Digital/Pausen

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Hans Ulrich Gumbrecht lehrt Literatur in Stanford und bedauert es, zu alt für eine Karriere-Chance als Trainer im American Football zu sein.

Die Identität des argentinischen Fußballs: ob sich aus der Geschichte lernen lässt

Eine kohärente Stil-Tradition hat es nie gegeben im argentinischen Fußball, dessen große Momente von wenigen charismatischen Figuren abhingen. Kann man aus so einer Geschichte für die Gegenwart lernen?

Irgendein Reporter muss ja wohl Joachim Löw nach dem zweiten Halbfinale gefragt haben (auch wenn mir dieses Gespräch auf dem Internet entgangen ist), welche Schlüsse er aus der bemerkenswert dramatischen Geschichte der Weltmeisterschafts-Spiele zwischen Argentinien und Deutschland zieht, und der Bundestrainer wäre nicht er selbst gewesen ohne die ebenso richtige wie banale Antwort, dass diese historische Perspektive in seiner Vorbereitung auf die Entscheidung des Sonntags keine Rolle zu spielen braucht. Ist es nicht, könnte man weiter kommentieren, ohnehin gegenintuitiv, ausgerechnet eine sportliche Vergangenheit mit praktischem Interesse in einer Zeit zu verbinden, wo das Vertrauen, überhaupt aus der Vergangenheit lernen zu können, selbst in Kontexten problematisch geworden ist, denen genau dies früher einmal selbstverständlich war?

Doch ganz so einfach und einseitig scheinen die Dinge dann doch nicht zu liegen. Denn immerhin hat die Implosion Brasiliens am vergangenen Dienstag gezeigt, wie riskant und letztlich brüchig einerseits der Versuch war, das Verschwinden einer Stil-Tradition durch übersteigerte Betonung kollektiver Gefühle zu kompensieren, während auf der anderen Seite für Deutschland die nuancierte Rückkehr von der absoluten Innovation des schönen Stils zur erfolgsorientierten Nüchternheit bisher erstaunlichen Erfolg eingebracht hat. Vom Verhältnis zur Fußball-Vergangenheit als Stilgeschichte gibt es also etwas zu lernen.

Im Blick auf die große Geschichte des argentischen Fußballs allerdings lässt sich eine Stil-Kontinuität gar nicht ausmachen, die so greifbar und eindeutig wie die brasilianische oder die deutsche ist. Argentinische Mannschaften sind über das vergangene erste Fußball-Jahrhundert manchmal mit betonten Offensiv-Strategien, manchmal aber auch mit konsequenter Abwehr-Sicherung erfolgreich gewesen (oder gescheitert) — weil sie immer wieder die eher südamerikanische Tendenz zur Artistik mit der eher europäischen Tendenz zur kollektiven Strategie und Geschlossenheit verbunden haben. Löw wird also tatsächlich gut beraten sein, sich in seiner vorbereitenden Analyse ausschließlich auf das Potential der gegenwärtigen argentinischen Spieler zu konzentrieren. Aus der Zuschauer-Perpektive freilich kann es die Intensität des Endspiel-Erlebnisses steigern, wenn man die Möglichkeiten des argentinischen Fußballs aus seiner Geschichte zu verstehen beginnt.

Die Tradition der Fußball-Begeisterung (nicht die Tradition eines kohärenten Stils) ist dort verknüpft mit einer bis heute nostalgisch verklärten Zeit aus der nationalen Geschichte. Nachdem diese Sport zunächst von englischen Immigranten im späten neunzehnten Jahrhundert an Mitglieder der Oberschichten vermittelt worden war, wuchs die Zahl der aktiven Spieler und ihrer Zuschauer um die Jahrhundertwende im Zeichen einer massiven, vor allem männlichen Einwanderung wohl wirklich expontentiell an. Zusammen mit dem Nachbarland Ururguay war Argentinien dann eine der zwei ersten Mannschaften, die bei den Olympischen Spielen 1928 in Amsterdam (als Silbermedaillengewinner) und 1930 in Montevideo (als Vizeweltmeister) weltweite Faszination auf sich zogen. Diese Faszination gehörte zu einer Gegenwart, in der Argentinien als noch unverbrauchte Wirtschaftsmacht der Zukunft galt. Hinter der nationalen Stärke und Kohärenz stand aber schon damals eine eher lokal als sozial gebrochene Realität zahlreicher Klubs wie Boca Juniors, River Plate, Racing und San Lorenzo (verschiedene Stadtviertel in Buenos Aires) oder Rosario Central und Atlético Belgrano (verschiedene Provinzstädte im Land), von denen bis heute keiner je eine langfristige Dominanz etabliert hat.

