Digital/Pausen

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Hans Ulrich Gumbrecht lehrt Literatur in Stanford und bedauert es, zu alt für eine Karriere-Chance als Trainer im American Football zu sein.

Welche Wahrheit entbirgt sich in der Elektronik?

  Wer sich einmal auf ihn eingelassen hat, dem fällt es schwer dieser Tage, zu Heidegger auf Distanz zu gehen - das ist das Faktum einer gegenwärtigen...

 

Wer sich einmal auf ihn eingelassen hat, dem fällt es schwer dieser Tage, zu Heidegger auf Distanz zu gehen – das ist das Faktum einer gegenwärtigen Unvermeidlichkeit, auch und gerade für solche Leser, die sich vom Schwarzwaldhütten-Mief seiner Lebensgeschichte und dem meist ungelenken Gewicht seiner Sprache abgestoßen fühlen. Tatsächlich gilt dies „auch und gerade“ für Intellektuelle, die ihren Alltag des einunzwanzigsten Jahrhunderts nicht in der rückwärtsgewandten Kunst-Sphäre einer ländlichen Nostalgie verbringen möchten – denn ausgerechnet Heidegger hat ja intensiver und beharrlicher als irgendein anderer Philosoph auf der Intuition bestanden, dass die Technik unserer Gegenwart (im Gegensatz zu ihren Naturwissenschaften und zu der Natur) die eine uns gegebene Wahrheitschance enthält. Seit dem Jahr 1935, seit einer Freiburger Vorlesung unter dem Titel „Einführung in die Metaphysik,“ reagierte der selbst technophobe Heidegger (der sich gerne dabei photographieren ließ, wie er vor seiner Schwarzwaldhütte Wasser in einen Steinkrug pumpte) mit der Intuition von einer Konvergenz zwischen Wahrheitsentbergung und Technik auf die besondere kulturelle Erregung einer Umwelt, in der Autos, Flugzeuge und Radios noch Embleme der Innovation waren.

 

Martin Heidegger starb 1976 mit der Überzeugung, dass sich die intellektuelle Welt seiner Zeit, wie er sagte, einer geschichtlichen „Schuld“ nicht entledigt (eine Verpflichtung nicht eingelöst) hatte, welche darin lag, die in der Technik gegebene Wahrheitschance freizusetzen.  Schon ein Vierteljahrhundert vorher findet sich in eine anderen Freiburger Vorlesung (zur Frage „Was heißt Denken?“) ein sehr punktuelles und und vielleicht deshalb plausibles Beispiel für das überlegende Wahrheitspotential der Technik gegenüber den Naturwissenschaften. In den abstrakten mathematischen Formeln der modernen Naturwissenschaften, sagte und schrieb Heidegger, könne sich uns das „Sein“ (und ich denke, er meinte: die substantielle und materielle Wirklichkeit) von Energie und Beschleunigung nicht erschließen  — wie es hingegen jenen Zeitgenossen gegeben sei, die sich in einem der damals eben erst entwickelten „Düsenflugzeuge“ bewegen konnten. Aber selbst Piloten würden diese Chance kaum nutzen, da sie – statt für das vom Flugzeug erschlossene Potential einer Selbstentbergung des Seins offen zu bleiben – ausschließlich auf den Nutzen und die Funktionen der Technik konzentriert seien.

 

Als (wie gesagt: eher technophober) Bewohner von Silicon Valley kann ich Heideggers Intuition von der Konvergenz zwischen Technik und Selbstentbergung des Seins in einer spezifischen Umwelt-Konstellation nachempfinden und nachvollziehen, die ihm zu Lebzeiten nicht gegeben war. Denn ich erlebe meine elektronische high tech Gegend, die in ihren harmlos-freundlich flachen Gebäuden primär kaum erkennbar ist, als eine intellektuelle Inspiration und Herausforderung, obwohl sie mir in der Wirkungsmacht ihrer funktionierenden Realität ganz und gar fremd ist,  Also nicht in dem Sinn, dass ich glaubte, mir den Wissensstand in Computer Science oder Electrical Engineering aneignen zu müssen (oder zu können), sondern in dem vagen, vorerst nicht auf Begriffe zu bringenden Gefühl einer intellektuellen Bewegung oder „Stimmung“ (wie es Heidegger selbst einmal beschrieb), die damit zu tun hat, dass ich (möglicherweise) in der physischen Nähe einer Wahrheits-Chance lebe. Und in diesem Gefühl liegt eine Affinität zu der Konzeption von „Seinsgeschichte“ und „Selbstentbergung des Seins“ als „Wahrheitsereignis,“ wie sie von der Spät-Philosophie Martin Heideggers entfaltet wird. Das Sein, das sich im Wahrheitsereignis entbirgt, ist zumindest auch materielles (nicht ausschlielich ideelles oder sprituelles) und individuelles (nicht generelles) Sein; und die Initiative, sich zu zeigen, geht vom Sein aus, nicht von der Neugier oder dem Interesse menschlichen Daseins (ohne die Präsenz von Dasein allerdings wird sich das Sein nicht entbergen, obwohl es andererseits nicht als eine „Botschaft“ an das Dasein aufzufassen ist).

