Digital/Pausen

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Hans Ulrich Gumbrecht lehrt Literatur in Stanford und bedauert es, zu alt für eine Karriere-Chance als Trainer im American Football zu sein.

Müssen National-Spieler die National-Hymne singen? (und andere Probleme der „Vaterlands-Liebe“)

Warum unterlag die deutsche Mannschaft im WM-Halfinale ihrem brasilianischen Gegner beim Singen der Nationalhymnen? Sollten die Spieler zu mehr Patriotismus verpflichtet werden? Und woher könnte man ihn nehmen?

Es ist immer wieder ein Hin-und-Her im engen Rahmen. Patriotisch gesinnte Zuschauer und Offizielle äußern sich kritisch bis empört über National-Spieler, die beim Abspielen der National-Hymne schweigen – oder auch mit kaum merklichen Bewegungen ihrer Lippen allzu verhalten mitsingen. Die Sportverbände unterstreichen dann den geschlossenen wie individuellen Patriotismus der Mannschaft, sie versprechen Besserung – und schon registriert man beim nächsten Spiel oder beim nächsten Turnier eine deutlche Anstrengung in vaterländischem Ernst. Bis sich mit neuen Spielern (und wohl auch unter der zersetzenden Wirkung unüberwindlicher Peinlichkeit) das beanstandete Schweigen schnell wieder breit macht. Ausnahmen sind selten – ich erinnere mich etwa an Cacao vom VfB Stuttgart, der bei seinen Einsätzen während der Weltmeisterschaft 2010 “Einigkeit und Recht und Freiheit” schmetterte, als müsse er unter Beweis stellen, wie sehr er seine damals nagelneue deutsche Staatsangehörigkeit verdiente.

Im Prinzip verlangt dieses erstaunlich selten in Frage gestellte Ritual den Sportlern ja eine schwierige schauspielerische Leistung ab. Wenige Augenblcke vor einem Spiel, dessen Ausgang entscheidende Konsequenzen für ihre berufliche Karriere und also ihr Einkommen haben kann, sollen sie einen Text singen, der den meisten von ihnen (ganz unabhängig vom Geburtsort) wohl nur in Bruchstücken verständlich ist, und sie sollen dies möglichst mit einer Miene tun, die zeigt, dass ihnen nichts wichtiger ist “in der Welt” als ein etwas ranzig gewordener Patriotismus. Ich stelle mir vor, was im Kopf von Jerome Boateng oder Mesut Özil (mit ihren “Migrationshintergründen”), aber auch von Kevin Großkreutz oder Manuel Neuer (aus dem Ruhrgebiet) vorgeht, wenn sie sich bemühen, das Deutschlandlied (genauer: seine ursprünglich dritte Strophe) ernst zu nehmen:

Einigkeit und Recht und Freiheit
für das deutsche Vaterland!
Danach lasst uns einig streben
brüderlich mit Herz und Hand!
Einigkeit und Recht und Freiheit
sind des Glückes Unterpfand:
Blüh im Glanze dieses Glückes,
blühe, deutsches Vaterland!

Dass die “Einigkeit” Deutschlands für den (eher mittelmäßigen) romantischen Poeten August Heinrich von Fallersleben angesichts eines “Vaterland” aus Hunderten von zerstrittenen Kleinstaaten eine mit heißer Sehnsucht besetzte Utopie war, als er den Text 1841 auf Helgoland schrieb, wissen die meisten Nationalspieler sicher nicht (und warum sollten sie auch?). Jung an Jahren können sie sich auch kaum daran erinnern, dass das Wort “Einheit” in den Jahrzehnten vor 1989 eine Bedeutung und ein Pathos hatte, die heute, ein Vierteljahrhundert nach der deutschen “Wiedervereinigung,” fast ganz verschwunden sind. Und gegen wen soll jene “Freiheit” denn erobert und verteidigt werden? Was stellen sich die Spieler unter dem “Blühen des deutschen Vaterlands” vor? Am ehesten wohl eine für ihr Kapital günstige Entwicklung des nationalen Aktienmarkts. Aber es geht ja nicht nur um die heute vor allem komisch wirkende Hochstimmung eines verschnarchten Patriotismus, sondern auch um einzelne Wörter. Ob Sami Khedira oder Mario Götze verstehen, was ein “Unterpfand” ist (vielleicht erinnert sie das Substantiv vor allem an “Flaschenpfand” und beschwört dann als des ”Glückes Unterpfand” eine ganz groteske Bedeutung herauf)?

