Digital/Pausen

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Hans Ulrich Gumbrecht lehrt Literatur in Stanford und bedauert es, zu alt für eine Karriere-Chance als Trainer im American Football zu sein.

Solid vs. genial? Deutscher Fußball 2012

  SOLID VS. GENIAL? Deutscher Fußball 2012   Es gibt Spiele, in jedem Mannschaftssport wohl, die man nicht sehen will (und auch wirklich nicht zu...

 

SOLID VS. GENIAL?

Deutscher Fußball 2012

 

Es gibt Spiele, in jedem Mannschaftssport wohl, die man nicht sehen will (und auch wirklich nicht zu sehen braucht), weil eine Seite derart überlegen ist, dass sich die unser Interesse und unsere Leidenschaft aktivierende Offenheit des Ausgangs schon vor Beginn geschlossen hat. Dann warten wir einen Nachmittag oder einen Abend lang ab, wie das zur Tatsache wird, was wir schon vorher wussten. In der gesteigerten Variante dieser Situation ordnet sich auch die unterlegene Mannschaft vorweg ihrem Schicksal unter und wird zum Erfüllungsgehilfen des Unvermeidlichen. Unter solchen Bedingungen können nicht einmal einzelne Spieler (auch Spieler auf der Seite des Siegers) brilliant aussehen. Ein Spiel dieser Art war – vor einer Woche – der Champions League-Sieg des FC Barcelona unter Mitwirkung von Bayer Leverkusen, wo selbst Messi und Iniesta nicht glänzten; ähnlich war es letztes Jahr im Halbfinale zwischen Schalke 04 und Manchester United; und selbst das Finale von 2010, als Bayern München gegen Inter Mailand verlor, passte in dieselbe Kategorie. Denn wer hätte damals nach dem ersten Tor der Italiener noch im Ernst geglaubt, dass Bayern dem Spiel eine Wende geben würde?

Natürlich enthalten solche Beobachtungen über aktuelle Spielstärke von Mannschaften immer Prognosen, die von zukünftigen Ergebnissen widerlegt werden können. Aber nur wenige Fußball-Beobachter gehen heute wohl davon aus, dass der deutsche Vizemeister seinen möglichen Heimvorurteil im Endspiel dieses Jahres nutzen wird. Dass ihre Zahl geringer ist als die Zahl derer, die auf den FC Barcelona, Real Madrid, oder den AC Milan setzen, kann man voraussetzen – und dies allein ist eine Frage und einen Kommentar wert. Denn was die Qualität seiner Spieler angeht, gehört der FC Bayern jedenfalls zu dieser Spitzengruppe, möglicherweise sogar an ihre Spitze. Doch wie lange ist es her, dass ein nach München gewechselter Spieler sich dort entscheidend verbessert hat? Kein Star geht heute zum FC Bayern, um seine erfolgreiche Karriere mit dem Erreichen eines neuen – und dann nicht mehr zu überbietenden – Schrittes abzuschließen. Das ist weder Podolski noch Neuer, weder Ribéry noch Robben, weder Miro Klose noch Mario Gomez (trotz all seiner Tore) gelungen.

Frank Ribéry (glaube ich) hat beschrieben, was den FC Bayern für ihn und seine Kollegen so attraktiv macht: er ist das einzige Fußball-Unternehmen, dessen Angestellte sicher sein können, dass ihre astronomischen Gehälter zum jeweils vereinbarten Termin auf dem Konto verbucht sind.  Denn der FC Bayern schwimmt ja buchstäblich im Geld, mit seinem ganz bezahlten, auf maximalen Rendit ausgelegten Stadion, mit Trainingsanlagen, die ihresgleichnen suchen, und mit langfristig gültigen Werbeverträgen, welche Rekord-Beträge einbringen. Von einer halben Milliarde Euro an Cash-Potential war die Rede, was als Habet ungefähr dem Debet des Schulden-Bergs von Real Madrid entspräche, und solcher Besitz ist ohne jeden Traum-Sponsor aus dem mittleren Osten „redlich“ erwirtschaftet worden von zu erfolgreichen Funktionären gewordenen früheren Spielern.  Man kann diese Leistung nur bewundern, und für die Bayern-Fans, das vielleicht ist einmalig in der Welt des Sports, wirkt sie inzwischen tatächlich als ein Ausgleich für all die Trophäen, die ihre Mannschaft in den vergangenen Jahren nicht gewonnen hat. Das gilt ja auch für einen bestimmten National-Stolz auf die Bundesliga, der überall sichtbar aber nie zum Thema wird – denn allein deutsche Fans sind stolz auf ihre Clubs, wenn die während einer Transferzeit für neue Spieler investierten Summen zurückgehen. Selbst der wegen seiner Transferausgaben so leidenschaftlich kritisierte Felix Magath (beim wirtschaftlich ja gar nicht in eine Krise zu bringenden VfL Wolfsburg) verhält sich am Ende wie einer, der bei der Suche nach der richtigen Krawatte viele Kisten mit billligen oder sogar Second Hand-Krawatten durchsucht – und sich am Ende nicht für eine entscheiden kann.

