreis vor. Das wird nicht die letzte Auszeichnung gewesen sein, die sie bekommen hat. Mit „Melek + ich“  ist sie reif für die großen Preise.

17. Mai. 2021
von andreasplatthaus

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10. Mai. 2021
von andreasplatthaus

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Notwendigkeit der Uneindeutigkeit

Es ist verführerisch, immer wieder Laura Dern zu schreiben statt Laura Dean. Und womöglich hat sich Mariko Tamaki ja auch etwas bei der Namenswahl für die Titelfigur ihres Comics gedacht. Assoziationen zu einer  bekannten Hollywood-Schauspielerin können sicher nichts schaden, zumal wenn auch die gezeichnete Laura, groß und schlaksig und blond ist – ein all American girl, everybody’s darling. Doch wie bei Laura Dern täuscht auch bei Laura Dean das klischeegerechte Äußere über die Abgründe des Inneren hinweg.

Allerdings gehören beide ganz anderen Generationen an. Laura Dern ist mittlerweile Mitte fünfzig, Laura Dean geht noch zur Schule. Auf eine Schule im kalifornischen Berkeley, sie ist siebzehn, und der Schwarm aller Mitschüler. Auch und gerade der weiblichen, und ganz besonders verliebt in Laura Dean ist Frederica Riley, genannt Freddy. Beide sind auch zusammen, seit sie bei einer Squaredance-Veranstaltung ihren Spaß aneinander entdeckt haben. Nur ist Laura Dean so flatterhaft wie nur denkbar, eine  Hedonistin, die für das eigene Vergnügen zwar nicht über Leichen, aber jedenfalls über die Gefühle ihrer Parteninnen hinweg geht. Mariko Tamakis Titel lässt keinen Zwiefel an dieser Konstellation: „Laura Dean und wie sie immer wieder mit mir Schluss macht“ heißt der 2019 in den Vereinigten Staaten erschienene Band.

Es handelt sich um einen amerikanischen Comic im typischen Graphic-Novel-Format (fast 300 Seiten) mit starkem Manga-Einschlag, wie die Leseprobe sofort zeigt (https://www.carlsen.de/softcover/laura-dean-und-wie-sie-immer-wieder-mit-mir-schluss-macht/978-3-551-76590-1). Diese Manga-Anleihen verdanken sich aber nicht Mariko Tamaki, die ja gar keine Zeichnerin ist, sondern Szenaristin. Als solche wurde sie bekannt durch Comics, die ihre Cousine Jillian Tamaki gezeichnet hat: „Ein Sommer am See“ aus dem Jahr 2014 etwa gilt als einer der besten Coming-of-age-Comics aus weiblicher Perspektive, und schon damals stand eine lesbische Faszination im Zentrum des Geschehens.

Das war klassische nordamerikanisch-autobiographische Erzählkunst (Tamaki ist Kanadierin), doch für ihre Rückkehr ins Erzählen übers wahre Leben (die Autorin hat zwischenzeitlich auch Superheldinnen-Geschichten geschrieben: für die Serien „Tomb Raider“, „Supergirl“ und „Harley Quinn“ und jüngst erst für „Spider-Man & Venom“) suchte sich die Szenaristin eine Zeichnerin aus, die im Alter den Figuren etwas näher steht als sie selbst (Tamaki ist Jahrgang 1975): Rosemary Valero-O’Connell ist noch keine dreißig und generationenbedingt mit Manga großgeworden. Und ihr amerikanisch-japanischer Hybridstil passt perfekt zur Geschichte. Für diese Leistung hat sie im vergangenen Jahr den Eisner Award, eine der wichtigsten Comicauszeichnungen in den Vereinigten Staaten, gewonnen.

Alles ist im Fluss in diesem Comic, verstrickt sich miteinander, die Akteure nicht weniger als die Bilder. Und alles ist ambig, nicht festzulegen auf ein Leitbild, Diversität ist das Ideal der Lebensentwürfe dieser jungen Kalifornier und man ist frei in der Wahl der Personen, in die man sich verliebt, doch Laura Dean zeigt auch die Grenzen dieser Wahlfreiheit auf. Freddy Riley ist ihr nahezu hörig und vernachlässigt darüber die wahre Freundschaft und den Rückhalt, die ihr drei andere Mitschüler bieten: Eric und Buddy, ein schwules Paar, und die schüchterne Deirdre, genannt Doodle.

Sie ist das Mauerblümchen im aufblühenden Freundeskreis, doch am Schluss wird sie die radikalste Entscheidung treffen. Bis es dazu kommt, gehen wir aber erst einmal mit Freddy durch die Höhen und Tiefen ihrer Beziehung mit Laura Dean, schütteln mit ihr den Kopf über die Skrupellosigkeit der vergötterten Schönheit und schütteln über sie den Kopf, dass sie die Seelenschönheit anderer Frauen, die ihr begegnen, nicht erkennt. Die emotionale Achterbahnfahrt wird von der Seitenarchitektur gespiegelt: in immer wieder herangezoomten Bildausschnitten, die kaum noch erkennen lassen, was sie zeigen, in denen die Körper mit ihrer Umwelt verschmelzen, jede Individualität ausgelöscht wird und Materialität in den Vordergrund tritt. Zugleich suggeriert die zwischen Rosa und Orange angesiedelte Zusatzfarbe eine sonnige Niedlichkeit, die diese Geschichte niemals hat. Der Comic ist ein Schlachtfeld, und er könnte auch blutrot getönt sein. Dass er es nicht ist, verdankt sich den ebenso uneindeutigen Lebensentwürfen seiner Protagonisten.

Nur Laura Dean ist eine eindeutig charakterisierte Figur, die nicht an sich zweifelt. Dagegen wird die Handlung eingerahmt von den Fragen Freddys an eine Online-Kolumnistin zum Thema Liebe, die lange schweigt, ehe am Schluss des Bandes dann doch eine Antwort kommt, die    so etwas wir die Botschaft der ganzen Geschichte darstellt. Man mag das plakativ nennen, aber nach all dem Wirrwarr der vorausgegangenen Tage (und auch wenn man das Gefühl hat, ein halbes Teenager-Leben zu begleiten, handelt es sich nur um einen Handlungszeitraum von wenigen Wochen) wäre es eine dubiose Heroisierung Freddy gewesen, wenn sie sich daraus ganz allen gelöst hätte. Dann wäre sie so eindeutig als Klischee gezeichnet wie Laura Dean.

Und dazu ist Mariko Tamaki viel zu klug. Überhaupt ist es bemerkenswert, wie authentisch das von ihr vermittelte Lebensgefühl der heutigen Jugendlichen erscheint. Nicht, dass ich es beurteilen könnte, aber die Leistung großer Erzählkunst liegt ja in der Suggestion von Wahrhaftigkeit, und das gelingt „Laura Dean und wie sie immer mit mir Schluss macht“ wunderbar. Das liegt nicht zuletzt an Annette von der Weppens unprätentiöser Übersetzung. Für den Titel des Bands in seiner deutschen Umständlichkeit kann sie vermutlich nichts: „Laura Dean Keeps Breaking Up With Me“  hißt das Original, und man würde gerne wissen, was dem Carlsen-Verlag an „Laura Dean macht immer wieder mit mir Schluss“ missfallen hat.

