Digital/Pausen

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Hans Ulrich Gumbrecht lehrt Literatur in Stanford und bedauert es, zu alt für eine Karriere-Chance als Trainer im American Football zu sein.

Wem gefällt der Frauen-Fußball? (Und andere unangenehme Fragen)

Zum maximal erhofften und vom Deutschen Fußball Bund etwas vorschnell als gesichert angekündigten Erfolg ist die Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen...

Zum maximal erhofften und vom Deutschen Fußball Bund etwas vorschnell als gesichert angekündigten Erfolg ist die Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen bisher noch nicht geworden – und wie es weiter gehen wird, das hängt nicht nur von der einheimischen Nationalmannschaft ab. Seit 2006 sind deutsche Zuschauer ja zurecht für die unwahrscheinliche Großzügigkeit berühmt, mit der sie auch andere Nationalmannschaften zu feiern bereit sind.

Eher wirken – zusammen genommen und vorläufig — einige nicht recht gelungene Aspekte der Veranstaltung und die Gesamt-Zwischenwertung wie ein Paradox. Auf der einen Seite hat noch nie eine Fußballweltmeisterschaft der Frauen auch nur vergleichbare Zuschauerzahlen gehabt, die Medien-Aufmerksamkeit und das Sponsoring-Volumen sind kaum zu schlagen und – ganz im Gegensatz zu den Männer-Weltmeisterschaften – wurde während der Vorrunde noch kaum die Klage laut, dass das Durchschnitts-Niveau die Erwartungen deutlich unterboten habe. Andererseits legt sich immer mehr eine verhaltene Kater-Stimmung über die Republik (und ist deutlich genug spürbar, um im Sportteil der „New York Times“ über eine halbe Seite kommentiert zu werden, was dort selbst für den Fußball der Männer außergewöhnlich ist). Diese Katerstimmung ist in sich komplex. Nicht allein Männer „entdecken,“ als sei dies in irgendeiner Hinsicht überraschend, dass die Intensität der vom Frauen-Fußball ausgelösten kollektiven Begeisterung einfach nicht mit der Begeisterung zu vergleichen ist, die dem Fußball der Männer in so vielen Ländern entgegenschlägt. Hinzu kommt – wohl zurecht — eine Portion Unwillen angesichts der Befürchtung, als „Macho“ abqualifiziert zu werden, wenn man eine solche Reaktion öffentlich zur Sprache bringt.

Was ist falsch gelaufen? Offenbar hat die sehr gut gemeinte – und tatsächlich überaus erfolgreiche, vielleicht allzu erfolgreiche – Werbung für die Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen das demokratische Recht auf Gleichheit verwechselt mit einer Gleichheit in der athletischen Leistungsfähigkeit und Qualität, wie sie vor allem die Reaktionen der Zuschauer bestimmen. Inzwischen ist klar geworden – und da liegt sozusagen „der Hund (oder „der Kater“) begraben“ – dass der Frauenfußball vorläufig nicht in der Lage sein wird, die ganze Nation wieder zu jenem Enthusiasmus zu bringen, der als „Sommermärchen“ des Jahres 2006 noch in lebhafter Erinnerung ist.

Die ebenso unangenehme wie banale Wahrheit hinter dieser Situation heißt, dass keine Frauen-Mannschaft – kein einziger Frauen-Sport – mit den Leistungen der Männer auf vergleichbarem Niveau konkurrieren kann. Es hilft einer realistischen Einschätzung weiter, zu wissen, dass die deutsche Frauen-Nationalmannschaft in zwei (zunächst geheim gehaltenen) Testspielen gegen männliche B-Jugend-Teams einmal knapp verloren und einmal unentschieden gespielt hat. Eine andere – noch unangenehmere – Wahrheit liegt in der Erfahrung, dass jenes Publikum, welches die großen Stadien füllt und Fernseheinschaltquoten nach oben treibt, offenbar die erste Wahrheit nicht leicht einklammern kann. Es will allein die absoluten Höchstleistungen erleben und macht in dieser Hinsicht keinen Unterschied zwischen Frauen und Männern.

