Comic

Comic

Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

07. Feb. 2022
von andreasplatthaus

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Nichts davon mag ich eigentlich, aber alles zusammen ist großartig

Bisweilen trifft eine Comiclektüre genau den richtigen Moment: genauer gesagt einen späten Abend, als die Konzentration zum Schreiben weg war, aber die aufgelegte Musik noch lief und es also zu früh zum Schlafen war. Gute Zeit zum Hineinblättern in einen frisch eingetroffenen Band von Carlsen, einen Manga. Japanische Comics lesen sich schnell, und nach ein paar Dutzend Seiten weiß ich, ob sich für mich das Weiterlesen lohnt. Also eine Viertelstunde Lektürebudget für „Asadora!“ bewilligt.

Es wurden anderthalb Stunden, und es werden noch viel mehr werden, denn der Band ist Auftakt einer ganzen Serie. Die wird, wenn man die paar farbigen Seiten zum Auftakt des Ganzen richtig deutet, die Lebensgeschichte von Asadora erzählen, eines kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in eine kinderreiche japanische Familie hineingeborenen Mädchens. Sind die ersten Seiten noch 2020 angesiedelt (was im Erscheinungsjahr des Originals in sehr naher Zukunft lag und nun auf Deutsch in sehr naher Vergangenheit) und zeigen eine katastrophale Feuersbrunst in Tokio samt der unheimlichen Silhouette eines riesigen Monsters im Rauch, springt dann im restlichen Schwarzweißteil des Mangabandes alles fast sechzig Jahre zurück, ins Jahr 1959 nach Nagoya, in dem gerade ein Orkan tobt. Mitten drin die damals noch kleine Asadora.

Aber nicht lange mittendrin, denn ein heruntergekommener Mann verschleppt sie, weil er in ihr fälschlicherweise das Kind wohlhabender Leute vermutet und Lösegeld erpressen will, um sich eine Fluglizenz leisten zu können. Wer kurzfristig Kindesmissbrauch als Motiv befürchtet haben sollte, kann also aufatmen; beim Kidnapper handelt es sich um einen japanischen Weltkriegsveteranen, der sich nur in der Pilotenkanzel zu Hause fühlt.

Ich mag keine Fliegercomics, ich mag keine Erzählungen, wo sich alte Männer und junge Mädchen zusammenraufen, ich mag auch keine endlosen Mangaserien. Immerhin kannte ich den Schöpfer von „Asadora!“, Naoki Urasawa, als einen Zeichner, der nicht nur ein vieltausendseitiges Werk namens „20th Century Boys“ geschaffen hat (mit dem ich nicht warm wurde) , sondern vor einigen Jahren auch ein Motiv des Manga-Gottes Osamu Tetsuka zu einer originellen eigenen Miniserie (so etwas mag ich) gemacht hatte: „Pluto“, bei der Tetsuka immer noch als Szenarist genannt wurde, obwohl er längst tot war. Urasawa versteht es, seine Meister zu ehren.

Und bald merkt man, dass er im ersten Band von „Asadora!“ von einem Meister erzählt, obwohl der zerlumpte, vom Leben gezeichnete Entführer namens Kasuga zunächst nicht einmal den geringsten Anschein erweckt, mehr zu sein als ein Loser. Doch dann löst der Orkan eine Flutwelle aus, die Nagoya überschwemmt, und plötzlich sehen sich Entführer und Entführte gemeinsam einer humanitären Notlage gegenüber, bei der es ja nach eigenen Fähigkeiten anzupacken gilt – Asadora kann wie der Wind laufen, Kasuga wie der Teufel fliegen.

Und Urasawa kann zeichnen wie nur wenige. Um nicht zu sagen, wie derzeit kein anderer Mangaka, nämlich nur in Maßen expressiv – in jenen Maßen, die für einen westlich sozialisierten Comicleser wie mich seine Geschichte höchst attraktiv machen. Leider ist der japanische Lizengeber prohibitiv, was leseproben angeht; am besten kann man sich noch mittels eines kurzen Films über die französische Ausgabe von „Asadora!“ (https://www.kana.fr/produit/asadora-t1-2/) einen Eindruck seines Stils verschaffen. Erzählen kann Urasawa aber auch, und zwar mit allen Tricks: Zeitsprüngen, Parallelisierungen, Digressionen, Ellipsen. Und mit Cliffhängern. Selten hatte ich einen besseren als am Ende des ersten Bandes von „Asadora!“. Und deshalb weiß ich auch schon, dass ich weiterlesen werde.

Denn diese Alter-Flieger-trifft-junges-Mädchen-Manga-Großserie, die mit dem Ende des ersten Bandes gerade mal am nächsten Tag der Handlung angekommen ist, obwohl die eine mehr als sieben Jahrzehnte umfassende Lebensgeschichte erzählen will (und in Japan nach bislang sechs erschienenen Bänden noch mittendrin steckt), ist erstaunlicherweise genau, was ich mag. Auch deshalb, weil ich zwar comicliterarisch westlich sozialisiert bin, aber mythisch-ästhetisch-mentalitätsmäßig japanische Präferenzen habe. Und da hat „Asadora“ unheimlich viel zu bieten. Etwas von dem zu verraten, was sich bereits über den Fortgang der Geschichte andeutet, würde just den Reiz nehmen, den das Buch bei mir entfaltet hat. Nur so viel: Wenn man sich das Titelbild mit seinen wie fernostalgische Schnappschüsse arrangierten anheimelnden Bildern ansieht, wird man auf eine ganz falsche Spur gesetzt. Hier werden wir nämlich nicht in eine Ozu-Welt entführt, sondern in eine von Honda. Aber das muss nun wirklich reichen, inklusive des mutmaßlichen Missverständnisses bei Nennung des Namens „Honda“.

07. Feb. 2022
von andreasplatthaus

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31. Jan. 2022
von andreasplatthaus

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Menschenliebe im Horror

Der in Berlin arbeitende Zeichner Volker Schlecht ist längst nicht so bekannt, wie es die Präsenz seiner Bilder in Publikationen aller Art – Zeitschriften, Zeitungen, Büchern, jeweils auch international – vermuten ließe. Kein Wunder, publiziert er doch seit zwanzig Jahren vor allem unter dem Namen Drushba Pankow. Das ist die Bezeichnung einer früheren Ateliers- und immer noch über Distanz existierenden Arbeitsgemeinschaft, die neben Schlecht noch Alexandra Kardinar umfasst, ihres Zeichens Professorin für Illustration an der HAW Hamburg, dem akademischen Mekka des deutschsprachigen avantgardistischen Comics. An dem Comic jedoch, um den es hier gehen soll, ist nichts Avantgardistisches.

Doch dazu später. Erst einmal zum Thema des Comics, der sich als Graphic Documentary versteht, also als dokumentarisches Äquivalent zu einer Graphic Novel, deren Bezeichnung ja etwas Fiktionales verheißt. Der Titel verrät, was in Drushba Pankows jüngstem Buch (das übrigens so jung nicht mehr ist, denn es kam bereits vor zweieinhalb Jahren heraus, wird aber gerade mit einer Ausstellung im Frankfurter Haus am Dom gewürdigt, zu dem es auch einen materialreichen Katalog gibt: „Zeichnung und Verantwortung“, Laufzeit bis in den April hinein) Thema ist: „Und wenn die Wahrheit mich vernichtet – Pater Richard Henkes im KZ Dachau“. Der katholische Priester Henkes war 1943 nach regimekritischen Predigten in Schlesien von der Gestapo verhaftet worden; im Februar 1945 starb er im Konzentrationslager Dachau an Typhus, nachdem er sich seelsorgerisch um andere dort erkrankte Häftlinge gekümmert hatte. Vor zwei Jahren wurde Henkes seliggesprochen; aus diesem Anlass gab das Bistum Limburg, in dem Henkes geboren und ordiniert  wurde, bei Drushba Pankow den Comic in Auftrag.

In einer Zeit, in der die katholische Kirche nur zu negativen Schlagzeilen zu taugt, ist die Erinnerung an ein Überzeugungsopfer wie das von Richard Henkes zumindest tröstlich. Zumal es im Comic nicht nur um ihn geht, sondern auch noch um andere von den Nazis festgenommene, bisweilen auch im Lager zu Tode gekommene Priester geht. Aus Dachau allein, das allerdings auch Schwerpunktlager für Geistliche war, sind mehr als 2700 inhaftierte Priester bekannt; etwas mehr als tausend von ihnen starben dort. Schlecht integriert diese Statistik wie einen Infokasten in sein knapp vierzigseitiges Album; und es gibt auch Landkarten, um neben der hochemotionalen Kernerzählung auch sachliche Fakten zu bieten. Der Comic enthält zum Abschluss noch einen langen Anhang mit Nachweisen für all das, was er erzählt hat.

Von einer guten Sache in schlimmer Zeit erzählt er. Das Leben des 1900 geborenen Henkes wird vom Ersten Weltkrieg an erzählt, in dem er zu seiner spirituellen Berufung fand. Eingebettet ist das Geschehen in eine Rahmenhandlung um ein Ehepaar, das anlässlich des Frankfurter Auschwitz-Prozesses von 1963 miteinander über Henkes spricht, den der Ehemann im Konzentrationslager kennengelernt hatte, wo er als junger Offizier eingesetzt war. Man mag die durch die damalige Begegnung später ausgelöste Läuterung des Nazis unmotiviert finden, geschickt ist dieser narrative Ansatz allemal, weil er uns Normallesern nicht nur einen Heiligen, sondern auch einen Sünder zu bieten hat.

Drushba Pankow ist bekannt für expressiv-realistische Bilder und bunte Farben; ihr erster Comic, eine Adaption des „Fräuleins von Scuderi“ von E.T.A. Hoffmann, war vor neun Jahren ein regelrechtes Farbspektakel. Keine Rede davon mehr in der gezeichneten Henkes-Dokumentation. Ursprünglich wollten Kardinar und Schlecht sie sogar schwarzweiß belassen, doch dann schien ihnen das zu nostalgisch-plakativ. Das jetzige Resultat ist eine graublau getönte triste Lagerwelt, in der Rot (für den Winkel auf der Häftlingskleidung des aus politischen Gründen verhafteten Henkes und auch für das Blut, das im Lager fließt, aber zugleich in einer wiederholten Bildmetapher als Blutkreislauf die Energie des Priesters betont) der einzige markante Farbakzent ist. Eine Anschauung gibt die Homepage des Pallotti-Verlags, in dem der Comic erschienen ist: https://www.pallottiner.org/publikationen/und-wenn-die-wahrheit-mich-vernichtet_schuelerausgabe/und-wenn-die-wahrheit-mich-vernichtet_schuelerausgabe_blick-ins-buch.pdf. Die Pallottiner sind die katholische Seelsorgegemeinschaft, der Henkes angehörte.

