Digital/Pausen

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Hans Ulrich Gumbrecht lehrt Literatur in Stanford und bedauert es, zu alt für eine Karriere-Chance als Trainer im American Football zu sein.

Wo liegt der „Abgrund“ des Denkens?

Wie kann man eine eine Lanze für das Denken in einer Gegenwart brechen, die immer mehr (und lieber) Maschinen denken lässt? Es geht darum, seine uns in Angst und Schauder versetzenden Abgründe neu zu entdecken!

Es gibt Fragen, die auf den ersten Blick naturwissenschaftlich aussehen und also positive Antworten versprechen, um dann in die Dimension der Philosophie oder gar der Theologie zu kippen und sich am Ende als mythographische Impulse zu erweisen. Nicht selten hört man etwa die beiläufig geäußerte Vermutung, dass unser Planet zusammen mit dem Sonnensystem und der Milchstraße als seinen Kontexten “an der Peripherie des Universums” liegen soll. In einem solchen Satz wiederholt sich eine heute als sympathisch geltende anti-anthropozentrische Geste, welche nachvollzieht, wer immer daran erinnert, dass wir nicht viele Gründe haben, die Menschheit für die Krone oder das Zentrum des Lebens auf der Erde zu halten. Wieviel vermessener wäre es also, unserem Planeten eine besondere Stellung im Universum zuzuweisen! Doch bei aller politisch-korrekten Sympathie haben Verweise auf die Exzentrizität der Milchstraße im Universum einen prekären Status. Denn sie setzen voraus, dass das Universum eine geschlossene räumliche Struktur hat, was die Existenz eines Außens zum Universum voraussetzt. Sollte es aber kein Außen zum Universum geben (was für viele ernst zu nehmende Astrophysiker als eine Prämisse ihrer Arbeit gilt), dann wäre das Universum einfach alles, was der Fall ist, hätte keine geschlossene Raumstruktur (durch die es sich von irgendetwas anderem abgrenzt) und könnte folglich keinem der partikularen Gegenstände, die zu ihm gehören, einen – zum Beispiel exzentrischen oder auch zentralen — Ort zuweisen.

Dass sich die Existenz eines Außen zum Universum mit dem menschlichen Intelligenzapparat noch nicht hat nachweisen lassen, bedeutet keinesfalls, dass ein solches Außen undenkbar ist. Aber wie kann man sich ein Außen des Universums vorstellen.? Sollte es ein räumliches Außen sein, welches dann unserem Universum wohl eine finite Struktur gäbe, so müsste dieses Außen ein anderes Universum oder eine Pluralität anderer Universen sein, die entweder jenen Gesetzen gehorchten, welche die Menschen für das eigene Universum ausgemacht haben oder sich in Regelmäßigkeiten begründeten, die wahrscheinlich jenseits unserer Vorstellungskraft lägen. All dies sind, ob sie nun naturwissenschaftlich und naturphilosophisch kompetent oder inkompetent sind, Gedanken, die in unseren Köpfen einen kurzen Schwindel auslösen mögen – aber keine Angst. Sie führen uns nicht an einen Abgrund, nicht in intellektuelle Situationen, wo unser Denken etwas zu verlieren hätte. Vielleicht sind Spekulation über über die innere Struktur und vor allem über das mögliche Außen des Universums ein Funktionsäquivalent von Religion in einer Gegenwart, wo Religion selbst in vielen Gesellschaften populär geblieben, aber zu einer Unendlichkeit “individueller Beziehungen mit einem persönlichen Gott” geworden ist. Die Frage nach einem Außen des Universum hingegen mag zwar individuell eher mehr oder eher weniger interessieren, aber sie hat über-individuelle Objektivität, die wie ein grundlegender Horizont existentieller Sicherheit wirken kann.