Eben diese Reaktion, die der DFB anscheinend nicht sehen wollte, weil (oder obwohl) man kaum an ihr vorbeikommt, betrifft nicht nur den Geschlechterunterschied. Sie stellt sich genauso gegenüber dem Sport der Jugendlichen, der Amateure, der Körperbehinderten oder der Senioren ein – und zwar so deutlich und so regelmäßig, dass man nicht allein aufgrund quantitativer Kriterien zwischen verschiedenen Publikumsarten unterscheiden muss. Vor allem zählt natürlich das ganz große Publikum, das in den Stadien und über die verschiedenen Medien die Bundesliga oder die Fußballweltmeisterschaft verfolgt (das sind selbstredend, wo eine Spezifizierung ausbleibt, die Meisterschaften der Männer). Zugleich gibt es weiterhin ein lokales Interesse und eine lokale Solidarität: einige hundert Zuschauer wollen – trotz Medienkonkurrenz – in vielen Kleinstädten und in vielen Stadtvierteln sehen, wie sich „die eigene“ Mannschaft am Wochenende gegen „die Nachbarn“ schlägt. Gleichsam dazwischen existiert – auch und vor allem bei den Individualsportarten – ein durchaus begrenztes Publikum der Kenner, ein Publikum der Trainer, der ehemaligen Aktiven, der Familien. Schließlich ziehen clever organisierte Ereignisse des public viewing neuerdings eine wachsende Zahl von Zuschauern an, für die das Spiel auf dem Riesenbildschirm nebensächlich ist im Vergleich zu der Party-Stimmung, die es auslösen soll.

Public viewing kann aber auf die primäre Präsenz des großen Fan-Publikums im Stadium und am Fernsehen nicht verzichten, so dass sich für Frauensportarten die eine grundlegende – und noch einmal: unangenehme – Frage stellt, ob sie sich mit dem kleinen Publikum der Kennerschaft und der lokalen Solidarität zufriedengeben wollen. Wenn man einmal von den Verdienstmöglichkeiten einzelner Sportlerinnen absieht, dann ist das eine gute, durchaus ernstzunehmende Frage, deren Beantwortung seitens der Frauen wohl kaum mit ihrem Grad an „Emanzipation“ verwechselt werden darf. Wer unter den Frauen – und unter den Männern, die mitreden möchten (und können) – sich aber für eine negative Antwort entscheidet, das heißt: für den Versuch, langfristig das ganz große Publikum zu gewinnen (wenn auch vielleicht ein großes Publikum, dessen Stil der Begeisterung sich von dem in der Bundesliga oder der Champions League unterschiedet), der muss zuerst überdenken, ob es überhaupt Ausnahmen von der Regel gibt, nach der das Stadion- und Medien-Publikum nur für die absoluten Höchstleistungen zu haben ist.

Und tatsächlich lassen sich einige wenige Ausnahmen dieser Art finden. Das Tennis der Frauen zum Beispiel hat sich als eine Sportart mit eigener Faszination und eigenem großen Publikum etabliert, selbst wenn die Preis- und Sponsoren-Gelder etwas niedriger ausfallen mögen als bei den Männern. Nicht ein Geschlechts-Unterschied, aber ein Unterschied des Alters und der Leistung unterscheidet in den Vereinigten Staaten College Football (natürlich ist von „American Football“ die Rede) und College Basketball von den professionellen Versionen derselben Sportarten – und trotzdem finden die College-Veranstaltungen insgesamt weit mehr Zuschauer. Mit der Erörterung der Gründe für diese Ausnahmen – und mit der Frage, ob sie denn wirklich „Ausnahmen“ sind – könnte man viele (eher langweilige) Abende und Bücher füllen. Einige Aspekte allerdings sind für die Zukunft des Frauen-Fußballs von Belang.

