Überdruck

Überdruck

Die Liebe zum Gedruckten lässt Menschen auf der Frankfurter Buchmesse wahre Torturen ertragen: Lesungen in schlecht belüfteten Räumen, Herumrennen

Bollwerke gegen die Technoblase

| 25 Lesermeinungen

Im Hof der Messe steht ein seltsam technoides Ding, das von der IAA übriggeblieben ist. Hier soll was in Fahrt kommen. In den Messehallen dagegen setzt man auf Unverrückbarkeit. Ein Standtrendreport.

Irgendwann einmal in ferner Zukunft (wie fern, das hängt von der Phantasielosigkeit der Contentverwerter ab) könnte das E-Book mehr sein als ein Thema für Eröffnungsreden und willkommener Anlass, die Applausgeneratorphrase vom Internet als Raum, der nicht rechtsfrei sein darf, vom Rednerpult abzulesen. Irgendwann in ferner Zukunft sieht die Buchmesse dann hoffentlich nicht so aus wie der Techno-Uterus, der von Audi-VIP-Shuttles und breitschultrigen Anzugträgern umstellt im Hof der Messe vor sich hinbläht. Alles ist sehr teuer und sehr leer, alles glänzt, und in einem Eckchen stehen ein paar Stände, die Buzzwords verkaufen. „Driven by Ideas“ steht an der Wand, aber das ist nicht die Idee der Buchmesse, sondern vom Vormieter Audi recycelt, der auch noch ein paar Einrichtungsgegenstände stehengelassen hat. Irgendwo in der Klavierlackleere steht ein Podium, und Richard David Precht erklärt die Buchpreisbindung anhand von afrikanischen Buntbarschen, was genauso umständlich ist, wie es sich anhört.

Bild zu: Bollwerke gegen die Technoblase

In diesem Zusammenhang, also um der Luft und Leere etwas Solides entgegenzusetzen, ist wohl der Standtrend des Jahres zu sehen. Bei Fischer hat das dunkelgrüne Sperrholz ausgedient, man macht jetzt in Travertinoptik. Solide und unverrückbar wie ein Kriegerdenkmal steht der Stand am Kopf der Halle 3.1, ein Bollwerk gegen die Entkörperlichung des Buchblocks. Bei Suhrkamp hat man ebenfalls gründlich renoviert und hohe Regale in reduktionistischem Großlagerlook angeschafft, die den Warencharakter des Buches betonen. Man sitzt nun auf einer hölzernen Sitzlandschaft wie in einem dieser Ikea-Raumsparräume.

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Auch bei Eichborn hat der schwarze Hintergrund ausgedient. Ausgerechnet in dem Jahr, in dem wirklich ein Trauerrand angebracht gewesen wäre, gibt man sich trotzig: Ein Stand wie ein Betonwall, darauf in roter Farbe aufgesprühte Fliegenlogos. Das hat etwas anarchisches und gleichzeitig anrührendes, wenn man weiß, dass es der vermutlich letzte Messeauftritt dieses in den letzten Jahren nicht so erfolgsverwöhnten Verlages ist. Und wohin geht jetzt die Andere Bibliothek? Keine schönen Aussichten sind das. Man möchte am liebsten zur Sitzblockade aufrufen. Denn so virtuell soll die Buchwelt bitte doch nicht werden, dass nichts bleibt als Leere, Sitzwürfel, krumme Wände und ein paar übriggebliebene Marketingslogans eines Autoherstellers. Auch wenn ich mir gerade gut vorstellen kann, dass Richard David Precht im Jahre 2030 immer noch auf einem Podium sitzt und irgendwas anhand afrikanischer Buntbarsche erklärt.


25 Lesermeinungen

  1. JR sagt:

    Zum E-Book: Wieder ein...
    Zum E-Book: Wieder ein Werkzeug, das gequält nach Anwendung bzw. Inhalten sucht. Wie vor Jahren eine Überproduktion an Skistöcken zu den unseligen Walking-Stecken führte.
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    Ich greife weiterhin zum Druck- und Papiererzeugnis. Das kann ich über Jahre in der Ecke liegen lassen und doch anlässlich einer Aufräumaktion spontan mit Interesse wieder lesen, wenn der Speicher irgendeiner Kindle-Vorversion schon längst zerfallen ist. Das gedruckte Buch ist ideal als Mitbringsel und lässt sich einfach als Geschenk verpacken. Es kann problemlos an Freunde und Verwandte ausgeliehen werden. Es taugt für raue und harsche Umgebungen, tiefe Temperaturen, ohne innerlich Schaden zu nehmen. Es kann meinen Sitzplatz markieren, wenn ich einmal kurz um die Ecke muss, ohne dass Diebstahl droht. Es kann einhändig gehalten und bedient werden, mit dem Daumen als Lesezeichen, ohne dass meine Finger erst ein mehrjähriges Teenie-Texter-Praktikum durchlaufen müssen. Und auch bei längerem Stromausfall, wenn Akkus längst leergelaufen sind, unterhält es mich bei Kerzenschein.
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    Und nicht zuletzt: Die Industrie bräuchte nicht wegen Vorkommen an Coltan oder Seltenen Erden afrikanischen oder asiatischen Diktatoren in den Hintern kriechen, sondern könnte einer lokalen Waldbewirtschaftung zwecks Papierproduktion unter die Arme greifen.

  2. perfekt!57 sagt:

    Die alte Sache. Ueber einem...
    Die alte Sache. Ueber einem guten Buch vergesse ich die Welt.
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    (Und das ist es. Eben auch mich, und selbstvergessen legitimes Ziel jeder Taetigkeit, gerade der Guten und Nuetzlichen. Und Talmi ist Blech. Muss lackiert werden. Und Dieter Rams.)