Es sind vor allem die dramatischen Perspektivwechsel von Panel zu Panel, die aber immer wieder eingebunden sind in seitenübergreifende Raster, etwa von Gitterstäben oder Lagergebäuden, die an diesem Comic auffallen. Schlecht ist ein architektonisch denkender Zeichner, in buchstäblichem wie übertragenem Sinne, wie man am Titelbild sehen kann, das aus zwei übereinander gestellten Porträts von Henkes besteht, die den Pater jeweils in derselben Pose und dramaturgischen Konstellation zeigen – nur dass er oben in Soutane vor seiner Gemeindekirche steht und darunter in Häftlingskleidung vor Stacheldraht und Wachturm. Volker Schlecht ruft die Bildervorräte unseres kollektiven Gedächtnisses zur NS-Zeit ab, liefert aber gleichzeitig eine Vielzahl von den meisten sicher unbekannten Details zum Ausnahmezustand des Lageralltags. Und wie gesagt: alles genauestens recherchiert.

Natürlich misst man das Ergebnis am unerreichbaren Vorbild von Art Spiegelmans „Maus“. Aber das ist unfair, denn die persönliche Komponente von Spiegelmans Mischung aus Autobiographie und Geschichtsbuch kann „Und wenn die Wahrheit mich vernichtet“ gar nicht leisten. Eine Seligenvita ist per definitionem keine normale Biographie; sie gehorcht den Gesetzen des entsprechenden kirchlichen Verfahrens. Doch wer meinte, ihn erwartete hier ein unkritisches Werk, der irrt. Denn Henkes selbst zweifelte viel zu sehr an sich und an der Welt, als dass sein Leben und Sterben eine reine Heldengeschichte ergeben könnte. Es ist der Bericht über einen selbstlosen Mann. Das ist mehr als genug.

31. Jan. 2022
von andreasplatthaus

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25. Jan. 2022
von andreasplatthaus

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Auf der Suche nach Trufje

Schon mal die Abenteuer von Kuifje gelesen? Aber sicher, denn so lautet der flämische Name jenes Comic-Helden, den die Deutschen Tim nennen und den sein Schöpfer, der Belgier Georges Remi alias Hergé 1929 auf Französisch „Tintin“ getauft hatte. Da der Abdruckort seiner Erlebnisse eine französische Zeitung war, „Le XXème siècle“ in Brüssel, darf man Tintin als wahren Namen nehmen, aber mit der französischen Sprachwahl verkleinerte sich der belgische Absatzmarkt um die Hälfte, 1940, im heiklen Jahr des deutschen Einmarschs und Hergés beginnender Kollaboration mit den Besatzern, war es dann soweit, dass auch eine flämische Zeitung die Serie ins Programm nahm: „Het Laatste Nieuws“. Doch der Name „Tintin“ wurde erst 1943 geändert: eben in Kuifje. Und so hieß dann von 1946 auch die flämische Ausgabe des neungeschaffenen französischsprachigen Comicmagazins „Tintin“.

Genug der Historie, rein in die Gegenwart. Vor mir liegt ein brandneues kleines quadratisches Buch eines belgischen Winzverlags: La 5ème Couche. Der beige kartonierte Umschlag mit Leinenrücken sieht aus wie die ersten „Tintin“-Alben, und das Titelbild zeigt ein schwarzweißes Panel, auf dem eine junger Mann in Tropenkleidung, der von einem weißen Hund begleitet wird,  in die Gegend ballert. Herrchen und Hund reden in Sprechblasen – alles wie in „Tim und Struppi“. Und das Motiv ist leicht zu identifizieren: Es handelt sich um eine Variation des dritten Bildes auf der sechzehnten Seite im Album „Tim im Kongo“. So sieht diese Variation aus: https://5c.be/5c_catalogue.html, und leider ist das auch schon alles, was der Verlag an Information zu seiner Publikation anbietet.

Deshalb noch etwas mehr: Der Autor Chanic heißt in Wahrheit Nicolas Chalupa (die Wahl des Pseudonyms entspricht der Vorgehensweise von Remi, der aus den Anfangsbuchstaben seines namens – R und G – das phonetisch ausgeschriebene Hergé macht. Hier dagegen Cha(lupa) und Nic(olas). Weitaus auffälliger ist allerdings die Wahl des Titels: „Trufje“. Dazu muss man wissen, dass es kaum jemand Streitfreudigeren in Sachen Copyrightverletzungen bei Comics gibt als die Fondation Hergé als Inhaberin der Rechte an „Tintin“. Deshalb hat Chalupa ein Bild gewählt, auf dem Tims Gesicht nicht zu sehen ist, und Struppis Gestalt leicht verändert. Und deshalb heißt das Büchlein „Trufje“ eine lautmalerische Anspielung an „Kuifje“ (Franzosen sprechen die Vokale von „Trufje“ ungefähr so aus wie Flamen die von „Kuifje“), aber beginnend mit dem T von „Tintin“. Maximaler Anspielungsreichtum ans Tintin-Universum, ohne juristische Handhabe zu gewähren.

Was steckt nun drin in „Trufje“? Etwas ganze anderes, als man erwarten dürfte. Nämlich ein Comic im Stil des Oubapo (ouvroir de la bande dessinée potentielle), jener nach dem literarischen Vorbild des Oulipo in den neunziger Jahren entstandenen Gruppe avantgardistischer französischer Comiczeichner, die sich für einzelne Geschichten jeweils selbst Beschränkungen auferlegten. Zum Beispiel nur mit Wiederholungen desselben Bildes zu erzählen. Oder so, dass man die Geschichte sowohl von vorne als auch von hinten lesen kann. Oder auch kopfstehend. Mit diesen Herausforderungen tasteten sich die Oubapoeten an die Grenzen ihrer Erzählform heran. Zu ihnen zählen solche Virtuosen wie Lewis Trondheim, Killoffer, Marc-Antoine Mathieu oder als bislang Einfallsreichste von allen Jochen Gerner.

„Trufje“ könnte gut als Oubapo-Arbeit durchgehen, denn hier wird Seite auf Seite auch immer dasselbe Panel wiederholt, allerdings in Text und Zeichnung verändert; als einzige Konstante bleibt die Ballerei. Chalupa lässt den Schützen und seinen Hund durch die Zeiten und durch die Welt reisen: mal wird als Ku-Klux-Klan-Mann geschossen, mal als Indianer. Mal schießt ein Hund, mal ein Comiczeichner, mal werden Pilze abgeschlossen (von einem Schlumpf), mal Bomben (von einem IS-Kämpfer). Die Schussgeräusche verändern sich mit der jeweiligen Situation, manchmal auch mit dem jeweiligen Kulturkreis („barbatruc“ macht das Gewehr im Land von Barbapapa, „blam“ in einem deutschen Schützengraben des Ersten Weltkriegs, „lôv“ in der Hand eines Jesus-Jüngers). Das Ganze ist ein großer zynischer multikultureller Spaß.

Mit fünfzehn Euro für nicht einmal fünfzi Seiten mit ebenso wenigen Bildern allerdings auch ein teurer. Aber man zahlt mutmaßlich das Risiko mit, dass die Fondation Hergé doch noch Chanics „Trufje“ ins Visier und unter Beschuss nimmt, und dann müsste das abgebildete Geräusch im entsprechenden Panel lauten: kling kling kling“, für die ganzen Strafzahlungen, die fällig werden.

25. Jan. 2022
von andreasplatthaus

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18. Jan. 2022
von andreasplatthaus

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Wut will auch weiblich sein

Was heute alles Comic sein will! Vor zehn Jahren musste alles Graphic Novel heißen, doch dann wurde das Bewusstsein dafür geschärft, dass Reisereportagen, Sachgeschichten oder gar Biographien nicht so einfach, wie es das Verlagsmarketing sich vorstellte, unter einem Begriff zu subsumieren war, der übersetzt „Graphischer Roman“ bezeichnete. Auch wenn kaum jemand in der Öffentlichkeit darüber nachdachte – der dummen oder besser gesagt: schlichtweg falschen Anglizismen sind im Deutschen ja kein Ende, siehe nur die bekanntesten Beispiele „Handy“ oder „Home Office“ –, war es manchen Verlegern irgendwann offenbar einfach peinlich.  Mit „Comic“ dagegen konnte man ja kaum mehr danebenliegen, seit das langjährige Odium des Komischen oder Kindlichen die Gattungsbezeichnung mittlerweile verlassen hatte.

Doch nun handelte man sich ein neues Problem ein, denn diverses, was als Comic bezeichnet wurde, war gar keiner. Erstaunlich naiv ging auch eine Institution an die Sache heran, die als eine der versiertesten Propagandistinnen des illustrierten Buchs in Deutschland eigentlich wissen müsste, was sie verlegt: die Büchergilde Gutenberg. Neuestes Beispiel dafür ist ein Buch der Mainzer Illustratorin Anna Geselle, das einen der schönsten Titel trägt, die ich seit langem gelesen habe: „Furiositäten“. Allein: „Ein Comic über weibliche Wut“, wie dann der Untertitel lautet, ist es nicht.

Was ist es dann? Inhaltlich zunächst einmal dies: ein zorniges Plädoyer für Gleichberechtigung, was Wut angeht. Allen dürfte klar sein, dass die Wuttoleranz geschlechtsspezifisch ungleich verteilt ist. Bei Männern mag sie zwar nicht zum guten Ton gehören, aber jedenfalls erwartet werden – Kriegertypen eben. Wütende Frauen dagegen gelten als peinlich, ein zorniger Gefühlsausbruch verträgt sich nicht mit dem gängigen Verständnis von Weiblichkeit. Ein weiterer Aspekt von genderspezifischer Klischeebetrachtung – egal, wie man nun zur Wut selbst steht.

Geselle steht ihr sehr positiv gegenüber, wenn man auch manchmal das Gefühl hat, diese Zustimmung gelte vor allem etwas, das ihr und Ihresgleichen gesellschaftlich verwehrt wird. Aber aus Kultur- und Sozialgeschichte führt sie zahlreiche Beispiele der wohltätigen, jedenfalls wirkmächtigen Wut auf, die mit dazu geführt haben, dass es „a man’s world“ ist und eben nicht auch eine für Frauen. Und das tut sie themengerecht furios. Die eigene Wut über die Wutlosigkeit ist spätestens auf der dritten Seite zu sehen, wenn eine gewaltige Sprechblase einen einzigen langgezogenen Wutschrei über diese Benachteiligung loslässt.

„Sprechblase“ – und das soll dann kein Comic sein? Nein, denn diese schreiende Seite ist in ihrer reinen Textlichkeit typisch für das Gros des 170 Seiten starken kleinformatigen Bands. Hier wird vor allem geschrieben erzählt, zwar per Hand, also klassisch gelettert, aber eben unter weitgehendem Verzicht auf Bilder. 28 Seiten sind reiner Text, weitere 46 enthalten nur jeweils ein einziges – meist vignettenartiges – Bild, Panels gibt es kaum. Von den verbleibenden knapp hundert Seiten könnte man wohl auch bei besten Willen nur die Hälfte als comictypisch bezeichnen, also als Darstellungen sequentieller Art, die Text und Bild ineinander greifen lassen. Ist das ein Nachteil für das Ganze, was wir lesen? Nein. Aber ein Comic ist es nicht.

