Digital/Pausen

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Hans Ulrich Gumbrecht lehrt Literatur in Stanford und bedauert es, zu alt für eine Karriere-Chance als Trainer im American Football zu sein.

Plädoyer für einen gerechten Krieg

Vor etwas mehr als hundert Jahren zogen Millionen junger Europäer mit opferbereitem Enthusiasmus in einen Weltkrieg. Solche Begeisterung ist uns nicht mehr nachvollziehbar. Gilt das auch für die Rede vom "gerechten Krieg"?

Man könne von außen – neben so viel anderem Kritikwürdigen — nur mit empörtem Staunen zur Kenntnis nehmen, wie sich “die Vereinigten Staaten immer wieder auf international illegale Kriege einlassen.” Vorwurfsvoll und auch etwas schadenfroh an den in Deutschland geborenen amerikanischen Patrioten gerichtet, der vom Land seiner existentiellen Wahl ja nicht einmal als “Vaterland” sprechen kann, höre ich diesen Satz immer wieder, vor allem von deutschen Freunden. Als Geste der Selbstgeißelung ist er mir übrigens ähnlich vertraut von amerikanischen “Liberals” (in Deutschland würden sie sich eher “Linke” nennen).

Einmal abgesehen davon, dass ich hinsichtlich der politischen Legitimität einzelner Militär-Interventionen mit solchen Gesprächseröffnungen oft nicht einverstanden bin (was mir möglicherweise peinlich sein sollte), wittere ich in ihrem Kern- und Standard-Satz eine Tautologie. Brechen nicht alle Kriege irgendeine Rechtsordnung, und sind sie deshalb nicht alle “illegal” zu nennen – selbst wenn sie von einem Gremium wie den Vereinten Nationen per Mehrheitsvotum gebilligt wurden? Legalität und Krieg gehören zu unvereinbaren Dimensionen der Welt und des Lebens. Auch dass der Angreifer dem angegriffenen Land feierlich “den Krieg erklären” soll, wie heute mit eigenartiger Beharrlichkeit gefordert wird, hilft da nicht. Das wäre eine Geste der Fairness, die einem Tennisspieler vor dem Aufschlag gut ansteht, während sie im Kriegsfall als Verzicht auf einen möglichen strategischen Vorteil den eigenen Soldaten kaum zuzumuten ist.

Doch was kann der Rechtsbruch sein, der Rechtsbruch, der in jedem Krieg vollzogen wird, der Rechtspruch auch, der die Rede vom “legalen” Krieg prinzipiell unmöglich macht? Krieg ist immer und notwendig ein Rechtsbruch aus der Perspektive der angegriffenen Nation, die — ohne sich im wörtlichen Sinn aufzugeben — einer Situation nicht beistimmen kann, wo Teile ihres Territoriums von Soldaten einer anderen Nation eingenommen und kontrolliert werden. Genau in diesem Sinn ist der Fall eines universal “legalen” Krieges logisch ausgeschlossen; aus demselben Grund sind aber auch die Fälle sehr selten, wo multinationale politische Institutionen dem einen oder anderen Krieg – entgegen dem Recht des angegriffenen Landes – ihren Segen geben; und selbst wo dieser Segen erstattet wird, steht er sofort und unvermeidlich im Verdacht, das Werk einer politischen Lobby zu sein — und nicht Ausdruck universaler Gerechtigkeit. “Illegal,” könnte man also sagen, scheint immer nur der Krieg der anderen zu sein, der Krieg, mit dem man nicht einverstanden ist (so wie es in Frankreich ironisch heißt, schlechter Geschmack sei “immer der Geschmack der anderen”).

Dass freilich diese Spannung und der implizite Widerspruch im Begriff vom “legalen Krieg” überhaupt hervortreten (und als ihre Grundlage die Vorstellung von den Reaktionen eines potentiellen Feindes), gehört zur kurzen Geschichte jener multiperspektivischen Welt, die heute “global” heißt. Die Sichtweise des jeweils „Anderen“ vorstellen zu können, ja zu müssen, scheint im vergangenen Jahrhundert nicht nur möglich, sondern unvermeidlich geworden zu sein. Darin liegt der Grund für das Bedürfnis nach einem international “legalen” Krieg und zugleich die Evidenz seiner Unmöglichkeit (denn erst aus einer Aufspaltung der Erfahrungen ergibt sich der Wunsch nach übergreifenden Kriterien ihrer Bewertung) — so wie institutionell aus der multiperspektivischen Welt zunächst der Völkerbund und dann die Vereinten Nationen in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahhrunderts hervorgegangen waren.

