Digital/Pausen

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Hans Ulrich Gumbrecht lehrt Literatur in Stanford und bedauert es, zu alt für eine Karriere-Chance als Trainer im American Football zu sein.

Gleichheit als ethischer Wert — und als Ressentiment?

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Es fing ganz wie erwartet an. Erste Sitzung eines Doktoranden-Seminars in Stanford unter der nicht-rhetorisch, also ganz nüchtern gemeinten Frage “What’s Left of Marxism?” Auf der Grundlage einer konzentrierten Lektüre von klassischen Marx- und Engels-Texten wollen wir über zehn Wochen diskutieren und uns selbst beobachtend fragen, ob in ihnen noch ein intellektuelles Potential für Probleme der Gegenwart steckt, das mehr als bloß antiquarisches Interesse ist. Sollten sich die Reaktionen auf diese Herausforderung bald zum Minus-Pol neigen, dann bleibt uns immerhin ein monumentales Stück europäischer Geistesgeschichte, einschließlich der im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert von ihr ausgehenden explosiven Resonanz. Etwa fünfundzwanzig Studenten sind gekommen, aus ganz verschiedenen Fächern (darunter sogar zwei Physiker), kaum einer von ihnen ist verpflichtet, diesen Kurs zu belegen – ideale Voraussetzungen also.

Der wie immer etwas über-vorbereitete Dozent tut sein Bestes (wohl eher vergeblich), um seinen Hörern zu vergegenwärtigen, wie unvergleichlich existentiell und politisch “relevant” der Marxismus wirkte, als er mit neunzehn Jahren, im Oktober 1967, Mitglied des SDS wurde und sich an der Universität München immatrikulierte – in dieser Reihenfolge. Es folgt als erster historischer Rahmen eine (etwas zu lang geratene) Marx-Biographie. Und als Übergang in die Diskussion (das ist ja immer das Problem bei ersten Seminar-Sitzungen) ein paar Fragen, “Denkanstöße,” wie man hochschulpädagogisch beflissen sagt, die vor allem zeigen sollen, dass einige auf Marx zurückgehende Ideen seit langem schon – ideologisch un-identifiziert – Teil unseres allgemeinen und kaum je mit Skepsis revidierten Diskussionshaushalts geworden sind.

Sollen und müssen wir weiterhin glauben, dass der Politik absolute Priorität unter den sozialen Systemen zukommt? Sehen wir wirklich immer noch die Wirtschaft als treibende Kraft aller historischen Veränderungen an? Die Mienen bleiben akademisch ernst – und so unbeeindruckt, dass ich mir jetzt wirklich Sorgen um die Diskussion zu machen beginne. Dann erwähne ich noch, was mir eigentlich eher banal vorkommt, dass doch auch die Bedeutung ökonomischer Gleichheit heute zur Revision ansteht – und sofort kommt merkbar Spannung um den Seminartisch auf. In den verbleibenden vierzig Minuten wird es dann schwer (ja tatsächlich unmöglich), das Gespräch auf irgendein anderes Thema als die Verteidigung wirtschaftlicher Gleichheit zu lenken. Selbst meine Studenten aus der Volksrepublik China, die sonst wie intellektuelle Mittelstürmer beherzt jede Vorlage zur Marxismus-Kritik aufnehmen, zieren sich. Und schnell (aber zu spät) wird mir klar, dass unvermeidlich wie ein schlechter Mensch aussieht, wer an der wirtschaftlichen Gleichheit als absolutem Wert rüttelt. Noch bevor wir uns auf Themen und Fragen für die nächste Seminarsitzung einigen, sind sich meine Studenten einig, dass eine (vorerst quantitativ nicht spezifizierte) wirtschaftliche Gleichheit den Rang eines ethischen Prinzips haben muss — und also eine außer Frage stehende Forderung ist. Nichts klingt ja heute kategorialer als das Wort “ethisch,” auch bei uns.