Die Leseprobe ist zwar originell präsentiert, aber leider weder lesefreundlich noch repräsentativ, obwohl auch sie schon ausreichend deutlich zeigen dürfte, wie hier erzählt wird: https://www.buechergilde.de/detailansicht-neue-navigation-2014/items/furiositaeten_173212.html. Sie zeigt auch, dass Geselle, noch keine dreißig Jahre alt, eine eher konventionelle Graphik für ihre Bilder wählt, die aber durch die inhaltliche und stilistische Anknüpfung an die zwei Generationen ältere Amerikanerin Trina Robbins in der besten Tradition feministischer Comics steht. Nur dass „Furiositäten“ eher ein Bilderbuch ist, dass der mittlerweile guten Reputation wegen Comic genannt werden möchte. Geselle selbst gibt in einem Interview (https://siebenaufeinenstrich.de/anna-geselle-im-interview/) als ihre wichtigsten Einflüsse Tattoos, Filmposter, Plattencover und Reklamezeichnungen an, obwohl sie auch auf ihre große Comicsammlung verweist. Aber die Schwierigkeit, sich vom im besten Sinne plakativen Einzelbild zu lösen und auf einen kontinuierlichen Erzählfluss überzugehen, ist in „Furiositäten“ überall sichtbar. Das Thema taugt ja auch schlecht genug für Letzteres. Ist doch ein Wutausbruch im Regelfall auch eine explosive Momentaufnahme, die nicht auf Dauer anhält.

Interessant ist der gelegentliche Einbruch von Farbe in die Ausbrüche. Der Band ist ganz überwiegend schwarzweißgrau, doch es gibt vor allem zu den Enden der vier Kapitel hin jeweils besonders bilderbuchartige Passagen, in denen allerlei sprechendes Personal aus Eiskugeln, Türen oder Fischen auftritt, das gemeinhin nicht als besonders wortmächtig gilt. Nur ist die Verlebendigung von Gegenständen viel eher Trickfilm- als Comicmerkmal. Oder eben eines der Reklame (etwa die Bonduell-Dosen). Das Schöne an „Furiositäten“ ist, dass der Reichtum der Ausdrucksformen von Schrift über Bild bis zu den (wenigen) Comicelementen ganz in den Dienst der grundlegenden Wut gestellt ist. Der Band „soll wütend machen“, wie Geselle schreibt. Das ist viel verlangt angesichts des eingeflossenen Geschicks. Um allein wütend zu werden, müsste sich das Publikum ganz auf den poelmisch-schnoddrigen Inhalt einlassen und die witzige Form vergessen. Dann wäre wieder ein stinknormales Buch die beste Lösung gewesen. Aber man hätte ein interessantes graphisches Experiment verpasst. Auch wenn das nur Comic genannt werden kann, weil es sich selbst so nennt. Und womöglich ist das auch eine Form von Selbstermächtigung. Wütend macht mich diese Eigenzuschreibung jedenfalls nicht.

18. Jan. 2022
von andreasplatthaus

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10. Jan. 2022
von andreasplatthaus

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Totschlaghumor

Es ist schon sieben Jahre her, dass im Redaktionsbüro von „Charlie Hebdo“ Cartoonisten massakriert wurden – und deren Kollegen. Im Sommer danach richteten Dominik Bauer und Elias Hauck (besser bekannt als Hauck & Bauer) im Berliner Babylon-Kino ein 24-Stunden-Cartoonfestival zur Mahnung und als Selbstbehauptungssignal der von Extremisten bedrohten Kunstform aus. Ich durfte ein paar Stunden davon moderieren. Und andere Teile verfolgte ich aus dem Zuschauerraum mit. Unter anderem auch den Auftritt des österreichischen Cartoonisten Oliver Ottitsch. Und der war sehr gut.

Seitdem verfolge ich sporadisch, wie der 1983 geborene Zeichner weitermacht. Und man darf sagen: radikal. Ottitsch legt immer mehr Scheuklappen ab und geht mit dem Zeichenstift dahin, wo es weh tut. Und in seinem neuesten Buch, „Die Liebe ist stärker als der Tod“ (erschienen im schön benannten Linzer Verlag Scherz & Schund), geht’s ans Eingemachte: Sterben. Aber kein naturgemäßes Wegdämmern im Altersbett oder früheren Krankheitstod, sondern cartoongerecht jenes Sterben, an dem die Menschheit selbst schuld ist: Durch so dumme Angewohnheiten wie Kriegführung, Herrschsucht, Liebesrausch oder Todesstrafe. Vor allem die letztere hat einige der bösartigsten Gags provoziert.

Deshalb die Warnung ans Publikum dieses Blogs: Ottitsch kann ihre Gefühle verletzen, obwohl das Titelbild in Rosa getaucht ist. Und das erste Blatt im Inneren eine Frühlingsszene zeigt, mit dem Titel „Verliebter Samurai“. Der schlitzt sich auf der Zeichnung gerade den Bauch auf, und ein Schwarm Schmetterlinge fliegt heraus. Das ist ein derart boshafter Witz, dass sogar André Franquin, der Großmeister des makabren Humos im Comic – „schwarze Gedanken“ heißt sein unvergänglicher Klassiker – darauf hätte stolz sein können, wenn Belgier denn die entsprechende Redewendung für jemand Verliebten  in ihrem Vokabular hätten. Andererseits hat Franquin selbst mit einem Samurai gehörig vorgelegt, der nach dem Seppuku die eigenen austretenden Gedärme betrachtet und begeistert ausruft: „Guckt mal, ich hab ja Krebs.“ Dieser Zynismus hat mich seinerzeit als Achtzehnjähriger umgehauen.

Heute ist das schwieriger, denn die Grenzen des Drastischen haben sich drastisch verschoben. Ich spare mir Beschreibungen; wer sich einen Eindruck machen will, schaue sich die Leseprobe https://www.scherzundschund.at/assets/Uploads/Ottitsch-LiebeTod-LESEPROBE-ds.pdf an (der Samurai ist auch dabei) – und sage keiner, er wäre nicht gewarnt gewesen. Was man darin aber auch sehen kann, ist die Erklärung dafür, warum Ottitschs Cartoonband überhaupt auf diesem Comic-Blog vorgestellt wird. Es gibt darin Comicsequenzen, teilweise gar über mehrere Seiten hinweg, die längste („Der Fährmann“) ist eine vollwertige Kurzgeschichte von deren sechs, wobei die dritte auf ein einziges Panel verwendet wird, das als verspätete Titelseite der Geschichte dient. Hier können Kenner, wenn sie wollen, an „La déviation“ von Moebius denken (natürlich nur betreffs der Bilddramaturgie, nicht des Zeichenstils oder des Themas), und woanders sieht man den Einfluss von Gary Larson überdeutlich. Doch wer von den Besten lernt, wird selbst immer besser.

Ottitsch hat noch keinen eindeutigen Stil ausgeprägt; ; in „Viva la Vegetation“ treibt es einmal sogar kunterbunt. Das Thema Tod hält die Episoden und Einzelgags eher zusammen als die Gestaltung. Und alles verbindet der Zynismus. Das traut man dem freundlichen jungen Herrn, der uns am Ende der Leseprobe anlächelt, gar nicht zu. Aber Abgründe müssen ja nicht immer gleich ein Grab sein. Obwohl: In Ottitschs Buch sind sie das im Regelfall.

10. Jan. 2022
von andreasplatthaus

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03. Jan. 2022
von andreasplatthaus

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Ein Lenz für diesen Winter

Warum nicht ein Klassiker zum Jahresbeginn? Aber dann gleich Büchners „Lenz“? Eine Novelle also, die zwar immerhin vom Autor selbst vollendet worden ist – selten beim jung gestorbenen Büchner –, aber eben doch mehr als 180 Jahre alt. Was reizt den 1966 geborenen Andreas Eikenrodt daran, aus dieser Vorlage einen Comic zu machen?

Nun, erst einmal die schlichte Tatsache, dass Eikenrodt bereits vor drei Jahren Büchners berühmtestes Werk, das Dramenfragment „Woyzeck“, adaptiert hat. Und zwar ganz ausgezeichnet. Die psychischen Ausnahmezustände des Titel-„Helden“ fasste der Gießener Zeichner in adäquat expressionistische Bilder, die wie ein unentwirrbarer Unbewusstseinsstrom auf den Seiten arrangiert wurden. Und genauso geht Eikenrodt jetzt auch wieder bei „Lenz“ vor. Das passt, denn auch dieser büchnersche Titel-„Held“ ist ja ein Mann im Ausnahmezustand. Und womöglich dürfen wir ja zur Abrundung einer Trilogie noch auf „Dantons Tod“ aus der Feder dieses Zeichners hoffen. Die Edition 52, die in Eikenrodt einen besonders treuen Lieferanten hochinteressanter Comics hat, wäre sicher angetan von einer Fortführung der Beschäftigung.

So sieht das aus in Eikenrodts „Lenz“: https://edition52.de/wp-content/uploads/AE_Lenz_13_21.pdf. Auf den ersten Blick ganz freundlich-harmonisch, auf den zweiten (von der zweiten Beispielseite an) ein graphisches Vexierspiel der Perspektiven und Persönlichkeiten. Natürlich mit Texten aus Büchners Novelle. Sehr viel Text sogar angesichts der recht kurzen Erzählung. Die ja auch nur eine Adaption war von Berichten über den Besuch des Sturm-und-Drang-Dichters Jakob Michael Reinhold Lenz beim elsässischen Pfarrer Johann Friedrich Oberlin im Winter 1778. Ein Besuch, der eine Flucht war. Gerettet wurde Lenz dort nicht, aber Oberlins Fürsorge kaufte ihm noch einmal Lebenszeit. Lenz starb 1792 in Moskau, vergessen. Weiter lebt er vor allem dank Büchners Novelle. So arbeitet sich der Mythos voran in der Zeit. Eikenrodt reicht ihn nun der Zukunft weiter.

Aber es gibt selbstverständlich noch mehr Gründe als nur literarische Traditionsgewährleistung. Ein weiterer mag das hübsche Wortspiel der „graphischen Novelle“ sein, das Eikenrodt für seinen Band gefunden hat. Oder die enthaltenen kunsthistorischen Bezugnahmen auf Arbeiten von solchen artistischen Phantasten wie Hieronymus Bosch (das Titelbild des büchner-eikenrodtschesn „Lenz“!) oder George Grosz (manche Physiognomien). Da werden Caspar David Friedrich zitiert und Munch, biblische Motive und ägyptische Wandmalereien. Oder auch das Plattencover zu Pink Floyds „Dark Side of the Moon“ – witzigerweise in einer Lektion Oberlins zur Farbenlehre. In diesem Comic geht es in vielerlei (und bester) Hinsicht kunterbunt zu.