Die psychischen Tonalitäten, in denen wir auf solche Spekulationen reagieren bewegen sich – ganz ähnlich wie bei vormoderner Religiosität – zwischen Furcht und Erhabenheit. Entfernte Galaxien (oder gar Universen außerhalb unseres Universums) könnten Lebewesen enthalten, die uns Menschen überlegen sind und deshalb zu einem Objekt der Furcht werden (einer Furcht, mit der modern Mythen wie “Stars Wars” spielen). Zugleich kann die unvermeidlich vage Vorstellung von der Komplexität des einen Universums oder der vielen Universen einen Schauder der Bewunderung auslösen, dessen Gegenstand wir “erhaben” nennen. Solche Furcht und solche Bewunderung schließen sich, wie der positive Gebrauch des Begriffs “Gottesfurcht” zeigt, einander nicht aus.

Hier liegt jedenfalls nicht der “Abgrund,” von dem Denker wie Friedrich Hölderlin oder Karl Jaspers geschrieben haben. Der Eindruck eines Abgrunds entsteht erst und vor allem, wenn unsere Vorstellung das Sein mit Nicht-Sein umgibt. Dabei entsteht Angst, Angst als negatives Erregtsein ohne Bezugspunkt — weil das Nichts als bloße Abwesenheit von Sein ja nicht zu einem (“intentionalen”) Gegenstand unseres Bewußtseins werden kann, gegen den wir uns (in unserer Imagination zumindest) schützen oder dem wir entrinnen können. Das angstauslösende Nichts aber kann uns in verschiedenen Dimensionen erscheinen. Vielleicht gehört zu diesem Dimensionnen (aufgrund einer mittlerweile vollzogenen historischen Veränderung) heute nicht mehr, was über das ganze neunzehnte und bis ins zwanzigste Jahrhundert immer wieder “Nihilismus” genannt wurde – und als ein Abgrund erlebt wurde. Die Angst vor dem “Nihlismus” bezog sich auf eine Welt ohne inhärente substantielle Werte, auf eine Welt, die zum Gegenstand des freien Spiels menschlicher Interpretationen und Wertsetzungen geworden war, eine Welt, deren frühe Prototypen man in der Philosophiegeschichte “idealistisch” nennt (tatsächlich wurden die Philosophen des deutschen Idealismus von vielen ihrer Zeitgenossen als “Nihilisten” verurteilt) — und deren nicht selten intellektuell etwas heruntergekommene Spätformen bis heute “Konstruktivismus” heißen.

Obwohl es also tatsächlich Dokumente gibt, welche uns ahnen lassen, dass die “Entdeckung” jener Welt ohne substantielle Orientierung als ein Abgrund des Denkens erlebt wurde, war ihr Bestehen dann seit der Mitte des vergangenen Jahrhunderts (seit dem “Exstentialismus” jener Zeit) schnell zu einer nicht mehr abgründigen Prämisse des Alltags avanciert. Mindestens drei andere Denk-Modalitäten des Nichts haben sich dagegen als existentielle Herausforderungen gehalten – und gehören wohl gerade deswegen nicht zu den Hits der heute praktizierten Philosophie. An erster – und am deutlichsten mit dem individuellen Erleben verbundener – Stelle ist in diesem Zusammenhang das von Martin Heidegger in “Sein und Zeit” sehr eindringlich entwickelte Motiv von der angstauslösenden Jemeinigkeit des Todes zu nennen. Das ist der für unser individuelles Bewußtsein – möglicherweise aufgrund seiner eigenen zeitlichen Struktur, welche auf beständige Fortsetzung setzt – das ist der für unser Bewusstsein nur gegen einen inneren Widerstand nachvollziehbare Gedanke, eines zukünftigen Tages zu einem absoluten Ende seiner selbst zu kommen, zu einem Ende und Abgrund, der alle Projektionen über diesen eigenen Tod hinaus (Nachruhm, Weiterleben in Nachfahren oder Investitionen) im wörtlichen Sinn nichtig macht. Per Selbst-Experiment läßt sich nachvollziehen, wie schwer es ist, diesen Gedanken an den Tod als das Ende des eigenen Bewußtseins zu fassen — und auszuhalten.