  3. Vroni sagt:

    Achja, der Anteil der E-Books...
    Achja, der Anteil der E-Books am Markt soll erst bei mickrigen 1% liegen.
    (Quelle: Bezahl-Fachartikel in der iBusiness).
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    Das Gehype ist dann doch schon etwas schräg.
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    Aber es hat PR-Methode, einen gewissen Spin: Der Erfolg wird damit erfolgreich herbeigeredet, weil jeder (Verleger wie Leser wie Buchhändler) dann automatisch glaubt, es läsen doch schon so viele das Zeug. Und man müsse doch dann …
    Also alles ein primitiver, aber wirkungsvoller PR-Spin, der die Sache mit den Fliegen und dem Misthaufen …, ähm jna.

  4. Vroni sagt:

    Stellt euch vor, es wäre...
    Stellt euch vor, es wäre Buchmesse und keiner ginge mehr hin.
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    [Messen sind doch eh immer furchtbar, selbst die Angestellten der Aussteller hassen sie. Betonböden, hartes Licht, schlechte Luft, schlechter Sekt, billige Kugelschreiber.
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    Zuhause ist man dann mindestens für 3 Tage tot, der Körper ächzt, die Seele ist demoliert, der Hals kratzt, die Augen tun weh (gleichzeitig sensorische Unter- wie Überforderung), die Haxn tun weh. Außer man war so schlau, sich mit weichen, dicken Kreppsohlen an den Schuhen zu bewaffnen. Also geht einfach nicht hin. Zumindest die Hypersensitiven sollten sie meiden, ihre Sinne werden buchstäblich erschlagen. Die Frankfurter Büchermesse hab ich immer als eine der anstrengendsten Messen in Erinnerung. Daneben gleich die „Ambiente“. Am schlimmsten dann, wenn man mit einem Kundenkontakter unterwegs ist, der mal beim Militär war: im Stechschritt marsch; gutes Tempo ist, wenn der Letzte in der Reihe horizontal mitfliegt…]

  5. Ju Honisch sagt:

    Jetzt ärgert's mich doch,...
    Jetzt ärgert’s mich doch, dass ich mit die Buchmesse dieses Jahr verkniffen habe. So viel neuer Stil – und ich verpasse es. Vielleicht hätte mich doch wieder engagiert durch die Massen schieben sollen. Aber ich hatte mir fest vorgenommen, da erst wieder hinzugehen, wenn ich wieder einen „echten“ Termin habe. Und mein Agent war so geradeaus zu sagen, dass Autoren bei Verhandlungen nur stören. (Damit hat er sicher Recht. Autoren stören ja generell ein bisschen. Die Buchbranche wäre ohne uns viel glücklicher. Möbel lassen sich viel schneller an einen Trend anpassen als Schreiberlinge.)

  6. fraudiener sagt:

    Spectator, ja, das ist so eine...
    Spectator, ja, das ist so eine Nebenblase hier. So richtig finden die beiden, also Buch und Elektronik, aber noch nicht zusammen. (Vielleicht liegt es auch daran, daß es keine wirklich überzeugende E-Book-Party gibt. Wer sich nicht ab und zu weinselig in den Armen liegt, kann nie eine echte Beziehung aufbauen.)
    Filou, es gibt nunmal ein Bedürfnis des Publikums, komplizierte Dinge einfach erklärt zu bekommen. Manche machen das ganz großartig, andere simplifizieren einfach ein bißchen. Merkt ja keiner. Das darf man dann nicht dem Publikum vorwerfen, sondern nur dem Allwetterphilosophen.

  7. Spectator sagt:

    Andrea Diener@ Kompliment, Sie...
    Andrea Diener@ Kompliment, Sie haben sich seit vergangenem Jahr gut gehalten, zumindest auf dem Bild. Bücher & Sekt, eigentlich incompatibel. Letzteres beduselt so. Aber wenn´s denn den abschlüssen dienlich ist.
    Hab´s mir fast gedacht: Die Ipad-electronic-www-app-cloud-system-Messe findet doch eigentlich erst im Frühjahr in Hannover statt. Das ist also nur das Ableger-Technobläs´schen hier in FFM?
    Die schwarze Kunst des Buchdruckes, schwärme immer noch davon, die Zierde meiner Regale. Das Schreckgespenst jeden ehrenwerten Bookdealers: Amazon.
    So baut sich der Kurzschluß auf.

  8. Filou sagt:

    Frueher, ja frueher, da wurde...
    Frueher, ja frueher, da wurde 3-Wetter-Taft (Wella) heftig beworben. Jetzt sind wir geistiger geworden; es gibt nun den All-Wetter-Philosophen, bekannt aus Film, Funk und Fernsehen.
    .
    (Das mit der Alt-und Neuschreibe ist mir garnicht aufgefallen.)

  9. fraudiener sagt:

    Riesenschnecke, weil ich diese...
    Riesenschnecke, weil ich diese Stücke eigentlich für die Buchmessezeitung schreibe, und im Print ist die Neuschreibung gefragt. Wenn ich nur blogge, kann ich machen, was ich will. Und da schreibe ich alt.
    Karola Kettenhemd, da darf (noch) jeder rein Häppchen gibts aber nicht für umsonst, die kosten, und nicht unhappig.
    Spectator, daß es „hier“ um Bücher ginge, wird immer wieder gern kolportiert. Glauben Sie solchen Gerüchten um Himmels willen bloß nicht!

  10. Spectator sagt:

    Geht es hier um Bücher oder...
    Geht es hier um Bücher oder was? Wenn ja, warum? Wo, wohin, wer, is´n der Trendknaller? Alles Fragen die noch einer verfrühten Antwort harren.

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