Digital/Pausen

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Hans Ulrich Gumbrecht lehrt Literatur in Stanford und bedauert es, zu alt für eine Karriere-Chance als Trainer im American Football zu sein.

Ästhetik der grünen Bewegung?

Auf die langfristige Erhaltung (nicht nur menschlichen) Lebens ist die Ethik der grünen Bewegung vor allem ausgerichtet. Lässt sich dieses Ziel in Einklang bringen mit einem genießenden Verhältnis zur Natur?

Seit drei, vier Jahren schon regnet es nicht genug in Nordkalifornien. Die Niederschlagsmenge liegt Monat für Monat unter dem für eine langfristig gesicherte Wasserversorgung errechneten Minimum, und solche Situationen sind in unserer Region deshalb besonders prekär, weil der dichter bevölkerte und trockenere südliche Teil des Bundesstaats selbst bei idealen Voraussetzungen von der Schneeschmelze im Nordens abhängig ist. Unter dem meist strahlenden, aber weiter regenlosen Wetter der vergangenen Herbst- und Wintermonate hat sich die Situation nun dramatisch verschärft. Für den kommenden Sommer ist mit dem intensivsten Wassermangel seit den siebziger Jahren zu rechnen (einige Statistiken weisen sogar aus, dass die Zahlen noch nie zuvor so bedrohlich ausgesehen haben) — und vor gut zwei Wochen hat die Regierung in Sacramento offiziell einen “Wassernotstand” erklärt. Das heisst, dass demnächst Verbrauchsgrenzen für Haushalte und Institutionen festgelegt werden, an deren Überschreitung erhebliche Geldstrafen gebunden sind — sollte sich die Lage nicht plötzlich ganz entscheidend verbessern (woraus die langfristigen Wetterprognosen keinerlei Hoffnung machen).

Am Tag der staatlichen Notstandserklärung erreichte die besorgte E-Mail-Botschaft einer Nachbarin alle Haushalte auf dem Campus, wo ich arbeite und wohne: “Sollten wir nicht, da der Notstand jetzt offiziell erklärt ist, die Bewässerung der gemeinsamen Rasenflächen reduzieren oder ganz einstellen? Es bereitet mir ein schlechtes Gewissen, den grünen Rasen zu sehen, während wir in solch extremer Trockenheit leben, und ich möchte wissen, ob es anderen auch so geht.” Dass diese Reaktion plausibel und möglicherweise sogar einfach richtig ist, steht gewiss nicht in Frage. Trotzdem will ich zugeben, dass mich jene Formulierung gestört hat, die den “grünen Rasen” direkt mit einem “schlechtem Gewissen” verbindet. Denn sie wirkte wie ein Durchstreichen des existentiellen Werts, der in einer schönen Umwelt liegt — so als ob grüner Rasen oder blühende Bäume nicht mehr wären als eine letztlich überflüssige Dekoration. Deshalb schickte ich meiner Nachbarin eine Antwort-Mail, in der allerlei Formeln des Einverständnisses und der Entschuldigung den Satz einrahmten, dass eben “grüner Rasen auch ein existentieller Wert” sei – und bekam nicht einmal eine empörte Reaktion.

Denn die trockene Schärfe der ökologischen Moral, so mein Eindruck, untersagt in so einer Situation schon das bloße Bedauern über verdorrende Pflanzen. Ähnliche Reaktionen löste vor Jahren in Deutschland die eher beiläufige gemachte Bemerkung aus, dass in einem so dicht besiedelten Land die allenthalben – natürlich aus guten Gründen – aufgestellten Windräder (in Amerika redet man von “windfarms”) schöne Landschaften immer seltener machen. Die echauffierten Antworten hielten sich nicht lange mit ökologischer Überlebens-Rationalität auf. Dass Windräder eher die Schönheit der deutschen Mittelgebirge und Ebenen hervorheben, behaupteten sie. Dabei war ein Argument aus dem Repertoire des im frühen zwanzigsten Jahrhundert so programmatischen und populären Funktionalismus unterstellt, nach dem Schönheit notwendig aus der weitestgehenden Anpassung von Gegenständen an die ihnen zugewiesenen Funktionen erwachsen müsse.

Eigentlich hat mich dieser oft sehr philosophisch daherkommende „Funktionalismus“ noch nie überzeugt. Doch selbst wenn er auf Artfefakte, auf von Menschen gestaltete Gegenstände also, ausnahmslos zutreffen sollte, erreicht seine Logik eine Grenze, sobald diese Gegenstände mit Naturschönheit in Berührung kommen. So funktionalistisch perfekt Windräder auch aussehen mögen, sie nehmen Landschaften den Zauber ihrer Unberührtheit. Auf eine strukturell ähnliche Grenze stößt die ökologische Wert-Prämisse, nach der es unsere Pflicht ist, den Planeten – und seine Schönheit – für zukünftige Generationen zu bewahren. Von ihr haben Radikal-Ökologen in den Vereinigten Staaten die Forderung abgeleitet, alle Nationalparks über die kommenden Jahrzehnte (wenn nicht gar unbegrenzt) für Besucher zu schließen. Gibt es also keinen Anspruch der Gegenwart auf Schönheit als existentiellen Wert?