All diese Fragen und Beobachtungen sollen in ein Plädoyer für mehr Verständnis, ja fast sogar für Anteilnahme mit den sanges-müden Nationalspielern münden. Aber sieht das Singen der Nationalhymnen nicht, könnte man einwenden, bei den meisten südamerikanischen Nationalmannschaften ganz anders aus, eben viel enthusiastischer? Wirken die Uruguayer nicht hingerissen und in manchen Fällen auch hinreißend, wenn sie sich auf die schmissige Verdi-Musik ihrer Nationalhymne einlassen, wo immerhin vom “dröhnenden Ruf des Vaterlands” (im Unabhängigkeitskrieg gegen Argentinien) die Rede ist? Und die Brasilianer haben bei der Weltmeisterschaft dieses Jahres derart leidenschaftlich ihre anfänglichen, immer schwer erkämpften Siege herbeigesungen, dass siebzigtausend Zuschauer im Stadion das patriotische Lied je noch einmal a capella wiederholten und sich dabei Text-getreu an den “Busen des Vaterlands schmiegten” (das Wort “patria” hat in allen romanischen Sprachen grammatisch weibliches Geschlecht). Vermutlich geht der hier so deutlich sichtbare kontinentale Unterschied zwischen Südamerika und Europa gar nicht auf verschiedene Intensitätsgrade der Vaterlandsliebe zurück, sondern auf verschiedene Auffassungen von Ritualen.

Für Brasilianer, Uruguayer oder Chilenen (Argentinier wirken nicht nur in dieser Hinsicht eigenartig europäisch) inszenieren Melodien und ihre Rhythmen einen ekstatischen Moment der Gemeinsamkeit mit dem Publikum, und die Texte der Nationalhymnen scheinen nur ein weiteres Mittel zu diesem Zweck zu sein, ein Mittel, das selbst dann seine Funktion erfüllen könnte, wenn kein Wort ihres Inhalts verständlich wäre (und diese Gefahr besteht durchaus, denn natürlich gibt es auch in südamerikanischen Hymnen nicht wenige Wörter des “Unterpfand”-Typs). Die deutschen Spieler hingegen sind so besonders bedauernswert, weil sich die meisten von ihnen wohl verpflichtet fühlen, den Text des Deutschlandslieds tatsächlich zu verstehen und ihm sogar eine persönliche Bedeutung zu geben, mit der sie sich identifizieren können (der Bundestrainer geht da mit – verklemmtem – Beispiel voran, wenn er beim Singen der Nationalhymne nicht selten wie ein unzulänglich vorbereiteter Studienreferendar vor der entscheidenden Prüfung aussieht). Betreuer und Spieler stehen historisch gesehen – ganz unabhängig von der heutigen kulturellen Situation und ohne dies auch nur zu ahnen – in einer dominant protestantischen Tradition (genauer: in der Tradition individueller Bibellektüre), während sich in Südamerika — wo die Kirchen übrigens mittlerweile ebenso leer sind wie in europäischen Großstädten — eher die katholische Vorstellung von einer Gemeinde als “mystischem Körper” durchgesetzt hat, der nur physische Gegenwart braucht und eben kein “tiefes” Individual-Verstehen (deshalb wohl wurde ausgerechnet Cacao zum Muster-Singer der Deutschen).

Diese europäischen und südamerikanischen Lieder sind (mit wenigen Ausnahmen: eine davon ist “God Save The Queen”) aus der historischen Signatur der Romantik im frühen neunzehnten Jahrhundert entstanden, deren beide Haupt-Komponenten für das Alltags-Leben von heute keine Rolle mehr spielen. Da war zum einen das Pathos der Befreiung aus feudalen Hierarchien oder aus kolonialer Abhängigkeit, zum anderen der damals bewegende Traum von einer historisch gewachsenen (aber auch, wie vage immer, in der “Rasse” begründeten) Einheit eines jeden Volkes. Wovon aber soll, wie schon gefragt, die Bundesrepublik Deutschland (oder die Bundesrepublik Brasilien) heute “befreit” werden, und gegen welche Bedrohung wäre diese Freiheit in der Zukunft zu verteidigen? Vor wenigen Jahren noch hätten sich zumindest Linke als Antwort an dieser Stelle einen Verweis auf die amerikanische Wirtschaftskraft als “neoliberalen Imperialismus” zurecht gefaselt, aber mittlerweile kommt man mit den Vereinigten Staaten als Herausforderung besser zurecht, indem man sich über ihren vermeintlichen Niedergang freut. Die Meinung andererseits, dass Deutsche — zumal deutsche Nationalspieler – im “völkischen” Sinn blond und kräftig aussehen sollen, mit hoher Stirn, hat sich inzwischen wohl auf die engsten nationalistischen Zirkel in Nordbayern und Thüringen zurückgezogen. Multikulturelle Öffnung ist eine Banalität geworden – und gerade deshalb zu einem der seltenen Zeichen politischen Fortschritts.