Viel tiefer will ich gar nicht schürfen, denn eigene Entdeckungen machen den Hauptreiz der Lektüre aus. „Geschriebene Malerei“ nennt Eikenrodt mit Hermann Kurzke Büchners Schreibstil. Er setzt dagegen aber nicht gemalte Schrift, sondern eine Illustration im klassischen Sinne. Das Wort kommt vom lateinischen „beleuchten“. Eikenrodt macht Büchners Sprache sichtbar. Jetzt müssen nur noch genügend Leute hinschauen.

03. Jan. 2022
von andreasplatthaus

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27. Dez. 2021
von andreasplatthaus

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Kunst der Kärglichkeit

Heuer ist die Zeit zwischen den Feiertagen pandemiebedingt noch etwas stillgestellter als sonst, und wer in Ländern oder Kommunen mit besonders strikten Regeln lebt, hat wenig kulturelle Abwechslung außerhalb der eigenen vier Wände. Innerhalb dagegen ist der Vielfalt an Lektüre keine Grenze gesetzt (außer der finanziellen), und einer der schönsten Comics für just diese Tage ist Nadine Redlichs „Stones“, der gerade bei Rotopol erschienen ist, dem Stammverlag der Düsseldorfer Zeichnerin. Der Band erzählt davon, dass selbst kleinste Ereignisse große Begeisterung auslösen können.

Redlichs markanter Minimalismus, wunderbar dokumentiert auf ihrer Homepage http://www.nadineredlich.de, hat hier seinen idealen Gegenstand gefunden: einen Stein. Also ein Gebilde, das noch weit weniger Abwechslung genießt als wir, könnte man meinen. Und so beginnt Redlich mit dem, was sie berühmt gemacht hat: einer Folge von völlig identischen Panels, bis es dann zu einer winzigen Veränderung kommt. Der Stein öffnet die Augen.

Augen bei einem Stein? Ja, Redlich belebt das Unbelebteste, was man sich vorstellen kann, und das wichtigste Mittel dazu sind natürlich Augen. Mehr als die, eine winzige Nase und einen Mund braucht der Stein gar nicht, um Persönlichkeit zu entfalten. Auch seine Umgebung ist immer gleich: eine Horizontlinie, die grüne Wiese und blauen Himmel trennt. Aber auf dieser kargen Bühne ist die Hölle los. Die sechs Seiten aus der Leseprobe werden es belegen: http://www.rotopolpress.de/produkte/stones.

Naja, zumindest die Hölle für den Stein. Der sieht ja schon in der Fähigkeit, mit den Augen zu rollen, eine echte Sensation. Darauf verwendet Redlich zwei ganze Seiten und somit zwölf Panels, denn natürlich ist auch die Seitenarchitektur immer identisch. „Here comes my favourite thing to do“, kündigt der Stein diese Vorführung an. Ja, er spricht Englisch (was ihn noch etwas allgemeingültiger macht), leicht verständlich ist er trotzdem. Polyglotte Kompetenz beweist er mit einem französischen Ausruf beim Anblick eines Gürteltiers: „Quelle performance subtile!“ Aus diesem Sprachwechsel muss man seine Ekstase angesichts des sich erst eingerollt vorbeibewegenden und dann entfaltenden Lebewesens ableiten. Was für eine Vielzahl an Ausdrucksmöglichkeiten Redlich ihrem Stein auch über seine recht spärlichen Äußerungen verschafft, ist bemerkenswert. Das geht von Publikumsbeschimpfung über Wortspiele bis zu rhetorischen Fragen.

Warum heißt der Band „Stones“, spricht also von Mehrzahl? Auch das ist ein subtiler Trick, denn wir dürfen nicht einmal sicher sein, dass es sich jeweils um denselben Stein handelt, auch wenn unsere Lesegewohnheiten das suggerieren. Die völlige Austauschbarkeit ihres Protagonisten ist Programm. Auf etwas mehr als siebzig Seiten wird der Stein/werden die Steine mit ständig neuen Eindrücken konfrontiert (soweit man bei einem Stein von „Eindrücken“ sprechen kann; er selbst nimmt/sie selbst nehmen Redewendungen gerne wörtlich). Aus der Rolle fällt er/fallen sie nie: keine Dialoge mit der Umgebung, nur mit uns als Betrachtern – da wird die vierte Wand munter eingerissen. Auch die Handlungszeit ist bis auf ein zwei Ausnahmen aufgehoben. Wie lange es dauert, bis der Stein von einer Schnecke überquert worden ist („At first I felt disgusted, but then connected“), muss man für sich selbst entscheiden. Der Tritt mit einem Wanderstiefel, der den Stein (der sich hier eher als Kiesel entpuppt) aus den Panels herauskickt, bis er nach einer vollkommen entsteinten Doppelseite wieder hineinfliegt, kann man dagegen in eine vertraute Chronologie einordnen. Trotzdem könnte der rasch zu lesende Comic leicht Millionen von Jahren abdecken. Was wissen wir denn, wie lange ein Stein auf Sensationen warten muss?

Wir dagegen blättern atemlos um, denn Redlich hat ihre Kunst der Kärglichkeit hier auf die Spitze getrieben und gerade dadurch einen wunderbar witzigen Comic geschaffen. Dessen simple Form könnte dazu verleiten anzunehmen, das könnte man auch selbst. O nein, so etwas kann nur Nadine Redlich. Mit ihrem Band allen da draußen in oder außerhalb der vier Wände ein gutes neues Jahr!

27. Dez. 2021
von andreasplatthaus

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20. Dez. 2021
von andreasplatthaus

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Japan, comme il faut

Es ist Japanzeit im europäischen Comic. Nicht, weil heute hier so viele Manga gelesen werden – das ist mittlerweile schon seit zwanzig Jahren so. Nein, mit dem italienischen Zeichner Igort gibt es jemanden, der dort gearbeitet, sich in die Kultur des Landes verliebt hat (nicht in die brutale Arbeitskultur der Mangaka, aber in alles andere, auch ins Abgründige) und darüber nimmermüde erzählt. Bei Reprodukt ist gerade der dritte und angeblich letzte Teil seiner „Berichte aus Japan“ herausgekommen, mit denen er sich auf die Spur seiner fernöstlichen Vorbilder begeben hat: „Moga, Mobo, Monster“ lautet der Untertitel. Und diesmal ist das Abgründige besonders prominent vertreten. Ich sage nur: Yoshitoshi, Oder Seiu. Ersterer ist der Meister des Makabren im Holzschnitt, Letzterer der Begründer der japanischen erotischen Fesselkunst.

Aber wir gehen auf Weihnachten zu, und dies hier ist ein braves Blog, also bildet es beides nicht ab und empfiehlt Igorts neue Buch den Liebhabern des Abseitigen und mutigen Beschenkern. Eigentlich soll es auch gar nicht um Igort gehen, sondern um einen weiteren neuen westlichen Japan-Comic: „La jeune femme et la mer“ (Die junge Frau und das Meer), gerade in Frankreich bei Dargaud erschienen und von März 2022 an auch auf Deutsch zu haben. Der Carlsen Verlag hat sich also beeilt, und daran tut er gut. Denn gezeichnet hat den Comic Catherine Meurisse, die dabei ist, zum weiblichen Superstar in Frankreich zu werden. Nein, sie ist es schon; wer als zweite Frau des Metiers nach Claire Brétecher im Centre Pompidou ausgestellt wird, hat den Gipfel bereits erreicht. Und mit „La jeune femme et la mer“ wird sich Meurisses Ruf nur weiter festigen.

Ihr Ruf als exzellente Künstlerin und als große Humoristin. Zunächst zum zweiten Punkt. Catherine Meurisse ist eine sowohl hellsichtige Beobachterin als auch eine souveräne Selbstironikerin. Sie arbeitete für „Charlie Hebdo“ und entging dem Massaker an der Redaktion von 2015 nur deshalb, weil sie zu spät zu der Redaktionssitzung kam, auf der ihre Kollegen ermordet wurden. Danach verließ sie das Magazin und zeichnete „Die Leichtigkeit“: als Verarbeitung des Attentats und ihres Wegs zurück in etwas, das wohl nie mehr als Normalität bezeichnet werden kann. Und man konnte nur staunen: Neben allem Pathos war dieser Comic auch sehr klug. Und witzig trotz dem ernsten Thema. Die Comicwelt lag Meurisse zu Füßen.

Danach kam mit „Weites Land“ eine brillante Geschichte ihrer Jugend, die ein ganzes Panorama französischer Ländlichkeit und Landschaftsmalerei entfaltete, und – bislang leider unübersetzt – „Delacroix“, eine grandiose Hommage an den berühmten Maler, für die sich Meurisse der Erinnerungen von Alexandre Dumas an seinen Freund bediente. Vor allem aber zeigte sie, was sie alles zeichnen kann; Stilprobleme kennt diese Künstlerin nicht. Und nun eben der Japan-Band, beruhend auf einem mehrmonatigen Aufenthalt im Jahr 2018 in der vom französischen Staat mitfinanzierten Künstlerresidenz Villa Kujoyama (Präfektur Kyoto).

Sehnsucht wird wach, wenn man die Impressionen von Meurisse betrachtet, denn nach Japan wird man so rasch in Pandemiezeiten wohl nicht kommen. Und die Bilder dieses Comics (Leseprobe: https://www.dargaud.com/bd-en-ligne/la-jeune-femme-et-la-mer/11016/3137d57fb1513ee7731d7a7a77102263) sprechen von der großen Faszination, die die prominente Stipendiatin dort ergriffen hat. Selbstironisch ist Meurisse wieder; alle Klischees über eine Japanreisende werden hier von ihr bedient, aber auch die Japaner bekommen ihr Fett weg. Zudem bedient sich Meurisse eines Romans von Natsume Soseki, „Das Graskissenbuch“ von 1906, als Inspiration. Und genauso wie in der literarischen Konstruktion mischt sie auch in ihrer Graphik fernöstliche und französische Einflüsse. Gerade die immer wieder eingestreuten ganzseitigen Bilder zitieren die Ukiyo-e-Ästhetik von Meistern wie Hokusai, Hiroshige oder Hasui. Und gleich die Auftaktseite mit der Ankunft der Zeichnerin ist wie aus einem Manga von Shigeru Mizuki entnommen. Das detailreiche Panel ginge aber auch als Filmstill aus einem Anime von Hayao Miyazaki durch. Während die kleinteiliger gebauten Seitenarchitekturen vor allem das große Vorbild Sempé verraten.

Das alles ist derart klug und so scharfsichtig erzählt, dass man nur staunen kann über die Souveränität, mit der Catherine Meurisse hier über Kunst und Literatur verfügt. „La jeune femme et la mer“ ist ein Meisterwerk und ein Meilenstein – nicht nur in ihrem Schaffen. Das steht schon jetzt fest. Die deutsche Ausgabe kann man blind vorbestellen und dann einen Geschenkgutschein unter den Weihnachtsbaum legen. Oder gleich die französische Originalausgabe bestellen, denn schon Hinschauen tut gut. Es gibt auch eine (teure) Vorzugsausgabe, die alle Seiten von Meurisse in Schwarzweiß reproduziert, wodurch ihre Tuschekunst noch besser zur Geltung kommt. Allerdings besteht Gefahr, dass das zugedachte Geschenk dann doch im eigenen Regal landet. Frohe Festtage!

