Digital/Pausen

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Hans Ulrich Gumbrecht lehrt Literatur in Stanford und bedauert es, zu alt für eine Karriere-Chance als Trainer im American Football zu sein.

Das unverschämte Gesicht der Armut

Über die vergangenen drei Wochen habe ich in Indien gearbeitet, genauer: in Hyderabad, einer ebenso amorphen wie dramatisch lebendigen Acht-Millionen-Stadt – und war dort jeden Tag mit den aggressiven Gesichtern der Armut konfrontiert. Solche Begegnungen haben natürlich keinerlei politisches oder gar ethisches Verdienst, denn nicht einmal die Extrem-Lebensform eines “in Übersetzung verlorenen” Touristen kann in Indien ganz ausschließen, dass sie sich ereignen. Das Taxi oder das auf der Einsteigeseite offene, dreirädrige Auto-Rickshaw, das einen vom Flughafen zum Hotel und wieder zurück bringt, kommt ab und an ins Stocken, erstaunlich kurz und selten übrigens in der schwer vorstellbaren Dichte des Verkehrs – und dann versammeln sich jedesmal in Sekundenschnelle und unvermeidlich Menschen jeden Alters, die mit drastischen Gesten betteln. Im Auto ist der Fremde durch Scheiben immun gegen ihre Annäherung, aber doch auch einer anscheinend bedrohlichen Situation ausgesetzt, weil die Hungernden mit wachsender Gewalt auf das Glas klopfen (manchmal geben sie auch vor, es zu waschen) — während sie gegenüber dem Passagier im offenen Rickshaw erstaunlicher- und erleichternderweise einen minimalen Abstand einhalten. Die Gesichter der Bettlerinnen, Bettler und bettelnden Kinder sollen einen extremen (und tatsächlich überwältigenden) Grad von Not in den Vordergrund bringen, das ist ihr Beruf. Keine Form der Selbsterniedrigung geht so weit, dass sie nicht zu dem Ziel passte, etwas Geld (wohl nur das) aus dem Gewissen und der Tasche des Reisenden zu pressen.

Niemand will diese Gesichter sehen, das ist ihre nüchtern kalkulierte Prämisse, einmal aus Angst, dass Not und Erniedrigung umschlagen könnten in die Gewalt eines Lebens, das nichts zu verlieren hat, und vor allem wohl, weil man sich das instinktive Mit-Leiden ohne Willen und Möglichkeit der Aufhebung solcher Not ersparen möchte. Der Fahrgast und Kunde, das ist er ja immer noch, registriert mit nicht zu unterdrückender Peinlichkeit die Geste des Fahrers, der die Armen wie lästiges Vieh wegwinken und loswerden will, doch dem Impuls, das Portemonnaie aus der Tasche zu ziehen und Geldscheine auch nur minimalen Werts zu verteilen, widersteht man am Ende auch, weil sich ja dann gleich noch mehr Bettler einstellten, wie Wespen um einen Honigspender. Und dies ist das schlimmste, das unerträglichste und deshalb immer wieder gleich verdrängte Gefühl, dass es nicht gelingt, sich diesen Menschen wie Menschen zu nähern. Sie bleiben Wespen für unsere Imagination, ansteckendes Geziefer und vielleicht auch ausgehunderte Wölfe.

Unsere bedingungslose Hilflosigkeit verdrängen wir mit scheinbar vernünftigen Gründen, die gebetsmühlenhaft durch den Kopf gehen: “vielleicht tragen sie wirklich eine ansteckende Krankheit mit sich;” “fünfzig Cents mehr oder weniger werden nichts an ihem Schicksal ändern;” “diese Gesichter sind die Masken eines in Wirklichkeit mühelosen Geldverdienens;” und zynisch beinahe, mit dem königlich guten Gewissen der politischen Vernunft: “jedes Geschenk für diese Bettler wird dem indischen Staat helfen, die dringend nötigen Sozialhilfeprogramme aufzuschieben.” Oder man spielt den heiligen Franziskus von Assisi und drückt irgendeiner beliebigen Armen einen fast ernsthaften Schwung von Geldscheinen in die Hand – ohne damit die Kluft zwischen “Tier” (sie) und Mensch (ich) zu schließen.

Plötzlich ist dieses eine Gesicht vor dir, ohne Annäherung, Gnade, Ausrede. Eine Frau, barfuß, mit schwarzem Gewand die graue Fläche ihres früheren Gesichts rahmend, mit einer Nase, einem Mund und Backen, die von Lepra angefressen sind, aber nicht ganz verschwunden, so als ob sie schon angefangen hätte, als Leiche zu verfaulen. Das Lepra-Gesicht will nichts mehr zeigen oder inszenieren, es hat keine Scham, ist nur noch seine eigene dramatische und unerträgliche Gegenwart. Diesem Gesicht weichst du nie mehr aus, weil es sich in dein Gedächtnis frisst, bei dir bleibt, dich nachts weckt und über Tag dein Denken heimsucht. Kein Geld, kein Sozialprogramm und keine gut gemeinte Reaktion der Welt wird helfen. Du must weiterleben in der Gegenwart jener Frau, von der sie Dich nicht erlösen wird.

