Digital/Pausen

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Hans Ulrich Gumbrecht lehrt Literatur in Stanford und bedauert es, zu alt für eine Karriere-Chance als Trainer im American Football zu sein.

Soll man in Amerika studieren?

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Die Frage wird ja in Deutschland privat und auch öffentlich oft diskutiert, meist wohl als rhetorische (und das heißt als schon vorab beantwortete) Frage, die zu der Einsicht führen soll, dass sich ein Aufwand in so vielen Dimensionen, wie er für Europäer mit einem Studium in den Vereinigten Staaten verbunden ist, am Ende nicht lohnt. Dies mag aus vielen Gründen und in vielen Fällen durchaus plausibel sein. Erstaunlich ist aber, dass solche Gespräche fast immer und ohne jede Skepsis von einigen Prämissen ausgehen, die nicht zutreffend sind – einfach falsch tatsächlich, ohne Unschärfe oder Ambivalenzen. Zum Beispiel setzt man voraus und nimmt sehr ernst, dass die Studiengebühren an besseren amerikanischen Universitäten unerschwinglich seien (erst vor kurzem erzählte mir eine Mutter aus eher wohlhabender deutscher Familie, dass sich ihre Tochter genau aus diesem Grund erst gar nicht an der – amerikanischen – Universität ihre Träume beworben hatte). Zugleich wird die für Universitäten in den Vereinigten Staaten fundamentale Unterscheidung zwischen “College” und ”Professional School” kaum je erwähnt (selbst in einem von dieser Zeitung vor wenigen Wochen veröffentlichten Artikel eines in Deutschland geborenen Professors, der, obwohl er mittlerweile an einer prominenten amerikanischen Universität unterrichtet, seinen Lesern darlegen wollte, “wieviel amerikanische Unis immer noch von deutschen lernen können”). Vor allem aber benutzt man wie selbstverständlich den Ausdruck vom ”amerikanischen Universitätssystem” und geht also davon aus, dass es in den Vereinigten Staaten – so wie in Deutschland — eine institutionelle Homogenität der Universitäten gibt, die durch nationale Traditionen wie durch Gesetze definiert und bewahrt wird.

Keine dieser Prämissen entspricht der Wirklichkeit, so unbeirrt sie auch nun schon über viele Jahrzehnte alle Korrektur- und Differenzierungsvorschläge überlebt haben. Zunächst gibt es einfach kein nationales “amerikanisches Universitätssystem” — und diese Feststellung bezieht sich auf mehr und auf Einschneidenderes als den bloßen Eindruck, dass Universitäten sich heute überall in einer Phase schneller und sichtbarer Differenzierung befinden. Nicht allein wurden die ältesten amerikanischen Hochschulen, zu denen einige der immer noch prominentesten Universitäten gehören (etwa Harvard und Yale), lange vor der Konstituierung der Nation im Jahr 1776 gegründet, also lange bevor auch nur die Möglichkeit einer nationalen Vereinheitlichung bestand. Die Verfassung und ihre frühen Auslegungen untersagten dann der zentralen Regierung — zum Schutz der verschiedenen christlichen Gemeinschaften, von denen viele damals noch in einzelnen Bundesstaaten dominierten — jegliche kulturelle Initiative, ob es nun um Religion, Erziehung oder Unterhaltung ging. “Universitätssysteme” konnten deshalb nur in Bundesstaaten entstehen, in New York, Michigan und Kalifornien zum Beispiel, aber selbst dort tendieren sie intern eher zu Differenzierung als zu Homogenität, was wohl zurueckgeht auf ihre Konkurrenz mit einer in die Tausende gehenden Zahl von privaten Universitäten — und in der vergangenen Jahrzehnten auch immer mehr mit einer auf bundes-staatliche Unterfinanzerung, welche die Einwerbung privater Spenden (und mithin Differenzierung und Divergenz) notwendig gemacht hat. Nicht wenige private Universitäten in Amerika nehmen übrigens in Anspruch, was in Deutschland ganz undenkbar und wohl auch illegal wäre, weil es dem Prinzip der “akademischen Freiheit” nicht entspricht: sie vermitteln offen und programmatisch Wissen im Einklang mit ihren jeweiligen ideolgischen und religiösen Wertsystemen.

