Digital/Pausen

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Hans Ulrich Gumbrecht lehrt Literatur in Stanford und bedauert es, zu alt für eine Karriere-Chance als Trainer im American Football zu sein.

Was Deutschland so anders macht, oder: Dr. Klöbners „Herkunftsabhängigkeit“

In keiner vergleichbaren Gesellschaft der Gegenwart reproduzieren sich Eliten so zuverlässig und so selbstverständlich wie in Deutschland. Doch muss diese Tatsache Anlass für düstere Prognosen sein?

Manchmal sollte man mit einer Anekdote anfangen, um soziologischen Tiefst-Sinn zu vermeiden. Stellen Sie sich also einen akzentfrei deutsch sprechenden Amerikaner vor, der Angestellter einer angesehen Universität in seinem Land ist und als Stammgast an der Rezeption eines klassischen Berliner Hotels immer wieder gegen seinen Willen mit “Herr Professor” angeredet wird — hartnäckiger noch, als es vor einer Generation der Fall gewesen wäre, weil die einschlägige Software nur sehr schleppend beginnt, etwas soziale Sensibilität zu entwickeln. Bevor der höflich-bescheidene Widerstand des Gasts vom Rezeptions-Personal endgültig gebrochen wird, unternimmt er eines Dezemberabends den letzten Aufklärungs-Versuch. Ja, er sei Professor von Beruf, doch andere Berufsbezeichnungen – wie “Frau Zahnarzt,” “Herr Fußballprofi” oder “Herr Metzgermeister” – würde man ja auch nicht an der Rezeption erwähnen. “Aber Sie haben sich das Recht erworben, Professor genannt zu werden.” Endlich resigniert der Gast und geht zu milder Ironie über. Er sei doch gar nicht Professor an einer deutschen, sondern bloß an einer amerikanischen Universität, sagt er – und ahnt noch nicht, dass dies genau die magischen Worte der Problemlösung waren. “Ach so, dann Entschuldigung, das wusste ich wirklich nicht,” antwortet trocken der gutaussehende Rezeptions-Angestellte und löscht (für immer) die Berufsbezeichnung im Gäste-Profil.

An Diederich Heßling erinnert mich diese Geschichte, an den Klopapierfabrikanten und wilhelminischen “Untertanen” aus Heinrich Manns Roman. Zutiefst erniedrigt von einem Offizier, der seine Schwester geschwängert hat, konstatiert Heßling doch voller Genugtuung: “aber den preußischen Leutant, den macht uns keiner nach.” Dass “den Deutschen niemand ihren Professor nachmachen kann,” hatte wohl – ohne Schwangerschaft allerdings und ohne böse Absicht, moeglicherweise aber mit dem Lateralschaden der Irritation eines Stammgasts – der beflissene Berliner Rezeptionsangestellte vorausgesetzt. Einem ebenso außenstehenden wie ausländischen Beobachter mag der weiterführende Kommentar einfallen, dass “den Deutschen auch niemand ihr Hotel-Rezeptionspersonal nachmachen kann.” Aber was ist denn wirklich so deutsch an dieser Geschichte — und an den literarischen Assoziationenen, die sie weckt? Jürgen Kaube würde ohne Zögern – und gewiss zutreffend — antworten, das typisch Deutsche hier sei die peinliche Betroffenheit, welche solche Anekdoten allein bei Deutschen auslösen. Doch ich möchte auf etwas anderes, soziologisch wohl nicht weniger Zentrales hinaus.

