Digital/Pausen

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Hans Ulrich Gumbrecht lehrt Literatur in Stanford und bedauert es, zu alt für eine Karriere-Chance als Trainer im American Football zu sein.

Geist der Software: an Insider’s View

Derzeit wird Silicon Valley vor allem mit politischen Übergriffen assoziiert -- und für sie verantwortlich gemacht. Aber sollten wir die Software-Industrie nicht eher als gegenwärtigen Ort des Weltgeists auffassen?

Zu fragen, wo der Geist in der Gegenwart angekommen ist und wo er — Widerspruch wie produktives Weiterdenken anregend – nun strahlt, anders formuliert: zu fragen, wo jedes Jetzt sein intellektuelles Zentrum hat, ist eine Übung mit langer Tradition, die im neunzehnten Jahrhundert (unter dem Einfluss von Hegels Geschichtphilosophie) fortdauernd klassischen Begriffe und Formen gefunden hat. Bis vor kurzem galt es für Geisteswissenschaftler und ihre wenigen Leser als ausgemacht, dass ernstzunehmende Antworten sich ausschließlich auf den Horizont ihrer eigenen Welt beziehen würden: den einen oder anderen Meisterdenker, die eine oder andere theoretische Position (zum Beispiel den Marxismus, den Strukturalismus oder die Dekonstruktion) wollte man mit einer Krone des Geistes auszeichnen (im selben Zusammenhang sprach die eher nüchterne anglo-amerikanische Geisteswelt vom „cutting edge“ als dem jeweils fortgeschrittensten intellektuellen Ort).

Die Temperatur solcher selbst-euphorisierenden Stimmungs-Hochs ist inzwischen deutlich gesunken, auch wenn wir angestellten akademischen Intellektuellen das nicht gerne zugeben. In der Nachbarschaft von Silicon Valley bin ich jedenfalls nicht alleine mit der – unseren Standes-Narzissmus ja durchaus kränkenden und bis vor kurzem ganz unvorstellbaren – Intuition, dass der Geist ausgewandert sein könnte in die unaufdringlich eleganten Gebäude und die dynamischen Kommunikationskanäle der Software-Firmen. Was dort intellektuell geleistet wird, ist auch für jene Kollegen nur schwer nachvollziehbar, die sich mit der Einführung elektronischer Technologie in die Geisteswissenschaften abmühen. Doch eine Ahnung von der Kraft jenes – ganz anderen — Denkens vermitteln uns ja schon seine allgegenwärtigen Auswirkungen, von der täglichen e-Mail über die Navigatoren in unseren Autos bis hin zur laufenden Verwirklichung (und schnellen Banalisierung) des eben noch für unmöglich Gehaltenen durch die je neuesten Apps.

Vor ein paar Wochen lernte ich bei einen Abendessen Frank Escobar kennen, dessen Freund mir über einige Jahre als Betreuer seiner Doktorarbeit (über die Literatur der französischen Renaissance) vertraut hatte. Wir alle tranken den ersten Schluck auf Franks fünf Jahres-Jubiläum als Software Ingenieur bei der Firma „Oracle,“ laut genug offenbar, um einen Anflug von Peinlichkeit bei ihm auszulösen. Doch im Lauf des Gesprächs war ich dann immer mehr beeindruckt von Franks eher lakonischen, aber immer im richtigen Momenten zündenden Bemerkungen zu allen möglichen Themen – so dass plötzlich der bis dahin eher spielerische und vor allem vage Gedanke an Silicon Valley (und Oracle zum Beispiel) als neues Haus des Geistes ganz konkret und greifbar wurde. Das war meine Chance, dachte ich, den Software-Geist “von innen” kennenzulernen – und die einsetzende Faszination war umso intensiver, da ich selbst vom “Programmieren” als Arbeit an der Elektronik überhaupt nichts verstehe. Meine Einladung an Frank zu noch einem Abendessen, jetzt zu zweit und mit all meinen Fragen über den Geist der Software, schien ihn erst wieder verlegen zu machen — oder untersagte der Vertrag mit seinem Arbeitgeber solche Gespräche?