Aber apropos Carlsen: Respekt für diese Programmergänzung! Nicht, dass es schwierig gewesen wäre, Mariko Tamaki zu entdecke;, das hatte schon Reprodukt für Deutschland übernommen. Aber die Konsequenz, mit der der Hamburger Verlag Diversität zum Thema seiner Comics macht, ohne dabei banal oder gefällig zu werden, ist bemerkenswert. Nach dem Manga „My Genderless Boyfriend“ von Tamekou (https://blogs.faz.net/comic/2021/04/19/dies-und-jenseits-aller-geschlechtsgrenzen-1714/) ist das in diesem Frühjahr schon das zweite Meisterwerk zum Thema. Das dritte, soweit ich es sehe, ist dann wenigstens bei einem anderen Verlag gelandet: der Edition Moderne : Lina Ehrentrauts „Melek und ich“. Dazu demnächst an dieser Stelle mehr. Jetzt bin ich erstmal stolz, keinmal aus Versehen Laura Dern geschrieben zu haben, wo Laura Dean hingehört.

10. Mai. 2021
von andreasplatthaus

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03. Mai. 2021
von andreasplatthaus

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Wortlos macht sprachlos

Es ist mittlerweile zweiundzwanzig Jahre her, dass in Frankreich beim damals wegweisenden Autorenverlag L’Association der mehr als ziegelsteindicke Band „Comix 2000“ (zweitausend Seiten und das Jahr 2000 im Blick) erschien: gefüllt mit Kurzgeschichten von 324 Beiträgern aus aller Welt, deren Geschichten zwei Dinge gemeinsam haben mussten: schwarzweiß, um die Druckkosten niedrig zu halten, und stumm erzählt, also ohne Worte, um die Übersetzungskosten niedrig zu halten (und den weltweiten Vertrieb zu begünstigen – mit Erfolg, denn der Band ist heute eine Rarität, bei Amazon beginnen die Preise bei zweihundert Euro). Da konnte man nicht nur einige der namhaftesten Künstler der damaligen Zeit versammelt finden, sondern auch etliche, die erst später berühmt wurden (Nicolas Mahler, Jochen Gerner, Mathieu Sapin, Guy Delisle, um nur wenige zu nennen). Und man bekam vorgeführt, wie anspruchsvoll man wortlos mit Bildern erzählen kann.

Das ist allerdings selbst auch anspruchsvoll, und auch wenn das Prinzip seit den Holzschnittbüchern von Frans Masereel eine lange Tradition hat, ist nicht allzu häufig über ganze Albenlänge stumm erzählt worden. Ein ganz aktuelles Beispiel für dieses Bemühen ist gerade bei Egmont erschienen: „Temple of Refuge“ von Sartep Namiq, der vor fünf Jahren als junger Mann aus dem Irak nach Deutschland kam. Aus seinen Erlebnissen und Erfahrungen im neuen Land machte er eine Geschichte, und um sie möglichst breit verständlich zu machen, wollte er sie als stummen Comic umgesetzt sehen – auch aus der eigenen Erfahrung mit Kommunikationsformen heraus, die auf andere Mittel setzen müssen als Worte. Der einzige Text, den das Buch enthält, ist ein kurzes Nachwort mit der Entstehungsgeschichte in sieben Sprachen.

Umgesetzt haben Namiqs Idee auf Initiative eines weltweit aktiven Netzwerks namens Gesellschaft der Neuen Auftraggeber. Es brachte den kurdischen Migranten mit drei erfahrenen Geschichtenerzählern zusammen: dem amerikanischen Science-Fiction-Autor Bruce Sterling, dem deutschen Drehbuchautor Matthias Zuber und dem deutschen Comiczeichner Felix Mertikat. Letzterer hat mit seiner Steampunk-Serie „Steam Noir“ Furore gemacht, aber danach wartete man lange auf einen neuen Comic. Da ist er nun, wobei er mit Steampunk nichts mehr zu tun hat, wie die Projektdokumentation der Neuen Auftraggeber zeigt: https://neueauftraggeber.de/de/projekte/die-neuen-auftraggeber-von-tempelhof. Zwar ist auch „Temple of Refuge“ in einer unbestimmten Zukunft angesiedelt, aber die ist eher dystopisch. Zumindest, was die gesellschaftlichen und klimatischen Zustände angeht. Solidarität auf privater Ebene dagegen spielt eine große Rolle.

Der Name des Bandes spielt auf Tempelhof an, die Berliner Flüchtlingsunterkunft auf dem ehemaligen Flughafen mitten in der Stadt, in der auch Namiq gelebt hat. Sie ist in zu einer Art Festung oder auch Gefängnis mutierten Form Mittelpunkt des Geschehens im Comic, von außen droht Gewalt durch Rassisten im Neonazi-Look, im Inneren Verelendung trotz gegenseitiger, alle Grenzen von Ethnien und Nationalitäten überwindender Hilfe. Ein junger Mann, auf dem Weg durch Wüsten und übers Meer durch einen etwas älteren Schicksalsgenossen beschützt, muss sich in diese Welt einfinden, und der Rückschläge sind viele – bis hin zum Tod des Beschützers. Aber die hellen Farben von „Temple of Refuge“ lassen von Beginn an schon das Ende anklingen, das die Dystopie zur Utopie macht, mit Bildern, die an Phantasiewelten von Francois Schuiten oder Moebius erinnern.

„Temple of Refuge“ ist kein großer Comicwurf, aber einer mit den besten Absichten – bis hin zum Verzicht der vier Autoren auf etwaige Gewinne, die stattdessen an die auf dem Mittelmeer aktive Hilfsorganisation Sea-Watch gehen würden. Möge es entsprechende Verkäufe geben. Wem die Handlung zu schlicht ist, der kann sich an den Mitteln ergötzen, die Mertikat und seine Szenaristen gefunden haben, um wortlos zu erzählen. Das macht bisweilen – im guten Sinne – sprachlos.

03. Mai. 2021
von andreasplatthaus

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27. Apr. 2021
von andreasplatthaus
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O partigiani portami via, o bella ciao, o Baru bellissimo!

Wir haben alle unsere Lieblingszeichner, bei mir gehört dazu – Leser dieses Blogs werden es wissen – der Franzose Hervé Barulea alias Baru. Wen aber bewundert Baru selbst?

Seinem Stil sieht man es nicht an, der ist denkbar eigenständig, wenn auch mittlerweile vielfach nachgeahmt, aber in seinem neuen Comic kann man nachlesen, das es einen besonders von ihm geschätzten Kollegen gibt. Mitten in der Handlung, zum Abschluss einer Sammlung mit Faksimiles zeitgeschichtlicher Dokumente, schiebt Baru eine längere Textpassage ein, in der er von seinem Vater Terzilio Barulea erzählt. Wir erfahren, dass dieser nach Frankreich eingewanderte Italiener als Soldat im Zweiten Weltkrieg für sein neues Land kämpfte und in deutsche Kriegsgefangenschaft geriet. „Ich kann Ihnen keine Bilder aus seiner Gefangenschaft vorlegen“, erklärt Baru: „Die, die ich im Kopf habe, gehören mir nicht. Es sind die aus ‚Stalag IIB‘ von Jacques Tardi. Ich denke ich hätte etwas Ähnliches machen können, wenn mein Vater geredet hätte.“ Doch zum Schluss seines metafiktionalen Einschubs schreibt Baru dann: „Von wegen! Sich nach Jacques Tardi an ein derartiges Sujet zu machen, ist wie Stratocaster spielen nach Jimi Hendrix, das lässt man besser …“ Für Baru, den fanatischen Rockmusikfan, dürfte das die ultimative Absage ans Thema gewesen sein.

Also erzählt er im neuen Band, das gerade übersetzt in der Edition 52 erschienen ist, etwas ganz anderes, aber das betrifft ebenso die Familiengeschichte des Autors. „Bella Ciao“ heißt das hundertdreißigseitige Album, und es ist das ungewöhnlichste in der mehr als fünfunddreißig Jahre umfassenden Karriere Barus. Weil er darin die Formen mischt: Fiktion, Dokumentation, Selbstauskunft, Allegorie, Fotovariationen, ja sogar ein Kochrezept, und auch zwischen Schwarzweiß und Farbe findet ständiger Wechsel statt, einmal sogar auf derselben Seite. Was will Baru?

