Digital/Pausen

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Hans Ulrich Gumbrecht lehrt Literatur in Stanford und bedauert es, zu alt für eine Karriere-Chance als Trainer im American Football zu sein.

Ist die Provinz bedroht — und mit ihr das Denken?

Niemand traut der Provinz mehr große Gedanken zu. Dabei war sie für die deutsche Kultur einst der Ursprung der philosophischen Impulse. Was kann aus der Konvergenz von Denken und Provinz in der elektronischen Umwelt werden?

Bis heute ist es mir peinlich, dass jene Worte, die ich immer und unvermeidlich mit der Enge der Provinz verbinde, ausgerechnet die preisgekrönten Worte in einem Wettbewerb um die beste Selbstbeschreibung waren, den meine Vaterstadt vor einigen Jahrzehnten ausgelobt hatte. “Das Weinfass an der Autobahn” wollte Würzburg damals sein, und dass diese Formel längst von den Fremdenverkehrsbroschüren und Anzeigetafeln verschwunden ist, hat mir nicht wirklich über sie hinweggeholfen. Provinziell finde ich vor allem die Option für absolute Geschlossenheit der eigenen Welt in ihrem Vergleich mit einem Fass. Aber kaum weniger schlimm ist der kleinliche Stolz auf die als Weltoffenheit gefeierte Banalität des Anschlusses an eine Autobahn. Und was könnte schließlich deutlicher sein als Symptom für eine Ahnung von der eigenen Enge — und zugleich für ihre groteske Unterschätzung — als der mit Steuergeldern unterfütterte Ehrgeiz, sie durch lautes Eigenlob zu verdrängen?

Dabei gibt es gerade in der deutschen Kultur die gegenläufige Tradition einer Konvergenz zwischen Provinz und kraftvollem Denken (deutlicher mit dem Denken tatsächlich als etwa mit der Kunst). In ihrem 1813 erschienenen Buch “De l’Allemagne” stellte Germaine de Staël mit Erstaunen und Bewunderung fest, dass die bedeutendsten Ideen ihrer Gegenwart hinter Butzenscheiben in der deutschen Prozinz entstanden – und dachte wohl vor allem an Weimar, aber auch an damals so berühmte Universitätsstädte wie Königsberg, Göttingen, Jena oder Tübingen. Noch hundert Jahre später galten Freiburg und bald auch Marburg als die internationalen Hochburgen der Philosophie. In unserer Gegenwart, wo nicht wenige der in solche Städte neu berufenen Professoren viel Zeit investieren, um die pro Woche an ihren Arbeitsplätzen verbrachte Zeit zugunsten von bevorzugten Wohnorten wie Berlin oder München zu minimieren, lohnt es sich, an jene historische Konstellation zu erinnern.

Andererseits lässt sich kaum leugnen, dass die deutsche Provinz immer dann besonders provinziell aussah, wenn sie versuchte, ihre Affinität zum Menschheitsdenken zu beschreiben und dann auch noch mit einer goldenen Aura zu umgeben. Niemand hat diese Tendenz und das zu ihr gehörende Peinlichkeits-Potential weiter ausgereizt als Martin Heidegger, der gewiss — trotz aller Verwirrungen und Fehlentscheidungen seines Leben – zu den großen Denkern des zwanzigsten Jahrhunderts gehört. Als er anfang der dreißiger Jahre einen Ruf nach Berlin zugunsten von Freiburg abgelehnt hatte, erklärte Heidegger seine Entscheidung in einem kurzen Text unter dem Titel “Schöpferische Landschaft: warum bleiben wir in der Provinz?,” der nicht die Stadt Freiburg sondern seine heute berühmte Schwarzwaldhütte als “Arbeitswelt” feierte. “Wenn in tiefer Winternacht ein wilder Schneesturm um die Hütte rast und alles verhängt,” heisst es da gleich zu Beginn, “dann ist die hohe Zeit der Philosophie. Ihr Fragen muss dann einfach und wesentlich werden. Die Durcharbeitung jedes Gedankens kann nicht anders denn hart und scharf sein. Die Mühe der sprachlichen Prägung ist wie der Widerstand der ragenden Tannen gegen den Sturm.” Heideggers sichtbarer Genuss der eigenen Gefühle beim Schreiben über das eigene Denken kommt mir vor wie eine Ilustration des Begriffs vom intellektuellem Kitsch; den Vergleich des “einfach werdenden” Denkens mit dem Widerstand der “ragenden Tannen” gegen den Schneesturm finde ich bestenfalls einseitig; und dann ahne ich auch – was am schlimmsten ist – eine strukturelle Affinität zwischen dem Innen der Hütte und dem Außen des Sturms mit dem “Weinfass an der Autobahn.”

Und es wird keinesfalls besser, wenn man weiter liest. Bald preist Heidegger die “Einsamkeit” der Bauernwelt, welche mit “ureigener Macht das ganze Dasein loswirft in die weite Nähe des Wesens aller Dinge,” um am Ende die eigene Entscheidung gegen die Großstadt von seinem “Freund, einem 75jährigen Bauern” abhängig zu machen: “Er hat von dem Berliner Ruf in der Zeitung gelesen. Was wird er sagen? Er schiebt langsam den sicheren Blick seiner klaren Augen in den meinen, hält den Mund straff geschlossen, legt mir seine treu-bedächtige Hand auf die Schulter – und schüttelt kaum merklich den Kopf. Das will sagen: unerbittlich Nein!”

