Überdruck

Überdruck

Die Liebe zum Gedruckten lässt Menschen auf der Frankfurter Buchmesse wahre Torturen ertragen: Lesungen in schlecht belüfteten Räumen, Herumrennen

Kleines Lob der Pressefrau

| 43 Lesermeinungen

Wenn ich die Wahl zwischen einem durschschnittlichen Journalisten und einem durchschnittlichen Schriftsteller zum Abendessen habe - und glauben Sie mir, ich wache mit diesen beiden elenden, divenhaften Faulpelzen jeben morgen auf und erblicke sie, wenn ich in den Spiegel schaue - dann würde ich vielleicht doch lieber mit den Pressedamen ausgehen. Einfach, um mir all die Geschichten um die Marotten der Schreiberlinge der Literatur und die gierigen Tricks der Schreiberlinge der Zeitungen anzuhören. So viel Ärger auf der Messe, und keiner dankt es ihnen.

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Gemeinhin sind es ja die Autoren, von denen man die grössten Klagen hört: Es gehört schon fast zum guten Ton, nicht auf die Buchmesse zu wollen, über den billigen Orangensaft und die fragwürdigen Hotels zu klagen, sich über Leseorte zu beschweren und generell so zu tun, als wäre man als Blutlieferant dieser Angelegenheit ebenso unersetzlich wie von Verlagen missbraucht. Nur Debütanten und Autoren von Books in Demand sagen, dass sie gern dort sind – die Ersteren lernen dort das professionelle Klagen über den O-Saft, und die Zweiteren sind vollauf damit beschäftigt, ihre Machwerke in den Ständern nach vorne zu räumen.

Immerhin, der Autor kann sich auf der Buchmesse wenigstens als Autor fühlen. Andere arbeiten dort im Verborgenen und unter schweren Bedingungen, und den schlechtesten Job von allen haben die PR-Frauen, im Idealfall die kundige Vermittlerin zwischen wohlinformierten Medienvertretern und geistreichen Autoren, in der Realität jedoch: Auf der einen Seite wanzt sie der Vorweiser eines Pressetickets um teure Rezensionsexemplare an, auf der anderen Seite jammern die Autoren, dass der Stand zu eng ist für die feinen Pfauenräder, die zu schlagen sie hergekommen sind. Kurz, die Pressefrau steht zwischen jenen beiden Personengruppen, die nicht wegen des Geschäfts, sondern nur zur persönlichen Bereicherung und zur Selbstverwirklichung auf die Buchmesse kommen. Geschäfte lassen sich auf Heller und Pfennig berechnen, aber als PR-Frau ist man eingeklemmt zwischen menschlich nicht immer angenehmen Unsicherheitsfaktoren, die nur Arbeit und Kosten verursachen.

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Im Zweifelsfall ist der normale Journalist übrigens der grössere Unsicherheitsfaktor, denn beim normalen Autor gibt es Mittel und Wege, divenhafte Anwandlungen zu zähmen. Er mag der Star sein – den längeren Atem im Verlag und die besseren Kontakte jedoch hat in der Regel die PR-Frau. Denn stets lechzt der Autor nach Anerkennung der Medien; Literaturpreise sind fein, aber wichtiger ist der TV-Auftritt, denn das hat man in den letzten Jahren lernen dürfte, als auch noch das letzte Fitzelchen Sprachübung aus der Musikglotzengosse an die Spitze der Bestsellerliste des Boulevardmagazins „Spiegel“ geschwemmt wurde. Daraus erwächst im Verhältnis zwischen beiden ein gewisses Druckpotential, das macht gefügig und rückt die Verhältnisse zurecht.

