Überdruck

Überdruck

Die Liebe zum Gedruckten lässt Menschen auf der Frankfurter Buchmesse wahre Torturen ertragen: Lesungen in schlecht belüfteten Räumen, Herumrennen

Sensation! Deutschland hat einen grossen Dichter oder auch nicht, oder?

| 42 Lesermeinungen

So ein grosser Dichter kommt nicht aus dem Nichts, der muss schon irgendwie gemacht werden. Ohne die richtigen Schlagworte: Kein Kauf der Zielgruppe. Wer kein Genie ist, muss heute gar nicht mehr anfangen. Höchstleistungen sind beim Klappentexten gedordert, wenn der Autor gebührend gelobt werden soll.

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Haaalloo Biene, also, ich habe jetzt essence multi dimension in Lila ausprobiert, und es passt wirklich perfekt zu den Schuhen, und trocknet auch ganz schnell – das trage ich nachher vor der Party schnell auf. Ja Schatz ich weiss dass es spät ist, aber ich hatte auch noch den Goten hier… diesen jungen Spinner da. Ach so Göte. Den hat mir der alte Sexist vom Vorstand geschickt hab ich Dir eigentlich schon erzählt was der letzte Woche… erzähl ich Dir nachher aber nicht auf der Buchmesse weitersagen ok? Ja also der Göte war da wegen dem seinen Buch seinem Klappentext, und ich weiss noch immer nicht, was ich jetzt schreiben soll. „Faust“ heisst das. Untertitel „Warum wir zu Recht zugrunde gehen“. Handlung ist gebongt, aber der ist so eine Zicke ich sag’s Dir, dass ich mir gesagt habe Anschie hab ich mir gesagt, die abschliessende Autorenlobhudelei machst Du, wenn der wieder draussen ist. Weil der Customer muss ja wissen nicht nur was sondern wen er da kauft.

Also, ich hätte da „Deutschland hat endlich wieder einen grossen Dichter.“ Aber das klingt so nach Spiegel Online mit dem Deutschland und der Göte will mehr so die Germanistenzielgruppe targeten. Da muss man mehr so intellektuell daherkommen, deshalb geht auch „Das längst überfällige Spitzenwerk zum Teufelsbund vom aufstrebenden Literaturstar der Nation“ eher nicht oder Biene? Also und da hab ich mir gedacht weil Du doch die Debühtantinnen aus Leipzig und Sachsen und so hast dass Du mir vielleicht so ein paar Worte sagen kannst die ihr da so nehmt für die Audiänze. Aber nicht fulminant, das hatte ich schon bei dem Heini. Na Heini, dem Dichter. Heini, Heine, ist doch egal, also fulminant geht nicht mehr, da wird sonst der Göte wieder nöckelig weil den Heine den mag er nicht.

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Meisterhaft, also das finde ich ein wenig banal und ausgelutscht, das steht ja heute in jeder bezahlten Rezension. Da ruf ich den R. bei der **** an, der macht das für ein Abendessen, das setze ich dann drunter. Klar könnte ich auch den P vom *******. fragen, aber das kostet mehr, und dem Customer ist es doch wurscht wo das Tästimonjäl herkommt, egal ob das 50 Euro oder eine Anzeige kostet. Hauptsache pruhfd Kwolitie. Also, was sonst?

Innerlich? Ne, innerlich ist er nicht. Der wird nochmal ein ganz schlimmer Finger, wenn der mal älter wird. Gefühlvoll beschreibt Göte… nö, da geht es schon recht hart zur Sache. Eindringlich? Nö, das geht gar nicht, da ist was Explizites drin mit Komasaufen und schwarzer Messe und so, sehr trendy, aber das Eindringen könnte missverständlich werden. Gekonnt zeigt Göte… Nein, können tut ja ein jeder weil sonst wäre es ja keine Kunst und er soll gleich mit 15000 in den Handel. Also Kunst muss es schon sein. Kunstvoll verführt Göte den Leser…, ja das ist schon besser weil da drin reimt sich auch was. Steht zumindest im Expoasie. Was? Nicht englich, französisch? Äxposäh, ok, woher soll ich das wissen, das kommt im Masterstudiengang nicht vor. Also, wobei, das muss schon deutlicher sein mit dem Dichten und so, da nehm ich besser „Lyrisch und kunstvoll verführt Göte die Audiänze äh die Leser in… zu… wohin… ach menno. Gar nicht so leicht den Göte beim Customer zu bränden, was, biographisch?

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Ne, bei einem Literaturinstitut war der nie. Das ist so ein Audotitaktischer aus dem Kämmerlein. Ne, auch kein Poetry Slam und auch nicht M-TV, nur gehobene Beamtenlaufbahn, das zieht irgendwie so gar nicht. Ne, auch kein Skandal oder zumindest nichts, was man öffentlich weiss. Keine schwere Kindheit, kein Jugendknast, auch keine Ostbio mit Stasivater und missbraucht wurde er auch nicht. Ganz unscheinbarer Typ, ich glaub, die Sachen mit dem Komasaufen und dem Freiluftsex hat der irgendwo gehegemannt, überhaupt, dieses Buch, ich mein, sowas mit dem Faust hab ich schon mal gelesen in einem Axposäh. Aber sonst weiss man über ihn nix. Frankfurter Spiessbürgertum. Pedant. Wie umschreibst Du so jemanden?