Gibt es dann also keine “Nationen” mehr? Ist ihre Ästhetik — und die Ästhetik des Staats – zu einem Ritual geworden, das man endlich abräumen sollte in der globalisierten Gegenwart? Auch in dieser Hinsicht sind große internationale Sport-Ereignisse – zumal die Fußball-Weltmeisterschaften – ein interessanter Testfall. Dass der entscheidende alltägliche Berufs-Rahmen für Spieler, die dort verhalten oder berauscht “ihre” Nationalhymnen singen (Balotelli war wohl auch nicht der Italiener, von dem Mussolini träumte!), von multi-nationalen Club-Mannschaften und Unternehmen vorgegeben wird, ist nicht nur hochspezialisierten Fußball-Fans klar; ebenso dass der athletisch und ästhetisch beste Fußball längst nicht mehr bei der Weltmeisterschaft gespielt wird, sondern in der Champions League und ihrem südamerikanischen Äquivalent, der “Copa de Libertadores.” Und dennoch beschwören gerade die Weltmeisterschaften alle vier Jahre eine – empirisch belegbar – unvergeichliche Faszination herauf. Offenbar gibt es einen neuen – anderen — Stolz, Deutscher, Spanier oder Franzose, Chilene, Kolumbianer oder Brasilianer zu sein, einen Stolz, der mit “Einigkeit und Recht und Freiheit” nur noch wenig zu tun hat. Im Hinblick auf diesen neuen Stolz ist der Sport nicht allein ein Symptom oder so etwas wie eine Allegorie, er ist längst zu einem zentralen Teil und Faktor des gewandelten Nationalgefühls geworden. Deshalb genau kann Angela Merkel für die nächsten Wahlen auf zufriedene Deutsche setzen, während Dilma Rousseff, eine Zeit lang jedenfalls, mit aufgebracht-gereizten brasilianischen Bürgern rechnen muss.

Was gehört sonst noch zum neuen National-Gefühl – und kann man sich andere National-Rituale vorstellen, Rituale, die weniger peinlich sind als die ererbten? Für das Fieber-Thermometer der Nationalgefühle ist heute gewiss die jeweilige Wirtschafts-Situation (einschließlich des Arbeitsmarkts) zentral geworden, aber wohl auch – stellen wir uns zum Beispiel Mats Hummels oder Bastian Schweinsteiger vor — der Eindruck und Anspruch, auf der internationalen pop-kulturellen Bühne als “cool” oder “hip” zu gelten. Man kann in diesem Sinn behaupten, dass ein “Coolheits”-Charisma, wie es der Hauptstadt Berlin heute gehört, in der deutschen Nation mittlerweile als ein ernsthafter Ausgleich für die Finanz-Katastrophen derselben Hauptstadt gilt. Wären pop-kulturelle Rituale für den Fußball denkbar – so wie die Konzerte mit Super-Stars der Show Szene in der Halbzeit des Super-Bowl? Der von der UEFA erfundene, eher feierlich-getragene Rahmen für die Champions League-Spiele wirkt dagegen jedenfalls so unverbindlich-neutral wie die blaue europäische Flagge. Nationalitäet heute sei vielleicht nicht mehr, las ich vergangene Woche bei einem der besten europäischen Denker, als die Unmöglichkeit der Vorstellung, seinen Pass aufzugeben.

Vielleicht sollten sich die internationalen Sportverbände angesichts solcher potenziellen Ratlosigkeit erst einmal ans Aussortieren machen. Wenn ich einer FIFA-Kommission angehörte, dann wäre meine nächste Initiative der Antrag, jene Aufmärsche der Spieler Hand-in-Hand mit Knaben oder Mädchen zu verbieten. Denn dieses Ritual wirkt immer – ganz egal, ob da nun Mädchen oder Jungen an die Hand genommen werden – nicht nur sichtbar peinlich auf die Spieler; es hat auch ein intensives Fremdschäm-Potenzial für die Zuschauer. Um von skandalöseren Assoziationen gar nicht zu reden, wie neulich ein Freund (und Philosoph) scheinbar beiläufig bemerkte.