Digital/Pausen

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Hans Ulrich Gumbrecht lehrt Literatur in Stanford und bedauert es, zu alt für eine Karriere-Chance als Trainer im American Football zu sein.

Tätowieren – jetzt?

Die siebzehnte, "völlig neu bearbeitete" Ausgabe des Grossen Brockhaus, mein Abiturgeschenk auf Raten aus dem Jahr 1967, stellt die Praxis und Kultur des...

Die siebzehnte, „völlig neu bearbeitete“ Ausgabe des Grossen Brockhaus, mein Abiturgeschenk auf Raten aus dem Jahr 1967, stellt die Praxis und Kultur des Tätowierens in ihrem 1973 erschienenen achtzehnten Band fast ausschließlich aus ethnographischer Perspektive vor, mit einigen kulturhistorischen und medizinischen Nebenbemerkungen. Zunächst verweist dort das Verb „tätowieren,“ welches als „umgangssprachlich“ identifiziert und also in der epistemologischen Hierarchie der Enzyklopädie abgewertet wird, auf das gelehrte Wort „tatauieren“ – und auf seinen Ursprung im Samoanischen. Tatauieren/tätowieren erscheint vor allem als eine Praxis verschiedener „hellhäutiger Naturvölker“ („dunkelhäutigere Naturvölker bevorzugen den Narbenschmuck“). Seit dem sechzehnten Jahrhundert hätten dann christliche Seeleute die Tätowierungs-Technik übernommen, „um die im Meere Umgekommenen für den Fall einer Bergung als Christenmenschen auszuweisen“ – und diese Assoziation mit einem exotischen Beruf und seinen Milieus (auch und vor allem mit seinen Halbwelt-Milieus), so stellte die siebzehnte Auflage des Brockhaus vor vier Jahrzehnten fest, gelte bis in ihre Gegenwart.

Erstaunlicherweise weichen die verschiedenen Fassungen der Wikipedia am Horizont unseres heutigen Wissens-Alltags kaum von diesem Präsentationsschema ab. Zwar beschreiben sie in einiger Ausführlichkeit neuere und neueste Tätowierungs-Instrumente, aber ein Leser des vierten Jahrtausend wird den Wikipedias nicht einmal eine Ahnung von der Intensität entnehmen können, mit der das Tätowieren während der  vergangenen Jahrzehnte populär geworden ist, als Technik innerhalb der sich global ausdehnenden westlichen Kultur –  populärer vielleicht als irgendwo und irgendwann je zuvor.

Das „American Heritage Dictionary“ aus dem Jahr 2000 erwähnt immerhin, aber doch nur ganz lakonisch am Ende seines kurzen Eintrags „tattoo,“ dass „jetzt auch viele Landbewohner (gemeint sind natürlich einfach „Nicht-Seeleute“) Tätowierungen bekommen.“ Tatsächlich ist das Tätowieren, so sah ich vergangene Woche ausgerechnet im württembergischen Ludwigsburg bestätigt, inzwischen zu einer respektablen bürgerlichen, — oder vielleicht eher klein-bürgerlichen (aber wer wäre denn kein Kleinbürger heute?) – Praxis geworden, mit einem ordentlichen Bundes-Fachverband und mit Boutiquen, die sich eher neben „Bonita“-Modegeschäften, „Stadtsparkassen“- und „Nordsee“-Filialen einmieten als in der Bahnhofs- und Bordellwelt, zu der sie noch gehörten, als ich 1975 verbeamtet wurde. Der kleine Hauch eines tattoos auf dem wochenends unbedeckt zu haltendem Streifen der Körpermitte, an einem Gelenk oder (webb möglich prononciert) auf Innen- oder Aussen-Seiten der vier Extremitäten ist zwischen Ludwigsburg und Oberhausen, Weimar und Potsdam zum Äquivalent oder zum Komplement eines neckischen, aber nicht skandalös tiefen Ausschnitts geworden (und der gilt ja schon seit langem als eine teutonische Spezial-Disziplin – so wie das eine haarige Männerbrust andeutende Hemd zum Dekor von Adria-Ferien gehört).