Was nun (zweitens) die Studiengebühren angeht, so haben mittlerweile die besseren amerikanischen Universitäten – ich nehme vorweg: wohl die meisten von denen, welche für europäische Studenten überhaupt attraktiv sein können – auf der College-Ebene ein System eingeführt, das über Bewerbungen nach ausschließlich intellektuellen Kriterien entscheidet und das heisst: unter Ausklammerung aller finanziellen Gesichtspunkte (man nennt das “needblind”). Die Familien jener Bewerber, die von einer solchen Universität zugelassen werden, müssen ihre Finanzverhältnisse offenlegen, nach denen dann die “tuition” individuell berechnet wird. In Stanford etwa, wo die Gebühren um $ 50,000 pro Jahr liegen, entfallen diese ganz bei einem Jahreseinkommen von unter $ 100,000 und sind erst ab ungefähr $ 300,000 voll zu entrichten. Prinzipiell anders – und natürlich immer lokal differenziert — sind die Bedingungen bei den weiterführenden “Professional Schools” (oder “Graduate Schools”). In den Geisteswissenschaften einerseits geht die Tendenz dahin, nur kleine Zahlen von Doktoranden aufzunehmen – alle mit Vollstipendium und einer monatlichen Finanzhilfe von etwa $ 2,000. In der Medizin dagegen, in der Rechtswissenschaft oder in den Ingenieurswissenschaften werden meist die vollen Studiengebühren erhoben, für deren Zahlung zugelassene Studenten aber – im Blick auf die innerhalb weniger Jahre zu erwartenden Einkommen – meist problemlos einen Bankkredit bekommen.

Doch was genau hat es inhaltlich auf sich mit dem Unterschied zwischen “College” und “Professional School”? Es handelt sich dabei um eine institutionelle Struktur, die als allgemeine akademische Grundform ausschließlich in den Vereinigten Staaten existiert (mit einer gewissen Affinität zu der inner-englischen Sonder-Situation von Cambridge und Oxford) — und deshalb von außen nicht ohne weiteres zu verstehen ist. Das vierjährige College-Programm soll prinzipiell alle Wissensbereiche einschließen, sich in der zweiten Hälfte durch Konzentration auf einen selbstgewählten Schwerpunkt (“Major”) intensivieren — und zu einem Niveau führen, das in etwa dem deutsche Begriff einer “gehobenen Allgemeinbildung” entspricht. Viele College-Absolventen, eine Mehrzahl wohl, vollziehen dann die eigentliche Berufsausbildung in der Anstellung bei einer Firma oder Institution (für die es natürlich keine Garantie gibt). Eine Reihe von Berufen (Arzt, Rechtsanwalt, Ingenieur, Hochschullehrer etc.) setzt allerdings ein weiterführendes Studium an Professionals School voraus, für das man sich erneut bewerben muss – und zwar in der Regel nicht an jener Universität, wo man das College absolviert hat.

Die amerikanische Disparität in der Bedeutung der Namen von akademischen Institutionen und in ihrer Grundstruktur ist anscheinend unbegrenzt. Grundsätzlich bleibt das Wort “University” mit einer Institution verbunden, deren Studentenzahlen sich im Verhältnis von etwa 75 % und 25 % zwischen College und Professional School aufteilen. Doch auch unter dem Namen “College” kann sich eine Hochschule mit Professional School verbergen (Yale) und unter dem Namen “University” eine Hochschule ohne Professional School (Dartmouth); es gibt prominente Universitäten mit einer Mehrheit von Graduate Students (University of Chicago) und andere, wo deren Anteil weit unter einem Viertel liegt (Princeton University hat erst in den letzten Jahrzehnten Graduate Programs entwickelt). Die Frage, wie es zu dieser grundegenden Doppel-Struktur – vor allem zum nationalen Sonder-Phänomen des College — gekommen ist, gehört zu jenen Rätseln, “die sich nur historisch lösen lassen” — ohne dass die historischen Antworten je markant ausfallen können.

Die ersten Universitäten auf heute amerikanischem Boden wurden – meist unter dem Namen “College” übrigens – im siebzehnten und frühen achtzehnten Jahrhundert mit dem Hauptziel der Berufsausbildung von Geistlichen begründet. Erst im neunzehnten Jahrhundert gewann dann an einigen Hochschulen der Gedanke Konturen, zwischen den Abgang von der High School und die akademische Berufsausbildung eine Phase einzuschieben, welche dem Lernen des Lernens — an exemplarischen Gegenständen — gewidmet sein sollte. Eben in dieser Idee lag der Ursprung des College als Institution und nationaler Sonderform, die gegen 1900 in den verschiedensten Versionen und Begründungen an Beliebtheit gewann und während des frühen zwanzigsten Jahrhunderts endlich in lokal spezifischen Lehrplänen festgeschrieben wurde. Deren Haupt-Konvergenz darin lag, sich nicht als Plan einer Berufsausbilldung zu verstehen, sondern als deren Voraussetzung.

