Digital/Pausen

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Hans Ulrich Gumbrecht lehrt Literatur in Stanford und bedauert es, zu alt für eine Karriere-Chance als Trainer im American Football zu sein.

Warum man (eher nicht) dankbar sein soll

  Mein Vater war Chirurg, und weil sein Leben (wie, vermute ich, das Leben nicht weniger seiner Kollegen) in regelmäßigen Schwüngen zwischen manischen...

 

Mein Vater war Chirurg, und weil sein Leben (wie, vermute ich, das Leben nicht weniger seiner Kollegen) in regelmäßigen Schwüngen zwischen manischen “Hochs” und depressiven “Tiefs” verlief, hatte er einen Hang, jene Patienten, deren Leben er aus dramatischen Situationen gerettet zu haben glaubte, etwas zeremoniell zum Status von Freunden oder Freundinnen zu erheben, weit über die Zeit ihrer Entlassung von seiner Station hinaus. So sicherte er sich die Zeichen und manchmal auch die Wärme ihrer Dankbarkeit für die kalten Tage fahlen Niedergeschlagenseins, die ihn immer wieder heimsuchten – wie ein lang haltbares Lunch-Paket für den Winter des Gemüts. An eine dieser dankbaren Patientinnen erinnere ich mich besonders ungerne.

 

Der Chirurg (mein Vater) hatte ihre bei einem Autounfall zerrissene Blase, wie er es gerne beschrieb, “aus vielen Hautfetzen wieder zusammengeflickt,” sie hieß Annchen, war Berufsschullehrerin, lebte als mütterliche Freundin in häuslicher Gemeinschaft mit einer ländlich wirkenden Krankenschwester und umgab ihre all- wie sonntägliche Frömmigkeit mit dem Halo eines milden Interesses an der Theologie. Annchen vergaß nie zu sagen, wie dankbar sie meinem Vater war und dem hinter ihm stehenden Gott (kein Wunder beim Chefarzt eines katholischen Krankenhauses) für die Errettung aus lebensbedrohlichen Unfallfolgen und dehnte diese spezifische Dankbarkeit aus zu einer allumfassenden Lebensform, welche auch darin spürbar wurde, dass sie das beständig gebrauchte Wort “Danke” mit einem “h” zwischen dem “k” und dem “e” aussprach und in glockenklarer Stimme, wie ein engelsgleiches “Dank-h-e”-Frohlocken – was mein Vater unglücklicherweise bald von ihr übernahm, um es bis zum Lebensende nie mehr mehr loszuwerden.

 

Warum aber nervt die Art von Dankhbarkeit so, deren bigotter Exzess das Annchen war – und deren Standardform als bindende Empfehlung in keinem Programm der Erziehung fehlt? Das liegt, meine ich, daran, dass solche genau buchführende Dankbarkeit nichts anderes ist als ein Schuldenvermeidungsdispositiv, die Erfüllung des mehr als nur etwas neurotischen Wunsches, niemandem verpflichtet und also ganz unabhängig zu sein, streberhaft vorbildlich und zugleich in einer vorgeblich bescheidenen Position der Symmetrie allen anderen gegenüber. Aus der Gegen-Perspektive beschrieben: solch metikulös nervende Dankhbarkeit ist ein Produkt von Ressentiment, das heißt: Ergebnis der Befürchtung, dass “Menschen” einen mit Ansprüchen behelligen könnten, und sie will als Schutz gegen solche potentiellen Ansprüche durchaus stabile Situationen von ausgewogener Gleichheit und Symmetrie herstellen, auf die sich gegebenenfalls pochen lässt. Könnte eine so perfekte Symmetrie zwischen Ansprüchen und Schulden je existieren (wogegen glücklicherweise viele Gründe aus der Alltagserfahrung und auch der Soziologie sprechen), dann brächte sie am Ende wohl immer nur ein Klima obsessiver wechselseitiger Kontrolle hervor und eine mit Eifersucht geladene Welt. 