Letzten Dienstag haben wir uns dann nahe beim Stanford Campus in einem japanischen Restaurant getroffen, das als Lieblingsrestaurant des legendären Steve Jobs eine besondere Aura in der Computerwelt hat, und seitdem weiß ich, wie Frank seine Arbeit erlebt. Nein, mit Mathematik im weitesten Sinn habe das Tagesgeschäft eines Software Ingenieurs längst nichts mehr zu tun, diese Phase sei nun schon immer eingearbeitet in die Computer und Computer-Sprachen, welche seine Instrumente sind. Es gehe darum, ein aus der Alltagswelt gegriffenes – und ihm mit seiner Arbeitsgruppe von der Firma zugewiesenes – Problem an den Computer in dessen eigener Sprache zu vermitteln; und zwar so, das diese Vermittlung eine Problemlösung seitens des Computers auslöst, welche die zentrale Stärke jedes Computers – “pattern recognition” nämlich – möglichst intensiv nutzt. “Improvisieren” oder vielleicht sogar “Tüfteln” wären wohl angemessene Worte aus der deutschen Alltagssprache (auf Englisch sagt man „tinkering“), um den Stil dieser Vermittlungsarbeit zu beschreiben. Denn Schritt für Schritt gebe es dafür keine übergreifend erfolgreichen Rezepte, erklärte Frank – so wie wir beide nach dem Essen Schritt für Schritt unseren Weg zwischen den eng gestellten Tischen des Restaurants zum Ausgang finden müssten. Anstrengend werde das schrittweise Denken erst am Ende des Arbeitsprozesses, wenn die vom Computer ermittelte Lösung mit anderer, bereits existierender Software kompatibel gemacht werden soll.

Was Frank aber als eigentliche intellektuelle Herausforderung ansieht, gehört zu einer ganz anderen Dimension, zur Dimension der immer schon unbegrenzten – und sich beständig vermehrenden – Verfahrens-Möglichkeiten der elektronischen Welt. Im Gegensatz zu klassischen Ingenieurs-Aufgaben, zur Weiterentwicklung eines Motors etwa, fallen die materiellen Kosten des Experimentierens mit Software nicht ins Gewicht. Hinzu kommt, dass sich bis heute – und ohne absehbares Ende – “Moore’s Law” von 1965, aus der Urzeit der Chip-Herstellung, bewahrheitet, nach dem die Rechenkapazität der Computer alle eineinhalb bis zwei Jahre um das Doppelte wächst. Am Beginn jedes Arbeitsprozesses muss deshalb eine Entscheidung über seinen spezifischen Ansatz und Ausgangspunkt stehen, welche sich aufgrund der unendlichen Vielfalt von immer schon bereitstehenden Möglichkeiten nicht logisch begründen lässt. Diesem Auftakt entspricht – für mich ganz überraschend – die Unmöglichkeit am Ende, einmal gefundene Lösungen in ihrer Effizienz zu vergleichen. Eine solche Überprüfung, sagt Frank, überschreite die derzeit bestehenden Grenzen der zur Verfügung stehenden Rechen-Kapazitäten – was bedeutet, dass seinem “Gefühl,” anders gesagt: seinem Urteil folgen muss, wer einen Software-Entwicklungsprozess für abgeschlossen erklärt. Das schrittweise Arbeiten der Software-Entwicklung scheint also von zwei Momenten des (weder induktiv noch deduktiv zu begründenden) Urteilens umrahmt – von Momenten des Urteilens und nicht etwa von Momenten der Beliebigkeit, denn die jeweils in einen Arbeitsgang investierte Zeit und der Markterfolg eines Produkts ermöglichen es ja durchaus, retrospektiv zwischen verschiedenen Qualitäts-Ebenen des Ingenieurs-Leistung zu unterscheiden.

Hier genau liegt die Schnittstelle zwischen der individuellen geistigen Arbeit und der Struktur der Arbeitsbedingungen in Silicon Valley, von denen seit einigen Jahren immer wieder die Rede ist. Gegen alle kritischen Gerüchte über jüngste interne Entwicklungen bestätigt Frank, Oracle bestehe weiter darauf, dass die Ingenieure etwa zwanzig Prozent ihrer Arbeitszeit in die Entwicklung eigener, nicht vorgegebener Produkt-Intuitionen investieren. Einziges objektives Problem: die Team-Arbeit als alles dominierender Rahmen der Produktion, welche problemlos Mit-Arbeiter in anderen Zeitzonen einschließt, lässt nicht allein alle Zeitpläne fließend erscheinen, sondern macht die Frage nach der Gesamtarbeitszeit unbeantwortbar, von der zwanzig Prozent abgezweigt werden sollen. Zwar existieren bei Oracle eine durchaus traditionelle Hierarchie von Stellen, mit ihnen verbundene Gehaltsentwicklungen und natürlich strikt leistungsorienterten Beförderungen, doch diese Strukturen seien nicht spürbar und auch tatsächlich irrelevant in den laufenden Gemeinschaftsprozessen der Software-Produktion. Eine Folge dieser flexiblen Strukturvoraussetzungen scheint in der Anonymisierung der Arbeit zu liegen. Hinzu kommt nach Frank in ganz Silicon Valley eine besondere Hochschätzung von Optimierungsleistungen — im Vergleich zur Diskontinuität der “Erfindungen,” an die ja unser traditioneller Genie-Begriff gebunden war. Der monumentale Anfangs-Erfolg von Search-Engines etwa habe nicht in ihrer Erfindung gelegen, sondern in der nachträglichen Steigerung ihrer Effizienz um den Faktor zehn.