Auf einer anderen Ebene und unter einer anderen (nicht auschließlich zukunftsbezogenen) Zeitlichkeits-Perspektive gehört zu dieser Dimension existentieller Abgründigkeit – zweitens – der Gedanke, dass die Emergenz des menschlichen Bewusstseins und der Menschheit innerhalb unseres Universums (oder innerhalb multipler Universen) ein statistisch höchst unwahrscheinlicher Zufall gewesen sein könnte, für dessen Aussichten auf Permanenz es keine starken Gründe und schon gar keine Garantie gibt. Beschädigt wird von dieser zweiten verbleibenden Dimension des Denkens am Abgrund die unseren Alltag stets begleitende Prämisse, dass eine Äquivalenzbeziehung bestehe zwischen unseren geistigen Fähigkeiten und den Herausforderungen, auf die wir treffen. Sich einzugestehen, dass es Probleme geben könnte, die wir – im Sinne unseres Überlebens als Gattung—zu lösen imstande sein sollten, aber nicht wirklich lösen können, fällt uns schwer und wird oft als narzisstische Kränkung erlebt.

Der – sozusagen – “unüberbietbar tiefe” existentielle Abgrund aber ist der Gedanke des absoluten Nichts. Es ist nicht der Gedanke an ein Nichts als Potential, aus dem – mit oder ohne Intervention irgendeines Weltschöpfers — das Sein emergiert sein könnte, sondern der viel härtere Gedanke, dass das Sein nicht sein könnte, so grundlegend, so voraussetzungs- und folgenlos nicht sein könnte, dass dieses Nicht-Sein auch nicht von irgendeiner Instanz als Abwesenheit oder als Stille erfasst würde. Auf dieser und den beiden zuvor erwähnten Ebenen – der Ebene der Jemeinigkeit der Todes und der Ebene der zufälligen Emergenz der Menschheit — kommt das Denken an seinen Abgrund, weil es sich Vorstellungen der eigenen Nicht-Existenz zumutet, die dem Denken unfassbar ist, weil ja selbst der Gedanke an ein Universum ohne Menschen und mithin ohne Denken noch die Form eines menschlichen Gedankens haben muss. Das absolute Nichts aber haette keinen Gedanken von sich selbst. Deshalb erscheint es als der “unüberbietbar tiefe” Abgrund unseres Denkens.

Wenn aber das (für uns mit den beschriebenen Widerständen vorstellbare) absolute Nichts ganz offenbar nicht eingetreten ist und wenn man eine (am Ende unvermeidlich theologische) Sicht des Nichts als Potential des Seins ausschließen will, dann wird die Existenz von Sein, die Existenz eines Universums oder vielfältiger Universen alternativenlos. Anders und säkular formuliert: wir kommen so bei dem Gedanken an, das Sein könne (müsse?) ewigen Bestand haben, das heisst: in der Grundsätzlichkeit seiner Existenz keinen zeiitlichen Veränderungen unterworfen sein. Erstaunlicherweise scheint also vom absoluten Abgrund des Denkens ein Weg zum Denken einer erhabenen Ewigkeit zu führen. Könnte dies der Bonus eines Denk-Stils sein, der sich selbst in der Nähe seiner Abgründe strikt säkular zu halten versucht – strikt säkular gegenüber den Möglichkeiten (oder den Versuchungen), eine von einem Gott erfüllte Transzendenz anzunehmen?

Ein typischer analytischer Philosoph unserer Zeit würde spätestens an dieser Stelle – und intellektuell “viel dietätischer” – einwenden, dass dieses allzu vollmundige Gespräch entlang der Abgründe des Denkens erst gar nicht beginnen müsste, wer sich von sprachlogisch inakzeptablen Prädikaten wie dem “Nichts” fernhält. Für welche Art von Säkularität man optiert, für die hier praktizierte existential-ontologische oder für die sprachlogische des analytischen Philosophen, ist wohl vor allem eine Frage des Temperaments. Wer sich für einen Blick in die Abgründe des Denkens entscheidet, der gewinnt eine Angst-Intensität, die uns wach (und so am Leben) halten kann.