Digital/Pausen

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Hans Ulrich Gumbrecht lehrt Literatur in Stanford und bedauert es, zu alt für eine Karriere-Chance als Trainer im American Football zu sein.

Kalte Medien und die Intensität des Stadions

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Dass man derart frieren kann in Kalifornien wie am Abend des letzten 30. Dezember, hatte ich fünfundzwanzig Jahre lang nicht wahrgenommen. Während dieser Tage finden die sogenannten “Bowl Games” im College Football statt, für die sich nach einem unendlich komplizierten System die besten Teams jeder Saison qualifizieren. Stanford, die Mannschaft meines Herzens, traf auf die University of Maryland und hatte das Glück, zu einem Beinahe-Heimspiel ausgelost zu werden (nicht einmal das Wort “auslosen” trifft genau den entsprechenden Sachverhalt), weniger als zwanzig Meilen vom eigenen Campus entfernt, im neuen Levis-Stadium der San Francisco 49ers aus der (professionellen) “National Football League.” Architektonisch gesehen repräsentiert das am Beginn der vergangenen Saison eingeweihte Levis-Stadium trotz all des Silicon Valley-Kapitals, an dessen Schnittstelle es gebaut ist, nicht mehr als Gegenwarts-Standard – und muss deshalb als eine vertane Gelegenheit gelten. Zu diesem Standard gehören Sektionen mit relativ niedrigen Tribünen an den beiden schmalen Enden, die offenbar an heißen Spätsommer-Tagen, zu Beginn der Spielzeit, eine frische Brise anziehen sollen. Doch an jenem kalten Dezember-Abend war das beinahe ausverkaufte Stadion nicht einmal halb gefüllt, und statt der angenehmen Sommer-Brise wehte ein schneidender Wind, der sich in einer sonst vom Wechsel der Jahreszeiten beinahe verschonten Gegend besonders gnadenlos anfühlte – und es selbst für sonst bedingungslose Fans einfach unmöglich machte, die gut dreieinhalb Stunden Spiel-Dauer im Freien auszuhalten, zum Beispiel hinter der Stanford-Band, deren Mitglieder während der Spielunterbrechungen sich gerade noch selbst warm spielten — aber gewiss nicht die Zuschauer.

Zur Halbzeit gab es keine Überlebens-Alternative mehr zu dem Versuch, um einen heftigen Preis Karten für die “Corporate Section” im Stadion zu kaufen, wo man in angenehmer Wärme zwischen unzähligen Bars und Buffet-Tischen das Spiel durch ein Fenster oder an den allgegenwärtigen Bildschirmen verfolgen konnte. Dies jedenfalls war meine zur Utopie quellende Hoffnung während der fast zwei Stunden in eisiger Kälte gewesen. Doch während die wenigen Fans im Freien angesichts des sich angenehm entwickelnden Ergebnisses zu kleinen Gruppen von immerhin halbwegs wärmender Euphorie zusammengerückt waren, schien das Spiel von der “Corporate Section” nun plötzlich in eine affektive Ferne gerückt, welche Konzentration noch unmöglicher machte als die Kälte. Über Gott und die Welt unterhielten sich die vermeintlichen Zuschauer dort, standen an für einen Whiskey on the Rocks und dann für den nächsten Hot Dog, um sich ab und an auch nach dem Spielstand zu erkundigen, ohne stets eine korrekte Antwort zu bekommen. Das sportliche Ereignis war an die Peripherie der Aufmerksamkeit gedrängt, um von ihrem Gegenstand zum bloßen Anlass für eine fluide, vielleicht ja sogar spezifische Form von Geselligkeit zu werden. Zugleich hatte sich meine Frustration verdoppelt: nicht nur vermisste ich den mich sonst ins Stadion lockenden Eindruck, Teil eines kollektiven Fan-Körpers zu sein; es wurde mir auch zum ersten Mal unverrückbar deutlich, dass ich zu alt geworden war für eine neue Form zentrifugaler Aufmerksamkeit, in die meine Kinder und meine Frau ganz ohne Probleme eintauchten.

Natürlich kann ich nicht umhin, die neue Modalität des Zuschauens, der sehr wohl die Zukunft gehören mag, als Ergebnis einer Dekadenz-Bewegung anzusehen. Doch ganz unabhängig von negativen oder positiven Reaktionen — wie lässt sich diese Entwicklung erklären, was sind die Gründe, welche eine neue Art von Aufmerksamkeit – vielleicht ja nicht allein in der Welt des Zuschauersports – so zentral gemacht haben? Dass uns die Frage prinzipiell in den Kontext der Mediengeschichte führt, wird zumal in Deutschland, wo die intellektuelle Medien-Faszination längst universal geworden ist, niemanden überraschen. Genauer aber mag der gewandelte Status des Sports für seine Zuschauer in der Frühgeschichte des Fernsehens angelegt gewesen sein.

Das erste regelmäßige Fernsehprogramm war 1935 in Deutschland eingerichtet worden, und schon die leichtathletischen Wettbewerbe der Olympischen Spiele von 1936 wurden von ihm übertragen. Doch auf diese Prestige-Erfolge der Nazi-Regierung folgten – national und international – fünfzehn Jahre der pragmatischen Ungewissheit und des Desinteresses. Es war, als sei die technische Realisierung des damals neuen Mediums, das während der zwanziger Jahre auf eine breite Wellenlänge populärer Imagination getroffen war, am Ende zu spät gekommen. Erst in den späten vierziger Jahren begann das Fernsehen dann schnell an Beliebtheit zu gewinnen – und zwar vor allem mit der Übernahme und dem Ausbau von zwei Gattungen, die zuvor im Radio große Erfolge gefeiert hatten. Das waren Quiz-Sendungen und Familien-Serien (nach dem Muster von “Father Knows Best,” in deutscher Übersetzung: “Vater ist der Beste,” bald dann national angeignet durch die Fernseh-Familien der norddeutschen Schölermanns und der hessischen Hesselbachs).

