Überdruck

Überdruck

Die Liebe zum Gedruckten lässt Menschen auf der Frankfurter Buchmesse wahre Torturen ertragen: Lesungen in schlecht belüfteten Räumen, Herumrennen

Goeth-Äpp

| 36 Lesermeinungen

Wir haben einen Autor. Wir haben ein Buch. Wir haben einen schneidigen Untertitel und ahnungslose PR-Frauen. Damit ist der Erfolg garantiert, solange wir jetzt nur noch die flotten Jungs von der Buchdigitalisierung drüberrutschen lassen. For ultimate Success. Und so.

Bild zu: Goeth-Äpp

Ist der Autor anwesend? Nein, nicht? Lebenskrise nach der Talkshow? Naja, das passiert schon mal, aber Sie als Verleger haben ja alle Rechte für die digitale Vermarktung? Um so besser, dann legen wir los, kein Autor, keine Widersprüche. Die mit ihren komischen Vorstellungen von Werktreue. Um das gleich zu sagen: This is a differnt world. We need new solutions. Keiner muss Angst vor dem Digitalen haben.

Also das E-Book im Mobile Business von „Faust: Warum wir zu Recht zugrunde gehen“ muss definitiv sein. Ohne E und M geht gar nichts M-E-hr. Wir bringen das in alle Formate, solange sie kurzlebig und nicht hackbar sind, versprochen. Nach zwei Jahren gibt es keine Geräte mehr, die die abspielen können, aber an Ihrem Autor, an dem werden Sie weiter detailliert und umfassend verdienen. Die Frage ist, wollen Sie darin auch Advertising Space freigeben? Wir hätten durchaus interessierte Kunden, die auch in diesem Sektor innovative Strategien ausprobieren wollen. Der Foodsektor zum Beispiel, da sehe ich durchaus Sektoren im Buch, die man dafür targetkompatibel optimieren könnte.

Bild zu: Goeth-Äpp

Optimieren? Was das heisst? Naja, also, dieser Auerbachs Keller, oder muss das nicht heissen Auerbach’s Keller? Also, da kann man schon was machen, nur muss man das publizistische Umfeld ein wenig den Sales Targets und Zielgruppen anpassen, und nachdem sich das Buch aufgrund des Titelhelden an gut ausgebildete Männer im besten Alter wendet, ist das natürlich auch attraktiv. Aber: So ein Exzess passt einfach nicht mehr in den geniesserisch definierten Erlebnishorizont grosser Braukonzerne. Das muss mehr in Richtung Lounge gehen, ein wenig Wellness, Bier als Naturprodukt, dann könnte man… ja natürlich mögen Autoren das nicht leiden, aber man muss das so sehen: Da kommt schon ein guter Zuschuss rein. Zum Beispiel, wenn man an die grossen Lebensmittelkonzerne richtig rankommt, da kommen schon mal die die Autorenunkosten wieder rein, und so ein Autor hat doch auch eine Verantwortung für seinen Verlag, der soll sich nicht so haben.

Das ist übrigens auch wichtig für die App, wenn es ans Downloaden geht. Da könnte ich mir statt klassischer Werbung auch Rich Media Formate vorstellen. Und weil Sie ja sicher keine Einspielfilme produzieren werden, könnte man die als In-Book-Promotion fremdproducen lassen. Erstklassige Formate, professionell gedreht, kosten Sie keinen Cent und mit Pay per Click können Sie davon auch wirklich profitieren. Das Buch muss halt deutlich darauf hinweisen, einen Cliffhanger vor das Video reinschreiben, und… ja, sicher, das ist neu, aber im Internet ist das üblich, die User kennen das nicht anders, und so ein Film hilft schon über die Längen von diesem „Faust: Warum wir zu Recht zugrunde gehen“ hinweg. Also, der Goethe ist ja nicht da, da kann man offen reden: Für die high speed multitasking Generation, die sich eine App auf das iPhone lädt, muss das kurzweiliger, schneller, fetziger sein. Visions for the Wisching Generation, nennen wir das.

Können Sie den das machen lassen? Wir wollen den Autor und das Buch natürlich nicht für die Werbung schlachten, wir sind selbst cultural connected und haben ein Commitment sogar für Leute, die noch Bücher lesen, da ist es natürlich gut, wenn so eine Autorenmarke kooperiert und versteht, wie die neuen Herausforderungen zu managen sind. Schliesslich wird er auch in 2, 3 Jahren noch gelesen werden wollen, und da muss er dorthin, wo die Leser gewandert sind: In die digitalen Welten. Und für Sie als Verleger gibt es keine Alternative. Sie müssen weg vom Berufsbild des Druckers hin zum Vermittler zwischen Welten, zum Knotenpunkt in den Value Chains zwischen On- und Offline.

