Digital/Pausen

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Hans Ulrich Gumbrecht lehrt Literatur in Stanford und bedauert es, zu alt für eine Karriere-Chance als Trainer im American Football zu sein.

Vom Ende der Ideologien — und der Sehnsucht nach Fundamentalem

Es war, als dürfte ich in die Jahre gekommener Renegat der Sandkasten-Revolutionen von 1968 meinen Augen und Ohren nicht trauen. Auf einer Tagung von Unternehmern, Bankern und Politikern ausgerechnet, die freundlicherweise auch einige Ingenieure und Intellektuelle eingeladen hatten, erschien die Karl Marx-Verkörperung unserer Gegenwart. Ein eher junger, großgewachsener Mann mit dem auf die Weite gerichtetem Blick, einem Hemd in der für die Karwoche reservierten Messgewandsfarbe und einer fließenden Powerpoint-Illustration seiner Worte kündigte die Erlösung der Menschheit in einer zukünftigen Welt ökonomischer Gleichheit an, die vor allen den so zu Unrecht unterprivilegierten Afrikanern zu Glück und Freiheit verhelfen sollte. Wie Marx versprach er seinen Hörern und der ganzen Welt eine “Revolution,” die von einer Umstellung der Produktionverhältnisse ausgelöst werden sollte. Wenn Marx aber die Ausbeutung der Proletariats unter dem Ziel einer Maximierung des “Mehrwerts” bekämpfen und abschaffen wollte, so versprach sein geistiger Nachfolger, den analogen Effekt allein durch die Einführung einer elektronischen Währung herbeizuführen zu können, welche Überweisungen ohne Überweisungsgebühren ermöglichen soll. Die entsprechende Software, bemerkte er fast etwas verlegen, stehe als Medium der Erlösung zu einem geringen Kaufpreis bereit.

Leider verstrickte sich die anschließende Diskussion in technischen und juristischen Details, die der Weitsicht und Großherzigkeit des Entwurfes nicht wirklich gerecht wurden. Dankbar beistimmend zwar nahm der junge Prophet im violetten Hemd meinen Verweis auf seine Affinität zu Karl Marx entgegen und mit freundlicher Geduld versuchte er die nicht enden wollenden praktischen Einwände vor allem der Banker zu widerlegen – doch ich verließ den Saal mit der überraschend melancholischen Einsicht, dass Ideologien eigentlich viel schöner sind als ihr Ruf — und dass die Welt von 2016 jedes Gefühl für diese Schönheit verloren hat: für Ideologien als säkulare Weltbilder von einer begrifflichen Explizitheit und Kohärenz, die es mit den großen Theologien aufnehmen könnten; für einen wissenschaftlich fundierten Anspruch, Wahrheit an sich zu sein; und für ein durch den Wahrheitsanspruch angetriebenes Versprechen von kollektivem Glück.

Gewiss, die Erklärung lässt sich kaum abweisen, dass Kommunismus und Faschismus, die beiden prominentesten Systeme aus der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts als dem großen Zeitalter der Ideologien, ihre Befreiungs-Versprechen nicht nur verfehlt, sondern ins Gegenteil einer kollektiven Unterdrückung verkehrt haben, um so den Prestige- und Kursverfall der Ideologien auszulösen. Aber ganz im Ernst, immer noch mit Melancholie und skeptisch gegenüber der allzu optimistischen Meinung, dass ein Habitus individuellen Urteilens an die Stelle der Ideologien getreten sein könnte: wie lassen sich dann die großen, auf Integration vielfacher Details ausgelegten Weltbilder unserer eigenen Zeit beschreiben, die an die Stelle der Ideologien getreten sein mögen – und den so ausführlich argumentiereden Propheten der gebührenfreien Überweisung um den verdienten Applaus brachten?

Zunächst einmal verschiebt sich die Frage, weil wir wohl-konturierte Weltbilder in unserer Gegenwart kaum ausmachen können. Die in den meisten Nationen zu beobachtende Erosion der traditionell ideologischen Unterschiede zwischen verschiedenen politischen Parteien ist ein Symptom derselben Entwicklung. Gerade in dieser Situation aber zeigen sich nun Verbindungen zwischen bestimmten Themen und Werten, die alle Parteien von gesellschaftlicher Resonanz und auch die Grenzen zwischen verschiedenen Nationen übergeifen. Jene Gefühlslage zum Beispiel, von der man in ihrer Frühzeit gerne als “ökologischer Betroffenheit” sprach, oder der Glaube an eine fundamentale soziale Gerechtigkeit, für deren nachhaltige Verwirklichung der Wohlfahrtsstaat zu sorgen hat (und die ich “Sozialdemokratismus” nenne, um sie von den Position eines spezifischen Parteien-Typs abzuheben). Im Gegensatz zu den traditionelln Ideologien haben solche Konfigurationen keinen explizit-elaborierten Selbstbeschreibungsdiskurs, keine Theorie und also auch kein Theologie-Äquivalent. In sie führen uns nicht Curricula oder Kurse ein, sondern wir nähern uns ihnen über meist wenig dramatische Momente der Epiphanie. Plötzlich und mit irreversibler Gewissheit glauben wir einzusehen, dass Höchstgehälter nicht Teil einer gerechten Welt sein können, oder dass “wir die Erde nur von unseren Kindern geborgt haben” – und fühlen uns in solchen Meinungen gut aufgehoben, weil wir sie – diffus — als einen Teil, ja als Fundament einer Weltordnung im vermeintlichen Singular erleben.

