Überdruck

Überdruck

Die Liebe zum Gedruckten lässt Menschen auf der Frankfurter Buchmesse wahre Torturen ertragen: Lesungen in schlecht belüfteten Räumen, Herumrennen

Der Haupstadtjöhte

| 27 Lesermeinungen

Warum eigentlich "Frankfurter Buchmesse"? Könnte man nicht auch sagen: "Berliner Buchmesse in Frankfurt"? Schliesslich ist alles, was Rang unf Namen hat, doch längst vom Main an die Spree gewechselt, nur die Banken bleiben zum Sterben hier, So gesehen kann es nicht verwundern, was bei den Gesprächen des FAZ-Empfangs über Standortfragen geplaudert wird.

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Ah, guten Tag, ich kenn Sie doch… Moment… Sie sind doch… Sie sind Schriftsteller, oder? Sie sind der – ach so, jetzt, der Goethe, richtig. Sie haben doch dieses Sachbuch über Teufelspakte und Kindsmördereien geschriegen. Krasser Stoff. Schätze mal, die Roche wird das dann ihrem übernächsten Buch auch machen, wenn sie mit Bulimie und Orangenhaut durch ist. Oder es wird schon nächste Saison gehegemannt… nur ein Witz, pardon, regen Sie sich nicht auf. Ich darf mich vorstellen: Karl Ludwig Beelz von Beelz & Bub, Literaturagent in Berlin a. d. Spree. Sie sind das erste Mal am FAZ-Empfang? Ich führe Sie gerne rum, ich kenne die Lovenberg und den Schirrmacher und mache gute Geschäfte mit den miesepetrigen FAZ-Hausbloggern.

Oh ja, ich kann nicht klagen. Das war eine gute Messe, ich habe Dutzende von One-Way-Debutantinnen verkauft. Und bei Ihnen? So, es war also schlimm, was man so hört, ich kenne ja auch Ihren Verleger, die PR war also gemein zu Ihnen, Sie mussten in eine Talkshow und ausserdem will man in Ihrem E-Book Werbung einbinden, und Sie sollen das umschreiben – ja, das ist hart. Und wie ich Ihren Verlag kenne, hat er sie auch nicht für Klagenfurt – He, hallo, Burkard, ich komm gleich! – da drüben ist der Spinnen, also, für den Bachmannpreis wurden Sie auch nicht vorgeschlagen vom Verlag. Sie waren auch nicht beim Open Mic, oder? Das ist schlecht. Wirklich schlecht. Tja. Darf ich fragen, wo Sie eigentlich Ihre Bücher schreiben?

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Moment – Sie kommen aus Frankfurt und ziehen nicht nach Berlin Mitte, sondern richtig nach Ossistan, nach Weimar zu den Neonazis und Stasi-Altlasten? Da wundern mich ihre düsteren Themen aber überhaupt nicht mehr. Warum machen Sie es nicht wie alle erfolgreichen Leute und Verlage – zum Beispiel Suhrkamp oder Eichborn oder Blumenbar – und ziehen nach Berlin? Jetzt im Ernst. Wer in Klagefurt auftreten will, kann zwar überall herkommen, und er kann über alles schreiben, solange es nur traurig und innerlich ist, aber die Einladung zum Bachmann geht nur über Berlin. In Berlin sind doch alle! Schauen Sie sich um, fast alle hier sind eigentlich Berliner, wir treffen uns hier nur, weil das so eine Art Berliner Walpurgisnacht ist, und einmal im Jahr unsere Autoren auch mal Gelegenheit haben wollen, ihre Wäsche bei Mutti abzuladen. Die ganze Buchmesse ist nichts anderes als eine Berliner Exklave, da zeigen wir der gebraindrainten Restrepublik mal, wie das geht: Literatur. Kultur. Geistesgrösse. Bedienung? Zefix Bedienung! Weg da Du Laus, das ist jetzt mein Prosecco, und Saftschubse, bring mal ne Flasche für den Goethe. Also wo war ich. Genau. Geistesgrösse. Also, wir alle sind in Berlin. Das müssen Sie auch erleben.

