Überdruck

Überdruck

Die Liebe zum Gedruckten lässt Menschen auf der Frankfurter Buchmesse wahre Torturen ertragen: Lesungen in schlecht belüfteten Räumen, Herumrennen

Wer bei DuMont den Müll rausbringt

| 20 Lesermeinungen

Die Medienkrise drückt sich mit Macht ins Alltagsleben hinein. Ich will davon nichts hören, ich lasse mir lieber gute Nachrichten erzählen. Ich will Frieden, Liebe und Harmonie. Und tatsächlich gibt es davon einiges auf der Buchmesse, wenn man ein bißchen sucht.

Die Medienkrise nimmt allmählich besorgniserregende Ausmaße an. Heute bin ich dem ersten Feuilletonisten über den Weg gelaufen, der in bestem Mannesalter wieder bei seinen Eltern eingezogen ist. Er habe die Miete für seine Wohnung in Frankfurt nicht mehr zahlen können, nun hause er in ländlicher Gegend und reise jeden Tag umständlich mit dem Zug an. Meine Mutter ist 87 und lauert im Erdgeschoss wie ein Zerberus, klagt er. Aber er wolle ja nicht klagen, fügt er an. Und ob ich einen guten Nebenjob wisse?

Das ist natürlich sehr, sehr traurig, deshalb werde ich mich im Folgenden auf friedliche und harmonische Mitteilungen beschränken. Harmonie etwa herrscht im Hause duMont – nein, nicht der Verlag,wo Freitag kräftig gefeiert wird, sondern der Schauspieler. Sky duMont ist mit einem blonden Haarvorhang namens Mirja verheiratet, und die beiden haben nun zusammen ein Buch geschrieben. „Unsere tägliche Krise gib uns heute: Eine witzige Soforthilfe für den Beziehungswahnsinn“ heißt das Werk, das tatsächlich als Ratgeber bei Gräfe & Unzer erschienen ist. Mit läßt es ehrlich gesagt etwas ratlos zurück, denn die Gesprächsthemen im Hause DuMont drehen sich vor allem darum, wer den Müll rausträgt und wer das Mammut heimbringt, wer wie einparkt und daß der Mann schnarcht, aber behauptet, es nicht zu tun. „Das Schnarchen des Mannes hat seinen Ursprung in der Steinzeit“, behauptet Sky DuMont. Der Humor des Buches allerdings auch.

Bild zu: Wer bei DuMont den Müll rausbringt

Gutgelaunte Lektoren trifft man auch bei Wagenbach an. Der erste richtige Bestseller in der Verlagsgeschichte sei die „souveräne Leserin“ gewesen, nun ziehe das das ganze Verlagsprogramm mit. Ja, die Aufmerksamkeit für den Verlag habe sich deutlich erhöht, es geht uns gut. Das hört man doch gern. Aber wie kam dieser Bestseller zustande? Durch die guten alten Buchhändler. Es gab ein billig gebundenes Vorabexemplar für jeden, und dann liefen beim Verlag die begeisterten Briefe ein. Und es wurde empfohlen, aber wie.

Gute Nachrichten gibt es auch beim umzugsgeplagten Suhrkamp-Verlag. Die Vermittlungswebsite für Mitarbeiter, die im Januar nicht mit nach Berlin kommen, sei voll eingeschlagen, berichtet man mir heute am Stand. Vor zwei Tagen haben wir an dieser Stelle über www.Ex-Suhrkampler.de berichtet, nun gebe bereits zwei sehr ernstgemeinte Übernahmeangebote. Wenn die wirklich eine neue Stelle bekämen, hätte sich die Aktion schon gelohnt, freut sich Betriebsrat Wolfgang Schneider, und drückt mir einen „Grenzgang“ in die Hand. Prima, dann muß ich den nicht klauen.

Das Beispiel der Vermittlungswebsite könnte Schule machen. Ich denke da etwa an www.nebenjobs-fuer-feuilletonisten.de, das den ein oder anderen gestandenen Geisteswissenschaftler in den besten Jahren aus den Klauen des mütterlichen Zerberus befreien könnte. Auch andere könnten da profitieren, etwa Alexa Hennig von Lange, die, so berichtet ein übermüdeter Partygänger konsterniert, auf dieser Buchmesse noch mit niemandem geknutscht habe. Da muß man doch Abhilfe schaffen! Ist die Domain www.knutschen-mit-alexa.de noch frei?


20 Lesermeinungen

  1. HansMeier555 sagt:

    @Andrea Diener
    Sollte in...

    @Andrea Diener
    Sollte in diesen Netzen und Systemen nicht auch Platz sein für Salon-Formate (virtuell oder nicht), in denen bevorzugt unpublizierte Texte ventiliert werden?
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    Zumal nicht jede „Publikation“ diese Bezeichnung verdient. Nach meiner Schätzung sind 90 Prozent der Verlage faktisch Selbstverlage, da könnte man das Buch genausogut zum Copy-Shop bringen.

  2. fraudiener sagt:

    Die Autoren haben viele...
    Die Autoren haben viele Möglichkeiten, aber der Weg über den Agenten wird immer beliebter. Mittlerweile hat man auch über das Internet die Möglichkeit, sich einen Namen zu machen, sich zu vernetzen, was immer blöd klingt, aber wenn man sich zusammentut, trifft man immer auf Leute, die sagen: Ist toll, das zeig ich mal demunddem, vielleicht kann der was für dich tun. Es hängt eben immer auch von der Qualität ab, ja, das tut es wirklich, davon bin ich überzeugt. Wenn man gut ist, wird früher oder später jemand aufmerksam.
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    Für die Leser gibt es nach wie vor keine Garantien. Ein Buch zu finden, was man mag, ist immer ein hartes Geschäft, es gibt ja so viele Kriterien. Deshalb schafft an sich ein System, dem man vertraut. Das kann auch invers funktionieren: Was Kritiker XY verreißt, verdient einen zweiten Blick.

