Digital/Pausen

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Hans Ulrich Gumbrecht lehrt Literatur in Stanford und bedauert es, zu alt für eine Karriere-Chance als Trainer im American Football zu sein.

Verhaltene Hymne auf Houston, TX!

  "Jesus is the solution!" (mit Ausrufezeichen), lese ich auf dem schwarzen T-Shirt eines vielleicht dreißigjährigen Manns beim Gate zu dem Flug nach...

 

Jesus is the solution!“ (mit Ausrufezeichen), lese ich auf dem schwarzen T-Shirt eines vielleicht dreißigjährigen Manns beim Gate zu dem Flug nach Houston. Er muß gut und gern zwei Meter groß sein, hat die für American Football-Spieler typischen Oberarm- und Nackenmuskeln, liest konzentriert in einem Buch und unterstreicht dabei viele Worte mit einem gelben Filzstift. Das Buch, entdecke ich ohne Überraschung, heißt „The Holy Bible,“ und ich stelle mir vor, mit Bewunderung und Erstaunen zugleich angesichts der Tiefe seiner Versenkung, wie oft, möglicherweise täglich, der Mann mit den Nackenmuskeln dieselben Sätze gelesen haben muß.

 

Alles sah nach einem pünktlichen Abflug aus am frühen Donnerstagnachmittag der letzten Woche. Der weiterlesende Mann hatte seinen massiven Körper gerade erstaunlich problemlos in den Economy-Sitz gepackt, der so eng war wie alle Economy-Sitze der Welt, und strich immer noch Bibel-Sätze an, als der Kapitän uns wissen ließ, dass man jetzt aus den Fenstern auf der linken Seite Airforce One sehen konnte, das Flugzeug des Präsidenten, der gerade auf einer Vor-Wahlkampf Mission nach San Francisco gekommen war, weshalb sich, hörten wir dann auch noch, alle Abflüge etwas verzögern würden. Ich habe tatsächlich nie zuvor Airforce One gesichtet, außerdem bin ich ein Anhänger des Präsidenten (heute noch mehr als vor vier Jahren), aber trotzdem nehme ich ihm übel, dass es bei der knappen Stunde Verspätung bleibt bis zur Landung in Houston, keine fünf Minuten haben die Piloten aufgeholt, und die kleine Hoffnung, doch noch den Anschlußflug nach College Station, TX zu erreichen, wo ich am nächsten Tag einen Vortrag habe, streicht die stattliche Frau in United Airlines-Uniform gleich ebenso höflich wie bestimmt durch: „There is no way for you, Sir, to get to terminal A in time. You will have to stay in Houston overnight.“

 

Schlafen also in einem dieser neutralen, überall zum Verwechseln ähnlichen Flugplatz-Hotels  und sehr früh aufstehen am Freitag, statt einem schnellen Drink in College Station und dem Gefühl, endlich da zu sein. Auf dem Bus zum Hotel bemerke ich, wie unübersehbar der Flughafen ist, mit immer noch einem Gebäude im fröhlich-pompösen Stil der sechziger Jahre, als man den Namen dieser Stadt noch mit allerhand Apollo-Programmen assoziierte („Houston, we have a problem„). Irgendwann fahren wir durch ein Tor aus blinzelnden Lichtern in blau, die sich in der Form von zwei Kronen bewegen. Vier Millionen Einwohner soll Houston haben, erzählt mir der auch sehr muskulöse siebzigjährige Mann im T-Shirt und mit eisernen Ohrringen, die Öl-Industrie garantiere hohe Beschäftigungsraten, und außerdem sei Houston stolz darauf, weiterhin Wohnsitz des (ersten) Präsidenten Bush und seiner Frau Barbara zu sein. In der Rezeption des tatsächlich sehr neutralen Hotels zwischen vielen Parkplätzen und anderen Hotels ist alles gut vorbereitet für die Passagiere aus San Francisco, die ihre Anschlußflüge verpaßt haben (die meisten von ihnen sind unterwegs zum Karneval in New Orleans oder Rio de Janeiro, niemand außer mir will nach College Station, TX, vor oder nach der College Football-Saison), für jeden von uns liegt ein Zimmerschlüssel bereit und (bei Bedarf) ein Etui mit Zahnpasta und Rasierschaum. Nein, room service gibt es nicht, aber das Restaurant nebenan ist bis nach Mitternacht geöffnet, andernfalls kann man auch gleich hier, an der Rezeption, Drinks und snacks kaufen. Alle snacks im Angebot haben aggressive Kalorienzahlen, und kein einziger Drink gehört zur diet-Kategorie. Das Restaurant ist jetzt, nach halb Elf, noch bis zum letzten Platz gefüllt, mit gut gelaunten Gästen über reichlichen Portionen von chicken wings, Hamburgern oder burritos und in lauten, herzlich aussehenden Gesprächen. Fast alle sind Afro-Amerikaner, ich bin neidisch auf die gute Laune, und gehe ohne zu essen auf mein Zimmer ins Bett.

