Überdruck

Überdruck

Die Liebe zum Gedruckten lässt Menschen auf der Frankfurter Buchmesse wahre Torturen ertragen: Lesungen in schlecht belüfteten Räumen, Herumrennen

Dan Diners Weingutschein

| 18 Lesermeinungen

Der Messeauftakt ist beim Berlin-Empfang im Frankfurter Hof, und weil früh das Licht angeschaltet wird und die Gäste vertreibt, sind am nächsten Morgen alle überraschend frisch. Auch die Verfasserin, die sich ungewohnten Moderatoren-Nebentätigkeiten hingibt.

Der erste Abend der Buchmesse gehört dem Berlin-Verlag. Letztes Jahr flanierte ich einfach so hin und bekam aus stets vollen Flaschen üppig nachgeschenkt, ich mußte gar, wollte ich nicht sturzbesoffen auf dem Hotelteppich enden, die Hand schützend übers Glas halten. Doch heuer war alles anders: Am Eingang lagen Namenslisten aus, und jeder Gast bekam einen Getränkegutschein, den er einlösen durfte. Wer sich dann noch nicht betrunken genug fühlte, mußte zahlen: Fünf Euro für ein Glas Wein.

Mein Name stand nicht auf der Liste, ich hätte doch nochmal nachhaken sollen. Dan Diner hab ich, sagte die Dame am Eingang, ach egal, hier ist ihr Getränkegutschein. Ich bin zwar nicht Dan Diner und würde ihn nicht einmal würdig vertreten können, schob mich aber dennoch in den völlig überfüllten Raum und holte mir Dan Diners Wein ab. Gut, ich war spät dran, was daran lag, daß mein Ersatzbegleiter verschlafen hatte, aber trotzdem: Kurz nach zwölf ging das große Licht an. Sollen wir schon gehen? Oder beim Standaufbau helfen? Was soll das?

Aber der Berlin-Verlag ist nicht der einzige Grund, in den Frankfurter Hof zu kommen. Hier in den langen Gängen trifft sich alles, was entfernt mit Literatur zu tun hat, hier wird bis spät gefeiert und fürchterlich viel getrunken, und gleich um die Ecke ist die Hotelbar, in der letztes Jahr das teuerste Foto der Buchmesse entstand, das ich leider nicht reproduzieren darf. Es war aber ein sehr schönes, treffendes Foto mit einer schönen, treffenden Bildunterschrift.

Bild zu: Dan Diners Weingutschein

Am nächsten Morgen sind alle wieder verhältnismäßig frisch und gehen beschwingt in den ersten Messetag. Am F.A.Z.-Stand reden Richard Kämmerlings und Kathrin Schmidt glorios aneinander vorbei. Kann sein, daß Sie das so lesen, sagt Schmidt, ich hab das aber nicht so geschrieben. Bei Suhrkamp sitzen zwei am Laptop: Funktioniert nicht, nee, vielleicht später. Wahrscheinlich, denke ich, suchen sie die Facebook-Seite von Peter Handke. Bei Fischer lese ich die erste Seite von Rainer Merkels Shortlist-Roman Lichtjahre entfernt und frage mich, warum Männer-Amerika-Romane (das ist ja eh schon so ein eigenes Genre) dauernd so aufgerüschte Licht- und Farbmetaphern brauchen, das hat mich bei Hettches Woraus wir gemacht sind schon gestört. Auch Shortlist, auch kein Preis.

Aber mein erster Messetag ist ein kurzer. Ich muß in den Kunstverein zu den Open Books, das sind knapp hundert Autoren an fünf Tagen, organisiert vom Kulturamt der Stadt, die nun endlich eingesehen hat, daß Leipzig liest ein tragfähiges Konzept ist, von dem Frankfurt lernen kann. Nun gibt es ja schon die Literatur im Römer, das sind die etablierten Autoren für das gesetzte Publikum, zu den Open Books kommen die Jungen Wilden. Dienstag ging es mit dem Debütantenabend los, es mußte völlig überfüllt gewesen sein, so hört man. Das ist am Nachmittag nicht die Gefahr, ich habe eher Angst, daß keiner kommt. 

Bild zu: Dan Diners Weingutschein

Ich soll moderieren, was ich noch nie gemacht habe, aber der Autor Rainer Schmidt ist dann ziemlich pflegeleicht. Sein Techno-Roman spielt Mitte der Neunziger und man kann eine ganze Menge fragen: Drogen? Liebe? Rausch? Und ein Publikum findet sich dankbarerweise auch ein. Den Roman kann man sich im Internet vorlesen lassen, und zwar von 300 mehr oder weniger prominenten Vorlesern unter www.liebestänze.de. Leider noch nicht vollständig, das kommt noch. Und während einiges immer teurer wird, der Wein auf den Parties etwa, gibt es die Lesungen bei den Open Books ganz für umsonst. Und der Kunstverein mit seinen Räumen und seinem Café ist ein angenehmes Zentrum, in dem man Stunden und Tage verbringen kann und manchmal gar nicht weiß, welche der parallel laufenden Lesungen man besuchen soll. Es scheint fast, als verstehe die Stadt ganz allmählich, welche Möglichkeiten so eine Messe bietet – nicht nur als Wirtschaftsfaktor und Prestigeobjekt, sondern auch ganz profan für Leser. Für die Bürger, für alle. Wenigstens hier, denke ich erleichtert, ist noch keine Krise. Dann drückt mir eine der Veranstalterinnen einen Zettel in die Hand: Mein Getränkegutschein. Diesmal wirklich meiner und nicht der eines Menschen, der auch auf der Liste steht und so ähnlich heißt wie ich.


