Überdruck

Überdruck

Die Liebe zum Gedruckten lässt Menschen auf der Frankfurter Buchmesse wahre Torturen ertragen: Lesungen in schlecht belüfteten Räumen, Herumrennen

Im Zeichen des müffelnden Eishais

| 20 Lesermeinungen

Es geht los – mit einem Wohlfühlgastland, mit einem Haufen Sand und mit einem weiteren Haufen wirklich sehr schlecht geschriebener Reden, die das nicht ganz so schlecht geschriebene Wort hochhalten. Und: It smells fishy.

Dass Island ungefähr die Einwohnerzahl von Bielefeld hat, nämlich etwas über dreihunderttausend, wird seit zwei Wochen bei sämtlichen Islandkulturereigniseröffnungen vorgetragen. Trotz der paar Leute hat das kleine Land es mit vereinten Kräften geschafft, das bevölkerungsreichere Frankfurt mit einer Kulturkruste aus müffelndem Eishai (der Landesspezialität), Wollpullovern (der Landestracht) und dickleibigen Büchern (der Landesliteratur) zu überziehen, auf deren Seiten sich Bauern auf möglichst interessante Weise gegenseitig erschlagen. Die Stimmung ist bei diesen Ereignissen durchweg gut, trotz des müffelnden Eishais. In der von Fischgestank kontaminierten Schirn etwa hat man Björks Cousine einen Sandberg aufschütten lassen, auf den sie sämtliche Attribute weiblicher Installationskunst seit den seligen Zeiten von Louise Bourgeois und Rebecca Horn drapieren durfte. Bisschen Natur, bisschen Seile, bisschen Glasgefäße mit bisschen Flüssigkeit.

Bild zu: Im Zeichen des müffelnden Eishais

Ähnlich strickpulloverkuschelig gibt sich auch der Pavillon des Gastlandes auf der Messe, der natürlich mit Fischhäppchen eröffnet wurde, um die sich alsbald eine hungrige Meute drängelte. Ganz gewöhnliche Isländer sitzen in raumhohen Projektionen vor ganz gewöhnlichen Billy-Buchwänden und lesen uns was vor. Wo nicht gelesen wird, rauscht kaltes klares Wasser vor sich hin, Moos wuchert und Fische schwärmen. Man darf sich wohlfühlen. Ein Auftritt so kontrovers wie ein Wellnessbad. Endlich haben wir mal wieder ein unkompliziertes kleines Gastland ohne Menschenrechtsverletzungen, denkt man sich, auf die paar Wale kommt‘s jetzt mal nicht an, hungern muss dort niemand und politische Gefangene gibt es nicht. Kein Konflikt weit und breit, kein Fettnäpfchen, keine zu bewältigende Vergangenheit. Ich weiß nicht genau, was das über die Isländer sagt, aber was es über uns sagt, dämmert mir schon.

Bild zu: Im Zeichen des müffelnden Eishais

Selten sah man die Redner einer Eröffnungsveranstaltung derart entspannt. Westerwelle lieferte ein flammendes Bekenntnis zu Europa, Petra Roth freute sich von erhabener Position auf die klassische Bildung der digitalen Generation herab, die ihre Schadviren nach antiken Schlachttaktiken benennt, und der stellvertretende Ministerpräsident Jörg-Uwe Hahn erklärte den Isländern das Frankfurter Kreuz. Alle wetterten gegen Urheberrechtspiraten mit und ohne Parteibuch, ist ja auch egal. Zu fordern, dass das Internet kein rechtsfreier Raum sein solle, macht sich ja immer gut, dazu ein bißchen Papiernostalgie. Alle wussten irgendwas über Sagas zu sagen. Bankenwitze machten nur die Isländer selbst. Es war eine große Party gegenseitiger Respektsbekundung mit kniggegemäß vorgetragenem Smalltalk. Wenn einem gar nichts mehr einfällt, kann man immer noch Vulkanwitze machen. Ach, die Natur. Alles in Aspik hier.


20 Lesermeinungen

  1. Rob Kenius sagt:

    Was wir von Island lernen...
    Was wir von Island lernen können.
    Dort sind Bücher in isländischer Sprache von der Mehrwertsteuer befreit.
    Bei uns ginge das auch, Übersetzungen ausgenommen.