Wenn ich nun versuche, als Profil nachzuzeichnen, was sich in dem Gespräch mit Frank als der Geist der Software und ihrer Ingenieure zeigte, dann tritt zuerst eine Kombination von schrittweiser Flexibilität des Denkens und punktueller Bereitschaft zum Urteilen in den Vordergrund. Dies sind zwei intellektuelle Operationsformen, über welche die Computer nicht verfügen — mit denen der Geist der Ingenieure verkoppelt ist. Beide Stärken schlagen nicht in der Form von individuellen Innovations-Leistungen zu Buch, sondern als Beiträge zu optimierungsorientierter Teamarbeit. Der Eindruck von Innovation entsteht dann offenbar eher — wie die Aura von “Apple” und die Figur von Steve Jobs belegen – dort, wo Software mit ihren immer wieder gesteigerten Fähigkeiten zu ganz neuen Situationen der Zuhandenheit von Welt ausgeprägt werden. In diesem Sinn sind der Apple-Screen etwa, die “Mouse,” iPhone und iPad, Facebook oder Twitter, Innovationen, welche wir mit Namen verbinden können (und die alle Schwellen-Ereignisse erinnern), auch wenn wir im Moment ihres Erscheinens zuerst immer wieder zögern, sie selbst “neu” und ihre Hersteller “Erfinder” zu nennen.

Doch in der Beschreibung der Software-Arbeit war das Gespräch mit Frank noch nicht ans Ende gekommen – durchaus zu meiner Überraschung. Es lang ihm sehr daran – beim Lavendel-Eis zum Nachtisch – noch über “Quantum Computers” zu sprechen, von denen ich blutiger Elektronik-Laie natürlich noch nie gehört hatte. Weltweit stellt bisher nur eine Firma Quantum Computers her, und “in Serie” sind sie noch nicht gegangen. Nur wenige Exemplare – in der Größe von Kleiderschränken und mit einem Betriebston, der wie unheimlich an den menschlichen Herzschlag erinnert – gibt es heute. Mit ihnen überbietet die Technik zum ersten Mal den Rhythmus von Moore’s Law, innerhalb dessen quantitative Steigerung von Software regelmäßig in die qualitative Differenz neuer Funktionen umgeschlagen war. Die entscheidende qualitative Innovation der Quantum Computer-Hardware liegt offenbar in einem Chip-Design, welches dessen traditionell binäre Struktur um ein drittes Zwischen-Stadium erweitert (darin vollzieht sich eine Annäherung an die Funktionsstruktur unseres Bewusstseins). Hersteller und Nutzer verbinden Quantum-Computers deshalb mit kurzfristigen Prognosen von drei neuen Leistungen, welche die bis heute realistisch scheinenden Grenzen des menschlichen Denkens entschieden überschreiten würden (aber zugleich als Begriffe des Unmöglichen aus der Geschichte der Philosophie eigenartig vertraut sind): Quantum Computers sollen die Entdeckung menschenähnlichen Denkens im Universum ermöglichen; die Erschließung mehrfacher paralleler Universen (bezeichnenderweise ist diese Pluaralform vom Duden nicht vorgesehen); und die künstliche Produktion sowie die Steigerung des menschlichen Denkens.

Dieser dreifache Traum (und wieviele technologischen Träume der Vergangenheit sind nicht in den letzten Jahrzehnten unversehens Wirklichkeit geworden?), dieser Traum von den Quantum-Computers markiert vielleicht jenen Schritt des Denkens, mit dem der in Silicon Valley angekommene Geist der Software selbstreflexiv wird, weil er sich durch den Umweg (den dialektischen Schritt?) neuer Hardware selbst überbieten will. Eine solche Interpretation der Quantum-Computers im klassisch-philosophischen Denkstil scheint zu erklären, warum Frank Escobar bewegt, ja wirklich glücklich klingt, wenn er von den Rechenmaschinen der nächsten Zukunft spricht.