Überdruck

Überdruck

Die Liebe zum Gedruckten lässt Menschen auf der Frankfurter Buchmesse wahre Torturen ertragen: Lesungen in schlecht belüfteten Räumen, Herumrennen

Gutes Karma mit der Messe

| 30 Lesermeinungen

Es gibt immer einen guten Grund zum Sterben, und es gibt einen guten Grund für Frankfurt. Beides muss nicht notwendigerweise zusammen passen, ja, es kann sich sogar je nach Buchhandlung gegenseitig ausschliessen.

Bild zu: Gutes Karma mit der Messe

So eine Buchmesse muss nicht immer nur negativ gesehen werden. In meiner Heimatstadt – tiefstes, katholisches Bayern – eröffnete in den frühen 80er Jahren ein alternativer Buchladen neben den beiden alteingesessenen Buchhandlungen. Man konnte dort rote Sterne für das Revers kaufen, mit denen man Lehrer in den Wahnsinn trieb, man konnte dort Bücher kaufen, die man andernorts nicht mal bestellt hätte, obendrein wurden dort die Mädchen ausgebildet, die in den normalen Geschäften eher weniger ins Bild gepasst hätten. Und zur Krönung organisierte der Buchhändler auch noch eine Reise zur Frankfurter Buchmesse, was als höchst exotisch galt. Einmal im Jahr wurden also Stadtbewohner organisiert nach Frankfurt gekarrt, um dort jene Hallen zu sehen, die ansonsten allenfalls das Personal der Buchgeschäfte und vielleicht der ein oder andere Lehrer kannten.

 

Bild zu: Gutes Karma mit der Messe

Die beiden alten Händler ignorierten diese Kumpanei zwischen ihrer Konkurrenz und den Lesern, und machten weiter wie gehabt. Der neue Buchhändler führte jedes Jahr Menschen in die Buchmesse ein, und die alten Händler eröffneten neue Abteilungen mit Landkarten, Postern, Schulbedarf, Zeitschriften und Papierkrimskrams. Es gibt in der japanischen Geschäftswelt eine Strategie, die übersetzt „mit Schweigen umbringen“ heisst. Und das versuchten sie mit jenem jungen Mann, der meinte, aus dem Kunden einen Leser und mit ihm eine Art Abenteuerausflug machen zu müssen, wo es schon im Vorfeld Tipps gab, wo man interessante Leute, Autoren und andere Schriftkundige, die nie in dieser Stadt gesehen wurden, erleben konnte.

Die Jahre gingen ins Land. Aus den Buchhandlungsazubinen wurden engagierte Buchhändlerinnen in anderen Orten, und aus den neuen Abteilungen der alten Platzhirsche wurden richtige Kaufhäuser für Allerlei, in denen man auch Bücher bekam. Bestseller, Tische mit Sonderauflagen, Regale mit Neuerscheinungen und sogar Trauerkarten. So gross wurden die Läden und so ähnlich, dass irgendwann eine Trauerkarte für einen Laden notwendig wurde: Der nämlich wurde vom anderen übernommen. Da war es nur noch einer. Und eben der Neuling mit den hübschen Azubinen und der Reise nach Frankfurt.

Bild zu: Gutes Karma mit der Messe

Dann eröffnete Pustet mitten in der Stadt einen gigantischen, neuen Bücherpalast. Mit Papeterie. Wie sie es auch in anderen Städten machten. Da dachte man, er würde den anderen den Garaus machen, aber dem war nicht so: Pustet fand keinen richtigen Zugang zur Stadt, und schloss den Laden wieder. Der andere Riese in der Innenstadt hatte aber auch gelitten, und schlüpfte, unter Beibehaltung des altbekannten Namens, unter das Dach eines anderen Buchhandelsriesen, und wurde noch grösser. Mit Rolltreppe! Beim kleinen Buchhändler blieb es beim verwinkelten Haus in der Altstadt und dem rollenden Bus nach Frankfurt, voll mit Buchfreunden.

Dann marschierte der Russe Vandale Schneewittchens Stiefmutter Sauron Darth Vader Thalia in die Kleinstadt ein, üble Befürchtungen verbreitend, und setzte noch eins drauf. Ein Stockwerk. Mit noch mehr Rolltreppen und Ledersesseln und einem künstlichen, offenen Kamin. Das war in etwa zu der Zeit, als der kleine Buchhändler zusätzlich ein Altstadthaus vor dem Verfall rettete und liebevoll restaurierte, und dennoch: Die Reise nach Frankfurt fand auch in den Jahren des Bauschutts und der bröckelnden Mauern statt. Eine Tradition, möchte man nach all den Jahren fast sagen. Inzwischen fahren jene mit ihren Kindern dort hin, die selbst als Jugendliche mit diesem Bus nach Frankfurt fuhren. Und der junge, rebellische Buchhändler von damals ist heute der alteingesessene Buchhändler zwischen zwei alles zermürbenden, vernichtenden Ketten, zwischen denen kein Literatengras und keine exotissche Händlerblume mehr existieren kann. Oh Moment.