Geschichte mittels einer Geschichte erzählen. In diesem Fall ein – zumal in Deutschland – weitgehend unbekanntes, zumindest aber vernachlässigtes Geschehen, das für ihn aber von größter Bedeutung ist: die massenweise Emigration italienischer Arbeiter nach Frankreich im späten neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert. Das sind Barus Wurzeln, er entstammt der Arbeiterklasse, auch wenn er zunächst Sportlehrer wurde, bevor ihm sein Erfolg als Comiczeichner die Aufgabe jenes Berufs ermöglichte. Es gibt auf mehreren Titelbildern seiner Comics das Motiv von lothringischen Stahlwerken – als wer da ein zeichnender Schwager von Bernd und Hilla Becher zugange. Diese Industriearchitektur dient als eine Art persönliches Emblem seit dem Durchbruch mit der Trilogie „Quequette Blues“ in den achtziger Jahren. Die schlug den für Baru typischen autofiktionalen Ton an, der seine Glaubwürdigkeit weniger aus unmittelbar übernommenen Erlebnissen gewinnt, sondern aus erlebten Stimmungen. Und Baru steht immer auf der Seite der gesellschaftlichen Außenseiter.

So natürlich auch wieder in „Bella Ciao“, dessen Titel einmal mehr die Szenerie einer lothringischen Industrieanlage vor blutrotem Himmel in Szene setzt. Dann aber startet der Band in Schwarzweiß mit dem Bericht über ein Massaker im Département Ardèche (die Leseprobe des Verlags ist komplett daraus entnommen: https://edition52.de/wp-content/uploads/LESEPROBE-_-NEW__II__-BARU.pdf), bei dem 1893 zehn Italiener getötet wurden: von französischen Landarbeitern, die in ihnen Konkurrenten sahen. Es gibt keinen direkten familiären Zusammenhang für Baru, aber er beschließt diesen Auftakt zu „Bella Ciao“ mit einer Porträtserie der zehn Getöteten, für die er mangels authentischen Bildvorlagen Bilder von italienischen Auswanderern verwendet hat, die zehn Jahre später aufgenommen wurden, in dem Ort, über den sein eigener Großvater emigriert war. Den zog es indes nicht in die Ardèche, sondern nach Lothringen, in den damals noch Frankreich verbliebenen Teil dieser Schwerindustrieregion.

Deren ökonomischer Niedergang in der Nachkriegszeit war bisher die Folie vieler von Barus Comics. Hier ist es anders; wir begleiten mehr als ein ganzes Jahrhundert schon im ersten Band (das Album ist mit „uno“, also eins, bezeichnet, ist aber keine auf Fortsetzung getrimmte Geschichte), also auch den Aufstieg. Wobei der Fokus auf dem Alltagsleben der italienischstämmigen Arbeiter liegt, nach dem Auftaktkapitel als in jeder Hinsicht farbige Erzählung eines stark an Barus eigene Vergangenheit angelehntes Familienleben. In dem es zu wilden Diskussionen bei den großen Zusammenkünften kommt, politischen und privaten Inhalts. Beides vermischt sich ständig. Und die ausgiebigste Erörterung gilt der Herkunft des weltberühmten Partisanenlied „Bella Ciao“, das auch dem Band den Titel gibt. In der Aufzählung der verschiedenen Formen weiter oben hätte unbedingt auch hineingehört: Sachbuch. Denn was man über „Bella Ciao“ wissen kann, das erfährt man hier.

Was die Brillanz des Albums ausmacht ist nicht nur der hier zur Vollendung gereifte Personalstil Barus mit den bekannten Posen und Physiognomien und Pathosformeln seiner Figuren, die sie uns wie alte Bekannte begrüßen lässt (es gibt geradezu genormte Baru-Panels, die er strategisch als Selbstzitate einsetzt, so hier etwa ins Meer stürmende Kinder), sondern mehr noch der Hybridcharakter der Erzählung, die gerade in ihrer Zersplittertheit dem Thema des Ortsverlusts bei Emigration gerecht wird, der durch eine Identitätsbehauptung kompensiert werden soll. Mit „Bella Ciao“ lernt man somit nicht nur immens viel über die Vergangenheit Italiens und Frankreichs, sondern auch über die Gegenwart im ganzen Europa, wenn nicht gar der ganzen Welt. Und das eingebettet in die persönlichen Kommentare Barus zur Entstehung des Comics und zu seinem italienischen Erbe. Ciao bellissimo!

27. Apr. 2021
von andreasplatthaus
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19. Apr. 2021
von andreasplatthaus

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Dies- und jenseits aller Geschlechtsgrenzen

Il faut être absolument moderne – selbst als Mangaka. Und allemal als deutscher Manga-Verlag, denn der Markt ist zwar groß, aber die Moden darauf wandeln sich durch rascheren Generationenwechsel  schnell, und was gestern angesagt war, ist morgen vergessen. Also heute lieber etwas Neues, ganz Zeitgemäßes publizieren. Wie die Serie „My Genderless Boyfriend“ von Tamekou.

Die erscheint nicht nur im gerade etablierten Manga-Imprint Hayabusa (Wanderfalke) des Carlsen Verlags, sondern ist überdies ein witziges Beispiel für den Segensreichtum von Modemachern im Verlag, denn normalerweise hätte man wohl damit rechnen dürfen, dass die deutsche Serie sich am englischen Titel orientiert hätte, der „The Andrygynous Boyfriend“ heißt, aber „androgyn“ klingt doch nicht halb so aktuell wie irgendetwas mit dem derzeitigen Reizwort „gender“. Und so ist es auch genau richtig, denn der japanische Originaltitel verwendet explizit auch den englischen Begriff „genderless“, also geschlechtslos und eben nicht zweigeschlechtlich, wie es bei „androgyn“ der Fall wäre.

Dass Tamekou bürgerlich Kojiro Narihira heißt, ist leicht herauszubekommen. Die einschlägigen Websites sind dann aber geizig mit Informationen: bei der Frage von Geburtsjahr und Geburtsort wird genauso auf fehlende Angaben der Künstlerin verwiesen wie bei ihrem Geschlecht. Wie auch immer Tamekou es empfindet, er/sie/es vermag sehr feinfühlig darüber zu erzählen, was es bedeutet, zwischen den Rollenzuschreibungen zu agieren. Denn genau das tut der Protagonist Meguru.

Der Verkäufer in einer kleinen Modeboutique in Tokio ist zwar nur Angestellter, aber zugleich als Influencer ein Star, dank seines Gespürs für geschlechtsübergreifendes Verhalten und Kleiden. Zugleich ist er der treueste Freund der Welt, denn obwohl er von zahllosen Mädchen umschwärmt wird, ist er fest verbandelt mit der Mangaredakteurin Wako. Das indes gefährdet seinen jungfräulichen Ruf bei seinen Fans, doch Meguru pfeift auf verlogene Inszenierungen – wenn er sich gewissen Vorsichtsmaßnahmen beim Öffentlichmachen seines Privatlebens unterwirft, dann nur aus Rücksicht auf die Interessen anderer, er selbst ist grundehrlich. Dass aus dem Ruhm im Netz als Rollenvorbild und der geradezu spießbürgerlichen Existenz im trauten Heim sowohl Komik- als auch Konfliktstoff entsteht, macht den Reiz von „My Genderless Boyfriend“ aus. Der Peinlichkeiten sind kein Ende, wobei etliche davon von japanischem Publikum als peinlicher empfunden werden dürften als vom deutschen.

