Digital/Pausen

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Hans Ulrich Gumbrecht lehrt Literatur in Stanford und bedauert es, zu alt für eine Karriere-Chance als Trainer im American Football zu sein.

Ob Peinlichkeit eine (deutsche) Tugend ist

Gefühle von Peinlichkeit kennen wir alle, aber das bedeutet nicht, dass sie sich ohne weiteres beschreiben lassen. Peinlich wird uns etwas nur im direkten...

Gefühle von Peinlichkeit kennen wir alle, aber das bedeutet nicht, dass sie sich ohne weiteres beschreiben lassen. Peinlich wird uns etwas nur im direkten (oder im vorgestellten) Blick des anderen. Und dieses „Etwas“ ist kaum je eine Absicht, eine Eigenschaft oder auch eine Schwäche, die uns bewusst werden, sondern ein von den anderen wahrgenommenes Detail von Unangemessenheit in einer sozialen Situation, ein Detail, mit dessen Existenz oder wenigstens dessen Wahrnehmung wir nicht gerechnet haben. Deshalb kommen Gefühle der Peinlichkeit fast immer überraschend. Sie hatten nicht bemerkt, dass Sie morgens mit dem linken Fuß in den rechten Schuh geschlüpft waren und wissen deshalb solange nicht, was Sie von dem Lächeln oder den hochgezogenen Augenbrauen der Kollegen halten sollen, bis sich einer erbarmt und auf Ihre Schuhe zeigt. Dann überfällt Sie Peinlichkeit, nicht als das Registrieren einer Schuld, sondern in kleinen Schüben körperlich spürbarer Impulse: Man bekommt rote Ohren, hat ein „leicht mulmiges Gefühl im Magen“ oder möchte ganz und gar unsichtbar werden. Peinlich ist es, wenn jemand im Moment des Bezahlens merkt, dass er sein Portemonnaie verloren hat – oder wenn Ihr Lieblingsschlager während einer Grabrede fröhlich auf dem Handy erklingt. Momente der Peinlichkeit lassen sich nicht ausgleichen, korrigieren oder wegerklären – so wie Fehler, Irrtümer und das, was Juristen „schuldhaftes Handeln“ nennen. Selbst die ehrlichst gemeinte Entschuldigung (aber wofür?) macht nichts besser. Natürlich werden Sie irgendwann den rechten Fuß in den rechten Schuh bugsieren und die verdammte Rechnung bezahlen, aber das hebt den Augenblick der Peinlichkeit und sein nur langsam verblassendes Stigma keinesfalls auf.

In ihrer sozialen Objektivität ist Peinlichkeit irreversibel, wobei die „Objektivität“ in meiner Unterstellung liegt, jemand anderes habe eine Unangemessenheit registriert – eine Unterstellung, die sich (genau genommen) nie ganz bestätigen lässt und deshalb zugleich unvermeidlich subjektiv bleibt. Zwar nennt man „peinlich“ auch Szenen, in denen eine Absicht des Verheimlichens offenbar wird, also wenn einer vom Kellner zum Zahlen aufgefordert wird, als er sich gerade aus dem Restaurant stehlen will („auffliegen“ heißt das). Aber in solchen Fällen ist die Peinlichkeit auslösende Wirkung der Blicke vermischt mit dem Ärger, sich verkalkuliert zu haben, und manchmal auch mit der Furcht vor Bestrafung – wobei man dann, ob es nun ernst gemeint ist oder nicht, immerhin Besserung geloben kann. Viel schlimmer finde ich es, wenn jemand dem ältlichen Gatten einer attraktiven Frau steckt, dass er sich gerade unter einem monumentalen Hirschgeweih hat photographieren lassen. Denn was für eine „Entschuldigung“ könnte es dafür geben? Zumal ja, wie eben in der Szene mit dem Hirschgeweih, der Anlass für Peinlichkeit durchaus banal sein kann – darin liegt die eigenartige Leichtigkeit des Peinlichen, welche alle Entschuldigungen peinlich macht und das ausgelöste Stigma umso nachhaltiger (vielleicht weil es angesichts dieser Leichtigkeit keinen entscheidenden Grund gibt, das Stigma zu verdrängen).