Diederich Heßling, ebenso wie der von ihm bewunderte preußische Leutnant und der Berliner Rezeptionsangestellte sind – zu ganz verschiedenen Zeiten – Agenten einer Gesellschaft gewesen, die erstaunlich hierarchisch und beim Festhalten an ihren Hierarchien noch erstaunlicher bewahrend geblieben ist. Weil wir schon bei der Hotelbranche sind, will ich auch an Dr. Klöbner erinnern, den vielleicht berühmtesten unter Loriots Knollennasenmännern, wie er während der legendären Hotelbadewannen-Konversation mit Herrn Müller-Lüdenscheidt bei aller Nacktheit an seinem Doktortitel festhält. Wer denkt, dass in all diesen Anekdoten und Witzeleien nicht mehr zum Ausdruck kommt als ein nationaler Hang zum Kollektiv-Masochismus, der muss sich eine Belehrung in trockenen Zahlen aus empirischen Untersuchungen gefallen lassen. In keinem wirtschaftlich und bildungsgeschichtlich vergleichbaren Land reproduzieren sich die akademischen Eliten (trotz des über dieses Wort verhängten Tabus) so sichtbar und permanent wie in Deutschland. Einundziebzig Prozent der Kinder aus Akademiker-Familien beenden ihre Ausbildung mit einem Universtätsabschluss, während es nur vierundzwanzig Prozent der Kinder von Eltern ohne Universitätsabschluss gelingt, selbst Akademiker zu werden. Für ebenso bemerkenswert halte ich die Beobachtung, dass allein in Deutschland Akademikerkinder eher hinter dem von ihren Eltern erreichten Ausbildungsniveau zurückbleiben als die Leistungen der vorausgehenden Generation zu überbieten.

Bildungs-Ökonomen, Bildungs-Forscher und gelegentlich sogar Bildungs-Politiker im Land haben diese seit langem bekannten und sich kaum verändernden Untersuchungsergebnisse gewiss hinreichend kommentiert und interpretiert, um sie sowohl in plausible Diagnosen (mit Therapie-Vorschlägen) als auch düstere Prognosen zu übersetzen – unter Leitbegriffen wie “Herkunftsabhängigkeit” oder “Kooptationseliten,” die selbst schon einen Sketch des nächsten Loriot verdienten. Die Standard-Diagnose (mit ihrem implizitem Therapie-Vorschlag) macht darauf aufmerksam, dass allein in Deutschland von Eltern mehr private Mittel in die Vor- und Grundschulausbildung investiert werden als in Universitätsstudien. Erhebliche Kindergarten-Kosten akzeptieren die deutsche Mutter und der deutsche Vater offenbar mit viel weniger Murren als Gebühren für die Universität – was natürlich bedeutet, dass Unterschiede des Bildungsniveaus über Einkommensunterschiede als ihre Funktion denkbar früh an die nächste Generation weitergegeben werden. So weit – so schlecht.

Etwas mehr Skepsis verdienen aber vielleicht die mit diesen Zahlen und Strukturbeschreibungen immer wieder verbundenen, ohne Ausnahme höchst pessimistischen Prognosen. Denn müssen die Untersuchungsergebnisse mit Notwendigkeit bedeuten, dass die deutschen “Oberschichten” Möglichkeiten des sozialen Aufstiegs blockieren? Dass etwa deutsche Professoren im Vorruhestandsalter Töchtern von Kollegen bevorzugt die Chance der Habilitation eröffnen? Sind all die erschreckenden und warnenden Bilder von Bildungsnotständen der Zukunft wirklich überzeugend — wenn man in Rechnung stellt, dass die deutsche Gesellschaft nun schon über ein gutes halbes Jahrhundert – seit den Wirtschaftswunderzeiten der alten Bundesrepublik – ihre Hierarchien reproduziert und doch zur führenden, export- und innovationsstarken Wirtschaftsmacht (mindestens) in Europa geworden ist?