Für uns dagegen ist der erste Band ein faszinierender Einblick in die Vermarktungsmechanismen von Sozialen Medien, Bekleidungshandel und nicht zuletzt auch Manga. Tamekou versteht von allem etwas, und wenn auch nicht originell gezeichnet wird (eine Leseprobe gibt’s unter https://www.bic-media.com/mobile/mobileWidget-jqm1.4.html?https=yes&width=850&height=750&metadata=no&links=no&showLanguageButton=no&buyButton=yes&tellafriend=no&download=no&clickTeaser=no&showExtraShopButton=no&showTAFButton=no&showMenu=no&showExtraFacebookButton=no&showFullScreenButton=no&borderWidth=0&resizable=yes&noNavi=yes&fullscreen=undefined&isbn=9783551620361&navigationContext=book&fullscreen=yes&jump2=23, natürlichbin mangatypischer Leserichtung zu blättern, also gegen das westliche Gefühl), so ist das doch souveränes Handwerk des Shojo-Genres, also der Manga für junge Frauen, die im Bishonen, dem „schönen jungen Mann“, ein wichtiges Element haben. Dass dabei gerade effeminierte Figuren erfolgreich sind, ist altbekannt, doch hier wird in vielen Bildern jede Geschlechtszuweisung vermieden, während die Basis des Ganzen die konventionellste aller Liebesgeschichten ist: boy meets girl.

Das ist schon sehr schlau, denn dadurch ist wirklich für alle Leser etwas dabei. Bleibt nur die Frage, ob sie auch brav dabei bleiben werden, denn die Erscheinungsfrequenz ist eine langsame: Auf Englisch ist der vierte Band für 2022 angekündigt, womit nicht einmal ein Halbjahresrhythmus erreicht wäre. Was ist mit diesen Mangaka los? Treibt die von Verlagsseite niemand mehr an? Oder ist ein „Genderless Boyfriend“ auch noch zeitlos? Da wäre ich allerdings vorsichtig: Denn noch ist eben vieles, was mit Gender zusammenhängt, Mode. Auch das hat Tamekou sehr klug in seinem Manga berücksichtigt.

19. Apr. 2021
von andreasplatthaus

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12. Apr. 2021
von andreasplatthaus

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Diese Oma lässt Motorrad fahren

Normalerweise sollte man ja nicht das Ende eines Buchs ausplaudern, aber bei „Mari Moto“ vergibt man sich selbst und der Geschichte nicht damit, denn zum Abschluss zeigt Dorothée de Montfreid die doppelseitige Zeichnung eines Motorrads. Einer ganz normalen 125er Straßenmaschine, um die herum sich neun Mal kleine Zeichnungen der Titelfigur dieses Comics tummeln, um uns Einzelheiten des Motorrads zu erklären – von dessen Anschaffung über die technische Ausstattung bis zum Muster, das man mit regennassen Reifen auf den dunklen Asphalt zeichnen kann: „Trop classe.“ Ja, einfach super. All das macht aus der ganz normalen Maschine etwas ganze Besonderes: Es ist das Motorrad von Maris Großmutter.

Im Deutschen gibt es den Kindergassenhauer „Mein Oma fährt im Hühnerstall Motorrad“. Man könnte nun glauben, „Mari Moto“ wäre dessen Bebilderung, aber dieser Kindercomic ist viel mehr. Vor allem nicht nur etwas für Kinder. Obwohl er sich in Aufmachung und Erzählweise ganz klar an sie richtet und auch prächtig reüssieren dürfte. Schon das Titelbild mit der kleinen Mari, die in regnerischem Wetter auf dem Motorrad durch die Dämmerung braust, wird das Herz von Kindern höherschlagen lassen, denn da ist ein Mädchen sichtbar in der Rolle von Erwachsenen unterwegs. „Ein Motorrad“, so hat Dorothée de Montfreid mir kürzlich erzählt, „das steht für Freiheit. Meine eigene Oma hatte zwar selbst keines, aber sie hat meinem Vater eines gekauft, und das habe ich als Kind bewundert.“

Dorothée de Montfreids Großmutter muss eine bemerkenswerte Frau gewesen sein. Sie habe ihrer Enkelin viel mehr Freiheiten eingeräumt als die Eltern, sagt die 1973 in Paris geborene französische Zeichnerin. Das mag noch einigermaßen üblich sein, aber diese Großmutter rauchte auch wie ein Schlot und malte und war überhaupt unkonventionelle und damit ein Rollenvorbild für das Mädchen aus der Großstadt. Und genau so ist auch die Großmutter in „Mari Moto“ gezeichnet: als toughe Frau, die weitaus besser als die ängstlichen Eltern der zehnjährigen Mari weiß, was so ein Mädchen alles leisten kann. „Mari Moto“ ist die Geschichte der Rettung einer ganzen Gegend, die von dem Kind bewerkstelligt wird. Mit dem Motorrad.

Worum geht es? Ein Sturm hat die Region verwüstet, die Kommunikationsleitungen sind unterbrochen, die Menschen sind von der Umwelt abgeschnitten, nicht wenige schwerverletzt. Auch Maris Oma kann wegen einer Handverletzung nicht selbst mit dem Motorrad zur nächsten Feuerwehrstation fahren, um Hilfe herbeizuholen, also schickt sie damit Mari los, der sie schon vorher mal ein paar Runden auf dem heimischen Anwesen mit der Maschine erlaubt hatte. Auf dem Weg durchs Chaos vollbringt Mari bereits erste Heldentaten, und natürlich kommt sie durch. Das darf man von einem Kindercomic ja wohl auch erwarten.

Nicht indes, wie er erzählt ist. Dorothée de Montfreid ist in Frankreich (und seit einigen Jahren auch in Deutschland) als Bilderbuchzeichnerin bekannt, doch in der jüngsten Zeit hat sie den Comic als Erzählform entdeckt. Ihre Serie „Ada & Rosie“, ein autobiographischer Familien-Strip für Erwachsene, entstand in zweiwöchigen Episoden für den Netzauftritt der französischen Tageszeitung „La Libération“, die sich wie kein anderes Blatt in Europa um Comics bemüht. In „Les petites philosophes“ erklärt Monfreid nach Szenarien von Sophie Furlaud in kurzen Geschichten Philosophie für Kinder, und ihr kürzlich erschienener kleiner Band „Les choses de l’amour“ bietet jeweils Liebesaffären in vier Bildern, allerdings ausgeführt von Gebrauchsgegenständen, die je nach Design ihre ganz eigene Form der Erotik finden. In Deutschland hat Montfreid in dem Kölner Illustrator Nikolaus Heidelbach einen Kollegen, der ähnlich geistreich-frivol das Liebesleben unbelebter Objekte ins Bild setzt. Leider hat man sich hierzulande bisher nur für Dorothée de Montfreids Bilderbücher interessiert; bei m Moritz Verlag und bei Reprodukt gibt es eine Handvoll Übersetzungen. In ihrer französischen Heimat hat die Zeichnerin bereits mehr als fünfzig Publikationen vorzuweisen.

„Mari Moto“ ist die jüngste, erst vor wenigen Tagen in Frankreich erschienen, und sie vereint erzählerische Elemente verschiedener Formen. Das Buch ist ein Comic mit Bildsequenzen und Sprechblasen, aber es gibt auch längere Textpassagen ohne Illustrationen oder Bilder, die ohne Wort auskommen. Dadurch variiert Dorothée de Montfreid das Tempo ihrer Geschichte, und das entspricht genau dem Inhalt, der abenteuerlichen Motorradfahrt von Mari.

Auf der Verlagsseite von Seuil kann man sich das anhand der ersten vierzehn Seiten der Geschichte ansehen: http://www.seuiljeunesse.com/ouvrage/mari-moto-dorothee-de-monfreid/9791023514759. Dort ist auch zu erkennen, dass Monfreid durch monochromen Einsatz von Zusatzfarben Stimmungen erzeugt, besonders auffällig bei der roten Einfärbung des Motorrads und Maris Helm, wodurch man auch auf doppelseitigen Totalen immer die Hauptfigur auf ihrer Fahrt im Fokus hat.