 

So kryptisch und in vieler Hinsicht gegenintuitiv diese vielfältig konvergierenden Andeutungen auch sein mögen, sie treffen ein intellektuelles und existentielles Gefühl unserer Gegenwart, das sein materielles Gegenüber in ihrer elektronischen Umwelt hat. Der große (vor genau einem Jahr verstorbene) Friedrich Kittler zum Beispiel hat – über die letzten beiden Jahrzehnte seines Werks immer deutlicher – versucht, einen Blickwinkel zu finden, von dem aus die in der Elektronik liegende Chance einer Selbstentbergung des Seins sich einlösen sollte. Dabei setzte er mit dem Unterstreichen des Faktums ein, dass die Endphase des technologischen Wegs hin zu den Computern unserer Gegenwart im Kontext des zweiten Weltkriegs begann, mit Allen Turings mathematisch bewältigter Entschlüsselung der Geheim-Codes des deutschen Militärs. Aus diesem Ausgangspunkt im Krieg entfaltete sich für Kittler ein Netz weiterer Intuitionen, welche das Sein der Elektronik sich als „Nacht der Substanz“ (so der Titel eines später publizierten Kittler-Vortrags) entbergen ließen: nicht nur in der freigesetzten Zerstörungsmacht neuer Waffensysteme zeigte es sich, sondern auch durch die Übernahme und Reduktion menschlicher Selbstverfügungsmöglichkeiten mittels der Logik von Maschinen und schließlich durch die Absorption aller Ebenen von Repräsentation und Reflexion in der Materialität der hardware. So wurde eine „Nacht der Substanz“ zum universalen Konvergenzpunkt vielfacher Visionen.

 

Aus dem Jahr 2012 zurückblickend (und noch einmal: ohne technologische Sachkompetenz) erinnert mich solche Dunkelheit an eine die Welt der Computer bis in die frühen neunziger Jahre umgebende Stimmung, für die Steve Jobs‘ Welt, die Dimension des Apple screen und der mouse, lächerliche Verirrungen waren. Es gibt aber Grund zu der Annahme, dass für Kittler selbst seine Schau von der „Nacht der Substanz“ an einem gewissen Punkt unerträglich wurde – und das muss der Moment gewesen sein, von dem an er sich (fast plöztlich) mit seiner ganzen intellektuellen Kraft der Welt des antiken Griechenland zuwandte, in der er nun die – vergangene oder immer noch bestehende? — Chance einer Selbstentbergung von Erotik, Musik und Geometrie ahnte. Sie hat er in den Jahren vor seinem Tod, eher mit mythographischer Kraft als „wissenschaftlich“ argumentierend mit der Elektronik enggeführt und zwar am Ende mit dem hybriden Gedanken eines anders gebauten, sich in einem menschlichen Körper materialisierenden Rechner.

 

Man ermisst die Bedeutung solcher Spekulationen nicht anhand der unangebrachten (oder doch zumindest heute noch verfrühten) Frage, ob sie zutreffen oder nicht. Kittlers Werk halte ich vor allem wegen der intellektuellen Energie wichtig, die es freisetzen kann. Wenn die „Nacht der Substanz“ den Schlusspunkt einer frühen philosophischen Reaktion auf die Elektronik markiert, dann wiesen die von der Elektronik um die Jahrtausendwende  ausgehenden Denkanstöße eigentlich bald schon in die Gegenrichtung. Die Welt der elektronischen Hyper-Kommunikation, aufgrund derer sich die meisten Stunden unseres wachen Lebens heute in einer Fusion von Software und Bewusstsein vollziehen, erschien damals zunächst als jene Welt, in der Descartes‘ Sicht vom Menschen, der „ist, weil er denkt,“ seine empirisch maximimale Realisierung erreichte. Nichts aber ist – existentiell — weiter von der Nacht der Substanz entfernt als die Einklammerung von Räumen und Körpern in einer Form von Interaktion (der elektronischen), für die geograohische Entfernungen oder individuelle Stimmen keinerlei Rolle mehr spielen.

 

Doch dies wäre nur das andere – das cartesianische — Extrem. Ich frage mich dagegen, ob es nicht eine von uns philosopohisch erst noch zu nutzende Konvergenz geben könnte zwischen dem spätesten Kittler und der Welt von Steve Jobs (der, das ist mit klar, für Kittler der medienphilosophische Gott-sei-bei-uns war). Lag das Genie von Jobs nicht darin, immer wieder „elektronische Gegenstände“ zu erfinden, die aufgrund ihrer Form, Funktion und auch Schönheit bis heute für Milliarden von Benutzern (beinahe) zu Organen ihrer Körper geworden sind. Sind nicht die I-Pods eine Wirklichkeit im Sinn von Kittlers Idee des sich in einem Körper materialisierenden Rechners? Und sind sie nicht Embleme (oder vielleicht „das Sein“) von der Unmöglichkeit jenes Aufklärungstraums, unsere Körper, das heisst: unsere Substanz und die Erde je existentiell und materiell hinter uns lassen können?

 

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Das kam mir zur frühen (europäischen) Zeit des 18.Oktober 2012, Friedrich Kittlers erstem Todestag, in den Sinn, noch unter der herbstlichen Nachmittagssonne von Silicon Valley. Übel genommen hätte er meiner technologischn Naivität so einen Versuch wohl nicht.