18 Lesermeinungen

  1. Merzmensch sagt:

    Also, ich finde es sogar...
    Also, ich finde es sogar motivierend und produktiv, dass man (oder besser: frau) Herr Diners Wein entwendete. Aus vielerlei Gründen (unter Berücksichtigung meiner kompletten Inkompetenz im Bezug auf die Trinkgewohnheiten des obengenannten Historikers, von daher: von daher unvorbelastet):
    .
    * es ist Herrn Diner bestimmt eine gewisse Betrunkenheit am Anfang des Literarischen bzw. Historischen (in allen Bedeutungen) erspart geblieben (welche – i.e. Betrunkenheit – an Beispielen anderer Literaten bisweilen negative Auswirkungen zu erweisen vermag)
    * auch bei einer auf die Gesamtstimmung ggf. negativ auswirkenden Konfliktsituation am Empfang, kann so eine Situation wahrlich inspirierend sein. Denn was spornt einen zum literarischen Schaffen an, wenn nicht irgendwelche alltäglichen Störfaktore. Dann dürfen wir uns auf ein neues amerika-kritisches Buch freuen. Und alles dank dem Weingutschein.
    * formgemäß müsste ich hier noch einen dritten Grund angeben, damit mein Kommentar kompositorisch glänzt. Da mir aber nichts anderes einfällt, möchte ich es dabei belassen.
    .
    P.S. Wie ambivalent und wunderschön klingt die Spektralanalyse dieses Wortes:
    wein-gut-schein

  2. Raffy Ryff sagt:

    Verehrte Frau Diener,...
    Verehrte Frau Diener, verzichten Sie auf Begleitung jeglicher Art, Ersatz wie Original! Fahren Sie allein zur Veranstaltung. Fordern Sie allein Ihren Gutschein ein, greifen Sie allein zu einem Glas Roten. Halten Sie die Leere aus und wenden Sie sich Ihrem vollen Glas zu. Woher stammt der Wein? Wie heisst die Traube? Schmeckt er mir? Würd ich was zahlen dafür? Und öffnen Sie Ihre Sinne. Der Abend wird sich von seiner schönsten Seite zeigen.

  3. FS sagt:

    Cola Light? das kann ja nicht...
    Cola Light? das kann ja nicht gut gehn! Da muß schon echter Zucker drin sein für nen Energieschub!!
    Und, mit Verlaub, Sie sollten Ihren Fundus an Ersatzbegleitern überprüfen!
    Freundlichst FS

  4. fraudiener sagt:

    Don Ferrando, das freut mich....
    Don Ferrando, das freut mich. Ich muß leider gleich weg, daher hoffe ich, daß der kranke Begleiter heute das Mittagsprogramm gestaltet.
    .
    FS: Das klassische Getränkeprogramm besteht aus: Weiß, Rot, Wasser. Ich gebe zu, von Wein so ziemlich überhaupt gar keine Ahnung zu haben, ich trinke meist auf Verdacht Rot. Schottisches gibt es an der Hotelbar, aber für das gleiche Geld kann ich mir auch ein Taxi nach Hause nehmen. Dafür gibt es wenigstens eine Quittung fürs Finanzamt. Ich hielt mich also an den anonymen Roten, der Ersatzbegleiter trank in seiner übermüdeten Verzweiflung Cola Light. Nützte aber nicht viel, er schwächelte schon nach einer Stunde wieder.

  5. kdm sagt:

    Was wird denn so arg auf...
    Was wird denn so arg auf Rehlein rumgehackt; so unverschämt, frech oder gar falsch war ihr Kommentar doch nun wirklich nicht.

  6. FS sagt:

    Buchmesse hin oder her, was...
    Buchmesse hin oder her, was wars den nun fürn Weinchen? Und wie war das Angebot an anderen Spirituosen z.B. Schottische Brause?

  7. Don Ferrando sagt:

    Die literarische Version...
    Die literarische Version gefällt mir sehr gut und ich möchte auch keine andere hören!
    Ich freue mich schon auf den nächsten Beitrag!

  8. @Rehlein
    Was ist eigentlich...

    @Rehlein
    Was ist eigentlich der Sinn Ihres Kommentars? Mir scheint, das Rehlein möchte nur damit angeben, auch auf dieser Wein-Gutscheinparty gewesen zu sein. Ich war übrigens nicht da und trank stattdessen meinen eigenen Wein ohne Gutschein.

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