Woody Allens großartiger Film von den “Radio Days” der vierziger Jahre macht deutlich, dass sich dieses Medium schon lange vor seiner Konkurrenz mit dem Fernsehen an der Peripherie des Alltags etabliert hatte. Man hörte Radio neben der alltäglichen Arbeit und neben der Freizeit – und konzentrierte sich nur gelegentlich exklusiv auf seine Musik oder seine Wort-Inhalte. Erfolgreich war das Radio als ein “kaltes Medium,” als ein Medium, das zugleich mit den Alltagsbeschäftigungen lief – im Gegensatz zu den “heißen Medien” des Theaters und des Kinos, welche in verdunkelten Räumen die ausschließliche Aufmerksamkeit ihrer Zuschauer forderten. Diese grundlegende Typologie erklärt, warum sich – zumal in den fünfziger Jahren – eine wechselseitige Offenheit zwischen Broadway und Hollywood einspielte (die Karriere von Marlon Brando etwa setzte ein mit der Bühnenversion von Tennessee Williams’ Drama “A Streetcar Named Desire” und fand ihre Fortsetzung in der Verfilmung desselben Stücks), während auf der anderen Seite ja gerade die Übernahme von ursprünglich typischen Gattungen des peripheren Mediums “Radio” das Fernsehen auf seine Erfolgsspur brachte.

Mit solcher Deutlichkeit lassen sich divergente mediengeschichtliche Entwicklungen allerdings erst in der langfristigen Retrospektive ausmachen. Ich erinnere mich, wie wir im Haus meines Großvaters, der sich schon in den frühen fünfziger Jahren ein “Fernsehgerät” angeschafft hatte (weil sein Arzt ihm dazu – heute unbegreiflicherweise — als therapeutische Maßnahme angesichts seiner Herz-Beschwerden geraten hatte) die Wohnzimmerfenster eine Viertelstunde vor Beginn der täglichen Sendezeit verdunkelten, zehn vor fünf am Nachmittag (zur “Fröhlichen Turnstunde mit Adalbert Dickhut”), um uns dann wie im Kino auf Stuhlreihen vor dem Bildschirm zu versammeln. Bei den Weltmeisterschafts- oder frühen “Europa Cup”-Spielen jener Zeit füllte sich der Raum mit mehr oder weniger eingeladenen Gästen, die Bier aus der Flasche tranken, über neunzig Minuten kaum miteinander sprachen und sich nur bei Toren der eigenen Mannschaft – wie Stadionzuschauer damals – in die Arme fielen. Das frühe Fernsehen war Stadion, Kino und Bühne zugleich, und an einem typischen Samstagabend baten meine Eltern ihre Freunde zu Hawaii-Toast, Sekt mir Orangensaft und den beliebten Sendungen von Peter Frankenfeld oder Hans-Joachim Kulenkampff.

Niemand verließ damals das Stadion vor dem Abpfiff eines Spiels oder dem Ende eines Wettbewerbs, und live-Übertragungen waren selten, weil man davon ausging, dass sie unvermeidlich die Zahl der Zuschauer auf den Tribünen reduzieren müssten. Es war noch ein langer Weg hin zur Allgegenwart der Bildschirme in der privaten und öffentlichen Sphäre und bis zur Ausdifferenzierung des Fernsehens als einem prinzipiell “kalten Medium,” das – gerade von seiner peripheren Position – das Interesse an der ganz anderen Intensität eines Stadionbesuchs wecken und so seine Tribünen füllen konnte. Dieses komplementäre Verhältnis zwischen dem Fernsehen als kaltem und dem Stadion als heißem Medium dominierte dann, meine ich, in den letzten Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts. Mittlerweile aber ist das Stadion – nicht nur das Levis-Stadium der San Francisco 49ers – zu einem Ort geworden, wo eine wachsend periphere, wahrscheinlich von der Habitualisierung des Fernsehens kommende Einstellung und eine (vielleicht ebenfalls wachsend) intensive Zuschauer-Partizipation nebeneinander existieren. Der Nachmittag oder der Abend in den VIP-Zonen vollzieht sich immer mehr zwischen den Lounges mit ihren Bars und Buffets und einer eher distanzierten Aufmerksamkeit auf das Spiel, welche oft in den laufenden Kommentar eines Gesprächs mit dem Sitz-Nachbarn mündet. Auf den billigeren (aber beileibe nicht billigen) Plätzen hingegen, die nur noch selten Stehplätze sind, versammeln sich Zuschauer, für die ihre Stadion-Zeit zum existentiellen Gegenpol eines Lebens in vielfacher medialer Zerstreuung wird. Wer nicht privilegiert genug ist, um Konzentration und Leidenschaft im Beruf zu finden, der kann solche Dimensionen des Erlebens als Teil eines kollektiven Fan-Körpers im Stadion suchen – aber zunehmend auch beim Public Viewing, wo für viele das Spiel selbst im Verhältnis zum Kollektiv-Erleben so marginal geworden ist, wie, aus ganz anderen Gründen, in der “Corporate Lounge.”

Offen bleibt vorerst, in welche Richtung sich das Stadion als öffentlicher Ort entwickeln wird — sollte es nicht einfach beim gegenwärtigen Nebeneinander von Distanz und Intensität bleiben.