Überdruck

Überdruck

Die Liebe zum Gedruckten lässt Menschen auf der Frankfurter Buchmesse wahre Torturen ertragen: Lesungen in schlecht belüfteten Räumen, Herumrennen

Zimtsterne und feuchte Brezn

| 5 Lesermeinungen

"Uns fehlen die Worte" – so überschreibt 3Sat einen Wettbewerb, für den man Begriffslücken in der Sprache ausmachen und kreativ füllen soll. Mir...

„Uns fehlen die Worte“ – so überschreibt 3Sat einen Wettbewerb, für den man Begriffslücken in der Sprache ausmachen und kreativ füllen soll. Mir fehlen auch die Worte, und zwar angesichts des nässenden Kohlenhydrathaufens auf meinem Teller. Wie nennt man so etwas? Schlaatz? Globber? Pampf?

Die Versorgungslage entspannt sich kurz, als mir meine Konditorin mit den Worten „Halt durch, mein Engel!“ eine Tüte frisch gebackener Zimtsterne über die Theke reicht. Die kommen mir gerade recht, denn der Abend wird noch lang.

Herumtelefonieren, verabreden, wann bist du da und wo treffen wir uns? So ein Abend will gestaltet sein. Also breche ich wieder auf, und zwar zum Yachtclub. Das klingt sehr schick, ist aber eher eine Art schwimmender Bretterverschlag. Es riecht muffig wie in der Bilge eines sehr alten Schiffes, außerdem schwappt der Main unter unseren Füßen und lässt den Boden schwanken. Jens Friebe singt, und kurz streift mich der Anorak einer Bachmannpreisträgerin. Ob das Glück bringt?

Seltsamerweise ist Hubert Winkels nicht da. Hubert Winkels kann sich nämlich nicht nur telportieren, er verfügt auch über ziemlich viele Klone, mit denen er die Messe und Verlagsempfänge flutet. Überall wo ich hinkomme ist Hubert Winkels schon da und redet mit Sascha Lobo, der auch überall ist. Allerdings kann er sich, soweit ich weiß, noch nicht teleportieren. Manchmal fürchte ich, Hubert Winkels und Sascha Lobo haben in aller Heimlichkeit die Weltherrschaft an sich gerissen. Zum Glück wache ich dann meistens bald auf.

Weiter zu Fischer. Ich fürchte ich bin viel zu spät, denn es gibt nur noch ein paar feuchte Brezn. Auf einem Silbertablett sind einzelne Frikadellen verstreut und schämen sich bestimmt ihres unwürdigen Daseins. Eine, die schon länger da ist, bestätigt uns, dass das auch zu Beginn des Abends noch nicht viel üppiger war. Was ist los mit dem Fischer-Verlag? So desolat war das noch nie. In den Vorjahren gab es wenigstens schlechtes Essen. Ich kaue also auf einer winzigen Breze herum, die zu mindestens 40 Prozent aus Kondenswasser besteht.

Auch ergreife ich nicht gleich das erste Weinglas, das man mir reicht, sondern lege erst einmal meinen Mantel ab. Ein kapitaler Fehler, denn es wird mir für den Rest des Abends nicht mehr gelingen, ein Weinglas zu ergattern. Ab elf wird nur noch nachgefüllt, ab halb zwölf gibt es gar nichts mehr. Nicht einmal mehr Wasser. Ein schwankender Herr lehnt an einer Wand und leert in bedächtigen Zügen die letzte Wasserflasche. Ich überlasse sie ihm großzügig, er hat sie nötiger als ich, so wie der aussieht.

Auf die Nacht durch Sachsenhausen. Wir stranden bei einem Dönerladen und essen uns erst einmal so richtig satt. Das Brot ist hausgebacken, die Gemüsefrikadelle hervorragend, der Salat frisch und die Soße erst recht. Oh, diese einfachen Wonnen. Wir seufzen leise in uns hinein, so wunderbar ist das alles. Wie sich das anfühlt, dafür müßte man einmal ein Wort erfinden.


5 Lesermeinungen

  1. Pictonkiwi sagt:

    Der Marktwert der...
    Der Marktwert der Messeaussteller steht und fällt nun mal mit Catering, Werbegeschenken und allgemeinem Partyangebot. Man könnte die schlechtesten Bücher der Welt verkaufen, quasi „unverkäufliche Bücher“; ein paar Kisten halbwegs trinkbaren Rotwein, ein paar gescheite Gebäckkringel – und die ganze Messeprominenz – Andrea Diener inklusive – wird sich dort nur so drängeln. Stellt sich mir die Frage, ob sich jemand traut, am Ende der messe mal auf die Waage zu stellen.

  2. Sopran sagt:

    Den Geruch im Yachtclub mit...
    Den Geruch im Yachtclub mit „muffig“ zu beschreiben ist wirklich nett. Eine Mischung aus Lilie und (leider noch stärker) Kloake. Schade, es war so schön matt-glitzernd dort.

  3. juyooh sagt:

    Mein heutiger Messebesuch war...
    Mein heutiger Messebesuch war kurz und schlaatzlos.
    Und:
    Ein Hoch auf unsere Konditorin. Für ihren Mohnkuchen könnte ich morden.

  4. lars.immisch sagt:

    Eindeutig Schlaatz. Aber...
    Eindeutig Schlaatz. Aber solange es nicht Gommel ist, braucht man ja nicht krüsch werden.

  5. Sind das womöglich die...
    Sind das womöglich die Feuchtgebiete des modernen Literaturbetriebs? Hat Frau Roche vielleicht das Ganze lediglich auf die Ebene eines einzelnen Körpers heruntergebrochen um es dem gewöhnlichen Leser zwischen Deutschlands readaway – Stapeln verständlicher zu machen?
    Und wahrhaftig, an welchem Ort ließe sich besser über derart tiefschürfende literarische Fragen nachgrübeln als im Lieblingsdönerladen beim Vegibratling.
    Glückwunsch Frau Diener. Sie haben schon mehrfach die Fackel der Erkenntnis in meinem ermatteten Schreiberinnengehirn entfacht.
    Bitte auch weiter so schön nah dran bleiben – ich bin gespannt.
    Angela Hornbogen – Merkl

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