Digital/Pausen

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Hans Ulrich Gumbrecht lehrt Literatur in Stanford und bedauert es, zu alt für eine Karriere-Chance als Trainer im American Football zu sein.

Ist Heidegger unvermeidlich?

  Als Preis für den Abituraufsatz hatte mir das Gymnasium ein Exemplar von Martin Heideggers Aufsatzsammlung "Unterwegs zur Sprache" geschenkt mit einer...

 

Als Preis für den Abituraufsatz hatte mir das Gymnasium ein Exemplar von Martin Heideggers Aufsatzsammlung „Unterwegs zur Sprache“ geschenkt mit einer Widmung in der schönen Handschrift des Kunstlehrers, doch das Buch blieb ungelesen. Viel später versuchte eine Schweizer Doktorandin mit beachtlicher philosophischer Kompetenz mich zu überzeugen, dass ich doch wenigstens „Sein und Zeit“ kennenlernen solle, aber ich beharrte auf der 1968 zurechtgelegten Meinung, ein intellektuelles Leben müsse ohne Nazi-Autoren möglich sein. Erst mit über vierzig Jahren, mittlerweile hielt ich meine Seminare an einer kalifornischen Universität, habe ich mich dann auf Heideggers Philosophie eingelassen – denn meine amerikanischen Studenten erwarteten ganz ohne Komplikationen und Ambivalenzen, von ihrem neuen Professor aus Deutschland über Heideggers Denken lernen zu können, und hinzu kam, dass es mir in der geographischen Distanz erstaunlich leicht fiel, Heidegger endlich zu lesen und bald auch zu lehren. Ich bin also durchaus vertraut mit dem Vor-Urteil, das bis heute soviele Intellektuelle davon abhält, sich auf Heideggers Texte zu konzentrieren.

 

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Und dieses Vor-Urteil ist nicht allein durch biographische Fakten motiviert. Wer sich auf die Texte von Martin Heidegger einläßt, der ist – von seinen frühen Schriften bis hin zum Spätwerk aus dem dritten Viertel des zwanzigsten Jahrhunderts — mit dem uns fremd gewordenen Duktus und Ton einer Sprache konfrontiert, die typisch war für das konservative und auch für das rechtsextreme Spektrum der Intellektuellen in den zwanziger Jahren. Sie versuchten, die Ausdruckskraft von Wörtern und Satzstrukturen zu einem möglichen Maximum zu treiben, indem sie [manchmal bloß vermeintlich] ursprünglichen und oft jedenfalls marginalen Bedeutungen „lauschten,“ und sie wollten zugleich den Rhythmus ihres Denkens von solchen Entdeckungen inspirieren lassen. Vor allem bei Heidegger, das wird auch von seinen Kritikern erstaunlich selten bemerkt, fügt sich dieser Rhythmus nur selten zu den aufeinander aufbauenden Schritten einer Argumentation zusammen. Eher lösen sich Phasen meditativer Versenkung ab mit oft blendenden Kaskaden von Intuitionen, die allerdings meist ohne Begründung bleiben. Man kann sich von solchen Impulsen zum Weiterdenken, auch zum kritischen Weiterdenken tragen lassen, während ein nachvollziehendes Lesen – ein Lesen der schrittweisen Überzeugung wie etwa bei Kant – bald in Frustration umschlägt. Schließlich und vor allem irritiert uns eine – zum Ton von Heideggers Sprache und zum Absolutheitsanspruch seiner Intuitionen passende – Weltsicht, welche nationale Erneuerung von der Besinnung auf völkische Traditionen erhoffte, ganz im Sinn jener deutsch-faschistischen Ideologie des „Blutes und Bodens,“ die sich vor 1930 formiert hatte.