Ich saß in Ahmeds Rickshaw, als mich ihr grau verschwindendes Gesicht für immer ansah. Sie war die eine Gestalt, die nicht bettelte und auch nicht von ungeduldigen Handbewegungen in Unsichtbarkeit abzuschieben war. Sie war nur noch da, längst weggeweht aus der Reichweite der staatlichen Fürsorge und allein gelassen von den Armen, die sich wie ein bedrohlicher Schwarm bewegen. Ahmed ließ den Rickshaw ein paar Meter weiterrollen, die Frau blickte uns nicht mehr an, aber entkommen werden wir nicht. Ahmed ist achtunddreißig Jahre alt und vertraut der Fürsorge Allahs. Das eine Zimmer in dem heruntergekommenen Haus am Stadtrand, dessen sanitäre Anlagen längst nicht mehr funktionieren, bewohnt er mit seiner Frau, einer Tochter und zwei Söhnen, acht, drei und eineinhalb Jahre alt, seiner gelähmten Schwester und den beiden Eltern, die nicht mehr arbeiten können. Ahmed steht um halb vier morgens auf, um seinem Gott mit dem ersten Gebet des Tages zu dienen, von acht bis fünf Uhr ist er sechsmal pro Woche auf Bereitschaft, um einen Dekan der Universität Hyderabad ab und an durch die Stadt oder zum Flughafen zu chauffieren. Dafür verdient er pro Monat zehntausend Rupien, um die hundertdreißig Euro, ungefähr die Hälfte des Geldes, sagt er, das er braucht, um die siebenköpfige Familie und sich am Leben zu halten.

Dafür, dass dies bisher Tag für Tag und immer wieder, gelungen ist, weil er nach Dienstschluss bis spät in die Nacht als Rickshaw-Fahrer arbeitet, dankt er Gott voller Innbrunst. Mit Wärme aber und Bewunderung spricht er von seiner Frau, die einen Burka trägt und angeblich weniger “gebrochen” Englisch spricht als er selbst. Manchmal wirkt Ahmed wie ein Kulturkritiker, der beobachtet, wie die Welt aus den Fugen gerät: die Jungen halten sich nicht mehr an die Verkehrsregeln, sagt er; viele Muslim-Frauen nehmen sich das in seiner Sicht nicht existierende Recht heraus, ihr Gesicht ohne Burka zu zeigen; und es gibt Muslime, welche nicht die täglichen Gebetsstunden beachten, obwphl doch so klar ist, was Gott von ihnen verlangt.

Ahmed und seine Familie mögen ein Leben unterhalb der von der UNO festgelegten “Armutsgrenze” leben, doch diese Statistik würde ihn kaum beunruhigen, wenn sie ihm bekannt wäre. Wer von uns Europäern und Nordamerikanern aber kann sich vorstellen, was es bedeuten muss, am Morgen nicht zu wissen, ob es vor dem Schlafengehen etwas zu essen gibt für Frau, die Kinder und die anderen Verwandten? Solange er eine Dienstleistung anbietet, gehört Ahmed zur Gesellschaft, und gibt mir die Möglichkeit, mich für einen guten Menschen zu halten, weil ich ihm das Doppelte seiner Tarife bezahle, ohne auch nur registrieren zu müssen,, wieviel in der eigenen Währung mich diese Geste kostet. Sogar Pläne für die Zukunft hat Ahmed, der noch nie im Leben seine Heimatstadt verlassen hat. Eines Tages möchte er, “mit Gottes Hilfe” und einem staatlichen Förderungsprogramm, ein Auto kaufen, um Taxi-Unternehmer zu werden — oder sich anwerben lassen für eine Arbeitsstelle, als Fahrer natürlich, in Saudi Arabien oder Abu Dhabi.

Trotz allem ist Ahmed auf meiner Seite, denn auch er mag die Bettler nicht sehen. “You are of my people,” bemerkt er mit Emphase, meint etwas ganz Anderes, Freundlicheres – und trifft doch die soziologische Wahrheit. Wie ich gehört er zum System und zur Welt des Kapitalismus, denn er hat immerhin die Chance, für seine Arbeit ausgebeutet zu werden. Auf der sozialen Ebene, wo er geboren wurde, ist diese Möglichkeit ein Privileg geworden, sein einziges Privileg gewiss in einer Welt, die so viel mehr Arbeitskräfte hat, als sie Arbeit anbietet. Statt streiken zu können, darf Ahmed dankbar sein für das, was er gerade noch und bis heute ist. Wer außerhalb des Systems existiert, ist die Ausbeutung nicht mehr wert – und gehört nur als Abfall noch zur Welt. Hier genau liegt der letzte Grund für unsere peinlichen Gefühle. Wer an Lösungen glaubt, einfache Lösungen zumal, etwa an eine andere, “gerechtere” Verteilung des Bruttosozialprodukts, der kann diese Welt wenigstens kritisieren und sich mit den Armen solidarisch erklären. Wer jedoch skeptisch ist, dem bleibt allein die Selbst-Entschuldigung der “großzügigen” Trinkgelder. Nächste Woche sind wir bei Ahmeds Familie zum Abendessen eingeladen. Wir sollen die Kleidung sehen, die seine Frau von den Extra-Trinkgeldern für die Kinder gekauft hat. Ob ich ihr einen Blumenstrauß mitbringen soll?