Doch die (andere) Sehnsucht, die Sehnsucht nach der Möglichkeit eines “gerechten Krieges,” welche in einer vormodernen Welt so selbstverständlich und so wichtig war, kann die globale Welt weder erfüllen noch aufheben, und damit verschiebt sich die Diskussion vom Horizont des Rechts zum Horizont der Moral. Nach meinem Vorab-Eindruck würden die meisten Europäer (wie die allermeisten Bürger der Vereinigten Staaten) positiv antworten auf die Frage, ob es einen gerechten Krieg geben kann. Doch anders als in Amerika ist – mit Ausnahme der Situation eines aufgezwungenen Verteidigungskriegs (und nicht einmal für einen solchen Fall bin ich mir ganz gewiss) – anders in Amerika ist nur schwer vorzustellen, dass eine Mehrzahl von Europäern des einunzwanzigsten Jahrhunderts irgendeinen Angriffskrieg für gerecht halten könnten, was auf einen de facto-Pazifismus hinausläuft.

Spielen wir einen historischen Fall durch – etwa den zweiten Irak-Krieg (unter Ausblendung seiner tatsächlich katastrophal unzureichenden politischen Nachbereitung). Deutlich wurde damals zunächst (und ohne große Überraschung), dass jegliche Begründung eines militärischen Angriffs aus der wirtschaftlichen oder politischen Interessen-Perspektive der Vereinigten Staaten (oder eines anderen Staats) heute international als inakzeptabel gilt. Das einzig akzeptable Argument wäre „humanitär“ gewesen, hätte also ausschließlich bei den Interessen einer Mehrzahl von Irakern ansetzen müssen, deren Menschenrechte von ihrer damals herrschenden Regierung systematisch und zynisch ignoriert wurden (mir ist vor allem die ebenso groteske wie horrende Praxis eines Saddam Hussein-Sohns im Gedächtnis geblieben, die gesamte irakische Fußballnationschaft nach nicht gewonnenen Heimspielen mit Elektroschocks zu “behandeln”).

Man reagiert heute im kulturellen Westen, zumal in Europa und ganz anders als im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert (über jene Absenz gibt es historisch berühmte Klagen), empathisch auf das individuelle und kollektive Leiden in fremden Völkern oder Gesellschaften. Und zwar mit einer Intensität, welche Nicht-Interventionen der militärisch stärksten und kompetentesten Mächte zugunsten der Bedrohten den Status von „moralischen Verfehlungen“ zu geben. Andererseits gehört zum Polyperpektismus, wie er sich aus der globalisierten Weltsituation entwickelt hat, auch die Einsicht, dass alle militärisch-präventiven Eingriffe – “trotz” ihrer humanitären Motivation sozusagen — Todesopfer fordern. Dabei geht es nicht mehr allein (und wohl nicht einmal mehr primär) um die eigene Seite, sondern auch um die (früher kaum erfasste) Zahl der Todesopfer innerhalb jener Bevölkerung, die befreit werden soll – und sogar um die Todesopfer bei den Unterdrückern. Über den Polyperspektivismus hinausgehende Argumente gegen jeglichen — auch gegen einen humanitär motivierten – Krieg, die mittlerweile (in Europa vor allem) ja meist die Oberhand behalten, müssen genau hier ansetzen. Nicht selten werden sie ja assoziiert mit dem – aus meiner Sicht – hoch problematischen “mulitkulturellen” Vorbehalt, dass etwa aus irakischer Perspektive die Übergriffe des Saddam Hussein-Regimes einen anderen Stellenwert gehabt hätten als in der Reaktion des Westens – was natürlich darauf herauslaufen muss, dass keine humanitär motivierte Intervention ihre Berechtigung durchhalten kann.