20. Dez. 2021
von andreasplatthaus

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12. Dez. 2021
von andreasplatthaus

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Aus Trauer entsteht ein erzählerischer Triumph

Vor acht oder gar neun Jahren, jedenfalls zu lange her, als dass ich mich an den genauen Zeitpunkt erinnern könnte, kam beim Kasseler Rotopol Verlag der Debütband eines Comiczeichners heraus, der – wie die meisten Rotopol-Autoren – in Kassel bei Hendrik Dorgathen studiert hatte, allerdings danch bei Atak in Halle abgeschlossen hatte. Das Resultat sah erstaunlicherweise weder nach Atak noch nach Dorgathen aus, aber Toleranz gegenüber anderen graphischen Stilen zeichnet beide Künstler aus, und deshalb sind aus ihren Illustrationsklassen einige der interessantesten deutschen Comiczeichner hervorgegangen. Dass einer davon beide Klassen durchlaufen hat, ist dagegen selten.

„Reprobus“ hieß der Band damals, und er erzählte eine Christophorus-Geschichte mit starken archaischen Zügen in der Bildgestaltung und etlichen inhaltlichen Verweisen auf Mythologie und eben Religion. So etwas hatte es selten im hiesigen Comicschaffen gegeben, international muss man David B. wohl als das wichtigste Vorbild nenne, womöglich auch Marjane Satrapi – aber was bei den beiden Franzosen schwarzweiß ist, legte Färber monochrom an, in einem mystischen Blaugrau, das die Geschichte genauso prägte wie die kantigen Zeichnungen.

Danach hatte ich nichts mehr von Markus Färber gehört, doch da der Band in meinen Regalen einen festen Platz hat, ist „Reprobus“ immer wieder von mir konsultiert worden – und sein Schöpfer nach einigen Jahren erfolglosen Wartens auf einen Nachfolgecomic abgetan als One-Hit-Wonder. Was mir entging, war ein Wissenschaftscomic im Auftrag der Bundesregierung aus Färbers Feder (geschrieben von Philipp Schrögel) mit dem eher abschreckenden Titel „Geschichten aus der Zukunft: Meere & Ozeane“, publiziert im „Wissenschaftsjahr“ 2016/17. Der Homepage von Färber entnehme ich, dass dieser Band eher bunt ausgefallen war: https://markusfaerber.de/comics-1.

Doch jetzt, acht oder neun Jahre nach dem Erstling (auch andere wissen es nicht genau: Der Verlag sagt neun Jahre, Markus Färber behauptet nur acht) hat Rotopol einen weiteren Band herausgebracht: „Fürchtetal“. Wieder ist Färber nur Zeichner, der Text stammt von seiner älteren Schwester Christine Färber. Diese Zusammenarbeit hat einen traurigen Anlass: den Tod des Vaters durch Suizid, offenbar überraschend für die Familie. Darum geht es in „Fürchtetal“, aber mit einem autofiktionalen Buch wie bei etlichen andren Autoren in Belletristik und Comic hat das Ergebnis nichts zu tun.

Das zeigt sich schon daran, dass Christine Färber eine poetische Beschreibung für den Schrecken gefunden hat, ohne dadurch irgendetwas zu beschönigen. Einzelne Sätze wiederholen sich bei der Beschreibung eines letzten Besuchs im Krankenhaus, wo der Vater mit Angstschüben eingeliefert wurde, und dessen Verwirrtheit wird im Text aufgehoben, der selbst nicht stringent erzählt, sondern assoziativ.

Und das ist natürlich eine Basis für die Interpretation durch Bilder, die dann Markus Färber geleistet hat. Schwarzweiß ist diesmal alles, oder besser grauweiß, denn es ist mit breitem Pinsel meist dünn aquarelliert worden. Wie schon bei „Reprobus“ gibt es an entscheidenden Stellen plötzlich bloße Linienzeichnungen, di eine abstrahierende Distanz zum Geschehen bieten. Und auch der Vater selbst ist mehr über Attribute wie seinen markanten Schnauzbart als Figur präsent denn als voll ausgearbeitete Figur. Da hat Markus Färber etwas wirklich Beachtliches geleistet. Bei einer Bildmetapher, die den Vater als Vogel zeigt, würde ich übrigens gerne wissen, ob Färber die Donald-Duck-Geschichte „Das Geheimnis der Eisenbahnaktien“ von Carl Barks kennt. Die Gestalt des Vogels kam mir aus diesem Kontext sehr bekannt vor.

Es gibt in der Mitte der Geschichte eine drucktechnische Besonderheit: eine Ausklappdoppelseite, die zusammengefaltet eine Art Spielplan des heimatlichen-unheimlichen Handlungsorts rund um das titelgebende Fürchtetal bietet. Natürlich ist das ein Abbild der inneren Landkarte des tieftraurigen Vaters, eine Wegbeschreibung ins Nichts. Und ausgefaltet bekommt man zu den numerierten Stationen dieser Via dolorosa biographische Erläuterungen, mit denen uns Christine Färber in die eigene Vergangenheit führt. Etwas Vergleichbares habe ich als Idee noch nicht im Comic gesehen.

So wird aus einer traurigen Geschichte eine höchst intelligente Zwiesprache von Text und Bild. Was Christine Färber nicht sagt, zeichnet Markus. Was Markus Färber nicht zeigt, beschreibt Christine. Und bisweilen, in den besten Momenten, schweigen beide in ihren jeweiligen Erzählformen. Da bleibt dann Raum für eigene Vorstellungen von dem Verlust, dem Erschrecken, der Trauer, aber auch dem gewissen Trost, den diese Weise des gemeinsamen Erinnerns bedeutet haben wird. Sie entspricht in den Auslassungen dem strukturellen Prinzip des Comics, seinen Zwischenräumen und erzwungenen Pausen. Das sind dann jeweils Erinnerungspausen an das, was im Bild zuvor war – um das nächste zu verstehen. Genauso arbeitet „Fürchtetal“. Man könnte dieses Buch ein großes Memorial nennen.

 

12. Dez. 2021
von andreasplatthaus

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07. Dez. 2021
von andreasplatthaus

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Der Sündenfall des Predigers

Warum nicht gleich noch einmal nach Afrika, wo wir doch letzte Woche schon mit „Toubab im Senegal“ waren? Aber es geht einige hundert Kilometer die Westküte entlang nach Südosten, bis nach Liberia. Wie viele Einwohner die dortige Hafenstadt Lagos hat, ist nicht bekannt. Man schätzt deren Zahl auf vierzehn Millionen; auf dem afrikanischen Kontinent wäre sie damit nach  Kairo die zweitgrößte Metropole. Und zahllos sind auch die Geschichten, die es aus einem solchen Moloch zu erzählen gibt. Wobei wir Europäer nur wenige davon kennen, und die handeln meist von Gewalt, Korruption oder Umweltverschmutzung. Und wenn uns noch ein Schlagwort generell zu Nigeria einfallen sollte, dürfte es „Boko Haram“ lauten.

In Lagos residiert aber auch ein Goethe Institut, und das hat im Rahmen des von der Kulturstiftung des Bundes unterstützten Projekts „Afrocomics“ eine Graphic Novel in Auftrag gegeben: bei Elnathan John, einem renommierten nigerianischen Schriftsteller, und dem in Lagos lebenden Zeichner Àlàbá Ònájin. Als Ortskundige nehmen sie uns in Stadtteile mit, die nicht den Erwartungen eines europäischen Publikums entsprechen. Und das macht den Unterschied zu Patrick Bonatos „Toubab im Senegal“ aus: Hier wird die Perspektive konsequente gewechselt, nicht nur wie beim Schweizer Zeichner Bonato die sonst gängige westliche Betrachtungsweise.

Schon der Titel des nun beim Avant Verlag erschienenen Comics macht es klar: „Lagos – Leben in Suburbia“. Dort in der Vorstadt, in der properen Ayaji Crowther Street, lebt die fünfköpfige Familie Akpoborie. Ihr Haus ist von hohen Mauern umgeben, sie beschäftigt ein Hausmädchen, und die drei mittlerweile erwachsenen Kinder haben eine weitgehend sorglose Jugend hinter sich. Hier wird nigerianisches Bürgertum porträtiert – keine große Gruppe im Land, aber eine, die ihr Leben nach westlichem Standard ausrichtet. Mittlerweile auch in Sachen Liebesleben: Die ältere Tochter Mary ist lesbisch, der Sohn Godstime schwul, die jüngere Tochter Keturah klassisch heterosexuell, aber vorehelich abenteuerlustig.

Alle diese Neigungen treffen bei den Eltern nicht auf Gegenliebe, denn Vater Apkoborie ist Pastor der „Reformed end-time ministries,“ einer evangelikalen Gemeinde in Lagos, die ganz im Banne seiner charismatischen Predigten steht. Allerdings ist er selbst den christlichen Geboten genauso untreu wie seine Kinder, bedenkenlos macht er sich an das junge Hausmädchen heran. Doch seine Gattin, eine Matrone, die zu Hause die Hosen an hat, merkt nichts.

Diese Konstellation mit ihrem sozialen Zündstoff erinnert an brasilianische Telenovelas, und tatsächlich sind diese Soap-Serien in Nigeria sehr beliebt; Elnathan John bekennt sich denn auch offen zu ihren Einfluss auf sein Szenario. Dadurch kommen in „Lagos – Leben in Suburbia“ zwei Erzählformen zusammen: Fernsehserie und Comic, und dass dabei letztere nicht unter die Räder kommt, dafür sorgt Àlàbá Ònájin, der mit „Tim und Struppi“ und „Asterix“ aufgewachsen ist (es hat ihm erkennbar nicht geschadet) und unter deren Einfluss in seinen Bildern von Lagos einen europäischen Look hervorbringt, wie es vor anderthalb Jahrzehnten schon der französische Comiczeichner Clément Oubrerie bei der Umsetzung der von der ivorischen Autorin Marguerite Abouet verfassten Geschichten um das afrikanische Mädchen Aya getan hat. In der Leseprobe des Avant Verlags kann man sich das ansehen: https://www.avant-verlag.de/comics/lagos-leben-in-suburbia/.

„Aya“ war der erste weltweit erfolgreiche Comic, der vom Leben in Afrika erzählte. „Lagos“ hat den Anspruch, der zweite zu werden; auf Englisch kam er schon vor zwei Jahren heraus. Doch die Förderung durch das Goethe Institut hat ihren Preis: Eine überflüssige Reise nach Hamburg ist in die Handlung integriert, und das Ganze geht schon arg harmonisch aus. Aber bis es soweit ist, hat man auf mehr als zweihundert Seiten manches über den Alltag von Lagos erfahren können.