Der zentrifugalen Fußball-Dynamik stand von Beginn – und steht bis heute – eine Neigung zu sehr direkten und zentripetalen Interventionen gegenüber, welche jede Ausdifferenzierung von Sport, Kultur und Politik zu ignorieren scheinen. Als nach 1930 eine Anzahl prominenter Spieler durch gewerkschaftlich organisierte Streiks auf den Schritt von informeller (und offziell geheimer) Bezahlung zu einer professionellen Liga drängten, wurden sie durch den Fußballverband und die Regierung vom Spielbetrieb ausgeschlossen und in die Emigration gedrängt. Die Sportpolitik in Mussolinis Italien nutzte die Situation mit der Einbürgerung von argentinischen Fußballern italienischer Familien-Herkunft, die dann entscheidend zum Gewinn der zwei Weltmeisterschaften 1934 und 1938 beitrugen. Im Sinn einer außenpolitischen Protest-Reaktion setzten daraufhin Fußballverband und Regierung die Teilnahme Argentiniens von den Weltmeisterschaften bis 1958 aus. Um die Mitte des zwanzigsten Jahrhundert, in der charismatischen Zeit von Juan Domingo und Evita Perón, die beide am Fußball kaum interessiert waren, aber um seine politische Bedeutung wussten, war es längst üblich geworden, dass der Staatspräsident den Verbandspräsidenten auswählte und ernannte. Die Unterdrückung eines erneuten Spielerstreiks durch die Regierung zwang dann bald eine weitere Generation (mit dem großen Alfredo Di Stefano) in die Emigration — und außerdem gilt es heute als ausgemacht, dass die Militärdiktatur bei der Fußballweltmeisterschaft 1978 in Argentinien das Weiterkommen der eigenen Mannschaft bis zum Sieg im Endspiel gegen Holland durch ein erkauftes oder sogar außenpolitisch erpresstes 6:0 gegen Peru sicherte.

Seit dem Ursprungs-Moment der nationalen Fußball-Glorie während der späten zwanziger Jahre steht die Geschichte des Sports in Argentinien also unter der Spannung zwischen einer gesellschaftlich zentrifugalen Dynamik und immer neuen politisch zentripetalen Interventionen, unter einer Spannung übrigens, welche sich wie die Konkretisierung einer die nationale Geschichte übergreifenden Struktur und der aus ihr hervorgehenden permanenten Instabilität interpretieren ließe. Entscheidend aber war, dass alle großen Ereignisse des argentinischen Fußballs von je verschiedenen charismatischen Figuren abhingen, die wie Katalysatoren jene Permanenz der Spannung in kurze Schübe beinahe unwiderstehlicher Energie umschlagen ließen. 1930, bei der ersten Weltmeisterschaft in Montevideo, spielte diese Rolle der fünfundzwanzigjährige Stürmer Guillermo Stábile, der im ersten Spiel noch gar nicht eingesetzt worden war, in den folgenden vier Spielen bis zum heroisch verlorenen Finale jedoch acht Tore schoss und nach diesen vier Begegnungen nie mehr für seine Nationalmannschaft spielen sollte, weil er wohl zu jenen Protagonisten gehörte, welche durch die politische Reaktion auf den ersten Spielerstreik zur Emigration nach Italien (er spielte für Genua) gezwungen wurden. Als Argentinien dann 1978 zuhause und im Schatten der Militärdiktatur seinen ersten Welt-Titel gewann, war zentral die Konfiguration des damals in Valencia spielenden Mario Kempes mit dem intellektuellen, nicht selten Marx unwidersprochen zitierenden Trainer César Luis Menotti (Menotti war danach nie mehr ein großer Trainer-Erfolg beschieden und Kempes beendete seine Karriere wenige Jahre später in der zweiten österreichischen Fußball-Liga). Ihre nächste Weltmeisterschaft gewannen die Argentinier nach der Erniedrigung im Falkland-Krieg und dem Ende der Militäregierung 1986 in Mexiko gegen Deutschland, als Diego Maradona in Neapel den Höhepunkt seiner Spielkunst erreicht hatte.

Lionel Messi könnte, was das Temperament und auch seine Konzeption des Spiels angeht, kaum verschiedener von Maradona sein – und doch sind seine potentiellen Affinitäten zu jenen großen Momenten der argentinischen Fußballgeschichte frappierend. Wie 1978, im Fall von Kempes und Menotti, scheint eine kurzzeitige Konstellation von Messi mit dem Trainer Alejandro Sabella (der nach der Weltmeisterschaft dieses Jahres zurücktreten wird) sein Talent endlich auch für die Nationalmannschaft freigesetzt zu haben. Sabella seinerseits hatte sich im Vorfeld gegen massiven Druck des Fußballverbands und der Politik mit der exzentrischen Entscheidung durchgesetzt, den bei Millionen von argentinischen Fans populären (und deshalb politisch sehr wichtigen) Spieler Carlos Tevez nicht mit nach Brasilien zu nehmen. Und all dies spielte und spielt sich ab am Abgrund einer drohenden Wirtschaftskrise, in die das Land sehr bald stürzen mag — wie schon so oft in der Vergangenheit.

Ob der in seiner Persönlichkeit so wenig spektakuläre Messi das Zeug dazu hat, diese Lage zu einer Kondensation und dann zur produktiven Explosion in der Mannschafts-Leistung zu bringen, werden wir am Sonntag sehen. Historisch verstehen lässt sich diese Situation sehr wohl – aber vorbereiten kann man sich nicht auf sie.