Warum diese Form, diese Konkretisierung eines Bildungsideals ohne zentralen Bildungsbegriff, aber ausgerechnet in den sonst auf ihren Pragmatismus so besonders stolzen Vereinigten Staaten derart erfolgreich war, wird wohl für immer ein Gegenstand historischer und soziologischer Spekulation bleiben. Die in Europa gängige, etwas herablassende These, dass in der College-Ausbildung ein Ausgleich für das niedrige Niveau der Highschools liege, greift kaum, weil letztlich auch im sekundären Bildungssektor – genau wie bei den amerikanischen Universitäten – die Qualitätsamplituden unbegrenzt sind. Plausibler ist daher die Ansicht, dass die Entstehung des College im neunzehnten Jahrhundert vorbewusst und ohne explizites Programm eben auf den nationalen Trend extremer Divergenz – nicht nur in der Bildung – reagierte, was diese Institution zum zentralen Ort der Homogenisierung einer grundsätzlich heterogenen Gesellschaft von Einwanderern machte. Dazu mag sich die puritanisch-pädagogische Überzeugung gesellt haben, dass es tunlich sei, den Versuchungen des Fleisches in den post-pubertären Jahren des Lebens durch Konzentration auf geistige Gehalte vorzubauen.

Doch das internationale Interesse an den amerikanischen Universitäten geht ja gar nicht auf ihre – von außen nur selten verstandene — Grundstruktur zurück, sondern auf die Aura und die Leistungen einer kleinen Zahl unter ihnen. In den meisten weltweiten Rankings von Hochschulen – beileibe nicht nur in denen, die aus den Vereinigten Staaten stammen – ist die gute Hälfte der am höchsten eingeschätzten Unversitäten amerikanisch. Auch diese Tatsache gibt historischen und soziologischen Analysen eine schhwierige Erklärungs-Aufgabe vor. Immerhin lassen sich einige gemeinsame Merkmale für jene – nicht nur amerikanischen — Hochschulen identifizieren, die während der vergangenen Jahrzehnte in den Rankings am deutlichsten gestiegen sind. Diese Merkmale konvergieren mit der amerikanischen Grundsituation einer markanten institutionellen Divergenz. In ihrem Ansehen gestiegen sind erstens Universitäten, die – ob staatlich oder privat – eine besondere Freiheit zur Ausbildung eines individuellen Profils hatten; die es sich zweitens leisten konnten, bei der Auswahl ihrer Studenten und ihres Lehrpersonals ausschließlich (oder zumindest vor allem) intellektuelle Qualitätskriterien anzuwenden; die drittens in Städten mit einer Einwohnerzahl von deutlich unter einer halben Million liegen und eine Konzentration ihrer Aktivitäten in der Präsenz des Campus kultivieren; und die viertens eine Dominanz von praxisorientierten und naturwissenschaftlichen Fächern mit kleinen geisteswissenschaftlichen Abteilungen hoher Qualität verbinden.

Diese Beschreibung trifft aber auch genau – das hört man in Deutshchland nicht gerne – auf einige Schweizer Universitäten zu, etwa auf die Eidgenössische Technische Hochschule in Zürich oder auf die Wirtschaftshochschule in Sankt Gallen. Damit wird die europäische Frage, ob man in Amerika studieren soll, nur noch komplexer. In den Möglichkeiten ihrer Beantwortung stellt sich dann ein wesentlicher Unterschied zwischen College und Professional School heraus. Ein Medizinstudium in den Vereinigten Staaten etwa lohnt sich aus der Perspektive beruflicher Ausbildung nur dann, wenn entweder das Lehrangebot überragend ist oder individuellen Interessen in besonderer Weise entspricht — zumal man auf der anderen Seite mit dem Risiko eines Widerstands gegen amerikanische Ausbildung auf dem europäischen Arbeiytsmarkt rechnen muss und (ausser in den Geisteswissenschaften) mit unvergleichlich höheren Studiengebühren als zum Beispiel in Deutschland.

Ein College-Studium an den besten amerikanischen Universitäten hingegen wird für Bewerber, die zugelassen wurden, nur dann an finanziellen Gründen scheitern, wenn ihre relativ wohlhabenden Familen nicht so substantiell in Bildung investieren wollen, wie das für die meisten vergleichbaren amerikanischen Familien selbstverständlich ist. Allerdings liegt die einzig denkbare Motivation zum College-Studium in der Sehnsucht nach Bildung als existentiellem Wert und als Grundlage einer Lebensform. Denn ganz wörtlich genommen kann sich ein Absolvent von Harvard, Princeton, Stanford oder Yale ja für seine – fast unvermeidlich ausgezeichnete – College-Bildung “nichts kaufen.” Die eine Antwort auf unsere Ausgangsfrage, welche sich daraus ergibt, ist eingermaßen überraschend: wem es um eine kompakte berufliche Ausbildung mit daraus unmittelbar folgenden finanziellen Vorteilen geht, der sollte nicht ein College-Studium in Amerika anstreben.