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Was ist die Gegenwart des einundzwanzigsten Jahrhunderts?

1945, so hörte ich neulich bei einer sehr akademischen Diskussion, dann 1989 und schließlich 2001 seien die Jahre gewesen, an denen als Schwellen die Gegenwart begonnen habe, unsere Gegenwart, jene Gegenwart, innerhalb derer wir heute global (und unvermeidlich vage) gesagt leben. Natürlich lässt sich prinzipiell jedes Ereignis der Vergangenheit, das liegt in der Natur des Diskurses, den wir “Geschichte” nennen, erzählerisch als Schritt hin zu einer – wie eng oder breit auch immer bemessenen – Gegenwart inszenieren; doch noch nie war mir so deutiich geworden wie angesichts dieser etwas unscharfen und auch wenig überraschenden These von den drei Schwellenjahren, dass ich selbst den unsanften Übergang ins einundzwanzigste Jahrhundert am 11. September 2001 als die deutlichste Diskontinuität in meinem Leben erfahren habe, das 1948 begann.

Über das Ende des Zweiten Weltkriegs, über 1945, kann man heute im Rückblick sagen, dass es das Zeitalter der Ideologien, genauer: die auf die Spitze getriebene Rivalität zwischen Kommunismus und Faschismus, beendete — und so zugleich Voraussetzung war für den späteren Beginn des Kalten Krieges. Er setzte dann ein mit der Niederschlagung der ungarischen Revolution von 1956, das heißt: seit die Sowjetunion und die Vereinigten Staaten als die beiden damals verbleibenden Weltmächte (von denen nur die östliche explizit ideologisch aufgeladen war) schweigend und wechselseitig begannen, die Trennung ihrer Einflusspären anzuerkennen. Nach 1989 gab es angesichts der Implosion des Staatssozialismus für wenige Jahre die Hoffnung, dass auf den Kalten Krieg eine Zeit ohne zentralen Menschheits-Antagonismus folgen könnte; und diese Hoffnung ging 2001 verloren, dafür eben steht ja der berühmte 11. September. Aber noch existiert keine breit akzeptierte Beschreibung jener politischen Spannung, welche die Spannung des Kalten Kriegs abgelöste, und jener Veränderungen, die sich zugleich mit ihrem Erscheinen abgezeichnet haben. Eine solche Beschreibung möchte ich in einer skizzenhaften Serie erster, noch fast unvermittelt nebeneindergesetzter Beobachtungen versuchen – nicht im Sinne eines definitiven Wahrheitsanspruchs natürlich, sondern um alternative und also unvermeidlich kritische Überlegungen in Konzentration auf das vergangene Jahrzehnt zu provozieren (schon dies allein wäre ein maximaler Erfolg).

Erstens (und vielleicht vor allem, zumal im Rückblick auf den 11. September 2001) haben sich der Inhalt und die Struktur des global dominierenden Antagonismus deutlich verschoben. Abgesehen von marginalen Zirkeln innerhalb der selbst deutlich marginaler gewordenen Welt der Intellektuellen sind die Faszination und die utopische Aura der verschiedenen Versionen des aus dem neunzehnten Jahrhundert kommenden Marxismus heute beinahe verschwunden, gegen den sich im zwanzigsten Jahrhundert der Faschismus und nach seiner Niederlage der Kapitalismus ideologisch formiert hatten. Stattdessen gibt es jetzt innerhalb der meisten Gesellschaften eine Spannung zwischen Gruppen, die – ideologisch schwach und sehr verschieden konturiert — gegen den nationalen und internationalen Status quo protestieren, und anderen Gruppen, die an diesem Status quo – als Ideal oder als “geringerem Übel” – festhalten wollen. Dabei zeichnen sich transnational instabile und also oszillierende Sympathien und potentielle Koalitionen zwischen Neinsagern und Jasagern ab: zum Beispiel zwischen Grünen, pro-palästinischen Bewegungen und Gegnern des politischen Systems in China auf der einen Seite; zwischen Investment-Bankern, konservativen Katholiken und verbleibenden staatssozialistischen Kadern auf der anderen. Keine dieser Konfigurationen und Koalitionen hat bisher je das Niveau weltpolitisch nachhaltiger Strukturen erlangt.