Journalisten jedoch. Ich hatte in meiner Zeit bei einer amerikanischen Zeitung gleich mehrfach das Vergnügen, angebliche Kollegen zu treffen, von denen ich eigentlich hätte wissen müssen. Mit der gleichen Unbekümmertheit, mit der manche die Mitgliedschaft in der Bundespressekonferenz beantragen, wird die Frankfurter Buchmesse als Gelegenheit zur Bereicherung betrachtet. Besonders fein ist es, wenn man ein paar Wochen nach der Messe ein Buch anfragt und dann erfährt, dass es schon bei der Messe an zwei angebliche Kollegen vergeben wurde. Ja, mitunter gibt es auch welche wie die Dame, die sich mit selbstgedruckten Visitenkarten als Zeitung ausgeben und einen fragen, seit wann man denn dabei sei und was man da tue. Ach? Chef in Deutschland? Also, sie macht das ja immer direkt mit New York aus. Im Prinzip ist das Elend ganz leicht zu beschreiben: Anzahl der insgeasmt auf der Buchmesse angemeldeten Journalisten minus Anzahl ernsthafter Rezensenten und Kulturberichterstatter ist gleich immer noch eine enorm hohe Zahl von Leuten, die keine beruflichen Interessen haben, aber dort auch etwas tun. Die PR-Frau nerven, beispielsweise. 

Naturwissenschaftlich ausgedrückt: Unter 10.000 Autoren ist höchstens ein Genie. Unter 10.000 Journalisten sind dagegen höchstens 9.999 Genies, wenn es darum geht, die eigenen Vorteile zu nutzen. Und das, obwohl man meines sollte, dass die meisten sich die Bücher auch selbst leisten können. Zumindest jene, die sie auch tatsächlich lesen. Bei meinem Roman etwa hatte ich bei 100 „Rezensionen“ nur ein paar mal den Eindruck, dass er tatsächlich auch gelesen wurde – und der einzige Totalverriss kam von einer Frau, die seitdem zu einer sehr guten Freundin wurde, und wegen der ich glaube, dass es wirklich nur höchstens 9.999 Genies unter 10.000 Journalisten gibt. Der Rest hat die Pressemitteilungen abgeschrieben. Ich kaufe mit meine Besprechungsexemplare selbst, ich habe gar keine Lust, mir irgendwas nach Katalog zu bestellen. Ich gehöre zu jenen, die das Schicksal der PR-Frau gerne aus der Ferne betrachten, ich kann auch auf jene Anrufe verzichten, in denen mir vom Head of Public Communication ein ach so toller Neuling an ein kaltes, enges Journalistenherz gelegt wird, das eigentlich nach ganz anderen Dingen verlangt.

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Als wäre das nicht genug, muss sie obendrein lächeln. Besonders aus der Messe. Egal wie mürrisch der Journalist ist, der am Vorabend auf der falschen Party keinen Wein abbekommen hat, trotz seiner wichtigen Rolle im Feuilleton des Vierhartinger Gemeindeboten. Und sie muss hohe, nicht wirklich zum Ort passende Schuhe tragen: PR-Frau, das ist immer die mit den höchsten Absätzen und den Entlastungsbemühungen zu späterer Stunde. Lächeln, meine Liebe, lächeln, der Herr dort ist von der Zeit, lächeln. Und die Beschwerde über den O-Saft trägt der Autor, der daheim in Berlin als Freund des 99-Cent-Döners gilt, natürlich nur der PR-Frau und nicht dem Verleger vor, der angewiesen hat, dass es diesmal nicht so teuer sein darf.

Ich mag PR-Frauen auf Buchmessen, diese gezwungene Haltung im Sturm der Missmutigkeiten, die Kontrolle über sich selbst und das immer freundliche Reden, und doch: Nur zu gern wüsste ich, von was PR-Frauen in der Nacht träumen, wenn man sie mit dem Taxi in ihre Hotels gekarrt hat. Vielleicht von jenem nie kommenden Moment der Wahrheit, da sie dem Abkömmling des Vierhartinger Gemeindeboten in das Gesicht sagen, dass er ein übler Schnorrer ist, und dem Prinzesschen aus dem Literaturinstitut mit dem Freund im oberen Verlagskonzernmanagement mitteilen, dass sie nur Füllmaterial im Katalog, 120 Seiten hinter dem amerikanischen Bestseller ist, und auch immer sein wird. Vielleicht also träumt sie davon, nur einen Augenblick so zu sein, wie alles um sie herum, und obendrein auch noch ehrlich.

