Digital/Pausen

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Hans Ulrich Gumbrecht lehrt Literatur in Stanford und bedauert es, zu alt für eine Karriere-Chance als Trainer im American Football zu sein.

„What is so strange about Germans?“

Fast immer, wenn ich aus Kalifornien, wo wir seit langem leben, nach Europa komme (ein paar Mal pro Jahr), nehme ich einen direkten Flug von San Francisco nach Frankfurt, um von dort aus andere Städte auf dem Kontinent zu erreichen. Mein Unterbewusstsein schaltet dann immer noch ohne Übergang von den Formen des amerikanischen auf den deutschen Alltag um – und Deutschland wird wieder, wie in den ersten vier Jahrzehnten meines Lebens, „der Normalfall“. Vor zwei Wochen ging die Reiseroute ausnahmsweise einmal anders: ich hatte zunächst im amerikanischen Mittleren Westen zu tun, dann an der Ostküste – und anschließend an englischen Universitäten. Nach einer guten Woche mit Studenten, Kollegen und Kellnern in Cambridge, Sheffield und Warwick legte sich der Verhaltens-Schalter dann etwas überraschend nicht gleich auf „Normal“ um, als ich in London Heathrow vor einem Flug nach Düsseldorf in die Lufthansa Lounge kam.

Bisher, wurde mir da zum ersten Mal deutlich, war auch der Stil dieser Lufthansa-Räume für mich der normative Fall einer Gattung gewesen („Airport Lounge“) – einschließlich ihres ja in der Branche weit überdurchschnittlichen gastronomischen Angebots. Aber nie hatte ich erfasst, wie das betont freundlich-helle Licht jener deutschen Lounges, der ebenso betont „funktionale“ Stil ihrer Möbel oder die etwas demonstrative „Benutzerfreundlichkeit“ ihrer Business Sections genau zum Design der Lufthansa Maschinen passte, zu der seit den späten sechziger Jahren nicht mehr veränderten Konzeption von Otl Aicher, der auch die damals revolutionären Piktogramme der Olympischen Spiele 1972 in München erfunden hatte. Plötzlich entdeckte ich die Erscheinung der Lufthansa als eine Zeitkapsel jener deutschen Gegenwart, zu der auch die großartige Architektur des Olympischen Felds in München gehört und das für mich damals ganz neue Gefühl, stolz auf dieses Land zu sein; das war die Gegenwart der weltzugewandten und optimistischen Sozialdemokratie von Willy Brandt, zu der ich so sehr gehören wollte, dass ich für einige Jahre Partei-Mitglied wurde. Wie Brandt war Aicher ein Verfolgter der Nazis gewesen – ohne darum je viel Aufhebens zu machen.

„Auf dem kurzen Flug“ von Heathrow nach Düsseldorf, allein die Lufthansa entschuldigt sich auf diese Weise dafür, ihren Kunden aus Zeitgründen nicht immer ein Menue in drei Gängen servieren zu können, auf dem kurzen Flug nach Düsseldorf, saß ich dann neben einem britischen Geschäftsmann und Liverpool-Fan, wir sprachen über Jürgen Klopp natürlich, über das erstaunliche Zögern der deutschen Bundesliga, anders als die englische Liga ihre Marktchancen beim Verhandeln von Medienverträgen maximal zu nutzen – und auch darüber, wie gerne mein Nachbar zweimal im Monat nach Deutschland kommt. „It functions so much more smoothly than England,“ hatte er gerade noch Zeit zu sagen, bevor zweisprachig die üblichen Kunden-Instruktionen zur Landung erfolgten, in der Stimme einer Purserin, deren Akzent (Wort-für-Wort) britischer nicht hätte sein können – und dennoch beinahe komisch wirkte, weil er (Satz-für-Satz) auch von einer Emphase jener optimistisch-besorgten Freundlichkeit getragen war, die wie die programmatische „Heiterkeit“ Olympische Spiele von 1972 klang. „What’s so strange about these Germans“, fragte Ben Tomlinson neben mir, auch sehr freundliich, ja fast als ob es um ein Kompliment ging, aber ich wusste dass er sich auf jene eigentümliche Spannung zwischen akzentfreier Phonetik und einer Gestik der Sprache bezog, die nichts Britisches hatte.