Bild zu: Gutes Karma mit der Messe

Denn dieser hell erleuchtete Laden, der auch für Analphabeten genug waren anbietet, der Laden, der in bester Lage mit den vielen Rolltreppen und dem künstlichen Kamin und dem breiten Angebot an Dingen gastiert, die mit Büchern nichts zu tun haben – der Laden verfehlt wohl ein Umsatzrenditeziel, ich glaube, so nennt man das. Und weil das so ist, und die Miete trotzdem gezahlt werden müsste, geht das nicht zu wie beim alteingesessenen Buchhändler alter Schule, der sich bis zur Fusion gegen den Untergang gewehrt hat, und auch nicht wie bei seinem revolutionären Kollegen, der heute immer noch rote Sterne im Lager hat. Es geht nach den Regeln des Weltmarktes. Man hört momentan so, dass der Standort mit Kaffee und Esoterikklimbim wohl nicht wirklich gesichert sei.

Der Buchhändler fährt mit seinen Kunden auch dieses Jahr wieder nach Frankfurt, um Bücher und Autoren anzuschauen. Ich glaube, da gibt es einen Zusammenhalt, und einen Zusammenhang.

Bild zu: Gutes Karma mit der Messe


30 Lesermeinungen

  1. donalphonso sagt:

    melursus, es ist halt immer...
    melursus, es ist halt immer die Frage, wie der Buchhändler so ist. Zu meinem gehe ich gerne, er ist nah und freundlich. Bei diesen Riesenklitschen würde ich vielleicht auch weniger einkaufen wollen.
    .
    Jordanus, Thali ist ein spezielles Problem aus der allgemeinen Wirtschaft, das ist eher „der Schlecker der Ramschware´“ als „das Debakel des Buchhandels“.

  2. donalphonso sagt:

    HM555, das "grosse Welt"...
    HM555, das „grosse Welt“ -Gefühl ist schon länger und generell am Internet verstorben, zusammen mit der grossen Welt.
    .
    Javali, nein, man muss sich halt um die Menschen kümmern.

  3. donalphonso sagt:

    Avantgarde, die Reihen mit den...
    Avantgarde, die Reihen mit den Faksimile sollte man ausnehmen, da ist auch wenig los.

  4. Jeeves sagt:

    Die Buchhandlung mit...
    Die Buchhandlung mit angeschlossenem Antiquariat hier am Kranoldplatz, die vor etwa einem Jahr mangels Zuspruch schließen musste (nur ich war da täglich, oder meine Gattin und wir wühlten uns gerne durch’s Antiquariat), …da zieht nun ein „Wellness“-Trallalla-Laden ein.
    500 Meter weiter, um die Ecke, der alte Fotoladen, der ist jetzt ein „Nail-Studio“.
    Und d a s in einem gutbürgerlichen Viertel in Berlin ohne irgendeinen – nicht mal einen sich verlaufen habenden – Touristen.
    Die Zeit vergeht, sie weiß es nicht besser.
    .
    Übrigens, interessant zu beobachten, der Umschwung in der Presse, vom ketzerischen, skeptischen oder ungläubigen Beschreiben der e-books, Kindle etc. — hin zu nun wohlmeinenden, verstehenden, dafür werbenden Artikeln. Wohl vor allem von Nicht- oder Nur-mal-im-Urlaub-Lesern oder von Nicht-den-Zug-verpassen-wollenden Johurnalisten, denen das eigentlich alles egal ist? Ach, man weiß so wenich…
    .

  5. donalphonso sagt:

    Sabgle, die Azubinen waren...
    Sabgle, die Azubinen waren wirklich, äh, also, man hätte gern in ihnen geblättert. Vielleicht mache ich dazu etwas bei den Stützen.
    .
    salonsurfer, Amazon hat sich doch schon vom gedruckten Buch verabschiedet. Der Rest des Problems sind Überkapazitäten.

  6. HansMeier555 sagt:

    Die Großketten werden sicher...
    Die Großketten werden sicher von jungen Anzugsträgern gemanagt, die selber nie Bücher lesen und die alles, was damit zu tun hat, mit „dummerHausfrau/Esoterik/Nippes/Geschenkartikel“ assoziieren.