Zum Beispiel kann man jeden Abend irgendwo vorlesen. Das schult Sie dann für den nächsten Talkshowauftritt, denn das Berliner Publikum ist anspruchsvoll und gibt sofort Feedback, wenn etwas nicht gefällt. Sie sind ganz nah dran an der anspruchsvollen Zielgruppe. Ausserdem, keine alte Sau interessiert sich in den Literaturhäusern dieses Landes für einen aufstrebenden Autor aus Rostock… ne, Weimar, also, da brauchen Sie gar nicht anfangen. Erst in Berlin kann so eine Ossibiographie glänzen und zu Gold werden, dito zweiter Weltkrieg, dito vergewaltigende Grossväter, dito Essbrechsucht – das wirkt in Hückelhoven überhaupt nicht, aber in Berlin… in Berlin… da ist das: Kunst. Berlin adelt den Schriftsteller. Wir sehen das immer wieder: Berlin gehört zum modernen Schriftsteller-Branding einfach dazu. Jetzt schaun Sie nicht so, Berlin bringt sie nach vorne, ohne dass Sie einen Strich dafür tun müssen. Hallo, nein ich habe jetzt keine Zeit, ruf mich mal nächste Woche an. Das? Das war nur eine junge Hoffnung, deren Erstauflage leider aber was wollte ich noch ach so: Berlin.

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Ja, Sie werden sich natürlich auch ein wenig in die dortigen kulturellen Horizonte einfinden müssen. SAFTSCHUBSE! WO IST DIE VERDAMMTE FLASCHE! Ah, hier. Danke. So. Die Flasche halten Sie jetzt einfach den ganzen Abend in der Hand, trinken ab und zu daraus, so dass es wirklich jeder sieht, und stellen sich vor, wie man das unter zivilisierten Künstlern tut: Tach Jöhte! Da sieht man gleich: Hier kommt ein Original, ein Rebell, der das harte Leben in Neukölln kennt, kein Wort zuviel verliert und jede Saison exakt die 170 Seiten zu schreiben versteht, mit denen der Verlag 20 Euro verlangen kann. Eine Persönlichkeit mit Blick für das Wesentliche. Warten Sie, ich bringe Sie nachher gleich mal zur Kirsten, die kann nach dem dritten Kritikererfolg mal wieder eine gute Geschichte brauchen. An die machen Sie sich ran und wenn es dann einem von den Journalisten auffällt, nehmen Sie sie in der Arm, heben die Flasche in die Kamera und verkünden Sie, dass Sie jetzt auch die Berkewicz machen und dorthin gehen, wo alle sind. Ach ja, die Berkewicz – das ist eine Frau ganz nach meinem Geschmack. Da bringe ich Sie gerne unter. Am Berliner Wesen wird die Literaturwelt genesen. Und Ihr Konto, mein Bester, natürlich auch. Hier meine Karte. Rufen Sie mich gleich morgen an. Ich übernehme alles weitere gern für Sie, und eh Sie sich versehen, sind Sie auch im Olymp der Autoren angelangt – und der Döner kostet da auch nur 1,49.

Und wenn wir uns nächstes Jahr alle hier wieder treffen, sind wir gemachte Leute.

 

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27 Lesermeinungen

  1. Finalist sagt:

    Das Thema ist ausgelutscht....
    Das Thema ist ausgelutscht. Wie von der Orangerie in Potsdam nach Turin zu der Orangerote Hart-Trüffel (Tuber Fukgens)?

  2. gabriele sagt:

    Wurschtig verhält sich immer...
    Wurschtig verhält sich immer nur der Einzelne.
    Überall.
    Was dient der Gemeinschaft?
    vielleicht Selbstdisziplin?
    Ach – ehe ich es vergesse:
    Der Herr Pofalla ist kein Berliner. Er hat sogar Bildung.
    Deshalb sollte er sich bei allen Schulkindern wegen seines miesen Vorbilds entschuldigen, dass könnte auch der Gemeinschaft dienen.
    Der Berliner Winter ist gräßlich, wahrlich zum verzweifeln!
    Aber da hift das Buch:
    TOSKANA
    Kunst-und Landschaftsbilder vom ARCHIVIO SCALA
    Mit feinen Texten von Franco Cardini (einem italienischer Historiker und Professor für Mittelalterliche Geschichte an der Universität Florenz)