So habe ich zu meiner Überraschung doch schon sehr bald eine erste, ganz un-theoretische Antwort auf die Frage “What’s Left of Marxism?” Sicher, Marx war nicht der einzige emblematische Denker wirtschaftlicher Gleichheit, aber mit keinem anderen Namen wohl ist diese Forderung bis auf weiteres ähnlich eng verbunden. Wäre hinreichend Zeit geblieben, hätte ich mit einer These zur Geschichte des Gleichheitsbegriffs abschließen können. Er gehört, das wissen meine Studenten, zum Repertoire jener Aufklärungsgedanken, welche den bürgerlichen Revolutionen ihre Form gaben. Die Gleichheit aller Menschen wurde – in polemischer Wendung gegen aristokratische Privilegien – dem Schöpfergott zugeschrieben, und daraus ergab sich zum Beispiel der schöne Satz aus Thomas Jeffersons “Declaration of Independence” von den allen Menschen gegebenen “unveräußerlichen Rechten” (“We hold these Truths to be self-evident: that all Men are created equal, and that they are endowed by their Creator with certain, unalienable Rights”). Doch Gleichheit galt im achtzehnten Jahrhundert beinahe ausschließlich als Gleichheit vor dem Gesetz, denn Jean-Jacques Rousseaus Intuition, dass im Schritt zum persönlichen Eigentums der Grund für alle Ungleichheit liege, wurde noch kaum in Forderungen wirtschaftlicher Nivellierung umgemünzt. Unter den von Jefferson genannten “unveräußerlichen Rechten” (“Life, Liberty, and the Pursuit of Happiness”) ist jedenfalls von Besitz-Gleichheit nicht die Rede.

Erst nach dem Wiener Kongress von 1815, im romantischen Denken unter dem Druck der politischen Restauration, öffnete sich der Gleichheits-Begriff auf zwei deutlich verschiedene Bedeutungen. Die Bewahrung der in den Revolutionen errungenen Gleichheit vor dem Recht wurde zum politischen Programm der “Bürger” (im Wortsinn von “citizens” oder “citoyens”) und zur Triebfeder ihres Widerstands gegen die restaurative Rückkehr adliger Privilegien. Zugleich aber wurden nun – nicht selten in Berufung auf idealisierte Gemeinschaftsformen aus den nationalen Vergangenheiten — Bilder von wirtschaftlicher Gleichheit als Teil romantisch-politischer Utopien ausgemalt. Vor allem unter den französischen “Früh-Sozialisten” inspirierten sie Träume und sogar praktische Experimente vom Leben in einer gerechteren Gesellschaft. Assoziativ zumindest ist das Ideal der wirtschaftlichen Gleichheit wohl auch in den (unserem gegenwärtigen Verständnis von “Solidarität” ähnlichen) Begriff der “Brüderlichkeit” eingegangen, welcher erst seit dem – in Ansätzen proletarischen – Revolutionsjahr von 1848 die “Freiheit” und die “Gleichheit” vor dem Gesetz (aus der Zeit nah 1789) zu der bis heute in Frankreich national-emblematischen Trias “Liberté, Egalité, Fraternité” vervollständigte. Brüderlichkeit soll die Unterdrückten der Welt verbinden, aber auch ein aktiver Akt der Zuwendung von besser Gestellten zu ihrem Leben sein.

Für Karl Marx aber stand wirtschaftliche Gleichheit als Wert zunächst wohl gar nicht im argumentativen Vordergrund. Als normative Idee kam sie eigentlich nur am Horizont seiner Kritik der “Ausbeutung” in den Blick. Wenn kapitalistischer “Mehrwert” als Prinzip und als Resultat von Ausbeutung durch systematische Unterbezahlung der physischen Arbeitskraft entsteht, dann soll die Zerschlagung von politischen Strukturen der bürgerlichen und die an Gerechtigkeitsprinzipien orientierte Steuerung wirtschaftlicher Mechanismen in der zukünftigen proletarischen Gesellschaft zu einem sozialen Leben ohne Ausbeutung führen – aber nicht notwendig zu einem auf dem Prinzip wirtschaftlicher Gleichheit beruhenden Leben. Und dennoch ist gerade dieses Prinzip bis in unsere Gegenwart eine Quelle der politischen Leidenschaft geblieben.

Es artikuliert sich heute mit ungebrochener Energie, ja vielleicht lebhafter als je zuvor nicht nur in amerikanischen Doktoranden-Seminaren, sondern über die vielstimmig und beständig vor allem die europäische Öffentlichkeit erfüllende Klage (die sich gerne als als “ethisch” motivierte “Sorge” gibt), über die Klage angesichts “ungerechtfertigt” opulenter Gehälter und Honorare, mit den entsprechenden Vorschlägen zu ihrer Begrenzung, und mit immer lauter tönenden Krisenberichten von der “sich öffnenden Schere zwischen hohen und niederen Einkommen.” Auf radikale wirtschaftliche Gleichheit wagt heute natürlich niemand zu pochen, weil die Furcht, dass sie die ökonomische Dynamik lähmen könnte, Teil des kollektiven Bewusstseins geworden ist. Auf der anderen Seiten jedoch werden die erregten Gemüter nicht einmal durch Spenden für wohltätige Zwecke in zweistelliger Milliardenhöhe beschwichtigt – wie die Reaktionen auf einen entsprechenden Entschluss von Mark Zuckerberg und seiner Frau vor wenigen Wochen gezeigt haben. Obwohl selbst sie davon profitieren könnten, gönnen die europäischen Durchschnittsbürger den Zuckerbergs nicht einmal die Möglichkeit und Freude, derart großzügig sein können. Andere als egoistisch wirtschaftliche Motive scheinen jenseits des Vorstellungs-Horizonts unserer ethischen Mehrheit zu liegen.