  7. Buchläden (richtige) üben...
    Buchläden (richtige) üben auf mich immer eine ungeheure Faszination aus.
    .
    Ich brauch das Taktile, ich muß ein Buch in die Hand nehmen, riechen können, blättern und dabei fühlen können, ob das Papier auch zum Thema passt, das ist fast genauso wichtig wie der Inhalt. Lachen Sie nicht, ich wohnte sehr gerne viele Jahre über einer wirklich engagierten Bücherei mit ähnlichen Ambitionen wie von DA beschrieben, und mein Haus heute ist nur 100 m davon entfernt.
    .
    Ich freu mich über deren Empfehlungen, ich stöber mit Genuß, und wenn irgendwas nicht da ist, egal ob DVD’s oder Bücher, bekomm ich’s dort am nächsten Tag, und wenn ich brav war, auch schon mal drei Tage vor Ende der Sperrfrist.
    .
    Wozu Amazon oder andere Online-Institutionen? Nutze ich manchmal, um längst vergriffene (und trotzdem verschenkte) Bücher nachzukaufen, wie letztens die „Autonauten auf der Kosmobahn“.
    .
    Ich will ja auch vergleichen. Wenn ich allein in dieser anderssprachigen Großstadt bin, ohne den Partner und das unsichtbare Gummiband am Rücken, schlüpfe ich auch dort in meine versteckten Buchhandlungen mit den wissenden Verkäufern und den mir unbekannten Architekturbüchern, und was hab ich schon mit kindlicher Freude an Übergepäckkosten für den Rückflug bezahlt …
    .
    Nur einmal gab’s im Verhältnis zu meiner Bücherei hier einen Knacks – als in meiner Wohnung der Wasserschlauch meiner Spülmaschine platzte, ich nicht zu Hause war und erst die Feuerwehr kommen musste. Das war Samstag mittags um Punkt 12, es war Hochbetrieb, als das Wasser in der Bücherei durch die Decke kam und alle Besucher fluchtartig das Weite suchten. Hinterher stand auch der Keller mit den Remittenden unter Wasser, was meine Versicherung nicht freute, wohl aber die Buchhändlerin …
    .
    Nebeneffekt: Ich durfte mir unter den Wasserschäden das aussuchen, was ich immer schon gerne mitgenommen hätte.
    .
    Mir deswegen Vorsatz zu unterstellen, ginge aber zu weit.

  8. Jeeves3 sagt:

    "Aber auch beim...
    „Aber auch beim Kleinstadtbuchhändler des Vertrauens kann man heute in der Rrgel schon online bestellen (und dann im Laden persönlich abholen).“
    Wieso online?
    Was spricht gegen telefonieren oder beim Spaziergang mal vorbeigehen? (Bis 17 Uhr bestellen: am nächsten Tag isses da. In der Regel).

  9. Plindos sagt:

    Also ich bin mal in so´n Bums...
    Also ich bin mal in so´n Bums mit Rolltreppe reingegangen. Hab mir das Sortiment vom Oben bis zum Unten samt dem Krimskrams angesehen und bin wieder ohne konsumiert zu haben, hinausspaziert.
    Bücher strahlen eine Faszination aus, die auch an die Lokalität gebunden ist. Das ist für mich seit meiner Kindheit so.
    In Bonn gab es in der Nähe der Universität eine Buchhandlung mit hohen Regalen
    ausgestattet, das Personal besass fulminante Kenntnisse von dem, was es zu verkaufen gab an Literatur aller Gattungen. Hier absolvierte H. Böll eine Buchhändlerlehre. Das war so ein Ort der Verzauberung. Diesen Ort gibt es nicht mehr. Er wurde geschluckt. Der Schlucker hatte einige Jahre später ebenfalls Schluckbeschwerden bekommen.
    ..
    Eine Welt ohne Rocaillen ist denkbar, aber unbewohnbar.

  10. Savall sagt:

    Wohl dem, der noch einen...
    Wohl dem, der noch einen solchen Buchhändler hat. Er sollte ihn hegen und pflegen. Bei mir sieht es so aus, daß die lokalen Buchhändler Thalia und Weltbild Plus heißen. Ergo bleibt in der Regel nichts anderes als Amazon (übrigens ohne Versandkosten, HansMeier555, Lieferung pünktlich nach 48 h, null Fehler). Ich habe als Kunde ja die ganze Umstellung von der Bestellung mit Zetteln in der Buchhandlung bis zum Onlinehandel mitgemacht. So verdienstvolle Buchhändler es auch gibt und so schön das Stöbern früher mal war: ich möchte die vergangenen Zeiten nicht zurückhaben. Es war ein quälendes Elend, minderqualifizierten Buchhändlern Autorennamen zu buchstabieren, die sie dann doch nicht richtig aufschrieben. Ein Buch zu finden, von dem man bloß das Thema wußte war so gut wie unmöglich. Heute hab ich Zugriff auf alles, auch auf Kleinverlage, auch auf die Backlist, auf fremdsprachige Bücher. Vom Segen des ZVAB ganz zu schweigen. Nee, es ist nicht alles schlecht. Der Nachteil ist natürlich, daß es keine Buchhandlungen mehr zum Stöbern gibt. Dafür hab ich noch eine paar nette Antiquariate in der Nähe.

Kommentare sind deaktiviert.