Peinlich ist der Moment, in dem mir bewusst wird, dass die anderen mich unangemessen finden. Dieser Moment ist also immer eine Bewegung des Umschlagens – ziemlich unabhängig davon, ob ich „aufgeflogen“ bin (ob etwas sichtbar geworden ist, das ich verheimlichen wollte) oder ob mir der Anlass zur Peinlichkeit gar nicht bewusst war (die falsch angezogenen Schuhe – mit weiteren Beispiele für diese Art von Peinlichkeit möchte ich Sie nicht behelligen, weil ja tatsächlich die bloße Erwähnung des nicht bis ganz nach oben gezogenen Reißverschlusses schon Peinlichkeit auslöst). Auf immer erspart bleibt Peinlichkeit eigentlich nur einem einzigen (allerdings weit verbreiteten) Menschen-Typ – und zwar denen, die nicht imstande sind, sich selbst in den Augen der anderen vorzustellen. Für sie treibt eine auf Konvergenzkurs zu haltende Dynamik aus Selbstwahrnehmung und hinreichend gutem Gewissen den kompakten Panzer an, in dem sie durch die Gesellschaft rollen. Was soll peinlich daran sein, die falschen Schuhe an den Füßen zu tragen? Man tauscht sie aus. Kann doch jedem passieren, oder? Meine Mutter, deren Wappenspruch der Satz war,  „ihretwegen habe sich noch nie jemand schämen müssen“ (Scham ist wohl einfach die heftigere Version von Peinlichkeit), gehörte zu jenen Glücklichen, denen peinlichkeitserzeugende Blicke und Momente während ihres ganzen Lebens unsichtbar bleiben – und so wurde sie zu einer energischen Peinlichkeitsproduzentin für andere. Denn das gibt es ja auch, Peinlichkeit ausgelöst vom Benehmen derer, mit denen Sie assoziiert werden – weil Sie mit ihnen im selben Chor singen, im selben Land Steuern zahlen, oder genetisch verwandt sind („blutsverwandt“ also). Es hilft nicht, wenn man für das peinlichkeitsauslösende Verhalten solcher Freunde, Mitbürger oder Verwandten keine Verantwortung trägt. Denn die Objektivität der Peinlichkeit ergibt sich aus der Vorstelllung von Außen-Blicken, auf die wir keinen Einfluss haben.

Peinlichkeit stellt sich also ein in Momenten des Umschlagens, wo eine Unangemessenheit bewusst wird; Peinlichkeit gehört zu einer Dimension sozialer Objektivität; Gefühle der Peinlichkeit stehen quer zur Dimension der Gefühle von Verantwortung. Aber soll man dann Peinlichkeit – genauer gesagt: die Fähigkeit zur Peinlichkeit – wirklich eine Tugend nennen? Ist sie nicht bloß eine unglückliche Programmierung, ein Überbleibsel vielleicht aus evolutionärer Frühzeit, als es überlebenswichtig war, sich den Blicken und den von ihnen ausgelösten Impulsen der anderen „guten Wilden“ rechtzeitig zu entziehen? Wenn überhaupt, dann könnte man „Tugend“ die Fähigkeit nennen, Momente von Peinlichkeit als Möglichkeiten der Zukunft zu ahnen – und dann, so gut es geht, zu vermeiden. Von dem nicht allein in den angloamerikanischen Kulturen so gerne zitierten Cardinal Newman, stammt der Satz, es sei „fast eine Definition des Gentleman, ihn als jemanden zu beschreiben, der nie Unbehagen auslöst“. Für „Unbehagen“ steht im Original „pain„, das wir ja primär mit „Leiden“ übersetzen. Aber nie „Leiden“ zu verursachen, das macht eher Rechtschaffenheit aus, und für den Begriff des „gentleman“ ist diese Tugend wohl nicht subtil genug. Wer ein Gentleman sein will, der wird darauf aus sein, keine Momente der Peinlichkeit für andere auszulösen, vor allem keine Momente der Peinlichkeit für die, mit denen er assoziiert wird – doch die geforderte Subtilität schließt ja noch eine weitere Dimension ein. Unerträglich peinlich kann mir auch der Moment der Lächerlichkeit von jemandem sein, mit dem mich nichts verbindet als die Anwesenheit am selben Ort zur selben Zeit. Im Spanischen gibt es dafür einen Standard-Ausdruck: er heißt „verguenza ajena“ (wörtlich übersetzt: „fremde Scham,“ oder auch: „Peinlichkeit, die für andere empfunden wird“ – im Sinn von „das ist mir peinlich für Dich“).