Niemand weiss jedenfalls so recht, woher der plötzlich welt-verbreitete Wunsch kommt, der eigenen Haut ein (im Prinzip immer noch) unauslöschliches Ornament einzuätzen – zumal in einer Zeit, da hat Peter Sloterdijk schon recht, wo sonst nichts definitiv sein darf, wo alle Welt auf potentielle Veränderung und auf Umschulung als permanente Lebensform setzt. Als Akt der Rebellion gegen Eltern und Vorgesetzte wirkt das tattoo etwas ausgeleiert – begründungspflichtig ist heute eher die Tätowierungs-Phobie (und dass dem so ist, gehört zu den irreversiblen Verdiensten des Bundespräsidenten-Paars).  Aber was mag die Faszination, die vorbewussste Verlockungsprämie des Ornamente-Verätzens sein, vor allem dann, wenn es, wie bei vielen international berühmten Sportlern — über das Brusthaar-Äquivalent hinaus – zu einer Sucht und zu einem seriellen Ritual geworden ist (David Beckham), mit dem Grenzwert und dem Ziel der Ganzkörper-Verzeichnung (für die Denis Rodman einst noch berühmter war – und in bestimmten Zirkeln weiterhin ist – als für seine bewunderswerten Leistungen im Basketball)?

Mögliche Antworten bleiben vorerst innerhalb jenes Horizonts von geistreichen Thesen, die bei Steh-Empfängen aufkommen, wo Sekt mit Orangensaft serviert wird. Attraktiv könnte gerade die Unumkehrbarkeit sein, als Gegendynamik zur heute zentral institutionalisierten Lebensform des Vorläufigen. Oder eine Geste des Besitzanspruchs über den eigenen Körper, das Ausspielen eines meist verschwommen Verfügungsrechts (Mormonen, orthodoxen Juden und Sunni-Muslimen sind Tätowierungen verboten) – was zu der Tendenz passte, jeweils ersten oder jedenfalls frühen tattoos eine allzu tiefe Bedeutung oder eine langfristig riskante Zuschreibung zu geben: den Namen der Liebsten des Augenblicks zum Beispiel oder den Che Guevara auf dem Arm von Diego Maradona, dem Multi-Millionär (bevor sie sich dann zum blossen Muster vermehren und verdichten). Dieser Neigung widerspricht nicht eine Sehnsucht, den Körper zu affirmieren und zu spüren in einer Welt, die sich immer ausschließlicher auf der Schnittstelle von Bewußtsein und Software vollzieht; den Körper zu affimieren auch durch den nicht ganz reduzierbaren Schmerz welchen die Verätzung mit sich bringt („tattooing is an act of grounding yourself,“ habe ich gelesen, und nicht zufällig konvergieren in der Praxis ja tattoos, piercings und alle anderen Arten von Narben).

Bei dem Germanisten Winfried Menninghaus habe ich den Verweis auf Darwins paradoxale Idee gefunden, dass die unbehaarte Nacktheit des menschlichen Körpers ein erstes kulturelles Ornament gewesen sei, ein kulturelles Ornament, das sexuelle Begierde steigerte, indem es ihr die primären und sekundären Geschlechtsorgane freilegte. Tätowierung als serielles Ritual mit dem Endhorizont des Ganzkörper-Ornaments erscheint dann wie eine Bewegung in entgegengesetzter Richtung. Das Tätowieren könnte, wenn man Darwin umkehrt und weiterdenkt, ein kultureller Behaarungs-Ersatz sein, und das hiesse die Geste einer archaischen und natürlich ganz unerfüllbaren Sehnsucht, genau das rückgängig zu machen, was zuerst Menschen  von allen anderen Tieren unterschied.

Nicht allein in Ludwigsburg wird diese Geste derzeit von Bundes-Fachverbänden verwaltet.