Morgen kommen dann die normalen Besucher, da muss sie auch noch auf die Diebe aufpassen. Und trotzdem lächeln. Und von einem schmerzenden Bein auf das andere wechseln. Die Heldin.

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43 Lesermeinungen

  1. donalphonso sagt:

    Byron, glauben Sie mir, es...
    Byron, glauben Sie mir, es gibt weitaus Schlimmeres – die sog. Kollegen, die sich einen tag aus der Unterschichtenborze nach Freankfurt bequemen und ein wenig Buchevent machen, wurden ja schon angesprochen und sind in all ihrer Dummdreistigkeit bei diversen Internetsponchleichwerbeprodukten zu besichtigen. Das ist das Widerliche – nicht die PR-Frau, die tut, was sie tun muss, sondern der ungewaschene Parvenü, der ein paar Tage auf Buchversteher macht.
    .
    HansMeier555, über die Motivation von Autoren zu schreiben, würde das alles hier sprengen – aber die Eitelkeiten sind hier gross, und der Amazonverkaufsrang ist jene (manipulierte) Währung, nach der allzu viele lechzen. ich muss ganz erhlich sagen. dass mir solche Aspekte nicht besonders zusagen, aber ich muss davon ja auch nicht leben. Für viele sind die Einnahmen aus solchen Projekten und der darum entstehende Medienrummel dagegen ein wichtiger Teil der, äh, Personality, und dasn Elend der Medien, mit „hat dazu ein Buch geschrieben“ Experten zu schaffen, wo nur Grossmäuler sind, tut ein Übriges zu diesem Elend. Ich fand es ganz nett, und es ist ja auch nicht schlecht gelaufen – aber es ist auch etwas, das man sich nicht dauernd geben muss. Zumal der Reiz des „in den Medien sein“ für mich keiner ist, aber genau danach wird allgemein getrachtet.

  2. wazzerpfärd sagt:

    Einverstanden, Don, wenn...
    Einverstanden, Don, wenn nachgefragt wird, ist das eher lästig. Aber wie halten Sie die Leute davon ab, Ihnen Buchempfehlungen zu geben? Ich kenn ja nur mich ziemlich gut und ich ertappe mich immer mal wieder dabei, Freunden begeistert von der neuen Vargas o.ä. zu berichten, obwohl ich weiß, dass derjenige keine Krimis liest. Würde es Ihnen gelingen mich zu stoppen?
    Und was ich gestern vergaß: Danke, dass Sie Mitleid mit Ihren Lesern haben und trotz des Kiefers weiter bloggen. (Wie merkt man, dass man abhängig ist? Daran, dass man noch zwei Fahrstunden von seinem Computer entfernt schon überlegt, ob der Don wohl wieder von der Buchmesse gebloggt hat.)
    Und die PR-Damen haben, da sie zu Hostessen und zur Zeit zu Sicherheitsdamen degradiert sind, wahrscheinlich noch keine Zeit, diesen Blog zu lesen. Gerade klaut nämlich schon wieder jemand den nächsten Schätzing.

  3. Ich wundere mich -- lesen hier...
    Ich wundere mich — lesen hier denn gar keine PR-Frauen mit? PS: Ein schöner Text.

  4. Byron sagt:

    @Don Alphonso
    Wehrter Don,...

    @Don Alphonso
    Wehrter Don, meine Hochachtung, dass Sie diese Tage mit einer gewissen Nonchalance durchstehen. Messen sind mir samt und sonders ein Gräuel und sogenannte PR-Damen umfunktionierte Hostessen. Absonderliches Schuhwerk und künstliches Getue vollenden die Qual. Aber es lohnt sich nicht, darüber den Kiefer zu zermalmen. In diesem Sinne gute Besserung.