 

Wem sollte man — “dafür” — dankbar sein? Ich fühle mich am wohlsten an jenen Tagen, wo ich die explizite Dankbarkeit meiner Kinder nicht vermisse, aber es käme mir andererseits wohl nie in den Sinn, ihre Danbkbarkeit “stattdessen” an die Adresse eines Gottes weiterzuleiten, den ich mir seit dem Sonntag meiner Erstkommunion nicht mehr vorstellen kann. Die Dankbarkeit, mit der ich ganz gut lebe, ist nicht nur eine implizite, sondern auch eine intransitive Dankbarkeit — und so wie man natürlich sagen kann, dass sie das Ergebnis einer Säkularisierung religiös motivierter Dankbarkeit ist, ließe sich umgekehrt behaupten, dass religiös motivierte Dankbarkeit eine Möglichkeit — aber keine bindende Notwendigkeit — jenes Grundgefühls von etwas Richtigem in unserem Leben ist. Vielleicht sollte Dankbarkeit also eine gelassene Insel-Dimension unserer Existenz sein, wo wir uns erlauben, un-angestrengt zu leben — was ja nicht ausschließt, dass man sich über dies oder jenes argert und aufregt. Dankbarkeit könnte dann jene Zone werden, wo wir lernen, den permanenten Druck und die permanente Selbstverpflichtung des modernen Leben zum “kritisch Sein” aufzuheben — ohne dass dies ein Programm oder gar ein Verdienst wäre, für die irgendjemand dankhbar zu sein hätte oder sich durch Überbietung revanchieren müsste.

 

 

 

Und wie steht es mit der Dankbarkeit für Geschenke? Sehr früh schon in ihrer Geschichte hatte sich die Soziologie hier geradezu dogmatisch auf eine Unterscheidung festgelegt zwischen dem, was einem zusteht (oder was man rechtens verdient), einerseits und andererseits Geschenken als dem prinzipiell Unverdienbaren. Daraus folgt erstens, dass kein Maß gefunden oder abgeschätzt werden kann, das als Orientierung für eine nach dem Geschenk wiederherzustellende Symmetrie gelten könnte, und dass zweitens deshalb auf ein Geschenk nur mit einem größeren, das vorige überbietenden Geschenk reagiert werden kann. In die Dimension des Kollektiven übertragen bringt dies eine nur schwer zum Anhalten zu bringende Dynamik des Überbietens, die sogenannten Rituale des “Potlach” in Bewegung, wo Gemeinschaften sich wechselseitig an den Rand des Ruins treiben, vor dem sie immer wieder in letzter Minute durch ein (erwartbares) Gegengeschenk dramatisch gerettet werden. Sympathischer als bürokratische Dankhbarkeit sind diese Potlach-Spiele allemal, aber Lebensqualität erhöhen sie wohl nur für jene ausgesprochen hysterischen Charaktere, die gerne in den Abgrund blicken. Primäre Konventionen der Dankbarkeit also, das ist ein eher überraschender Zwischenbefund, treiben uns jedenfalls in Streß-produzierende (weil nur schwer auszutariernde) Situationen der sozialen Asymmetrie und der äußeren wie inneren Unruhe.

 

An schlecht gelaunten Tagen beklage ich mich zwar darüber, dass kein wogender Fluss expliziter Dankbarkeit zu mir strömt von meinen Kindern, an die ich seit vielen Jahren schon allmonatlich Studiengebühren, Mietzahlungen und hoffentlich nicht allzu schmal bemessene Taschengeld-Beträge überweise (wie hoffnungslos infantilisierend das Wort “Taschengeld” immer klingt!), aber eigentlich weiß ich, dass sie dankbar sind – und dass mir diese Dankbarkeit (anders als die Dankhbarkeit von Annchen und die Dankbarkeit der Potlach-Dynamik) sehr recht ist. Nur, woher kann ich das wissen und worin liegt das Maß dieses recht-Seins? Vielleicht ist es ja wie bei den Stars, wie bei jenen entfernten Zeitgenossen, die wir bewundern – und denen wir oft dankbar sind, als ob sie in unsere jeweiligen Welten der Nähe gehörten. Vor ein paar Monaten hatte ich jeden Morgen viel (selbstverschuldeten) Grund, so deprimiert zu sein, dass mir das Aufstehen schwer fiel – und half mir Tag für Tag ins Leben mit der Aussicht, gleich Adeles Lied “Someone Like You” zu hören; vor ein paar Jahrzehnten gab es keine größere Freude für mich, den sprichwoertlichen dicken Jungen, als die lebenden Bilder des behenden Mané Garrincha, der für Brasiliens Fußball 1958 und 1962 die beiden ersten Weltmeisterschaften auf Rechtsaußen mit-erstürmt hatte.