Zweitens: obwohl international und national der Kontrast zwischen den größten individuellen Vermögen und der durchschnittlichen wirtschaftlichen Situation der Bevökerung ins früher Unvorstellbare geschnellt ist und obwohl noch immer ein großer Teil der Menschheit unter einer absoluten Armutsgrenze existieren muss, hat der Gegensatz zwischen armen und reichen Ländern, aber auch der zwischen den armen und reichen Mitgliedern jeweiliger Gesellschaften jene zentrale Stellung verloren, welche über das neunzehnte und zwanzigste Jahrhundert die emotionale Aufladung der ideologischen Formationen ermöglichte. Es gibt global gesehen eine immer breiter werdende “Mittelklasse” derer, die hinreichend bis gut versorgt sind, während militärische Macht und politischer Einfluß weniger eng als früher an wirtschaftliche Prosperität und wirtschaftliche Dominanz gebunden sind. Diese neue Situation manifestiert sich etwa im Gegensatz und in den nicht ohne weiteres zu neutralisierenden Spannungen zwischen Europa und den Vereinigten Staaten. Deren herausragende Macht und deren herausragender Einfluss sind ja längst nicht mehr durch eine wirtschaftliche Vorrangstellung gedeckt.

Drittens: der zeitliche Rahmen dieses Szenarios sind nicht mehr jene Prämissen über das Verhältnis von Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart, welche man in den westlichen Kulturen seit den Jahren um 1800 “Geschichte” genannt hatte. Im Alltag glauben wir heute nicht, wie es sowohl Sozialismus und Kapitalismus voausgesetzt hatten, dass wir individuell oder kollektiv die Zukunft kontrollieren oder gar gestalten können – eher ist eine neue Zukunft (zumindest im Bewusstsein einer Mehrheit) besetzt von ökologischen, wirtschaftlichen, demographischen Bedrohungen, die anscheinend unvermeidlich auf uns zukommen. Parallel dazu ist der Zukunftshorizont wirtschaftlicher Operationen und der von ihnen bedingten Reaktionen im Netz elektronischer Interaktion auf die Spanne von Sekunden oder vielleicht schon von Sekundenbruchteilen geschrumpft. Ob der Begriff der “Politik” und die unter ihn subsumierte Praxis ohne den Glauben an eine gestaltbare Zukunft fortexistieren können, ist eine Frage, die noch kaum gestellt worden ist. Das verstehende Durcharbeiten und das Verstehen der Vergangenheit jedenfalls wirkt nicht mehr als eine Bedingung der Befreiung von ihr; vielmehr überschwemmt und blockiert eine undifferenzierte Präsenz des Vergangenen – zunehmend als Ressentiment: dies war die Energie hinter dem 11. September 2011 — die Gegenwart. Und zwischen jener neuen Zukunft und dieser neuen Vergangenheit verliert die Gegenwart, die über zwei Jahrhunderte als immer kürzer, sich immer schneller verändernd erfahren wurde, ihre Identität. Sie ist eine sich verbreiternde Gegenwart, in der heterogene Phänomene aus chronologisch verschiedenen Dimensionen in Simultanität nebeneinanderstehen. Direkt nach “Star Wars” als der Vergangenheit der Zukunft, kann man auf dem selben Computer Bildschirm “Lord of the Rings” sehen, vielleicht die Zukunft der Vergangenheit.

Viertens: das Verhältnis zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit, wie es sich im achtzehnten Jahrhundert herausgebildet hatte und durch Verfassungen und Gesetzgebung langfristig normativ geworden war, unterliegt heute vielfältigen Erosionen, die sich in immer neuen medialen Kommunikationsformen anzeigen – und durch sie verstärkt, wenn nicht gar ursprünglich ausgelöst worden sind. Szenen aus der früher am engsten geschlossenen Privatheit werden über elektronisch-soziale Netzwerke für ein potentielles Milliardenpublikum ausgestellt. Zugleich gerät das Bloggen, als intentional an eine breite Öffentlichkeit gewandte, verschriftlichte Form der Rede, angesichts der unabsehbaren Vielzahl solcher Sinn-Abgebote tatsächlich oft zu einem Abseits der Privatheit oder der Einsamkeit (und ich weiss, wovon ich schreibe). Solche Formen des elektronischen Austausches haben, wie wir heute wissen, demokratische Bewegungen wie den arabischen Frühling ausgelöst, aber sie lassen sich offenbar nicht, das kann man von den Piratenparteien lernen, in nachhaltige Formen und Institutionen von demokratischer Partizipation umsetzen.