  3. HansMeier555 sagt:

    @Savall
    Schon, aber wo find...

    @Savall
    Schon, aber wo find ich die im Telefonbuch?

  4. Savall sagt:

    An uns müssen sich die...
    An uns müssen sich die Autoren wenden, an uns, die Leser, Hans Meier, ansonsten wird die Literatur sterben.

  5. HansMeier555 sagt:

    @Andrea Diener
    (1) Erschienen...

    @Andrea Diener
    (1) Erschienen oder noch nicht, da entsteht womöglich ein neuer Graubereich. Daß wir heute so eine klare Vorstellung von der Identität eines Textes, einer Veröffentlichung haben, hängt ursächlich damit zusammen, daß der Druck und Verbreitung eines solchen eine enorme finanzielle Investition darstellten. Dieses Zeitalter geht nun aber allmählich zuende.
    Darum könnte es sein, daß sich die Identität des literarischen Werkes zerfasern oder gar auflösen wird. Auch bei Romanen könnte eine Situation eintreten wie bei Volksliedern oder Vortragstexten: Es gibt verschiedene Versionen, keiner weiß genau, welche die ursprüngliche, die „richtige“ ist.
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    Das Internet eröffnet zahllose Möglichkeiten, mit Identitäten zu spielen.
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    (2) Die Frage bleibt aber, wer nun die Aufgabe des Erst-Begutachters (des klassischen Lektors) übernehmen wird. Jemand, dessen literarisches Urteil genügend Autorität hat, um zumindest die Salonwelt davon überzeugen, daß sich ein Blick in den Text lohnt. Oder einfacher gefragt:
    – An wen müssen sich Leser, die sich für neue Literatur interessieren, und ihr Vertrauen in Verlagsprospekte, Feuilleton und Fachbuchhandel verloren haben, künftig wenden?
    – An wen müssen sich Autoren wenden, die ein Publikum finden wollen?

  6. Savall sagt:

    Ich glaube auch, daß die...
    Ich glaube auch, daß die Tradition des literarischen Salons sich wiederbeleben ließe. Denn schließlich, wir Vielleser sind doch am Ende eine kleine Gemeinde. Laut Statistik gibt es nur 10 % Leser die mehr als 10 Bücher pro Jahr lesen. Wie würde erst die Statistik aussehen, wenn man die Meßlatte bei 50 anlegen würde? Mir wäre eine solche Möglichkeit sehr sympathisch. Es muß nicht gleich wie bei Rahel Varnhagen oder Henriette Herz zugehen. Wo wären auch heutzutage vergleichbare Autoren zu finden, die bei den beiden verkehrten? Aber es ist doch so, daß für einen Autor der Leser ein weitgehend unbekanntes Wesen ist. Warum ihn nicht in ein bekanntes verwandeln? Ich habe mir die Frechheit geleistet, mit den Herausgebern zweier mir wichtiger Klassiker-Editionen zu korrespondieren. Es war erstaunlich, wie freundlich und bereitwillig die beiden Herren auf meine gewiß albernen Fragen eingingen. Letzten Endes glaube ich, daß viele Autoren gern mit ihren Lesern kommunizieren würden, wenn man sie denn ließe.

  7. fraudiener sagt:

    Auch die literarischen Salons...
    Auch die literarischen Salons haben sich vorwiegend mit bereits erschienen Büchern beschäftigt. Es geht ja eher darum, wo sich der öffentliche Diskurs abspielt, und das kann ja ganz dezentral im Blog passieren. Ich möchte mich da nicht festlegen, wie genau, glaube aber, daß so ein Salon, so ein Ballen von kleinen Interessensgrüppchen, der Nachfrage eher entgegenkommt als ein großes Zentralorgan.

  8. HansMeier555 sagt:

    @Andrea Diener
    Aber wie soll...

    @Andrea Diener
    Aber wie soll das Format eines solchen virtuellen Salons genau aussehen?
    .
    Vielleicht so, daß Autoren ihr Manuskript an den Blog-Inhaber schicken, und dieser wiederum (wenn er es dessen für Wert hält) einen Auszug online stellt, mit (oder erstmal ohne) persönliche Einschätzung, und dann darf diskutiert werden. Die angefütterten Leser geben kund, ob sie auch den Rest lesen wollen und erhalten dann ein mit Wasserzeichen und Kopierschutz versehene PDF-Kopie? (Denn um das ganze auf Pergament zu ritzen wäre es ja doch noch zu früh…)

  9. fraudiener sagt:

    Ich fände die Rückkehr des...
    Ich fände die Rückkehr des literarischen Salons gar nicht so übel. Und auch gar nicht so unwahrscheinlich, allerdings in anderer Form, virtuell nämlich. Bei mir zu Hause ist kein Platz für so viele Leute, im Blog dagegen schon.

  10. HansMeier555 sagt:

    Okay, der klassische Verleger...
    Okay, der klassische Verleger ist tot. Und das ist auch gut so. Aber was kommt danach? Mündiger Leser zu sein ist ja ganz schön, aber irgendwer muß schon die Vorauswahl treffen zwischen all den Nachwuchsautoren, Debütanten, Graphomanen und Dilettanten.
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    Wer wird das sein, wenn nicht der Verlagslektor, der über ein literarisches Urteil verfügte und dabei den Buchmarkt kannte?
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    Stehen wir vielleicht vor der Rückkehr des literarischen Salons,

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