Digital/Pausen

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Hans Ulrich Gumbrecht lehrt Literatur in Stanford und bedauert es, zu alt für eine Karriere-Chance als Trainer im American Football zu sein.

Warum Maenner (kein) Make-Up brauchen

Nicht wenige Frauen gibt es, die „sich ohne Make-Up nicht aus dem Haus wagen“ -- und kein Problem haben, dies zuzugeben und sogar ausfuehrlich...

Nicht wenige Frauen gibt es, die „sich ohne Make-Up nicht aus dem Haus wagen“ — und kein Problem haben, dies zuzugeben und sogar ausfuehrlich darueber zu sprechen. Die ausladenden, von keiner internationalen Warensteuer-Veraenderung unterzukriegenden Tax Free Shops der Flughaefen vor allem fuehren die ebenso massive wie differenzierte Palette von Kosmetika vor, welche mittlerweile (immer zusammen mit Parfums) diesem Bedarf entgegenkommt. Man sieht in den Tax Free Shops zwar auch Maenner, aber die meisten von ihnen kaufen gerade noch das Geschenkchen fuer ihre Freundin oder Frau, an das sie sich erst kurz vor Ende der Geschaeftsreise erinnert haben. Ganz falsch koennen sie nicht liegen mit Lippenstift oder Hautcreme, waehrend die Produkte fuer den maennlichen Gebrauch nur ein vergleichsweise bescheidenes Segment der   Regalflaechen in Anspruch nehmen. Etwas verschaemt nennen Maenner die fuer sie kreierten Parfums ja gerne „Rasierwasser,“ so als sei ihr Gebrauch allein in Verbindung mit einer eher hygienischen Funktion zu rechtfertigen.

 

Im Duty Free Shop (und natuerlich nicht allein dort) stossen wir also auf eine zweifache, geschechtsspezifische Asymmetrie. Make-Up, wird vorausgesetzt, verwenden ausschliesslich Frauen. Und allein Frauen brauchen auch nicht zu verhehlen, dass sie Parfum benutzen, um die Praesenz ihrer Koerper attraktiver zu machen. Wie lassen sich die beiden Asymmetrien erklaeren? Den politisch korrekten Einwand gegen diese Fragen, dass es doch Maennern heute laengst  freigestellt ist, sich zum Beispiel zu schminken, will ich hier nur erwaehnen, ohne wirklich auf ihn einzugehen – natuerlich trifft dies auf unsere Gegenwart zu, ohne aber die grundlegende Differenz zu veraendern oder gar zu erklaeren.

 

Um Antworten auf die Spur zu kommen, Antworten, will ich gleich vorausschicken, die kaum ueber den Status von komplexen Hypothesen hinauskommen werden, muss man weit ausholen. Denn die erste Antwort, welche viele Frauen gaeben, dass es ihnen naemlich darum geht, Spuren von Imperfektion auf der Hautoberflaeche zu verdecken, ist gewiss nicht ueberzeugend. Das wuerde ja auch fuer Maenner gelten, zumal fuer jene Maenner, die sich (wie ich) an drei von sieben Wochentagen beim Rasieren in die Haut schneiden. Die bessere Antwort beginnt mit einer Beobachtung von Charles Darwin, welche die Geste des Genialen hat, weil sie etwas ganz Selbstverstaendliches zum Ansatz ueberraschender Einsichten macht (ich habe den Bezug auf Darwin uebrigens den Arbeiten meines Freundes Winfried Menninghaus von der Freien Universitaet Berlin zu verdanken). Darwin hat bemerkt, dass allein der Mensch unter den mit ihm verwandten Gattungen mit einer von Haaren kaum bedeckten Koerperoberflaeche lebt. Darwin vermutete, dass sich solche Nacktheit als eine sexuelle Attraktivitaet und mithin Reproduktion steigernde Besonderheit evolutionaer durchgesetzt hatte. Nur wenige menschliche Koerperteile tragen Haare oder sind von Haaren umgeben, sichtbar der Kopf und – ganz im Gegensatz zu den benachbarten Tiergattungen – auch die Genitalien. Nacktheit und ihre Anziehungskraft werden aber zur Grundlage fuer ein potentiell endloses Spiel des Verdeckens und Zeigens der Haut, fuer das man vor allem die vielfaeltigsten Kleidungsstuecke verwendet und dem Kleidung als kulturelles Phaenomen primaer ihre Existenz verdankt.

