Überdruck

Überdruck

Die Liebe zum Gedruckten lässt Menschen auf der Frankfurter Buchmesse wahre Torturen ertragen: Lesungen in schlecht belüfteten Räumen, Herumrennen

Altern in Schönheit und Würde

| 41 Lesermeinungen

Vielleicht fallen Ihnen beim Lesen meiner Beiträge ja die liebevoll gestalteten Vignetten auf, die die Texte einleiten und beenden. Übernommen sind sie aus der "Theologia Dogmatico-Polemica" von Carolus Sardegna, gedruckt 1771 in der "Typographia Zunkeliana" in Regensburg. Warum, fragt man sich instinktiv, warum ging das früher? Was gab der Drucker den Lesern damit auf den Weg, welche Anregungen wollte er geben, und warum ist dergleichen heute undenkbar? Wiese sind unsere Bücher heute, da man keinen Holzschnitt und Kuupferplatte mehr braucht, da es praktisch nichts kosten würde, die Bücher schöner zu machen, so langweilig, uniform, banal?

Bild zu: Altern in Schönheit und Würde

Das ist aber ein schönes Buch, sagt der Metzger und streift sich die Handschuhe ab, an denen sich vermutlich das aus meinem Kiefer geflossene Blut befindet, rot und vielleicht ein wenig eitrig, was nach der letzten Nacht voller Pein keine besondere Überraschung wäre. Ich kann gar nicht hinschauen, und am liebsten wäre ich ohnehin tot. Ich erkläre dem Metzger, dass ich als Panikpatient gerne jesuitische Schmähschriften auf Protestanten in Kirchenlatein lese, wenn ich im Wartezimmer des Gemetzels harre. Ich kann mich voll auf jedes Wort konzentrieren, zittere nicht bei den unheilverkündenden Schritten der Sprechstundenbeihelferin, und ausserdem kann einer wie dieser Herr Sardegna, der gegen Luther argumentiert, gar kein schlechter Mensch sein. In Gold ist der Autorenname auf dem dunkel gemaserten Ledereinband des 18. Jahrhunderts eingeprägt, dahinter marmoriertes Papier und der Buchblock ganz in Blutrot; ein Buch, das allein schon sehr viel über den Autor verrät.

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Ich nehme das Verdikt des Metzgers, zu krank für die Buchmesse zu sein, resignierend zur Kenntnis, fahre heim und lege mich ins Bett. Neben meiner Raststelle ist ein Bücherschrank mit einer kleinen Handbibliothek. Ich in fraglos biblioman; wenn ich etwa eine alte Ausgabe der Gefährlichen Liebschaften in Halbleder sehe, kaufe ich sie, auch wenn ich sie schon ein paar mal habe, und gebe ihr für ein paar Jahrzehnte ein gutes Zuhause – in 60 Jahren, sage ich mir, werden auch die alten Halblederbände des 20. Jahrhunderts selten sein. Daneben steht das Prosawerk von Schnitzler aus den 20er Jahren, Heine mit einem Frauennamen in blassblauer Schrift darin, der gute Hirte durch schlechte Tage mit dem Namen Villon aus der DDR, Thackery und Kant, alles schon etwas älter und sehr schön.  In Würde und Schönheit gealtert, was man von mir selbst und vielen in meiner Lebenszeit gedruckten Büchern nicht zwingend sagen kann.

Es gab zu allen Zeiten elend schlecht gemachte Bücher, vieles aus dem 19. Jahrhundert zerfällt mit besten Gründen, und die mediokre Buchproduktion des späten 20. Jahrhunderts gilbt dem Vergessen entgegen – mein geliebter Walter Mehring aber sieht schon nach 25 Jahren schlimmer aus, als der hetzerische Sardegna nach 230 Jahren. An Büchern kann man sehr schön den Unterschied zwischen Patina und Zerfall betrachten. Das alte und gar nicht so teure Faksimile des Gebetbuches des Michelino de Besozzo etwa wird von Frauenhand oft und gern berührt ob seines Samteinbandes, und das, obwohl religiöse Andachten nun nicht zwingend das sind, was Frauen zu tun gedenken, wenn sie erst mal auf dem Bett ins Buchregal greifen. Warum aber tun sie es? Weil es schön ist und sagt: Fass mich an.

