Digital/Pausen

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Hans Ulrich Gumbrecht lehrt Literatur in Stanford und bedauert es, zu alt für eine Karriere-Chance als Trainer im American Football zu sein.

Steve Jobs: der Totenkult

Für einen sechs- oder siebenfachen Milliardär (bei dieser gar nicht so erstaunlichen Höhe liegen die Schätzungen des von ihm hinterlassenen Vermögens)...

Für einen sechs- oder siebenfachen Milliardär (bei dieser gar nicht so erstaunlichen Höhe liegen die Schätzungen des von ihm hinterlassenen Vermögens) lebte Steve Jobs eher bescheiden. Sein unauffälliges Haus liegt nahe bei einer High School in der Kleinstadt Palo Alto, neben den Häusern von  Pastoren, Restaurantbesitzern und Professoren, und er scheint sich nicht interessiert zu haben für die besten Wohnlagen auf den Hügeln zwischen der Bay von San Francisco und dem Pazifik, wo die anderen Milliardäre ihre Schlösser aufstellen und eher mit Ausmass als durch exquisiten Geschmack beeindrucken. Im ersten aller Apple Stores, auf der University-Street in Downtown Palo Alto, sah man ihn öfter mit Kunden oder Verkäufern sprechen, und die Kellner von “Jin Sho,” dem besten japanischen Restaurant der Stadt, erzählen, dass sie zweimal pro Woche mit ihm rechneten.

 

Seit die New York Times am Tag nach Jobs’ Tod “Jin Sho” auf der ersten Seite erwähnte, weil er dorthin zu einem letzten Essen mit einem Freund gegangen war, ist die Zahl der Reservierungen so sehr gestiegen, dass der Besitzer nun daran denkt, den bisher leer stehenden Raum eines ehemaligen Nachbar-Restaurants zu übernehmen. Auf meinem Apple-Computer kann ich immer noch nicht zu den üblichen Internet-Funktionen gelangen, ohne für den Moment des Clicks einem ernst-freundlichen Steve Jobs in die Augen zu blicken. Vor Jobs’ Haus sammeln sich weiter, am zweiten Wochenende nach seiner Beerdigung nun schon, Blumen, Briefe und angebissene Äpfel. Und die Fenster des Apple Stores auf University werden Tag für Tag mit Botschaften und Grüssen bedeckt, welche seine Bewunderer an den Toten schreiben und dort anbringen. Der Laden ist das biographisch markierte und von den investierten Gefühlen geladene Zentrum eines neuen Kults geworden, der von dort über elektronische Bahnen auf die Apple Stores und Bildschirme der ganzen Welt ausstrahlt. Ich möchte diesen Kult ernst nehmen — der mich sehr überrascht hat und dem ich räumlich ebeno nah wie affektiv fern bin. Anders gesagt: ich will weder ironisch noch kritisch darüber schreiben, sondern mich fragen, welches Bedürfnis in ihm zum Vorschein kommt und ob es ein neues Bedürfnis ist, das Bedürfnis eines neuen Zeitalters vielleicht.

 

In den Kulturwissenschaften hat sich seit geraumer Zeit eine These durchgesetzt, nach der die “Stars” unserer Gegenwart (das Wort ist seit dem Ende des neunzehnten Jahrhunderts in Gebrauch gekommen) als säkularisierte Version und als Funktionsäquivalent der (nicht allein) christlichen Heiligen angesehen werden. Und weil man Steve Jobs ja immer wieder als den Star von Silicon Valley gefeiert hat, ergibt sich beinahe zwingend die Frage, ob der neue Totenkult ihn nicht als einen Quasi-Heiligen verehrt. Heilige und die Legenden, welche ihr Leben erzählen, haben schon immer vor allem drei Funktionen erfüllt. Heilige werden als Verkörperungen und mithin als Illustrationen bestimmter Tugenden erfahren. In der Nähe zu den Orten ihres vergangenen Lebens und in der Gegenwart ihrer Reliquien steigt zweitens die Hoffnung auf göttliche Hilfe und auf Interventionen durch Wunder. Schliesslich sollen Heilige als Fürsprecher zwischen den Menschen und Gott vermitteln.