Was soll daran aber nun Erwachsene interessieren? Das Ende der Rettung, das Dorothée de Montfreid zu einer großartigen Satire auf Politik und Presse nutzt. Und ihr leichthändiger Stil, der sich dem Vorbild von Sempés „Kleinem Nick“ verdankt. Mit Mari hat die Zeichnerin eine Figur geschaffen, von der man weitere Abenteuer erhoffen darf. Und womöglich erkennt sogar ein deutscher Verlag im derzeitigen Rausch von Selbstermächtigung, Emanzipation und Generation Greta das Potential eines solchen Mädchencomics, der fernab aller Plakativität ganz selbstverständlich davon erzählt, was Kinder können. Und auch davon, was Erwachsene verbocken. Ach ja, als ich Dorothée de Monfreid nach ihrem Lieblingsbild aus „Mari Moto“ fragte, nannte sie die abschließende Doppelseite mit dem Motorrad. In Mari dürfte viel von dem Freiheitswillen und der Lebenslust ihrer Autorin stecken.

12. Apr. 2021
von andreasplatthaus

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06. Apr. 2021
von andreasplatthaus

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Fürchten Sie sich nicht vor Fahrenbühl

Die Stadt Schwarzenbach im Fichtelgebirge ist seit einigen Jahren für ihr Erika-Fuchs-Haus bekannt. Das ist das erste Comics gewidmete Museum in Deutschland, und seinen Namen verdankt es der langjährigen Übersetzerin von Disney-Comics. Erika Fuchs – pardon, Dr. Erika Fuchs für ihre Bewunderer, und natürlich bin ich einer – lebte von 1906 bis 2005, und die Hälfte davon in Schwarzenbach, wo ihr Mann, ein Tüftler wie Daniel Düsentrieb, eine kleine Fabrik besaß. Die viel größere Tüftlerin aber war seine Frau, die unsere Sprache beherrschte und bereicherte wie wenige.

Ich schwärme, aber das ist für einen Donaldisten normal, der das meiste, was er über Entenhausen weiß, Erika Fuchs verdankt, die dieser Welt erst Ausdruck verliehen hat. Deshalb kenn ich auch den Namen Fahrenbühl, der in Entenhausen für ein Fuhrunternehmen steht, ein besonders reelles überdies, wie Donald Duck zu berichten weiß. Und wie so manches aus den von Fuchs übersetzten Berichten ist dieser Name der Umgebung von Schwarzenbach entnommen: Ein einsames Forsthaus einige Kilometer außerhalb heißt so, es bietet Gästezimmer an, und man kann sich denken, wo ich abstieg, als ich das erste Mal in Schwarzenbach übernachtete. Und wo ich das seither immer so gehalten habe.

Damit bin ich nicht allein, andere Donaldisten hielten es genauso, und da das Erika-Fuchs-Haus unter Leitung seiner rührigen Direktorin Alexandra Hentschel enorme Aktivitäten entfaltet, steigen bisweilen auch undonaldische Gäste im Forsthaus Fahrenbühl ab, unter anderem die international mittlerweile bekannteste deutsche Comiczeichnerin, Anna Haifisch aus Leipzig.

Ich kenne Anna, ich kenne Fahrenbühl, ich hätte mir denken können, dass das auf skurrile Weise zueinander passt, aber was diese Kombination jetzt publizistisch ergeben hat, hätte ich mir nicht träumen lassen: einen ganzen Comic mit dem Titel „Residenz Fahrenbühl“. Er ist gerade erschienen, bei Spector Books, dem vielfach ausgezeichneten Kunst- und Theorieverlag aus Leipzig, also einem Haus, das noch keinen Comic verlegt hat, aber besser könnte er nicht damit beginnen. Wobei „Residenz Fahrenbühl“ im Taschenbuchformat daherkommt und von außen nicht signalisiert, was drinsteckt: Das Cover bietet nichts weiter als die Fotografie einer aufgespannten Mausefalle, Verfasserin und Titel finden sich auf der Rückseite. Dazwischen aber verstecken sich 140 Comicseiten, wunderbar krakelig mit violettem Kugelschreiber gezeichnet, unverkennbar haifischig (auf ihrer Homepage kann man sich ein paar Doppelseiten ansehen: https://www.hai-life.com/) und entsprechend komisch.

Aber auch verblüffend. Nicht, weil es in „Residenz Fahrenbühl“ doppeldeutig und reichlich seltsam zugeht, das kennt man aus allen bisherigen Geschichten von Anna Haifisch – wie hätte sie sonst auch derart erfolgreich werden können (mehr künstlerisch, weniger kommerziell)? Nein, was wir hier vor uns haben, ist ein fichtelgebirgiges „Shining“: Zwei Mäuse sind als artists in residence auf einem Landgut namens Fahrenbühl zugange und es entwickelt sich unter allerhand „irrem Künstlergeschwätz“ (Eigencharakterisierung der beiden Protagonisten) eine abgründige Binnendynamik in der Abgeschiedenheit, die man nach dem Auftakt mit der Anfahrt eines Rettungswagens zwar hätte vermuten können, dann aber über die köstlichen Idiosynkrasien der Gäste wieder vergisst, ehe die Handlung ihren Beginn wieder einholt und ebenso überraschend wie versöhnlich auflöst.

In einem knappen Nachwort erläutert Anna Haifisch die Entstehung des Buchs. Eigentlich hätte es in Columbus/Ohio entstehen sollen, wo sie selbst eine Residenz antreten wollte, die aber der Pandemie zum Opfer fiel. In ihrem Leipziger Atelier habe sie während des zweiten Lockdowns jedoch „dieselben beklemmenden Zustände abrufen können, die Fahrenbühl zu so einem psychopathischen Ort machen“. Ich war nicht nur in Fahrenbühl, sondern vor zwanzig Jahren auch einmal für eine Übernachtung in Columbus und könnte mir vorstellen, dass die Geschichte dort noch psychopathischer geworden wäre. Fahrenbühl ist in seiner Einsamkeit nichts gegen die abends ausgestorbene Innenstadt der Hauptstadt von Ohio. Aber Schwamm drüber, dieser Comic ist ja so schon sensationell gut.

Was Anna Haifisch während ihres dort verbrachten Wochenendes im Forsthaus Fahrenbühl erlebt hat („Vergessen Sie Ihr Schießgewehr nicht“), vermag ich nicht zu sagen, ich habe dort eine wie aus der Zeit gefallene Atmosphäre und größte Gastfreundschaft erlebt – allerdings war das Haus jeweils bis zur Turmspitze, wo der berüchtigtste Schnarcher der D.O.N.A.L.D. – Friede seiner Asche – untergebracht war, auch voller Donaldisten. Das Fahrenbühl des Comics ist winterlich eingeschneit, von weiten Feldern umgeben und auch eher im Flachland angesiedelt – die Autorin hat den Schauplatz in den fiktiven norddeutschen Landkreis Cahlenberg verlegt, wie sie ihn aus einem 1994 erschienenen Roman von Bernd Schirmer kennt. Man sieht: Hier werden die unterschiedlichsten Inspirationen vermengt, aber alles, was herauskommt, ist ganz Anna. Sie bleibt die Haifisch im Karpfenteich der deutschen Comics.

