Überdruck

Überdruck

Die Liebe zum Gedruckten lässt Menschen auf der Frankfurter Buchmesse wahre Torturen ertragen: Lesungen in schlecht belüfteten Räumen, Herumrennen

Warum es nicht um Bücher geht

| 8 Lesermeinungen

Es ist ein weitverbreitetes Missverständnis, dass es auf der Buchmesse um Bücher gehe. Bücher tauchen eigentlich nur als Neuerscheinungen auf oder als Teil...

Es ist ein weitverbreitetes Missverständnis, dass es auf der Buchmesse um Bücher gehe. Bücher tauchen eigentlich nur als Neuerscheinungen auf oder als Teil eines Verlagsprogramms. Die Leute, die dort herumlaufen, denen geht es auch nicht um Bücher, denn das, was so ein Buch ausmacht, ist das, was drin ist. Es geht aber um das Buch als Hülle, um das Cover, um den Titel, um den Preis.

Die meisten, die dort herumlaufen, wollen etwas verkaufen, zum Beispiel Rechte, Lizenzen, Buchprojekte. Sie wollen etwas einkaufen, zum Beispiel Rechte, Lizenzen, Buchprojekte. Dazu treffen sie sich im Halbstundentakt und absolvieren Termine. Andere wollen Aufmerksamkeit generieren und bauen riesige bunte Stände oder laden Prominente ein oder verschenken etwas. Es reicht ja schon, leere Tüten zu verschenken.

Oft werden auch Autoren eingeladen, die dann Rede und Antwort stehen. Das ist eine gute Möglichkeit, zu simulieren, dass es doch um Bücher gehe, oder zumindest um Autoren und spannende Begegnungen mit ihnen. Es geht aber um Autorengesichter und dass die nochmal kurz erzählen, worum es in dem Buch geht. Außerdem sollen sie von ihrer Arbeit erzählen. Und so erzählt der weithin herumgereichte Uwe Tellkamp zum fünften Mal, wie er jedes Detail mit Freunden und Experten abgeklopft hat. Aber auch das hat nur wenig mit dem Buch zu tun, und dem Autor kommt man so auch nicht näher.

Bücher sind voller Sprache, aber genau darum geht es auf der Messe nicht. Auf der Messe geht die Sprache nicht über Waschzetteltexte hinaus. Nach der Messe, wenn man sich Abends trifft, reduziert sich die Sprache erneut, dann geht die Wortschatz nicht über eine durchschnittliche Gala-Ausgabe hinaus. Am Abend geht es um Kontakte und darum, die Kontakte zu vertiefen: Sag du zu mir. Ich bin der Klaus, und das ist die Sabine. Die Sabine merkt man sich, weil man da vielleicht mal ein Projekt machen könnte, also: Ihr etwas verkaufen.

Begegnungen mit Autoren gibt es dann auch, aber besonders spannend sind die nicht. Kaum ein  Autor möchte in der Freizeit über seine Arbeit diskutieren, höchstens ein bisschen über die Arbeit von anderen Autoren lästern. Wenn man Glück hat, bekommt man noch ein paar diskreditierende Geschichten erzählt. Es herrscht in dieser Branche eine große Lust an diskreditierenden Geschichten und Menschen, die so unmögliche Dinge tun, dass man fürderhin besser einen Bogen um sie schlägt. An diesen Geschichten und Menschen herrscht nie Mangel.

Aber auch diese Geschichten und Menschen haben nichts mit Büchern zu tun. Um sich mit Büchern zu beschäftigen, geht man nicht auf eine Messe, denn Bücher muss man lesen, und dazu braucht man Zeit, viel Zeit und Ruhe. Zeit und Ruhe ist das genaue Gegenteil von Buchmesse, denn hier ist alles schnell und laut. Deshalb liest man besser vorher und legt sich kurzgefasste Meinungen zurecht, falls man gefragt wird, was man von diesem oder jenem Autor hält.

Vielleicht erwischt man auch einen kleinen hellen Moment, wenn doch einmal jemand etwas Kluges sagt. Aber auch das hat nichts mit Büchern zu tun, sondern damit, dass da gerade jemand etwas Kluges gesagt hat.


