Digital/Pausen

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Hans Ulrich Gumbrecht lehrt Literatur in Stanford und bedauert es, zu alt für eine Karriere-Chance als Trainer im American Football zu sein.

Ob „Migrationswellen“ eine ethische Herausforderung sind

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Von außen ist es schwierig, sich Deutschland in diesen Tagen und Wochen unter dem Druck der Einwanderungsströme vorzustellen, auch wenn man mit der Gegenwart und der Geschichte des Landes einigermaßen vertraut ist. Und diese Schwierigkeit hat nur wenig mit dem Antagonismus der Reaktionen zu tun, auf die, ihre Spannung ins Dramatische treibend, die Medien reagieren. Was fehlt, sind eher Vorstellungsbilder von jetzt ankommenden Zügen und Bahnsteigen gefüllt mit Migranten-Familien, von Aufnahmelagern und Warteschlangen, Posten der medizinischen Überprüfung, von kollektiver Nahrungsversorgung und eng gestellten Betten, gar nicht zu reden von den Tausenden, die sich auf einer Autobahnspur, durch Polizisten eingewunken wie unerträglich langsame Kraftfahrzeuge, von Budapest nach Wien bewegten. Die Älteren unter uns mögen noch einschlägig wirkende Erinnerungen haben, die in der zeitlichen Distanz aber verblasst und zugleich aufgeladen sind von heute ganz unpassenden Emotionen: zum Beispiel den Namen des Lagers Friedland für die Spätheimkehrer aus der Sowjetunion in den fünfziger Jahren oder die kaum eineinhalb Jahrzehnte älteren Photographien von deutschen Juden, die über die Straßen ihrer Städte wie Vieh zum Bahnhof getrieben wurden. Jetzt sind Menschen aus fremden Ländern auf den Straßen und Gleisen Deutschlands, und niemand kann eigentlich überrascht sein, wenn sich angesichts dieser Lage ein Großteil der Bürger für ihre Aufnahme und ihr Wohlergehen engagiert (auch weil man sich so selbst beweisen kann, dass das eigene Land endlich durch eine Wandlung gegangen ist), während ein anderer Teil derselben Gesellschaft – teils mit aggressiven Gesten – diese Einwanderung zu limitieren oder sogar grundsätzlich zu blockieren versucht.

Obwohl kein europäischer Politiker die Bewegungsströme dieses Spätsommers wirklich vorausgesehen hat, reden sie nun alle so, als handle es sich um eine riesige Akkumulation je plausibler Einzel-Entschlüsse — und unterschätzen so die Komplexität des Migrations-Phänomens, indem sie ihm ein Übermaß an Rationalität zuschreiben. Gewiss, dieser Politiker-Blick ist geformt von Gesetzen, welche politische Entscheidungen ermöglichen und binden sollen, von Gesetzen auch, das liegt in ihrer Natur, welche ohne Unterstellung individueller Intentionen nicht auskommen können. Doch ihre konsequente und ausschließliche Anwendung als Instrumente politischer Entscheidungsfindung blendet ganz jene Dimension naturwüchsiger Kraft aus – einer Kraft aus Impulsen der Verzweiflung und manchmal auch der Stärke – welche offenbar zu jeder Migrationsdynamik als kollektivem Verhalten gehört. Selbst wenn – stets in ihren ersten Kapiteln oder ersten Stunden – Geschichtsbücher und Geschichtsseminare von der “Völkerwanderung” berichten, erscheinen ihre Bewegungen stets mit scheinbar “guten Gründen” ausgestattet, und das Analoge gilt für die Darstellung der mittelalterlichen Kreuzzüge, deren “Gründe” in Wirklichkeit unendlich schwerer zu fassen sind als ihre Dynamik im Raum, ja sogar für die interkontinentalen Migrationsbewegungen des neunzehnten Jahrhunderts.

Dabei gehört zu all den historischen Migrations-Momenten eine Komponente letztlich intransitiver Unruhe, welche in einer Anekdote aus der brasilianischen Geschichte – in der Anekdote von der “Coluna Prestes” — exemplarisch zum Vorschein kommt. Nur scheinbar angetrieben von sozialrevolutionären Motiven und Parolen legte ein Haufe meist paramilitärisch ausgerüsteter Männer unter Führung des Generalstabsoffiziers Carlos Luis Prestes zwischen 1925 und 1927 (über gute zweieinhalb Jahre) nicht weniger als fünfundzwanzig tausend Kilometer einer letztlich ziellosen Bewegung durch das Inland ihrer Nation zurück, um schließlich ohne offensichtlichen Grund in Bolivien zum Stillstand zu kommen.