An die Münchner Olympiade und an das Deutschland von Willy Brandt oder Otl Aicher dachte er gewiss nicht, dazu war mein Gesprächspartner zu jung – und wohl kaum hinreichend an dem interessiert, was die beflissenen Akademiker jener Zeit mit großem Ernst als „nationale Identität“ abhandelten. Mich hingegen ließ die neu entdeckte, aber fast ein halbes Jahrhundert alte „Identität“ an jenem Tag nicht mehr los, und ich begann, meinen Blick auf das Deutschland von heute (der immer noch nicht zum Normalblick umgeschlagen war) aus der Perspektive der frühen siebziger Jahre durchzudeklinieren, aus der Perspektive einer Welt also, die dem Land als eine vorbewusste „Gründerzeit“ gegenwärtig geblieben ist. Es war eine Zeit, in der wir Deutschen (von damals) lernten, individuelle Rechte in Anspruch zu nehmen, auch gegenüber den Institutionen staatlicher Autorität, und in der es zum ersten Mal in der nationalen Geschichte wohl als öffentliches Verdienst gelten konnte, die eigene Regierung zu kritisieren.

Dieses positive Besitzerverhältnis zu den eigenen Rechten, dachte ich, hat die Deutschen seit meiner Generation nicht mehr verlassen. In Heathrow noch war mir aufgefallen, wie eine Geschäftsfrau (so sah sie einfach aus) mittleren Alters, die einen freien Schreibtischplatz in jener Lufthansa Lounge fand, sichtlich erleichtert und ebenso laut ihre Mappe auf den Stuhl und ihren Laptop auf den Tisch fallen ließ, und daraufhin in Zimmerlautstärke ein Handy-Gespräch mit einem hierarchisch untergeordneten Kollegen aufnahm. Natürlich gibt es heute in jeder Flughafen-Lounge und vielleicht sogar in jedem öffentlich-privaten Raum des Planeten, Zeitgenossen, die zu laut (für die anderen) ins Mobilphon reden, manchmal, als ob sie ihr Privat- oder Geschäftsleben als Ein-Personen-Drama vor der Mitwelt aufführen müssten. Speziell schien aber an dieser kleinen Un-Verschämtheit die implizite Geste des „niemand kann mir dieses Recht nehmen,“ zu sein, das „ich scheue keine Diskussion über ethische Prinzipien,“ und „ich würde bis nach Karsruhe gehen.“ Anders gesagt: die Tatsache, dass deutsche Prinzipienreiterei von Deutschen oft genug kritisiert wird, bedeutet nicht schon, dass sie verschwunden ist – oder eine Aura aus den großartigen frühen siebziger Jahren habe könnte.

Gewiss hat die Tendenz, jedes individuelle „Recht“ über eine ethische zu erheben, zuweilen tatsächlich positive Konsequenzen. Wie ich auf langen Autobahnfahrten mit den üblichen Staus während der vergangenen Woche wieder einmal nachhaltig erfahren konnte, entrüsten sich „linksliberale“ (hätte man früher gesagt) Radiosprecher und die Hörer, welche ihnen Medien-Gesellschaft leisten, in Permanenz über die mangelnde Bereitschaft anderer Nationen der Europäischen Union, unbegrenzt Migranten aufzunehmen. Ihr oft unangenehmer Ton mit seiner studienratsartigen Anmaßung lässt einen beinahe vergessen, dass ja tatsächlich nirgends in Europa annähernd so viele Bürger wie in Deutschland bereit sind, Migranten individuell und wirksam das Gefühl geben, willkommen zu sein — und sie auch langfristig wirksam zu unterstützen bereit sind.

Interessanter – weil weniger offensichtlich und komplexer – ist ein anderer Eindruck (für den ich allerdings keine statistischen Belege habe und für den es wahrscheinlich solche Belege auch gar nicht geben kann). Es ist der Eindruck, dass sich Angehörige „fremder“ Kulturen in ihrer öffentlich visuellen Erscheinung stärker an die nationalen Standards in Deutschland anpassen als zum Beispiel in Großbritannien oder Frankreich (Ländern mit einer weit komplexeren Geschichte als Kolonialmächten). In Manchester, Brighton oder Sheffield, so mein Eindruck, kleidet sich eine junge pakistanische Frau, die ihre Kinder zur Schule bringt, nicht anders als in Lahore — während sie in Oberhausen oder Nürnberg nur schwer von einer in Deutschland geborenen Mutter ihres Alters zu unterscheiden ist. Sollte diese Beobachtung tendenziell zutreffen, so ist sie wohl nicht primär durch einen spürbar stärkeren Assimilationsdruck zu erklären. Eher wird die junge pakistanische Frau in Oberhausen oder Nürnberg überzeugt sein, dass ihre sehr deutsche Kleidung (Leggins, T-Shirt und Sandalen) „cool,“ und dass deutsche Formen des sozialen Umgangs „normal“ und „vernünftig“ seien. Man könnte in einem solchen ganz und gar deutschen und doch unpassenden „Erscheinungsbild“ (auch so ein Wort!) das Parallel-Phänomen und zugleich die Umkehrung der englischsprachigen Durchsagen auf Lufthansa-Flügen sehen – in ihrer phonetischen Perfektion und sprachgestischen Peinlichkeit.