Veranschaulicht wird der über eher beiläufige Aspekte der Geschichte. Da ist etwa das Verständigungsproblem zwischen Yoruba sprechenden Menschen aus der Unterschicht von Lagos und flüssig englisch parlierenden nigerianischen Aufsteigern – noch verschärft durch ein aus nur scheinbar vermittelndes Pidgin. „Nee, ernsthaft, kein Betrug. Alles ganz sauber. Person dey grow pass some things now“, beschwichtigt der bauernschlaue jüngere Bruder des Pastors seine misstrauische Schwester – er sei seiner obskuren Vergangenheit entwachsen. Aber in solchem Aufeinandertreffen von Deutsch und gebrochenem Englisch klafft zu viel auseinander; in der Originalversion des Comics ist der Übergang von sauber gesprochenem zu dialektal gefärbtem Englisch fließend. Man kann der Übersetzerin Lilian Pithan diesbezüglich keinen Vorwurf machen, aber der dialogreich konzipierte Comic büßt in seiner deutschen Version drastisch an Natürlichkeit ein.

Dafür ist das Gemeindeleben von Reverend Apkobories Kirche mit all der Bigotterie ihres Hirten eine Quelle nie versiegenden Vergnügens bei der Lektüre. „Ich erzähl dir mal was von Gott“, protzt der Pastor: „Wenn du erstmal so weit bist wie ich, wird dir die Gnade zuteil, Dinge tu tun, die andere nicht tun können.“ Seine Wunderheilungen jedoch werden auf Bestellung von Kleinganoven gemimt. Und die rechte Hand des Pastors findet dann ausgerechnet über die Liebe zur Tochter seines Chefs zur Befreiung von dessen üblem Einfluss.

Lagos wird in diesem Comic weniger als Millionenstadt, denn als Mikrokosmos rund um die Pastorenfamilie präsentiert. Im Original heißt der Band denn auch weitaus bescheidener „On Ajayi Crowther Street“ – wobei man wissen muss, dass der Namensgeber dieser fiktiven Straße ein nigerianischer Bischof des neunzehnten Jahrhunderts war, der die britische Kolonialherrschaft bekämpfte. Die moralische Diskrepanz zwischen dem historischen Gottesmann und seinem modernen Kollegen Apkoborie ist für nigerianische Leser klar; deutsche hätten da ein Nachwort brauchen können. Aber für einen Einblick ins heutige Nigeria ist dieser Comic allemal gut – zwar nicht jenseits von Klischees, aber ohne solche, die aus „Erster Welt“-Arroganz entstehen. In Nigeria, das zeigt die Lektüre, erzählt man mit einem Unterhaltungsbedürfnis, das dem unseren entspricht. Und dem Klischee von nackter Verzweiflung im dortigen Alltag widerspricht.

07. Dez. 2021
von andreasplatthaus

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29. Nov. 2021
von andreasplatthaus

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Weißer Mann ist nicht gleich weiser Mann

Einen rätselhafteren Buchtitel habe ich lange nicht mehr gesehen: „Toubab im Senegal“. Den Senegal kenne ich, zwar nicht aus eigener Anschauung, aber als westafrikanischen Staat. Aber „Toubab“? Die Frage klärt sich jedoch rasch, schon im Vorwort des senegalesischen Schriftstellers Louis Camara: Der Begriff bezeichnet auf Wolof (der im Senegal meistverwendeten Sprache) einen Weißen. Ursprünglich wurde damit ein Weiser bezeichnet, und die europäischen Kolonisatoren kamen den Einwohnern des Senegal anfangs so klug vor, dass das Wort auf sie übertragen wurde. Aber die Erfahrungen waren dann derart, dass man ihn heute eher spöttisch gebraucht, wenn er Weißen und nicht Weisen gilt. Und so wurde er auch auf Patrick Bonato angewendet.

Der 1983 geborene Schweizer Zeichner hielt sich über den Jahreswechsel 2016/17 drei Monate im Senegal auf, in der Waaw-Künstlerresidenz von Saint-Louis, der ehedem bedeutendsten Stadt des Landes. Heute darf Dakar Anspruch auf diese Bezeichnung erheben, aber in Dakar hatte sich Bonato auf Anraten seiner Gastgeber erst einmal nicht umgeschaut – das Risiko eines Kulturschocks sei zu groß. Wie man dem Comic „Toubab im Senegal“, der von den Erfahrungen des Zeichners während seines Aufenthalts erzählt, entnehmen kann, war diese Warnung nur zu berechtigt. Nicht, weil Dakar dann doch noch eine Rolle spielte, sondern weil schon das offenbar beschauliche Saint-Louis dem Besucher genug Anlass zur Befremdung bot.

Nun könnte der Eindruck entstehen, Patrick Bonato hätte sich in typisch europäischer Ignoranz dem Leben seines Gastlandes verweigert, aber er ließ sich vielmehr intensiv darauf ein. Soweit das sein verschüttetes Französisch aus Schweizer Schulzeiten zuließ (Französisch ist – kolonial bedingt – die Verkehrssprache im multiethnischen Senegal), und dessen Niveau führt Bonato im Comic recht drastisch vor Augen, indem er sein Alter Ego ein ziemliches Kauderwelsch ohne größere Rücksichten auf Syntax und Semantik sprechen lässt. Der Weiße im Senegal tritt hier tatsächlich konsequent als törichter Toubab auf. Der sonst oft arrogante westliche Blick auf afrikanisches Leben wird umgedreht: Patrick Bonato fühlt sich hilflos unterlegen.

Dass es so lange gedauert hat, bis aus den Erlebnissen der Künstlerresidenzzeit dieser Comic reifte, hat seinen Grund sicher nicht im Unwohlsein seines Autors über das Geschilderte. Vielmehr macht die Selbstironie des Porträts dieses chweinchenrosa porträtierten linkischen Brillenträgers (der äußerlich nicht allzu viel mit dem realen Bonato zu tun hat, aber eben mit ihm Name und Erfahrungen teilt) großen Spaß. Und da es keine falschen Rücksichtnahmen bei der Schilderung der Verhaltensweisen mancher senegalesischen Bekanntschaften gibt, treffen hier scheinbare Klischeevorstellungen aufeinander, die sich bei der Lektüre jedoch als geradezu hinterhältig reflektiert erweisen. Denn vordergründig hat Patrick Bonato einen Zeichenstil gewählt, der bewusst an Hergés „Tim und Struppi“ angelehnt ist, also einem mittlerweile ständig als kolonialistisch verfemten Comic-Klassiker. So sieht das dann in der Leseprobe des Luftschacht Verlags aus: https://www.luftschacht.com/produkt/patrick-bonato-toubab-im-senegal/. Oder noch etwas reichhaltiger, aber in arg schnellem Bildwechsel präsentiert, auf der Homepage des Zeichners: http://home.patrickbonato.com/Toubab-im-Senegal.

Überhaupt ist „Toubab im Senegal“ als ganz klassisch inspirierter Comic aufgemacht: großes Albenformat und Seitenarchitekturen, die sich an der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts orientieren – ein modernes Vorbild für diese Übernahmen mag der belgische Zeichner Olivier Schrauwen gewesen sein, wofür auch die blass angelegten Farben bei Bonato sprechen. Es gibt aber in „Toubab im Senegal“ auch unglaublich einfallsreiche Brüche mit der Tradition, so etwa die bisweilen eingeschobenen doppelseitigen Einzelzeichnungen oder eine weitere Doppelseite, auf der sich nebeneinander vierzig Köpfe finden, um die Verwirrung zu verdeutlichen, die der Patrick des Buchs bei einer Einladung zu einer senegalesischen Familienfeier mit zahlreichen Teilnehmern empfindet.

Reiseschilderungen der Art, wie Bonato sie hier gezeichnet hat, sind nichts Neues. Seit die Künstler des französischen Verlags „L’Association“ vor fast einem Vierteljahrhundert nach Ägypten gereist waren und aus ihren Beobachtungen einen sowohl grandios komischen als auch höchst informativen Sammelband („L’Association en Égypte“, erschienen 1998) gemacht hatten, kann man geradezu von einem Boom der Reisereportagecomics sprechen. Wunderbare Vertreter dieses Genres sind etwa Olivier Kugler, Sebastian Lörscher oder Jens Harder, um nur ein paar deutsche Vertreter zu nennen.  Man sieht aber auch gleich: Frauen machen sich rar auf diesem Feld. Die Amerikanerin Sarah Glidden wäre als markante Ausnahme zu nennen. Doch ihr fehlt die Komik, die Patrick Bonatos Band auszeichnet (oder auch die Arbeiten von Lörscher).

Und die braucht es, um mit wechselseitigen kulturellen Missverständnissen so umzugehen, dass weder Beifall von der falschen Seite droht noch Verdammung durch diejenige, die sich für die richtige hält. Luftschacht ist mit seinem kleinen, aber feinen Comic-Programmsegment der geeignete Ort für eine solche Geschichte. In einem Großverlag könnte man so etwas wohl kaum mehr unterbringen. Was für ein Jammer! Denn wir brauchen solche Bücher derzeit mehr denn je. Gar nicht aus (identitäts)politischen Gründen, sondern weil über die Neugier auf Einblicke in den Senegal hinaus beim Lesen auch unvermeidlich Wehmut darüber eintritt, dass man selbst bei dem nötigen Wagemut zu einer solchen Reise derzeit gar nicht ins Land käme. Der Senegal hat pandemiebedingt seine Grenzen geschlossen. Schlimm für die dortige Ökonomie, aber weise. „Toubab“ könnte somit nun auch ganz unironisch auf die eigenen Leute angewendet werden.

 

P.S.: Einen Tag nach Lektüre von „Toubab im Senegal“ lese ich endlich den Auftaktband zu einer neuen Comicserie von Riad Sattouf, „Le jeune acteur“. Dazu später einmal an dieser Stelle mehr. Aber was mir da begegnet, ist im Jargon französischer Jugendlicher das Wort „Babtou“ für einen Weißen. Wie in Frankreich üblich, hat man dafür die Silben von Toubab vertauscht (so wie aus „Beure“ für einen Nordafrikaner im Jugendjargon dann „Rabeu“ geworden ist). Ohne Bonatos Band hätte ich das nicht verstanden. Comics, aus denen man für andere Comics lernt – was will man mehr?

29. Nov. 2021
von andreasplatthaus

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24. Nov. 2021
von andreasplatthaus

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Faschisten schlagen, wo es geht? Wie geht das?

Dass sein jüngster Comicband “Save It for Later” keine zwei Monate nach der amerikanischen Publikation schon auf Deutsch erscheint, ist Nate Powell eine eigene Bemerkung auf seiner Homepage https://www.seemybrotherdance.org/ wert. Aber nicht des Tempos wegen, das der Carlsen Verlag und der Übersetzer Christian Langhagen hier vorlegten (was der Lösung von englischem Satzbau in der deutschen Version nicht gut bekommen ist), sondern weil Powell es bemerkenswert findet, dass ein Comic, der sich mit den Gefahren von wiederauflebendem Faschismus und bedrohter Demokratie in den Vereinigten Staaten befasst, nun ausgerechnet auch in Deutschland herauskommt, das nolens volens immer noch die historische Blaupause für diese Entwicklungen abgibt. „Both an extreme honor and nervewrecking“ nennt Powell diese Erfahrung.