  2. Die Saga von Haraldurs...
    Die Saga von Haraldurs Heimkehr. Das Wetter war hart im Herbst; es war Frost und kalte GEZeit. Die Heiden sagten, es sei nicht zu verwundern – das ist die Strafe für die neuen Erfindungen des Königs ARDur und diesen neuen Glauben, worüber die Götter in ihren Schwatzthings zornig geworden sind. Da nahm Folkher Herresson das Wort und sagte zu Haraldur Stangenhieb: Bist du geneigt, Vetter, den Glauben anzunehmen, den die Drottning Indibjörg verkündet? Ich bin nicht dazu geneigt, antwortete Haraldur; denn mir kommt ihre Religion zu weichlich vor. Dann ritt er vom Thinge nach Satenhöh zu seinem Oheim SatOlafur; der nahm ihn mit großer Freundlichkeit auf. Haraldur Stangenhieb hatte sich großes Ansehen erworben durch seine Reisen. Alle seine Verwandten und Bekannten schätzten seine Tüchtigkeit hoch – so glaubte er. Einige Zeit darauf begannt Haraldur ein Gespräch mit seinem Knecht Kogelarn und sagte: Es ist nun soweit, mich irgendwo festzusetzen und zu heiraten. Ich bin nun, denke ich, völlig erwachsen; ich möchte bei meinem Vorhaben Hilfe und Förderung durch SatOlafurs Wort nicht entbehren. Denn die meisten hier in der Gegend werden auf sein Wort Gewicht legen. Kogelarn antwortete: Es wird keine Frau geben, das darf ich sagen, der dein Antrag nicht zur Ehre gereichte, wenn du um sie anhältst. Du hast aber nicht das Gespräch hierauf gebracht, ohne dir vorher vorgenommen zu haben, wohin du es lenken willst. Haraldur sagte: Ich will nicht um irgendeine Frau außerhalb unserer Gegend anhalten – ich will um Gudrun LateNite werben; sie ist die Erste unter den Frauen. Sein Oheim SatOlafur antwortete: Wenn dir diese Sache so außerordentlich am Herzen liegt, vorausgesetzt, daß ihr untereinander einig werdet. Wie du weißt, Haraldur, ist Gudrun LateNite Witwe und hat das Recht, sich selbständig zu entscheiden. Gudrun LateNite aber sprach: Damals habe ich ihn deutlich genug abgewiesen, und das ist auch jetzt noch meine Absicht, da er nun den neuen Götze anbeten soll, anstatt meine Ahnen Thorstein Rumpelfuß und Balkdur den Versetzten zu ehren. Doch als SatOlafur diese Sache unwirsch aufnahm, wagte Gudrun LateNite nicht für sich Widerstand zu leisten, gab aber nur mit Widerwillen nach. Die Hochzeit wurde prächtig in Müllhem gefeiert. Haraldur Stangenhieb blieb dort den Winter über. Das Eheglück der beiden war nicht besonders, soweit Gudrun LateNite dazu beitrug. Zu sehr hingen ihre Gedanken bei den reisigen Vettern in Angeln, deren kecker Geist sie stets auf das Lager geworfen hatte. Haraldur aber merkte ihre Kälte nicht und starb den allmählichen Strohtod.
    (unter dankbarer Verwendung der Laxdoela saga)