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Darüber würde ich gerne etwas hören. Bevor mein Kiefer wie ein Gugelhupf aufzuquellen beschloss, habe ich mir das Programm der Buchmesse angeschaut. Da gab es kein Podium mit dem Titel: „Bücher als zeitresistente Wertanlage.“ Oder: „Der Bibliomane, der Verlage Glück und Segen. Mit welchem Einband kann man ihn hätscheln?“ Oder: „Warum sieht Wagenbach Salto nach 20 Jahren immer noch taufrisch aus, und warum wirken Bertelmann-Bücher nach der gleichen Zeit wie ein Betriebshandbuch von Tschernobyl?“ Oder: „Das Lesebändchen. Es muss nicht immer weiss sein, aber sein muss es.“ Oder: „Prunk und Sünde: Lernen von der Typographie des Rokoko“. Oder: „Das Kolphon als Ausdruck der Drucker- und Verlegerwürde“ – ginge natürlich nur, wenn der Druck nicht in China stattfindet.

Mich als Bibliomanen und Mengenabnehmer interessiert das alles brennend. Ich wüsste gerne, wie es ein Buchbinder schafft, dass 200 Jahre nach seinem Tod ein Metzger nach dem Fuhrwerken in meinem Kiefer angerührt ist von der Schönheit seines Schaffens. Das ist grosse Kunst am Buch und an seinem Betrachter. Vielleicht könnten Verlage auch mal ein paar nervige PR-Leute anderen Tätigkeitsfeldern zuführen und dafür Künstler einstellen, die wissen, wie das geht: Patina. Zeit. Geschichte. Dauerhaftigkeit. Es muss ja nicht altbacken ein, man darf Büchern gern die Zeit ansehen, aus der sie stammen. Nur sollten sie diese Zeit später auch in Würde repräsentieren. Die Schutzumschläge der Suhrkamp-Bibliothek etwa bleichen schnell in der Sonne aus, aber die Einbände selbst werden erst nach 20, 30 Jahren richtig schön.

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Ich will also gar nicht betrogen werden, man muss mir kein Lederimitat bieten und versuchen, die grosse Zeit der schwarzen Kunst zu simulieren – ich weiss, das ist vorbei, so gut wie niemand druckt noch auf handgeschöpftem Papier, und auch viele Leute an den Ständen werden kaum wissen, wer Aldus Manutius war, und wie sie sich mit ihren Taschenbüchern an seiner Idee versündigen. Die Zeit, als Bücher allein auf die Oberschicht begrenzt waren, ist glücklicherweise vorbei, und nun stellt sich die Frage: Wie macht man ein Massenprodukt dauerhaft schön, wie verleiht man dem Produkt Buch eine Ausstrahlung der Dauerhaftigkeit, die es brauchen wird, um in unseren Tagen der vernetzten Beschleunigung als Ruhepol geliebt und gekauft zu werden. Denn nicht die Anpassung an die schnelle Lesbarkeit im Internet kann die Zukunft des Buches sein, sondern an jene Momente, in denen man Zeit und Ruhe oder schlimmstenfalls ein entzündetes Kiefer hat.

Dann schlafe ich ein und träume von einer Badewanne voller Tiramisu, das ich eigentlich nicht mag.