06. Apr. 2021
von andreasplatthaus

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29. Mrz. 2021
von andreasplatthaus

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Die wahren Regenten von Frankreich

Frankreich ist ein Land der Überraschungen. Vor wenigen Wochen ist zum ersten Mal in der Fünften Republik ein ehemaliger Staatspräsident strafrechtlich verurteilt worden: Nicolas Sarkozy muss wegen Bestechlichkeit ins Gefängnis, weitere Gerichtsverfahren gegen ihn sind noch anhängig. Und genau gleichzeitig erschien ein Comic, der ihn zum Helden einer Gruppe von Geheimagenten macht, die darum bemüht ist, den französischen Staat einigermaßen durch die Wirren der Gegenwart zu steuern. „Héros de la République“ lautet der Titel des Albums, und er soll der Auftakt zu einer ganzen Serie sein.

Wer sich nun fragt, ob dieser Comic das Werk von Sarkozyards oder Anti-Sarkozyards ist, dem möge ein Verweis auf die beiden Autoren genügen: Joann Sfar und Mathieu Sapin. Ersterer tut sich seit Jahren als spitzfedriger Kritiker der Regierungspolitik hervor; Sfar ist regelmäßiger Mitarbeiter von „Le Canard enchainé“, der zentralen Instanz des investigativen Journalismus in Frankreich, und seine Postings zur Corona-Politik von Präsident Macron sind an Schärfe kaum zu überbieten.

Sapin wiederum ist bekannt geworden durch seine zeichnende Begleitung des Wahlkampfs und der Amtszeit des sozialistischen Präsidenten François Hollande, jenes Politikers, der Sarkozy an der Spitze des Staates abgelöst. So desaströs seine fünf Jahre als Präsident auch waren, so treu stand ihm Sapin zur Seite, der sich während der Wahlkampagne mit dem Kandidaten angefreundet hatte und danach dessen Vertrauen genoss, so dass er Einblick in Hollandes Regierungsgeschäfte bekam, die kaum ein anderer Journalist hatte. Die drei Bände „Campagne présidentielle“, „Au Château“ und „Comédie française“, die Sapin von 2012 bis 2020 sind deshalb das bisher intimste Hollande-Porträt. Und trotz aller Freundschaft auch das deprimierendste.

Eines jedenfalls dürfte klar sein: Weder Sapin noch Sfar haben Sympathien für Sarkozy. Sie haben allerdings größte Sympathien füreinander, und das schon seit Jahren, denn Sapin hat auch die Dreharbeiten von Joann Sfars Spielfilm „Gainsbourg“ zum Gegenstand eines seiner dokumentarischen Comics gemacht. Nun revanchiert sich Sfar mit dem Szenario zu „Héros de la Rébublique“, den Sapin gezeichnet (und zwar so: https://www.dupuis.com/le-ministere-secret/bd/le-ministere-secret-tome-1-heros-de-la-republique/87016), aber gewiss auch mitverfasst hat. Denn eine so aberwitzige Satire kann sich wohl nicht einmal jemand wie Sfar alleine ausdenken. Zumal auch Hollande eine wichtige Rolle spielt, denn Ausgangspunkt der Handlung ist ein Geheimministerium, das sich aus den ehemaligen Staatspräsidenten zusammensetzt, deren Erfahrung zur Abwehr von Gefahren genutzt werden soll. Plötzlich wird also aus Sarkozy und Hollande ein Team. Man hat eigene Truppen, ein unterirdisches Hauptquartier, wundersam ausgestattete Fahrzeuge (besonders erwähnenswert ist Hollandes Vespa, also jenes Fahrzeug, das untrennbar mit einem der privaten Skandale seiner Amtszeit verbunden ist) und die Lizenz zu so ziemlich allem, was als staatsdienlich eingeschätzt werden kann. Das Vorbild ist überdeutlich die Welt von James Bond, und Sfar und Sapin haben mit deren Übertragung auf die kläglichen Politgestalten erkennbar ihren Spaß.

Wobei wie bei Sfar üblich, das Pathos nicht zu kurz kommt, hier in der Gestalt des amerikanisch-jüdischen Superagenten Yacoov Kurtzberg, der die europäische Ordnung noch mehr durcheinanderbringt als sein (im bereits vor einem Jahr abgeschlossenen, aber eben erst jetzt publizierten Comic noch amtierender) Präsident Trump oder der russische Staatschef Putin, die beide schon für genug Chaos sorgen. Kurtzberg ist gezeichnet wie The Thing, also die beliebteste Figur der Superheldentruppe der Fantastischen Vier, und sein Name verdankt sich dem Zeichner dieser Serie, der seinen bürgerlichen jüdischen Namen durch die amerikanisierte Form Jack Kirby ersetzt hatte. Die comic- und kulturhistorischen Anspielungen sind sfartypisch zahlreich.

Dabei kommt aber auch, wie bei Sapin üblich, die Selbstironie nicht zu kurz. Denn der neue Band knüpft augenzwinkernd an seine drei dokumentarischen Comics an, indem der Zeichner selbst mitspielt, ja sogar die Hauptrolle einnimmt: als mehr oder minder unfreiwillig von seinem alten Spezi Hollande in die Machenschaften des Geheimministeriums hineingezogener Naivling, dem plötzlich der Boden unter den Füßen weggezogen wird, als sich alle bisherigen politischen Sicherheiten in Luft auflösen und irgendwann der unkontrollierbare Kurtzberg mit dem vollkommen perplexen Sapin durchbrennt. Was sie erleben, muss man selbst lesen, wobei zu befürchten steht, dass sich wie schon im Fall der dokumentarischen Hollande-Comics kein deutscher Verlag finden wird. Der einzige Band aus Sapins grandiosem Reportagewerk, der bislang den Weg über die Sprachgrenze gefunden hat, war sein „Gérard – Fünf Jahre am Rockzipfel von Depardieu“ (erschienen bei Reprodukt), und das verdankte sich natürlich der Popularität des Schauspielers in Deutschland. Weder von Hollande noch Sarkozy kann man Ähnliches behaupten. Immerhin ist jetzt aber auch gerade “Comédie Francaise” übersetzt erschienen, wieder bei Reprodukt.

Man darf gespannt sein, wie es mit den „Héros de la République“ weitergeht – hierzulande, aber mehr noch in Frankreich selbst. Fürst Albert von Monaco und Greta Thunberg spielen bereits im Auftaktband auf jeweils sinistre Weise mit, und das Ende ist offen. Die eigentliche Bedrohung, so viel wissen wir schon, sind Außerirdische – mit weniger darf sich ein Superheldencomic ja auch nicht zufrieden geben. Wenn es Sfar und Sapin gelingen sollte, die Tagesaktualität etwas mehr in die Handlung einfließen zu lassen als im ersten Teil, dann könnte aus den „Héros de le République“ eine Satireserie der Extraklasse werden.

29. Mrz. 2021
von andreasplatthaus

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22. Mrz. 2021
von andreasplatthaus

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Oupapotentiell phantastisch

Vor zwanzig Jahren gründeten einige französische Comiczeichner in Anlehnung an die Literaturschule von Oulipo die Arbeitsgruppe Oubapo – Ouvroir de Bande dessinée Potentielle (sinngemäß übersetzt: Werkstatt für die Möglichkeiten des Comics). Viele Leser hätten allerdings, das, was dabei herauskam, wohl eher als unmöglich betrachtet: Geschichten zum Beispiel, die immer dieselben Bilder variierten, mitten im Verlauf die Erzählrichtung wechselten oder Auf dem Kopf gelesen werden wollten. Prinzip dieser Versuche war nämlich, das Potential der Comics dadurch auszuloten, dass man den Autoren strenge formale Vorgaben macht. Wer damit zurecht kommt, der hat etwas von der eigenen Kunstform verstanden.

