Überdruck

Überdruck

Die Liebe zum Gedruckten lässt Menschen auf der Frankfurter Buchmesse wahre Torturen ertragen: Lesungen in schlecht belüfteten Räumen, Herumrennen

Preisfragen ohne Antworten

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Leider wurde der Literatur-Nobelpreis in diesem Jahr schon vor der Messe vergeben. Dadurch bringt man sich um ein wesentliches Spannungselement: An welchem...

Leider wurde der Literatur-Nobelpreis in diesem Jahr schon vor der Messe vergeben. Dadurch bringt man sich um ein wesentliches Spannungselement: An welchem Stand werden die Verlagsmitarbeiter überrascht aufjubeln? Werden sie nun hektisch ins Stammhaus telefonieren müssen, um halbvergessene und nie wieder aufgelegte Titel aus der Backlist zu zerren? Werden sie im Keller noch ein Poster der letzten Lesereise von vor fünf Jahren finden und wie lange braucht die Praktikantin, um einen provisorischen Aufsteller zu basteln? 

Derweil strömen die Besucher zu den Ständen mit Computern und Internet-Anschluss und konsultieren die Wikipedia, um beim nächsten Kollegengespräch nicht geistig nackt dazustehen. Aber leider gönnen uns die Preisrichter aus Stockholm dieses hübsche Ritual nicht. Und auch die Juroren in Frankfurt vergeben den Deutschen Buchpreis immer am Tag vor Messeeröffnung, also heute. Das gibt den Verlagen immerhin einen Tag Vorlauf, noch schnell ein paar Pappen zu drucken.

Obwohl ich ja glaube, dass das so schnell nicht geht mit den Pappen. Ehrlich gesagt ist das für mich ein Mysterium: Wie viele Verlage drucken wohl Plakate und Pappaufsteller mit potentiellen Preisträgern, die dann doch keinen Preis bekommen haben? Ist Suhrkamp auf Tellkamp wie Dath gleichermaßen vorbereitet? Und wenn Tellkamp gewinnt, was geschieht mit den Dath-Plakaten und umgekehrt? Verschwinden die verschämt im Archiv, hängen die beim Lektor überm Küchentisch, werden die gar auf Ebay vertickt und ich hab’s nur wieder nicht gemerkt? Wieviele Jubelplakate nie eingetretener Preisträger-Paralleluniversen gibt es wohl in deutschen Verlagshäusern?

Aber vielleicht sind das zu abseitige Fragen. Die meisten interessiert wohl, wer gewinnt, und in wenigen Stunden wissen wir das. Alles weitere wird auf einen späten Abend verschoben, wenn ich einen Verlagsmitarbeiter gefunden habe, der betrunken genug ist, mir meine Fragen ehrlich zu beantworten.

 

 


3 Lesermeinungen

  1. Um nicht unnötig...
    Um nicht unnötig Herrschaftswissen zu horten:
    mitten im Bodensee liegt eine optisch komplett abgeschirmte Insel dort stehen auf alabasternen Sockeln die Pappen der Ignorierten. Man bereitet von langer Hand ein Straflager für erbarmungslose Kritiker und raffgierige Verleger vor. Eines schönen Tages werden sie in großen Gruppen verschwinden. Keiner wird herausfinden wo sie abgeblieben sind. Nur wir werden Bescheid wissen: all diese Bösen hocken dann zu Füßen der übriggebliebenen Pappidole und müssen tagein-tagaus schlecht vorgetragene Zeugnisse moderner Autobiographen anhören (ich denke da auch und mit Schrecken an Herrn D.B. und Frau C.R.). Ab und zu gibts fettige Krabbencoktails, Pappdeckelbaguette und Kopfwehsekt – sonst nix.
    Nach einer ausreichend langen Zeit derartiger Besinnung werden die Herrschaften wohlbehalten und geläutert zurückkehren, um im Sinne ihres Auftrages tätig zu werden. Und: sie werden in jedem Satz höchstens einmal ICH sagen.
    Es wird mir schon jetzt ganz warm ums Herz bei dieser Vorstellung.
    Beste Grüße
    Angela Hornbogen – Merkl

  2. juyooh sagt:

    Es ist wahrscheinlich...
    Es ist wahrscheinlich gänzlich politisch inkorrekt, die überflüssigen Pappkameraden der Bundeswehr zu spenden.

  3. Merzmensch sagt:

    Die Pappaufsteller-Beobachtung...
    Die Pappaufsteller-Beobachtung ist sehr inspirierend. Was wäre, wenn man all die Verworfenen in einer Halle aufstellte, wie jene Terrakotta-Krieger. Eine schweigsame Parade. Nur mit dem Unterschied, dass unsere Pappaufsteller nicht so monoton wirken würden.
    So kann jeder, der mit dem Ausgezeichneten nicht einverstanden ist, seinen nicht-ausgezeichneten Pappaufsteller besichtigen. Man könnte dieser neo-tussaudschen Ausstellung eine ganze Halle widmen.
    Und ich fürchte, in diesem Fall werden alle meine Lieblingsautoren ausgerechnet in dieser Halle stehen.

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