Fünftens: die Ablösung der täglichen Arbeit von körperlichen Funktionen, wie sie in der frühen Neuzeit einsetzte und möglicherweise die cartesianische Beschreibung menschlicher Existenz in dem Satz “ich denke, und deshalb bin ich” suggerierte, hat heute einen fast alle Berufe erfassenden, kaum mehr überbietbaren Höhepunkt erreicht. Oft scheinen Bewusstsein und Wissen unsere Existenz ausschließlich zu bestimmen, ganz ohne ein Jenseits von Materialität. In dem Maß, wie der menschliche Körper dabei tendenziell dysfunktional geworden ist, steigt das durchschnittliche Lebensalter, was — bei in vielen Gesellschaften unter das Niveau quantitativer Reproduktion abgesunkenen Geburtenzahlen — nicht nur zu einer deprimierenden Vision der fortschreitenden Versorgung unter den Generationen geführt hat, sondern sogar zu dem Traum, den Tod als Begrenzung der Existenz eliminieren zu können. In dieser Gegenwart aber, die den Körper zur bloßen Bedingung des Bewußtseinslebens reduziert hat, wird Sinnlichkeit als Ästhetik des Körpers in vielfachen traditionellen wie neuen Formen – und im Verhältnis zum dominierenden Cartesianismus der Berufswelt: auf pardoxale Weise – wieder entdeckt und erobert

Sechstens: ein anderes Paradox führt uns noch einmal zurück in die Dimension der Zeitlichkeit. Die sich verbreiternde Gegenwart der Simultanitäten, in der wir leben, mit ihrer von Bedrohungen besetzten Zukunft und ihrer nicht mehr zurückbleibend schwindenden Vergangenheit, ist eine Gegenwart, in der keine dominante Konvergenz-Dynamik vielfacher Veränderungen mehr gefunden werden kann. In diesem Sinn ist sie nicht nur eine sich verbreiternde, sondern auch eine sich verlangsamende Gegenwart. Doch innerhalb dieser langsamen Gegenwart steht jeder Teilmoment unter dem Druck einer existentiellen Moblisierung. Denn die meisten von uns können es sich nicht leisten, ohne einen Handy zu leben und ohne auf die eingehenen E-Mails in der schnellst möglichen Weise zu reagieren. Durch diese Medien ist unsere Präsenz vom Ort der Körper weitgehend unabhängig und mithin zur Realisierung des traditonellen Gottesprädikats der “Allgegenwart” geworden — was bedeutet, dass wir permanent durch eine virtuelle Unendlichkeit von potentiellen Gegenwarten gefordert und letztlich überfordert werden.

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Selbstredend ist diese Sequenz von sechs kurzen Intuitionen, Beobachtungen und Beschreibungsansätzen eine offene Reihe. Ebenso selbstverständlich und sichtbar ist meine [unsere zeitgenössische?] Unfähigkeit, in einer komplexeren Darstellung die verschiedenen Verbindungen und wechselseitigen Abhängigkeiten zwischen den genannten und vielfachen anderen Gegenwartssymptomen aufzudecken. Sie warten — als Wirklichkeit eines neuen Alltags und ebenso als aus der Distanz einsetzende Analyse — noch auf jene neuen Begriffe und Theorien, die hervorzutreten und sich zu artikulieren noch kaum Zeit hatten. Was unter all diesen Phänomenen Auslöser und was Auswirkung ist, was Grund und was Symptom, das bleibt vorerst unklar. Auch die Technologie und die Institutionen elektronischer Kommunikation sind wohl nicht der Ursprung, aus dem allein vielfältige Veränderungen hervorgegangen sein könnten und zur neuen Gegenwart geführt haben. Möglicherweise steht diese Theorie-Sperrigkeit der heutigen Welt in Zusammenhang mit dem eingangs erwähnten Verblassen der Ideologien.

Geblieben ist uns vorest ein permanenter existentieller und politischer Status des Überlebens. Wir kommen immer wieder in den nächsten Tag [und in das nächste Jahr] und versuchen, diese übergreifende Situation mittelfristig stabil zu halten. Am Horizont einer solchen essentiell prekaeren Lebensform entsteht die Sehnsucht nach Ordnung – oder wenigstens nach Strukturen der Ordnung, die nicht kontingent sein sollen. Das erklärt natürlich die sogenante “Renaissance” der Religiositiät, ihre alltagsvernünftige Plausibilität und ihre neue intellektuelle Würde. In kategoriale Ferne gerückt ist hingegen die Hoffung, dass man durch genaue Beobachtung der Vergangenheit Regelmäßigkeiten in den Tranformationen der Welt entdecken und auf ihrer Grundlage die Zukunft prognostizieren könnte.

Vielleicht gibt es eine Tages wenigstens überzeugende Erklärungen dafür, wie wir in dieser Gegenwart gelandet sind. Die Zukunft vorhersehen oder gar gestalten zu wollen, wirkt momentan bloß wie eine Tradition grotesker Selbstüberlastung. So wird deutlich, wie exzentrisch jene Strecke der Vergangenheit war, in der wir unter dem Horizont von “Geschichte” gerade an diese Möglichkeit glaubten. Oder sollte die Melancholie im Zentrum der Gegenwart am Ende nicht mehr – und nicht weniger — sein als die Stimmung meiner Generation, welche dabei ist, die Sorge um die Menschheit und ihr Schicksal der nächsten Generation zu überlassen.

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