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"Killernutten", F.C. Barcelona und Roberto Bolano

Es gab eine Zeit, vor drei oder vier Weltmeisterschaften mindestens, als es fuer Intellektuelle ehrenruehrig und fuer beamtete Intellektuelle sogar potentiell karriereschaedigend war, wenigstens im kontinentalen Europa, sich als Fussball-Anhaenger (oder als Anhaenger irgendeiner anderen populaeren Mannschaftssportart) zu erkennen zu geben. Jean-Paul Sartre und Olympique Marseilles, Theodor Adorno und Eintracht Frankfurt, Cesare Segre und Inter Milan  — das waeren wirklich rein theoretische Assoziationen gewesen. Allenfalls Sport als tief-existentiell gelebte Praxis war vorstellbar – und strahlte manchmal Effekte exzentrischer Wuerde ab, wie in den Biographien von Martin Heidegger oder Pier Paolo Pasolini (dass Heidegger zwei Jahre vor seinem Tod — sozusagen heimlich und bei Freiburger Nachbarn, wie wir heute wissen — Franz Beckenbauer und seine Mannen auf dem Weg zur zweiten deutschen Weltmeisterschaft bewunderte, bestaetigt den allgemeinen Sachverhalt ja bloss).

Inzwischen hat sich die Konstellation veraendert, so erstaunlich weit veraendert, dass man fast behaupten moechte, sie habe sich in ihr Gegenteil verkehrt. Auffaellig und sehr altvaeterlich wirken heute jene Intellektuellen, die keine Meinung zu den einschlaegigen nationalen Meisterschaften oder zur Champions-League haben — und es wird schon laengst nicht mehr erwartet, dass dies, wenn schon, ueber den Umweg der Identifikation mit einer marginalen Mannschaft, mit Freiburg oder Sankt Pauli zum Beispiel, Venezia oder Empoli, zu geschehen habe. Heute raeumt man viele Seiten, Buehnen und Studios frei, damit Intellektuelle ganz ungestoert, oeffentlich und eben intellektuell ueber Fussball reden koennen — ob es sich nun um “Litcologne” handelt, um das “Philosophische Quartett” oder um die “Geisteswissenschaften” in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Die Wirkung des dann den “gruenen Rasen” ueberziehenden Diskursiv-Mehltaus ist beinahe toedlich (manchmal vielleicht sogar wirklich toedlich, jedenfalls fuer die Freude am Spiel), und er aehnelt darin der Wirkung jener pseudo-intellektuellen Sprache, die schon einige Jahrzehhnte laenger den Wein heimsucht. Vor lauter unscharfen Adjektiven, Detail-Verweisen auf Produktionsverfahren und Insider-Geraeuschen schmeckt man so wenig, dass aller Genuss einschliesslich seiner klassischen Folgen und Strafen (wie Rausch oder Kater) laengst ausgeschlossen ist.

Eine literarische Resonanz oder ein rein literarisches Aequivalent zu den Diskursen der Intellektualisierung, eine Resonz, wie sie Baseball in den Vereinigten Staaten seit jeher findet und wie sie das Boxen auf internationaler Ebene waehrend der zwanziger und dreissiger Jahre  im vergangenen Jahrhundert hatte, literarische Fussball-Qualitaet also kann ich in Europa nirgendwo entdecken — und was immer sich an schuechternen Versuchen zeigt, wirkt entweder zu vorsichtig oder zu vitriolisch-kritisch. Allerdings hat der grosse Roberto Bolano, den viele Insider als den dritten herausragenden Literaten Suedamerikas im vergangenen halben Jahrhundert ansehen, nach Jorge Luis Borges und Gabriel García Márquez, eine ganz ausgezeichnete Fussball-Erzaehlung (“Buba”) geschrieben, zudem in einem Sammelband mit dem gewiss publikums- und absatzwirksamen Titel “Putas asesinas” (“Killernutten”) – doch eine Uebersetzung des Texts ins Deutsche habe ich nicht gefunden.

Bolano, der in Chile geboren war und in Mexiko und Spanien lebte, bevor er 2003 mit fuenfzig Jahren starb, erzaehlt ueber eine Welt, die uns Fussball-Fans fasziniert, weil sie verschlossen bleibt, naemlich ueber das fast immer langweilige Alltagsleben von drei jungen Spielern, denen der Sprung in die Start-Aufstellung einer Profi-Mannschaft aus Barcelona  noch nicht gelungen ist (und wer wuerde – zumal heute – nicht diesen Pass aufnehmen wollen und an den “wirklichen” F.C.Barcelona denken?). Als die Medien schon beginnen, von den drei Kollegen und Freunden als “Fehleinkaeufen” zu schreiben, erinnert sich Buba, der offensive Mittelfeldmann aus Afrika, an ein Voodoo-Ritual, bittet die beiden Freunde um je einen Tropfen Blut, zieht sich auf die Toilette zurueck – und nur einen Monat spaeter machen sich die drei einander den Pokal fuer den besten Nachwuchsspieler in der spanischen Liga streitig. Und das ist nur der Anfang fuer ein kurzes Erfolgsepos, das man wie eine Vorwegnahme der glorreichen gegenwaertigen Jahre des FC Barcelona lesen kann. Dann kommt Buba, der inzwischen zu einem prominenten Turiner Club transferiert wurde, bei einem Autounfall ums Leben – und spaetestens an dieser Stelle der Erzaehlung faengt man natuerlich an, sich intensive Sorgen um die Fussball-Karierren seiner beiden ueberlebenden Freunde zu machen.

Ich werde nicht weiter-erzaehlen, wie die Geschichte mit “Buba” endet, um niemandem die vor allem ja in Deutschland so beliebte “Spannung” wegzunehmen (kann es denn irgendeinen Landstrich auf dem Planeten geben, wo Intellektuelle oefter irgendetwas “spannend” nennen?) — obwohl man eine solche Ausrichtung auf das Ende seiner Texte gar nicht braucht, um sich zu vergnuegen bei der Lektuere von Robero Bolano. Er ist mit allen Form-Kompetenzen der neuesten Literatur gewaschen und doch (meistens!) ganz ohne Anstrengung lesbar; er verweigert – auch in seinen Romanen, die ins Deutsche uebersetzt sind — Hinweise auf tiefe Beweggruende fuer die Handlungen seiner Protagonisten; und trotzdem wirken diese Helden in ueberaschender Weise komplex und plausibel, ganz anders, als man sich vorstellt, aber sehr ueberzeugend. Der Ich-Erzaehler in “Buba” ist ein schuechterner Aussenstuermer, sein spanischer Freund Herrera will wie ein Draufgaenger aussehen – und ob Buba weiss, was er tut, wenn er Blutstropfen mit Wasser mischt, erfahren wir nicht.

Als ich vor zehn Tagen Barca das Champions League-Endspiel gegen Manchester United gewinnen sah (zu meinem Leidwesen, will ich zugeben, so wenig fussballpolitisch-korrekt das ist), als ich Barça brillieren sah, konnte ich die Frage nicht abstellen, ob Messi wohl so “klingen” koennte wie der Ich-Erzaehler von “Buba” — obwohl gehoertes argentinisches Spanisch von chilenischem Spanisch ja sehr verschieden ist. 

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