 

Vor diesem Hintergrund stellt sich nun – einigermassen überraschend wohl — heraus, dass sein Kult Steve Jobs offenbar nicht zum Heiligen macht. Denn buchstäblich keine der weiterhin täglich erneuerten Botschaften an ihn unterstellt, dass er Tugenden in einer besonders markanten Weise vergegenwärtigt habe. Im Gegenteil: die sich schnell verbreitenden und bestärkenden Gerüchte, dass Jobs wohl eher ein unangenehmer Kollege und Zeitgenosse gewesen sein muss, scheinen der Verehrung keinen Abbruch zu tun. Ebensowenig verschwendet irgendjemand einen Gedanken oder gar eine Hoffnung auf die Möglichkeit, dass in der Nähe des ersten Apple Stores etwa ein Wunder als Ereignis die Kontinuität des Alltags durchbrechen könnte. Und mit wem, mit welcher “höheren Ebene” sollte der verstorbene Steve Jobs seine Bewunderer wohl vermitteln und vermittelt haben? Denn der Kult nimmt seinen Ursprung zwar in einer amerikanischen Welt, wo die meisten Individuen für das private Leben eine Religion wählen und ihr treu bleiben — doch eine gemeinsame Vorstellung von einer die alltägliche Welt übersteigenden Sphäre gibt es auch dort schoin längst nicht mehr.

 

Vielleicht hilft besser als die These vom heiligen Jobs ein biographisches Detail weiter, das zu erwähnen – und ernst zu nehmen – zunächst wie ein Sakrileg wirkt. Der junge Steve Jobs soll zu einer Halloween Party als Jesus Christus verkleidet erschienen sein. Anders als bei Heiligen ist es nicht die Funktion der Figur von Jesus Christus, die Menschen mit Gott zu vermitteln – vielmehr ist Jesus Christus aus der Sicht christlicher Theologie selbst eine Dimension des “dreieinigen Gottes.” Er ist Gott als Verkörperung, Gott, wie er unter den Menschen leben kann — und genau um diesem Aspekt geht es mir. Denn die Lebensleistung von Steve Jobs hatte sich ja nicht darin verwirklicht, neue naturwissenschaftliche Entdeckungen gemacht oder neue technische Möglichkeiten erfunden zu haben. Vielmehr hat er die bestehenden Möglichkeiten der elektronischen Technologie über Dispositive wie den Apple-Bildschirm und die Maus, das I-Phone und den I-Pad ins Alltagsleben gebracht und zu einem Teil des gelebten Alltags werden lassen — so wie Jesus Christus die Konkretisierung und Vergegenwärtigung Gottes im Alltag sein wollte. Eben weil es ihm um Konkretisierung, Vergegenwärtigung und mithin um das Erlebbar-Machen ging, war Jobs so konzentriert auf ästhetische Details, ja wahrhaft besessen von ihrer Optimierung. Und genau auf diese Weise haben Jobs und Apple am Ende den Konkurrenten Microsoft hinter sich gelassen.

 

Für das Erlebbar-Machen sind ihm unendlich viele Menschen dankbar, deshalb erinnern sie sich an ihn. “You made my world a happier place. I will carry your inspiration in my happy moments for the rest of my life,” habe ich auf einem der Sticker am Fenster des Apple Stores gelesen. Oder, spezifischer: “Thank you for your vision. Your products helped my daughter forget her pain during my hospital stay this summer.” Auch Jesus Christus hat für seine Gläubigen die “Welt zu einem glücklicheren Ort gemacht,” indem er sie von der Erbsünde erlöste. Weil ich aber die wohl unleugbare Konvergenz zwischen Jobs und der Christus-Figur nicht zur Vollständigkeits-Obession geraten lassen will, ist es wichtig, zunächst einmal festzustellen, dass es ein Äquivalent zum Mythos der Erlösung in der Jobs-Geschichte und im Jobs-Kult nicht zu geben scheint.

