Digital/Pausen

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Hans Ulrich Gumbrecht lehrt Literatur in Stanford und bedauert es, zu alt für eine Karriere-Chance als Trainer im American Football zu sein.

Gegen "konstruktive Kritik"

  "Kritisch sein," das steht unter Intellektuellen wenigstens ganz außer Frage, gilt als Ehrentitel und Verpflichtung - keinen anderen...

 

„Kritisch sein,“ das steht unter Intellektuellen wenigstens ganz außer Frage, gilt als Ehrentitel und Verpflichtung – keinen anderen Intellektuellen-Konsens gibt es, der je breitere soziale Zustimmung gefunden hat und immer noch (oder sogar immer mehr) findet. Vor allem die politische Linke und ihre revolutionär gestimmten Geister nehmen sich diese Haltung als ihren Identitäts-Kern zu Herzen, aber eigentlich kann es sich niemand leisten, explizit auf die Bereitschaft oder die Kompetenz zur Kritik zu verzichten. Eine Polemik gegen „konstruktive Kritik“ zumal bricht mit allen verbindlichen Konventionen und scheint sich aus der Gesellschaft auszuschließen. Trotzdem glaube ich, dass die mit einem derart absolut gesetzten Begriff von „Kritik“ – und noch mehr mit „konstruktiver Kritik“ — verbundenen Erwartungen unter heutigen Vorzeichen nicht mehr einlösbar sind.

 

Als „kritisch“ gilt eine gespannte Aufmerksamkeit, welche sich auf die Entdeckung, Bloßstellung und letztlich auch auf die Korrektur von bis dato übersehenen Irrtümern, Fehlern oder Vergehen konzentriert. Wir haben diesen Habitus aus dem Zeitalter der Aufklärung geerbt, genauer von ihrem Bestreben, einen universalen Prozeß der Revision all jenes Wissens in Bewegung zu bringen, das nicht mit der als „natürlich“ geltenden menschlichen Vernunft vereinbar schien. „Kritisch“ sein setzte also – und setzt immer noch – das Bewußtsein von einer absolut gesetzten, eben „natürlichen“ oder „vernünftigen“ Grenze zwischen „falsch“ und „richtig“ voraus. Wer sich für „kritisch“ hält, der muß also eine (letztlich gegen Zweifel, Skepsis und Fragen immune) Vorstellung davon haben, wie die Welt im Ganzen und im Detail aussehen oder zukünftig werden sollte. Eben deshalb läßt sich die generelle Verpflichtung zur Kritik allemal in eine Verpflichtung zur „konstruktiven“ Kritik umsetzen, die dann zu sagen hat, wie es weitergehen soll; deshalb wird der zeigende Finger der Kritik so schnell zum erhobenen Finger der Belehrung; und deshalb auch wappnen sich Kritiker aus Berufung oft mit einem Rechthaber-Gestus, den sie von der Autorität der Wißenschaft ableiten.

 

Gewiß, an dieser Stelle werden die „wirklich kritischen“ Leser einwenden, dass jene Tradition von Kritik, die ich meine, schon in ihrem aufklärerischen Ursprungs-Jahrhundert selbstreflexiv geworden war, sich also auf kritische Hinterfragung ihrer selbst verpflichtet hatte. Aber zumindest dort, wo „konstruktive Kritik“ verlangt wird, das heißt unter anderem: die Bereitschaft, immer schon mit einem begründbaren Vorschlag zu Ersetzung des kritisierten Phänomens aufzuwarten, wird es mit solcher Selbstreflexität nicht weit her sein. Denn in der Nähe selbstkritischer Reflexion schwände notwendig die Zuversicht und Gewißheit, allem Kritisierten einen Vorschlag zu seiner Ersetzung entgegensetzen zu können. Vor allem aber ist solche Gewißheit nicht mehr vereinbar mit einer Gegenwart, die — anders als die Gesellschaften im Aufklärungs-Jahrhundert — längst und ganz ohne Schaden entdeckt hat, wie ihr die Hoffnung verlorengegangen ist, je einen sämtliche Gruppen und Individuen vereinenden Rahmens von „natürlichen“ (und deshalb als absolut zu setzenden) Prinzipien zu identifizieren. Ein absolut gesetzter Habitus von Kritik – zumal von konstruktiver Kritik —  ist nicht vereinbar mit einer Gesellschaft, die sich zuerst  darauf konzentriert, ihre interne Pluralität zu schützen und zu erhalten. Denn ein absolut gesetzter Habitus von Kritik würde allemal auf das Durchsetzen des Richtigen im Singular setzen.