Man geht zum College-Sport, um das Team der eigenen (ehemaligen oder gegenwärtigen) Hochschule zu unterstützen — und weil dies mit vielerlei pittoresken Ritualen und großer Leidenschaft geschieht, bringt der College-Sport eine spezifische Atmosphäre hervor, welche viele Zuschauer der Atmosphäre bei den Profi-Veranstaltungen vorziehen. Tatsächlich sind die meisten Stadion-Rituale in den amerikanischen Profi-Ligen nur lahme Kopien dessen, was die Stimmung beim College-Sport intensiviert. Darin liegt ein erster Hinweis. Statt das „Sommermärchen“ als eine Art von kollektivem Gesamtkunstwerk aus dem Jahr 2006 – ohne wirkliche Chance auf Gelingen – wiederholen zu wollen, statt per Stadionsprecher die tausendunderste „La Ola“ zu bestellen, sollten Veranstalter zukünftig darauf achten, in welcher Hinsicht das Publikum bei einem Fußball-Länderspiel der Frauen anders  als beim Männer-Fußball reagiert – und darauf setzen, gerade solche Unterschiede zu verstärken.

Die besondere Faszination der Frauen-Tennis andererseits liegt heute wohl darin, dass sich dort eine andere Ästhetik entfaltet (oder erhalten) hat als bei den Tennis-Männern. Weniger Serve-and-Volley, mehr lange  Ballwechsel von der Grundlinie und am Netz – wobei auch hier kein Zweifel besteht, dass die weltbesten Tennis-Frauen nie ein Match gegen einen der weltbesten Tennis-Männer gewinnen könnten. Nur ist höhere Leistung, die sich in die Wahrscheinlichkeit von Siegen und Niederlagen hochrechnen lässt, nicht immer ein Maßstab für ästhetische Qualität im Sport. Und wenn die Ansicht zutrifft, dass man nicht allein ins Stadion geht, um „die eigene Mannschaft“ gewinnen zu sehen, sondern auch – und vielleicht vor allem — wegen der schönen Spielzüge und der schönen Ballwechsel, dann zeichnet sich hier eine weitere Chance für den Fußball der Frauen ab.

Die zweite Halbzeit des WM-Spiels Deutschland gegen Frankreich war hochdramatisch, ähnlich dramatisch wie ein Halbfinalspiel zwischen diesen beiden Ländern bei der (Männer-)Weltmeisterschaft 1982 – aber man kann einwenden, dass es ohne einige „Deckungs-Mängel,“ wie sie im anderen Fußball kaum mehr vorkommen, nicht zu dieser Dramatik gekommen wäre. Mir verwässert so ein Argument die Erfahrung des mitreißenden Spiels überhaupt nicht –  jedenfalls solange ich nicht angestrengt über die Gründe meiner Begeisterung nachdenke.

In einem der mittlerweile ausufernden Kommentare zur Frauen-WM (die ich gerade um einen weiteren vermehre) war zu lesen, dass Männer meines Alters, Männer um die fünfundsechzig, die demographisch stärkste (oder vielleicht nur: die demographisch überraschendste) Fernsehzuschauer-Gruppe bei der Fußball-WM der Frauen seien. Das hat natürlich zunächst mit dem deutschen Pensionsalter zu tun. Aber es konvergiert auch mit der persönlichen und wohl generationenspezifischen Erfahrung, dass Frauen-Fußball sehr oft an meine liebsten Zuschauer-Jahre im anderen Fußball erinnert, das heißt an die Jahre zwischen Ferenc Puskás und Pelé, an die sechziger und siebziger Jahre, an die Zeiten als, wie neulich ein Fan des heutigen one-touch-soccer sagte, „Franz Beckenbauer wie ein Pfau durchs Mittelfeld stolzieren konnte.“ Wäre ich geistesgegenwärtig genug gewesen, dann hatte ich reagiert mit einer Beschreibung des heutigen Fußballs als jenem Spiel, wo „Messi wie eine Feldmaus durch die Lücken zwischen Taktik–gesteuerten Computern flitzt.“

Denn anders als sportliche Leistungsfähigkeit ist die Ästhetik des Sports – wie jede Ästhetik überhaupt – keine Dimension des permanenten und messbaren Fortschritts. Ästhetische Erfahrung entfaltet sich immer als eine Dimension von Unterschieden und individuellen Präferenzen. Deshalb ist es nicht herablassend, wenn jemand behauptet, dass der Frauen-Fußball heute an den Männer-Fußball von vor vierzig Jahren erinnert. Es heißt nur, dass manchen Zuschauern weite Pässe oder lange Dribblings besser gefallen als der Stil des Champions League Siegers aus Barcelona. Darin zum Beispiel könnte eine Zukunft für den Fußball der Frauen liegen.