„Detailliert und kenntnisreich“, ja, das könnte schon eher hinhauen. Detailliert und kenntnisreich zeigt Göte am Schicksal, Schicksal ist immer gut, da denkt man gleich an Trendthemen wie DDR-Grenze, Weltkrieg, Bulimie, wie geht es übrigens Kathi, ist sie wieder da? Nein? Tja also: Detailliert und kenntnisreich zeigt Göte am Schicksal seines Helden die Verwerfungen unserer Epoche auf. Oder unseres Zeitalters? Oder wäre Generation nicht besser? Generation trendet doch auch. Wobei, doch, Epoche passt besser zur Zielgruppe. Der Verleger meint übrigens, dass die Journalistenabspeisung bei der Lesung nicht mehr als 1,79 Euro kosten darf. Kennst Du vielleicht noch einen Brötchenschmierer bei der Messe? Oder einen Dönermann, der Mengenrabatt gibt?

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42 Lesermeinungen

  1. donalphonso sagt:

    Dr.Til Schulz, das war für...
    Dr.Til Schulz, das war für die Zeit schon was, udn es wurde verkauft – was heute nicht jeder schafft. Der Häcksler ruft.
    .
    Spectator, die Berlinverschickung von Literaten ist ein Graus, aber eines, das auch noch thematisiert werden sollte.

  2. donalphonso sagt:

    Filou, Klassiker sind halt...
    Filou, Klassiker sind halt billig, und sie beschweren sich auch nicht.
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    Andi, ich habe es versucht: Das andere mit Batsch vorne und elor hinten kommt mir nicht aus der Tastatur.

  3. donalphonso sagt:

    muscat, man entgeht ihnen nie....
    muscat, man entgeht ihnen nie. Wobei ich sagen muss: Diese Marke kenne ich, weil ich damit Lackplatzer an rennrädern repariere.
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    Vroni, es gibt einige Jobs, die ich lieber machen würde als Klappentexte, und davon sind manche auch in der kampfmittelräumung.

  4. Der Tiger sagt:

    @Spectator - Der bunte Reigen...
    @Spectator – Der bunte Reigen hat halt nicht zwischen Realität und Literatur unterscheiden können – Pech gehabt. Filous Umgang mit der Dame war nur zweitrangig.

  5. kaktus sagt:

    Haben Sie auch etwas gefunden,...
    Haben Sie auch etwas gefunden, was Sie dem geneigten Leser guten Gewissens empfehlen können?
    Oder nur Kommerz und ungebildete Proleten auf dieser Veranstaltung….

  6. Der Tiger sagt:

    @Savall - Hochinteressant,...
    @Savall – Hochinteressant, mein erstes Büchlein “Mama, what do you do all day long?– a young ladies’ guide to project management” erschien als Weihnachtskarte für meine Freunde im Privatdruck in einer Auflage von 60 Stück, war aber sofort vergriffen und ich musste wegen der hohen privaten Nachfrage nochmals über 100 nachdrucken lassen. Deswegen habe ich von meinem zweites Buch, ebenfalls als Privatdruck und ebenfalls anstelle einer Weihnachtskarte, gleich 300 drucken lassen: “Stories from the e-salon”. Ich bin dieser Tage gerade dabei, mein diesjähriges Weihnachtsbüchlein zu planen, und natürlich auch zu überlegen, wie hoch die Auflage dieses Mal sein soll.
    .
    Drucken ist heute sehr billig. Wenn man mehr als 500 bestellt, kostet jedes Exemplar nicht viel mehr als eine UNESCO Weihnachtskarte. UNESCO Weihnachtskarten kann jeder kaufen, aber meine Bücher sind viel origineller. Meine Freunde fragen schon, was es dieses Mal gibt.

  7. Filou sagt:

    Endlich wieder Elite, Savall,...
    Endlich wieder Elite, Savall, wenn ich dann zu den Wenigen gehoere, die noch lesen koennen-und zu den Freien, die vielleicht noch lesen wollen.
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    (Wie sagte doch der Winzer im Herbst vor seinem Weinberg stehend: „Wer soll das alles lesen?“[1]
    .
    [1] Leider nicht von mir. Wahrscheinlich Gernhardt, oder Waechter, oder Greser und Lenz.

  8. Goethe sagt:

    Das Mädgen hat am Telephon...
    Das Mädgen hat am Telephon einiges verschwiegen… Hihi… von wegen unscheinbarer Typ! 12 Zoll, sag ich nur, 12 Zoll!!

  9. Savall sagt:

    Verehrter Dr. Schulz, der...
    Verehrter Dr. Schulz, der „Faust“ ist zu Goethes Lebzeiten nicht als Einzeldruck erschienen, sondern nur im Rahmen der unterschiedlichen Werkausgaben, zuerst 1808. Sie verwechseln den Faust wahrscheinlich mit dem Götz. Der erschien tatsächlich in einer solchen Auflagenhöhe als Privatdruck Goethes und Mercks. Die beiden Blauaugen dachten, Sie könnten abseits des Buchhandels viel Geld verdienen. Ein veritabler Goethe-Ladenhüter war der „West-Östliche Divan“. Die erste Auflage war noch 50 Jahre nach Erscheinen lieferbar. Man muß bei solchen Auflagen aber auch berücksichtigen, daß die potentielle Käuferschicht bestenfalls ein paar hunderttausend Personen umfaßte. Was vermutlich bald wieder so sein wird. Das wird uns zwar vor Anjatanjas schützen, aber auch die Buchpreise treiben.

  10. nico sagt:

    Liest sich igendwie nach...
    Liest sich igendwie nach powerpointerfingerfood, und das geht für 1,79€! Wenn die Katzenberger da schon debutiert, oh je, das ist wie fliegen mit Ryanair. Wo, cojones, sind die incentives?

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