Deutsche Mitglieder von Oubapo gab es nicht, Nicolas Mahler hat sich, sofern ich mich recht erinnere, ein paar Mal beteiligt, aber der Mann ist ja Österreicher. Jemand, der indes mit offenen Armen dort willkommen geheißen worden wäre, ist Henning Wagenbreth, ehedem Mitglied der legendären „PGH Glühende Zukunft“ der Ostberliner Nachwendezeit (neben ihm noch darin vertreten Anke Feuchtenberger, Holger Fickelscherer und Detlef Beck, also alles singuläre Comic- und Cartoon-Könner) und seit 1994 Professor an der UdK Berlin, die er seitdem zu einer der wichtigsten Nachwuchsschmieden für Comiczeichner in Deutschland machte. Wagenbreth selbst indes ist nur selten auf diesem Feld unterwegs; seine Schwerpunkte sind Plakat- und Buchillustration. Umso schöner aber, wenn nun im Peter Hammer Verlag tatsächlich wieder einmal ein Comic von ihm erscheint: „Rückwärtsland“.

Das Oupapotential der Geschichte liegt in der Umkehrung von Ursache und Wirkung: Im Rückwärtsland ist der zweite Hauptsatz der Thermodynamik außer Kraft gesetzt. Die Entropie nimmt zu, alles wird ordentlicher, funktioniert vor allem besser. Konkretes Beispiel: Die Tasse Kaffee wird vom Ehemann schon vor der Bitte seiner Gattin darum serviert. Das klingt noch einigermaßen machbar auch für unsere Welt, aber wie da Forstarbeiter mit Kettensägen Bäume aufrichten oder jemand sein gerade gewonnenes Vermögen gegen einen Lottoschein eintauscht, das hat schon aberwitziges, ja, Potential. Wobei beim letztgenannten verdrehten Ereignis ein Fehler in Wagenbreths Geschichte steckt, denn da heißt es: „Die Millionen tauscht er ein / gegen einen Lottoschein. / Legt den Zettel ins Regal / und vergisst die Superzahl.“ Wäre das der umgekehrte Ablauf der Geschichte, hätte der Schein ja als vergessener nie die gewinnsumme eingespielt.

Man hat eben gemerkt: In Rückwärtsland kommt alles gereimt daher. Das hat Wagenbreth zu seiner bevorzugten Ausdrucksform gemacht, auch schon im vor neun Jahren im selben Verlag erschienenen Band „Der Pirat und der Apotheker“, bei dem es aber unumgänglich war zu dichten, weil es sich dabei um die Übersetzung (und Illustration) einer Ballade von Robert Louis Stevenson handelte. Im neuen Buch merkt man Wagenbreth den Zauber des Reimzwangs an, das Versschema ist zwar simpel, aber umso effizienter. „Rückwärtsland“ gibt ein grandioses Vorlesebuch ab.

Und natürlich ein Bilderbuch – wie könnte es anders sein bei Peter Hammer? Jeweils die Hälfte einer Doppelseite ist mit einer ganzseitigen Illustration im unverkennbaren Wagenbreth-Stil gefüllt (wer ihn nicht kennt, kann ihn sich hier ansehen und lieben lernen: http://www.wagenbreth.de/projekt.php?nummer=280 zeigt ein Poster zu „Rückwärtsland, https://www.peter-hammer-verlag.de/fileadmin/user_upload/PDF__s/Vorschauen/PHV_Fruehjahr_2021_Novitaeten_DS.pdf die Verlagsvorschau mit Auszügen aus dem Buch), daneben sind dann die jeweiligen Verse zu Oberthemen wie „Geirk“, „Hcahcs“ oder „Nefoelhok“ zu finden, um einmal die am skurrilsten zu lesenden zu nehmen. Mit der ungewohnten Schreibweise werden Kinder auch das lesen anders erleben. Es ist ein Lust, durch dieses Buch und damit durch „Rückwärtsland“ zu gehen.

22. Mrz. 2021
von andreasplatthaus

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15. Mrz. 2021
von andreasplatthaus

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Suspense wird keinesfalls suspendiert

Alfred Hitchcock ist für vieles berühmt, auch dafür, in fast jedem seiner Filme einen Cameo-Auftritt hingelegt zu haben. Man mag das eitel nennen – und das war er auch –, zumal die Bezeichnung „Cameo-Auftritt“ in diesem Fall mit dem eingerahmten Juwel, das damit angesprochen ist, physiognomisch betrachtet einen fetten Klunker präsentiert, jedenfalls unübersehbar. Von Subtilität keine Spur. Und darauf hat sich Hitchcock einiges zugutegehalten, wie wir dem berühmtesten Buch der Filmgeschichtsschreibung entnehmen können, Francois Truffauts Gesprächsband „Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?“.

Jetzt ist der erste Teil einer zweibändigen Comicbiographie über Alfred Hitchcock erschienen (beim Splitter Verlag), und seine beiden französischen Autoren, der Szenarist Noel Simsolo und der Zeichner Dominique Hé, müssen gleich zwei Legenden gerecht werden: Hitchcock selbst und Truffauts Buch. Das für den Comic natürlich eine wichtige Quelle war, weil die beiden Filmregisseure im Gespräch miteinander wunderbar ins handwerkliche Detail gingen und auch die persönlichen Prägungen des 1899 geborenen Briten nicht aussparten. Simsolo ist die Konkurrenzsituation offensiv angegangen und bettet den Großteil des Auftakts der Comic-Biographie einfach auch in ein Gespräch ein: hier zwischen Hitchcock und seinen beiden Hauptdarstellern Grace Kelly und Cary Grant am französischen Sert von „Über den Dächern von Nizza“. Den drehten sie 1954, und in munterer Plauderei mit Grant bei gelegentlicher Assistenz (und verbaler Verführung) durch Kelly erzählt Hitchcock ihnen und uns von seiner Jugend und der Karriere bis zum großen Schritt: dem Wechsel nach Hollywood Ende der dreißiger Jahre. Der Rest ist Filmgeschichte – und reserviert für den bereits angekündigten zweiten Band.

Aber ganz ohne den Ruhm der zweiten Karrierehälfte kommt auch der erste Teil nicht aus. Wenn wir das Allerberühmteste benennen sollten, das mit Hitchcocks Name verbunden ist, dann wäre es „Psycho“, jener Film, der einem ganzen Genre den Namen gab, indem er 1960 einen Schrecken auf die Leinwand brachte, den es vorher noch nicht gegeben hatte. Mit dem Erfolg dieses Werks, einem Neubeginn auch für Hitchcock selbst, startet die Comic-Biographie, und im mörderischen Außenseiter, den Anthony Perkins in „Psycho“ spielt, wird so etwas wie ein Selbstporträt des Alfred Hitchcock sichtbar: des manischen Arrangeurs mit gestörten sozialen Beziehungen. Allerdings wird im Comic auch die symbiotische Beziehung zu seiner Frau Alma vorgeführt, seiner wichtigsten Mitarbeiterin und Urheberin vieler Elemente des spezifischen Hitchcock-Touchs (bei Truffaut kommt sie so gut wie nicht vor; die Kinogrößen der Nouvelle Vague waren ganz dem Auteur-Gedanken und damit einer Art Geniekult verfallen).

Wie sieht Alfred Hitchcock auf Comicseiten aus? Zunächst einmal wie seine eigene Karikatur, aber so hat er sich ja auch selbst immer wieder inszeniert – er wusste um das Paradox des kleinen dicken Mannes, dessen Filmkunst rund ums Thema des Verbrechens die Menschen faszinierte. Hé ist ein realistischer Zeichner ohne jede Originalität, ihm liegt an wiedererkennbaren Zügen seiner prominenten Figuren und an markanten Stimmungsdekors in den eher spärlich angelegten Hintergründen (die Leseprobe zeigt es: https://www.splitter-verlag.de/alfred-hitchcock-1-mann-aus-london.html). Im Grunde also, könnte man sagen, arbeitet Hé wie Filmausstatter und Kameraleute. Dass der erste Band komplett schwarzweiß gehalten ist, passt zur darin vorgestellten Werkphase, und ausgerechnet „Psycho“ war ja nach den Farbfilmen der fünfziger Jahre die Rückkehr Hitchcocks zu Schwarzweiß. „Über den Dächern von Nizza“ war natürlich auch in Technocolor gedreht, aber der Film selbst kommt im ersten Band gar nicht vor, nur die Dreharbeiten sind Thema. Ich bin jedenfalls gespannt, ob Teil 2 mit „Cocktail für eine Leiche“ (1948) Farbe einfließen lassen wird, wie es fortan in Hitchcocks Werk geschah.