  3. Spectator sagt:

    Ausschnitt aus der großen...
    Ausschnitt aus der großen Diskussionsrunde im Funkhaus im großen Sendessal
    anlässlich des Themas“ Uns geht ein Licht auf“ mit hochkarätigen Teilnehmern aus
    Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur und Politik
    …gerade auch in jüngerer Zeit, lassen Sie mich ausreden Herr Sinn..
    v. Göthe: ..Ein großer Teil chromatischer Versuche verlangt ein mäßiges Licht,
    dieses können wir sogleich durch mehr oder minder graue Flächen
    bewirken und wir haben uns daher mit dem Grauen zeitig
    bekannt zu machen, wobei wir kaum zu bemerken brauchen,
    daß in manchen Fällen eine im Schatten oder in der Dämmerung
    stehende weiße stehende weiße Fläche für eine graue zu gel..
    Moderatorin: Aumblcikma Herr von Göthe, Ihre sehr interess…
    v.Göthe: Unterbrecht mich nicht immer in meinen Ausführu..
    BP Wulff: Da darf ich Sie unterstützen Herr von Göthe, meine
    kürzliche Afghanistanreise hat einmal mehr gezeigt; Ex oriente lux.
    Wie Sie schon in Ihrem West-Östl…
    Sinn: Das steht doch hier garnicht zur Debatte Herr Bundespräsident, der
    Bundesforschungsrat hat in seinem letzten Jahresbericht ein nicht
    zu verhehlendes Defizit in der Bild..
    v. Göthe: Da eine graue Fläche zwischen Hell und dunkel innen steht, so läßt sich
    da..
    Moderatorin: Damen und Herren, die Zeit drängt und wir danken allen Diskussionsteil-
    nehmern, inbesondere Herrn von Göthe, der die weite
    Anreise von Weimar über Kohlhasenbrück nach Berlin nicht scheute,
    für die interessanten Beiträge. Wir schalten um zur Tagesschau.

  4. donalphonso sagt:

    Nun, ich habe zwei ganze...
    Nun, ich habe zwei ganze Winter im Reichshauptslum gelebt – ich weiss also durchaus, wovon ich spreche. Mag sein, dass man dort auch Haltung findet, allerrdings ist es die Stadt der grossen Wurschtigkeit, und das ist es, was mir absolut nicht zusagt: Dass sich jeder dort benehmen kann, wie er will, und nicht, wie es vielleicht der Gemeinschaft dient

  5. gabriele sagt:

    Hannah Arendt hat die Berliner...
    Hannah Arendt hat die Berliner wegen ihrer inneren Haltung während der
    Blockade geschätzt:
    „Sie gingen nicht in den Osten, SIE ZOGEN ES VOR ZU FRIEREN.“
    Wegen dieser Haltung bin ich sogar von Bayern nach Berlin gezogen.
    Man findet in Berlin diese Haltung immer noch, aber man muss schon in der Lage sein, dies zu erkennen.
    Wer mit dem Motto „mir san mir“ aufwächst, sieht möglicherweise nur seine
    Spiegelbilder, da hilft dann auch Goethe nicht.
    Es ist halt so eine Sache mit der Bildung, sogar den klugen Sarrazin hat sie nicht vor billiger Rüpelhaftigkeit bewahrt.

  6. Ein wahrer Bericht von der...
    Ein wahrer Bericht von der Front. Fehlt nur noch das Hackenzusammenschlagen.

  7. Spectator sagt:

    Das Glück begann in Weimar,...
    Das Glück begann in Weimar, nicht in Berlin.

    Weimar, Dienstag den 10 Juni 1823
    Vor wenigen Tagen angekommen; heute war ich zuerst bei Goethe. Der Empfang seinerseits war überaus herzlich, und der Eindruck seiner Person auf mich der Art, daß
    ich diesen Tag zu den glücklichsten meines Lebens rechne.
    (Johann Peter Eckermann)

  8. Spectator sagt:

    Misery comes not alone, the...
    Misery comes not alone, the neighbor is just around the corner .

  9. donalphonso sagt:

    Thorsten Haupts misery loves...
    Thorsten Haupts misery loves company.
    .
    gabriele, der Teufel ist doch nicht blöd, in Wirtklichkeit wohnt er in einer Villa am Tegernsee.

  10. Filou sagt:

    Danke Windsbraut, genau das...
    Danke Windsbraut, genau das war’s.

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