Wie wäre es mit der folgenden These – die zu keiner soziolologischen oder wirtschaftswissenschaftlichen Rationalität passt, aber vielleicht zur deutschen Alltagswirklichkeit? Im Vergleich zu vielen anderen mittel- und westeuropäischen Ländern (Frankreich und England vor allem, aber auch Italien, Spanien oder Portugal) haben sich seit dem neunzehnten Jahrhundert – aufgrund spezifischer historischer Bedingungen – in Deutschland nur schmale und in ihrer Symbolwirkung wenig eindrucksvolle Oberschichten entwickelt. Vor allem jene ganz neuen “Eliten,” die nach den beiden Weltkriegen entstanden waren, konnten sich zurecht für Meritokratien halten – und sahen es als ihr demokratisches Recht an, den eigenen Status und den eigenen Reichtum an die nächste Generation weiterzugeben. Zugleich aber sind in Deutschland zum Beispiel Handwerks- und Familienbetriebe (längst einschließlich deutsch-türkischer Familenbetriebe) besonders gut damit gefahren, ihren sozialen und wirtschaftlichen Status zu konsolidieren, statt nach Aufstieg zu streben. Ist Deutschland also jene Gesellschaft, der die intensive Motivation zur Mobilität fehlt – weil ihre stabilen Hierarchien sich nun schon so lange bewährt haben? Und könnte solche – kaum programmatische – Bescheidung sogar ein nie genannter Grund für die Erfolge der deutschen Wirtschaft sein?

Nach kaum vermeidlichen Einstiegsproblemen kommen ja auch Herr Müller-Lüdenscheidt und Herr Dr. Klöbner in ihrer Badewanne einem beiderseits tragbaren Konsensus sehr nahe, und dabei steht der akademische Titel so wenig im Wege, wie die Aufsichtsratsgattin je den Schulfreund “mit kroatischem Migrationshintergrund” von einer Geburtstagsparty ihrer Tochter ausschlösse. Sollte vielleicht Langeweile — eher als Stagnation oder gar wirtschaftlicher Rückschritt – der Preis sein, welcher an die Stabilität einer offenbar produktiven gesellschaftlichen Hierarchie gebunden ist? Stellen Sie sich vor, die Förderung der je Begabtesten aus der nächsten Generation wäre eines jener Spiele, bei denen man – aus Distanz oder Nähe – Geld auf seine Favoriten setzt. Unter deutschen Bedingungen würden pflichtbewußte Eltern in der Vorrunde bescheidene Beträge auf ihren eigenen Nachwuchs wetten – um sich dann mit der Weisung zu verabschieden, dass die Roulette-Bank (der “Staat” oder der sprichwörtliche “Steuerzahler”) allen Teilnehmern am universitären Endspiel die gleiche Anzahl von Chips zu Verfügung stellen soll. Die besten Universitäten in der Vereinigten Staaten hingegen setzen eine gute Viertel Million Dollar auf all jene Siebzehn- oder Achtzehnjährigen, die sie zum Studium zulassen, obwohl ihren Familien Studiengebühren nicht zugemutet werden sollen, weil deren Jahreseinkommen unter hunderttausend Dollar liegt. In Harvard oder Stanford bedeutet das, dass die Mehrzahl der jährlich ins College aufgenommenen Studenten (und das sind etwa fünf Prozent aller Bewerber) zu Investitionsobjekten ihrer Universität werden. Denn der Ruf von Universitäten hängt vor allem von der Fähigkeit ab, die talentiertesten Studenten an sich zu binden. Investitionsobjekt zu werden, schließt freilich durchaus ein Risiko des Scheiterns ein. Daraus wiederum entsteht eine Spannung in jedem Kurs, jedem Seminar, jeder Vorlesung – die zum Niveau intellektueller Intensität wird.

“Stressfreies Leben” gehört nicht zu den höchsten existentiellen Werten dieser Welt – obwohl am Ende eine überwältigende Mehrheit der zugelassenen Studenten das College in den vorgesehenen vier Jahren abschließt. Vor allem, dass Risiko und Wettbewerb produktive Rahmenbedingungen (nicht allein) der Universitätsbildung sein können, gäbe es in Deutschland, dem Land der “Herkunftsanhängigkeit,” wieder zu entdecken.