Anfangs ermüdete mich die Geschichte: zu viel Altbekanntes, zu viel Kleinklein, das vor allem über Dialoge, nicht über Bilder vermittelt wird. Wozu denn dann ein Comic? Doch über die 150 Seiten hinweg entfaltet die Sachlichkeit der Geschichte einen eigentümlichen Sog, man könnte fast sagen: Suspense, denn wie bei diesem von Hitchcock geprägten Erzählprinzip wissen wir als Betrachter schon viel mehr als die Beteiligten und lauern aufs unvermeidliche Eintreten dessen, was wir wissen. Im Falle dieses Lebens sind es die zahlreichen Meisterwerke, und im ersten Teil von „Alfred Hitchcock“ suchen wir nach deren Vorboten. Es gibt viel zu finden.

Simsolo hat die Biographie in einzelne Kapitel gegliedert, deren Übergänge bei der Lektüre Atem holen lassen, ehe es nach jeweils einer atmosphärischen Szene vor ganz weißem Hintergrund wieder in die üblich kleinteilige Seitenarchitektur hineingeht. Nur selten brechen größere Panels das konventionelle Vier-Reihen-Schema auf, aber wenn es geschieht, ist es dramaturgisch sowohl im Kontext der Erzählung als auch der Einzelseite klug gesetzt. Diese Biographie ist ein Beispiel von großer Professionalität bei wenig Spektakel – und das schließt die genaue Übersetzung von Tanja Krämling mit ein, die ja auf all die deutschen Filmtitel etc. achten musste. Beim raschen Durchblättern wird der Band wenig überzeugen, weil so unaufgeregt daherkommt, aber wer sich auf die Lektüre einlässt, wird belohnt. Auch mit zahlreichen Anekdoten, die Hitchcock Truffaut verschwiegen hat. Und dazu trägt nicht zuletzt bei, dass Cary Grant einer der verkappten Homosexuellen jener bigotten Hollywood-Jahre war, so dass er und Hitchcock sich als Superstars ihres Metiers doch auf der Ebene von Außenseitern unterhalten. Ob es solche Gespräche jemals gegeben hat? Darüber nachzudenken macht schon einen Teil des Reizes aus.

15. Mrz. 2021
von andreasplatthaus

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08. Mrz. 2021
von andreasplatthaus

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Comic-Strip als Seelenstriptease

Schon fürs Wortspiel des Titel muss man ihn lieben: „Vervirte Zeiten“. Ralf König hat im ersten Lockdown, also vor bald einem Jahr, spontan angefangen, jeden Tag eine Vier-Bilder-Episode (bisweilen auch mal mehr) um das Leben seiner seit mehr als einem Vierteljahrhundert bewährten Figuren Konrad und Paul zu zeichnen. Das schwule Paar, Klavierlehrer der Erstere, Science-Fiction-Erotik-Autor der Letztere, geht mittlerweile auf die sechzig zu und hat, wie man schon im Prachtband „Herbst in der Hose“ lesen konnte, genug Probleme mit Profession und Potenz. Nun kommt noch die Isolation dazu, die dem lebenslustigen Paul arg zusetzt. Das Ergebnis ist eine Serie, die der Bezeichnung Comic-Strip eine zusätzliche Bedeutung verleiht: Hier lässt König wirklich alle Schutzhüllen fallen.

Er machte den tagesaktuell die Pandemie begleitenden Comic-Strip in den sozialen Medien zugänglich, vom 18. März bis zum 31. Oktober, mehr als ein halbes Jahr also. Und fand ein begeistertes Publikum, vor allem einer neuen Figur wegen, die zunächst gar nicht selbst auftrat. „Der Filialleiter vom Rewe an der Subbelstraße“ bezauberte seinen  Kunden Paul zunächst durch Physis, dann durch seine sexuelle Orientierung und schließlich durch die Bereitschaft zu einem Skype-Meeting. Bis es indes soweit kam, vergingen Monate, und die Spannung über den Verlauf dieser virtuellen Affäre gehört zum Schönsten, was König schreibend und zeichnend erreicht hat. Dass er den Filialleiter nicht zeigte (zumindest nicht sein Gesicht …), ließ mit Paul fiebern, und als dann doch ein Gesicht auf seinem Bildschirm gezeigt wurde, war es das des Partners des Filialleiters. Man lauerte auf jeden neuen Tag, aber Bastian Knaller (so der Name des Filialleiters), hielt uns Leser ebenso hin wie seinen immer geileren Verehrer.

Nun ist die komplette Serie unter dem bereits genannten Titel „Vervirte Zeiten“ als Buch herausgekommen: bei Rowohlt, einem der beiden Hausverlage von König (der andere ist Männerschwarm). Und wenn man gedacht hätte, die Sache verlöre durch Gesamt- und Zweitlektüre an Reiz, hat sich getäuscht. Es ist schon irre komisch, wie jetzt Pauls wechselnde Sozialkontakte im Lockdown (und der zwischenzeitlichen Öffnung) erst richtig plastisch werden. König baut einen Freundeskreis um ihn auf, dessen Mitglieder in unterschiedlicher Weise und Intensität über die Zeitläufte verzweifeln (die Leseprobe auf seiner Homepage zeigt es: https://www.ralf-koenig.de/vervirtezeiten.html, die des Verlags bietet auch noch das Vorwort: https://www.book2look.com/book/9783498002114), natürlich telefoniert oder skypt man vor allem, und der Comic liefert nicht nur eine grandiose Augenblicksaufnahme, sondern auch das Psychogramm (manchmal Psychopathogramm) einer Szene, die unter den aktuellen Bedingungen mehr zu verlieren hat als die Angehörigen dessen, was gesellschaftlich immer noch als „Normalzustand“ gilt.

Das Buch bietet zudem einen kleinen Bonus. Um die Geschichte abzurunden , inhaltlich wie chronologisch, hat König noch einmal ein paar Folgen gezeichnet und so das Geschehen bis Silvester 2020 forterzählt. Dabei hat er einer literarischen Liebe nachgegeben, die schon einige seiner Bücher geprägt hat: gereimte Bildtexte nach dem Vorbild Wilhelm Buschs. Ich zitiere ganz frech diesen Schluss, weil man ohne die Bilder eh nur den halben Spaß hat (und also umso besseren Grund, das Buch zu kaufen): „Draußen prasselt kalter Regen / auf die Fensterscheibe … / Du liegst im Bett. Genau deswegen / rück ich dir zu Leibe. / Draußen kreisen Krankheitsviren: / Corona, Grippe, Schnupfen … / Wie sollte es mich da nicht verführen, / zu dir ins Bett zu schlupfen? / Draußen rauschen Autos laut / auf nasser Straßenkreuzung … / Ich schmiege mich an deine Haut, / so schön wärmt keine Heizung. / Draußen stecken alle Leute / in Anoraks und Jacken … / Ich lieg an deiner Hinterseite / und riech an deinem Nacken. / Dein Arsch ist nackt und kuschlig warm / und ich leg dir meinen Arm / um den behaarten Bauch … / Soll’s kalte Treiben /draußen bleiben … / … und 2020 auch.“ Das war leider nur ein frommer Wunsch vom Atheisten König.

08. Mrz. 2021
von andreasplatthaus

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