 

All dies gilt fuer Maenner ebenso wie fuer Frauen. Geschlechtsspezifisch sind erst die verschiedenen Grade von Intensitaet, mit denen die Moeglichkeiten der nackten Haut genutzt werden. Nackte Oberkoerper sind grundsaetzlich anziehend, aber das gilt in hoeherem Mass (und wohl nur mit wenigen kulturellen Ausnahmen) fuer weibliche Oberkoerper, die viel seltener entbloesst werden. Auf der anderen Seite verpflichtet das Haarwuchsverbot fuer ihre Koerperoberflaeche die Frauen viel konsequenter als Maenner. Geschlechts-Asymmetrie auf der Basis von Nacktheit setzt also erst damit ein, dass Frauen – in allen historischen Epochen und allen kulturellen Kontexten anscheinend – weiter von den verwandten Tiergattungen entfernt sein sollen als Maenner. Man koennte auch sagen, dass innerhalb des menschlichen Geschlechterunterschieds dem Mann stets der „animalischere“ Part zukommt, wobei der zwischen den Geschlechtern liegende virtuelle Ort von „Normalitaet“ je verschieden plaziert ist. Wenn Nacktheit eine erste Voraussetzung erotischer Attraktivitaet liefert und die von ihr ermoeglichte  Geschlechterasymmterie eine zweite Ebene ausmacht, dann hebt sich davon eine dritte Dimension ab, wo die Asymmetrie der zweiten Ebene innerhalb gewisser Grenzen unendlich variiert wird. In bestimmten Kontexten erscheinen Maenner nur noch animalischer, wenn sie mehr Haare wachsen lassen – etwa in der Form eines Barts. Aber sich von einem koerperflaechendeckend behaarten Mann angezogen zu fuehlen, wuerden wir ebenso als eine Pathologie ansehen wie eine Frau, die ihren Bartwuchs pflegt. Hier wird die Existenz von Grenzen des Variationsspielraums deutlich. Andererseits macht es – wohl erst seit einigen Jahrzehnten wieder – manche Maenner erotisch attraktiver, wenn sie ihre Kopfhaare rasieren (eine langsam sich ausdehnende Glatze haette den gegenteiligen Effekt).

 

Auf der weiblichen Seite steht im Vordergrund solcher Variationen, viel deutlicher wohl als bei den Maennern, das Andeuten jener Stellen der Nacktheit, die bis zum Moment erotischer Intimitaet bedeckt bleiben sollen. Dies gilt in der traditionellen japanischen Kultur fuer den Nacken in hoeherem Mass als fuer die Brueste, was erklaert, warum es zum Idealbild einer Geischa gehoert, dass sie eben um den Nacken (und nicht auf der Vorderseite des Koerpers) das Spiel von Verhuellen und Enthuellen entfaltet und durch die Verwendung von Make-Up intensiviert. Make-Up kehrt dabei gerade nicht einen Effekt von Natuerlichkeit (oder gar von Animalitaet) fuer eine Partie der nackten Hautoberflaeche hervor, sondern ueberfuehrt sie in eine Zone von Kuenstlichkeit. Es hat Zeiten und Kulturen gegeben, wo Make Up-Techniken die Schoenheit des weiblichen Gesichts steigerten, weil sie es maskenaehnlich und skulpturenhaft werden liessen — ja am Ende zum Aequivalent eines Dings. Das muss im Aegypten der Pharaonen so gewesen sein, auch im fruehen Rom („eine Frau ohne Make-Up ist wie Essen ohne Salz,“ schrieb Plautus im zweiten vorchristlichen Jahrhundert) und dann in den italienischen Staedten der Renaissance.