Offenbar haben sich Perspektiven und Kriterien genuin ästhetischer Wertschätzung in der grünen Bewegung noch kaum etabliert. Denn die Freude an Farben, Formen und anderen Bezugspunkten sinnlicher Wahrnehmung ist dort ganz absorbiert und neutralisiert von Gesten, in denen stolz und etwas rechthaberisch das Wissen um ökologische Probleme zum Vorschein kommt. Es gibt eine grüne Ästhetik des Recycling, die auf der Freude über die Bewahrung von begrenzt vorhandenen Materialien beruht; es gibt eine Ästhetik der Birkenstock-Sandalen als Ausdruck gesteigerten Gesundheitsbewusstseins; oder auch eine Ästhetik der vegetarischen Gastronomie, welche sich fuer die Nachahmung der Geschmackseffekte von ausgeschlossenen Nahrungsmitteln begeistert (“diese Pizza schmeckt wirklich wie Rehbraten!”). Der Genuss jener Gegenstände, Wahrnehmungen und Erfahrungen selbst aber, um deren Erhalt – für die Zukunft und für die Gegenwart – es doch eigentlich gehen soll, wird fast ganz verdrängt im Alltag der ökologisch beseelten Zeitgenossen.

Dabei existiert eine nach ihren Werten ökologische Ästhetik schon seit einem guten Jahrhundert. Aber vielleicht hat ihre eigene Aura – mit anderen Worten: der Eindruck einer sie umgebenden “ästhetischen Autonomie” — diese Tradition von der Welt der politisch praktischen Impulse isoliert, denen die grüne Bewegung ihre Energie verdankt. Vor allem in der Praxis der Architektur und den sie begleitenden Reflexionen hat sich je Ästhetik ausdifferenziert. Zwei ihrer emblematischen Protagonisten sind der Amerikaner Frank Lloyd Wright (dessen Werk zur ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhundert gehört) und (in unserer Gegenwart) der Schweizer Peter Zumthor, und ihre Leistungen konvergieren mit Überlegungen Martin Heideggers (vor allem aus den fünfziger Jahren) über “Wohnen” und “Bauen” als Dimensionen der menschlichen Existenz – ohne dass sich ein wirklicher Einfluss der Philosophie auf Planen und Bauen ausmachen ließe.

Im Vordergrund der Ästhetik von Frank Lloyd Wright, Zumthor, Heidegger (und anderen) steht die zunächst paradoxal wirkende Umkehrung einer gewohnten Denkbewegung. Das Wohnen soll dem Bauen vorausgehen. Mit “Wohnen” ist dabei die uns immer aufgegebene Möglichkeit gemeint, ein Verhältnis zwischen der physisch-räumlichen Umgebung und den praktischen wie affektiven Bedürfnissen unseres Lebens zu finden. Erst unter dieser Voraussetzung und aus dieser Perspektive kann eine spezifische Umwelt zu einer “Landschaft” werden, zu einer „Siedlung“ oder auch zu einem „Kulturraum.“ Die Rationalität praktischer Funktionen sollte dabei nie selbstverständlich oder gar allein im Vordergrund stehen – selbst dann nicht, wenn sie ökologischen Werten unterstellt sind. Deshalb gehört zum Stil von Frank Lloyd Wright und von Peter Zumthor eine besondere Zurückhaltung in der Planung und Realisierung ihrer Gebäude. Ihre Gebäude bringen Landschaft hervor, weil sie sich gleichsam an die angetroffenen Strukturen der Natur anschmiegen und versuchen, ein Teil von ihnen zu werden – genauer ein Teil, der zwischen Menschen und ihrer Umwelt vermittelt. Solche Architektur finden wir nicht deshalb schön, weil sie der einen oder anderen formalen Mode entspricht sondern weil sie die Erfüllung einer kosmologischen Sehnsucht in Aussicht stellt. Sie hält die Hoffnung wach, dass es so etwas geben könnte wie ein “richtiges,” ein kosmologisch passendes Verhältnis zu unserer physischen Umwelt.

Wenn hingegen ökologische Politik allzu konsequent und rational ihre Ziele verfolgt (die fast immer von einer Sorge um das Überleben der Menschheit abgeleitet sind), dann läuft sie Gefahr, genau jenes Verhältnis des “Wohnens” in der Natur zu verletzen und vernarben zu lassen, welches Grundlage lebenswerter Existenz sein sollte. Dass man selbst eine verbrannte Rasenfläche schön finden kann oder eine Windfarm auf der anderen Seite des Bergs, will ich gar nicht bestreiten. Nur wird sich schöne Landschaft dort nie herausbilden, wo Bauen das Symptom einer rationalen Beherrschung von Natur ist – selbst wenn solches Herrschen dem Erhalten der Natur dienen soll (und wirklich dient).

Moralisch vergiftete Gewissensbisse werde ich mir also nicht zumuten, wenn in den kommenden Wochen und Monaten beim Blick auf unserer verdörrenden Rasenflächen Melancholie aufkommt. Doch jetzt ist plötzlich und fast unbemerkt, während ich diesen Blog fertigschrieb, der erste Regen seit Monaten gefallen, .