Was die Nervenanspannung betrifft, weiß Powell, wovon er spricht. Der ganze Band dokumentiert eine einzige Nervenprobe für seinen Zeichner. Als Donald Trump 2016 gewählt wurde, war der 1978 geborene Powell gerade zum zweiten Mal Vater geworden. Seiner ersten, auch noch im Vorschulalter befindlichen Tochter musste er vor deren Zubettgehen am Wahltag versichern, dass „der Böse“ schon nicht gewinnen werde; wenn sie aufwache, werde zum ersten Mal in der amerikanischen Geschichte eine Frau ins höchste Staatsamt gewählt sein. Es kam bekanntlich anders, und von dem Schock darüber hat Powell sich erkennbar über mehrere Jahre hinweg nur langsam erholt.

Darüber erzählt er schonungslos. Und vom mühsamen Weg zurück ins normale Leben – zumindest das des Autors, denn sein Comic wurde abgeschlossen, als Trump noch immer Präsident war. „Save It for Later“ ist ein aktivistisches Manifest, mit allen Einseitigkeiten, die eine solche literarische Form verlangt: Schwarzweißmalerei (obwohl die einzelnen Kapitel jeweils einzelne Zusatzfarben aufweisen), Pathos (Leitbilder durchs Geschehen sind handgefertigte Protestschilder der Familie Powell, mit der sie auf den Straßen entlangmarschieren, um gegen die Politik der Trump-Regierung zu demonstrieren) und Dramatisierung (zwischen Demokratie oder Faschismus steht da gar nichts zur Wahl; wenn ein Trump-Befürworter auf dem Markt der Universitätsstadt Bloomington, Indiana, wo Powell lebt, Gemüse verkauft, ist der „ein Nazi“. Da muss man durch, zumal als Deutscher, der sich mit solchen historischen Vergleichen schwertut, weil es in den Vereinigten Staaten erfreulicherweise denn doch noch einmal anders gekommen ist als ehedem im „Dritten Reich“.

Aber was „Save It for Later“ zugleich auch leistet, ist eine Anleitung für Zivilcourage, die sich nicht auf die bequeme Position zurückzieht, es würde schon nicht so schlimm kommen, wie vielerorts behauptet. Powell kann am Beispiel seiner eigenen Familie erzählen, wie der Wahlsieg Trumps ins Privatleben einbrach: wie einige Nachbarn plötzlich ihrem Rassismus freien Lauf ließen, wie martialische Symbole aus der Popkultur (das Totenkopflogo der Marvel-Comicfigur Punisher) verbunden wurden mit martialischen Symbolen – und Verhaltensweisen – aus dem Erbe des Ku-Klux-Klans, wie sich die Staatsgewalt darum drückte, Demonstranten vor tätlichen Übergriffen durch trumptreue Milizen zu schützen. Und wie weiterhin am meisten die schwarzen Bewohner der Vereinigten Staaten schikaniert wurden. Und werden. Dies ist auch ein Comic zur Black-Lives-Matter-Bewegung.

Powell selbst ist weiß, aber als Comic-Biograph der 2020 gestorbenen Bürgerrechtslegende John Lewis hat er beste Kontakte zur schwarzen Community. Seine Trilogie „March“, benannt nach dem berühmten Protestzug von Selma nach Montgomery im Jahr 1965, den der damals fünfundzwanzigjährige Lewis mitorganisiert hatte, erschien von 2013 bis 2016, war also gerade abgeschlossen, als Trump triumphierte. Zudem ist Powell selbst in den Südstaaten aufgewachsen und registrierte deshalb sofort den Umschwung der Stimmung in seinem aktuellen Heimatstaat hin zu einem allgemein als überwunden geglaubten Alltagsrassismus. In der zweiten Hälfte der Amtszeit Trumps begann er wieder aktiv Widerstand zu leisten.

Die Beschreibung der eigenen Gefühle als einsamer Protestler mitten im Verkehr seines Wohnorts Bloomington sind von beklemmender Direktheit, wie man sie sonst nur von den Comics kennt, die Howard Cruise und Robert Crumb über ihre – jeweils ganz unterschiedlichen – Formen des Aktivismus gezeichnet haben.Auf der eingangs angegebenen Website des Zeichners kann man sich das gut ansehen. Powell reiht sich also in eine große Traditionsreihe politischer Comics in den Vereinigten Staaten ein, doch das betont er gar nicht. Vielmehr beschwört er die Notwendigkeit, die nächste Generation zu mündigen und das heißt für ihn: kampfbereiten Demokraten zu erziehen. Er plädiert etwa gegen die singuläre Verherrlichung von Martin Luther King oder Rosa Parks, weil damit die vielen, die diesen beiden zur Seite standen, ausgeblendet würden. Seine eigene John-Lewis-Biographie hatte daraus noch gar nicht alle Konsequenzen gezogen, doch im neuen Band plädiert Powell kompromisslos dafür, dass gerade Kinder herangeführt werden an die entscheidenden Fragen der künftigen Politik. Und die liegen für ihn weniger in Klimafragen als in der Wiederkehr des Faschismus.

Gegen diese Entwicklung ist ihm auch Gewalt recht, denn wer sich auf das Argument, man könnte die Feinde der Demokratie nicht mit deren Waffen bekämpfen, einlasse, habe schon verloren. Meinungsfreiheit für diese Unmenschen? Nein! Und natürlich heißt es zurück-, womöglich auch vorausschlagen, wenn man den Gegner ausgemacht hat. Nur woran man ihn sicher in all seiner Schlechtigkeit erkennt, dass verschweigt Powell. In „Save It for Later“ sind die Nazis und/oder Trumpisten so gezeichnet, dass man sie sofort als Böse identifiziert. Zwischentöne haben hier keinen Platz.

Das passt aber durchaus zur aktuellen Situation in Amerika, wo die gesellschaftlichen Gräben immer tiefer werden. Und man muss fürchten, dass es auch bald zu uns passen wird. Davor indes warnt Powell nicht; für ihn ist der Kampf zwar nicht schon verloren, aber doch unvermeidlich; mit Dialog ist in seinem Weltbild kein Staat mehr zu machen. Das ist eine Position, die wir kürzlich hierzulande bei der Diskussion um einen Aussteller auf der Frankfurter Buchmesse kennenlernen konnten, der dem rechten Spektrum zugerechnet wird. Insofern ist „Save It for Later“ auch hochinteressantes Anschauungsmaterial für eine kompromisslose Ausgrenzungspolitik. Mag sein, dass sie in verzweifelten Situationen das letzte denkbare Mittel ist. Aber sind wir schon in dieser Situation?

Wie gesagt, der Band wurde abgeschlossen, als Trump noch regierte und Corona in den Vereinigten Staaten wütete – mit Hunderttausenden von Toten. Nicht, dass diese Probleme heute obsolet wären, aber es sieht etwas besser aus. Den einzelnen Kapiteln von „Save It for Later“ kann man anhand der Abschlusssignaturen auch ablesen, wann sie jeweils entstanden sind: Das Arrangement im Buch richtet sich  chronologisch nicht danach, also sind einzelne Passagen auch nicht auf der Grundlage von zuvor schon im Band behandelten Phänomenen entstanden, sondern früher. Auch das ist interessant zu rekonstruieren; es zeigt sich, dass Powell sich erst einmal deradikalisierte, bevor er sich doch wieder fürs Kämpferische entscheid. Dieser Comic ist ein Lackmustext – nicht einmal auf die eigene Gesinnung als vielmehr auf die Bereitschaft, sich mit Haut und Haaren und der ganzen Familie einem politischen Ideal zu verschreiben. Die Ausschließlichkeit dabei ist reziprok zu der der Gegenseite. Die Ambivalenz, die Powells Comic bestreitet, löst er selbst zuverlässig aus. Auch keine kleine Leistung. Auf jeden Fall eine aufklärerische, wenn auch teilweise wohl ungewollt.

24. Nov. 2021
von andreasplatthaus

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15. Nov. 2021
von andreasplatthaus

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Auch dort, wo es gut riecht, kann Anrüchiges geschehen sein

Bianca Schaalburg ist eine späte Comic-Debütantin. Aber was für eine! Ihre noch in Arbeit befindliche Geschichte „Der Duft der Kiefern“ überzeugte die Jury des Leibinger-Comicbuchpreises und brachte ihr somit einen Platz unter den zehn diesjährigen Finalisten ein. Und kaum ein halbes Jahr später ist der Band auch schon fertig und erschienen, beim Avant Verlag aus Berlin, wo man gemeinhin eine gute Nase für starke Stoffe hat. Das gilt auch diesmal.

Der Titel mag zunächst in die Irre führen: Es geht nicht um Nature Drawing, wie man das Comic-Äquivalent zum Nature Writing wohl nennen müsste, sondern um Familiengeschichte im Allgemeinen und die Schoa im Speziellen.  Der Duft der Kiefern  bezeichnet eine der vielen persönlichen Erfahrungen der Erzählerin, die die gezeichnete Handlung durchziehen. Da gibt es etwa auch zahlreiche Vögel, die in die Hintergründe der Bilder eingearbeitet werden, Pflanzen, Häuser – eine ganze kleine Welt aus Berlin-Zehlendorf. Dort wuchs Bianca Schaallburg, geboren 1968, auf, in der Siedlung Onkel Toms Hütte, doch wer jetzt eine Erzählung zur Dekolonialisierung von Straßennamen erwartete, läge abermals falsch. Es geht als Auslöser darum, dass die Familie Schott, der Bianca Schaalburg entstammt, in einem Haus wohnte, das bis 1936 drei Juden beherbergte (zwei Frauen und einen Mann), die alle in der Schoa starben, während ihre Wohnung an das damals nazitreue Ehepaar Schott mit seinen bald vier Kindern überging.

Zweifellos kein schöner Stoff für die nachvollziehbarerweise lange ahnungslose Enkelin Bianca Schaalburg, aber ein hochinteressanter, und weil sie sich wiederum der Mitarbeit ihres eigenen Sohnes an der Recherche versicherte, wurde daraus so etwas wie eine familiäre Wiedergutmachung an den Vorbewohnern. Wobei der Schwerpunkt des zweihundertseitigen Bandes klar auf der Familiengeschichte selbst liegt – wenn auch der Exkurs zu den drei Ermordeten das eindrucksvollste Kapitel darstellt, bisweilen grandios als das inszeniert, was diese Recherche gewesen sein muss: ein Puzzle. Wie Bianca Schaalburg ihren Gegenstand zur graphischen Form bringt, das ist angesichts von fehlender Comicerfahrung dieser Zeichnerin geradezu unglaublich. Man sehe sich nur mal die sieben Seiten der Leseprobe an: https://www.avant-verlag.de/comics/der-duft-der-kiefern/. Und damit ist die Vielfalt der Seitenarchitekturen nur angedeutet.