 

Die Möglichkeit aber, meine – gewiss bleibende – Dankbarkeit explizit zu machen, gab und gibt es nicht. Nicht im Fall von Garrincha, der längst gestorben ist und schon viele Jahre vor dem Tod sein Leben in den Dunst und Stupor des Alkoholismus gelegt hatte, aber eigentlich ebenso wenig im Fall von Adele, der ich ja (in einem für sie potentiell unglücklichen Fall) über den Weg laufen könnte. Warum wäre es dann so furchtbar peinlich (das ahnen wir alle), ihr – in Heathrow zum Beispiel und im schlimmsten Fall etwas atemlos – nachzulaufen, um meinen Dank abzustatten? Deshalb wohl, weil Adele (wie jede gute Sängerin) sicher nicht für mich, einen einzelnen Fan, singt und auch nicht (was, da bin ich sicher, ihr Management sie zu sagen verpflichtet) für ihre Fans im Plural, sondern weil sie nur so singen kann, wie sie singt, weil sie so singen muss; weil sie tut, was sie gerne tut und ohnehin tun muss, eben weil sich genau das richtig anfühlt für sie. Das geht nicht anders mit den monatlichen Studiengebühren, Mieten und Taschengeldern, die ich überweise, obwohl keines meiner Kinder mehr einen gesetzlichen Anspruch hat, welcher sich in eine Verpflichtung für mich umsetzen ließe. Ich zahle, weil ich ein Vater bin, und weil es, glaube ich, richtig ist für einen Vater, so lange zu zahlen, wie seine Kinder Unterstützung gerne brauchen können.

 

Und was ist schließlich das Kriterium für dieses Gefühl des Richtig-Seins? Es ist ganz einfach der – natürlich empirisch und prinzipiell unbeweisbare — Eindruck, einen Platz und eine Rolle gefunden zu haben in der Welt. Nicht nur einen symbolischen Platz, sondern auch einen Platz im konkreten räumlichen Sinn, der meinen Körper einschließt, wie er – zum Beispiel – als Vater sein Leben an die Zukunft weitergibt. Einen Platz, der für mich richtig und für niemanden sonst verbindlich ist. Aber besteht nicht die Gefahr, dass auch Heinrich Himmler, Adolf Hitler und Josef Stalin genau in diesem Sinn glaubten, ihren Platz in der Welt gefunden zu haben? Ganz lässt sich dieser Einwand gewiss nicht zurückweisen. Aber vielleicht kann man einwenden, dass die Himmlers, Hitlers und Stalins die Welt verändern und dafür rituelle Dankbarkeit entgegennehmen wollten, während die andere – die richtige? – Dankbarkeit auf ihr Explizit-Werden nicht angewiesen ist, eben weil sie als Teil zu einer existentiellen Gelassenheit gehört; Teil des Gefühls, dass etwas (nicht unbedingt alles!) richtig ist in der Welt, Garrinchas Eleganz zum Beispiel und Adeles Stimme, das Studium meiner Kinder und die bird watching-Ferien meiner Nachbarn, dass es etwas mein Leben umgebendes Größeres gibt, in vielerlei Phänomene und Situationen aufgeteilt, das auf mein Urteil und seine Billigung nicht angewiesen — und für solche Billigung auch gar nicht erreichbar ist.

 

Wem sollte man — “dafür” — dankbar sein? Ich fühle mich am wohlsten während jener Tage, wo ich die explizite Dankbarkeit meiner Kinder nicht vermisse, aber es käme mir andererseits wohl nie in den Sinn, ihre Dankbarkeit “stattdessen” an die Adresse eines Gottes weiterzuleiten, den ich mir seit dem Sonntag meiner Erstkommunion nicht mehr vorstellen kann. Die Dankbarkeit, mit der ich gut lebe, ist nicht nur eine implizite, sondern auch eine intransitive Dankbarkeit — und so wie man natürlich sagen kann, dass sie das Ergebnis einer Säkularisierung religiös motivierter Dankbarkeit ist, ließe sich umgekehrt auch behaupten, dass religiös motivierte Dankbarkeit eine Möglichkeit — aber keine bindende Notwendigkeit — jenes Grundgefühls von etwas Richtigem in unserem Leben ist. Vielleicht sollte Dankbarkeit also eine gelassene Insel-Dimension unserer Existenz sein, wo wir uns erlauben, un-angestrengt zu leben — was ja nicht ausschließt, dass man sich über dies oder jenes ärgert und aufregt. Dankbarkeit könnte dann jene Zone werden, wo wir lernen, den permanenten Druck und die permanente Selbstverpflichtung des modernen Lebens zum “kritisch Sein” aufzuheben — ohne dass dies ein Programm oder gar ein Verdienst waere, für die irgendjemand dankhbar zu sein hätte oder sich durch Überbietung revanchieren müsste.