Überdruck

Überdruck

Die Liebe zum Gedruckten lässt Menschen auf der Frankfurter Buchmesse wahre Torturen ertragen: Lesungen in schlecht belüfteten Räumen, Herumrennen

Möchten Sie einen Rechte-Gollum kaufen?

| 11 Lesermeinungen

Rückwärtsgewandt, reaktionär und beschränkt: So sehen manche Verlagsmanager und in die Buchbranche verschlagene Serienpleitiers den lokalen Buchhandel. Dabei sind das die Helden, die dem Messesumpf die Bücher entreissen und zum funkeln bringen.

Ohhh, da will ich auch hin, sagt die Buchhändlerin.Aber leider darf sie nicht. Sie muss hier bleiben und arbeiten.

Tauschen wir!, schlage ich impulsiv vor. Ich bleibe hier in diesem schnuckligen, inhabergeführten Buchgeschäft in einem verschlafenen Voralpenort mit guter Luft und ohne Thalia und Weltbild, mit vielen älteren Kunden und ohne Bikramgedöhns, und Sie fahren für mich dort hin und schreiben in schlechter Luft meine Kolumne, und wenn Sie das Essen dort überleben, kommen Sie zurück und sind froh, dass es vorbei ist.

Vermutlich hätte sie das sofort gemacht, denn sie war jung und bislang nur einmal auf der Buchmesse; allein, ich kann mit der Kasse und Geld nicht umgehen, und so ist es nun an mir, mich in den Zug zu setzen und gen Norden zu fahren. Ich habe ein Buch aus den Bergen dabei – Blasmusikpop von Vea Kaiser – und betrete eine Welt, in der es nicht mehr um die Auswahl eines Papierbegleiters für schöne Stunden bei Tee und Kuchen geht, sondern um das Überleben. Kein Verlag will so enden wie Eichborn oder Suhrkamp, kein Buchladen will vor Einschnitten wie Thalia oder Weltbild stehen. Vermutlich – oder hoffentlich – will auch niemand dort für das Sparen an der Logistik und zur Unterdrückung der Arbeitnehmer nach Polen umsiedeln, womit Amazon gerade die Schlagzeilen beherrscht.

Und ich nehme auch an, dass nur die wenigsten Leser wirklich Lust haben, die nächste Runde im digitalen Overkill mit nochmal besseren E-Readern zu erleben, oder mit noch mehr Social Reading Geschäftsmodellen, die in der Powerpointpräsentation funktionieren und Return on Investment bringen sollen. Für solche Bereiche gibt es zwar auch E-Books, aber mit doch recht überschaubarem Leserkreis, meist in Büros, die man nicht aufsucht und personell von einer Art, die einem ausserhalb von Meetings zum Glück nicht vorgestellt wird.

Deshalb gilt meine Bewunderung solchen – ansonsten wegen ihrer Reserviertheit oft gescholtenen – echten Buchhändlern auf dieser Messe, die so aussehen wie Buchhändler, und nicht mit schlecht sitzenden Sakkos wie Berliner Alkoholiker nach drei Nächten unter der Brücke (keine Sorge, das sind keine Trinker, sie haben nur Startups und asoziale Ideen mit Büchern). Ich mag die Buchhändler: Weil sie es schaffen, aus diesem Abgrund aus schlechter Luft, fragwürdigem Essen, Lärm und buchfremden Menschen ihre gern besuchten Geschäfte zu destillieren. Zwischen Frankfurt und ihren Regalen sind Filter, wo alles vom Cosplaymädchen bis zum Berliner Internetschnorrer, vom Geplärre der Buchmesseprinzessin bis zum Saft aus dem Plastikbecher zurückbleibt.

Man ahnt beim Juwelier nicht das Elend in den südafrikanischen Goldgruben, und man kann sich, während draussen vor dem Buchgeschäft die Isar träge die Berge verlässt, im Buchladen gar nicht vorstellen, aus welchen Frankfurter Messekatakomben und ihren habgierigen Rechte-Gollums und neidischen Content-Fafners letztlich das Wertvolle und Schöne gebrochen wird, für das Kunden hier im Voralpenland gerne zahlen, und womit sie ihr Leben verschönern. Aus einem Ort, den die Unkundigen vielleicht noch mit Freude anlaufen, und den die Wissenden eher ächzend und von der Hoteliersbranche ausgenommen überleben, wird ein Ort beliefert, auf den sich die meisten Leser zufrieden einigen können. Das Buchgeschäft ist ein Ort der Entschleunigung und damit des Antidots, das man in Frankfurt bräuchte.

Oder anders gesagt: Kunden, die gerne schöne Bücher kaufen, kaufen möglicherweise mit unsittlichen Angeboten für FAZ-Kolumnen auch Buchhändlerinnen, aber nicht zwingend laute Businessmacher, den Insolvenzplan von Suhrkamp oder Thalias leere Räumlichkeiten.

Das sollte uns allen zu denken geben.


11 Lesermeinungen

  1. Savall sagt:

    Hege und Pflege
    Wohl dem, der solche Buchhändler hat. Er soll sie hegen und pflegen, denn sie sind wohl ein aussterbendes Geschlecht. Und das hat nicht nur mit Amazon zu tun, sondern hat viele Ursachen.

    • donalphonso sagt:

      Ich habe meinen heute mit dem Kauf von zwei Büchern gehegt: Monika zeiner und Die Ordnung der Sterne über Como (als Geschenk) und Arturo Perez-Reverte, Dreimal im Leben. Lese aber immer noch begeistert Vea Kaisers Blasmusikpop (und nein, ich will keine Reziexemplare, sondern selbst kaufen).

  2. Moritz sagt:

    Dreimal in meinem Leben ...
    auf dieser seltsamen Buchmesse gewesen.
    Füße kaputt, nichts Gescheites zum Essen, ein Großverlag sieht dort aus wie der andere.
    Leider „musste“ man die abbesuchen.

    Was bleibt schon. Außer danach flugs die erfrischende Flucht zu den „Kleinen“, zu den Illustratoren und den Papierkünstlern. Es steht ein Versuch mit Leipzig aus, befürchte aber das Gleiche dort.

    Support the local heroes.

    • donalphonso sagt:

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      Leipzig ist halt sehr viel voller, weil anders geartet. Ausserdem in einer noch übleren Jahreszeit, so kalt… ich mag vor allem die Ecke mit den Antiquariaten und den Faksimile. Ruhe, kundige Menschen, schöne Dinge.

  3. Earl Grey sagt:

    OT
    Wenn Sie mir die Beckmesserei nachsehen möchten: Sollte es im „Autorenkasten“ nicht besser heißen „… eine Kunstfigur, die *ihrem* Verfasser …“?

    Nichts für ungut!

    • donalphonso sagt:

      Das ist richtig, vielen Dank, aber die entsprechenden Mitarbeiter sind im Moment ziemlich am Rotieren. Ich frage aber vorsichtig nach.

  4. tberger sagt:

    Es gibt genau einen Grund für die Unterstützung des Einzelbuchhandels
    Nämlich, dass ich auf der Vorort-Hauptstraße lieber einen kleinen Buchladen als noch ein Nagelstudio habe.

    • donalphonso sagt:

      Mir fallen da so einige ein (wenn ich überhaupt nachdenken muss) Aber mien Buchladen ist halt auch noch vom alten Schlag. Und in der wieder kommenden Innenstadt.

  5. Yog Sothoth, Esq. sagt:

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    Rechte-Gollum war schon gut, aber Content-Fafner machte meinen Tag :D
    Machen Sie dann den Siegfried?

  6. donalphonso sagt:

    Test
    tEST123

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