Aber ist es nicht absurd, wenn die vielleicht reichste Liga und der reichste Club der Welt nur ganz selten Spieler oder Trainer von Weltklasse verpflichten? Die Zuschauer scheinen es nicht übel zu nehmen, vielleicht kommen sie ja sogar ins Stadion, um solch solider Wirtschaftspolitik den Beifall ihrer Anwesenheit zu spenden. Müssten sie sich nicht eher von dieser Wirtschaftspolitik betrogen fühlen? Macht es Sinn, das Kapitalvolumen in Jahren zu erhöhen, wo die Erfolgserwartungen und die selbst erklärten Ansprüche immer nur unterboten werden? In Mailand, Madrid oder Manchester würde so eine Strategie die Fans auf die Barrikaden bringen; in München, Mainz und Hoffenheim findet sie den Applaus von Anhängern, die sich benehmen wie konservative Großaktionäre. Könnte es sein, dass dieser Soliditäts-Bonus, der sich ja für die Arbeit eine Arztes, eines Rechtsanwalts oder eines Kellners nur positiv auswirken wird, den Willen der Spieler neutralisiert und stillstellt, sich selbst zu überbieten? Ich habe mir noch nie vorstellen können, wie das Gesicht und die Stimme von Uli Hoeneß seinen Spielern helfen sollen, „ihre Leistung abzurufen“ (wie man so unschön sagt).

Oder muss man einwenden, dass der hoch-solide FC Bayern und die eher abstiegs- als Investitions-bereiten Augsburger gar nicht mehr typisch sind für die allerletzte Entwicklung im deutschen Fußball? Seit fast zwei Jahren nun schon begeistert Borussia Dortmund nicht nur die eigenen Anhänger mit einem Stil, der die Möglichkeiten der Mannschaft immer wieder zu überbieten scheint. Inzwischen ist die Borussia aus Mönchengadbach nachgefolgt – aber selbst am Horizont dieses Erfolgs zeigt sich ein Bestehen auf Solidität. Vor der Verpflichtung von Marco Reus durch die Dortmunder hätte auf sie ja durchaus der Satz zugetroffen, dass Champions League-Chancen in einer soliden Wirtschafts-Politik verdampften. Auf der anderen Seite wäre es unsinnig (und hätte ohnehin keinerlei Resonanz in Deutschland), allein Fußball-Unternehmen zu bewundern, die sich willentlich am Abgrund des Bankrotts bewegen – nur fühlt sich eben auch das Gegenteil, nämlich Clubs die gelegentliche Bewunderung zu verweigern, weil sie keine schwarzen Zahlen schreiben, wie eine milde Absurdität an.

Zugleich mit der Politik wirtschaftlicher Solidität, die wie eine Verlängerung und Permutation der früher berühmten sportlichen Solidität im deutschen Fußball wirkt, haben sich aber in jüngster Zeit – zunächst ganz und gar unerwartet – Anzeichen von ästhetischer Genialität gezeigt, wie es sie zuvor nur einmal gab – und zwar um 1970, als Deutschland in Brüssel zum erstenmal Fußball-Europameister wurde (und schon beim Sieg auf der Weltmeisterschaft von 1974 nicht mehr). Diese Genialität ist entstanden, wo man das Unmögliche versuchte — statt wie ein wenig inspirierter Schachspieler Misserfolg blockieren und Erfolg erzwingen zu wollen. Es begann vor der südafrikanischen Weltmeisterschaft von 2010, als nach der Verletzung des damals zentralen Nationalspielers Michael Ballack alle Zeichen auf Pessimismus und strategischer Vorsicht zu stehen schienen. Doch Löw (der mich bis heute ausschließlich durch seine Leistungen beeindruckende Hugo Boss-Typ Löw) ging das Risiko ein, nicht auf Vermeiden von Niederlagen zu setzen, sondern auf das Aktivieren des maximalen Potentials von Spielern, die sich nie zuvor international bewährt hatten (das ist übrigens gerade kein „Abrufen“ von Fähigkeiten, weil hier etwas entsteht, mit dem man nie rechnen kann). Wo dieses Aktivieren eines maximalen Potentials gelang, vor allem in den Spielen gegen England, Argentinien und Uruguay, ereigneten sich Spielzüge und Tore von einer spezifischen Schönheit, ja von einer Genialität, deren Bedingung die Unwahrscheinlichkeit des Gelingens war – und eben nicht ein den Effekt von Ballsicherung maximierendes System, mit dem Spanien (am Ende verdient) das Halbfinale gegen Deutschland und das Finale gegen Holland gewann, ohne zu begeistern.

Das Aufscheinen solcher Genialität und die von ihr erschlossenen Möglichkeiten haben dann Mannschaften wie Dortmund und Mönchengladbach ermutigt, in deren Erfolg ja auch das Unmögliche Wirklichkeit geworden ist. Für den Erfolg der Nationalmannschaft in diesem Jahr mag entscheidend werden, ob es gelingt – ob es überhaupt gelingen kann – die für das Geniale notwendige Voraussetzung der Instabilität zu einem System zu machen. Rein begrifflich sieht dies wie ein Widerspruch aus – und die ganz andere praktische Frage heißt natürlich, ob sich Spieler mit so anderen Voraussetzungen wie die von Bayern München und die, auf der anderen Seite, von den beiden Borussias in produktiver Weise ergänzen können. Vielleicht ist dies nicht nur ein offenes Problem für den deutschen Fußball; vielleicht markiert der Schnittpunkt von solidem System und potentiell genialer Improvisation den Punkt, wo dieser Sport heute in seiner Geschichte angekommen ist. Und weiter könnte man darüber nachdenken, ob eine stabile – wirtschaftlich, institutionell, strategisch stabile – Rahmensituation wirklich die beste (oder überhaupt eine gute) Voraussetzung für sportlichen Erfolg ist. Nicht ausgeschlossen, dass die von einem Faktor der Instabilität verursachte Offenheit notwendige Bedingung für Schönheit und für das Glück des Gelingens ist.