Andererseits, diese Einsicht ergibt sich ja auch aus meinem Seminar-Erlebnis, reicht es heute schon, keinen Anstoß an den höchsten Einkommens-Niveaus in der eigenen Gesellschaft zu nehmen, um wie ein tumber Tor und ein Speichellecker der Kapitalisten auszusehen. Dabei warten doch eine Reihe von – miteinander verknüpften – Problemen dringend auf Lösungen, welche erst das Feuer der Empörung schüren oder löschen sollten. Zunächst einmal die Frage, ob man denn je von “Ausbeutung” im Blick auf Einkommens-Niveaus reden kann, welche ihren Empfängern ein angenehmes und sorgenfreies Leben ermöglichen. Werden Lehrer in verschiedenen Kontexten der staatlichen Bildungssysteme (aber auch in privaten Institutionen) wirklich “ausgebeutet,” wie viele von ihnen so gerne behaupten, weil sie weniger verdienen als Ärzte oder die meisten Rechtsanwälte?

Gleichheitsforderungen in diesem Zusammenhang sollten ja eigentlich imstande sein, den Wert der je spezifisch investierten Arbeitskraft und Arbeitskompetenz vergleichend zu veranschlagen. Über die Prinzipien einer solchen Bewertung aber gibt es keinen Konsens (und wird es wohl nie einen Konsens geben) – denn jeder hält natürlich vor allem seine eigene Arbeit für wertvoll und sogar “unverzichtbar.” “Objektiv” und von Eigen-Interessen unabhängig ist – im Gegensatz zu solchen Selbsteinschätzungen und trotz aller mit seinen Bewertungen verknüpften Probleme – allein der Markt. Und das Problem verschärft sich nur unter der Gegenwarts- und Zukunfts-Bedingung struktureller Unterbeschäftigung, wo für jeden potentiell streikenden Arbeitnehmer mehr als hinreichend Ersatz auf niedrigeren Bezahlungs-Ebenen zur Verfügung steht. Streiks als Arbeitsverweigerung sind prekär geworden, das weiß jeder, ohne es zu sagen, unter der heute dominierenden Voraussetzung, dass nicht mehr Arbeitskraft, sondern zu leistende Arbeit Mangelware ist.

Vor allem aber bleibt die entscheidende Frage unbeantwortet (und scheint von einem Thematisierungs-Verbot umgeben), ob denn steigende Höchstgehälter tatsächlich zur Stagnation oder zum Absinken niederer Einkommen führen müssen. Und ob wir denn wirklich – umgekehrt formuliert – über wirtschaftliche Mechanismen und Instrumente verfügen, um (als exzessiv angesehene) Höchst-Einkommen auf die Konten von wirtschaftlich nicht Privilegierten umzuleiten, ohne dass die Wirtschaft unter einer solchen Umschichtung implodiert. Bis zur öffentlichen Diskussion und Klärung solcher Probleme bleibt durchaus denkbar, dass Höchst-Einkommen vor allem Indikatoren – und vielleicht sogar Faktoren – allgemein günstiger wirtschaftlicher Situationen sind, von denen alle (oder wenigstens doch breite Mehrheiten) profitieren.

Vielleicht kommt also unter gegenwärtigen europäischen – und auch nordamerikanischen – Bedingungen in den Rufen nach “größerer wirtschaftlicher Gleichheit” nur ein ätzendes Ressentiment der Intellektuellen und auch jener sozialen Schichten zum Ausdruck, die man früher einmal “kleinbürgerlich” nannte. Sie hingen ja schon immer sehr an dem doppelten Verdacht, dass – einerseits – aktive Ausbeutung unmittelbar über dem eigenen Einkommens- und Besitzstand einsetzt, während – andererseits – dieses eigene Einkommen stets als Symptom passiver Ausbeutung gelten kann. Befreiung verspricht allein Großzügigkeit als der Entschluss, seinen Neid loszulassen.


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