Digital/Pausen

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Hans Ulrich Gumbrecht lehrt Literatur in Stanford und bedauert es, zu alt für eine Karriere-Chance als Trainer im American Football zu sein.

Der Herbst vom Ende der Welt

Nehmen Sie sich Ihren Mantel oder einen Pullover aus dem Koffer, es ist wirklich kalt draußen, sagt der Zollbeamte in Santiago de Chile am sehr frühen Morgen....

Nehmen Sie sich Ihren Mantel oder einen Pullover aus dem Koffer, es ist wirklich kalt draußen, sagt der Zollbeamte in Santiago de Chile am sehr frühen Morgen. Flüge zwischen den Hemisphären sind Flüge zwischen den Jahreszeiten, natürlich, aber der Übergang fühlt sich immer abrupter an als vorhergesehen, weil er auch ein Übergang zwischen Stimmungen ist – und gegen Übergänge zwischen Stimmungen kann man sich nicht schützen. In der halben Stunde Taxi zur Innenstadt geht eine Sonne auf, deren Licht sehr hell scheint und zugleich blass ist, beinahe weiß. Die wenigen Frühaufsteher auf den Gehsteigen haben Wollschals um den Hals und ihre Hände in den Hosentaschen. Bis zum späten Nachmittag ist das Licht fast sprichwörtlich golden geworden, golden wie altgoldener Schmuck oder goldenes Besteck, das lange nicht poliert worden ist. Es gibt den Blättern, den Autos und den Gesichtern satte Farben und einen Hauch von dunklen Schlieren. Die Einheimischen beklagen sich über den Smog, oder genauer: sie entschuldigen sich für den Smog, ungefähr in jedem dritten Satz – obwohl man ohne den Smog die Anden nicht wie eine weiche schwarz-weiße Silhouette sehen könnte, als schönen Hintergrund der Sechs-Millionen-Stadt.

Wie auf derselben Höhe an der atlantischen Küste von Südamerika will der Alltag in Santiago, der kultivierte Alltag jedenfalls, britannisch sein, britannisch mit etwas outdoor culture, schottisch vielleicht sogar. Das Schottland von Chile und Argentinien ist der Süden, wie er sich Patagonien nähert. Ohne diese Affinität der Geographie und der Lebensformen wäre es nie zum Falkland-Krieg gekommen. Man sitzt am Kaminfeuer in Lammwollpullovern, redet sich in allen verfügbaren Höflichkeitsformen an und gebraucht gerne das Wort „aristokratisch”: sie kommt aus einer alten Familie, spielt Tennis und ist auf eine teure Privatschule gegangen, zum Beispiel. In den Parks und auf den Avenidas  riecht es, als wäre weit weg Holz verbrannt worden, und die Taxis halten bei rot, auch wenn die Straßen leer sind, anders als in Mexiko oder Brasilien, wir halten uns an die Gesetze, sagt ein Taxifahrer ohne besondere Betonung oder Ironie, und fast alles funktioniert in Chile, ohne dass je davon die Rede ist. Selbst die dramatischen Jahre der nationalen Geschichte sind mit Gelassenheit verarbeitet, einen mit Orden verhangenen Militärdiktator kann man sich im Rückblick kaum noch vorstellen, und vielleicht war auch Allendes demokratische Linkskoalition, die Augusto Pinochet beseitigte und deren Anhänger er aus dem Land trieb, zu laut gewesen in diesem Teil der Welt. Eine so prekäre Meinung lässt sich tatsächlich diskutieren mit den Kollegen, gelassen eben, die nostalgisch von den Zeiten ihrer sowjet-orientierten kommunistischen Partei sprechen.

Für die wenigen Touristen gibt es Postkarten und T-Shirts mit Grüßen vom „Ende der Welt,” und jeder Chilene weiß ganz deutlich, wie übersehen wird oder eher: nie wahrgenommen, was am Ende der Welt geschieht – und wie kompliziert es immer noch ist, dorthin zu reisen. Wer mit der herablassenden Großzügigkeit unserer globalisierten Gegenwart sagt, dass dies doch längst keine Rolle mehr spielt im elektronischen Zeitalter, lernt bald, dass keine Technologie so stark ist wie das Gefühl, bei einem Ozean zu leben, der keine andere Küste hat. Es ist ein Gefühl, das nicht von irgendeiner konkreten, positiven Erfahrung eingelöst werden kann. Die Schiffe im Hafen von Valparaiso, hundert Kilometer westlich von Santiago, bewegen sich nur an der amerikanischen Küste entlang. Im Westen gibt es kein Ziel, allein die Osterinsel, Tausende von Kilometern entfernt, eine Erinnerung daran, dass dieses Ende kein Ende hat – und das Verstehen eine weiche Grenze. Im Süden aber macht die Antarktis Feuerland zu einem Ende. So etwas aufzuschreiben, hat die Banalität eines unnachgiebigen Schulmeisters. Doch das Herbst-Licht von Santiago ersetzt die Begriffe und die Landkarte mit seiner Stimmung, die nationale Lebensform geworden ist. Jedem guten Wissenschaftler sträuben sich die Haare bei so einem Satz, und nur wer sich einlässt auf das Ende der Welt weiß, dass er wahr ist.