  3. Die vielfach bemühten...
    Die vielfach bemühten isländischen Sagas hängen mit den Vorläufern deutscher Nationalliteratur etwa auf der gleichen Ebene zusammen wie Grimms Märchen mit dem Kleinen Hobbit – also doch irgendwie. Vermutlich meinte Frau Roth das „Hildebrand“-Epos (in der Grimm-Stadt Kassel aufbewahrt), das der Völuspa ähneln soll … nun ja, wenn man es auf die Metzelszenen unter Verwandten und Clans in der Landnahmezeit (fieser Euphemismus) reduziert. Und was heißt hier eigentlich „Nationalliteratur“ – ein oller Ostgote in hunnischen Diensten fetzt sich mit einem anderen Ostgoten, den er als Sohn erkennt (der aber ihn nicht als Vater). Abgeschrieben haben das Kasseler Fragment um 825 zwei Fuldaer Jung-Mönche in der neuen europäischen Ordnungsschrift „Karolingische Minuskel“ und aufbewahrt bezeichnenderweise im alttestamentl. Buche „Ecclesiasticus“ (das vom Respekt zwischen Vater und Sohn handelt). Die Vorlage weist Buchstaben auf (etwa das W-Zeichen), die sie in nordenglische Regionen verweisen (also in die Nähe des „Beowulf“, der wiederum ein alter Schwede war und kein Norweger, die Vorfahren der Isländer).
    Aber bitte – die Isländer haben es mit alten Handschriften. Man lese nur Indrithasons „Codex Regius“, einen unglaublich langweilig geschriebenen Wälzer mit historisch-kriminalistischer Patina über die Edda und die bösen Dänen und die historiengeilen Nazis. Also sind Sagas völlig out?! Nö, man könnte auch sehr aktuelle Stöffchen in Saga-Form kleiden. Wie wäre mit der „Heimkehr Harald Schmidts“ (2.400 Zeichen)?

  4. fraudiener sagt:

    JR: Da sind Sie nun schon...
    JR: Da sind Sie nun schon wieder weiter als Petra Roth, die allen Ernstes die Sagas als Vorläufer der Deutschen Nationalliteratur bemühte. In den Grenzen von wann denn bitte? Herrje. (Der Isländer hat wenigstens auf Tolkien verwiesen.)
    Bevor wir das Gastland abschaffen, schaffen wir lieber die Eröffnungsfeier ab.

  5. @Andrea Diener: lässiger...
    @Andrea Diener: lässiger Bericht mit Duftnote. Ja, eigentlich wären Tunesien oder Ägypten die angesagten Länder gewesen , oder auch Somalia und der Jemen … aber ab und zu braucht auch ein Konfliktforscher mal Urlaub, legt die Füsse hoch und gönnt sich ein paar harmlosse Trolle und eifersüchtige Alt-Bauern.
    @HansMeier555: Leichen lassen sich noch bequemer in Vulkane werfen, fehlendes Holz hat noch Niemanden vom töten abgehalten, als Grossstädter weiss ich davon ein Liedchen zu trällern. Aber die Mitternachtssonne hat selbstverständlich auch viel zu bieten, von Rejkjavik, über Oslo bis St.Petersburg, schööön.

  6. JR sagt:

    Diese jährliche...
    Diese jährliche Gastland-Routine der Buchmesse wirkt doch sehr gezwungen. Den Leser interessiert das: NIL. Ebensowenig wie die Sagas von Anno Tuck. Literatur ist nicht national organisiert. Ich bedaure nur die armen Referenten/Assistenten der Festredner, die hierzu Originelles zusammenstöpseln mussten. Das ist ähnlich weit hergeholt wie der diesjährige Literatur-Nobelpreis: Liest du schon oder schraubst du noch? Lieber Schwedenkrimis oder hier Islandkrimis!

  7. Vroni sagt:

    Lieber HansMeier555,
    mar...

    Lieber HansMeier555,
    mar merkt, dass Sie vermutlich kaum Island-Krimis lesen:
    „Wie schreibt man Krimis in einem Land, wo es keine Wälder gibt zum Leichen verbuddeln?“
    .
    Die tun ihre Leichen in Gletscherspalten. Sind tief. Oder in ein gehacktes Fisch-Eisloch.
    Womit wir wieder bei den Müffelfischen wären.

  8. @muscat: Ich musste den...
    @muscat: Ich musste den Surströmming selbst essen, meine Katzen lehnten dankend ab…und mit etwas schwedischem Vodka runtergespült, konnte man es ertragen.
    @HM55: Es gibt ja genug Vulkane, in denen man die Leichen entsorgen kann.

  9. Don Aldduck sagt:

    "Insolvenzi" - "Nein, das ist...
    „Insolvenzi“ – „Nein, das ist kein Insolvenzi, das ist ein Landsbanki….“
    Haben die Isländer eigentlich auch so jemand wie Gerhart Polt?

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