  5. HansMeier555 sagt:

    Gibt es nicht auch Autoren...
    Gibt es nicht auch Autoren (blinde Vermutung), die gar nicht bekannt sein und auch kein grosses Geld verdienen wollen?
    .
    Sondern einfach nur wollen, dass ihre Gelegenheitsgedichte, ihre Memoiren etc. im Buchhandel lieferbar bleiben solllen, damit sie nicht dauernd von Bekannten und Verwandten danach gefragt werden?

  6. donalphonso sagt:

    wazzerpfärd, mich dauert...
    wazzerpfärd, mich dauert diese Person auch nicht wirklich. Allerdings muss ich sagen, dass ich mitunter ganz froh bin, wenn die Empfehlung nicht im direkten Kontakt kommt; man geht bei mir davon aus, dass ich das dann tatsächlich auch lese und spricht mich darauf an, und dafür ist mein Widerwille gegen das 21. Jahrhundert dann doch etwas zu umfassend. Allerdings habe ich auch keinen fernen Führer durch die Buchwelten.
    .
    colorcraze, sicher, einer der schwersten Momente des Autorenlebens ist der Moment, da man als Schöngeist die Vertreterkonferenz kennenlernt. Das hat man sich irgendwie anders vorgestellt. Aber das alles ist einem egal, wenn die Kiste mit den belegexemplaren kommt. Dann ist man Schriftsteller, und das kann einem keiner mehr nehmen. Nur so sind auch die BoD-Publizisten erklärbar. Schrecklich, wozu manche die Sucht nach einem Buch so treibt.

  7. donalphonso sagt:

    Also, was meine eigene Personh...
    Also, was meine eigene Personh angeht, war das so: Am Mittwoch rief der Verleger an und sagte, dass die grosse Präsentation des grossen Werkes eines grossen Popsängers ausfallen würde, aber sie hätten da noch diese riesige Fläche und die leute seien auch schon eingeladen, gleich am Samstag Morgen – und er wüsste nur einen, der so verrückt ist, zu kommen und das zu übernehmen, wenn ich Lust hätte. Und ich fand es super. Aber mein Verlag ist glücklicherweise einer mit Verleger an der Spitze. Es gibt natürlich auch, sagen wir mal, schwierige Termine. Aber zum Glück habe ich einen eher offensiven Charakter, sprich, ich bin eine Rampensau.

  8. dunnhaupt sagt:

    Wer noch nie neben seinem...
    Wer noch nie neben seinem Selbstgeschriebenen am Bücherstand weilte oder sein Brot mit Tränen aß — was etwa dasselbe ist — der weiß nicht, was Autoren auszustehen haben. Glücklicherweise gab ihnen ein Gott, zu sagen was sie leiden.

  9. colorcraze sagt:

    Kiefer-OP, ich kenns schon....
    Kiefer-OP, ich kenns schon. Ablenken durch Arbeit hilft, wie bei den meisten Malaisen, solange sie nicht so stark werden, daß es einen umhaut und man Auflauf zu verursachen befürchten muß. Aber das haben Sie ja selbst schon herausgefunden. Gute Besserung. –
    Vertrieb ist eine Quälerei. Aber die läßt sich bei Produkten, die noch keiner klennt, wahrscheinlich nicht vermeiden.

  10. wazzerpfärd sagt:

    Mein Mitleid mit Frau...
    Mein Mitleid mit Frau Heidenreich hält sich auch in Grenzen. Das Konzept „Gute Freundin empfiehlt gutes Buch“ schätze ich ausschließlich live und sollten meine Freunde mich im Stich lassen, gehe ich lieber zum Buchhändler meines Vertrauens.
    Die Behandlung, die Herr Scheck allerdings der Bestsellerliste angedeihen lässt, amüsiert mich immer wieder. Schadenfreude ist halt sehr menschlich.

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