 

Strukturell kehren die meisten dieser Regeln beim Gebrauch von nicht koerperproduzierten Geruechen bei der Inszenierung koerperlicher Praesenz wieder. Grundvoraussetzung von Attraktivitaet ist auch dort die Null-Stufe, also die Beseitigung aller primaeren Koerpergerueche – ganz im Gegensatz wieder zu den verwandten Tiergattungen. Auf einer sekundaeren Ebene koennen dann sowohl betonte Kuenstlichkeit (das gilt auch hier fuer Geischas, zu deren Kunst die Komposiiton von individuellen Dueften gehoert) ausgespielt werden als auch Schritte zurueck in animalische Natuerlichkeit („bade Dich nicht, ich bin bald zuhause,“ war die Botschaft, welche Napoelon seiner Geliebten Josephine Beauharnais durch einen reitenden Boten auf dem Rueckweg von einer Schlacht uebermitteln liess). Allerdings ist die Geschlechterasymmetrie bei den Geruechen wohl prinzipiell weniger ausgepraegt als beim Koerperbemalen. Das mag erklaeren, warum es (im Gegensatz zum Maje-Up) heute eine Industrie fuer „maennliche Duefte“ gibt, die sich allerdings nur langsam von der Hygiene-Praemisse des „Rasierwassers“ emanzipiert.

 

All dies liest sich, steht zu befuerchten, sehr abstrakt und trocken fuer einen Blog, der Phaenomene der Alltagserotik in den Blick bringen soll – und ich will den traktathaften Ton auch gleich etwas daempfen. Der Versuch jedenfalls, Make-Up und Parfum als geschlechts-asymmetrische kulturelle Phaenomene zu verstehen, ausgehend von Darwins Intuition ueber die Nacktheit, hat uns in eine Welt vielfacher Variationsmoeglichkeiten und Nuancen gefuehrt – eher als zur Entdeckung von markanten Gegensaetzen und Konturen. Manchmal scheinen neue Varianten und Nuancen mit lokal groesserer oder geringerer Intensitaet ganz ploetzlich auf und verschieben sich innerhalb weniger Jahre (ich leide gerade etwas darunter, dass – zumal an der amerikanischen Westkueste – die Toleranz gegenueber deutlichen Parfum-Effekten zurueckgenommen wird, gestuetzt auf allerlei Gesundheits-Argumente). Vielleicht aber gilt doch generell, dass in der Dimension des Make-Up das Ausmass des Abstands zwischen den Geschlechtern durch alle Variationen hindurch mehr oder weniger konstant bleibt. Im Buergertum des spaeten neunzehnten Jahrhunderts war schon der Anflug von Kuenstlichkeit fuer weibliche Gesichter verpoent – und in jener Zeit dominierte die Konvention der Baerte (als Rudiment des Animalischen). Beide Geschlechter-Praktiken hatten sich also hin zur Seite der „Natuerlichkeit“ bewegt. In den zwanziger Jahren des zwanzigsten Jahrhundert hingegen konnte weibliches Make-Up kaum kuenstlich genug sein – und Make-Up fuer Maenner galt als (beinahe) akzeptabel.

 

Posulate von “Natuerlichkeit,” sehen wir, haengen nicht weniger von historisch veraenderlichen Konventionen ab als Tendenzen gesteigerter “Kuenstlichkeit.” Und aggressiv zur Schau gestellte Nachtkeit ist nicht prinzipiell wirkungsvoller als ihre durch vielfache Verhuellungen hevorgebrachte Andeutung. Irgendwann in der Zukunft werden Maenner gewiss wieder  Make-Up brauchen.