 

Eben diese Position ließ Heidegger glauben, dass mit Htilers „Machtergreifung“ am 30. Januar 1933 eine für die nationale Zukunft entscheidende Gegenwart angebrochen war, der er als Philosoph und bald auch als Rektor seiner Freiburger Universität im emphatischen Sinn „dienen“ wollte. Es gibt gute Gründe für die Vermutung, dass Martin Heideggers frühe Begeisterung für den Nationalsozialismus seit der Entmachtung der „völkischen“ SA im Juli 1934 und mit der Umstellung auf eine vor allem von der SS getragene national-elitäre Konzeption enttäuscht wurde [wenn auch nie definitiv gebrochen]. Das Risiko des leisesten Widerspruch vor 1945 und die Verpflichtung einer Erklärung in der Öffentlichkeit eines anderen Deutschland nach dem Ende des „Dritten Reichs“ hat er nicht auf sich genommen, und es ist schwer, ja für manche gewiß unerträglich, sich einem Denken zu nähern, das in der Alltagsexistenz des Denkenden derart gescheitert war. Kann unter diesen Vorausetzungen die Lektüre von Heideggers Werk als unvermeidlich gelten? Gibt es Konfigurationen, Einsichten und Perspektiven in seinen Texten, auf die zu verzichten die Möglichkeiten des Denkens heute beschränkte? [Man muß es wohl so zurückhaltend formulieren, weil ja nur schwer vorstellbar ist, dass irgendeine philosophische oder künstlerische Position je als kollektiv „lebensnotwendig“ angesehen werden könnte].     

 

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Die westlich-philosophische Szene, die Heidegger in den frühen zwanziger Jahren betrat und mit der Veröffentlichung seines ersten und einzigen großen Buchs „Sein und Zeit“ im Frühjahr 1927 für immer veränderte, war beherrscht von dem in vielen verschiedenen Kontexten auftretenden Gefühl, dass sich das „Subjekt,“ das heißt das bewußtseinszentrierte Bild vom Menschen der europäischen Moderne, und die materielle Welt der Gegenstände immer weiter voneinander entfernt hatten, weshalb wachsende Skepsis gegenüber der Fähigkeit des menschlichen Bewußtseins aufkam, diese Welt der Gegenstände noch adäquat zu erfassen. Wichtiger als der in „Sein und Zeit“ noch kaum entfaltete Begriff des „Seins“ ist deshalb die dort vorgenommene Ersetzung des „Subjekt“-Begriffs durch den des „Daseins,“ bei der es vor allem um die Rückgewinnung der räumlichen Dimension des menschlichen Lebens [angezeigt durch die Partikel „Da-„] geht und mithin auch um die Rückkehr seiner nicht-bewußtseinszentrierten körperlichen Existenz. Mit dieser neuen menschlichen Selbstreferenz des „Daseins“ gab sich Heidegger die Möglichkeit, an der Stelle des Gegenübers und der wachsenden Distanz zwischen „Subjekt“ und „Objekt“ eine schon immer bestehende Vertrautheit zwischen den [wieder verkörperten] Menschen und ihrer Welt zu postulieren, für die er die Bezeichnung des „in-der-Welt-Seins“ erfand [deren Bindestriche wie eine graphische Symbolisierung der hervorgekehrten Nähe wirken mögen]. Statt die Welt als „vorhandene“ zu sehen, als ein immer neu zu erkennendes und zu erforschendes Gegenüber, beschrieb sie Heidegger als „zuhanden,“ als eine [für den Normalfall der Existenz] schon immer vertraute Umgebung.

 

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Diese im frühen zwanzigsten Jahrhundert radikal neue Denk-Konstellation ist so erfolgreich gewesen, vor allem im bis heute sehr populären europäischen und amerikanischen Existentialismus nach 1950, dass sie längst auch ohne direkte Lektüre von Heideggers frühen Texten angeeignet werden kann. So gesehen läßt sich also die Auseinandersetzung mit jener Phase in Heideggers Werk durchaus und ohne Verlust vermeiden. Andererseits ist das Gegenüber von Subjekt und Objekt – trotz Heidegger und trotz des Existentialismus des vergangenen Jahrhunderts – bis heute die dominierende Struktur des westlichen Denkens geblieben. Unter dem Druck einer weiter gewachsenen Skepsis hinsichtlich der dem Subjekt gegebenen Möglichkeiten der Welt-Erkenntnis hat sie sich bis heute [sehr schematisch gesprochen natürlich] in drei verschiedene Richtungen entwickelt. Es gibt erstens eine Vielzahl von [meist denkerisch wenig eleganten] Bemühungen, durch Umstrukturierung und Neudefinition der Subjekt-Position deren Erkenntnisanspruch zu erneuern. Daneben haben sich zweitens ein kulturkritischer Ton und eine Tradition von Diskursen etabliert, die ihre eigene Melancholie angesichts immer neuer Problematisierungen der Subjekt-Position zu genießen scheinen [unter ihnen hat vor allem die „Dekonstruktion“ weltweite intellektuelle Resonanz gefunden]. Vergleichsweise „radikal“ waren schließlich die unter den Namen „Pragmatismus“ und „Konstruktivismus“ zu subsumierenden Vorschläge, die Welt als jeweils im Rahmen verschiedener Bedingungen auszuhandelnde Projektionen [„Konstruktionen“] des Subjekts anzusehen – und die Frage nach der Wahrheit oder Wirklichkeit der so entstandenen Objekt-Sicht als „substantialistisch,“ „essentialistisch“ oder „metaphysisch“ abzutun.

