Überdruck

Überdruck

Die Liebe zum Gedruckten lässt Menschen auf der Frankfurter Buchmesse wahre Torturen ertragen: Lesungen in schlecht belüfteten Räumen, Herumrennen

Vom Kontakt in digitalen Zeiten und analogen Schwierigkeiten

| 11 Lesermeinungen

Die Buchmesse, vom Straßenrand aus gesehen: Papier in Katalogform will keiner mehr, Papier in Buchform schon, und Kärnten macht sich beliebt.

Dieser Eintrag entstand, während ich mit dem MacBook am immerhin begrünten Straßenrand irgendwo im Bermuda-Dreieck zwischen Griesheim, Höchst und Sindlingen saß und auf den ADAC mit dem Startkabel gewartet habe, der hoffentlich meine tote Batterie wiederbelebt, damit ich hoffentlich pünktlich in die Redaktion komme um hoffentlich pünktlich den Text abzugeben. Lange Geschichte. Aber der ADAC kam dann rechtzeitig, als ich fertiggetippt hatte und rettete mich und den tight getakteten Tag.

Bild zu: Vom Kontakt in digitalen Zeiten und analogen Schwierigkeiten

Es war am Vorabend alles so wie immer beim ungefähr zweitrauschendsten Verlagsfest der Messe. Man begrüßte sich freudig, wie man sich eben begrüßt, wenn man sich nur einmal im Jahr sieht. Man stieß an, tauschte sich aus, fragte sich nach dem Leben. „Und? Wie geht’s? Hab auf Facebook gelesen, du warst in Yorkshire. Geil.“ Etwas ist anders beim zweitrauschendsten Fest der Messe und auch bei allen anderen: Man sieht sich zwar nur einmal im Jahr, mailt selten und telefoniert wider besseres Versprechen nie, dafür tauchen die Namen der anderen nun regelmäßig in der Timeline des großen sozialen Netzwerks auf, das zwar keiner mag, aber doch alle nutzen. Und sei es nur mit dem Hinweis, dass es beruflich unumgänglich sei.

Man fragt dann nicht genau nach dem Tätigkeitsprofil, das Farmville-Kompetenz voraussetzt, und lobt lieber den adretten Nachwuchs. Es ist ja auch angenehm, beim Smalltalk nicht bei null anfangen zu müssen. Man kann sich die ganz peinlichen Floskeln sparen. Der bisher binäre Zustand von entweder Kontakt oder Nichtkontakt hat einen Zwischenzustand bekommen, der heißt Facebook-Freundschaft (in Abgrenzung zur richtigen Freundschaft) und ist gut, um Konversationslücken aufzufangen. Das Internet hat zwar dafür gesorgt, dass nicht mehr alle Geschäfte auf der Messe abgeschlossen werden. Die Kataloge gehen, zumindest an den Fachbesuchertagen, nicht mehr so schnell weg wie früher – weil man sich lieber auf der Homepage des Verlages informiert, anstatt Papier durch Messehallen zu schleppen.

Doch dem Bedürfnis nach analogen  Verlagspartys konnten die virtuellen Kontaktmöglichkeiten nicht abhelfen. Man kann per E-Mail Geschäfte machen, aber nicht per E-Mail zusammen einen trinken. Oder mit Hilfe der Rowohltschen Zentrifugalkräfte auf den Wallstein-Verleger Thedel von Wallmoden treffen, der mit dem  feinen Lächeln der Genugtuung mitteilt, der bachmannpreisgekrönte Roman der Kärntner Slowenin Maja Haderlap habe sich schon in doppelt so vielen Exemplaren verkauft wie die Biographie von Jörg Haider. Das mag für die politische und kulturelle Zurechnungsfähigkeit der Kärntner sprechen oder gegen die  Lesekompetenz des gemeinen Haider-Verehrers. Finde ich trotzdem gut. Und denke mir einen „Gefällt mir“-Knopf dazu.

Im Grunde, so sagt mir dann der Mann mit den mexikanischen Eugen-Ruge-Gedenkmanschettenknöpfen, die er extra zum Anlass dieser Messe eingepackt hatte, im Grunde ist es mit Facebook so wie damals in den frühen Nullerjahren, als die Telefonbuch-CDs auf den Markt kamen. Unsere Väter (ja, auch meiner) saßen da und stellten fest, dass alle, die sie jemals kannten, alle verschollenen Verwandten und Bekannten, irgendwo in den Datensätzen dieser CD steckten. Man hätte ja auch zur Hauptpost gehen können, um all die Namen in den internationalen Telefonbüchern nachzuschlagen. Aber hier waren sie nun alle, und man musste nicht einmal vom Stuhl aufstehen. Für uns ist das nun genauso: Alle sind auf dieser Website, und man muss nichtmal anrufen oder gar eine Mail schreiben. Man klickt einmal auf „Freundschaftsanfrage versenden“, fertig. Analoge Schwierigkeiten gibt es ja noch genug. (Leere Autobatterien gehören dazu, und Kärnten.)


11 Lesermeinungen

  1. fraudiener sagt:

    E.R.Langen, ich finds grad...
    E.R.Langen, ich finds grad nicht: Wo genau klage ich über „bösibösi Verlagsleute“? Können Sie mir bitte weiterhelfen?

Kommentare sind deaktiviert.