Heideggers ehrgeiziges Scheitern an der Frage nach den Bedingungen einer Affinität zwischen der Provinz und dem Denken macht das Problem freilich nicht obsolet. Vielleicht hilft der Begriff der “Kontemplation” hier weiter, weil er den Akt des Denkens auf seine Umwelt öffnet. Kontemplation (oder “Betrachtung”) nennen wir die ungestörte Konzentration auf einen Gegenstand, wenn immer sie sich Zeit lassen kann, Zeit genug auch, um zu demselben Gegenstand zurückzukehren, ihm verschiedene Perspektiven abzugewinnen und so das Denken zu wachsender Komplexität zu führen. Nichts fördert Kontemplation mehr als ein Alltag der vertrauten Abläufe, der vertrauten Gesichter — und eine distante Sichtweite zu Welten voll von intensiven Ereignissequenzen. Anders gesagt (und ohne den Anspruch, dass diese Antwort eine besondere Überraschung enthält): eine bestimmte, für das Leben in der Provinz typische Proportion von Geschlossenheit und Offenheit bietet sich als Umwelt für die Lebensform des kontemplativen Denkens an.

Dies mag die Bedingung gewesen sein, unter der die gemeinsamen Seminare von Martin Heidegger mit seinem Kollegen, dem Theologen Rudolf Bultmann, in der Provinzstadt Marburg nach 1923 dem Denken neue und bleibend wichtige Perspektiven erschlossen haben. Die ganz andere Grundstruktur der Soziabilität einer Großstadt muss deshalb noch nicht dem Denken abträglich sein, doch sie lässt sich kaum mit dem Rhythmus der Kontemplation assoziieren. Nicht nur können in einer Großstadt die immer neuen Begegnungen mit Unbekannten eine andere Agilität des Denkens fordern und fördern; der mit der Großstadt verbundene Begriff der “Peripherie” impliziert darüberhinaus, dass sich ihr Verhältnis zur Umwelt in einer Struktur des permanenten Übergangs vollzieht, in einer Situation der “Osmose” sozusagen — und nicht wie bei der Provinz aus einem distanten Alternieren zwischen Schließung und Offenheit.

Die für die Großstadt aufgrund dieser spezifischen Struktur von Übergang, Offenheit und Komplexität typische “permanente geistige Mobilmachung,” wie sie Jean-François Lyotard einmal nannte, hat das zweifellos irrtümliche Selbstverständnis hervorgebracht, die einzige produktive Form von Intellektualität zu sein. Gerade weil ihr aber in Wirklichkeit die ganz andere, mit der Provinz verbundene Tradition des kontemplativen Denkens gegenübersteht, drängt sich heute die Frage auf, ob die geschlossene Weltoffenheit der Provinz unter den Bedingungen der elektronischen Umwelt überleben kann, welche sie längst erreicht hat. Wer seinen Marburger, Jenenser oder Lüneburger Alltag – wie mittlerweile soviele Bewohner der Provinz in sovielen Berufen – vor seinem Laptop verbringt, wer also elektronisch “vernetzt” ist, wie man immer noch mit erstaunlich haltbaren Pathos sagt, der befindet sich in einer Situation des Übergangs und er Osmose mit der Welt, wie sie früher allein die Peripherie der Großstadt ermöglichen konnte. Daneben schließen ihn die sogenannten “sozialen Medien” an einen nie aussetzenden Fluss von Begegnungen mit Unbekannten an.

Auf den ersten Blick zumindest scheinen aber die elektronischen Netzwerke der Kommunikation — trotz ihrer deutlichen strukturellen Affinitäten mit dem Alltag der Großstadt — in der Provinz nicht jene geistige Agilität hervorzubringen, welche unsere Gegenwart als die einzig legitime Form von Intellektualität ansieht. Aber während sie einerseits jene Agilität nicht fördert, scheint die elektronische Lebensform auf der anderen Seite als “permanente Mobilisierung” nun auch in der Provinz die strukturellen Bedingungen für Kontemplation als klassische Denkform zu auszuhöhlen. Unter provinziellen Bedingungen elektronisch vernetzt zu sein, scheint deshalb Provinzialität eher zu betonen und zu beschweren, als sie aufzuheben. Vielleicht fühlen sich deshalb soviele Kollegen aus Jena oder Erlangen verpflichtet, in München oder Berlin zu wohnen.

Oder sollte gerade in dieser Landflucht die allerneueste Form von geistiger Provinzialität liegen? Die vier heute führenden amerikanischen Universitäten zum Beispiel haben ja während der vergangenen Jahrzehnte gerade im kulturell anrüchigen Schatten des “suburban life” (wie er dem deutschen Schatten der “Provinzialität” entspricht) neue und besonderes intensive Modlitäten des Denkens in ganz verschiedenen Dimensionen entwickelt, welche – mit prononcierter Bescheidenheit gesagt – keinen internationalen Vergleich scheuen brauchen. Die Institute von Harvard liegen nicht in Boston, sondern im eher beschaulichen Cambridge / Massachusett (106000 Einwohner); der Campus von Yale ist umgeben von New Haven / Connecticut (129000 Einwohner); Princeton / New Jersey hat eine Bevölkerung von 29000; und der Campus der Stanford University in Kalifornien grenzt an die 64000-Einwohner Gemeinde Palo Alto. Von dort nahmen die elektronische Revolution, eine neue Lebensform der Industrialisierung in Silicon Valley und also auch die wirkungsmächtigste Form des Denkens in unserer Gegenwart ihren Ausgang.

Die Konvergenz zwischen Provinz und Kraft des Denkens hat sich also im einundzwanzigsten Jahrhundert gewiss nicht überlebt. Allerdings bleibt das Geheimnis dieser Produktivität im sonnigen Silicon Valley genau so zäh verschlossen wie einst auf Heideggers angeblich sturmumbrauster Schwarzwald-Hütte.