8 Lesermeinungen

  1. Pictonkiwi sagt:

    Das Charakteristische an der...
    Das Charakteristische an der Buchmesse ist ja gerade, daß es um Produkte geht, deren Inhalt man nicht kennt. Ich staune immer wieder, wenn ich auf der Buchmesse Leute sehe, die tatsächlich in einem Buch lesen! Bei einer Weinmesse ist es kein Problem, Wein zu kosten, und bei einer Messe für Fräsmaschinen wird man bestimmt auch zusehen können, wie eine Fräsmaschine fräst. Aber bei einer Buchmesse lesen? Wie absurd!

  2. wolf sagt:

    manchmal ist es so angenehm,...
    manchmal ist es so angenehm, etwas zu lesen, was man selber auch immer schon dachte. ich war letztes jahr auf der buchmesse und fragte mich die ganze zeit nur, was ich denn hier nun tun solle in dem gedränge. ich liebe doch bücher, das müsste doch meine messe sein, dachte ich, warum ist diese messe gegen mich? heute fuhr ich mit der s-bahn durch frankfurt und sah all die menschen mit ihren buchmessentüten und -taschen und freute mich, die buchmesse nicht besucht zu haben. stattdessen, dache ich, fahre ich jetzt heim und lese ein buch. ich las dann zwar nichts, freute mich dennoch weiterhin diebisch…

  3. Buchmesse. Erster Eindruck:...
    Buchmesse. Erster Eindruck: Vor den Türen der jeweiligen Hallen erwarten einen grosse Gruppen von rauchenden Messebesuchern. Jeder der in eine andere Halle muss, muss da durch. Zum kotzen. Zweiter Eindruck: Vor Halle 4 stinkt es zudem erbärmlich aus dem Gulli. Kein Geld für die Kanalreinigung, oder? Dritter Eindruck: Nebenan sitzen die Leute an Biertischen und essen überteuerte Hot-Dogs und rauchen. Vierter Eindruck: Vergeblich sucht man um die Mittagszeit ein Restaurant mit normalen Preisen und normalem Essen und einem Platz. Fünfter Eindruck: Die Hallen sind voll Menschen, es wird nicht gelüftet, es ist schlechte Luft und viel zu warm. Ich gehe alle halbe Stunde in Halle 4 auf den Balkon um frische Luft zu bekommen. Wer ist schon da, natürlich, die Raucher. Na ja, zumindest kann man hier abkühlen. Sechster Eindruck: Das Angebot ist unüberschaubar und Zufälle steuern einen durch die Hallen. Siebter Eindruck: Das einzige mit Gehalt sind Gespräche mit neuen Autoren, anderen Verlagen und ab und zu einem Besucher der belesen ist. Achter Eindruck: Die Buchmesse wird von ARD und ZDF gesponsert, an jeder Ecke werden Taschen von ARD und ZDF verteilt. Jetzt weiss ich wo die Zwangseinnahmen verschwinden – in Tragetaschen.

  4. bunt sagt:

    lieben wir nicht alle bereits...
    lieben wir nicht alle bereits nach den ersten vier messetagen frau diener für ihre offenherzige ehrlichkeit? es geht in der tat schlicht und ergreifend um die größe der tüte. wer die meisten (werbe-) geschenke in eben der größten tüte nach hause trägt, hat gewonnen. in halle 3.1 gibt es übrigens die meisten geschenke.

  5. wessinger sagt:

    Endlich mal ein Beitrag über...
    Endlich mal ein Beitrag über Bücher. Mehr davon hätte ich fast gesagt, aber zu spät!

  6. Merzmensch sagt:

    Ich habe bei der Buchmesse ein...
    Ich habe bei der Buchmesse ein Jahr gearbeitet und meine Vorfreude, die Welt der Bücher zu erleben, ist zu einer ähnlichen Überzeugung geworden, wie sie hier geschildert wurde.
    Bei der Buchmesse geht es um Prosa. Aber nicht im Sinne von Proust oder Hesse. Bei der Buchmesse geht es ums Prosaische, nämlich um das Geld. Um grosses Geld. Gleichzeitig ist es aber die beste Gelegenheit, an so viele Autoren ranzukommen. Und diese Ambivalenz bewahrte mich vor einer Enttäuschung während meiner Buchmessentätigkeit.

  7. Jordanus sagt:

    Jetzt verstehe ich auch...
    Jetzt verstehe ich auch langsam, warum ich noch nie auf der Buchmesse war.

  8. filmpool sagt:

    so kann man das sagen!...
    so kann man das sagen!

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