 

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Wer philosophisch [oder auch alltagspraktisch] mit einem dieser drei Ausläufer der Subjekt-Philosophie leben will, der kann gewiß auf Heideggers Spätwerk verzichten. Doch seit einigen Jahren konvergieren Reaktionen aus ganz verschiedenen Erfahrungsräumen, die vor allem den [als Prämisse des Alltags wohl immer noch dominanten] Konstruktivismus / Pragmatismus als untragbar ansehen – untragbar wegen seiner gravierenden praktischen Konsequenzen. Ich will nur ein Beispiel nennen. Man kann behaupten, dass die seit Jahrzehnten andauernde und zunehmend dramatische Situationen hervorbringende Instabilität der internationalen Wirtschaft und Finanzmärkte auf zwei Schritte einer Pragmatisierung zurückgeht: nämlich auf die Loslösung des Finanzsystems vom Goldstandard [diese Einsicht hat im deutschen intellektuellen Kontext jüngst Joseph Vogl argumentativ entfaltet] und auch auf die fortschreitende Ersetzung des individuellen Expertenurteils bei der Analyse je gegenwärtiger wirtschaftlicher Situationen durch ihre elektronische Hochrechnung. Die heute in dieser Weise doppelt „konstruktivistisch“ hergestellte Sicht der Wirtschaft und der Finanzen, ließe sich deshalb sagen, hat den Kontakt zur wirtschaftlichen „Realität“ verloren.

 

Philosophisch entstand so eine Situation, die einerseits durch ein Bedürfnis nach der Rückkehr zu Einsichten mit Wahrheits-Anspruch gekennzeichnet ist und andererseits durch die seit dem frühen zwanzigsten Jahrhundert fortbestehende Blockade gegen die Wiedereinsetzung eines erkenntnismächtigen Subjekts. Man sehnt sich nach substantiellen Wahrheiten und war zugleich nie skeptischer im Hinblick auf die Möglichkeit sie zu erlangen. Dies genau ist die Konstellation, in der ich eine Auseinandersetzung mit Martin Heideggers Spätphilosophie für unvermeidlich ansehe. Ihr Kern ist die Intuition vom „Wahrheits-Ereignis,“ das sich als „Selbst-Entbergung des Seins“ vollziehen soll [wobei, glaube ich, das „Sein“ nicht als begriffliche Aneignung der Welt zu verstehen ist, sondern als ein sich-Zeigen der Dinge selbst]. Dem Dasein ist es nach Heidegger aufgegeben, mit seiner Gegenwart als Bedingung der Möglichkeit für solche Selbst-Entbergungen des Seins zu fungieren — und sich dann von ihnen bestimmen zu lassen.

 

Ein Blog kann natürlich nicht der Ort sein für eine weitere Auslegung der Position des späten Martin Heidegger – und selbst die ausführlichste, die kompetenteste Interpretation würde wohl kaum in Anspruch nehmen, dass seine Philosophie konkrete und unmittelbar umsetzbare Antworten auf unsere erkenntnispraktischen und alltäglichen Probleme bietet. Aber im Kontext der Herausforderung, zwischen dem abgewirtschafteten Konstruktivismus und den längst feststehenden Grenzen der Subjekt-Philosophie das Denken zu neuer Bewegung zu bringen und seine Lähmung zu überwinden, in diesem gegenwärtigen Kontext können wir es uns kaum leisten, Heidegger zu vermeiden.