Jedenfalls sollte deutllich geworden sein, warum in der gegenwärtigen Weltsituation jeder Impuls, auch jeder humanitäre Impuls hin zu einer militärischen Intervention vielfache Reaktionen der Ablehnung heraufbeschwören wird. Die Möglichkeit, einem Krieg unter gegenwärtigen Bedingungen als “gerechtem Krieg” beistimmen zu können, rückt also mit jedem Schritt der einschlägigen Überlegung in weitere Ferne. Zur globalen Polyperspektivik und der Empathie mit den Opfern auf Seiten der Feinde kommt die – seit der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts, seit Hiroschima und Nagasaki – geahnte und gewiss berechtigte Befürchtung, dass der Beginn eines mit nuklearen Waffen geführten Kriegs leicht zum Anfang eines dann irreversibel schnellen Endes von allem Leben auf unserem Planeten führen könnte. Kein noch so hehres Ziel einer militärischen Aktion ist denkbar, welches dieses Risiko annehmbar machen könnte — und über mehr als ein halbes Jahrhunderts hat ja dann auch die Sorge um eine begrenzte und symmetrische Verteilung nuklearer Waffen jene Gefahr auf Distanz gehalten.

Die von den Nuklearmächten geteilte und bis heute beachtete Prämisse ist aber auch unter manchen Intellektuellen zur Voraussetzung einer eigentümlichen, halb eingestanden neuen Akzeptanz des Krieges geworden. Natürlich beziehe ich mich auf die sogenannten “asymmetrischen Kriege” zwischen militärischen Supermächten einerseits – und zugleich lokal wie global aus dem Untergrund schießenden Instanzen wie den Taliban oder Al-Quaida. Sie mit dem vollen Einsatz zur Verfügung stehender Militär-Technik zu bekämpfen, würde gewisse Risiken einer nuklearen Katastrophe eröffnen. Hinzu kommt die seit dem achtzehnten Jahrhundert zu einer gefährlichen Obsession angeschwollene Gewohnheit, der schwächeren Seite in einer Konfrontation (zumal in einer militäerisch-asymmetrischen Konfrontation) einen moralischen Bonus einzuräumen. Der Staat Israel steht in diesem Sinn unter unerhörten Druck, und ich habe den Eindruck, dass die Dämonisierung der Drohnen-Technologie als einer “leisen,” “heimtückischen” Waffe genau dieser Logik folgt (nach der dann auch in den Sirenen, mit welchen die Nazi-Luftwaffe ihre Sturzkampfbomber ausgestattet hatte, ein moralisches Verdienst gelegen sein müsste).

Immerhin bin ich optimistisch genug zu hoffen, dass niemand im Ernst versuchen möchte, den Krieg von Al-Quaida als einen – in und trotz aller global-polyperspektivischen Brechungen – gerechten Krieg herauszustellen. Eher gehört den Unterlegenen in Situationen der Asymmetrie eine (wie immer problematische) Robin Hood-Sympathie. Doch warum, frage ich mich ein (vorerst) letztes Mal, liegt uns in dieser zur Hyper-Moralisierung neigenden Zeit nicht so viel mehr daran, die Denk-Möglichkeit eines gerechten Krieges zu erhalten – oder wiederzufinden? Ein radikaler Pazifismus, der wie eine alle moralischen Risiken eliminierende Lösung erscheinen will, jener Pazifismus, welcher den Verlust der eigenen Freiheit als Preis für die Vermeidung eines Kriegs hinnehmen würde, ist keine wirkliche Alternative. Was wäre denn – natürlich hat das Beispiel keinerlei realistische Grundlage – was wäre, wenn eine ungarische Regierung begänne, das Leben aller auf ungarischem Territorium lebenden Zigeuner auszulöschen? Würden die anderen Länder der europäischen Union dann vor einer Invasion zurückschrecken — nachdem alle anderen Möglichkeiten der Einflussnahme gescheitert wären? Könnte es irgendeinen Blickwinkel geben, unter dem eine solche Intervention nicht gerecht wäre?

Ins Historische gewendet: wer möchte der militärischen Intervention der Vereinigten Staaten auf den europäischen Schauplätzen des Zweiten Weltkriegs das Prädikat eines “gerechten Krieges” absprechen (selbst wenn als erwiesen gelten könnte, dass Amerika spezifische nationale Interessen verfolgte)? Es ist gefährlich, meine ich, ausschließlich einen Begriff vom “ewigen Frieden” zu kultivieren — und als Kriterium eigener Praxis hochzuhalten. Was ein “gerechter Krieg” sein könnte, scheint heute zwar auf abstrakter Ebene und unter globaler Polyperspektivik kaum ausformulierbar – doch die Überzeugung, dass es ihn geben können muss, ist ein ermutigender – und notwendiger – Selbstanspruch, der wir nicht vergessen sollten, ohne das Maximum in seine Erfüllung investiert zu haben.