 

Richtig gut geschlafen wirklich, merke ich vier Stunden später, das kommt selten vor, sonst denke ich nur ans Aufstehen und die Arbeit. Wieder unten im Restaurant trinke ich einen Starbucks-Frappucino und lasse mich endlich auf die unverstört freundlichen Gesichter ein und auf die weit ausholenden Vokale des texanischen Englisch. Aber immer noch  will ich ein Taxi allein für mich zurück zum Flughafen statt der halbstündlgen, immer etwas überfüllten Shuttle. Der Fahrer mit spanischem Akzent erzählt mir, wie der erste Golfkrieg Höhepunkt seines Lebens war, und flirtet dazu routiniert mit der viel amerikanischeren Stimme aus der Taxi-Zentrale. Ich wollte auf Nummer sicher gehen nach dem kleinen Unglück am Abend vorher und habe nun plötzlich zwei Stunden bis zum Abflug. Zeit für ein shoe shine, das macht einem kein schlechtes Gewissen in Houston, Clifford heißt der alte Mann mit der Fliege am Kragen des weißen Hemds, dem kantigen schwarzen Gesicht und den vielen glänzenden Schuhchremen. Cliffords Freundlichkeit hat eine Würde, die alle Rest-Peinlichkeit wegschmilzt, und nach nicht weniger als zehn Minuten sehen meine Schuhe besser aus als je zuvor, außerdem weiß ich, dass das Football team von Houston eine gute Saison vor sich hat, und wünsche, ich könnte mich so bewegen und so sprechen wie er: „You take good care of yourself, man,“ sagt Clifford (er sagt alles, was ihm über die Lippen kommt, dann noch einmal in anderer Syntax), und ich antworte „fantastic job, Sir, so many thanks.“ Immer noch Zeit, jetzt für eine solide Portion Rührei mit chorizo bei Panchito’s Mexican Grill, eilig muß sich niemand fühlen in Houston. Am Tisch neben mir schneidet ein Mann mit einer Armprothese, wie sie Frankenstein gefiele, sein Morgen-Steak, und noch einen Tisch weiter sitzen Eltern, deren Gesichtshaut irgendwann von einem Feuer wie zu Masken gespannt worden sein muß. Ihr kleiner Junge war anscheinend nicht in dem Feuer, aber er sieht doch so aus, als wäre die Unfallfolge auf genetischem Weg bei ihm angekommen. Meine Blicke sind die einzigen, die fasziniert von einem Tisch zum anderen Tisch, sonst kümmert sich niemand. Junge Leute zeigen ihren Freunden lieber Photos von sich selbst auf den I-Phones, lachen laut und essen immer weiter. Ob sie wissen, wie gut sie aussehen?

 

Auf dem neunzehnminütigen Flug nach College Station spricht die Frau in der Airline-Uniform die üblichen Sätze so ins Mikrophon, als ob ihr das Wohl der Passagiere wirklich am Herzen läge (flight attendants gebrauchen besonders gerne die Partikel „do,“ wie in „we do appreciate your business„) — und ich sage den Kollegen, die mich im (schon lange erwarteten und jetzt alles überflutenden) Regen abholen, dass ich eine Schwäche habe für Texas. An ihrer Reaktion merke ich, wie sie das von jedem Gast hören und eben deshalb nicht glauben. Alle Details aus der langsamen Geschichte dieser Gegend kennen sie, das ist ein Ergebnis ihres Wunschs, sich nicht im Exil zu fühlen. Das Hotel, wohin sie mich bringen, ist ein gelassen restaurierter Bau von vor hundert Jahren, und auch hier sind die Leute an der Rezeption gut vorbereitet. Von einem Mann mit texanischem Hut bekomme ich Gutscheine für zwei Drinks während der happy hour, aber da muß ich ja meinen Vortrag halten. Manche Studenten auf dem Campus tragen Army-Uniform, so viele verschiedene und gleiche Uniformen gibt es hier, die Autos auf den Parkplätzen sind groß wie alles in Texas, nur die Zahl der Hörer bei meinem Vortrag ist klein, in einem Seminar-Raum mit Lufthansa-Plakaten von Neuschwanstein und (wirklich) Ostfriesland.

 

Die Fragen nach dem Vortrag allerdings finde ich gut und schwierig, obwohl sie nicht wie Fragen aus Texas klingen — vielleicht ist zu  fragen überhaupt ganz untexanisch. Ich verliere etwas während diesem Nachmittag, das ich ohne zu suchen am Morgen in Houston gefunden hatte, und bekomme es nicht wieder zu faßen, schon gar nicht in dem gepflegten Steakhouse, wo die Abendessen-Kunden sich Wein von einer respektablen Liste aussuchen können. Beim Umsteigen auf dem Heimflug ist Houston wieder ein Flughafen wie jeder andere. Das Gefühl für und von Texas hat sich aufgelöst, was kein Wunder ist bei einem, der sich alle möglichen Texte anstreicht, nur nicht die Bibel