Bild zu: Goeth-Äpp

Und deshalb wäre es doch auch gut, wenn der Goethe von der reinen Publishing Marke auch zum Incentive für die Leser wird. Lesereise ist gut, aber ein 24/7 Backchannel zum Autoren wäre die adäquate Antwort auf die Wünsche der neuen Generation nach Personality driven Book Experience. Man wird jetzt alles neu denken müssen, sicher ist es eine Umstellung, aber als Partner der Industrie und der Werbekunden ist Ihre Marktpositionierung gleich viel besser. Der Markt entscheidet, und Ihr Goethe sollte das auch verstehen.

Wir können das natürlich auch als externer Dienstleister im Komplettpaket optimieren, ich habe da wirklich gute Leute, die auch für Mario Barth schon Witze geschrieben haben, damit bringen wir Ihr Buchprodukt an allen Areas richtig ins Geschäft, bei den Lesern, bei den Nutzern und im Bereich Corporate Publishing. Und der Goethe, der kann damit vielleicht auch mal als Moderator bei einem Firmenevent auftreten, wenn es richtig gut läuft.

Und wenn Sie es nicht glauben – besuchen Sie Halle 4.0. Da geht es überall so zu.

Bild zu: Goeth-Äpp


36 Lesermeinungen

  1. donalphonso sagt:

    Oliver-August Lützenich, ich...
    Oliver-August Lützenich, ich denke, das ist so ein wenig wie die italienische Rennradindustrie, in der lange Zeit Menschen Räder bauten, die sie auch gefahren sind. Dann kamen sie darauf, dass es billiger ist, die Räder in Fernost bauen zu lassen und ihren Namen draufzukleben. Heute spucken Maschinen diese Rahmen aus, und irgendwie sieht keiner mehr ein, warum er die Italiener bezahlen soll, wenn er ohne deren Namen drauf die Hälfte zahlt. Deshalb halte ich buchferne Buchbetriebsangestellte und Firmen wie Thalia für einen Graus.

  2. Ornithologe sagt:

    @spactator: was outplacement...
    @spactator: was outplacement human resources conultancies von .aerobic-affinen stewardessen lernen können:
    „jemandem zeigen wo die tür ist!“

  3. Reinhard sagt:

    Herr Lützenich, wenn hier...
    Herr Lützenich, wenn hier etwas den Bach runter geht, dann ist das nicht das Buch, sondern das Verlagswesen. Bücher werden immer geschrieben, Bücher werden immer gelesen, ob auf Papier oder digital. Aber aufgeblasene Verlagsstrukturen … mit denen geht es in der Tat den Bach runter.

  4. Aus Ihren Texten Don Alphonso,...
    Aus Ihren Texten Don Alphonso, entnehme ich, das Bücher inzwischen von Menschen verkauft werden, die selbst keine Bücher mehr lesen, sie nur noch promoten und vertickern. Kann man daraus schliessen, dass das ein Zeichen dafür ist, das es mit Büchern langsam aber sicher zu Ende geht? Ich habe die Erfahrung gemacht, das ein Betrieb immer den Bach ‚runter geht, wenn die Menschen, die darin oder dafür arbeiten das Interesse, die Nähe, manche nennen es auch Zuneigung, sprechen sogar von Liebe zu dem Produkt, das sie produzieren oder verkaufen, verlieren oder schon verloren haben. Oft ist das aber auch eine Folgereaktion auf das nachlassende Interesse des Marktes an den Produkten des jeweiligen Betriebes. Was verliert also gerade das Interesse am Buch und dessen Inhalt (Content?), die Produzenten am Markt, den Konsumenten, oder diese am Buch und dessen Produzenten (SchriftstellerInnen)? Da die Inhalte von Büchern ja sehr vielfältig sind, welcher Bereich wird so verkauft oder beworben, wie Sie das beschreiben: Sachbücher, Prosa oder Poesie? Ich vermute, Sie beschreiben da eher einen Bereich der Sachbücher und der Prosa, bei Philosophie oder Prosa kann (möchte) ich mir keine solche Gespräche vorstellen!

  5. Filou sagt:

    Doch, gibt's....
    Doch, gibt’s. https://www.thomy.de/aktuelles/Oekotest.htm
    .
    (Hilft bei Bockwurst, Gicht, Cholera, Syphillis (als Pflaster), Depressionen, apper Arm und drittem Bein.)

  6. donalphonso sagt:

    Solange es nicht das Putzen...
    Solange es nicht das Putzen von Kernbrennstäben ist… Gibt es überhaupt nich Senfgläser?

Kommentare sind deaktiviert.