Aus deutscher Perspektive entspräche dies ziemlich genau der Vorstellung von „kultureller Offenheit“ in den frühen siebziger Jahren. Man respektiert das Andere und die Anderen, wird aber „bei aller Offenheit“ nicht den Anspruch auf die Überlegenheit der (angeblich) allen Menschen natürlich zugänglichen „Vernunft“ aufgeben, zum Beispiel, jener Vernunft, nach der Leggins, T-Shirts und Sandalen allemal einem Schleier oder einem schwarzen Kaftan vorzuziehen sind. Dieser Ton „vernünftiger Offenheit“ hat eine Alltagsversion, die es zwar zulässt, aber doch bizarr finden muss, dass „pakistanische Mitbürger“ ein Test Match im Cricket mit größerer Leidenschaft verfolgen als eine Fußball-Weltmeisterschaft (von der „eigenartigen Vorliebe“ der Amerikaner für ihre nationale Version von Football oder gar für Baseball gar nicht zu reden).

Dieser Alltagsversion eines deutschen Erbes aus der Brandt-Zeit entspricht auf gehobenem kulturellen Niveau ein ebenso gut gemeinter wie schweißtreibender Hang, jede Frage, jede Problem und sogar jede Beobachtung zu einem Gegenstand der Wissenschaft zu machen. Nur in der deutschen Sprache hat sich die Strenge und Enge dieses Begriffs ja über wirklich alle Formen von intellektueller Intensität gelegt – mit der allgegenwärtigen Erwartung, dass sich korrekte Ergebnisse und mithin Konsensus am Ende eben dank der Wissenschaft immer einstellen müssen. Eine wichtige Einsicht, schrieb neulich ein „Freund und Kollege“ aus Köln, die sich ohne Anstrengung einstellt, ist an jeder deutschen Universität verdächtig.

Vielleicht schließe ich diese Gedankenspiele ohne empirischen Grund mit einer Erinnerung an Freunde aus Witten (Ruhr) in den siebziger Jahren, mit einer Erinnerung, die mich immer wieder rührt — und mir zugleich das Gefühl gibt, von der Erde verschluckt werden zu wollen. Dies war ja auch die Zeit, als „kulturell offene“ deutsche Intellektuelle und Bildungsbürger die französischen Cartoon-Gestalten Asterix, Obelix und ihre Geschichten mit großer Begeisterung für sich entdeckten. In Witten erwuchs aus solcher Begeisterung der in jeder Hinsicht schwerfällige Plan, einen riesigen „Hinkelstein“ auf dem Anhänger eines alten Lastwagens in die französische „Partnerstadt“ (deren Namen ich vergessen habe) zu transportieren – und zwar in Asterix und Obelix-Kostümen. Noch sehr lebhaft sehe ich die Photos vor mir, mit denen die Lokalpresse von der Ausführung dieses Projekts berichtete — das so frei von aller Anmut war wie der absolute Drang, das Leben in Wissenschaft zu überführen. Und der französischen Partnerstadt stand wohl – hinter dem damals noch deutlichen Vorzeichen eines guten Willens zur europäischen Einheit – keinerlei Möglichkeit zur Verfügung, sich jener dem guten Wille zum Spaß in jener Hinkelstein-Aktion voll und ganz zu entziehen.

Soviel zu meiner (in diesen Tagen etwas obsessiv gewordenen) Antwort auf die Frage eines britischen Gesprächspartners während des Flugs nach Düsseldorf, was denn die Deutschen „so anders“ macht. Könnte es tatsächlich die längst nicht mehr bewusste Verbindung des nationalen Alltags zu jenen „liberalen“ Jahren sein, als die Lufthansa zum letzten Mal ihr Design veränderte und als zum ersten Mal ein Sozialdemokrat Bundeskanzler wurde? Natürlich gibt es keinen möglichen „Beweis“ für diese Intuition, keinen Beweis, der sie zu einer wissenschaftlichen Wahrheit machen könnte. Und wer sollte sich andererseits einer solchen Intuition widersetzen wollen? Ein Grundungsbezug auf die Jahre von Willy Brandt und auf die Münchner Olympischen Spiele, welche die „heiteren Spiele“ sein wollten und waren – bis aus ihrer Offenheit die Schwelle zu einer Katastrophe der Gewalt wurde, das ist der Ansatz für einen positiven Gründungsmythos. Und was die Nebenwirkungen jener Jahre angeht – so ist ein schwerfälliger Liberalismus ja allemal einem schwerfälligen Fundamentalismus vorzuziehen.