Ist es verdächtig, dass die deutschen Sprache eine solche Formulierung nicht kennt? In diese Richtung zu spekulieren wäre wohl eher eine Über-Reaktion, weil die meisten anderen europäischen Sprachen dieselbe lexikalische Leerstelle wie das Deutsche aufweisen. Interessanter finde ich den Eindruck (der sich natürlich nicht empirisch belegen lässt), dass das Wort „peinlich“ in Deutschland vor allem im Kontext von Peinlichkeitszuweisungen an andere verwendet wird. Statt die Möglichkeit des Auslösens von Peinlichkeit zu antizipieren und zu vermeiden, wie es Cardinal Newman im Sinn hatte, versäumt man es nicht nur, den anderen Peinlichkeit zu ersparen, sondern rammt Gründe für Peinlichkeit in ihr Selbstbild ein. Der Satz „schämen sollst Du Dich“ war gewiss nicht zufällig das wirkungsmächtigste Erziehungsinstrument meiner Mutter, die zugleich wusste, dass sich „noch nie jemand ihretwegen hatte schämen müssen“. Während das von der Vorstellung des anderen Blicks getriebene Spiel des Peinlichkeitsvermeidens eine Form von Eleganz in den sozialen Beziehungen hervorbringen kann (und mithin einen ästhetischen Mehrwert, den Franzosen oder Italiener allemal als Funktion einer Tugend ansähen), hat Deutschland in seiner jüngsten Geschichte vor allem mit der erfolgreichen Ausbildung von Schwerathleten des Aussitzens geglänzt. Wer eine Situation aussitzt, der ignoriert den Blick der anderen und die in ihm objektiv werdende Peinlichkeit, weil er nur die eigenen Gründe, Ziele und Wahrnehmungen registriert.

Aussitzen ist ein politisches Erfolgsrezept und Peinlichkeitssensibilität sein Gegenteil. Denken Sie an Helmut Kohl, den Paten der deutschen Wiedervereinigung, und an Willy Brandt, der mit dem Moment seines Kniefalls im Warschauer Ghetto zu einer historischen Gestalt wurde – und auch mit dem sofort gefassten Beschluss des Rücktritts (ohne Entschuldigungen oder selbstgefällige Erklärungen), als aufgedeckt war, dass ein ostdeutscher Spion seinem Büro vorgestanden hatte. Symptomatisch ist gewiss (jedenfalls mehr als das Fehlen einschlägiger Wörter), dass Brandts Umwelt in den siebziger Jahren und die Historiker bis heute auf „tiefere“ (und zunächst ungenannt bleibende) Gründe für diese Entscheidung verwiesen und immer noch verweisen (auf parteiinterne Intrigen, auf Alkoholprobleme) – denn sie konnten sich offenbar nicht vorstellen, dass es Brandt vielleicht darum gegangen war, drohende Peinlichkeit für sich und andere abzuweisen. Peinlichkeitsvermeidung kann es nicht gewesen sein, meinten und meinen die Kommentatoren – und sie meinen das in einem Land, dessen Präsidenten an der verguenza ajena seiner „Mitbürger“ (wie peinlich dieses Wort in seiner Nachkriegs-Gutwilligkeit immer noch klingt!) anscheinend nichts liegt (vielleicht weil er die Peinlichkeit nicht sehen kann – aber das macht die Situation ja keineswegs besser) – und der sich deshalb mit immer neuen Erklärungen in immer neue Höhen von Peinlichkeit steigert.

Doch jetzt habe ich versucht, eine Peinlichkeitverschreibung in den Auffahrtkies vor Schloss Bellevue zu ziehen – und das, befürchte ich, ist viel zu deutsch für einen Amerikaner.