 

Die Vielfalt anderer Affinitäten ist hingegen einfach erstaunlich. Wie Jesus Christus ist Jobs früh, aber doch im erfüllten Alter gestorben (man geht wohl nicht zu weit, wenn man sagt, dass die dreiunddreissig Jahre des Sterbealters von Jesus in seiner Welt einen ähnlichen Stellenwert gehabt haben müssen wie die sechsundfünfzig Jahre, die Steve Jobs gelebt hat). Keine der Botschaften an Jobs klagt je darüber, dass er zu früh gestorben sei – so wenig wie die Evangelien im Blick auf Jesus das tun. Sie hatten beide ihre Aufgabe erfüllt. Genauso wie es in den Geschichten über Jesus Christus der Fall ist, hat das Leben von Steve Jobs unter aussergewöhnlichen Bedingungen begonnen. Von einer unverheirateten Mutter (und als Sohn eines syrischen Vaters) einer Adoptivfamilie übergeben worden zu sein, das entspricht zwar nicht ganz einer Jungfrauengeburt, aber die beiden erzählten Lebens-Anfänge stellen eine Distanz her zwischen dem zu Höherem geborenen Kind und jenen Eltern, bei denen es aufwächst. Wie im Leben von Jesus Christus schliesslich, das hatte ich eingangs schon erwählt, gibt es nun in der Geschichte von Steve Jobs auch ein “letztes Abendmahl.”

 

Vor allem trägt die Akkumulation der vielen individuellen Gefühle von Dankbarkeit — und nicht eine kollektive und deshalb abstrakte Dankbarkeit — den Steve Jobs-Kult. Seine Bewunderer sprechen über ihn – und zu ihm — wie zu einem vertrauten Freund, der noch am Leben ist. Neben das “Thank you for everything” sind immer wieder kleine Herzchen gemalt. “Steve Jobs you were awesome!” “Thanks for sharing your gift.” “You are my hero and inspiration to be better and ‘different’ in life.” Und sie alle, die dem toten Steve Jobs schreiben, wollen unterstellen, dass er in einer anderen Sphäre – im Himmel der technologischen Welt sozusagen – weiterlebt. Man scheint sich dies – wie bei Jesus Christus – als eine Rückkehr vorzustellen und weniger — wie bei den (anderen) Sterblichen — als Belohnung für ein vorbildlich geführtes Leben.

 

Welches Bedürfnis unserer Welt sollte nun in diesem Kult seine Konkretisierung, Erscheinung und Erfüllung gefunden haben? Natürlich wird man die These noch einmal erwähnen, dass in einer Kultur, die ihre religiösen Horizonte weitgehend verloren hat, Sehnsüchte nach einer “höheren Sphäre” alle Möglichkeiten ihrer Vergegenständlichung suchen. Aber genau die zentrale Voraussetzung dieser These trifft ja zumindest auf die Privatsphäre in den Vereinigten Staaten nicht zu. Dort leben die meisten Menschen mit einer individuellen Vorstellung vom Himmel. Die allermeisten jener Verehrer, die Steve Jobs nach seinem Tod persönliche Worte voller Dankbarkeit geschrieben haben, werden am Wochenende den Gottesdienst einer expliziten und offiziellen Religion besuchen – und dort zu andere Göttern beten.

 

Vielleicht muss es also im Jobs-Kult doch noch einen zusätzlichen Aspekt von Erlösung geben, der freilich ohne Erbsünde und Selbst-Opfer auskommt. Vielleicht ist es nicht genug zu sagen, dass Steve Jobs die – abstrakten und sozusagen “neutralen” – Möglichkeiten der Technologie ins Alltagsleben gebracht hat. Dadurch dass er jene Möglichkeiten in Phänomene des “Zuhandenen” verwandelte, hat er auch – und vor allem — einen Teil jener Furcht gebannt, die lange Zeit mit der Technologie verbunden war (und natürlich für immer mit ihr verbunden bleiben wird). Technologie, das kann die Bedrohung nuklearer Verstrahlung und nuklearer Waffen sein, die Zerstörung der überlebensnotwendigen Biospähere und der Atmosphäre, die absolute Manipulation des Verhaltens, aber auch die Zerstörung und Manipulation jener Veranlagungen, die man genetisch an neue Generationen weiterzugeben hat. In einem Apple-Computer hingegen oder in einem I-Pad wird Technologie, statt zu bedrohen, zu einer Annäherung an und zu einer Öffnung auf die Welt, die sich wie ein weicher Handschuh über unser Leben zieht. Dies genau vergegenwärtigen und zelebrieren, ohne dafür Begriffe zu brauchen, die Momente und die Dauer des Kults von Steve Jobs. Und all dies ist so plausibel, dass man daran nicht Anstoss nehmen braucht. Ob das, was Jobs geleistet hat, die Angst vor der Technologie auf Dauer bannen wird, ist eine ganz andere Frage.