Diese Beschreibung soll keineswegs den Legitimitätsanspruch der gegenwärtigen Migranten in Frage stellen, doch sie wirft die Frage auf, ob eine Logik der Handlungsrationalität je zu ihrem Verständnis ausreichen kann – und letztlich auch zur Entwicklung angemessener politischer Reaktionen. Der innenpolitische Zerfall Syriens und die so oft heraufbeschworene “weltwirtschaftliche Krisen-Lage” allein werden solche kollektiven Bewegungen ebenso wenig erklären wie die obsessive Gegen-Unterstellung, nach der sich die Mehrzahl der Migranten durch Lügen über ihre Lebenssituation Vorteile erschleichen wollen. Migrationsbewegungen schließen immer – und dieser Satz ist durchaus nicht metaphorisch gemeint – die Dimension und die Konnotation eines Naturereignisses ein, gegenüber dem Gesetze und politische Selbstverpflichtungen (auf Einschluss oder Ausschluss) jedenfalls zu kurz greifen, und die man in ihrer Faktizität ernst nehmen sollte. Deshalb, meine ich, ist die wechselseitige Empörung europäischer Politiker über das Nicht-Einhalten dieser oder jener “gesetzlichen Vorschriften” grundsätzlich unangemessen. So wie niemand mit einer Dynamik dieser Intensität gerechnet hatte, kann auch niemand in Anspruch nehmen, sie in ihrer ganzen Komplexität zu verstehen und ihr gegenüber die “einzig richtige” Reaktion zu haben.

Die Begrenzung der Verstehensmöglichkeiten trifft, meine ich, sogar auf jene schönen Gesten und Kontinuitäten von (im Rahmen des Möglichen) großzügiger Öffnung wie ostentativer Freundlichkeit zu, an denen sich die meisten der heute in Verantwortung stehenden deutschen Politiker ausrichten – wohl auch und durchaus im demokratischen Sinn aufgrund der Annahme, dass sie damit eine nationale Mehrheits-Reaktion anführen. Aus der moralischen Schönheit dieser Gesten folgt aber nicht, dass man sie ohne weiteres in ethische Notwendigkeit umdefinieren kann — oder in gesetzlich untermauerte Forderungen der Ethik überführen sollte. Eine solche Forderung “ethisch” zu nennen, heißt ja bis heute – nach der kantischen Aufklärungs-Tradition des Begriffs – dass man in ihr das Potential eines für die Menschheit bindenden Gesetzes sieht.

Dagegen sprechen in unserer Gegenwart gewichtige Gründe aus ganz verschiedenen Perspektiven. Vor allem ist – wohl als Folge einer allgemeinen Tendenz sozialer Ent-Hierarchisierung – die Skepsis gegenüber jeglichen Handlungs- und Verhaltensforderungen im Status der Notwendigkeit gewachsen. Zu zahllosen Verhaltensmustern und Werten, die noch vor wenigen Jahrzehnten als alternativenlos (und mithin “notwendig”) galten, haben sich inzwischen plausible – aber natürlich ebenso wenig notwendige – Gegenpositionen herausgebildet. Noch abstrakter formuliert: wir finden uns zunehmend der Welt als einem Universum der Kontingenz ausgesetzt, nicht mehr der Welt als einem Feld der Kontingenz, das von Margen des Notwendigen und des Unmöglichem umgeben war.

In diesem Rahmen wird zweitens deutlicher als je zuvor, dass aus unbegrenzten (oder gar zur Notwendigkeit erhobenen) Gesten der Großzügigkeit finanzielle Konflikte mit langfristigen Versorgungsgarantien entstehen können. Nicht jeder Impuls und jede Initiative zur Begrenzung von Großzügigkeit – ob in England, Frankreich oder Bayern – sollte deshalb leichthin als “faschistisch” oder “rassistisch” verteufelt werden. Schließlich spricht gegen die Erhebung der Öffnung zum ethisches Prinzip im Notwendigkeitsstaus auch die Unvorhersehbarkeit der Migrationsdynamiken. Solange die Volkssouveränität als politische Struktur je regional begrenzt (also nicht auf die Menschheit ausgeweitet) bleibt, sollte die Möglichkeit einer Schließung von Gesellschaften – auch und vor allem einer wirtschaftlich begründeten Schließung – als legitim gelten dürfen.

Viel wird für die Menschheits-Zukunft – unter sich jedenfalls verschärfenden Versorgungs-Bedingungen – davon abhängen, den Großzügigkeits-Enthusiasmus nicht in Großzügigkeit als moralisches Prinzip degenerieren zu lassen, weil Großzügigkeit als moralischen Prinzip und als Forderung im Status der Notwendigkeit schnell in ihr Gegenteil, das heißt in wachsend hermetische Abschottung und in immer schärferen Antagonismus umschlagen könnte. Argumente – etwa das geschichtlich fundierte Argument, nach dem sich die Absorption von Immigrationswellen für die meisten Gesellschaften messbar positiv ausgewirkt hat — sind in diesem Zusammenhang allemal wirkungsvoller als Prinzipien.

Keiner dieser nüchternen Teil-Einwände nimmt dem, was heute wie eine deutsche Mehrheitsreaktion wirkt, auch nur einen Grad ihrer Schönheit, einer Schönheit, die zum Emblem jener – historisch gesehen ja sehr kurzfristigen – Transformation der Nation werden könnte. Und nichts kann andererseits den Glanz solcher Schönheit vermindern oder opak werden lassen als eine auf ethische Notwendigkeitsforderungen setzende Dämonisierung jener Schwester-Nationen — und auch jener Mitbürger — welche Öffnung und Großzügigkeit in ihren Gesellschaften begrenzen wollen. Unterschiede zwischen Meinungen und Haltungen eignen sich nur selten zu moralischer Differenzialbewertung.