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41 Lesermeinungen

  1. bironium sagt:

    @BertholdIV

    Landau-Lifschitz...
    @BertholdIV
    Landau-Lifschitz kenne ich in vergammelnd leider nicht(dafür zu oft benötigt), dafür aber Vladimir Arnold.
    Fühlt sich gut an. Riecht auch gut. Das Cover sieht auch super aus. Nichtexistent. Könnten sich heutige Verlage eine oder zwei Scheiben von abschneiden

  2. donalphonso sagt:

    HansMeier555, es riecht nach...
    HansMeier555, es riecht nach altem Leder mit Lederfett, sonst nichts.
    .
    BertholdIV, es gab immer welche, die Wissen und Themen als gefährlich ansahen und zu vernichten trachteten. Früher war es halt noch einfacher, wobei es in der Antike durchaus eine dicke Tradition des gegenseitigen Zitierens gibt. Porphyrius ist mit „gegen die Christen“ so ein Fall, denn 448 wurde das Buch, wo immer habhaft, vernichtet. Amüsanterweise kennt man es trotzdem aus den Erwiderungen.

  3. dunnhaupt sagt:

    In Königsberg ließ man 1945...
    In Königsberg ließ man 1945 die kostbare Bibliothek einfach im Stich, doch die Knochen Hindenburgs aus dem Tannenbergdenkmal konnten — Gott sei’s gepriesen — mit aller Umsicht in Sicherheit gebracht werden.
    Sechzig Jahre später wurde die alte Anna-Amalia-Bibliothek mit ihren unersetzlichen Kostbarkeiten ein Raub der Flammen, nur weil die Weimarer Behörden die Brandverhütung moderner Bücher in der neuen Bibliothek für vordringlicher gehalten hatten.
    Ein Land, das sich nicht um seine Kulturgüter kümmert, verliert seine Kultur gänzlich, denn „ohne Bücher wäre die verdorbene Welt zugleich eine verlorene Welt“ (Jean Paul).

  4. Verehrter Don Alphonso,

    Da...
    Verehrter Don Alphonso,
    Da muß ich Ihnen aus tiefstem Herzen eine baldige Besserung für den vermaledeiten Knochen wünschen.
    Noch dazu einem Mann, der nicht krank wird.
    Aber von den vielen oben empfohlenen Chemikalien bitte nur die so einnehmen, die Ihnen auschließlich der Metzger Ihres Vertrauens sicher mit Bedacht und nach reiflicher Überlegung empfohlen hat. Und wenn es nicht erwartungsgemäß besser wird, wieder zum Metzger zwecks allfälliger Nachschau.
    Träumen Sie schön von tantenmordenden Torten, Tiramisu und Tarte de Kürbis, gegebenenfalls mit Tee.

  5. staph.aureus sagt:

    Soll doch Sardegna gegen...
    Soll doch Sardegna gegen Luther hetzen, das macht ihn zu keinem guten Menschen. Sollen doch die bairischen Kuhhirten treue, dumme Diener Roms bleiben. Anderswo ist es besser, dank Luthers Schrift „An die Ratsherren aller Städte deutschen Landes, dass sie christliche Schulen aufrichten und halten sollen“ (1524).
    .
    Statt Sardegna lieber Herzog Ernst den Frommen, den Begründer der allgemeinen Schulpflicht, in Gotha.
    .
    Rotes Blut aus dem Kiefer ? Doch kein blaues Blut, werter Don ?
    Im Gotha: „Und bis heute schlagen solche mit Von und Zu im Namen darin nach, um sich feudal zu verorten. Die Blutvermischung hat den Blaublütigen gut getan, denn zur Zeit Goethes, heißt es, seien Gothaer Bauern gebildeter gewesen als andernorts der Adel. Das mustergültige Kleinstaatswesen hatte nämlich als erstes Fürstentum in deutschen Landen die allgemeine Schulpflicht eingeführt.“

  6. staph.aureus sagt:

    Martin Luther 1524"An die...
    Martin Luther 1524″An die Ratsherren aller Städte deutschen Landes, dass sie christliche Schulen aufrichten und halten sollen“
    .
    Die bairischen Kuhhirten dürfen gerne weiter treue, dumme Diener Roms bleiben, Sardegna gegen Luther hetzen, das macht ihn nicht zu einem guten Menschen.
    .
    Dann bitte lieber Herzog Ernst den Frommen, Begründer der allgemeinen Schulpflicht. In Gotha.
    .
    Im Gotha: „Und bis heute schlagen solche mit Von und Zu im Namen darin nach, um sich feudal zu verorten. Die Blutvermischung hat den Blaublütigen gut getan, denn zur Zeit Goethes, heißt es, seien Gothaer Bauern gebildeter gewesen als andernorts der Adel. Das mustergültige Kleinstaatswesen hatte nämlich als erstes Fürstentum in deutschen Landen die allgemeine Schulpfl icht eingeführt.“

  7. Filou sagt:

    Wie Staph.Aureus bemerkte: Es...
    Wie Staph.Aureus bemerkte: Es geht auch mit modernen Ablenkungsmitteln. Ich amuesierte mich-zum Unverstaendnis meiner Mitleidenden-am iPod mit Rameau’s „Platée“. Waehrend der Onkel Doktor mir eine aeusserst duestere Zukunft prophezeite, grinste ich in den Bildschirm und dankte Gott fuer die Gnade der spaeten Geburt. Wie sonst waere mir in ernster Stunde ein grosses Vergnuegen zuteil geworden? Der Doktor ist inzwischen dahingegangen. Ob er eine Bibliothek besass, wage ich zu bezweifeln: Neben seinem Schreibtisch stand ein Sack Golfschlaeger.

  8. staph.aureus sagt:

    Gute Besserung !
    Rp....

    Gute Besserung !
    Rp. Clindamycin, Naproxen et Codein, Sol.Chlorhexid.0.2%, Bromelain.
    .
    Zitat aus „Volk im Glauben“ (Imprimi permittitur Berolini, die 20.m.Junii 1933), S.216:
    “ `Zuerst rette die Bücher!´ Diese Antwort ließ die heilige Wiborada im Jahre 925 dem Abt des Klosters St.Gallen zukommen, als er sie um Rat fragte, was er vor den anrückenden Hunnen zuerst in Sicherheit bringen solle.“
    Und auf S.313 über das Reichskonkordat vom 20.Juli 1933: „Er (A.H.) wusste, daß eine Kirche, die die ihrem Wesen und ihren Aufgaben entsprechende Freiheit geniesst, an seiner Seite stehen werde, daß ihre wertvollen Kräfte sich mit seinem Willen und seiner Arbeit für den Neuaufbau des deutschen Volkes verbünden würden.“
    „Gegen den Geist der Gottlosigkeit und der bolschewistischen Unkultur aber ist ein Bündnis zustande gekommen, das das Abendland für alle Zukunft als ein großes Verdienst wird werten müssen.“
    Oh ja, auch die Jesuiten haben große Verdienste gehabt, in ihrer Zeit…
    Und zum Zahnarzt kann man auch einen portablen dvd-player mitnehmen, Dustin Hoffman als Babe Levy in „Der Marathon-Mann“: dagegen ist ein jesuitisches Fegefeuer-Bildchen eine Kinderei, und man hat das Wartezimmer schnell für sich alleine.

  9. KarlOtto sagt:

    Gute Besserung!

    ... und das...
    Gute Besserung!
    … und das Richtige Antibiotikum …. und wie Filou schrieb … ein ausreichend stark wirksames Schmerzmittel

  10. Filou sagt:

    Das ganze gebildete Getue! Ich...
    Das ganze gebildete Getue! Ich bin stolzer Besitzer aller Ausgaben von Carl Barks (nicht Marx).
    Ausserdem musste ich mir wegen der schlechten Bindung moderner Buecher bereits das 8te Mal in meinen kurzen Leben J. Hazeks „Schwejk“ anschaffen. Den Rowohlt wirds gefreut haben. Die vorherigen Ausgaben wurden naechtens an meinen Kater verfeuert, d.w.s.: geschmissen.
    .
    Kiefer, lieber Don? Mein Beileid. Tief empfunden. Da helfen nur Opiate, und dann im Tran RTL gucken.

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