Gerade weil sie begrifflich so vage bleiben und deshalb “natürlich” wirken (so wie man stammelnden Rednern nicht selten einen Authentizitäts-Bonus gewährt), erfüllen solche Konfigurationen die Sehnsucht nach einem festen Grund der Existenz – und aus demselben Grund scheinen sie auch keine Alternative oder Außenseite zu haben, was impliziert, dass sie sich selbst nicht als spezifisch erfahren können. Wer es versäumt, seine Existenz und sein Verhalten an solche Ordnungen anzupassen, der erweckt den Eindruck, außerhalb der kosmischen und der menschlichen Natur zu stehen – und muss mit einer Intoleranz rechnen, die sich – genau wir ihr Fundament – nicht als solche wahrnehmen will. Ohne jede Anstrengung werden die Ordnungs-Prämissen zur “Moral” (oder anspruchsvoller: zu einer elementaren und eben deshalb eisernen “Ethik”). Man will zum Beispiel kein Verständnis, ja nicht einmal Mitleid haben – in Europa – für jene Amerikaner, die angeblich “ihrem eigenen Interesse im Weg stehen,” weil sie die Obama-Care als Eindringen des Staates in ihr privates Leben ablehnen.

Wäre der Begriff derzeit nicht durch seine fast ausschließliche, obsessive Verwendung für bestimmte Glaubens-Formen innerhalb des Islam blockiert, dann könnte man solche Konfigurationen – aus vielen guten Gründen – als “Fundamentalismen” beschreiben. Und was macht sie so attraktiv für unsere Gegenwart? Ich vermute, dass dies – ganz vorbewusst — vor allem an ihrer Nicht-Explizitheit liegt. Denn zweifellos sind im Alltag unserer Gegenwart die Freiheiten und die Verpflichtungen enorm angewachsen, uns immer wieder aufgrund von individuellen Urteilen für Deutungen, Positionen und Handlungsziele zu entscheiden. Darin liegt nicht nur ein unleugbarer Gewinn von Freiheit – sondern (für uns alle wohl) auch eine strukturelle Überlastung, gegenüber der “natürlich” aussehende Werte und Optionen, die keiner Urteile und Argumente zu bedürfen scheinen, zur Kompensation werden. Zugleich sind Weltbilder ohne explitzite Form und Erklärung weniger störungsanfällig und mithin in ihem Status auch weniger prekär als Ideologien.

Solche unsichtbaren Orientierungen bewähren sich in selbstverständlich positiven ebenso wie in selbstverständlich negativen Reaktionen. Dem Wohlfahrtsstaat zu vertrauen und ihm die Sorge für die Grundlagen der privaten Existenz zu überlassen, erscheint Millionen von Amerikanern als “natürlich” unannehmbar – während Milionen von Europärn gerade darin eine Prämisse ihres Lebens sehen, die als erfüllte Norm schon immer vorausgesetzt ist. All dies macht auch und vor allem die bis heute ungebrochene Permanenz des Kapitalismus als Alltagspraxis und zugleich das Fortleben der Kapitalismus-Kritik so plausibel. Im Gegensatz zum Kommunismus und zum Faschismus hat der Kapitalismus ja seit dem achtzehnten Jahrhundert nie mehr einen kohärenten, Theologie-ähnlichen Diskurs seiner populären und zugleich positiven Beschreibung hervorgebracht. Denn Profit-Maximierung mit unbegrenzten Zuwachs-Erwartungen ist für Investmentbanker als Lebensform ganz alternativenlos – so wie wie ihre Ablehnung (etwa) durch den Papst und durch die typischen Intellektuellen keiner Begründung bedarf. Eine Diskussion zwischen ihnen ist so undenkbar wie eine Vermittlung zwischen den Fundamentalisten verschiedener Religionen.

Gerade die Absenz eines repräsentativen Diskurses, wie er sonst auch zur Dimension der Selbstreflexion und der Selbstkritik werden kann, hat die Robustheit, die Langlebigkeit und sogar eine gewisse Kompromissbereitschaft des Kapitalismus entstehen lassen. Seiner Vitalität genügt der fundamentale Glaube an die Gerechtigkeit der finanziellen Belohnung von individuellen Bemühungen und die Gleichsetzung von Fortschritt mit wirtschaftlichem Wachstum. Deshalb wirkte jener Prophet der gebührenfreien Überweisung und der an sie deduktiv gebundenen detaillierten Heilserwartungen nicht nur so eigenartig altmodisch auf mich – sondern auch gerade in der perfekten Kohärenz des Diskurses sehr verletzbar. Meinen Glückwunsch zu seiner hoffnungslos schönen Ideologie aber hat er aber gerne und beinahe gerührt entgegengenommen.