Mit Ulli Lust, deren graphischen Einfluss man den Figuren und den Farben ansieht, stand allerdings auch eine große Mentorin mit Rat bei, und auch der Comic-Tausendsassa Kai Pfeiffer hatte seine Finger mit im Spiel. Hier kam einiges zusammen, was sich aufs Schönste ergänzte, doch das Beste daran ist denn doch das Höchstpersönliche dieser Geschichte: die Selbstauskünfte Bianca Schaalburgs, die eine in jeder Hinsicht sensible Frau zeigen, die in der Aufarbeitung ihrer eigenen Herkunft eine Verpflichtung sieht.

Ergänzt wird die eigentliche Comic-Handlung durch einen Anhang mit Fakten, Übersichten und Erläuterungen zu dem, was man zuvor gelesen hat, und so mühsam ich gemeinhin die Lektüre solcher Addenda finde, so wichtig ist dieses konkrete fürs noch vertiefte Verständnis der Geschichte. Beider Geschichten: der konkreten von Bianca Schaalburg und der allgemeinen Zeitgeschichte. So lange man so akribische Sorgfalt im Erforschen und Rekonstruieren der Vergangenheit walten lässt, muss uns als Lesern nicht bange vor dem Zeitpunkt sein, wo die letzten Zeitzeugen gestorben sein werden.

Und zum Schluss seien die Namen jener drei genannt, die gar nicht mehr Zeugnis ablegen konnten, weil sie 1942 in den Lagern der Nazis starben: Clara Hipp, Margarete Silbermann und Carl Loewensohn. Stolpersteine gab es für sie schon am Haus, das sie bewohnt hatten. Nun gibt es eine ganze Geschichte, die im ihnen angetanen Unrecht ihr Zentrum hat

15. Nov. 2021
von andreasplatthaus

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09. Nov. 2021
von andreasplatthaus

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Zeichnenlernen lustig gemacht

In meinen (donaldistischen) Kreisen pflegt man bei überzeugenden – manchmal auch weniger überzeugenden – Argumenten zu sagen: „Peng, du bist hypnotisiert!“ Danach ist alles möglich, auch das zuvor für unmöglich Gehaltene, sofern man eine medial veranlagte Person ist, aber wer könnte denn medialer veranlagt sein als ein Medienmensch? So kann ich nun feststellen: Peng hat mich hypnotisiert.

Wer ist Peng? Ein österreichischer Cartoonist, der seinen wahren Namen zu hüten weiß, obwohl er schon seit Jahrzehnten im Geschäft ist. Der wahre Name ist aber erfreulicherweise so gewöhnlich, dass es wohl etliche hundert andere gleichnamige Kandidaten gäbe, wenn jemand, der sich durch Peng verspottet fühlte, auf Rachefeldzug ausginge. Also geht sich ein solcher Plan nicht aus, wie die Österreicher es formulieren. Obwohl Peng durchaus bösartig sein kann: Wie seine Arbeiten aussehen, kann man sich auf seiner Homepage ansehen, unter http://www.peng-cartoons.com/peng_aktuell.html.

Das Buch, um das es hier geht, ist aber alles andere als bösartig. Es ist geradezu liebevoll, denn es geht um Pengs große Leidenschaft: das Zeichnen. Und die Vermittlung dieser Kunst. Den Buchtitel kann ich typographisch in diesem Blog nicht erzeugen, also schaue man sich die Homepage des Verlags DuMont an: https://www.dumont-buchverlag.de/buch/peng-ich-kann-zeichnen-9783832199982/, und dann hat man auch sofort eine aussagekräftige Leseprobe. Peng richtet sich mit seinem Werk an Leute wie mich, die nicht zeichnen können.

Nein, kann ich wirklich nicht. Womöglich schreibe ich deshalb so gerne über Zeichner; es gibt ja auch Millionen Deutsche, die sich ständig wie Fußballbundestrainer gerieren. Peng verheißt aber nun, dass er Leuten wie mir das Zeichnen beibringen könne, und so ist sein „Ich kann (nicht) zeichnen“ (so geht’s dann doch ohne typographische Kniffe) streng didaktisch aufgebaut und führt mich vom Strichmännchen zu Hund und Katz („perfekt für Glückwunschkarten oder Poster´“). Was soll ich sagen: Ich habe die Lektionen der 160 großformatigen Buchseiten gelernt und kann noch immer nicht zeichnen, wenn’s nach meinen Maßstäben geht. Jedoch besser als zuvor. Wozu nicht viel gehörte.

Peng bietet aber viel. Vor allem schaut man sich seine Übungen gerne an, denn wie er da wirklich aus nur ein paar Strichen lebendige Figuren entstehen lässt, das ist lustig und in manchen Kommentaren zu den eigenen Vorlieben auch geistreich. Der Mann kann auch schreiben. Manche seiner Kreaturen sind überdies sehr hübsch anzusehen, vor allem seine Vögel, Katzen und Hunde – auf die verwendet er deutlich mehr Sympathie und Sorgfalt als auf die Menschen, aber wir sind ja auch eine (moralisch) hässliche Spezies. Nach Detailerläuterungen („coole Köpfe“, „flotte Frisuren“ – Peng hat einen manchmal unseligen Hang zu Alliterationen, aber womöglich hat auch er zu viel Erika Fuchs gelesen) kommen dann allgemeinpraktische Tips zum Ausmalen, Kolorieren, ja selbst zum abstrakten Zeichnen. Das fiel mir übrigens schwerer als das konkrete. Meine Spiralen sehen nicht halb so überzeugend aus wie die von Peng.

Trotzdem fühle ich mich tatsächlich ein bisschen hypnotisiert durch dieses Buch, als hätte es aus mir plötzlich einen wagemutigeren Menschen gemacht. Wie gesagt, keinen guten Zeichner, aber vielleicht einen freieren? Wobei ich schon gerne auf diesem Feld etwas Größeres wäre (wie wir Donaldisten zu sagen pflegen).

09. Nov. 2021
von andreasplatthaus

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01. Nov. 2021
von andreasplatthaus

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Worte sagen hier mehr als tausend Bilder

Die in Zürich residierende Edition Moderne, Mutter aller deutschsprachigen Autorencomic-Verlage, hat ein für sie ungewöhnliches neues Format eingeführt: jenes, das man gemeinhin Graphic-Novel-Format nennt, etwa 16 x 24 Zentimeter. Bislang war das klassische Album die Domäne der Edition Moderne, selten auch einmal ein kleineres Format wie bei der legendären deutschen Erstausgabe von Barus „Autoroute du soleil“, aber das modische amerikanische Zwischending von Album und Taschenbuch wurde schon deshalb hier nicht Standard, weil man schon Graphic Novels machte, als der Begriff noch gar nicht am Markt eingeführt war. Und vor allem als das, was darunter lief, noch nicht normiert war. Ausnahmen betrafen zwar gerade die erfolgreichsten Comics der Edition Moderne: Marjane Satrapis „Persepolis“ und „David B.s „Die heilige Krankheit“, aber genau deshalb scheute man sich, daraus eine Masche zu machen.

Aber heute erwarten die Buchhändler offenbar bei Graphic Novels dieses bestimmte Format, und die Zeichner berücksichtigen das in ihrer Arbeit, und so sind die beiden nun erschienenen neuesten Edition-Moderne-Bände, „Die Experten für alles“ von Anouk Ricard und „Schattenmutter“ von Stefan Heller, eben so geraten, wie’s der Markt liebt. Übrigens nicht nur äußerlich, sondern auch inhaltlich.

Ricards aus dem Französischen übersetzte Funny-Animal-Geschichte um einen Hund und eine Ente, die sich aller Fragen gegenwärtiger menschlicher Befindlichkeit annehmen, ist ein auf Albernheit setzender Fortsetzungscomic, der in kurzen Episoden in bewusst kindlich anmutender Graphik und bewusst erwachsen anmutendem Text jedem Liebhaber von Fernseh-Comedy gefallen wird. Mir also nicht. Deshalb kein weiteres Wort dazu, denn über Humor lässt sich schlecht richten.

„Schattenmutter“ ist ein anderer Fall. Kein Hauch von Komik, alles Tragik, denn der 1972 geborene Schweizer Stefan Heller erzählt von der psychischen Krankheit seiner Mutter – ausgehend von deren in den achtziger Jahren mit akribischer Genauigkeit geführten Aufzeichnungen, in denen mehr noch als auf ihre aktuellen Befindlichkeiten die Ursachen dafür aus ferner Vergangenheit ergründet werden sollten. Der Titel „Schattenmutter“ stellt vor allem darauf ab, dass der Schatten ihrer Krankheit über der Kindheit von Stefan Haller lag, aber auch darauf, dass sie natürlich nur ein Schatten ihrer selbst sein konnte. Der Umschlag zeigt auf der Vorderseite einen weißen Schattenriss der Mutter, auf der Rückseite einen ebensolchen ihres Sohnes. Ansehen kann man sich das zusammen mit einigen Seiten unter https://www.editionmoderne.ch/buch/schattenmutter/.

Auch die mehr als 160 Seiten im Inneren sind schwarzweiß gehalten, mit Ausnahme gelegentlicher als Text einmontierter Erzählerkommentare und gestürzter Fußnoten (schwer lesbar, wenn sie im Falz zu stehen kommen) zu medizinischen Fachtermini oder Medikamentennamen. Die Leidensgeschichte der Mutter selbst wird aus den erwähnten Aufzeichnungen und nach ihrem Tod entstandenen Gesprächen des Sohnes mit dem Vater und den Geschwistern der Mutter rekonstruiert – und als nahezu hoffnungslose Situation präsentiert. Aber das mag anderen betroffenen Lebenshilfe bieten.

Ungeachtet der durchaus literarischen Qualität der mütterlichen Texte, ist „Schattenmutter“ viel eher Sachcomic als Graphic Novel. Auch das entspricht einem derzeit wohlfeilen Trend, der persönliches Erleben stärker in den Mittelpunkt stellt als Fiktion oder auch Reportage. Stefan Hallers Band ist auch Selbsttherapie, aber dann muss man ihn vergleichen mit einem Meilenstein wie dem bereits erwähnten „Die heilige Krankheit“ von David B., und dann bleibt als einziges Gemeinsames das Format der deutschsprachigen Publikation (im französischen Original waren es sechs Alben) und leider sonst kaum ein guter Satz zu sagen übrig. Erschütternd ist „Schattenmutter“, aber nicht beeindruckend als Comic. Diese Geschichte wäre besser bloß in Worten erzählt worden – auch weil die der Mutter so viel stärker sind als die Bilder des Sohnes.

Hinzu kommt ein unglückliches Detail: Stefan Haller wählt als eine Erkennungszeichen einen schwarzweißen Ringelpullover. Das ist ein probates Mittel für eine Zeichner, der nicht individuelle Figurendarstellung z seinen größten Stärken zählen kann, aber der Ringelpullover ist in der Comichistoriographie dermaßen verbunden mit dem französischen Zeichner Jean Christophe Menu, dass es wie ein Plagiat wirkt. Pech! Auch für die sonst so stilsicher Edition Moderne. Aber womöglich verkauft sich so etwas ja tatsächlich gut

01. Nov. 2021
von andreasplatthaus

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