 

Was könnte unter diesen Voraussetzungen an die Stelle der immer etwas blaulippigen, immer etwas steifen, immer etwas zu lauten und am Ende oft und so gerne moralisierenden „Kritik“ treten? Die Affirmation (oder schlimmer und mit einem Wort Heideggers: die „Frömmigkeit des Denkens“) – lautet die automatische und halb ironische Antwort der „kritischen Geister.“ Wer als affirmativ gilt, der scheint sich schon immer in einer politischen und intellektuellen Abseitsfalle isoliert zu haben: er gilt als „rechts,“ weil er Bestand und Nachhaltigkeit mehr schätzt als permanente Veränderung. Aber einmal ganz abgesehen auch von der Frage, ob sich eine so fraglos gesetzte Priorität der Veränderung und des Veränderns heute begründen läßt (und überhaupt je wirklich zu begründen war), abgesehen von der Frage auch, ob der Kontrast zwischen „links“ und „rechts“ noch die ihm angemutete Unterscheidung und Wertestiftung durchsetzen kann, erweist sich die Alternative zwischen „Kritik“ und „Affirmation“ als eine Schein-Alternative, solange sie unterstellt, daß im Verhältnis zu ihr kein Drittes aufscheinen kann. Jenes Dritte, das sich immer schon auf unabschließbare Pluralität öffnet, behaupte ich, ist das gegenintuitive Denken, anders gesagt, die Fähigkeit, mögliche Wirklichkeiten zu imaginieren und zu illustrieren, die von den bestehenden Wirklichkeiten verschieden sind, ohne dass jene möglichen Wirklichkeiten mit irgendeinem normativen Anspruch beschwert werden müssen. Gegenintuitives Denken lebt eher von der Phantasie als von Werten, und es hilft einem Gestus von Freiheit und Spiel, sich gegen den Ernst der Verbesserungs-Ethiken durchzusetzen. Gegenintuitives Denken ist ein Denken, welches Pluralität affirmiert (tatsächlich!), produziert und offen hält, ein Denken, das die Welt komplexer (und manchmal sogar komplizierter) macht. Statt einen besseren oder sogar einfach den richtigen Bundespräsidenten vorzuschlagen, stellt es sich Deutschand ohne Bundespräsidenten oder mit einer Erb-Monarchie vor; statt zu betonen, dass es keine Unterschiede zwischen den Geschlechtern geben soll, macht es solche Unterschiede zum Gegenstand der Begierde; statt tiefe Deutungen der Literatur einzufordern, empfiehlt es eine Lese-Freude, die auf der Oberfläche von Texten haften soll.

 

Als komplementäre Kehrseite und Ergänzung gehört zum gegenintuitiven Denken das Talent, über das Bestehende erstaunt zu sein, weil man sich die Welt auch anders vorstellen kann – was sie am Ende unwahrscheinlich (statt „natürlich“ oder gar „notwendig“) erscheinen läßt. So hält gegenintuives Denken die Welt für alle möglichen Veränderungen offen, statt sie in einer bestimmten Richtung verändern zu wollen. Gegenintuitives Denken sollte endlich das Denken der Intellektuellen (und der Gebildeten) werden — dann können sie „kritisches Denken“ ganz den Geistlichen und gegebenfalls den Politikern überlassen.

 

Bleibt zu fragen, ob ich mich nun nicht ausgerechnet als konstruktiv-kritischer Denker bloßgestellt (oder bewährt?) habe – einerseits mit dem Verweis auf den (nicht immer nur) latenten Terrorismus der konstruktiven Kritik und andererseits mit dem Vorschlag, Kritik durch gegenintuitives Denken zu ersetzen. Trotzig zurückzufragen „warum ich denn nicht kritisch sein sollte,“ wäre eine mögliche, aber in Wirklichkeit schüchterne Reaktion. Eher sollte ich fragen, ob eine unwahrscheinlich erscheinende Welt nicht allemal interessanter und auch sympathischer ist als eine kritisch verbesserte.